Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter
Part 14
Weiter bedeutet nun die bürgerlich-städtische Kultur gegenüber der ersten, wesentlich auf die aristokratische Schicht beschränkten Entwicklung einer Laienkultur zunächst eine starke _Vergröberung_. Die feine ästhetische Gestaltung des Lebens schwand ebenso dahin wie die höhere gesellschaftliche Bildung. Dem ungebundenen Sichgehenlassen gegenüber hielt zwar auch die bürgerliche Kultur an den errungenen Vorschriften einer sittigenden gesellschaftlichen Lehre in verbürgerlichter Form fest: es wird gerade jetzt, wie wir schon für die Genossenschaften sahen, der Zwang konventioneller Formen für das ganze Leben dieser noch halbbarbarischen Gesellschaft als unerläßlich empfunden. Aber jene Ungebundenheit wurde doch wieder das Charakteristische, die Derbheit siegte über die Feinheit, das rohe Schwelgen in materiellen Genüssen über die Mäßigkeit, das Plebejische über das Aristokratische. Gesellschaftlich steht das neue Zeitalter also im Zeichen der Rückständigkeit, je mehr vor allem die niederen Volksschichten sich bemerkbar machen. Charakteristisch sind die üblen Tischsitten, das gierige Schlampampen wie das unsaubere Umgehen mit Speisen und Speiseresten, von den Trinksitten ganz abgesehen. Die höfischen Anstandslehren werden jetzt – auch ein Zeichen der materiell gewordenen Zeit – vor allem in »Tischzuchten« fortgesetzt. Wie der plebejische Ton auch auf die aristokratischen Kreise schließlich übergriff, zeigen später die Hofordnungen des noch unflätigeren 16. Jahrhunderts mit ihren Verboten des Knochenwerfens und des Begießens mit Bier. Das alte Hauptstück der Geselligkeit, der Tanz, verlor wieder den höfischen Charakter und nahm in den Städten noch vergröberte bäurische Formen an. Die Tanzlieder wie das Gebaren beim Tanz wurden dabei vielfach sehr bedenklich, und die neuen Tänze aus der Fremde, die man in den Städten übernahm, verschärften noch diesen Zug. Charakteristisch ist weiter das Zurücktreten der Frau aus der Geselligkeit und das Schwinden ihres sittigenden Einflusses. Schon gegen Ausgang der Minnezeit trat dieser Rückschlag ein. Aber die Stadt mit ihrer zahlreicheren weiblichen Bevölkerung, die sogar überwog, mit den schlechten Elementen darunter und der größeren Freiheit sinnlichen Genusses verstärkte diese Strömung und bannte die ehrbare Frau wieder ins Haus: nicht die Dame, sondern die tüchtige deutsche Hausfrau wurde das bürgerliche Ideal der Frau.
Alles das hängt mit dem auf das _Materielle_ gerichteten Sinn der Zeit zusammen, und dieser Zug wird gerade durch die bürgerliche Kultur sehr gefördert. Materiell war ja doch diese Kultur in erster Linie, nicht in dem Sinne, daß der Genuß die Hauptsache war – im Gegenteil, wir lernten schon die Arbeit als den beherrschenden Faktor des städtischen Lebens, im Gegensatz zum ritterlichen Weltfreuden- und mönchischen Jenseitsideal, kennen. Aber im Vordergrund des Sinnens und Trachtens stand – und zwar nicht nur in der kaufmännischen Schicht – der Gelderwerb. Das allgemeine Ziel ist der Wohlstand, ein mäßiger nach den Anschauungen der Handwerker, ein möglichst großer nach denen der Kaufleute, aber damit doch wieder eben der Lebensgenuß, der entsprechend der Massengeselligkeit und der geringen Entwicklung feineren Innenlebens von selbst gemeine Formen annahm. Und auch über die höheren Fragen des Lebens entschied immer der materiell-praktische Gesichtspunkt, die Kirchlichkeit wurde bei der Mehrheit äußerlicher als je, der materielle Gedanke von Leistung und Gegenleistung war zum Teil ausschlaggebend.
Das arbeitsame, erwerbslustige, grober Lebensfreude zugetane deutsche Bürgertum war in seinen noch _einfachen Verhältnissen_ mit dem romanischen Bürgertum, vor allem mit dem italienischen der Renaissancezeit, nicht zu vergleichen. Schon das eigentlich Städtische, das ja erst neben dem Höfischen eine höhere Ausgestaltung der Kultur verbürgte, hatte sich, wie wir (S. 98) sahen, in den stark bäuerlich gefärbten Sitzen des deutschen Bürgertums noch gar nicht völlig durchgesetzt, von den vielen kleinen Landstädten ganz abgesehen. Freilich machten sich eine immer stärkere Gleichartigkeit der städtischen Interessen und noch mehr der Lebensbedingungen sowie eine immer zunehmende Vielseitigkeit der Berufe geltend, und gerade im Nichtbäuerlichen lag die Anziehungskraft der Städte. Eine rein städtische Kultur war dagegen in Frankreich und Italien erblüht, gewiß noch in Anknüpfung an längst unterbrochene Überlieferungen. In Italien hatte sich weiter jene hochstehende geistige, künstlerische und Lebenskultur entfaltet, der gegenüber die deutschen Bürger wie die Deutschen überhaupt doch noch immer als barbarische Leute erscheinen mußten, trotz ihrer wirtschaftlichen und materiellen Errungenschaften. Wenn wir dann aus dem 15. Jahrhundert zahlreiche, teilweise begeisterte Schilderungen deutscher Städte besonders auch durch Italiener besitzen, so liegt ihnen gewiß das Erstaunen zugrunde, das diese über die unerwartete Höhe der äußeren Kultur in dem mißachteten Deutschland empfunden hatten. Überdies stammen die Urteile meist erst aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als der _steigende Wohlstand_ den Städten vielfach ein glänzenderes Aussehen gegeben hatte als früher. Denn im ganzen boten die mittelalterlichen Städte so wenig ein Bild luxuriöser Pracht wie etwa die Burgen, und auch das Dasein selbst trug trotz jener doch ziemlich groben Üppigkeit noch den Stempel der Einfachheit. Die öffentlichen Gebäude und die Häuser der Reichen zwar, die seit dem 14. Jahrhundert häufig den Hof des Stadtherrn sich zum Vorbild genommen hatten, gewannen schon im 15. Jahrhundert eine reichere Gestalt, namentlich aber dann unter italienischen Einflüssen im 16., bis die Sucht nach künstlerischer Verzierung der Steinbauten wie der niedersächsischen Holzbauten fast übertrieben wurde. Die Häuser der weniger Bemittelten standen natürlich weit zurück. – Auch im Innern der Häuser und im Hausrat zeigte sich erst im 15. Jahrhundert eine reichere Entwicklung. Einmal war das Bürgerhaus immer zugleich Arbeitshaus und diente dem Gewerbe oder dem Handel, andererseits wich das Enge, Unbequeme, technisch Unentwickelte nur langsam. Das zeigen die kleinen und niedrigen Räume, der schlechte Fensterverschluß, die mangelhafte Heizung und Beleuchtung. Im 15. Jahrhundert entwickelten sich bei den Reichen Prunkräume mit Glasfenstern, kunstvoll gearbeiteten Öfen, schön geschnitzter Wandtäfelung (an Stelle jenes, den höfischen Wohnstätten nachgemachten Behängens mit Wandteppichen), mit wundervoll gearbeiteten, aber schweren Kunstmöbeln (Truhen, von den Schränken später verdrängt, Tischen und Bänken). Manches davon ging auch mehr und mehr auf die eigentlichen Wohnräume über; ferner gab es in den Schlafzimmern große Betten mit schön geschnitztem Dach und prächtigen Decken. Seit dem ausgehenden Mittelalter fand man auch vielfach Wanduhren im Bürgerhause.
Unterschiede zwischen dem Patriziat und dem mittleren und kleinen Bürger muß man auch bezüglich der Nahrungsweise machen, und selbst bei jenem beginnt der größere Luxus erst wieder gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Stärker als auf dem Lande, überhaupt sehr bedeutend war in der Stadt freilich der Fleischverbrauch. Bei der Fleischkost war wie schon früher der Verbrauch von scharfen Gewürzen zur Brühe außerordentlich, auch in romanischen Ländern. Diese mittelalterliche Weise hat der konservative Engländer zum Teil noch heute bewahrt, ein Zeichen eines wenig entwickelten Geschmacks. Im ganzen entbehrte die städtische Küche trotz der überladenen Üppigkeit festlicher Genossenschafts- und privater Mahle noch lange größerer Feinheit. Eine bedeutende Rolle spielten die Gewürze sodann bei der von Klöstern und Höfen übernommenen feineren Bäckerei, und bald bildeten sich in einzelnen Städten Besonderheiten von Pfeffer-(Gewürz)kuchen unter verschiedenen Namen aus, wie überhaupt das bessere Gebäck die mannigfaltigsten örtlichen Formen annahm. Im übrigen war natürlich die Brotnahrung die wichtigste und allgemeinste. Fleischer und Bäcker waren bei dem großen Verbrauch die stärksten Gewerbe, sie erfreuten sich auch seitens der fürsorglichen städtischen Obrigkeit besonderer Beaufsichtigung sowohl hinsichtlich der Güte der Erzeugnisse wie der Preise und des Gewichts.
Mit der stark gewürzten Nahrung steigerte sich zum Teil der Getränkeverbrauch, wie andererseits die Gewürze die Vielesserei erleichterten. Das Bier spielte eine Hauptrolle in den norddeutschen Städten, in denen sich neben der Haus- und der Reihumbrauerei vielfach ein leistungsfähiges Braugewerbe, damit eine bessere Bierbereitung und ein lebhafter Bierhandel – denn von den vielen Sondersorten hatten einzelne bald einen großen Ruf erlangt – entwickelten. Das norddeutsche Bier wurde zum Teil schon in den Süden, wo sonst der Wein vorherrschte, eingeführt. Doch braute man z. B. in Nürnberg auch selbst. Umgekehrt war der Weinhandel nach Norden viel stärker, namentlich der Rheinweinhandel. Denn der im Norden und Osten selbst gebaute Wein (vgl. S. 44) wird doch nicht allzu sehr geschätzt gewesen sein, trotz der Ausfuhr z. B. von Gubener Wein. Auf dem Lande trank man im Süden neben Obstwein gewöhnlichen Landwein, und zwar als Most oder als jungen Wein. Auch die süddeutschen Städte versorgte der Handel (namentlich von Ulm aus) mit den begehrten guten Sorten, dem Rhein-, Frankenwein usw., aber auch schon mit südlichen Weinen. Weinpantscherei war dabei sehr häufig. Landwein suchte man durch aromatische Kräuter und Würzung oder Zuckerung zu verbessern. So gab es in Deutschland genug des Trinkbaren. Bei Beratungen, bei Kaufhandlungen (Weinkauf), bei den Zusammenkünften der vielen Genossenschaften, bei den großen städtischen Mahlen, bei den Familienfesten liebte man einen guten Trunk. Die einzelnen gesellschaftlichen Kreise hatten auch ihre Trinkstuben, die Patrizier wie die Zünfte; für das niedere Volk gab es die Schenken und Tavernen, deren Zahl immer zunahm. Und die Trinkfreude stieg mit dem ausgehenden Mittelalter immer mehr, vor allem im Biergebiet, in Sachsen (Niederdeutschland), wie die Vielesserei, die _Genußsucht_ überhaupt. Voll und toll zu werden, war geradezu ein Ziel, das man namentlich mit dem »Zutrinken« zu erreichen suchte. Es war das Sichaustoben eines überkräftigen Volkes, das seinen alten Ruf des Barbarentums freilich dadurch bei den mäßigeren und gesellschaftlich kultivierteren Romanen aufs neue kräftigte.
Dieselbe Zügellosigkeit zeigte sich in geschlechtlicher Beziehung. Und wenn neben der Trunksucht auch z. T. die Sittenlosigkeit damals eine Schwäche des Gesamtvolks gewesen ist und schon damals von Obrigkeit und Kirche bekämpft zu werden begann, so tritt dieser Zug doch besonders bei der städtischen Bevölkerung hervor, schon weil die Quellen für deren Zustände reichlicher fließen, dann aber auch, weil sich die Gelegenheit und die Mittel zu solchem Treiben in den Städten leichter fanden, übrigens auch für den umwohnenden Adel, und sich aus dem Zusammenleben einer stärkeren Bevölkerung leichter ergaben. Ja, es scheint, als ob das erstmalige Zusammenfassen größerer Massen in Städten ein jugendliches Volk von selbst in dieser Beziehung sich voller ausleben läßt. In sittlicher Hinsicht ist dann das leichtere Zusammenströmen schlimmer Elemente, die in den Dörfern und Burgen meist keinen dauernden Aufenthalt haben konnten, in den Städten von Einfluß. Man war übrigens nicht nur den Junggesellen gegenüber, wie hergebracht, duldsam, sondern auch gegenüber den Ehemännern. Die verheirateten Frauen andererseits hatten besonders die Nachstellungen der Geistlichen zu fürchten. Die sinnlichen Neigungen der Zeit – früh hatte auch die eifernde Sucht der Kirche, das Natürliche, das Nackte anstößig zu machen, gerade die Lüsternheit verbreitet – wurden in den damaligen Städten besonders durch die Badstuben und die nur in den Städten mögliche, notgedrungene Organisation der Unzucht, durch die Frauenhäuser, gefördert. Bäder waren dem Mittelalter seit je unerläßlich, zumal man das bloße Waschen vernachlässigte. Die Furcht vor dem Aussatz förderte überdies das heiße Baden, das man als Gegenmittel ansah. Die für den Massenverkehr in den Städten eingerichteten Badstuben wurden nun bald Stätten der Geselligkeit, wo man auch aß und trank, Feste feierte und dergleichen. Es ergab sich dann gelegentlich Schlimmeres, wenn auch das auf Bildern häufig dargestellte Zusammenbaden der Geschlechter kaum allgemein üblich gewesen ist. Im ganzen ging gegen Ende des Mittelalters das Badewesen stark zurück, zum Teil wegen der damals auftretenden Syphilis, mit der man sich im Bade anzustecken fürchtete. Diese um 1495 mit furchtbarer Gewalt auftretende »Franzosen«-Seuche, die diesem (nach Paracelsus) der »Luxuria« und der »Venus« ergebenen, materiellen Geschlecht wie eine strafende Rächerin ihrer Sünden erscheinen mußte, trug vor allem aber zum Rückgang jener Frauenhäuser bei, deren Insassinnen in den Städten fast als wohlberechtigte Gewerbetreibende galten und deren Besuch ganz offen stattfand und niemand schändete. Feindlich waren diesem Treiben zum Teil die Ehrbarkeit pflegenden Handwerker, die sich überhaupt über die Sittenlosigkeit der höheren Kreise wie des Pöbels entrüsten mochten. Sie mochten auch das Hauptpublikum der geistlichen Sittenprediger bilden, die heftig gegen die sündhafte Zeit eiferten und dabei auch der großen Sünder aus der verweltlichten Geistlichkeit keineswegs schonten.
_Gröbliche Übertreibung_ – sie ist vielfach das Zeichen _dieser materiellen Kultur_ der Städte. Wie es beim Trinken und Essen noch ganz wie beim Bauern vor allem auf die Menge ankam, wie man sich bei amtlichen, genossenschaftlichen und Familienfestmahlen in üblem Wetteifer nicht genug tun konnte in der Zahl der Gänge und der Gäste, wie die Schwelgefreude immer neuen Anlaß zu Festen suchte, so entfaltete man den abstoßenden Luxus des Zuviel auch beim äußeren Menschen, in der Kleidung. Vergeblich suchten allen diesen Erscheinungen die Luxusordnungen der Städte und Landesherren zu steuern; gegen den Kleideraufwand richteten sich um 1500 auch Reichsordnungen, vor allem, um bei dem ständigen Nachobenstreben der einzelnen Klassen die ständischen Unterschiede in der Tracht aufrecht zu erhalten. Aber gerade der reiche Bürger, der Hauptträger der materiellen Richtung der Zeit, ließ sich in seinem protzenhaften groben Aufwand, den weniger reiche dann auch nachmachten, nicht stören. Recht großer Besitz an Gewändern, recht überladene Kleidung, recht teure Stoffe und Schmucksachen und recht auffallende Tracht – das war die Losung der Zeit, die auch einen unglaublich raschen, sich ständig in Extremen oder geradezu in Narrheiten bewegenden Wechsel der Mode herbeiführte, wesentlich freilich unter französischen und burgundischen Einflüssen. Einfachheit war jedenfalls verpönt, »altfränkisch«. Es zeigten sich die abstoßenden Schattenseiten einer emporkömmlinghaften Geldkultur, vor allem auch bei den Männern, die sich zum Teil weibisch trugen, andererseits aber auch noch naive Züge, wie jene Vorliebe für grelle Farben und das Durcheinander verschiedener Farben (S. 51).
Die grob-materielle Lebenskultur des Bürgertums hat Fürsten, Adel und Geistlichkeit und auch zum Teil die Bauern vielfach zur Nachahmung angeregt, soweit es nach den Mitteln überhaupt möglich war. Auf der anderen Seite lag die derbe Lebenslust damals überhaupt in der Luft. Wie scharfe Stimmen erhoben sich schon im 13. Jahrhundert gegen die Sittenlosigkeit und den Luxus der Geistlichkeit, wie schnell entartete nach dieser Richtung die höfische Kultur, wie sehr wird schon früh dem Bauern Üppigkeit und Unehrbarkeit vorgeworfen! Also die Stadt förderte nur diese allgemeine Strömung, allerdings in bedeutendem Maße.
An dieser übersprudelnden Weltfreude wollte nun auch das niedere städtische Volk seinen Anteil haben, und so beschränkt die Mittel waren, so laut und gröblich brachte es sich zur Geltung. Dieses _niedere Volk_ wird nun aber überhaupt in den Städten ein _wichtiger Faktor_. Zusammen mit den mittleren Schichten brachte es den _Massengeist_ zu einer bis dahin unbekannten Bedeutung. Auch die nichtstädtische Masse ist damals, wie schon angedeutet, lebhafter in die Erscheinung getreten. Aber die Städte bleiben doch die Orte, wo diese Masse geschlossener auftritt, wo sie Führer findet, nicht zum wenigsten unter den niederen geistlichen Elementen, wo sie sich stärker zum Ausdruck bringen kann, wo die Bedeutung der Stadt als solcher auch ihr Selbstgefühl verleiht, wo aber auch durch die ständige Berührung mit den reicheren Kreisen begehrliche und angriffslustige Stimmungen genährt werden. Andererseits hofften in den Städten gerade die verschiedenartigen niederen Schichten, zum Teil noch bäuerlichen Charakters, selbst die Fahrenden, vor allem immer darauf, schnell heraufzukommen, ihr Glück zu machen. Die Geldentlohnung endlich machte auch die kleinen Leute selbständiger, selbstbewußter und fähiger, an ihrem Teil an der allgemeinen Genußfreude teilzunehmen. So verstärkte sich denn jener _demokratische_ Geist, der schon die Zunftkämpfe hervorgerufen hatte, mehr und mehr. Etwas Demokratisches liegt von vornherein in dem städtischen _Zusammenwohnen_ einer aneinander gepferchten größeren Masse, ebenso wie in dem Ritterleben auf Burgen etwas dem Treiben der Menge Abholdes. Ob dem Ritter immer die aristokratische Vereinzelung behagte, ob er überhaupt das Aristokratische darin empfand, ist eine andere Frage.
Wie wichtig die _Masse_, insbesondere die städtische, nun im ausgehenden Mittelalter wurde, das zeigt sich auf den verschiedensten Gebieten. Zunächst auf dem für das Mittelalter bedeutsamsten, auf _religiös-kirchlichem_ Gebiet und zwar nicht sowohl im Sinne einer stärkeren Abwendung von der Kirche infolge Geltendmachung der weltlichen Ansprüche der niederen Laien als in Richtung einer volkstümlicheren Haltung der Kirche selbst und eines mächtig gesteigerten religiösen Volksbedürfnisses. Jene früher (S. 79) beobachtete Opposition gegen die Kirche war insbesondere durch die Spielleute auch in niederen Volksschichten genährt worden. Aber auch ein geistliches Element förderte dieselbe, das der »Vaganten«, der durch die Lande fahrenden Scholaren, die namentlich von Frankreich her kamen, in einem höchst weltfreudigen Leben ihr Ideal fanden, immer zu scharfem Spott über ihre heilige Kirche und den habgierigen höheren Klerus geneigt waren und daher von der offiziellen Kirche scharf verfolgt und schließlich beseitigt wurden. Diese anfangs feiner gerichteten und auf ihre lateinische Bildung sehr stolzen Vaganten waren gegen Ende des 13. Jahrhunderts, kurz vor ihrem Verschwinden, bereits in einen gemeinen und rohen Ton verfallen und haschten jetzt nach dem Beifall der von ihnen oft durch Hokuspokus genasführten niedersten Schichten in Stadt und Land, haben auf diese Schichten aber sicherlich auch manche ihrer Anschauungen übertragen. Ganz zweifellos haben sodann die großen internationalen, vor allem romanischen Ketzerbewegungen des 12. und 13. Jahrhunderts, die in immer neuen Formen und Verbrüderungen sich auch später fortsetzten und in einem volkstümlich-religiös-sittlichen Massendrang aus dem verdorbenen und verweltlichten Katholizismus hinausstrebten, tief in das niedere Volk übergegriffen. Deutschland war besonders im Süden und Westen von dieser Bewegung erfaßt, und vor allem im Landvolk fand sie viele Anhänger, sicherlich aus einem überquellenden religiösen Bedürfnis heraus, aber vielleicht auch infolge einer immer noch im Verborgenen vorhandenen Abneigung gegen die Kirche, die Überwinderin des alten heidnischen Volksglaubens. Wenn Bertold von Regensburg dem Landvolk gegenüber von den »frumen steten« spricht, so meint er damit den damals kirchlicheren Geist der Städte.
Aber diese _Kirchlichkeit_ war wieder wesentlich eine _äußerliche_. Das Mitmachen der kirchlichen Gebräuche war etwas ganz Selbstverständliches, um so mehr, als die offizielle Kirche alles tat, den weltfreudigen Neigungen wie den praktischen Interessen der Städter möglichst gerecht zu werden. Der Klerus selbst verweltlichte dabei immer mehr: hatte er erst der ritterlichen Kultur sich teilweise angeschlossen, so schwamm er jetzt lustig in dem materiellen städtischen Leben. Im übrigen paßte sich die Kirche nunmehr ganz der größeren Volksmenge und ihrer Art an, immer in dem Bestreben, im Mittelpunkte des ganzen Lebens zu stehen. Es begann einerseits die gegen 1500 ihren Höhepunkt erreichende Zeit eines immer ausgedehnteren, vor allem von Laien getragenen Kirchenbaues, so daß die Zahl der Kirchen in den Städten auf lange Zeit hinaus genügte, andererseits wurden die Kirchen weiträumiger und trugen dem Massenbesuch Rechnung. Zu ihrem Bau wie zu ihrer prunkvollen Ausstattung steuerte mit gewaltigem Schenkungseifer das ganze Bürgertum, nicht nur das reiche, bei. Diese Kirchen wurden der Treffpunkt der Bürger, hier ging man ungezwungen aus und ein, schwatzte, lachte, schrie, hielt Waren feil; hier trugen die Frauen ihren Putz zur Schau. Auf den Kirchhöfen setzte sich das Treiben fort, an die Kirchen klebte man Verkaufsbuden usw. Am großartigsten trat dieser volkstümliche Charakter der Kirche bei den großen Festen, den Prozessionen usw., hervor, deren Gepränge und Pomp wie ein Schauspiel für das ganze Volk wirkten und die auch als Feste des Volkes angesehen wurden. Umgekehrt waren die weltlichen Feste immer auch etwas kirchlich gefärbt, wurden z. B. von feierlichen Messen eingeleitet. Die vielen Bruderschaften und Genossenschaften waren regelmäßig mit der Kirche verbunden, hatten zum Teil ihre besonderen Altäre und waren immer um das Seelenheil eines verstorbenen Genossen durch Stiftung von Messen usw. besorgt. Auf die Zünfte wie auf die Gesellenverbände hatten meist bestimmte Geistliche Einfluß. Die enge Verbindung der Kirche mit allen Ständen ergab sich im übrigen von selbst aus den Beziehungen der zahlreichen Kleriker, Mönche und Nonnen zu ihren alten Angehörigen, die sie auch zu Schenkungen und Stiftungen für die Kirche fortgesetzt anzuregen wußten.