Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter
Part 15
Aber was nun insbesondere die _niedere_ Masse betrifft, so hat der städtische _Massengeist_ auch die _geistliche_ Macht zum Teil durchsetzt und entsprechende Bildungen und Erscheinungen hervorgerufen. Zunächst hing ja schon die niedere Geistlichkeit eng mit dem eigentlichen Volk zusammen, lebte in dessen Interessen- und Anschauungskreis und war auf dem Lande völlig verbauert, in der Stadt ebenfalls mit den kleinen Leuten verbunden, teilte oder schürte oft den Haß gegen die Reichen, kümmerte sich aber um ihre seelsorgerischen Pflichten wenig. Ganz auf dem Boden des armen und geplagten Volkes, zunächst der romanischen Städte, standen dann die gerade um _sein_ kirchliches Heil besorgten _Bettelorden_ des 13. Jahrhunderts, die weder Grundbesitz noch Einkünfte haben, vielmehr von frommen Almosen leben sollten, und die aus ihrer Mitte hervorgehenden volkstümlichen Prediger. Die Bettelorden waren eine neue Erscheinung der ewig fruchtbaren romanischen Askese, den neuen Zeitverhältnissen angepaßt und gegen die aufkommende Kapitalmacht gerichtet. Sie waren bald über die Christenheit verbreitet, zumal sie, klug von der Kurie benutzt, nicht unter den Bischöfen standen, sondern überall predigen und für Papst und Kirche gegen die Ketzer kämpfen sollten. Gerade durch ihre liebevolle Sorge für die Armen gruben sie in den Städten der Ketzerbewegung den Boden ab, so daß bald der Kampf gegen die Ketzer zurück- und der Kampf gegen die materielle Genußsucht, gegen die Sünden der Reichen, gegen den »Wucher« der Kaufleute, aber auch gegen die sittlichen Mißstände überhaupt in den Vordergrund trat. Diese Mönche sind denn auch in Deutschland rasch volkstümlich geworden, besonders die Franziskaner gegenüber den feineren, zugleich auf gelehrte Bildung gerichteten Dominikanern, so der gewaltige Bertold von Regensburg mit seiner von den Bettelorden überhaupt gezeigten Abneigung gegen die damals herrschende aristokratisch-höfische Kultur. Im 14. Jahrhundert hat durch diese Prediger dann gerade der strengere kirchliche, aber auch der wirklich religiöse Geist im Volke stark zugenommen. Doch setzten bereits damals starke Verfallserscheinungen ein. Mehr und mehr machten sich jene Prediger abhängig von der Stimmung der Masse, verweltlichten schließlich ebenso wie die offizielle Kirche und verdarben selbst die früh bemerkbare religiöse Bewegung gegen die überströmende Weltfreude und materielle Genußsucht.
Diese Gegenbewegung hatte zunächst stark überspannte oder mystische Formen angenommen. Im niederen Volke lebten seit langem aufgeregte religiöse Stimmungen. Hatten schon die frühere große asketische und die Kreuzzugsbewegung das Volk in weiten Schichten ergriffen, so gingen im 13. und 14. Jahrhundert wahre Schauer in der Form gewaltiger Bußepidemien durch die Massen. Es scheint so, als ob erst jetzt die fremde Religion mit ihrem teilweise sinnverwirrenden kirchlichen Apparat das Volk allgemeiner innerlich ergriffen und zunächst wie in einem jugendlichen Körper krankhafte Erschütterungen hervorgerufen habe. Eine Zeit _grob-primitiver Religiosität_ brach herein, religiösen Rausches. Die Kreuzzugsbewegung hatte bereits zu Verirrungen wie den Kinderkreuzzügen geführt, jetzt setzten, wieder von den romanischen Ländern her, die Bußfahrten der fanatischen Geißler ein. Die Kirche trat dabei ganz zurück, das niedere Volk der Laien hatte sich seine eigenen, über alles Maß gehenden Religionsübungen geschaffen, und so berührt sich die Bewegung mit der Ketzerbewegung, wurde auch von der Kirche verfolgt wie diese. Die verzweifelte Stimmung förderten allerlei Naturereignisse, ferner die Unsicherheit der Zeit, der Mongoleneinfall, der Kampf zwischen Kaiser und Papst – charakteristisch sind die Prophezeiungen über das Kommen des Antichrist –, zuletzt die gewaltige Pest von 1349, der schwarze Tod. Dessen Schrecken hatten die Geißler zu ihren Bußfahrten besonders veranlaßt, die Gefahr wurde aber gerade dadurch gesteigert. Gleichzeitig setzten gewaltige Judenverfolgungen ein – die Juden sollten die Urheber der Pest sein –, gewiß wieder zum Teil als religiöse Ausschreitungen aufzufassen. Völlig krankhaft waren dann die das niedere Volk ansteckenden Tänze religiös verzückter Massen, die Erscheinungen der sogenannten Tanzwut. Hand in Hand mit diesen religiösen Aufregungen, diesem groben Enthusiasmus, ging andererseits ein Wiederaufleben barbarischer Wundersucht und damit des alten volkstümlichen Zauber- und Aberglaubens, dem wiederum die Kirche trotz ihres eigenen Teufelsglaubens scharf entgegentrat. Freilich hat sie nicht wie in den romanischen Ländern auch die Ketzer systematisch als Zauberer verfolgt.
Jene religiösen Massenepidemien dauern zum Teil noch im 15. Jahrhundert fort, aber auch dann bleibt das Land der Hauptboden für sie. In der Stadt nimmt dieser religiöse Massengeist weniger überspannte Formen an. Daneben besteht aber in manchen Kreisen der niederen städtischen Schicht, freilich keineswegs in ihnen allein, eine stillere, _gefühlsmäßige Religiosität_ in Opposition gegen die materielle Genußsucht, den praktisch-realen Sinn und die äußerliche Weltlichkeit wie gegen die ebenfalls nur äußerliche Kirchlichkeit der Volksmehrheit. Diese schroff entgegengesetzten Strömungen der Innerlichkeit und der Genußfreude charakterisieren den Geist des ausgehenden Mittelalters. Die Anfänge der stillen Religiosität hatten wieder einen feineren, zum Teil sogar aristokratischen Charakter gehabt. Es sind die _Mystiker_ der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, zum Teil wieder Bettelmönche, die, dem verstandesmäßig-formalen Treiben der Scholastik abgewandt, zugleich in entsagendem Gegensatz gegen die neuauflebende Weltlust, sich in ein innerliches Leben, einen schwärmerischen inneren Verkehr mit Gott versenkten. Eben wegen dieser Innerlichkeit kann man die Mystik als die erste wahrhaft volkstümliche Erfassung des Christentums durch die Deutschen ansehen. Ihr Gemüt zu offenbaren, trieb es die Mystiker zum Gebrauch der Muttersprache. Sie handhabten sie in einer Formvollendung, die noch an der Dichtung der höfischen Zeit geschult war. An die höfische Zeit erinnert auch die starke Beteiligung der Frauen, freilich von Klosterfrauen, deren jetzige Rolle jedoch allein in dem reichen weiblichen Gefühlsleben begründet war. Über die bloße Empfindsamkeit und Verzücktheit hinaus kamen die ersten und größten Mystiker zu wirklicher Tiefe der Gedanken und zeigten aristokratischen Schwung des Geistes. Ein zukunftsreiches Moment liegt in der besonderen Berücksichtigung der Laien seitens der Mystiker und in der Begeisterung der Laien für die neuen Männer. Ein gewaltiger Volksprediger war vor allem Johannes Tauler. Einerseits wurde nun diese mystische Strömung allmählich vergröbert, andererseits verquickte sie sich mit jenen volkstümlichen Zielen der Bettelorden, mit jener breiten kirchlich-sozialen Bewegung, die sich mit den Nöten der Masse beschäftigte. Charakteristisch bleibt aber für diese natürlich vor allem im Klöstern vertretenen mystischen Geister die starke Gefühls- und Stimmungsrichtung, die dann auch die Religiosität kleinerer und größerer Volkskreise beeinflußte und z. B. für das Verständnis der Kunst des ausgehenden Mittelalters höchst wichtig ist. Aber auch ohne diesen mystischen Zug sind nun frommer Überschwang und inbrünstiges religiöses Verlangen, gerichtet auf die Nachahmung Christi und der Heiligen, gerade in der Masse lebendig geworden und ergreifen zum Teil auch die höheren Schichten.
Andererseits nimmt diese Massenreligiosität stärker jenen _halbheidnisch-volkstümlichen_ Charakter an. Recht viel gute Werke, recht viel Gebete, recht viel Heiltum (Reliquien) in den Kirchen – es ist dieselbe _plebejische Wertschätzung des Massenhaften_, die wir schon in der materiellen Lebenshaltung des städtischen Durchschnitts beobachteten; es ist zugleich die alte, nun noch geförderte _nüchtern-geschäftliche_ Auffassung (s. S. 120 f.). Auch die Bettelorden wurden, wie (S. 131) erwähnt, immer weniger die Führer einer eigentlich religiösen Strömung. Die Predigt war nun oft auf den äußeren Eindruck berechnet, sie warb vielfach nur um den Beifall der Masse. Viele Bettelmönche kümmerten sich um das Seelenheil nur in der sonst üblichen äußerlichen Weise. Sie hoben auch nicht mehr das Volk innerlich, sondern huldigten ganz seiner groben, vielfach noch mit den Resten der heidnischen Volksreligion verbundenen Denkweise. Dabei wurden sie von der herrschenden Genußsucht und Sittenlosigkeit in starkem Maße angesteckt, machten sich auch durch ihr nichtstuerisches Leben und ihre zudringliche Bettelei verhaßt und verfielen so zu einem guten Teil dem Spott und der Verachtung. An Bettelmönchen, die es mit ihrer Aufgabe ernst nahmen, fehlte es freilich auch jetzt nicht. Als soziale Kritiker, in ihrer Parteinahme für jene _sozialen Nöte der Masse_, blieben die Orden eben ein wirksames Element.
Daß sich die Kirche der Armen annahm, war ja im Grunde durchaus nicht neu. Diesen alten Zug hatte die große asketische Bewegung mit ihrer Verachtung des irdischen Besitzes und der irdischen Macht, mit dem Preise der Armut nur gefördert. Das Ideal der mittelalterlichen Kirche blieb aber überhaupt immer der mäßige Besitz: sie verwarf den gierigen Erwerb auf Kosten anderer und betonte die Pflicht des Reichen, den Ärmeren in großem Umfang abzugeben. Und daß dieses Ideal immerhin auch tief in die Volksmasse drang, zeigen z. B. die oben (S. 119) erwähnten Anschauungen der Zünfte, zeigt aber auch die allgemeine Mißachtung, die nicht etwa nur den Juden wegen ihres »Wuchers«, sondern auch dem eigentlichen Kaufmann von Adel, Klerus, Handwerkern, niederem Volk entgegengebracht ward. Gegen das sogleich mit gewaltigen Erfolgen auftretende Kapital und seinen aristokratischen Übermut regte sich schon im 13. Jahrhundert ein gewaltiger Haß. So geldwirtschaftlich die Kirche selbst vielfach gerichtet war, so blieb das Zinsverbot doch ihr großer Grundsatz. Schließlich wurde die ganze neue Geldwirtschaft theoretisch zum »Wucher« gestempelt, insbesondere auch der Handel, der auf spekulativen Gewinn ausging. Zahlreich sind die mehr oder weniger autoritativen geistlichen Stimmen, die in jener Zeit den _Handel_, soweit er nicht der notwendigen Lebensfürsorge (wie derjenige der ihre Erzeugnisse verkaufenden Bauern und Handwerker) diente, _verwarfen_ und die Kaufleute, denen wohl auch viel vorgeworfen werden konnte, allgemein als Sünder hinstellten. Später, als vor allem die oberdeutschen Kaufleute neben dem Warenhandel auch das Geldgeschäft pflegten, nahmen solche schon zurückgetretenen Stimmungen wieder zu. Das wegen der unendlichen Zersplitterung des Münzwesens durchaus notwendige Wechselgeschäft, der Geldhandel, aber auch das sich aus dem Geldvorrat von selbst ergebende Ausleihen von Geld gegen Zinsen war früher den Juden, die ja nicht an die kirchlichen Anschauungen gebunden waren, und den Italienern (den sogenannten Lombarden) überlassen. Jetzt waren jene durch die blutigen Verfolgungen zurückgeworfen und diese als lästige Wettbewerber vielfach verdrängt worden. Den deutschen Kaufleuten erleichterte die Übernahme des gewinnbringenden Geldgeschäfts zudem der Silberhandel, der sich aus dem damals besonders aufblühenden Bergbau und ihrem Anteil daran ergab. Der Übergang zum Geldhandel, überhaupt zu einem rein spekulativen Handel vollzieht sich stärker erst mit Beginn des 16. Jahrhunderts und hat schließlich zum Verderben des hochstehenden deutschen Handels mit beigetragen. Der ausgesprochene Kapitalismus _dieser_ Zeit erregte auch, jetzt wegen der sozialen Folgen, die öffentliche Meinung stärker als je, insbesondere die zunehmende und sich auch auf notwendige Lebensmittel richtende Monopolisierungssucht. Wir haben die härtesten Äußerungen über die »Schinder des Volks«, die »Christenjuden«, über den Raub und Wucher der Kaufleute von Geiler von Kaisersberg, Sebastian Brant, Hans Sachs, Erasmus, Luther. Auch Beschlüsse der Städte, der Land- und Reichstage wandten sich gegen die Aufkäufer und Preissteigerer. Gerade die Armen mußten nun bei Teuerungen am meisten leiden, und hier und da sind auch gegen Ende des 15. Jahrhunderts Aufstände dadurch hervorgerufen worden.
Aber bei diesen Bewegungen spielte überhaupt der _Gegensatz zwischen Reich und Arm_ eine immer größere Rolle. Schon im 13. Jahrhundert war dieser Gegensatz über das bloße Mitleid mit den Armen hinaus von den Bettelmönchen, so in ziemlich heftiger Form von Bertold von Regensburg, betont und gesteigert worden. Ende des 14. Jahrhunderts finden wir bei Dichtern und in Chroniken bezeichnende Stellen. Mehr und mehr trat dann eine wieder in den Lehren des Urchristentums begründete Teilnahme an der Lage des ärmeren Landvolks, dessen Arbeit nun gepriesen ward, hervor. Der _Bauer_ wurde jetzt trotz des wirtschaftlichen Niedergangs des Adels weniger von diesem als von den klösterlichen Grundherren bedrückt, vor allem aber vom Staat immer stärker belastet, überdies vom Städter mißachtet. Dazu kam der Groll über die rücksichtslose wirtschaftliche Herrschaft der Stadt über das Land, den der Bauer mit dem Adel teilte. Sodann zündete die hussitische Bewegung mit ihren gleichmacherischen Ideen auch in Deutschland. Weiter dauerte die Hetzerei der niederen Geistlichkeit an. Bei dem großen Prediger Geiler von Kaisersberg finden sich stark agitatorische Äußerungen. Am ehesten mochten solche Stimmungen, soweit sie gegen die Reichen an sich gingen, Ableitung in jenen Judenverfolgungen finden, die freilich in erster Linie auf die Auswucherung der in weiten Kreisen verschuldeten Bevölkerung zurückgingen. Aber auch der reiche Besitz der Kirche wurde immer schärfer aufs Korn genommen, je mehr der höhere Klerus verweltlichte, die Pfründenjägerei um sich griff und die Habgier der Kirche das Volk aussaugte. Auch hier spielte wie zum Teil bei den Judenverfolgungen die Hetzarbeit der niederen Geistlichkeit und der Volksprediger eine Rolle. Eine besonders haßerfüllte Stimmung gegen die nichtstuerischen und schlemmenden »Pfaffen« herrschte auf dem Lande, wo schon der Zehnte sehr widerwillig gegeben wurde, wo man aber erst recht jene grundherrlichen Lasten für Klöster und Stifter als bitteren Druck empfand. Ohne Zweifel kamen die alten kirchenfeindlichen Strömungen hinzu. Wie die Ketzerbewegungen früherer Zeit (s. S. 129) fand gerade beim Landvolk auch die hussitische Bewegung Anhänger. Sie stellte zugleich einen furchterregenden Ausbruch der gegen die Reichen und Mächtigen und auf Erhebung der Armen und Niedrigen gerichteten Strebungen der Masse dar. Gerade sie wandte sich aber auch gegen das Kirchengut. Und so erklärt es sich, daß bei den bäuerlichen aufrührerischen Bewegungen, die schon im 15. Jahrhundert lange vor dem großen Bauernkrieg begannen, sich der Haß besonders auch gegen die Pfaffen richtete. Daß im übrigen auf der Pfaffen Gut sich auch die lüsternen Blicke des niederen Adels richteten, daß der Kirche reicher Besitz auch den höheren Klassen in den Städten ein Dorn im Auge war, gehört nicht in diesen Zusammenhang, hat aber bei der Reformation später eine Rolle gespielt. Von dieser hat dann auch jene wesentlich unter den Bauern um sich greifende religiös-soziale Strömung, bei der im 15. Jahrhundert theokratisch-kommunistische Ziele immer stärker hervortraten und bei der die auf Befreiung von Druck und Lasten gerichteten Ideen unter religiösen Schlagworten wie »die Gerechtigkeit Gottes« und »christliche Freiheit« sich eindrucksvoller verbreiteten, das Heil erwartet, freilich vergeblich, wie der große Bauernkrieg, dessen Grundursachen im übrigen auf anderen Gebieten liegen, zeigte.
Auch bei gewissen _städtischen Bewegungen_ um 1500 haben – von den Judenhetzen abgesehen – der Haß gegen die Reichen und die Begierde nach ihrem Gut eine Rolle gespielt, aber es scheinen hier doch mehr die freilich auch kapitalfeindlichen, alten zünftlerischen Anschauungen, hinter denen zum Teil geistliche Scharfmacher standen, von Bedeutung gewesen zu sein. Besonders mochten die Geistlichen die ärmeren Handwerker beeinflussen, die sich namentlich dort von den eigenen, reicheren Zunftgenossen beschwert fühlten, wo diese Anteil am Stadtregiment hatten. Sie litten zum Teil unter der Engherzigkeit der Zunft ähnlich wie die Gesellen, denen bei der zunehmenden Übersetzung des Handwerks und dem stärkeren Gewinnstreben der einzelnen das Meisterwerden außerordentlich erschwert wurde. Die überall das Mittelalter beherrschende genossenschaftliche Form führte namentlich gegen Ende des Mittelalters zu Gesellenverbänden, die zielbewußt, nach Art der Zünfte organisiert, die älteren Bruderschaften zur gegenseitigen Unterstützung, zur Fürsorge für das Seelenheil usw. verdrängten und auch zur Anerkennung seitens des Rates und der Meister gelangten. Die oft gar nicht so schlecht gestellten Gesellen zeigten ein starkes Selbstbewußtsein, waren wehrhafte Leute und veranstalteten gern öffentliche Umzüge und Feste, die von ihrer angesehenen Stellung innerhalb der Bürgerschaft zeugen. Sicherlich haben sie bei Zusammenrottungen auch ihr Kontingent gestellt; dazu kamen dann aber vor allem die Tagelöhner, allerlei niedrige Arbeiter und der eigentliche städtische Pöbel als wirkliche Arme.
So hat denn die materielle Kultur der Zeit ihr recht bedenkliches Gegenbild. Aber wie diese Kultur selbst durch massengeistartige, unfeine, naive Momente zum Teil bestimmt wurde, so _hat_ auch die niedrige _Masse_ in der Hauptsache doch die _genußsüchtigen Ideale geteilt_, wenngleich meist nur sehnsüchtig nach ihnen aufgeblickt. In ihr herrschten doch nicht nur Unzufriedenheit, mystisch-religiöse Eigenbrödelei, Neigung zu lärmender Gewalttätigkeit, sondern auch Lebenslust und Genußfreude, rohester Form freilich. Auch dem niederen Volk boten ja die großen kirchlichen und weltlichen Feste reichlich Gelegenheit zur Teilnahme. Es waren immer wirkliche Volksfeste. Die Geselligkeit ist in erster Linie _Massengeselligkeit_. Ein allgemeiner Festtaumel ergriff die Menschen besonders zur Fastnachtszeit. Hier kam auch nicht nur die Freude am Schlemmen, sondern auch die alte naive, volkstümliche Laune zum Ausdruck, und uralter Mummenschanz, der auch von Weihnachten bis Epiphanias allgemein üblich war, verstärkte die lustige Ungebundenheit. Als derbkomische Unterhaltung des ganzen Volkes hatten sich ferner zum Teil die Fastnachtsspiele als weltliche Spiele neben den geistlichen Spielen an hohen kirchlichen Festtagen auf verschiedene Weise entwickelt, und die der Zeit mit ihren Beschwerden entspringende Neigung zu satirischer Verspottung der Stände kam in ihnen zum Ausdruck (s. S. 139). Weiter gab es noch die alten volkstümlichen Feste im Freien, wie die allerdings mehr auf dem Lande üblichen Maitänze, überhaupt die sommerlichen Tänze an Feiertagen mit ihrem Singen und Springen. Man vergnügte sich auch noch auf Wiese und Anger an den alten Kraftübungen, dem Ringen, Steinwerfen u. a. Sodann boten die Kirchenfeiern Anlaß zu immer neuer Festeslust. Die Kirchweihen bildeten vor allem auf dem Lande den Höhepunkt der Festfreude, fehlten aber auch in der Stadt nicht. Hier kamen dann Handwerkerfeste und -tänze als etwas besonderes hinzu, vor allem aber die großen bürgerlichen Waffenfeste, die Schützenfeste, ursprünglich mit Aufzügen und nachfolgendem Gelage verbundene Waffenübungen. Die Hauptsache bei ihnen wurden aber allmählich die Festlichkeiten und die Preise, die man erringen konnte. Die patrizischen Kreise versuchten noch jetzt, sich durch Turniere hin und wieder ein ritterliches Ansehen zu geben, sehr zum Mißfallen des Adels, dessen Turniere aber natürlich auch meist in der Stadt abgehalten wurden und der Masse wenigstens ein glänzendes Schauspiel boten. Alle diese Feste waren also, wie auch die Familienfeste, zugleich Massenfeste, bei denen die ständischen Unterschiede mehr oder weniger zurücktraten. Umgekehrt boten die Fahrenden, die etwa bei Turnieren und Schützenfesten zusammenströmten, keineswegs nur dem niederen Volk Unterhaltung.
Trotz aller verbitternden sozialen Gegensätze herrscht damals doch noch ein außerordentlich starkes _volkstümliches Gesamtgefühl_. Der oben erwähnte Massengeist ist nicht nur der Geist der niedrigen, sondern der der Gesamtmasse, dem freilich eben wegen der großen Rolle des niederen Volkes keine feinen Züge eignen können. Die Art der niederen Volkskreise zieht vielmehr die der höheren zu sich herab. Nicht nur, daß die Bildungsunterschiede in der Laienwelt damals noch immer stark zurücktreten und hoch und niedrig sich in einer durchaus volkstümlichen Ausdrucksweise (die natürlich nichts Neues ist, sich jetzt nur in den Quellen stärker kundgibt) ergeht: es ist auch an Stelle der höfischen Art in den aristokratischen Kreisen eine freilich ebenfalls immer vorhanden gewesene und nur durch jene modische Verbildung überfirnißte Neigung zur _Derbheit_ und zu grober Redeweise getreten. Schon der Minnedichtung sahen wir (S. 93) in der höfischen Dorflyrik ein volkstümliches Gegenbild erstehen. Herr Steinmar hat jene dann geradezu verspottet und zog vor, »in daz luoder« zu »treten« und sehr materielle Genüsse zu preisen. Ein _plebejischer Geschmack_ bringt die _Literatur_ dann immer mehr herunter. Alles feinere Schönheitsgefühl schwindet, der Ton wird immer niedriger, der Stoff immer realistischer, die Ausdrucksweise immer derber. Die Schwänke, oft zotig und gemein, werden zur Lieblingskost. Vor allem in jenen Fastnachtsspielen, und zwar den Nürnbergern besonders, machen sich Derbheit und Roheit mit vollstem Behagen breit. Es war im Grunde lächerlich, wenn in ihnen der Bauer als komische und mißachtete Figur wegen seiner Freßgier, seines Saufens, seines Schmutzes und seiner Roheit herhalten mußte. Der Inhalt der Spiele zeigt die gleiche Freude gerade des Städters am Rohen, z. B. an Prügelszenen, und in seiner materiellen, groben, oft gemeinen Genußsucht unterschied er sich vom Bauer nur durch die ihm zu Gebote stehende größere Mannigfaltigkeit und gewisse äußerliche Feinheiten. Seine Neigung zur Unflätigkeit beweisen wiederum die Spiele. Um diese Zeit wurde ein zotiger, unanständiger Ton aber überhaupt allgemein Mode. Die ganze Art nennt man nach dem von Sebastian Brant als Modeheiligen hingestellten St. Grobian _Grobianismus_. Der Zug nahm im 16. Jahrhundert noch sehr zu. Mit ihm sind eine geflissentliche Mißachtung des überhaupt (s. S. 122) schon arg heruntergekommenen gesellschaftlichen Anstandes und eine teilweise fast zynische Behandlung des weiblichen Geschlechts verbunden.