Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Part 5

Chapter 53,696 wordsPublic domain

»Herr Vanderwelt, arme Leut haben immer Durst. Durst un Hunger. Auf en ordentlich Stampglas Schnaps, auf en staatses Frauenzimmer, dat mit einem et Tanzbein schwingt, un nich zuletzt auf die Harmonika, auf so 'n richtig Stücksken für die gerührte, unsterbliche Seele. Wat davon abseits liegt, Herr Vanderwelt, heißt für unsereins Arbeit, Verantwortung und Kohlenstaub in 'n Hals. Durst haben wir immer.«

»Heda, Matthes, angetreten!«

Der Wirt ›Zu den fünf Erdteilen‹ trottete dem hohen Gast durch Nacht und Regen entgegen.

»Jammerschad', Herr Vanderwelt. Ich tat Ihnen doch einen Warnungspfiff, noch nich dat schöne Familienbild zu stören.«

»Pfeifen Sie bei solch einem Krach nächstens mit der Sirene und nicht mit dem gespitzten Maul.«

»Ganz die meine Meinung,« stimmt der Kahnschiffer zu. »Außerdem war außer dem Matthes nix mehr zu verprügeln.«

Der Wirt zeigte mit dem Daumen über die Schulter, während er mit der freien Hand den Schirm nahm und ihn sorgsam über die Häupter seiner Gäste hielt.

»Gerad' hatten sie die Volksbelustigung auch im ›König von Portugal‹ vernommen. Sehen Sie, meine Herren, da wimmeln sie schon heran und machen verblüffte Gesichter.«

»Matthes,« sagte Kornelius Vanderwelt, »lassen Sie die Portugiesen ruhig auf eigene Rechnung spielen. Ich hoffe, es ist gemütlich in Ihrem Winterpalast. Wo bleibt der Einzugsmarsch der Gladiatoren?«

Der Wirt klappte den triefenden Schirm zu und rief einen Befehl in die verräucherte Stube. Eine Harmonika setzte ein. Mit einem heulenden Ton ließ sie die Winde aus den Zügen, sog sich aufs neue voll und rauschte den feierlich Einziehenden wuchtig den Pariser Einzugsmarsch entgegen. Die Wirtsstube füllte sich mit Menschen. Auch ein paar Bräute rückten stolz am Arm ihrer Burschen ein und wurden auf Vorschlag des Reeders Auffermann, da es an Damen mangele und Taschenmesser nur beim Essen in Gebrauch genommen werden sollten, für den Weiterverlauf dieses schönen Abends jeglicher Brautschaft entkleidet.

Hinter dem letzten Nachzügler schloß Matthes zweimal die Tür ab.

»Weshalb so fürsorglich, Herbergsvater?«

»Herr Auffermann, et geschieht erstens wegen der Polizeistunde, zweitens wegen des geordneteren Bezahlens.«

»Treffliche Geschäftsumsicht. Nur zu loben.«

»Um welche Zeit«, fragte der Reeder Hinrichsen und gähnte leise und müde, »tritt denn so allgemach für die >Fünf Erdteile< die Polizeistunde ein?«

»Keine Gefahr,« flüsterte der Wirt vertraulich. »Für drei Abende in der Woche hab' ich ›Geschlossene Gesellschaft‹ angemeldet. Den Verein ›Schifferkameradschaft‹, den Verein der ›Harmonikafreunde‹ und die Karnevalsgesellschaft ›Haste nix -- dann kriegste nix!‹ Wat wollen Sie, Herr Hinrichsen, meine Gäste kommen so selten von Bord an Land, dat sie mit Begeisterung Mitglieder in allen drei Vereinen geworden sind. Un über fröhliche Menschen kann die Polizei sich doch nur freuen.«

Der Reeder Hinrichsen beugte schicksalsergeben das Haupt.

»Ruhe, die verehrten Herrschaften. Die Frauenzimmer sollen dat Kreischen lassen. Herr Vanderwelt bezweckt, uns mit einer kleinen Ansprache zu erfreuen.«

Kornelius Vanderwelt stand lässig an seinem Tisch, die Hände in den Taschen seines Gesellschaftsanzugs vergraben. Aus halbgeschlossenen Augen blickte er über die gedrängt sitzenden Bruderschaften und Schwesternschaften dahin.

»Hohe Festversammlung. Schon unter den alten Heiden war es schönste Sitte, daß sich fremdhergewanderte Gäste nicht mit leeren Händen den Gaststätten nahten, sondern mit wohlerwogenen Gastgeschenken. Diese Geschenke sollten dazu dienen, den Gastfreunden die ihnen zustehende tiefe Verehrung zu erweisen und ihnen die Herzen zu öffnen zu traulichem Verkehr. So seien Sie denn erbötig, auch unsere Geschenke entgegenzunehmen. Ich bitte Sie, Ihre Augen nach dem Schenkentisch zu richten.«

»Sie haben sich wohl vertan, Herr Vanderwelt. Da sitzt dem Matthes seine süße Hausehre.«

»Sehen Sie, wenn ich Ihnen raten darf, über die verehrte Frau Matthes hinweg. Nicht etwa wegen des eifersüchtigen Gatten --«

»~Der~ Kerl un eifersüchtig!« höhnte die süße Hausehre und duckte sich vor dem Blick ihres Gebieters zu einem armen Häuflein Leid.

»Aufgebaut sehe ich auf dem Schenkentisch Gläser köstlicher Soleier, Kistchen mit goldgelben Kieler Sprotten, rotbackene Käse von Holland, wohlriechende von Mainz, tränenfeuchte aus der Schweiz. Dazu Schinken und Würste in verlockendem Anschnitt. Mein Freund Hinrichsen macht sich ein Vergnügen daraus, sie Ihnen anzubieten.«

Ermüdet suchte Hinrichsen Verwahrung einzulegen. Der Reeder Auffermann überstimmte ihn lärmend.

»Nichts da, Hinrichsen. Bei den alten Heiden war das schon der Brauch. Und Sie wollen ein -- ein -- vorgeschrittener Christ sein?«

»Mein Freund Auffermann hingegen,« fuhr Vanderwelt fort, »bittet Sie durch meinen Mund, ein Fäßlein Bier auf seine Gesundheit und Rechnung zu leeren und auch des Schnapses nicht zu vergessen.«

Der Reeder fuhr auf. Er lehnte mit Bestimmtheit die Bevormundung ab. Bis Hinrichsens müde Stimme erklang: »Schon bei den alten Heiden ... sagten Sie nicht soeben so, lieber Auffermann?«

Da setzte sich der beleibte Mann seufzend nieder.

»Und Sie, Vanderwelt? Was stiften Sie?«

Kornelius Vanderwelt öffnete weit die Augen, lachte über die vorgestreckten Köpfe hinweg, als brächte er ihnen allen eine Huldigung.

»Ich stifte die Musik, den Tanz und alle Freuden der Jugend! Leg' los, Harmonikamann!«

Und er warf dem Spieler im Schwunge einen Taler zu, den der Aufmerksame geschickt zwischen den Zügen seiner Harmonika auffing, um alsbald mit Kraft und Hingabe einen Walzer zu beginnen.

Ein Taumel brach los, der über Ruhrort hinaus nach flämischen Vorbildern griff. Auf den Schenkentisch stürzte sich die gastfrohe Menge, kämpfte um den kürzesten Weg, stellte dem Sieger ein Bein, setzte über Tisch und Bänke, errang eine Kiste Sprotten, einen Edamer Käse, ein Schinkenbein, und eine schwerbusige Weibsperson barg den Glasbehälter mit den köstlichen Soleiern so heftig an der Brust, daß das Glas zerplatzte und die Eier an die Erde rollten.

»Nich ausbrüten! Nich ausbrüten! Man muß dat Mädchen belehren!«

Der Matthes aber ließ den Bierhahn spielen, schwenkte die Gläser in einem Springbrunnen um und füllte sie mit dem schäumenden Naß. Hurtig rannte die hagere Frau Matthes von Tisch zu Tisch, setzte ihre Lasten ab, rannte zurück, um neue Lasten zu holen, sah dem Gebieter nach den Augen und bot Schnäpse an.

Und durch das Gelärm, das Geklapper der Gläser, die gellenden Zurufe und das Aufgekreisch der Frauenspersonen rangen sich rauschend und frech, wehmütig und wimmernd die Klänge der Harmonika hindurch, gewannen die Oberhand, gingen unter, erkämpften sich aufs neue den Sieg.

»Was fürs Herz!« schrie der Schiffer Petrus und schlug vor dem Harmonikaspieler die Hand auf den Tisch.

Der riß seine Künstlerstimmungen hin und her wie Gäule an den Zügeln. Die Harmonika schluchzte auf.

»Teure Hei--i--mat, sei gegrüßt!«

Der Schiffer Petrus sang mit. Seine Augen glänzten, seine Hingabe war hemmungslos. Bässe brummten die Grundmelodie. Frauensoprane schwelgten in süßen Höhen. Mit den Füßen zog man die Tische heran. Ein Bursche erhob sich, bewegte den Körper nach dem Takt der Weise und schlurfte auf gleitenden Füßen in den engen Tanzraum. Schon folgte ihm ein Mädchen, nachtwandlerisch, mit wiegendem Körper, die Arme mit kraftlos tastenden Händen ausgestreckt, bis sie die Schultern des Burschen erreichten, bis die Glieder sich im Tanze verkrampften. Ein zweites Paar, ein drittes. Die Zechenden wurden an die Wände gedrückt.

Das hochbusige Frauenzimmer hatte sich den Reeder Auffermann erkoren. Es warb um einen Tanz. Es umschmeichelte ihn. Mit einer Handbewegung schob es der Reeder zur Seite. Da brach das Ungestüm durch, loderndes Gassenfeuer. »Komm her! Komm her! Ich will dich! Dich! Dich!«

Und der Reeder kam. Wortlos packte er das ungestüme Weib, wortlos hob er sie hoch, daß die Röcke rauschten, und setzte sie in den aufspritzenden Springbrunnen, dessen Becken sie füllte.

Des Festes Höhepunkt war erreicht. Wild wogte der Tanzreigen um das zeternde, unerlöste Weib. Die Lieder überschlugen sich. Die Harmonika warf ihre grellsten Feuerfetzen in den Aufruhr der Gemüter.

Und plötzlich war es Kornelius Vanderwelt, als wäre er all diesem Menschenirrsinn weit entrückt, als führe er, ein Einsamer, durch eine weltabgewandte Flußlandschaft, zur Linken in schimmernden Schlangenlinien den weißen Wasserspiegel, zur Rechten in heißer Herbstfeier den Buschwald in Rot und Gold, und als er sich träumerisch suchend dem Bilde hingab, war ihm, als hörte er eine Mädchenstimme rufen, und er horchte ihr grübelnd nach und vernahm sie wieder und horchte angestrengter.

War das ein Wortwechsel im Haus? Ahnte er ihn nur im alles verschlingenden Lärm?

Und mit einem Male erhob sich Kornelius Vanderwelt, warf seinen Tuchumhang über, griff Schirm und Hut und trat ungesehen hinter dem Schenkentisch ins Haus.

Er preßte sich an die Flurwand. Er glaubte eine Erscheinung zu haben und schloß für Sekunden die Augen.

Das Mädchen von der Landstraße kam die Treppe herab, blaß, mit verstörten Augen, die Reisetasche fest an sich gezogen. Und wie ein Gespenst zappelte die Frau des Matthes vor ihr her, keifend, ihr den Weg verlegend.

»Sie bleiben hier. Sie haben dat Zimmer nur gekriegt, weil Sie länger wohnen wollten.«

»Ich habe das Zimmer täglich bezahlt. Ich kann nicht mehr. Wo bin ich denn nur? Ich will fort!«

Der Wirt tauchte auf. »Marsch, ins Geschäft!« herrschte er seine Frau an, die wie ein Hauch verschwand. »Entschuldigen Sie, Fräuleinchen,« sagte er süßlich und legte ihr den Arm um den Leib, »aber Sie sollen mal sehen, wie schnell man sich an die Musik gewöhnt.«

Und jäh verzerrten sich seine Züge, warf sich sein Kopf nach hinten herum.

»Ah, Sie sind et, Herr Vanderwelt. Da können Sie von Glück sagen, dat ich Sie erkannt habe. Nehmen Sie die Daumenschrauben vom Arm.«

»Befehle, Matthes? Finger weg, oder ich dreh' Ihnen die Schulter ab. Sie kennen mich im Zorn, Matthes. So ist's recht. Und kein Wort darüber. Nicht das kleinste, oder die Freundschaft ist aus. Gehen Sie zu Ihren Gästen.«

Das Mädchen stand auf den Treppenstufen, blaß, mit verstörten Augen, die Reisetasche fest an sich gezogen.

Kornelius Vanderwelt sah dem Wirte nach. Er sah auf das Mädchen und öffnete die Tür, die ins Freie führte. Die Nacht quoll herein und mit ihr der peitschende Regen.

Kornelius Vanderwelt stand und sah auf das zusammenschauernde Mädchen, das ihm entgegenschritt. Er öffnete den Schirm, den er schützend in die regendurchflutete Nacht hinaushielt, und als er in der engen Tür ihre frostbebende Schulter spürte, hob er seinen Umhang und nahm sie mit unter das wärmende Tuch.

»Ich will Ihnen nur auf den rechten Weg helfen,« sagte er leise, und sie sah nach seinen Augen.

So schritten sie schweigend in Nacht und Regen, der Mann und das Mädchen.

3

Als der Mann und das Mädchen aus der Gasse heraustraten, packte sie am Hafendamm der fegende Rheinwind erst mit seiner vollen Gewalt, und der Mann stemmte seine Schultern an, um des Windes und Wetters Herr zu werden. Mit der einen Hand streckte er den Schirm vor, mit der anderen hielt er den Zipfel des Umhangs gepackt, aus dem das Angesicht des Mädchens starr und regennaß in die Dunkelheit lugte.

»Legen Sie vor allen Dingen einmal die Starrheit ab,« gebot die Stimme Kornelius Vanderwelts und drang durch das Wetter zu ihrem Ohr. »Was Sie in der Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ gesucht haben, werden Sie mir später erzählen, jetzt sagen Sie mir, was Sie in Ruhrort wollen oder wohin Sie wollen.«

Das Mädchen versuchte zu sprechen. Aber Regen und Wind machten sie atemlos. Ihr Mund bewegte sich und die Brust bäumte sich auf in der Anstrengung des Sprechens.

»Langsam, langsam,« beruhigte die Stimme Kornelius Vanderwelts. »Es ist so spät geworden, daß es auf ein paar Minuten wirklich nicht mehr ankommt. Verstehe ich recht? Klavierspielerin sind Sie? Und kommen von der Hochschule für Musik? Unterricht wollen Sie erteilen, um Ihre Laufbahn fortsetzen zu können? O Sie junge Jüngerin der heiligen Cäcilie, welcher dunkle Trieb führte Sie denn geradeswegs nach Ruhrort?«

Wieder sprach die Stimme des Mädchens, und die Worte flatterten zerfetzt davon.

»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »so geht es nicht. Meine Stimme ist an das Hafenwetter besser gewöhnt. Ich werde sprechen und Sie werden nicken oder mit dem Kopfe schütteln. Verstanden?«

Das Mädchen schloß nur die Augen zur Bejahung.

»Ich werde es ganz kurz machen,« fuhr Kornelius Vanderwelt fort. »Sie sind hier. Daran ist nicht zu zweifeln. Sie suchen Arbeit. Arbeit ist für jeden ernsthaft Suchenden zu beschaffen. Vorher aber suchen Sie eine Unterkunft. Das ist zu dieser vorgerückten Nachtstunde und in dem Zustand, in dem Sie sich befinden, schon eine schwierigere Aufgabe.«

Er wartete, und das Mädchen schwieg und mühte sich, das Frösteln zu unterdrücken.

Kornelius Vanderwelt beugte sich zu ihr nieder. Ganz nahe über ihre Augen, die ihm entgegenstarrten.

»Nicht diesen Blick. Bitte -- ohne jede Angst und Zurückweisung. Als wir aus den ›Fünf Erdteilen‹ in die Nacht traten, versprach ich Ihnen meine Hilfe. Sehen meine Augen aus, wie die Augen eines Wegelagerers? Ach so, da war gestern oder vorgestern Mittag so eine Geschichte ... Auf der Landstraße ... Das war Landstraßenübermut. Das überkam mich so, wie ich Sie in Ihrer jüngferlichen Abwehr sah. Jetzt stehen Sie unter meinem Schutz, und dort ist mein Haus, und wir gehen hinein.«

»Nein,« sagte sie nur.

»Ja,« wiederholte er, »wir gehen hinein. Denn im Regen schwimmen wir fort, und es scheint mir für den in ganz Ruhrort und Umgebung bestens bekannten Kornelius Vanderwelt -- so ist mein Name, mein Fräulein -- nicht sonderlich passend, vor den Fenstern seiner schlafenden Kinder mit einer unbekannten jungen Dame durch die schwärzeste Nacht zu lustwandeln. Sehen Sie das ein?«

Sie machte sich ganz steif unter dem gemeinsamen Umhang.

»Mein liebes Fräulein,« sagte er ernst. »Ich bin nicht abergläubisch, aber hier scheint mir doch so etwas wie die Stimme des Schicksals mitzureden. Vielleicht finden Sie bei mir die Arbeit, die Sie suchen. Meinen Kindern tut eine tüchtige Klavierlehrerin not. Zeigen Sie mir morgen, was Sie können, und jetzt treten Sie ein.«

Das Mädchen bewegte den Mund, es begann zu sprechen.

»Nein, ich fürchte mich nicht. Ich fürchte mich auch nicht vor der ungewöhnlichen Stunde. Aber da ist etwas -- nein, nein, es zieht mich nicht zurück -- und ich bin auch nicht abergläubisch -- es redet mir zu -- und einer ist dem anderen doch ein Fremder.«

Und die Augen des einen befragten verwundert die Augen des anderen.

Fremde? Sind wir uns Fremde? Was ist es, was den einen für den anderen sprechen läßt?

»Ich gebe Ihnen mein Manneswort, daß Sie unter meinem Dach so sicher sind, wie meine Kinder.«

Sie antwortete nicht mehr. Aber sie ging ruhig an seiner Seite durch den Vorgarten, und die Rosenranken griffen nach ihr mit den Dornen, und sie griff hinein und spürte nur die sprühende Rose, die sie in der Hand behielt.

Kornelius Vanderwelt schloß die Türe auf und entzündete im Hausflur das Licht. Wie eine Nachtwandlerin, die eines jeden Schrittes sicher ist, folgte sie ihm in den Kleiderablegeraum, ließ sie sich von seinen Händen Hut und Mantel abnehmen, folgte sie ihm weiter, nur die Reisetasche in der Hand, und wartete geduldig in der Dunkelheit eines Raumes, bis ihr Führer auch hier das Licht aufflammen ließ.

Ihre Augen wanderten ringsum. Ernst und ohne Überraschung, als hätte sie die neue Umwelt so und nicht anders erwartet.

»Sie sind in meinem Arbeitszimmer,« sagte Kornelius Vanderwelt freundlich. »Setzen Sie sich nieder. Nein, nicht auf den steiflehnigen Stuhl. Hier in den tiefen Sessel können Sie sich gemütlicher hineinkuscheln. So ... Ganz Wohlbehagen ... Es wartet kein Zahnarzt mit der Zange. Aber es ist zwei Uhr nachts, und Sie haben nach dem Familienabend in den ›Fünf Erdteilen‹ die Berechtigung, müde zu sein.«

»Nein -- ich bin nicht müde. Aber die Hausfrau schläft.«

»Mein liebes Fräulein, die Hausfrau schläft schon seit Jahren den ewigen Schlaf. Ich lebe mit meinen Kindern allein, zwei Jungen und einem Mädchen, und eine ältere Hausdame betreut uns. Soll ich Ihnen das Gastzimmer anweisen, oder wollen Sie mir noch ein wenig Gesellschaft leisten?«

»Wenn Sie es wünschen -- will ich Ihnen noch -- Gesellschaft leisten.«

»Recht so. Man lernt sich kennen und weiß am nächsten Tage, wer der andere ist. Das erleichtert die Möglichkeit Ihres Hierbleibens. Und nun wollen wir plaudern und zum Plaudern einen Tee trinken.«

Die Tiefe des Sessels verschlang die Mädchengestalt. Und aus der Tiefe heraus verfolgten die ernsten, grauen Augen jede Bewegung des Mannes, sahen auf seine starken, gutgepflegten Hände, die am Kamin die Schnur des elektrischen Kochers einschalteten, auf den jugendlich federnden Gang, der das Zimmer durchmaß, hin und her, her und hin, bis die dampfenden Teegläser auf dem Tische standen und eine verdeckte Schüssel. Kornelius Vanderwelt aber ließ ein jedesmal, wenn er den Schritt wandte, seinen Blick über das Mädchen schweifen, und er gewahrte den strengen Schnitt ihres Gesichtes, das flimmernde Rotblond des windverwehten Haares, die eigentümliche Ruhe der Augen, hinter der die Stürme müde geworden oder noch unerweckt zu schlafen schienen. Und wieder schweifte sein Blick über sie hin und gewahrte das billige Kleid und unter dem Kleid die Magerkeit der Glieder, die dennoch über den Fesseln eine feingeschwungene Linie zeigten, und die festgerundete Mädchenbrust, die unhörbar atmete. Und immer wieder schweifte sein Blick über die Hände, die im Schoße ruhten und ihm in ihrer Gliederung so ausdrucksvoll schienen, als sprächen sie eine eigene, beseelte Sprache.

Leise zog er sich seinen Sessel heran und setzte sich ihr gegenüber. Die Schüssel hatte er abgedeckt.

»Greifen Sie zu,« bat er freundlich. »Die kleinen Imbißbrote werden jeden Abend für mich zurecht gestellt. Ich bin, wie Sie leider schon bemerkt haben werden, ein bißchen außenhäusig geworden. Und trinken Sie tapfer Tee. Er langt für mehrere Gläser und wärmt Ihren durchfröstelten Lebensmut wieder an.«

Sie beugte sich vor und nahm das Glas aus seinen Händen. »Zucker?« fragte er und ließ, als ihre Lippen sich bewegten, ein Stück in ihr Glas gleiten.

Sie trank mit weitgeöffneten Augen. Nicht gierig, aber in langen, durstigen Zügen, als wär alles in ihr erstarrt gewesen und taute nur langsam auf unter dem heißen Trank.

»Nicht das Essen vergessen,« ermunterte Kornelius Vanderwelt, und sie nahm gehorsam eins der schmackhaften Brote und senkte die Augen, während sie aß.

Kornelius Vanderwelt tat, als leistete er ihr bei Speise und Trank Gesellschaft. Aber während er sie mit einer geräuschlosen Ritterlichkeit bediente, kam die Verwunderung über sein Tun in ihm hoch und wuchs und wuchs, daß er unruhig glaubte, ein Lachen in sich aufsteigen zu spüren, ein Lachen über Kornelius Vanderwelt, der von der Straße nächtlichen Besuch hereinnahm und ihm wie einem Edelfräulein aufwartete.

Und die Verwunderung wurde noch stärker, weil das Lachen ausblieb und nicht einmal einem Mitleid Platz machte, sondern nur ein grübelndes Lächeln wurde: wie schön ist es, mit diesem Mädchen zusammenzusitzen, und weshalb ist sie mir so vertraut?

Da gewahrte er, daß sie ihn anblickte.

»Nichts mehr?« fragte er. »Nicht ein kleines Brötchen mehr? Aber das Teeglas wird noch einmal gefüllt --«

»Ja, ich danke Ihnen,« sagte sie, und er sah an dem Hauch, der in feinem Rot ihr Gesicht überzog, daß sie sich erholt hatte.

»Wollen Sie mir jetzt Ihren Namen nennen? Eine Anrede ist die Hälfte des Bekanntseins.«

»Ich heiße Angela Freydag.«

»Angela? Ah, das bedeutet soviel wie ›Engel‹?«

Ihre Hand tastete nach der Reisetasche, die sie an ihren Sessel gelehnt hatte. Sie drückte auf das Schloß.

»Mein Gott,« fragte Kornelius Vanderwelt erstaunt, »haben Sie das Ding da sogar ins Zimmer mitgenommen?«

»Meine Brieftasche ist darin, und in der Brieftasche sind meine Papiere.«

»Mein liebes Fräulein Freydag, Sie verwechseln den Ort. Sie befinden sich hier nicht vor einer Behörde, sondern bei einem Ruhrorter Bürger mit Namen Kornelius Vanderwelt, der Ihnen freiwillig Gastfreundschaft anbot.«

Sie aber nestelte die Brieftasche hervor und öffnete sie vorsichtig auf den Knien. Zwischen wenigen kleinen Geldscheinen lagen in sauberem Umschlag ihre Ausweispapiere.

Kornelius Vanderwelt nahm sie mit kurzer Verbeugung aus ihren Händen.

»Wenn es wirklich Ihr Wunsch ist --« Und er las.

»Angela Freydag, Musikbeflissene. Tochter des verstorbenen Kapellmeisters Sebastian Freydag und seiner ebenfalls verstorbenen Ehefrau, der Sängerin Barbara Freydag geborene Brandt.«

Er ließ die Hände in den Schoß sinken und schaute sie an.

»Es folgt die Personalbeschreibung, Fräulein Freydag, die ich aber schon auswendig weiß. Also beide Eltern -- beide dahin? Und keine Geschwister? Und Anverwandte? Ebensowenig?« Er legte die Papiere in ihre Hand zurück und behielt ihre Hand eine kurze Weile still zwischen der seinen.

»Und obendrein ist sowas noch ein Mädel -- läuft mutterseelenallein über die Landstraße, um ihre Groschen zu sparen -- jedem Zugriff ausgesetzt -- nein, nein, ich weiß, es sind Krallen und Zähne vorhanden -- gerät in die hochansehnliche Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ -- ja, nun sagen Sie mir nur, weshalb gerade in diese?«

»Es war die billigste,« antwortete sie ruhig.

»Und was trieb Sie nach dem schwarzen Ruhrort?«

»Ich komme von der Musikhochschule in Köln. Meine Mittel sind eher erschöpft, als meine Ausbildung abgeschlossen sein wird. Da hab' ich mich auf den Weg gemacht, neue Mittel hinzuzuverdienen. Denn« -- und ihre Augen sahen ihn mit einem stählernen Glanz an -- »ich kann etwas und will noch viel mehr können.«

»Bravo. Aber weshalb gerade Ruhrort?«

»In Köln und in Düsseldorf und in den anderen großen Städten wachsen die Klavierlehrerinnen wie das Gras zwischen den Steinen. Da dachte ich an das Industriegebiet. Ich kam von der Ruhrstadt Kettwig her, als ich Ihren Fahrer auf der Landstraße anrief. Ich hatte nichts erreicht. Aber in Kettwig sprachen die Leute von der großen Entwicklung des Hafenplatzes Ruhrort. Und irgend etwas stieß mich auf den Weg.«

»Auf meinen Weg,« sagte Kornelius Vanderwelt grüblerisch. Und er befreite sich aus dem Dunkel der Gedanken und setzte munter hinzu: »Die erste Begegnung hat Sie wohl sehr erschreckt?«

Zum ersten Male sah er, daß sie lachen konnte. Nicht laut und auch nicht lautlos. Die Kehle blieb unbewegt. Nur in den Augen sprang ein Licht auf, tief im Hintergrund der grauen Augen, aber es beschien das ganze Gesicht mit einem heiteren Schein.

»Nein, die erste nicht, Herr Vanderwelt. Ich wußte wohl, daß ich im Winde stand wie eine Vogelscheuche, als mir die Kleider wegflogen. Und daß Sie mich trotzdem und ohne viel Fragens in den Wagen hoben, das empfand ich gerade darum als die erste Kameradschaft unter Menschen.«

»Das Empfinden hielt nicht lange an, und Ihre Zähne und Fäuste bedankten sich auf eine eigene Weise.«

»Hätte ich aus dem Wagen springen können, ich hätte es getan, Herr Vanderwelt.«

»So abscheulich erschien ich Ihnen? Als ein so gemeiner Wegelagerer?«

»Ich schämte mich vor mir selber und -- und -- nun muß ich es doch sagen -- und für Sie.«

»Für mich, Fräulein Freydag? Hatte ich denn beim ersten Blick einen so guten Eindruck auf Sie gemacht?«

Sie zog nachsinnend die Stirn zusammen, daß sich über der geraden Nase steil eine Furche hob.

»Ich fragte mich: greift ein Mann wie dieser Mann so wahllos nach jeder? Und wenn es ein so fadenscheiniges und abgemagertes Ding ist wie ich? Das schüttelte mich.«

»Es war nicht wahllos,« sagte Kornelius Vanderwelt. »In dieser Stunde weiß ich es, und Sie wissen es auch.«

»Ja,« entgegnete sie aus ihrem Sinnen heraus, »in dieser Stunde weiß ich es, und nun darf ich Ihnen dankbar sein.«

Kornelius Vanderwelt erhob sich.