Kornelius Vanderwelts Gefährtin
Part 8
»Nur das Wasser verbindet die Erde,« betonte Kornelius Vanderwelt immer wieder. »Wer zur See gefahren ist, weiß es am besten und weiß vor allem, wie winzig die Erde ist und wie sich das Leben darauf zusammenballt. Nur das Wasser vermag die Erde zu entlasten, nur das Wasser, meine Herren, weil es nur Straße und nichts als Straße ist. Und gerade dort, wo sich das Land in einem nicht absehbaren Gebärungsverfahren befindet wie im Lande der Kohle. Wasser heran und immer wieder: Wasser. Der Herrgott hat unserer Stadt, hat dem ganzen umliegenden Gebiet ein großes Pfund gegeben, und mit einem Pfunde soll man, schon nach dem Bibelwort, wuchern. Dieses Pfund ist der nutzbringendste Binnenhafen der Welt. Nutzbringend nicht nur für die Lebenden. Das hieße einen Fischteich leerfischen und austrocknen lassen. Nutzbringend für uns, für die, die nach uns kommen und letzten Endes für die gesamte Menschheit, die die Arme nach der verbilligten Kohle streckt. Denn die Kohle ist der Urstoff allen Lebens, ist Heizkohle und Öl, Farbstoff, Heilmittel, Wunder und Wahrheit. Leiten Sie sie der Welt so zu, daß auch der Ärmste danach greifen kann, daß ihm aus Wunder Wahrheit wird, nämlich die Lebensberechtigung und die verstärkte Freude an dem bißchen Leben. Und fürchten Sie sich nicht vor dem gesteigerten Wettbewerb, den neue Hafenbecken, neue Kanäle zwischen den Städten und Stromgebieten, neue Zufahrtstraßen zu den Seehäfen und somit zur ganzen, weiten Welt hervorrufen könnten. Gesteigerter Wettbewerb heißt Steigerung unserer Kräfte, und ich wiederhole es: wir sind nicht zum Schlafen auf die Welt gekommen.«
Aber es war nicht nur ein Reden, es war auch ein werktätig Handeln. Bei den Strombaubehörden und Hafenverwaltungen holte er sich Rat und arbeitete die gewonnenen technischen Erfahrungen immer wieder mit den mitbestimmenden kaufmännischen Gesichtspunkten zu einer Einheit zusammen, die er Prüfungen unterzog, umgestaltete, klärte, bis er seine Ergebnisse den ausschlaggebenden Stellen vorlegen konnte und nicht locker ließ, bis der Kampf entbrannte.
»Er ist wie ein Wolf,« hieß es oft und öfter von ihm. »Was er packt, hält er fest und läßt sich eher totschlagen, als es freiwillig wieder loszulassen.«
Im Geschäft hatte Beckenried gute Tage. Er brauchte nicht mehr in ängstlicher Hut zu sein, zur Zielscheibe unliebsamer Scherze zu dienen. Er fand den Geschäftsherrn stets gesammelt und auch bereit, des Mitarbeiters Stimme zu würdigen. Nur die Ausnutzung des Geldes bis in seine letzten Wirkungen ließ sich Kornelius Vanderwelt so wenig vorschreiben wie in früheren Tagen, und jede Mahnung des trockenen Rechners schob er mit den Worten zur Seite: »Sie sind eben nur ein Lebewesen, lieber Beckenried, und kein lebendiger Mensch.«
Nach wie vor galt Kornelius Vanderwelt das Geld als Schlüssel zum erweiterten Leben.
»Wenn wir Ruhrort zum bedeutendsten Binnenhafen der Welt erheben wollen, lieber Beckenried, dürfen seine Anwohner keine Pfennigkrämer, müssen sie Menschen von Weltempfinden sein. Und Weltempfinden verlangt: die Welt erleben bis in die letzte Pore und beitragen, daß sie uns lebenswert bleibt. Mit Klageweibern bringen Sie das nicht zustande, wohl aber mit notbefreiten Geschöpfen.«
»Sie werden Notbefreiung säen und Habgier oder Verschwendungssucht ernten, Herr Vanderwelt.«
»Nicht bei allen. Und um die, auf die Ihr Seherwort zutreffen sollte, ist es nicht schade. Hingegen glaube ich, daß gegen eine kleine Gehaltsaufbesserung selbst Sie nichts einzuwenden hätten.«
Nein, Herr Beckenried hatte ~nichts~ dagegen einzuwenden, und er bedankte sich mit einem stillen Geschmunzel. Und die Herren im Hauptkontor erhoben sich, als Kornelius Vanderwelt am Abend den Raum durchschritt, von ihren Sitzen und machten ihrem Brotherrn ein paar erregte Dankesverbeugungen, denn auch sie waren bei dem stark gehobenen Geschäftsgang nicht vergessen worden.
»Lassen Sie sie in Gottes Namen auf ihre Art selig werden,« erwiderte am nächsten Morgen Kornelius Vanderwelt auf die grämliche Anklage Beckenrieds, die Herren seien in der Frühe mehr ins Kontor hineingetaumelt als hineingegangen. »Die Hauptsache ist nämlich das ~Selig~werden. Die ~Art~ hängt vom persönlichen Geschmacke ab, und der klärt sich.«
Es war ein Jahr der Selbsterkenntnis für Kornelius Vanderwelt geworden, und die Erkenntnis seiner selbst war ihm gekommen durch die Erkenntnis des jungen Geschöpfes an seiner Seite.
Denn Angela Freydag war ihm zur Seite, wo er ging und stand. Er mochte sich dagegen wehren, und er hatte es lange genug getan, er fand, ob er durch das Gewoge vor der Schifferbörse schritt, ob er die Häfen durchkreiste oder in der Stille seines Sonderkontors hinter Abmachungen und Planungen hockte, seine Gedanken immer wieder in einer Art Zwiesprache mit ihr, wie sie der Meister mit dem bevorzugten Lehrling hält, und unwillkürlich richtete sich seine öffentliche Haltung wie seine innerliche nach den gläubigen Mädchenaugen seines Gedankenbildes.
Und die Einbildung wurde zur Wirklichkeit, je weiter der Winter fortschritt und die Abende sich dehnten in die Feierstunden des Advents und in die tieferen Besinnlichkeiten der Seele.
»Sonst«, sagte er zu seiner Begleiterin auf dem Flügel, »pflegte ich den ungeklärten Empfindungen aus weihnachtlicher Zeit kurzer Hand bei Freund Matthes den Garaus zu machen. Heute lasse ich mich davon einlullen, ich weiß nicht wie, und könnte mich stundenlang mit Ihnen über das Christkind unterhalten. Wenn es keine Alterserscheinung ist, muß es doch wohl die Jugend in mir sein.«
Und Angela Freydag erwiderte: »Es ist die Jugend.«
»Das ist eine Behauptung und kein Beweis.«
»Was man empfindet, braucht man nicht zu beweisen. Sie empfinden ja auch die Hand des Schöpfers, ohne sie in Worten beschreiben zu können.«
»Hübsch gesagt. Nur spielt meine Jugend bei dem Vergleich eine sehr nebensächliche Rolle.«
»Nein, nein. Das glaube ich nicht. Es gibt keine Größenverhältnisse, wenn das Gefühl spricht.«
»Wollen Sie es nicht ein wenig mehr sprechen lassen, Fräulein Freydag? Es ist so ein schummeriger Abend. Draußen fällt der Schnee wie weiche Watte, die ganz dicken Flocken pochen mit Geisterfingern an die Scheiben, und wo selbst die schwarzen Kohlenhalden Hermelinmäntel tragen, dürfen wir uns wohl auch für ein Stündchen in einen Märchenmantel wickeln.«
Sie schlug mit suchenden Fingerspitzen ein paar Töne an, die im Raume hängen blieben.
»Es ist kein Märchen, es ist Wahrheit, daß Sie jünger sind als wir alle. Von den anderen will ich nicht sprechen. Weil Sie es wünschen, von mir. Vielleicht ist es mir selber noch gar nicht zum Bewußtsein gekommen, was Jugend ist und was sie sein kann. Vielleicht ist sie eine große, große Kunst und nicht jedem gegeben. Ganz sicher aber bin ich, daß Sie die Kunst besitzen. Wie ein Musikstrebender die Kunst der Meister verspürt und nicht erst nach der Haarfarbe der Meister sieht. Ja, das scheint wohl ziemlich töricht dahingeredet.«
»Die Märchen um Weihnachten herum«, meinte Kornelius Vanderwelt, und auch seine Hände suchten ein paar Tasten und brachten sie zum leisen Weiterklingen, »erscheinen ~auch~ oft in törichtem Gewande. Wissen Sie auch, weshalb? Weil sie nur für die Törichten erfunden sind und nicht für die Tüftler und Neunmalweisen. Und Jugend muß wohl eine besonders süße Torheit sein, sonst würden sich die Erleuchteten unter den Menschen nicht so schrecklich ihrer schämen.«
»Nein, das haben Sie nie getan und werden es auch niemals tun.«
»Mein Wort darauf: nein. Und wenn Sie es wollen, will ich Ihrem dunklen Tasten immer Lehrmeister sein, so wie ich Ihr ernsthaftester Schüler wurde in der Erschließung unserer musikalischen Welt.«
»Es geht wohl um das gleiche,« sagte Angela Freydag sinnend.
Und dann begannen sie ihr Zusammenspiel. --
Es war nicht die leichteste Aufgabe, die Angela Freydag im Hause Kornelius Vanderwelt zugefallen war. Der Unterricht der Kinder gestaltete sich selten zu Feierstunden und es gab mürrische Mienen, trotzige Worte oder stumme Widerstände fast täglich zu überwinden. Angela Freydag überwand sie. Sie überwand sie mit dem Ernst ihrer Augen, in deren Tiefe urplötzlich ein Funke aufspringen konnte wie eine drohende Lohe. Und sie überwand sie mit einem jähen Streicheln ihrer Hand, das die Kinder überraschte und benommen machte. Dann hatte Angela Freydag gedacht: es sind Kornelius Vanderwelts Kinder.
Es war auch nicht die leichteste Aufgabe, ihre Stellung neben der langjährigen Vertreterin des Hauses zu wahren und zu festigen. Hatte auch das alternde Fräulein niemals ihren Wünschen so weiten Lauf gelassen, dem Hausherrn im Arbeitszimmer oder im Musikzimmer abendliche Gesellschaft leisten zu dürfen, so erregte doch die Gewährung solcher Vorrechte an die Fremde einen Kampf in ihrem Innern, der sich nur bis zur wortkargen Duldung des Eindringlings beschwichtigen ließ.
Kornelius Vanderwelt gewahrte es bald.
»Weshalb schließen Sie sich aus, Fräulein Bilsenbach?« fragte er freundlich. »Sie sollten Unterricht bei Fräulein Freydag nehmen.«
Das Fräulein wies die Zumutung, eine Schülerin abzugeben, mit Entrüstung zurück.
»Ich bin zu alt dazu, um noch in die Lehre zu gehen, Herr Vanderwelt.«
»Ich würde, wenn ich wüßte, es gäbe irgendwo eine Schönheit des Lebens zu erlernen, tausend Meilen zu Fuß pilgern. Und wenn ich das Asthma hätte.«
Mit diesem Versuch war die Angelegenheit endgültig für ihn abgetan.
»Fräulein Freydag,« bat er, als sie am späten Abend in der Stille des Arbeitszimmers über ein Dichterwerk gebeugt saßen, »vergessen Sie unter keinerlei Umständen, daß Sie ~mir~ zuliebe in diesem Hause sind.«
Sie hob den Kopf und sah ihm stumm in die Augen.
Und dann blätterten sie weiter, und Kornelius Vanderwelt deutete ihr an dem einen Abend die Dichter und an dem anderen Abend die Maler und Bildhauer der Zeiten. Er wies ihr die Baustile und ihre größten Meister und brachte alles, was er von den Meistern wußte und in ihnen lieben gelernt hatte, in ein Gleichnis von musikalischen Formeln, damit die Musikerin in ihr leichter die Wege fände. Da war es oft, daß sie mit Ausdrücken um sich warfen, als behandelten sie statt eines Wortgemäldes, eines farbigen Bildes oder steinerner Bauformen eine Beethovensche Symphonie, und die Tasten des Flügels erklingen ließen, um sich leichter Rede und Antwort zu stehen und die Fragen der Schülerin zu klären. Oft auch, daß sie auserwählte Gedichte lasen und das Ergebnis ihrer Empfindungen auf dem Flügel mit dem Stimmungsgehalt der Tonschöpfungen verglichen, die das Gedicht als Lied neu geboren hatten, und Brahms und Schubert, Schumann und Mendelssohn sangen durch den Abend, und Hugo Wolf und Richard Strauß antworteten in ihren Weisen.
Wie zwei junge Menschen gleichen Alters saßen sie an solchen Abenden Schulter an Schulter, und die Schülerin tat hastige, frohe Atemzüge der Erkenntnis, und der Lehrer steigerte sein Wissen, um dem Erwachen der Schülerin Schritt zu halten. Während sie aber lehrten und lernten, lernten und lehrten, fühlte das Mädchen, wie die schweren Nebel der Vergangenheit sanken, wie die verschlossen gebliebenen Türen und Fenster ihrer Wesenheit sich öffneten und Licht und Wärme nie geahnter Art hineinwogten, die das Bewußtsein ihres Lebens aufwühlten, mit Schauern der Freude füllten und es aufschnellen ließen wie zitterndes Reis nach der Sonne; fühlte der Mann, wie Hasten und Lasten der Gegenwart gleich Fremdkörpern aus dem Blute wichen und die Vergangenheit, dort, wo sie am schönsten gewesen war, die Augen aufschlug und sprach: Nein, ich bin noch nicht tot.
Da war es, daß Angela Freydag ihre wundgelaufenen Füße nicht mehr spürte und Kornelius Vanderwelt nicht mehr sein wundgehetztes Hirn. Als sie sich beide auf dem Wege zur Jugend trafen und der eine Weggenoß den anderen staunend bei der Hand nahm.
Wie verklärt sie aussieht, dachte Kornelius Vanderwelt. Die Erkenntnis ihrer Jugend hat ihre Jungfräulichkeit gereift. Und er sagte laut: »Angela! Angela bedeutet Engel.«
Sie lachte ihn an und schüttelte heftig den Kopf.
»Ich bin kein Engel. Engel hängt man in den Weihnachtsbaum, und ich habe Hunger und Durst nach der Erde.«
»Was für ein Geschöpf möchten Sie lieber sein, Engel?«
»Fragen Sie doch nicht. Sie wissen es ja, was ich bin. Sie formen ja das Geschöpf aus Ihren Händen heraus.«
»Engel,« sagte er und forschte in ihren Augen, »ich sehe kluge, ernste, graue Augen. Mädchenaugen. Und doch sehe ich zuweilen darin jäh über den Horizont springende Blitze, als sprängen Panther an.«
Sie hielt die Augen weit auf vor seinem forschenden Blick.
»Ich glaube nicht, daß es so vornehme Tiere sind, Herr Vanderwelt. Es werden wohl arme, hungrige Wölfe sein.«
»Setzen Sie mir nicht den Wolf herunter, Engel. Der Wolf war den Alten heilig und stand den Göttern nahe. Nicht nur dem kriegerischen Wodan der Germanen. Auch Apollo, der Gott der Künste, wählte den starken Wolf zu seinem Begleiter. Und eine Wölfin säugte die Erbauer Roms.«
Sie lehnte die Ehrungen mit einem Kopfschütteln ab.
»Das klingt gewiß sehr schön, aber die alten Göttersagen liegen mir zu weit. Ich weiß von der Wölfin nur, daß sie mit dem Wolf gemeinsam jagt, in allen Stücken ihm gleicht, daß der Hunger sie stark und furchtlos macht und daß sie Geschöpfe der eigenen wie der fremden Art abwürgt, wenn sie sich als Schwächlinge erweisen. Den Romulus und Remus wird die Wölfin nur aufgesäugt haben, weil sie das Starke in ihnen witterte.«
»Ach, Engel, man müßte die Naturgeschichte nur von Frauen lehren lassen.«
»Warum --?«
»Weil ihr Naturtrieb immer auf das Einfachste stößt.« --
Zu Weihnachten standen die Tische gedeckt. Im Arbeitszimmer des Vaters drängten sich erwartungsvoll die Kinder, und nun rief ein Klingelzeichen nach Fräulein Bilsenbach, die sich mit ihrer Festgewandung verspätet hatte, und nach den Angestellten in Haus und Küche. »Fräulein Freydag fehlt,« bemerkte der unruhige Thomas, stürmte die Treppe hinauf und holte sie aus ihrem Zimmer.
Vom Flügel her erklangen schlicht und kindergläubig die Weihnachtslieder von Cornelius. Der Hausherr spielte. Und als er geendet hatte, öffnete Fräulein Bilsenbach die Tür, die zum Eßzimmer führte, und der Weihnachtsbaum stand in stiller Lichterpracht, und sie öffnete die Tür, die zum Musikzimmer führte, und Kornelius Vanderwelt griff in die Tasten und ließ zum gemeinsamen Gesang die Weise von »Stille Nacht -- heilige Nacht« ertönen. Scheu und fremd kauerte Angela Freydag auf ihrem Stuhle hinter den festfrohen Reihen.
Die Weihnachtsanbetung verklang. Das Schweigen der Erwartung lastete. Da erhob sich der Hausherr von seinem Sitz und schritt unter die Harrenden.
»Fröhliche, selige Weihnachten euch allen,« rief er und schüttelte herzlich aller Hände. Eine Sekunde nur stutzte er vor dem glanzlosen Ausdruck in Angela Freydags Gesicht. Und mit der Hand, die er ihr hingestreckt hatte, zog er sie hoch.
»Vorwärts!« rief er Kindern und Angestellten zu. »Wer läßt den Gabentisch warten? Sturm! So ist es recht.« Und mit dem Strudel wurde Angela Freydag fortgezogen und war doch in der Woge allein.
Voll von kleinen Tischen stand das geräumige Eßzimmer, und auf jedem Tische hielt ein Lebkuchenmann ein Namensschild. Ein kurzer Wirrwarr, und ein jeder hatte seinen Namen herausgefunden. Gellender Aufschrei der Kinder, ein staunendes Aufseufzen der älteren, und ein jeder betastete, hob empor, legte nieder, griff nach einem anderen Gegenstand, einem dritten, probte, untersuchte, lachte, schwatzte und drehte sich blitzschnell im Kreis.
Kornelius Vanderwelt ging von einem zum andern. Er bewunderte Juliane in der goldenen Halskette, die einen Skarabäus schaukelte, und ließ sich von dem erregten Mädchenmund die unzähligen Köstlichkeiten an Leibwäsche und Kleidern erklären, als hätte er das alles nie vordem gesehen. Er trat zu Justus und Thomas, die das kleine Abbild einer Segeljacht in Händen hielten, wies geheimnisvoll lächelnd mit dem Zeigefinger nach dem Bootshaus da draußen irgendwo und ließ die stürmischen Umarmungen der jungen Jachtinhaber über sich ergehen. Er nahm dem verwirrten Fräulein Bilsenbach den Pelzmantel aus den Händen und half der beschämt Widerstrebenden, hineinzuschlüpfen, damit die Versammlung das königliche Bild besser entgegennehme. Er redete mit dem Fahrer über Tabaksorten, Juchtenleder und Aachener Tuch, mit den Hausmädchen über Aussteuerleinen, Brautlaken und Bräutigam und wandte sich um und stand vor Angela Freydag.
»Darf ich nachfragen, Engel, ob der Weihnachtsmann zu Ihrer Zufriedenheit gewirkt hat?«
Er hatte den Scherznamen, einmal angewandt, nicht mehr aufgegeben.
»Zu meiner Zufriedenheit?« wiederholte sie nur. »Zu meiner Zufriedenheit?«
»Ich glaube gar,« sagte Kornelius Vanderwelt und trat dichter an sie heran, »Sie haben dem Weihnachtsmann noch nicht einmal einen freundlichen Blick geschenkt.«
»Doch, doch,« stieß sie hervor und wies auf ihren Platz. »Vielen, vielen Dank für Ihre Güte. Es ist nur schon so lange her, daß ich Weihnachten gefeiert habe -- und es war nie schön -- ich weiß mich gar nicht mehr zu benehmen.«
»Dies ist ein Koffer,« erklärte Kornelius Vanderwelt, und der Klang seiner Stimme ließ sie sofort zur Ruhe kommen. »Und dies ist auch ein Koffer. Der größere ist als Reisegepäck gedacht, der kleinere als Handgepäck. Denn aus der lieben Reisetasche sind Sie mittlerweile herausgewachsen wie aus den lieben Kinderschuhen. Hilft nichts. Und nun müssen Sie öffnen und weiterforschen.«
»Öffnen und -- weiterforschen?«
Er bastelte für sie die Schlüssel los und ließ die Schlösser aufschnappen. Den Handkoffer öffnete er zuerst. Er bot in einer seitlichen Einrichtung silberverkapselte Flaschen und Kristalldosen, Bürsten und Kämme und Spiegel dar. Die Mädchenaugen starrten darauf hin. Und dann wurde das Mädchengesicht weiß. Kornelius Vanderwelt hatte den größeren Koffer geöffnet.
»Jetzt müssen Sie urteilen, Engel. Der Weihnachtsmann konnte nur seinem Männergeschmack nachgehen.«
Es kam keine Antwort, und er blickte auf und sah in das verkrampfte Gesicht.
»Engel,« sagte er leise, »Fassung, mir zuliebe.«
Da riß ein wilder Freudenausbruch den Krampf auseinander, und sie beugte sich vor und wühlte mit ihren Händen in den Schätzen von feiner Leibwäsche.
»Nun müssen Sie den Einsatz herausheben, Engel.«
»Immer noch mehr? Gut, immer noch mehr! Nur immer zu! Freude! Freude! Und wenn sie sich wie eine Flut über mich wirft, ich tauch' auf, ich halt' stand, ich -- ich --«
Sie stutzte. Ihre Augen waren ganz weit und dunkel. Ihre Lippen bewegten sich weiter. Und Kornelius Vanderwelt mußte an sich halten, um sich nicht in den Mädchentaumel hineinreißen zu lassen.
»Das ist eine ganze Ausrüstung,« sagte Angela Freydag atemlos. »Die Ausrüstung einer Dame. Reisekleid und Gesellschaftskleid. Jacke, Pelz, Muff. Eine Pelzmütze sogar. Es fehlt nichts -- nichts von dem Bilde, was ich mir gemacht hatte.«
»Von ~was~ hatten Sie sich ein Bild gemacht?«
Sie stand vor ihm und hielt ihre Hände über den Brüsten.
»Und ich habe nichts für Sie. Gar nichts, gar nichts.«
»Schenken Sie mir Ihre alte Reisetasche, Engel. Sie haben sie immer so innig an sich gedrückt, daß ein wenig von der Innigkeit wohl noch auf mich übergeht.«
Da lachte sie ihn lautlos an.
Das war Kornelius Vanderwelts liebstes Weihnachtsgeschenk, dies lautlose Lachen des Verstehens. Für die Gaben von Kinderhand, für die sorglichen Arbeiten seines Hausfräuleins hatte er sich laut und herzlich bedanken können. Hier fehlte ihm das Wort. »Engel,« sagte er nur ganz leise.
Ihre Hände glitten über die Schätze und plätteten sie. Sie schloß die Kofferdeckel, zog die kleinen Schlüssel ab und senkte sie in den Halsausschnitt. Alles mit einer streichelnden Zärtlichkeit. Der Zärtlichkeit der Besitzerin.
»Wollen Sie denn nicht anproben? Das Putzen und Proben gehört doch zur Weihnachtsfreude.«
»Bitte,« bat sie, »bitte, nicht vor den andern. Wenn ich allein bin, brauche ich nicht an mich zu halten.«
Und wieder war Kornelius Vanderwelt von den Kindern umringt und von den Angestellten und mußte bestaunen und sein Urteil abgeben. Und Fräulein Bilsenbach brachte den weihnachtlichen Südwein, und jeder erhielt sein Glas, und während unter der leuchtenden Christtanne ein neues Weihnachtslied angestimmt wurde, ging Kornelius Vanderwelt von einem zum andern, ließ an jedem Glas das seine erklingen und sprach seinen Gruß: »Fröhliche Weihnacht.«
Spät am Abend erst wurde das Mahl aufgetragen. Des weihnachtlichen Gedränges wegen in des Hausherrn Zimmer. Langsam ebbte die Flut zurück. Mit schlafmüden Augen verabschiedete sich das alternde Hausfräulein zuerst, um noch in ihrem Stübchen ein paar Gesangbuchverse zu lesen. Noch schmiedeten die Kinder Pläne für die Feiertage. Dann kam auch ihnen die Ermüdung, und sie traten an den Vater heran, bedankten sich und küßten ihn. Hinter ihnen war Angela Freydag an Kornelius Vanderwelt herangetreten. Sie reichte ihm die Hand und sah zu ihm auf.
»Darf ich Ihnen heute auch einen Kuß geben?«
Kornelius Vanderwelt nahm sie in die Arme, wie er seine Kinder in die Arme genommen hatte. Einen Herzschlag länger. Und während des einen Herzschlags freute er sich an der roten Linie ihres Mundes. Er beugte sich nieder und empfing ihren Kuß. Ruhig verließ sie das Zimmer.
Er ging in das Musikzimmer hinüber und setzte sich vor den Flügel, ohne zu spielen. Irgend etwas machte ihn lächeln, und er wußte nicht, was? Ja, doch, das war es. Der Mädchenkuß von Angela Freydag war es. Der echte und rechte Mädchenkuß. Geküßt von einem Munde, der es nie gelernt hatte. Mit geschlossenen Lippen. Ernsthaft wie eine feierliche Handlung. Ein wenig herb -- und ein ganz klein wenig zitternd.
Und plötzlich stieg eine warme Freude in ihm hoch, daß es so gewesen war und nicht anders.
Das Mädchen hatte ihm gegeben, was es noch keinem gegeben hatte. Er war der reicher Beschenkte. --
Als Kornelius Vanderwelt in der Nacht sein Schlafzimmer aufsuchte, fand er an das Bett gelehnt Angela Freydags Reisetasche. -- --
Seit dem Weihnachtsfest machte sich die Wandlung in Angela Freydags Wesen von Tag zu Tag bemerkbarer. Es war wohl weniger eine Wandlung, als eine rascher einsetzende Entwicklung. Als ob ein Stauwehr überwunden wäre, und die Wasser ihres Lebens strömten befreiter dem Ziele zu.
Daß Kornelius Vanderwelts ritterliche Weise das Stauwehr in ihr beiseite geräumt hatte, das erkannte allein die Dankbarkeit der Wenigverwöhnten. Aber die Dankbarkeit erschien ihr als ein zu geringer Ersatz, ein Trieb war in ihr erwacht, in seine Gedankenwelt hineinzuwachsen, sich formen zu lassen nach seinem Bilde und nach einer Spanne, sie sei kurz oder lang, seiner Schöpferfreude zeigen zu dürfen, daß sie sich nicht an ihr vergeudet hätte.
Bis zu dieser Spanne griff sie die Arbeit an Kornelius Vanderwelts Kindern mit neuer, zäher, Willenskraft, als einen Beweis ihres Wollens und Könnens an und ließ sich nicht durch die Unbotmäßigkeit der Schüler noch durch die eigene Ungeduld abschrecken, den steinigen Acker immer wieder zu durchpflügen.
Am steinigsten war er bei Juliane. In der Entfaltung des Mädchens stritten Selbstbewußtsein und Gefallsucht um die Oberstimme, aber das Selbstbewußtsein hatte leider nichts von der sicheren Vanderweltschen Note, sondern gründete sich auf dem Bewußtsein, ein augenfällig schönes und frühreifes Geschöpf zu sein, und diente der Gefallsucht nur als leichte Maske. Das hatte Angela Freydag vom ersten Tage an durchschaut, und nun mühte sie sich mehr als je, eine andere Unterlage zu schaffen und damit dem jungen Selbstbewußtsein eine stärkere Berechtigung. Und es begann der Kampf zwischen den Sonaten und den Tagestänzen.
»In meinem Leben spiele ich das Zeug nicht,« versicherte die erzürnte Kleine. »Wer Sonaten hören will, mag ins Konzert laufen. Ich will einmal glänzende Bälle geben können und am Flügel sitzen und aufspielen.«
»Das ist für leere Stunden, Juliane. In den schweren Stunden, die bei keinem ausbleiben, wirst du Gott danken, in den Werken der Meister die eigene Erlösung zu finden.«