Kornelius Vanderwelts Gefährtin
Part 6
»Da schlägt die Uhr drei. Seit zehn Uhr wenigstens gehören Sie ins Bett. Jetzt werde ich Sie in Ihr Zimmer bringen, und Sie stehen nicht vor Mittag auf. Ausnahmsweise werde ich zu Tisch kommen. Ich hole Sie aus Ihrem Zimmer ab und bitte mir einen lebensfrischen und lebensfröhlichen Hausgenossen aus. Noch eines, Fräulein Freydag.«
Sie hatte sich bei seinen ersten Worten erhoben, und er stand vor ihr und lachte ihr in die Augen.
»Wie ein Abenteuer fing es an. Aber Sie sollen auch nicht eine Minute länger als notwendig die Rolle einer Abenteurerin spielen. Der Wertschätzung wegen, die Sie bei sämtlichen Bewohnern dieses Hauses finden sollen. Und da bleibt nichts als eine ganz, ganz kleine Schwindelei für die Neugierigen. Ohren gespitzt. Gestern abend habe ich die Kölner Hochschule für Musik angerufen und den Direktor gebeten, mir noch in der Nacht eine seiner besten Klavierschülerinnen zu schicken. Solche Plötzlichkeiten ist man bei mir gewöhnt. Sie sind mit dem Nachtzug in Duisburg eingetroffen und haben sich absprachegemäß in der ›Erholung‹ zu Ruhrort bei mir gemeldet. Worauf ich Sie ohne viel Federlesens hierherbrachte und diebessicher einschloß. Wort für Wort verstanden?«
Mein Gott, dachte Kornelius Vanderwelt, wie übermütig das Mädel aussehen kann!
Und doch trat keine Ausgelassenheit in ihrem Wesen zutage. Nur die Augen waren es, in denen es aufleuchtete, strahlte und sprühte, wie in mädchenlustiger Heiterkeit.
Und Kornelius Vanderwelt dachte: ein wie großes Kind muß diese junge Lebenskämpferin doch geblieben sein, daß ihr das bißchen Verkleiden schon ein so helles Vergnügen machen kann.
»Sie sind also bereit, meine Spießgesellin zu spielen?«
»Ich bin bereit, Ihre Spießgesellin zu spielen,« wiederholte sie mit einer hell anklingenden Stimme.
»Kommen Sie mit mir, Fräulein Freydag.«
Er ging ihr voran, und sie folgte ihm wortlos. Über den teppichbelegten Gang, eine teppichbelegte Treppe hinauf und wieder über einen teppichbelegten Gang. Er öffnete ein Eckzimmer, trat ein und machte Licht. Es war ein behaglicher Schlafraum in Weiß mit alten, goldgerahmten Kupferstichen an den Wänden. Über dem Bett wölbte sich ein kleiner Himmel, und die Falbeln des Behangs zitterten leicht in der Zugluft.
Sie starrte mit einem kinderseligen Gesicht darauf hin.
»Angela bedeutet doch ›Engel‹, und Engel müssen im Himmel wohnen,« meinte Kornelius Vanderwelt lächelnd. »Ich sehe, für die Erde ist Ihnen ja die Reisetasche treu geblieben. Schlafen Sie wohl, Fräulein Freydag. Gute Nacht.«
»Gute Nacht ...« klang es wie aus weiter Ferne zurück.
Unhörbar schritt Kornelius Vanderwelt den Gang entlang und die Treppe hinab zu seinem Arbeitszimmer. Er blickte sich um. Er suchte etwas und wußte, daß es nicht mehr um ihn war. Bis auf einen Duft, der sich scheu an ihn hing.
Er zog ihn in sich hinein, und der Duft war sein.
Wie ein Primaner, der hinter einem Mädchen herwittert, dachte er, reckte sich müde in den Gliedern, drehte das Licht ab und suchte sein Schlafzimmer auf. Und schlief traumlos bis zum Morgen.
Sein erster Gedanke beim Erwachen waren die Kähne. Die Kähne, die schon unterm Kohlenkipper verholt lagen, und die anderen, die sich im Anmarsch befanden. Seine Uhr zeigte die achte Morgenstunde. Sein Kopf war so wunderbar frisch und klar, als wäre kein Zutrunk in der ›Erholung‹, kein Kampfgetöse in der Hafengasse, kein Zechgelage in des Matthes ›Fünf Erdteilen‹ gewesen. Im Badezimmer reckte sich sein Körper unter der Brause. Den Bademantel übergeworfen, saß er in seinem Arbeitszimmer vor dem Fernsprecher.
»Bitte Zeche« -- und er nannte den Namen. »Ich danke Ihnen, mein Fräulein. Hier Kornelius Vanderwelt selbst. Ich lasse den Herrn Direktor um eine halbe Minute bitten. Guten Morgen, Herr Direktor. Ob ich schon auf den Beinen bin? Selbst die Nacht war mir nicht zu schade, um Ihre Geschäfte zu fördern. Gegen Mitternacht sprach ich noch meine Schiffer. Zwei Kähne liegen schon unterm Kipper. Und sperren die Mäuler auf. Lassen Sie die Eisenbahnwagen anrollen. Ich habe einen halben Tag zugunsten Ihrer Verladung herausgewirtschaftet.«
Er horchte auf die Antwort.
»Sehr schmeichelhaft. Für Schmeicheleien aus Ihrem Munde bin ich sehr empfänglich. Lassen Sie mich den ›Zauberkünstler‹ nur recht oft für Sie spielen. Also dann: Glückauf!«
Er kehrte in sein Ankleidezimmer zurück, beendete seinen Anzug und begab sich ins Frühstückzimmer.
»Guten Morgen, Fräulein Bilsenbach. Schön ist der Tag heut, wie?«
»Es herrscht ein trostloser Regen, Herr Vanderwelt.«
»Ruhrorter Arbeitswetter. Die Wasser des Rheines steigen, die Wasser der Ruhr steigen, die Arbeitskräfte der Schiffahrttreibenden steigen, und weil die Blätter des Herbstes fallen und die Winterkohle eingekellert werden muß, steigen sogar trotz des hohen Wassers die Frachtlöhne.«
Er strich sich ein Brot, nahm eine Schinkenscheibe auf den Teller und begann zu frühstücken.
»Der Zechendirektor nannte mich vorhin am Fernsprecher den Zauberkünstler Ruhrorts. Ich denke mir das Wort nur um ein weniges anders, als dies brave Arbeitspferd am Göpel des ewigen Einerlei. Aus Kohle Gold zaubern. Jawohl. Aber aus dem Gold Freude zaubern, Freude, Freude, Freude, damit das Leben sich lohnt.«
Das alternde Fräulein blickte eine Weile still in den trostlosen Regen.
»Ja, zaubern Sie Freude, Herr Vanderwelt. Sie fehlt allenthalben auf der Welt. Und die Welt altert so schnell.«
»Wenn das die Welt tut, müssen wir sorgen, daß wir umso jünger bleiben.«
Das Fräulein erhob sich und begann aufzuräumen.
»Sie brachten noch Gesellschaft mit heim, Herr Vanderwelt. Haben Sie alles Wünschenswerte vorgefunden?«
Kornelius Vanderwelt legte mit einem Ruck die Morgenzigarre auf den Tisch, die er gerade in Brand bringen wollte.
»Fräulein Bilsenbach! Ja, da soll doch gleich ein doppelt geschwänzter Teufel -- nein, nein, er soll nicht, denn Sie hören ihn nicht gern --. Hat der Zauberkünstler bei aller Ruhmredigkeit sein Hauptstück vergessen! Also aus und vorbei ist es mit allem unglückseligen Flötenspiel. Gestern abend noch erreichte ich durch den Fernsprecher den Direktor der Kölner Musikhochschule. Eine Stunde darauf saß seine beste Klavierbeflissene, ein Fräulein Angela Freydag, auf der Eisenbahn und dampfte durch die Nacht gen Duisburg. Nach Mitternacht hatte sie in Ruhrort die ›Erholung‹ aufgefunden und ließ sich bei mir melden. Es klappte wie auf dem Theater. Ich habe dem halb erfrorenen Wesen noch einen Tee zu trinken gegeben und sie oben im Eckzimmer untergebracht. Bis zum Mittag soll sie ungestört schlafen. Ich komme heute zu Tisch und besorge dann die Vorstellungsfeierlichkeiten. Guten Morgen, Fräulein Bilsenbach.«
»Ich hätte,« stammelte das Fräulein, »ich hätte ja noch herzlich gern weiter unterrichtet ...«
Kornelius Vanderwelt betrat das Kontorgebäude. Ein kurzer, freundlicher Gruß hinüber und herüber, und er schritt weiter an Beckenrieds abgegitterter Nische vorüber, in die er einen lauten Gutenmorgengruß hineinschallen ließ, in sein abgesondertes Gemach. Eine Anzahl Blicke folgten ihm, forschten nach Gang und Haltung und kehrten zu ihren Briefen und Berechnungen zurück. Es sollte, so lief die Morgenmär, im Hafenviertel diese Nacht lustig zugegangen sein. Der Herr aber war, wie er immer war.
Eine Weile schon hatte der Geschäftsführer mit Herrn Vanderwelt die Morgenpost durchgesprochen. Jetzt hob Kornelius Vanderwelt überraschend den Kopf und gewahrte die prüfenden Augen seines Mitarbeiters.
»Diese Nacht soll es ja hier in der Nähe eine muntere Prügelei gesetzt haben? Ich hoffe, Sie waren nicht allzu stark beteiligt?«
»Ich zeichne nur in ~Ab~wesenheit des Herrn für die Firma.«
»Es ist wahr, man kann nicht überall sein. Wohin hatten ~Sie~ denn diese Nacht den Schauplatz Ihrer Tätigkeit verlegt?«
»Ins Bett, Herr Vanderwelt, wo brave Bürger hingehören.«
»Brave Bürger können sich auch im Bett prügeln,« sagte Kornelius Vanderwelt und entließ ihn mit herzlichem Händedruck.
Um die Börsenstunde durchschritt er wie immer das Gedränge vor der Schifferbörse. Spannkräftig, mit kühlen Augen, die, wenn sie der Gegenstand wert genug dünkte, eine Flut von Wärme verschwenden konnten. Und das Unnachahmliche in der Haltung, das zu vertraulicher Aussprache aufrief und dennoch dem Nähertretenden unsichtbare Grenzen zog. Mützen wurden gelüftet, und Kornelius Vanderwelt lüftete den Hut. Fragen wurden gestellt und Auskünfte erbeten, und Kornelius Vanderwelt antwortete dem einen und beriet den anderen. Irgendwoher, aus einem der Schifferhaufen, kam ein heiserer Zuruf.
»Verflixt, Herr Vanderwelt, Sie haben aber wieder mal vorgelegt. Bis in den Ausguck hab' ich noch den Nebel im Kopp!«
Kornelius Vanderwelts kühle Augen suchten den Rufer.
»Wenn dir die Luft an Land zu scharf geht, bleib in der Hängematte, Mann. Aber langweile ernsthafte Geschäftsleute nicht mit Dingen von gestern.«
Und es war ein beifälliges Gemurmel und ein achtungsvolles Zunicken.
In der Halle der Schifferbörse traf Vanderwelt auf den Reeder Hinrichsen, der knapp und geschäftsmäßig eine Verhandlung führte. Und wie an jedem Morgen saß der Reeder Auffermann in seiner Koje, rechnete mit seiner Kundschaft auf Heller und Pfennig und reichte seinem Geschäftsfreunde Vanderwelt nur kurz die Hand herüber. Was zum Ruhrorter Hafengebiet gehörte, wußte Tag und Nacht schiedlich zu trennen.
Um ein weniges pünktlicher nur als sonst händigte Kornelius Vanderwelt dem harrenden Geschäftsboten seine Aufzeichnungen ein, nahm im Vorübergehen die eben erst berechneten Kursnotierungen mit und begab sich nach Hause. Noch waren die Kinder nicht aus der Schule daheim. Es war ihm lieb. Der nächtliche Gast sollte für die Kinder schon im Licht des Tages stehen.
Im Badezimmer wusch er sich den Kohlenstaub des Hafens von Gesicht und Händen, horchte ins Haus und schritt die Treppe hinauf und den Gang entlang dem Eckzimmer zu.
Er klopfte, vernahm ein Wort, das von innen zu ihm wollte, und öffnete die Tür.
»Guten Morgen, Fräulein Angela Freydag. Wie haben Sie geruht?«
»Ich glaube, ich habe seit meiner Kinderzeit noch nicht so fest geschlafen. Guten Tag, Herr Vanderwelt.«
Er streckte ihr die Hand entgegen, und während er die ihre hielt, nahm er ihr Bild in sich auf und über sie hinweg das Bild ihres Zimmers.
»Sie haben ja mit sich und Ihrer Umgebung schon ordentlich aufgeräumt, Fräulein Freydag.«
Das Zimmer lag wie unberührt. Straff und faltenlos zog sich die Schondecke über das weiße Bett, die Falbeln des Himmels schwebten wie weiße Schmetterlingsflügel, und die Goldleisten der englischen Kupfer zeigten kein Stäubchen auf. Jedes Ding lag und stand wie unberührt, und nur das Mädchen schien eine andere.
Sie trug eine helle Bluse zum dunklen Rock, unter dem umgelegten Kragen schlipsartig einen bunten Seidenstreifen, an den Füßen gutgehaltene Halbschuhe. Das aber war es nicht, was Kornelius Vanderwelts Aufmerksamkeit erregte. Nicht was aus der Reisetasche hervorgegangen war, vermochte sein geschultes Auge zu fesseln. Das Mädchen selbst war es, der frohe, freie Mensch, der sich aus der Nacht zum Tage durchgerungen hatte.
Zwei klare, kluge Augen schauten ihn unter hochgewölbter Stirn an. Die Nüstern der graden Nase atmeten leise. Die Lippen waren wie ein blutvoller Spalt, der die Zähne hindurchschimmern ließ. Und das Haar lag locker gewellt über der Stirn und in geflochtenem Knoten im Nacken.
Durch ihr ganzes Wesen aber lief ein Drängen. Ein Drängen der Ungeduld auf das neue Leben.
»Wenn Sie«, sagte Kornelius Vanderwelt nach einer Pause, »am Klavier dieselbe Künstlerin sind, wie als Menschenkind in Ihrem Stübchen -- ich meine, wenn Sie die Schönheit der Verhältnisse hochachten und ihnen dennoch aus der persönlichen Gefühlswelt heraus ein neues und eigenes Leben zu geben wissen, dann kann es nicht mangeln.«
»Prüfen Sie mich ...«
»Wie ein Rassepferd vor dem Rennen. Ich sehe Ihr Blut in den Adern.«
»Prüfen Sie mich.«
»Zunächst«, sagte Kornelius Vanderwelt heiter, »haben Sie eine andere Prüfung zu bestehen. Ich werde Sie Fräulein Bilsenbach vorführen, der Behüterin des Hauses. Bald werden sich auch Ihre Schüler zur Begutachtung einstellen.«
Sie schritt neben ihm her, das Kinn erhoben, mit dem zusammengerafften Ausdruck, den stolze Kinder vor dem Glanz fremder Häuser anzunehmen pflegen. Und Kornelius Vanderwelt sah es und freute sich.
Wieder saß sie, wie in der Nacht, im Arbeitszimmer des Hausherrn und ihre Augen tasteten die Wände ab, Bilder und Bücherreihen, langsam und ernsthaft, als müßten sie sich Zoll um Zoll der neuen Umwelt zu eigen machen.
Kornelius Vanderwelt hatte dem Hausmädchen geklingelt. »Ist Fräulein Bilsenbach für mich frei?«
»Fräulein Bilsenbach ist gerade nach oben gegangen, ins Gastzimmer, Herr Vanderwelt.«
»Sagen Sie Fräulein Bilsenbach, ich ließe sie, sobald sie frei wäre, zu mir bitten.«
Aha, dachte er, sie hält Besichtigung ab. Und er wandte ein wenig das Gesicht, damit der Gast nicht das vergnügliche Schmunzeln gewahr werde.
Dann kamen schnelle Schritte über den Gang, und Fräulein Bilsenbach klopfte und trat ein.
Kornelius Vanderwelt sah ihr in Spannung entgegen und sah, was er erwartet hatte: Augen, die das Erstaunen rundete und ärgerlich schienen, weil sie verblüfft worden waren.
»Ich möchte Ihnen unsere neue Hausgenossin, Fräulein Angela Freydag, vorstellen, Fräulein Bilsenbach. Ich hoffe, es wird Fräulein Freydag gelingen, Ihre Gunst zu erringen.«
Der Gast hatte sich augenblicks erhoben und wartete achtungsvoll auf die Begrüßung der Älteren. Und die Ältere sah der Jüngeren unruhig ins Gesicht, sah mit fliegendem Blick die Überschlankheit der Glieder und erkannte den Hunger.
»Ich begrüße Sie im Hause Herrn Vanderwelts herzlich,« murmelte sie und streckte die Hand vor. Und das Mädchen legte die schmalen Finger hinein, knickste tief und beugte einen Herzschlag lang die Stirn über die hartgewordene Hand.
Das alternde Fräulein starrte auf den flimmernden Scheitel. Scheu fuhr es darüber hin. Und die beiden Frauen standen und schauten sich in die Augen.
»Sie haben eine anstrengende Nacht gehabt, Fräulein Freydag. Herr Vanderwelt liebt nur die ~raschen~ Entschlüsse.«
Da lachte das fremde Mädchen so heiter, daß es die andere fast in Verwirrung brachte.
»Menschen wie ich sind ja ~auch~ auf die raschen Entschlüsse angewiesen, und ich habe diesen nicht bereut.«
Der Blick der Älteren flatterte zu dem Hausherrn hinüber, der einen Brief geöffnet hatte. Sie rang um eine Fortführung des Gesprächs. Und leise sagte sie und im Tone des Vorwurfs: »Sie haben ja schon Ihr Zimmer in Ordnung gebracht. Weshalb haben Sie das nicht dem Mädchen überlassen?«
»Dem Mädchen? Ich bin doch auch ein Mädchen, Fräulein Bilsenbach, und habe noch immer für mich selbst gesorgt.«
»Ich meine, ich meine -- weil Sie doch von der gehetzten Fahrt sicher müde waren?«
»Aber diese gehetzte Fahrt ging doch ins Leben!«
Kornelius Vanderwelt schloß einen Augenblick über dem Brief die Lider. Er lauschte angestrengt den hastigen Worten des Mädchens nach. Wo kamen sie her? Aus seinem eigenen Innern? Nur ein Widerhall --?
Da dröhnte die Haustür ins Schloß. Da stürmten rücksichtslose Stiefel über den Gang. Krähend flog eine Jungmädchenstimme auf. »Heda, heda, wird heute nicht gegessen?« Zwei Knabenstimmen hetzten hinein. »Fräulein Bilsenbach! Fräulein Bilsenbach! Unser Hungertod über Ihr strenges Haupt!«
»Bande!« sagte Kornelius Vanderwelt vor sich hin.
»Wirtschaft! Wirtschaft! Wirtschaft!« Die Tür zum Arbeitszimmer wurde aufgerissen. »Der Papa -- -- --!«
»Seit wann wird an meiner Zimmertür nicht mehr geklopft, wie? Seit wann ist mein Arbeitszimmer Wartehalle für lärmendes Jungvolk?«
»Verzeihung, Papa. Wir ahnten nicht, daß -- daß -- du -- so ganz ausnahmsweise -- --«
»Meine ›ausnahmsweise‹ Anwesenheit entschuldigt euch nicht. Dieses Zimmer hat kein einziger ohne meine Erlaubnis zu betreten. Und nun bitte ich um die gebräuchliche Begrüßung.«
Die Knaben küßten der Hausdame flüchtig die Hand, hinter ihnen knickste Juliane. Und schon rannten sie auf den Vater zu und warfen ein Gewirr von Armen um ihn.
»Dort steht wohl ~noch~ eine Dame,« tadelte Kornelius Vanderwelt und drehte die Knaben an den Schultern herum.
»Justus Vanderwelt.« -- »Thomas Vanderwelt.« -- Die Stiefelabsätze klappten.
»Juliane,« sagte spitz die Kleine und knickste sehr zurückhaltend.
»Fräulein Angela Freydag,« stellte Kornelius Vanderwelt mit kurzer Handbewegung vor. »Unsere neue Hausgenossin, die euch in der Kunst des Klavierspiels zu vervollkommnen gedenkt.«
»Gleich hab' ich's geahnt,« flüsterte die Schwester den beiden zu.
Angela Freydag reichte einem jeden die Hand. »Guten Tag,« sagte sie freundlich. »Guten Tag,« antwortete Justus nach einem raschen Überblick. »Die Arbeiten für die Obersekunda lassen leider nur knappe Zeit.« Und die zungengewandte Juliane schloß sich eilig an. »Ich habe auch noch den Tanzunterricht und Tennisstunden und -- und --« »Guten Tag,« schloß Thomas die Reihe. »Ich spiele gern Klavier, aber nicht gern wie die anderen.«
»Ich auch nicht,« stimmte ihm Angela Freydag bei und schüttelte ihm mit einem Aufblitzen der Augen die Hand.
»Nun?« fragte Kornelius Vanderwelt. »Sind es nicht vielversprechende Zöglinge?«
»Wir haben Hunger, Papa!«
»Hunger? Kennt ihr euch in eurem Schiller nicht aus? Was erhält denn das Getriebe? Der Hunger und die Liebe! Hungrig muß der Mensch sein, hungrig, hungrig auf alles, was noch im Nebel liegt.«
»Auch das Mittagessen liegt noch im Nebel, Papa!«
»O über eure grobe Sinnlichkeit! Dürfen wir, Fräulein Bilsenbach? Ich bitte um Ihren Arm.«
»Mach' zu,« raunte Justus dem Bruder Thomas zu. »Ich nehme die Juliane.«
Und der junge Thomas Vanderwelt verneigte sich höflich vor dem Gast, bot ihm den Arm und folgte feierlich dem Vater. Hinter ihnen wisperten Bruder und Schwester um die Wette.
Kornelius Vanderwelt saß zwischen der Hausdame und der Fremden. »Wollen Sie sich«, fragte er den Gast, »unseren Hausgewohnheiten gleich anpassen? Wir pflegen zu den Mahlzeiten nur Wasser zu trinken, um den Kopf arbeitsklar zu halten. Wein erst nach Feierabend.«
Das aufwartende Mädchen reichte die Speisen. Es reichte sie streng der Reihe nach. Der Hausdame, weil es der Herr nicht anders wünschte, zuerst, dann dem Herrn, daraufhin erst dem fremden Fräulein und zum Schluß den Kindern.
»Entschuldigen Sie,« bat Kornelius Vanderwelt die stumm gewordene Nachbarin, »daß ich ein wenig haste. Ich brause sonst zwischen den Geschäftsstunden im Wagen durch die Wälder und Felder und verschlinge höchstens« -- er hustete -- »was die Landstraße bietet. Am Abend erst gesell' ich mich zur Familie -- solange sie nicht schlafsüchtig ist. Heute machte ich eine Ausnahme. Um Sie gebührend einzuführen.«
Angela Freydag hatte nicht mit der Wimper gezuckt, als er die Landstraße erwähnte. Jetzt hob sie die Stirn. »Darf ich noch vorspielen ...?« fragte sie.
»Ja, Fräulein Freydag. Darum wollte ich Sie jetzt bitten.«
Er stand auf, verbeugte sich nach rechts und nach links und schritt voran ins Musikzimmer. Allein der große Flügel wuchtete im Gemach. Als Sitzgelegenheiten ein paar geschnitzte Lehnsessel, ein paar geschnitzte Kirchenbänke. Und über dem Flügel hing als einziges Bild ein Schleierreigen schlanker Frauenkörper von Hans Deiters' Meisterhand.
Angela Freydag trat dicht hinter Kornelius Vanderwelt ein. Sie ging, ohne sich umzusehen, geradeaus. Als wäre nur der Flügel und sie allein in dem Gemach, und der Flügel riefe sie.
Kornelius Vanderwelt trat zur Seite und schaute auf sie. Die Hand hob er hoch, damit die Nachdrängenden auf den Zehenspitzen gingen, sich geräuschlos niederließen. Und schaute mit schwerem Atem wieder auf die Fremde.
Jetzt hatte Angela Freydag den Flügel erreicht. Jetzt stand sie still, öffnete die Lippen, und ihre Zähne schimmerten.
Jetzt beugte sie sich vor, strich mit den Händen hauchfein über das spiegelnde Holz und öffnete den Deckel.
Ganz aufrecht saß sie auf dem Klavierstuhl. Ihre Gestalt schien zu wachsen -- und sank plötzlich vornüber, nur noch den Händen hingegeben, die mit aufzuckenden Fingern aus Tasten Töne und aus Tönen ~Beethoven~ schufen.
Und schon hatte die Spielerin vergessen, für wen sie spielte und um was sie spielte. Und schon hatten die jäh Aufhorchenden die unscheinbare Gestalt der Spielerin vergessen und sahen nur noch den eigenwillig strengen Kopf und den blutroten Strich des Mundes. Und dann versank für Kornelius Vanderwelt auch der Kopf, und er sah nichts als die Hände, die feingegliederten, ausdrucksstarken, die wie Falterfächeln des Einsamen Herzweh sangen, wie Quellenrieseln sein stilles Sehnen, sich zusammenkrallten vor der Fratze des Schicksals und sich wie Pantherkatzen in das Dunkel warfen, anspringend, zerfleischend, um mit steilem Titanentrotz das Siegeslied anzustimmen, das sich durchrang zum hinreißenden Menschenjubel der Erlösung von sich selbst.
Noch rangen und riefen die Geister übermenschlichen Liebesrausches, der Selbstvernichtung um der Liebe willen, in der Luft. Noch saß die Spielerin in sich zusammengesunken mit schlaff herniederhängenden Armen und horchte aus totenblassem Gesicht dem verklingenden Leben nach, das in die Auferstehung langte.
Das Spiel war aus, und keiner rührte sich.
Und dann stand Kornelius Vanderwelt von seinem Sitze auf, trat hinter der Spielerin Stuhl und schlug ihr wie Pranken die Hände in die Schultern.
Sie hob langsam den gesenkten Kopf, hob ihn höher und bog ihn langsam nach hinten, bis sein Gesicht über ihr stand. Und sie wußte nichts von dem schmerzenden Griff und lachte ihn lautlos an.
»Das war es,« sagte Kornelius Vanderwelt, »das war es.« Und nickte den anderen zu und verließ Zimmer und Haus.
Eine Weile harrten die Kinder noch aus. Juliane entschlüpfte zuerst, und Justus, der älteste, folgte ihr nach kurzer Überlegung. »Ich habe viel für die Schule zu arbeiten,« entschuldigte er sich bei Fräulein Bilsenbach. »Bleibt mir noch Zeit für den Klavierunterricht, so melde ich mich.«
Dann saß nur noch Thomas Vanderwelt auf seinem Platz, strich sich mit einer langsamen Gebärde das helle Haar aus der Stirn zurück, lugte nach der Fremden und ersah ihre Hände, unbewußt, wie es der Vater getan hatte.
Und hinter Angela Freydags Rücken sagte eine benommene Knabenstimme: »Das war schön ... Nein, es war nicht nur anders -- es war die Schönheit. Ja ...«
Angela Freydag horchte auf die liebenswürdige Stimme. Sie hörte die Klangfarbe des Vaters heraus, nur weicher und ungefestigt. Und der Klavierstuhl wandte sich der Stimme zu, und Angela Freydag saß Auge in Auge mit dem Jungen. Nein, es war doch nicht der Vater. Es war ein feiner, frühmüder Junge, der seiner Gelangweiltheit den Ausdruck der Überlegenheit zu geben wußte. Oder war die Überlegenheit das echte und der Ausdruck der Gelangweiltheit der Schein? Dann stak doch wohl Kornelius Vanderwelt am meisten in diesem seinem Sohne.
»Freut Sie die Musik, Thomas?«
»Ich kann nicht sagen, ob es die Musik ist. Vielleicht ist es nur das Verlangen, sich in eine andere Welt hinüberzutäuschen. Hier ist alles so plump und lächerlich.«
»Wie alt sind Sie, Thomas? Vierzehn? Und Untersekundaner? Da wird Ihnen als dem Sohne Kornelius Vanderwelts auch diese Welt noch rosiger aufgehen.«
»Ach, nein, Fräulein Freydag. Die ganze Vanderweltsche Kraft liegt beim Vater. Für uns bleibt nicht viel übrig.«
Angela Freydag blickte den Frühreifen aus dem Augenspalt an.
»Man kann auch aus eigener Kraft, Thomas. ~Neben~ dem Vater. Nur irgendwo mit Willenskraft beginnen. Wollen wir es mal bei der Musik anpacken? Nicht um uns einzulullen -- um uns zu befreien.«
»Ich bring's nicht heraus, Fräulein Freydag. Ich meine nicht das Notenspielen. Ich meine das, was ich ausdrücken möchte und was immer schlapp wird, wenn der große Ansprung kommt. Das meiste lohnt ja nicht, weil es lächerlich ist.«
»Spielen Sie mir einmal vor,« gebot Angela Freydag und machte den Sitz frei.