Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter
Part 7
Es war hier also zu einer _bewußten unnationalen Abwendung von der heimischen halbbarbarischen Eigenart_ gekommen. Diese in der Hauptsache formale Bildungsbewegung war freilich eine durchaus höfische wie die karolingische. Immerhin reichte sie doch weiter in die Aristokratie hinein; nicht nur Frauen versuchten sich in lateinischen Gesprächen. Aber der eigentliche _Träger_ und Pfleger des Ganzen war doch der _Geistliche_. Indessen begegnete ihm bereits, soweit er dabei zu sehr ins Weltliche und Heidnische sich verlor, ein starker neuasketischer Widerstand aus seinen Kreisen, eine strenge Reformbewegung (s. S. 65 ff.), die die sich segensreich entfaltende weltlich-kulturelle Betätigung der Kirche überhaupt heftig bekämpfte. Zunächst aber diente noch die Kirche mit Eifer aller höheren wirtschaftlichen, geistigen und künstlerischen Kultur, die freilich immer geistlich gefärbt blieb und nur von geistlichen Zielen ihre Berechtigung empfing. Und wenn die ottonische Renaissance zeigt, daß die von der Kirche getragene fremde Kultur nun etwas tiefer in die deutsche Welt eindrang, so war zugleich die Machtstellung der Kirche selbst und ihre Bedeutung im Leben der Nation eine ganz außerordentliche geworden. _Welt und Kirche waren freilich noch vereint_; die Herrscher förderten die Kirche durch Schenkungen, Immunitätsverleihungen u. a. wie durch die Gründung neuer Bistümer und zahlreicher Klöster auf alle Weise, zur Ehre Gottes, aber auch, um sie zu benutzen und sich auf sie zu stützen. Es war ein bewußtes System Ottos d. Gr., unter dem die deutsche Kirche ihre glänzendste Zeit zu erleben begann, die Kirche dem Staat dienstbar zu machen, dem christlichen Staat natürlich. Insbesondere stützte er sich auf die Bischöfe, die er auswählen konnte und überall förderte und begünstigte, die aber auch dem Herrscher am Hofe, in der Verwaltung und im Kriege dienten wie weltliche Vasallen und dabei zuverlässigere Stützen seiner Politik waren als jene, deren Machthunger stets einer kräftigen Reichsgewalt widerstrebte. Deren Ziel war immer die gerade bei den Bischöfen ausgeschlossene Erblichkeit der erlangten Ämter und Machtmittel, die der erste Schritt zur Unabhängigkeit war.
Noch war die Kirche überhaupt in der Hand der weltlichen Herren, die ja auch die hohen Kirchenämter mit ihren Angehörigen zu besetzen strebten. Wie das mit dem Eigenkirchengedanken zusammenhängt, sei hier nicht weiter ausgeführt. Vor allem aber war sie jetzt in der Hand des Kaisers, der eben mit diesem Titel damals als der oberste Herr der ganzen Kirche erschien. Die Kirche ihrerseits glaubte gerade im Schutz des Kaisertums ihre universalen Bestrebungen am meisten gesichert. So war sie die beste Stütze des neugegründeten _römischen Reiches deutscher Nation_, das unter den Sachsenherrschern in seiner verhältnismäßigen Geschlossenheit die unbezweifelte _Vorherrschaft in Europa_ erlangte, zugleich auf ein kräftiges nationales Leben gegründet war, dabei zunehmendes wirtschaftliches Gedeihen und bäuerlichen Wohlstand sah, das sodann unter den salischen Königen weniger idealistisch erfaßt, fester ausgebaut und gekräftigt wurde und unter Heinrich III. auf den Gipfel seiner Macht kam. Die Kirche war aber auch das treibende Element in der kulturellen Aufwärtsbewegung, die Deutschland, dieses durchaus bäuerlich-kriegerisch lebende Land, damals im Gegensatz zu den in ihrer Entwicklung zeitweise stillstehenden romanischen Ländern erlebte.
Fußnote:
[7] Vgl. die ausführliche Darstellung in meiner Gesch. d. d. Kultur I², S. 160 ff.
Drittes Kapitel.
Die stärkere Durchdringung deutschen Lebens mit der antik-kirchlichen Kultur unter zunehmender Beeinflussung durch die Romanen: Aristokratisches Zeitalter.
Wir nähern uns dem Höhepunkt des Mittelalters, und die Züge, die das eigentliche _Wesen der mittelalterlichen Kultur_ ausmachen, treten schärfer in die Erscheinung. Das Mittelalter ist das _kirchliche_ Zeitalter der Völker Europas. Aber wenn man auch sonst in der Entwicklung der Kulturvölker auf der Stufe bäuerlichen Daseins eine überwiegende Rolle priesterlicher Gewalt angenommen hat, so hat die mittelalterliche Kirche doch ihre besondere kulturgeschichtliche Bedeutung dadurch, daß sie, im Bereich der germanischen Völker wenigstens, als eine völlig fremde Macht, als Trägerin der Reste der Überlieferungen der bisherigen Weltkultur zu halbbarbarischen Menschen gekommen war und so die große Aufgabe des Ausgleichs zwischen deren natürlich-roher Art einerseits, den hohen sittlich-religiösen Idealen des Christentums und jenen Überlieferungen einer höheren weltlichen Kultur andererseits übernahm. Dieser Ausgleich, nur langsam vor sich gehend, hat das ganze »Mittelalter« hindurch gedauert bis zum 15. Jahrhundert. Wie stark lange das Widerstreben des nationalen Wesens und wie entschieden die Bewahrung der natürlichen Eigenart war, haben wir eben gesehen. Aber mit der Zusammenfassung der kirchlichen Macht und ihrer strafferen Organisation, mit dem Hervortreten der universalen Bestrebungen, die zunächst auch jener weltlich-politischen Einheit der Christenheit bedurften, wie sie wenigstens in der Idee des neubelebten Kaisertums lag, wuchs der Einfluß der Kirche. Eben durch jene kulturellen Überlieferungen wurde sie nicht nur zur Erzieherin der Völker, sondern erlangte durch ihre mit höheren Mitteln auch äußerlich organisierte Überlegenheit überhaupt ihre große Macht im ganzen mittelalterlichen Leben. War sie ursprünglich nur als ein Teil der römischen Kultur gekommen, so war später die Kultur nur eine Begleiterscheinung der Kirche, nur im Rahmen der christlichen Kirche denkbar. So beherrschte die Kirche eben wegen ihrer Verbindung mit dem Weltlichen die Welt, umsomehr, als der Feudalstaat als Kulturbringer versagen mußte: alle Kultur wurde von ihr bestimmt, gipfelte in ihr.
Zunächst die Kunst. Daß überhaupt »die Künste, welches auch ihr Ursprung sei, jedenfalls ihre wichtigste, entscheidende Jugendzeit im Dienste der Religion zugebracht haben«, hat Jakob Burckhardt in seinen »Weltgeschichtlichen Betrachtungen« aufs neue betont. Vor allem bleiben die bildenden Künste lange in diesem Bannkreis, während die Dichtung sich rascher frei macht. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts war so auch in Deutschland die ohnehin volksfremde _Kunst_ nur die _Dienerin der Kirche_. Mit dem kirchlichen Wesen waren ja auch die Künste eng verbunden. Es war ganz natürlich, daß gerade das Kirchengebäude dem Volke die gewaltige Stellung, welche die Kirche als Mittelpunkt der mittelalterlichen Welt hatte, zum sichtbaren Ausdruck brachte. Wir sahen bereits (S. 52 f.), wie sich die _Baukunst_ an dieser Aufgabe geschult und entwickelt hatte; sie wurde zugleich aber auch zur ersten Kunst und stellte die übrigen in ihren und ihrer hehren Aufgabe Dienst. Nur so hatte die ja ohne jeden Zusammenhang mit dem volkstümlichen Geist rein aus der antik-christlichen Überlieferung erwachsene _Malerei_ ihre Bedeutung. Ihre Aufgabe war einmal, die großen Innenflächen der Kirchen zu schmücken. Schon in karolingischer Zeit pflegte man eifrig die Wandmalerei, aber erst aus späterer Zeit, vor allem aus dem 12. und 13. Jahrhundert sind uns Denkmäler erhalten. Aber nicht dem Kirchenschmuck allein, sondern den eigentlich kirchlichen Zwecken diente die Malerei. Sie brachte die Gestalten und Vorgänge aus der heiligen Schrift wie der Geschichte der Heiligen dem Volke nahe und religiöse Gedanken und Gefühle zu greifbarer Anschauung, lediglich schon um der Belehrung willen, im übrigen an feste alte Formen völlig gebunden. Die monumentale Plastik tritt noch völlig zurück, dagegen diente seit langer Zeit die Kleinplastik, durch die Einfuhr zahlreicher Geräte immer von neuem namentlich aus dem Osten, besonders wieder seit den Kreuzzügen, angeregt und fremde Elemente vermittelnd, eifrig gepflegt der Ausstattung und schönen Gestaltung der Kirchengeräte, in erster Linie die Elfenbeinplastik. Ihr nahe steht die früh entwickelte Goldschmiedekunst, wie überhaupt die Kleinkünste das erste Betätigungsfeld des künstlerischen Schaffens gewesen waren, aus primitivem Schmuckbedürfnis heraus. Auch ein Zweig der Malerei hatte im Rahmen der Kleinkunst seit langem eifrige Pflege genossen, die Buchmalerei, wie das Schriftwesen natürlich ganz im Dienste der Kirche. Sie kam in der romanischen Zeit, zumal in deren glanzliebender Blütezeit, auf ihre Höhe. Ganz zur Kleinkunst gehörten nach Dehios treffendem Urteil stilistisch und technisch auch die »nur durch ihre Funktion monumentalen« Erzeugnisse des bereits länger geübten Erzgusses in den romanischen Kirchen, wie die Türen der Hildesheimer Domkirche. Aber es war doch der Anfang der monumentalen Plastik. Man kam dann zu gegossenen Figuren auf Grabplatten und auch zu solchen aus anderem Material; auch sonst macht sich die Skulptur im Inneren der Kirche allmählich stärker geltend. Vor allem aber beginnt sie das Portal mit Steinfiguren zu schmücken. – Der Kirche dienten die bildenden Künste, in ihrem Dienst stand auch die Musik. Gesang wie Orgelspiel und zum Teil auch Instrumentalmusik waren eng mit dem Gottesdienst verbunden.
Unzweifelhaft verlieh diese religiöse Grundlage aller Kunstpflege besonders der Malerei und der Musik einen tieferen Gefühlsgehalt. Dieser Charakter der Kunst hatte auch sonst seine Vorteile. War die kirchliche Gedanken- und Gestaltenwelt bis zu einem gewissen Grade Allgemeingut, so hatte die Kunst, die sich nur in diesem Kreise bewegte, sogleich einen aller Welt verständlichen Charakter. Die hergebrachte Gleichartigkeit der Kunst beförderte doch wieder, was auch Burckhardt betont, die Bildung von Stilen und verbürgte eine zusammenhängende Entwicklung. Andererseits ergab die immer wiederkehrende Behandlung derselben Dinge einen gewissen Wetteifer, also eine immer gesteigerte Kunstpflege, weiter aber auch eine durch Einseitigkeit geförderte größere technische Vollendung im einzelnen. Eine wirklich schöpferische Betätigung wurde durch jene Gebundenheit freilich stark gehemmt: am ehesten konnte die Baukunst sich freier entfalten. Die Anknüpfung an die Überlieferung ließ den Wirklichkeitssinn, die Lebenswahrheit nur sehr langsam aufkommen, wie die Wandmalerei zeigt besseres wird in der weniger gebundenen Buchmalerei geleistet. Viel reicher entwickelt sich alles Ornamentale.
Mit dem zunehmenden kirchlichen Sinn, vor allem im 11. Jahrhundert, gewinnt auch die _poetische_ Betätigung wieder stärker kirchlich-religiösen Charakter: von der heftigen Befehdung der nationalen weltlichen Dichtung war schon (S. 35) die Rede. Jetzt wurde als kirchliches Erziehungs- und Lehrmittel auch die deutsche Dichtung von den Geistlichen im 11. und 12. Jahrhundert eifrig gepflegt, und ihre lateinische Poesie konnte wenigstens in der Form des damals zuerst auftauchenden geistlichen Spiels (in der Kirche, dann auf den Kirchhöfen) auf das Volk wirken.
Gänzlich _geistlich bestimmt_ und von Geistlichen getragen war die gesamte _höhere geistige Kultur_, die lateinische Bildung, dem nationalen Wesen, wie gesagt, noch fremder als die Kunst. Alle Bildung wurzelte in der Beherrschung der lateinischen Sprache, die Kirchen- und Kultur-, Urkunden- und Geschäftssprache war. Sie war also noch in lebendigem Gebrauch und erfuhr demgemäß manche Umformung, ja Entstellung. Aber das Muster für die Bildung blieb doch immer die Sprache der römischen Autoren und der Vulgata, der lateinischen Bibelübersetzung. Ihre Handhabung war für die Deutschen natürlich schwerer als für die Romanen, die deshalb auf deren oft barbarisches Latein herabsahen. Aber das gerade in der Zeit der ottonischen Renaissance zu völliger Monopolstellung durchgedrungene Latein _mußte_ erlernt werden. Die _Schule_ war das Mittel. Das dem späten römischen Altertum entnommene und in fester Überlieferung fast ungeändert durch das Mittelalter fortgepflanzte Schulwesen war völlig in geistlichen Händen und geistlichen Zielen unterworfen. Die alten Disziplinen des (elementaren) Triviums: Grammatik, Rhetorik, Dialektik und des (höheren) Quadriviums: Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie, einst für weltliche Bildung berechnet, blieben das feste Schema auch für die Heranbildung der Geistlichen. Indessen waren von diesem spätantiken System der sieben freien Künste die formalen Wissenszweige des Triviums für die Meisten die Hauptsache, bei den spärlichen Lehrkräften oft nur einer dieser Zweige, vor allem die Grammatik, die aber nicht nur die Beherrschung der Prosasprache, sondern auch das im Mittelalter wichtige Versemachen in sich schloß. Nach dem elementaren Unterricht (Donat und Priscian waren die Haupthandbücher) las man, unter ständiger Übung im Lateinschreiben, römische Autoren, vor allem Vergil und Cicero. Die Rhetorik lief auf die Kunst, Urkunden und Briefe abzufassen, hinaus (~ars dictandi~), wofür immer zahlreichere Formelbücher die Grundlage bildeten. Auf ihr beruhte die Herrschaft der Geistlichen in der Kanzlei der Großen. Die Dialektik gewann erst später zur Zeit der Scholastik größere Bedeutung. Von den »realen« Fächern des Quadriviums erlernte die große Mehrzahl nur einiges Elementare, namentlich aus der Astronomie ein wenig von der für die Datierung der Feste, vor allem des Osterfestes, wichtigen Kalenderberechnung (~computus~). Hierzu hatte man auch von der Arithmetik etwas Rechenkunst, deren Elemente überhaupt allgemein gelehrt wurden, nötig.
Im ganzen beschränkte sich der Schulbetrieb auf das Notdürftigste, der Kirche Unentbehrliche; gelehrte Meister zogen daher auch Schüler von weit her an. An Stelle der römischen Grammatiker- und Rhetorenschulen waren in fränkischer Zeit allmählich Kloster- und Bistumsschulen getreten. Die Angelsachsen förderten dann das fränkische Schulwesen besonders, die Hauptsache tat wieder, auf den Angelsachsen Alkuin gestützt, Karl d. Gr., freilich rein zum Zweck der Bildung von Geistlichen. Nach einer Periode des Verfalls nahmen die Schulen in sächsischer Zeit wieder einen neuen Aufschwung. Von den vor allem den Benediktinern verdankten Klosterschulen kamen viele zu großer Blüte, und von den Domschulen, die seit Ausgang des 10. Jahrhunderts mehr hervortraten, aber später mit der Verweltlichung des Stiftsklerus verfielen, nicht wenige desgleichen. Bei beiden war übrigens auch bis zu einem gewissen Grade für die Bildung der Laien gesorgt; es gab für sie besondere »äußere« Schulen. Man erwartete von ihnen, die in der Regel höherer und meist guter Herkunft waren, einen gewissen Entgelt durch Schenkungen der Eltern. Auch dieser Laienunterricht war vor allem von kirchlichen Interessen geleitet. Es scheint sich nun (s. S. 36) in den ottonischen Zeiten eine gewisse Schulbildung bei vornehmen Laien etwas weiter verbreitet zu haben, im Gegensatz zu den Zeiten nach Karl d. Gr. Daß die Frauen, die häufig in einem Frauenkloster der geistlichen Schulbildung teilhaftig wurden, die Männer aber in dieser Beziehung weit überragten, schon vor den ottonischen Zeiten, deuteten wir bereits (S. 22, 55) an. Die Gemahlinnen aller sächsischen und salischen Herrscher sind dafür ein Beweis. Das war erst recht der Fall, als nach jener Episode bei den Männern die alte Abneigung gegen die Bildung wieder durchbrach. Diese wird in der Mitte des 11. Jahrhunderts von Wipo als charakteristisch für die deutschen Herren hingestellt und war es sicherlich auch, früher und später. Das zeigt sich u. a. darin, daß jedesmal beim Erscheinen eines neuen Herrschergeschlechts der erste (Heinrich I., Konrad II.) völlig ungebildet war und erst den Nachfolgern die geistliche Bildung in ihrer Jugend übermittelt wurde. Bei der ganzen Laienbildung lief es nun im besten Fall auf ein Lesenkönnen der »Briefe« (Urkunden) wie der Bücher und eine gewisse mündliche Beherrschung der lateinischen Sprache hinaus: rein geistliches Monopol blieb aber das Schreiben.
Auch die Schreibetätigkeit stand im Dienste der Kirche. Nur durch das Abschreiben konnte man, wie im großen einst im Altertum, die geistige Überlieferung festhalten und weiterverbreiten. Dies war die verdienstliche Pflicht vor allem der Mönche. Zu den aus dem späten Altertum eben durch die Kirche geretteten Handschriften mußten immer neue treten, die dann die Bibliothek des Klosters bildeten, vor allem Abschriften der Bibel, der Werke der Kirchenväter usw., weiter der für den Gottesdienst nötigen Bücher, der Meßbücher, der Evangeliare, der Antiphonarien usw., sodann der kirchenrechtlichen Sammlungen, aber doch auch der heidnischen Autoren, der griechischen (Aristoteles, Euklides) in lateinischer Übersetzung, nicht um ihrer selbst, sondern um des Studiums der lateinischen Sprache und nötiger sachlicher Kenntnisse (Baukunst, Heilkunst usw.) willen. Ferner schrieb man die erwähnten grammatischen und sonstigen, vor allem die enzyklopädischen Handbücher für das Studium der freien Künste ab, ebenso endlich die großen Geschichtschroniken (Hieronymus usw.). Dazu trat nun die Schreibetätigkeit für die geschäftlichen Bedürfnisse des Lebens, die Anfertigung von Urkunden und Registern, die Abfassung von Briefen usw. Weiter übten dann die höherstrebenden Geistlichen auch eine eigene schriftstellerische Tätigkeit aus: dieser erging sich in geistlichen Dichtungen, in der Regel sehr schulmäßigen, formalen Charakters, jener schrieb die Annalen seines Klosters oder Bistums, ein anderer die Geschichte seines Heiligen, ein vierter erläuterte die heilige Schrift oder war groß in theologischen, kirchenrechtlichen, kirchenpolitischen Traktaten. Der Schreibunterricht war also für den Geistlichen äußerst wichtig, und seit dem Wirken Alkuins unter Karl d. Gr. wurde auch die Schönheit der Schrift eifrig gepflegt, ebenso wie man die Handschriften durch Illuminierung, d. h. zunächst durch Rotmalen der Initialen und deren weitere Verzierung durch Ornamentmalerei, dann auch durch figürliche Bildchen, prächtiger ausstattete und die mühsam hergestellten Werke kunstvoll band, selbst in Elfenbein mit kostbaren Beschlägen.
Es ist klar, daß das Studium der Geistlichen, dessen Krönung immer die Theologie war, zum Teil einen weltlichen Charakter tragen mußte. In der ottonischen Zeit zeigte sich bei der (S. 54 f.) erwähnten Verbindung mit Italien nicht nur überhaupt ein stärkeres Interesse an den Handschriften antiker Autoren, die man zahlreich nach Deutschland brachte, sondern auch eine ausgesprochene Vorliebe für den Inhalt der Dichtungen eines Terenz, Ovid, Horaz, Martial, Juvenal, Persius. Ovids Liebeskunst wurde auch von Nonnen nicht immer mit Abscheu gelesen. Strengere Gemüter hatten früh vor der Beschäftigung mit den heidnischen Autoren gewarnt. In der ottonischen Zeit mehrten sich derartige Stimmen. Die asketische Weltanschauung führte diese Strömung dann völlig zum Siege. Die Beschäftigung mit der Antike, die man bisher wenigstens als formales Hilfsmittel duldete, galt nun überhaupt als Teufelswerk. Im 12. Jahrhundert wollte man selbst von den juristischen und medizinischen Autoren nichts mehr wissen, ohne daß in Wirklichkeit freilich die Beschäftigung mit der Antike entbehrt werden konnte.
Das Verhältnis zu ihr ist kulturgeschichtlich mehrfach bemerkenswert. Die _Antike_ ist immer nur äußerlich geschätzt worden. Ihr Geist schreckte wegen seiner häufigen »Sündhaftigkeit« immer ab. Von ihrer geistigen Freiheit, die etwa anstecken könnte, ahnte man nichts. Die Antike war vielmehr, soweit sie übernommen war, eine Autorität, die das Geistesleben genau so band wie die Autorität der Kirche. Man schöpfte aus der durch jene Enzyklopädien vermittelten Überlieferung schematisch unkritisierbaren formalen und sachlichen Bildungsstoff. Auch was gedanklich von der Antike übernommen war, blieb feste Norm. Waren nun die beiden Autoritäten der Antike und der Kirche in unauflöslicher Verbindung bestimmend für das mittelalterliche Geistesleben, so muß jener Widerspruch zwischen beiden das wichtigste Problem der mittelalterlichen Weltanschauung berühren. Die Sache liegt einfach. Die Antike ist in Kunst, Technik, Wissenschaft und Dichtung zwar Grundlage der von der Kirche vermittelten Kultur, aber immer nur Dienerin der Kirche. Denn alles Können und Wissen hat seine Berechtigung nur in Gott. Soweit die Antike aber der Weltlichkeit dient, ist sie verwerflich, ist des Teufels. Es war der die mittelalterliche Weltanschauung charakterisierende große _Gegensatz zwischen Gott und Welt_, der zur Verneinung der Welt überhaupt führte oder doch zu dem Bestreben, das irdische Dasein dem augustinischen Ideal des christlichen Gottesstaates nach Möglichkeit zu nähern. Diese Aufgabe hatte die Kirche, die von Gott eingesetzte Heilsanstalt, die im Interesse des Heils der Menschheit auch die Welt beherrschen mußte. Bisher hatte die Kirche praktisch auch im Dienste staatlicher Aufgaben gestanden und hatte neben der Verbreitung des Christentums die weltliche Kultur stark gefördert. Es beginnt nun mit dem 11. Jahrhundert eine _staatsfeindliche_ und (teilweise wenigstens) kulturfeindliche _Haltung der Kirche_ sich geltend zu machen.
Es ist eine Bewegung, die auf der in der menschlichen Entwicklung immer wieder auftretenden Erscheinung des Widerspiels beruht, ebenso wie der eben ablaufende nationale Lebensabschnitt zum Teil eine Gegenströmung gegen den ersten Akt der Aufnahme des kirchlichen Romanismus darstellt. Die Kirche hatte die Anfangszeit ihrer Eroberung der deutschen Lande hinter sich. Aber sie war dabei als Bringerin der Kultur wie als Stütze des Staates stark über das rein religiöse Gebiet hinausgegangen. Weiter hatte aber auch die engere Verbindung mit dem deutschen Wesen gewirkt. Die Geistlichen konnten in Lebensauffassung und Lebenshaltung ihre deutsche Eigenart nicht ganz verleugnen, nicht nur die oft adligen Bischöfe und Äbte, nicht nur die Weltgeistlichen, sondern auch die Mönche. Hier die kriegerischen und politischen, dort die landwirtschaftlichen Interessen taten auch das ihre. Die Kirchenämter wurden als höchst einträglich von Adligen durch allerlei Mittel, auch durch Kauf zu erwerben gesucht: ebenso dienten die Frauenklöster, die überdies jene Aufgabe der Erziehung der vornehmen Töchter hatten, der Versorgung der unverheirateten Frauen. Das Ergebnis war seit dem 9. Jahrhundert eine starke Verweltlichung der Kirche, neben der aber alsbald jene schon erwähnte asketische Gegenbewegung einherging und sogar die Laien ergriff. Waren die Stiftsgeistlichen und die niederen Pfarrgeistlichen einem weltlichen Leben zugetan, so lebten auch die Mönche, zumal bei den reichen Einkünften vieler Klöster, vielfach materiell recht gut, unter größerer oder geringerer äußerlicher Beachtung der Regel, waren eifrige Landwirte oder Gelehrte oder Künstler, im Punkt der Sitten duldsam und unbefangen.
Das Papsttum versagte diesen Zuständen gegenüber durchaus: es lag im 10. Jahrhundert äußerlich und innerlich darnieder. Viel mehr waren die Herrscher zur Abhilfe bereit, wie sie ja auch ihren späteren Gegner, das Papsttum, selbst erst wieder gehoben und gestärkt hatten. Otto I. ernannte Freunde der _kirchlichen Reformen_ zu Bischöfen und begünstigte eine Bewegung, die von Lothringen, dem so oft für das übrige Deutschland maßgebenden Lande, sich ausbreitete und vor allem das entartete Klosterleben seiner »Regel« wieder entsprechend zu gestalten suchte. Nach einem zeitweiligen Rückgang der Bewegung drang sie dann zu Beginn des 11. Jahrhunderts stärker durch, jetzt von Frankreich her, getragen von dem Kloster Cluny, das an der Spitze einer ganzen Kongregation von Reformklöstern stand und durch eine entsprechende, von Richard von Verdun geleitete lothringische Kongregation Deutschland beeinflußte. Auf Heinrich III. wirkte dann später Cluny unmittelbar ein, jetzt aber schon durch den Einfluß eines reformerisch gesinnten Papstes. Unter Heinrich IV. endlich waren das treibende Element die nun ebenfalls reformeifrigen Bischöfe; die Führung hatte jetzt völlig das Papsttum.