Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Part 7

Chapter 73,635 wordsPublic domain

Der junge Thomas dankte höflich und nahm den Platz ein. »Es muß ja wohl sein, wenn Sie mir Klavierunterricht erteilen sollen. Viel Freude werden Sie nicht an mir erleben.«

»Das wollen wir der Zukunft überlassen. Jedenfalls bin ich dazu da, um Ihr Spiel zu verbessern.«

Er nahm ein Notenheft vor, blickte hinein und schlug lässig an. Es war die Mozartsche Sonate, die er geübt hatte. Lässig spielten die Hände die perlenden Tonfolgen und wischten den Schmelz von den Perlen.

»Sie spielen im Regen, und Mozart zauberte in Sonne, Thomas.«

»Mozart lebte in Wien, und ich lebe in Ruhrort, Fräulein Freydag.«

»Das sind rein körperliche Dinge. Der Geist fragt nicht danach und fliegt auch von Ruhrort aus in die Sonne.«

Ein leichtes Rot lief über des Jungen Gesicht. Unmerklich raffte er sich in der Haltung zusammen, überwand er die Hemmungen und suchte für sein Spiel die stärkeren Ausdrucksmöglichkeiten, dem Meister nach. Die Töne quollen heller, die Farben langten nach dem Goldschimmer, die Läufe erheiterten sich an ihrem Perlenfall. Und langsam, ganz langsam brach aus dem Notengespiele eine Knabensehnsucht hervor.

Angela Freydag sprach kein Wort mehr hinein. Sie rückte einen Stuhl dicht neben den seinen, ließ den Blick nicht von seinen beschwingter werdenden Fingern, griff nur plötzlich nach seinen Handgelenken und zwang sie, zu verweilen, mit jäh verdoppelter Kraft ein Tongewoge aus den Tasten zu schlagen, mit aufgelöster Kraft die Wogen zur Ruhe zu streicheln. Angela Freydag spielte, und des jungen Thomas Hände rührten die Tasten.

»Das haben ~Sie~ gespielt, nicht ich,« sagte der junge Thomas tief aufatmend.

»Ich habe Sie nur in die weitgeöffneten goldenen Fluren hineingestoßen,« sagte die junge Lehrerin, und ihr Atem sprang nicht minder.

»Ich kam aber bedenklich vom Wege ab. Oft ging's ohne Weg und Steg.«

»Auf die musikalische Ausschöpfung kommt's an! Nicht auf die einzelne ordnungsmäßige Note!«

»Ist das im Leben wirklich gerade so, Fräulein Freydag?«

»Ich weiß es nicht. Aber die Musik ist Spiegelbild und Widerhall der Natur, Thomas, und die Hingabe an die Natur heißt Befreiung und nicht neuer kleinlicher Fesselnkram.«

»Wie Sie das trefflich sagen. Wo haben Sie das nur gelernt?«

»Das innerste Wesen der Befreiung? Nun werden Sie lachen, Thomas. Ich habe es in den Fesseln des Lebens gelernt.«

Der junge Thomas streifte mit schnellem Blick die Magerkeit ihrer Gestalt, die billige Kleidung, und schaute geradeaus.

»Soll ich Ihnen jetzt die Juliane zum Vorspielen schicken? Der Justus ist nur schwer heranzukriegen, aber ich werde ihm zureden.« Und er erhob sich, ohne eine Antwort abzuwarten, verbeugte sich höflich und küßte seiner Lehrerin die Hand.

Angela Freydag saß und wartete auf das Mädchen. Und während sie wartete, liefen ihre Gedanken dem Jungen nach. Klug war er über seine Jahre. Klug und verwöhnt. Und weil er vom Leben verwöhnt war, reckte sich seine Klugheit in die Frühreife und nahm die Geschehnisse des Lebens nicht für ernsthaft.

War Kornelius Vanderwelt in seinem Sohne?

Die zwölfjährige Juliane stand vor ihr, und sie hatte sie nicht eintreten hören. Mit kecken Augen, kurzen Gebärden.

»Thomas sagt, ~ich~ wär' an der Reihe.« Und sie hockte sich auf den Sitz und spielte auswendig darauflos.

»Was ist es, Juliane? Wer hat denn das in Musik gesetzt?«

»Ach, Fräulein Freydag, Namen kann ich so wenig behalten wie die Jahreszahlen in der Geschichtsstunde. Hauptsache ist doch, daß man Musik macht.«

»Ja, mein kleines Mädchen: wenn man Musik ~machen~ könnte. Du kannst einen Lärm von Tönen machen oder ein Gehack auf dem Klavier, wie der Holzhauer Holz hackt, aber Musik kannst du nicht machen, du kannst sie nur in der Seele empfinden, so dankbar empfinden, daß du sie weiterleiten möchtest in andere Menschenseelen.«

Das kleine Mädchen aber war ärgerlich, weil es ein kleines Mädchen genannt worden war.

»Seele!« wiederholte es geringschätzig. »Seele! Man spielt doch zum Vergnügen. Wollen Sie einen Walzer hören?«

Nein. Angela Freydag wollte keinen Walzer hören. »Ich weiß jetzt, was du kannst und wo instandgesetzt werden muß, Juliane. Am besten, wir beginnen morgen ganz von neuem und bauen von unten auf. Wenn wir fleißig sind -- und wir ~sind~ fleißig, Juliane -- haben wir das, was du heute zu können glaubst, in sechs Wochen wieder. Aber nicht nur äußerlich, Juliane.«

Und das kleine, vorlaute Fräulein fragte spöttisch: »Ja, üben wir denn Klavier oder üben wir Seele?«

»Ich fürchte, du und ich, wir werden nur Klavier üben. Das aber, ich verspreche es dir, gründlich.«

Da duckte sich die Kleine, sah furchtsam nach der steilen Furche in der Stirn, knickste und schlüpfte hinaus.

Wie kam Kornelius Vanderwelt zu dieser Tochter? Berechnung und Gefallsucht hatte dieser Mann doch nicht zu vererben? Oder stümperte die Natur und brachte in der Entwicklung Sprünge in den Guß, ließ die Sprünge zu weiterfressenden Fehlern werden, schuf Künstlertum um in kaltes Laientum? Nein, sie stümperte nicht, die Natur, nur rücksichtslos offen zeigte sie, daß es ihr genug sei mit dem einen und daß für die Geschlechtsnachfolger nur die Überreste des Gießererzes zur Verfügung stünden.

Und dann kam Justus, der älteste, stolz und zufahrend, wissend und seines Namens bewußt. Angela Freydag fuhr aus der Verkettung der Gedanken auf, als sie seinen Schritt vernahm, der wie der Schritt des Vaters erklang.

»Bitte, Fräulein Freydag, machen Sie es gnädig mit mir. Ich habe einen Krach mit dem Lateinlehrer, und nun soll er in meiner Rüstung auch nicht den geringsten Riß finden, seinen Dolch hineinzustoßen.«

»Das nenn' ich eine ritterliche Rache, Justus.«

»O nein. Ärgern soll er sich. Nun erst doppelt und dreifach.«

Auch er spielte die Mozartsche Sonate. Er spielte sie geläufig und mit verblüffender Kunstfertigkeit, aber es war für Angela Freydags Sinnenempfindsamkeit wohl ein Feuerwerk, aber nicht das Feuer. Nicht das echte Feuer, das darum hinreißt, weil es sich selber hingibt.

»Ich danke Ihnen, Justus. Ich weiß für heute genug und möchte Ihre Rachepläne nicht stören.«

»Ich werde ihm schon seine Anrempelungsgelüste legen,« sagte der Junge hochfahrend, machte seine knappe Verbeugung und ließ Angela Freydag am Flügel allein. Und während Angela Freydag mit ausgestreckten Händen eine Trübung von den Tasten strich, ohne die Tasten zu berühren, suchte sie auch diesen Sohn in ein Gleichnis zu seinem Vater zu bringen, und er erschien ihr als der unähnlichste, weil er sich der ähnlichste dünkte.

Sie fror. Und sie dachte an Kornelius Vanderwelt und spürte eine strömende Wärme.

Das war es.

Ihre Finger streckten sich aus und brachten ein paar Tasten zum Klingen. Mehr, mehr. Aus dem Klingen wurde ein Klang. »Das war es.« So hatte auch Kornelius Vanderwelt gesprochen, so und nicht anders, als seine Hände wie Pranken in ihre Schultern griffen. Wahrhaftig, dachte sie, die Schultern schmerzen. Aber es ist ein Schmerz, den man nicht eintauschen möchte gegen tausend Schmeicheleien. Weil er wie ein Ritterschlag ist.

Immer belebter wurde ihr Spiel, immer kraftvoller, hinreißender. Sie spürte nicht, daß die frühe Dunkelheit des Herbsttages in das Zimmer einbrach und alle Ecken füllte. Sie spürte nicht, daß das alternde Fräulein eintrat, schweigend verharrte und schweigend das Zimmer wieder verließ. Angela Freydag spielte, spielte aus dunkel empfindendem, sehnsüchtig begehrendem, jungem, jungem Herzen heraus, was in ihm wogte und nach Licht begehrte, nach Leben. Dem Leben, für das sie nach dem kümmerlichen Hinleben und Lebenfristen keinen anderen Namen wußte als: das Leben.

Und brach mitten im Spiele ab und fuhr steil in die Höhe.

»Sind Sie so schreckhaft, Fräulein Freydag, oder sind Sie es nur vor mir?« fragte neben ihr Kornelius Vanderwelts Stimme.

»Schreckhaft?« wiederholte sie. »Schreckhaft? Nein, ich weiß gar nicht, was Angst bedeutet.«

Und in ihr lachte die Freude, daß der Helfer aus der Not wieder neben ihr war.

»Sie hatten sich so dicht in ihre Tonbilder versponnen, daß Sie mich gar nicht gewahr wurden, Fräulein Freydag.«

Doch, doch. Auf der Stelle war sie ihn gewahr geworden. Mitten im wuchtigsten Tongewoge, das sie zerriß, um ihn sehen zu können. Und sie sah ihn in der Dunkelheit wie bei Tage.

Plötzlich füllte blendendes Deckenlicht ihre Augen. Aber die Augen schlossen sich nicht und hielten stand.

»Es schmerzt nicht,« sagte er und hielt seine Hand über ihre Augen. »Man muß Licht und Dunkel gleichermaßen ertragen können.« Und sie schüttelte hinter seiner Hand den Kopf und wiederholte. »Es schmerzt nicht. Es tut wohl.«

»Was haben Sie mit dem Nachmittag begonnen, Fräulein Freydag?«

Seine Hand sank nieder. In zwei Kirchensesseln saßen sie sich gegenüber, und Angela Freydag berichtete von ihren Prüfungsversuchen und Erfahrungen. Aufmerksam hörte Kornelius Vanderwelt ihr zu.

»Es ist keine Kleinigkeit mit Ihren Schülern. Fahrig sind sie alle drei. Und doch grundverschieden. Bei dem einen wird vielleicht einmal, wenn das Leben gründlich hämmert, eine Goldquader zutage treten, während es bei den anderen« -- er strich sich über die Stirn -- »bei Glimmer oder Katzengold verbleiben wird. Nun, die Zeit wird es lehren. Haben Sie nach dem Ausfall Ihrer Prüfungen noch den Mut, auch noch den Schöpfer dieser drei Herrlichkeiten als Schüler anzunehmen?«

»Das ist nicht Ihr Ernst, Herr Vanderwelt ...«

»Halten Sie mich für einen so hoffnungslosen Fall?«

»Ich halte Sie für einen -- für einen hochstehenden Kulturmenschen, der sich über mich lustig macht.«

»Dann führen Sie diesem Kulturmenschen mal die Kraft und Größe Ihrer Natur vor die Augen.«

In ihre Stirn sprang die Furche, in ihre Augen der aufflackernde Funke.

»Ich werde mit Ihnen spielen, wenn Sie es wünschen, Herr Vanderwelt.«

»Nun wollen wir zu Tisch gehen. Fräulein Bilsenbach wird schon unglücklich sein. Ein geschäftliches Wort noch, und dann nichts mehr davon: Das Entgelt für Ihre Mühen finden Sie an jedem Monatsersten auf Ihrem Zimmer vor. Eine Bestätigung ist überflüssig. Und jetzt schnell meinen Arm.«

Da schoß ihr vor Freude das Blut ins Gesicht und machte sie schwer und unbeholfen an seinem Arm.

»Was haben Sie?« fragte er und beugte sich besorgt über sie.

Und sie riß sich zusammen und schritt federkräftig an seiner Seite.

»Es war nur der Wechsel,« sagte sie, und ein fernes Lachen schwang mit. »In den ›Fünf Erdteilen‹ gab es gestern ganz andere feierliche Gebräuche.«

Es war das erste Mal seit Jahren, und das alternde Hausfräulein wußte sich nicht des Tages zu entsinnen, wann es gewesen sein könnte, daß Kornelius Vanderwelt nach der gemeinsamen Abendmahlzeit sich nicht in sein Zimmer zurückzog, daß er nicht nach kurzer Ruhepause, die er einem Buche widmete, das schlummerversunkene Haus wieder verließ. Schon hatten sich die Kinder zur Nacht verabschiedet, schon hatte das Hausmädchen das Geschirr abgetragen, und immer noch saß der Hausherr vor der Flasche Wein, die auf seinen Wink vor ihn hingestellt worden war, füllte die Gläser nach, die vor seinen Nachbarinnen standen, tat selber zuweilen einen behaglichen Zug und lockte durch sein fröhliches Plaudern zuletzt sogar das Geplauder der zurückhaltenden Frauen hervor.

Einmal entdeckte er, wie sich die Hand des arbeitsmüden Fräulein Bilsenbach verräterisch zum Munde hob.

»Noch einen Abschiedsgesang an den Tag,« bat er. »Ein Erntedanklied. Nein, Fräulein Bilsenbach, ich mute es Ihnen nicht zu, noch eine Stunde im Musikzimmer auf der Bank zu sitzen. Sie haben des Tages Last und Mühen mehr als wir alle getragen. Seinen Kleinkram nämlich. Gute Nacht, schlafen Sie recht wohl.«

Er erhob sich gemeinsam mit den beiden Frauen und forschte in den Augen der jüngeren, und er sah, daß die Augen Angela Freydags so wach waren, wie am hellen Tage. Er winkte ihr zu, und sie beugte sich über die Hand der älteren und folgte ihm.

Das Musikzimmer lag feierlich still im Glanz der Deckenlichter. Als schritten sie durch eine Kapelle, so schritten sie hindurch zum Hochaltar des Flügels. Kornelius Vanderwelt schlug ein Notenbuch auf, blätterte und rückte es auf den Notenhalter. »Brahms?« fragte sie leise und froh. Er nickte. »Seine Gedanken über Händel. Ein Gespräch zwischen zwei Geistesriesen. Es ist zu vier Händen gesetzt.«

Er vertauschte den Klavierstuhl mit einer kurzen Bank. Und sie saßen dicht nebeneinander, daß der eine den Bluttakt des anderen wie den gleichen Pulsschlag fühlte. Angela Freydag neigte das Haupt. Sie begannen.

Schwer und spröde rangen sich die Bekenntnisse der Brahmsschen Seele hervor und huldigten dem Geiste des großen Abgeschiedenen. Und aus der Unsterblichkeit antwortete der deutsche Riese, und was er dem jüngeren zurief, übersetzte der Schwerblütige in die eigene Sprache, bis sie, des unsterblichen Geistes voll, sich freirang von der Erdenschwere und sich in Klängen ausströmte über Menschenworte hinaus von Geist zu Geist.

Die Hände ruhten. Eine Röte flackerte über Kornelius Vanderwelts Stirn, und Angela Freydags Stirn war erblaßt.

»Man darf nicht nachlassen, man darf nicht nachlassen,« murmelte der Mann. »Die Schale mag so rauh und widerborstig sein, wie sie will -- irgendwo, irgendwo findet der Suchende doch den süßen Kern. Ach, über das ewige Suchen!«

Er klappte den Deckel zu. Seine Augen schweiften nach der Diele. Eine Wanduhr schlug.

»Sie wollen schlafen gehen --?« fragte das Mädchen scheu.

»Schlafen? Suchen gehen will ich. Suchen. Mit der Gewißheit, nur leere Schalen zu finden, die man mit Wein hinunterspülen muß.«

Da tastete das Mädchen nach des Mannes Hand und wußte selber nicht, woher es seinen Mut nahm.

»Tun Sie es nicht, Herr Vanderwelt. Bitte, tun Sie es nicht. Sie sind zu gut dazu.«

»Wozu?« fragte er barsch zurück. »Und was wissen Sie von meiner Gutheit? Nein, lassen Sie Ihre Hand nur liegen, wo sie liegt. Sie redet greifbarer als Ihre Worte. So muß die Hand Brahms' geredet haben, wenn ihm der Erdenmund versagte.«

Ganz locker lagen ihre Finger um seine große Hand. Sie wartete mit der Geduld eines Kindes.

Da begann er zu sprechen und griff auf ihren Anruf zurück.

»Wozu sollte ich zu gut sein ... Ach, es ist der Wildwestabend, der Ihr Mädchengemüt beschwert. Wissen Sie denn nicht, daß ich Tag um Tag Kohlen verfrachte, Kohlen in Kähne und Kähne voll Kohlen stromauf und stromab? Die halbe Welt kann man damit anheizen und brennt selber dabei leer wie ein Krater. O gewiß, ein jeder Mensch hat seinen Beruf und findet sein Glücksbehagen darin, ihn auszufüllen. Ich gehöre aber nicht zu diesen Glücklichen und viel weniger noch zu diesen Behaglichen. In mir ist eine Unze Blut zu viel! Weshalb zucken Sie mit den Fingern? Eine Unze Blut zuviel ist ein Gnadengeschenk des Herrgottes oder eine seiner wilden Launen.«

»Beides stammt aus seinem Willen, und wir sind seine Kinder,« sagte sie hastig.

»Sieh einer den Klügler! Dann wäre es aus mit Sünde und Sündenbereuung, und die Unze Blut mehr rechtfertigte uns vor Gott und den Menschen.«

»Gott«, sagte sie langsam, »ist mir zu groß und zu fern, und die Menschen sind mir zu nah und zu klein. Ich muß den Glauben haben, daß mir der Schöpfer aller Kreatur die Unze Blut nicht unnütz zugegeben hat.«

»Unnütz, Sie kleine Sternendeuterin? Was nennen Ihre Mädchengedanken -- nein, Ihre Künstlergedanken unnütz?«

»Wenn es nicht nützte, das Schöne vom Gemeinen zu unterscheiden und mich selber über den Alltag der Menschen emporzuheben.«

Kornelius Vanderwelt streichelte die kaltgewordene Hand.

»Bleiben wir beim Gegenstand. Nach einer Brahmsschen Musik sehen wir zu leicht durch eine überirdische Brille. Mich trieb die Unrast des Blutes in Jünglingsjahren auf die See, und ich durchstürmte die Entwicklungsjahre in den Meeren aller Erdteile. Es war nichts als eine dunkle Sehnsucht. Ein Drang, von irgendeiner Erdenschwere meine Brust zu befreien, zum Genuß des Unsagbaren zu gelangen. Es hätte mich ebensogut auf eine Hochschule für Musik treiben können.«

»Ja,« sagte sie nur, »es ist wohl dieselbe Sehnsucht.«

»Nur keine Kopfhängerei,« gebot er hart. »Die heulenden Derwische waren mir immer das greulichste. Ich habe zugepackt und jedes Ding auf meine Sehnsucht untersucht und hohl gefunden und wieder zugegriffen. Zum Schlusse blieben mir nur noch grobe Gehäuse in den Händen mit rasselnden Kernen. Der Matthes aus den ›Fünf Erdteilen‹ fuhr auch als Matrose, und wir waren schon in allen richtigen fünf Erdteilen zusammengetroffen, bevor wir uns nach dem Tode meiner Frau in seiner Kneipe wiederfanden.«

»Frau Vanderwelt starb schon jung?« -- --

»Sieht man mir das Kneipenlaufen so sehr schon an?« scherzte er. »Ich war fünfundzwanzig Jahre und Offizier in der Handelsflotte, als die junge Ruhrorter Erbtochter mich sah und nicht mehr von mir ließ. Wohlgemerkt: ich ließ ebensowenig von ihr! Da gab's nur Heiraten. Und das Geschäft übernehmen. Drei Kinder hat sie mir geschenkt und sich selbst. Sich selbst bis in den Rest. Und das Licht erlosch und es wurde dunkel und in der Dunkelheit wurde nichts mehr geboren als nur dunkler Drang, unstetes Übersichselbsthinaussehnen ...«

Er schwieg eine Weile vor sich hin.

»So kam ich zum Matthes. Der Kerl war für mich nichts als ein Ankerplatz heftig schwärmender Erinnerungen. Für Sie aber war es der unrechte Ankerplatz, und ich freue mich, daß ich Sie aus der Wetterecke wieder hinauslotsen durfte.«

Auch das Mädchen schwieg eine Weile vor sich hin. Und dann sprach es unaufgefordert und eilend.

»Die Wetterecken waren mir vertraut genug. Ich habe als Kind in mancher Wetterecke gestanden und auf meinen Vater gewartet. Er war ein so großer Kapellmeister gewesen, wie meine Mutter eine große Sängerin gewesen war. Bevor sie sich heirateten. Da zerschlugen sie gegenseitig ihre Kunst aus kleiner, ganz kleiner körperlicher Eifersucht heraus. Die Mutter fuhr dem Vater lärmend in die Proben und Unterrichtsstunden, immer argwöhnisch, seine Künstlerbegeisterung für eine Sängerin hätte andere Gründe. Der Vater, mehr und mehr seiner Persönlichkeit entkleidet, suchte im Leben der Mutter, um aus der Tiefe auftrumpfen zu können. War die Mutter beschäftigt, so trank der Vater in der Wetterecke. War der Vater beschäftigt, so trieb die Unrast die Mutter lauschend durch die Gassen. Bald habe ich auf den einen, bald auf den anderen in einer Ecke, in einem Torgang gewartet. Bis sie sich um die letzte Stelle gebracht hatten und im Haß aufeinander verstarben. O ja, die Wetterecken sind mir vertraut geworden.«

Kornelius Vanderwelt strich ihr mit der flachen Hand über Schulter und Rücken, als beruhigte er ein Kind.

»Menschenkindlein -- Menschenkindlein -- wer sich in der Irre und Wirre begegnet, ist sich nicht fremd.«

Sie schloß die Augen unter seinem zarten Streicheln. Wie vor einem unbekannten Geschehen.

Wieder schlug die Dielenuhr. Das Mädchen öffnete die Augen und heftete sie auf den Mann.

Kornelius Vanderwelt schüttelte den Kopf.

»Sie ruft nicht mehr nach mir. Der Matthes wird seinen Schlummerpunsch alleine trinken. Ich weiß einen Schlaftrunk, der über den Alltag hinweghilft und doch die Sinne jung erhält. Ihre Musik, Mädchen. Ihre innerliche Musik. Spielen Sie mir noch einmal die Sonate von Beethoven, und wir wollen zur Ruhe gehen.«

Angela Freydag setzte sich aufrecht. Die Müdigkeit, die sie überkommen hatte, schüttelte sie ab. Über ihr Gesicht lief ein Zucken -- ein Aufhorchen fern, fernhin. Und der Körper gab den Händen nach und die Hände vergaßen den Körper und wandelten sich zu fremden Wesen, taumelnd, trunken, in Stürmen standhaltend, aus unermeßlichen Freiheitswonnen heimkehrend zu den auserlesenen Händen Angela Freydags. -- --

Kornelius Vanderwelt verließ seinen Platz. Aber er trat nicht auf die Erschöpfte zu. Er ging mit leisen Schritten durch die Verbindungstür in sein Arbeitszimmer, suchte aus den Büchergestellen einen Band hervor und brachte ihn aufgeschlagen herein.

»Ich muß Ihnen doch irgendeinen Dank sagen. Lesen Sie.«

Sie nahm das Buch aus seinen Händen und sah, daß es ein Gedichtbuch war. Und das Gedicht, das er für sie aufgeschlagen hatte, trug die Überschrift: »Sonate«.

Du spielst ... Ich will nicht wissen, was es sei -- Am Flügel lehn' ich. Nur der Finger Fliehen Und Wiederkehr seh' ich vorüberziehen Wie Falterspiel im reichen Blütenmai; Wie Mondesstrahlen, die im Dämmer geistern, Die, wundersam, wohin ihr Weg sie führt, Zum Klingen bringen, was noch unberührt -- Und wie die Hände stolz den Flügel meistern, Blaß wie die Farbe seines Elfenbeins Hin~stürmen~ -- jetzt wie ~Hauch~ die Tasten fächeln -- Sucht, einen Herzschlag lang, dein Auge meins -- Da träumt in deinem Blick für mich ein Lächeln ...

Wie fern die Welt! Still wird des Blutes Tosen. Ich lieg' in eines Parks vergeßner Ruh', Die wehenden Gräser decken tief mich zu, An meinen Schläfen spür' ich ein Liebkosen, Scheu, spielend, wie von schlanken Frauenhänden, Als würd' die Stirn gestreift von weißen Faltern -- Um mich ein Duft, den seltne Lilien senden -- In mir ein Glück: -- nie -- niemals -- kann ich -- altern ...

* * * * *

»Gute Nacht,« klang die Stimme des Mannes.

»Gute Nacht,« klang die Stimme des Mädchens, das das Buch in den Händen behielt. -- -- --

An diesem Abend wurden Kornelius Vanderwelt und die junge Angela Freydag Freunde.

4

Nie war aus Kornelius Vanderwelts Wesen ein größerer Ernst hervorgewachsen als in dem Winter dieses Jahres, als in dem neuen Frühling und dem neuen Sommer, der in Blüten rauschte, um Früchte zu reifen. Kein grüblerischer Ernst, der die Blätter der Vergangenheit durchstrichen hätte um einer neuen Lebensführung willen. Ein Mannesernst, der aus der Freude geboren und so tief von den Freudenwehen der Geburt durchtränkt war, daß er die Freuden des Daseins bald als ein Heiliges zu nehmen gezwungen war, als kristallene Quellen, die in der Stille am lautesten riefen und das Verlangen köstlicher tränkten als der Lärm der Nachtwachen. Wohl, daß Kornelius Vanderwelt, wenn sein Weg ihn durch die Hafengassen führte und an dem stürmischen Kap ›Zu den fünf Erdteilen‹ vorüber, dem Matthes ein übermütiges Wort zuwarf, wohl, daß er wie bisher das Gedränge der Schiffer vor der Schifferbörse durchschritt und sich durch heiße Laune und klaren Ratspruch die Herzen gewann. Aber es war ein anderer Klang seines Starkmutes, der sich zur führenden Note durchrang, ein klingenderer Klang, wie aus einem nachgeschliffenen Glase, der die Augen aufblicken machte und die gröblichste Zudringlichkeit entfernte. Die Zechbrüder und geringen Geister zogen ein Maul und meinten wohl gar, der Kornelius Vanderwelt sei nun auch unter die ›Herren‹ gegangen. Die Ernsthaften des Gewerbes aber blickten auf sein wirksames Tun und gaben der Ansicht Ausdruck, daß es für den Ruhrorter Hafen eine noch viel stärkere Auswirkung haben werde, wenn der Mann der kleinen Leute für die Großen nicht als der Spaßmacher gelte, sondern als zuverlässiger Posten in der Gesamtbuchführung.

Wenn auch Kornelius Vanderwelt nicht mehr durch die Ungebundenheit der Führerbegabung die lärmenden Nachtwachen verstärkte, so war er doch zu gegebenen Zeiten an den Tischen der ›Erholung‹ anzutreffen, erzielte unter den Größen des Handels zunächst einige Verwunderung, wurde eine Weile mit der gebotenen kaufmännischen Zurückhaltung angehört, allmählich aber mit der geweckten Teilnahme der Weitsichtigen und Überragenden, die die Bedeutung des Mannes als Stürmer und Dränger bald erkannten und für die eigenen Großpläne im Hafengetriebe nicht missen mochten.