Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Part 4

Chapter 43,508 wordsPublic domain

Der Schiffer schlug sich die Mütze ins Genick, legte das Steuer um und nahm Kurs ins Freie. Und schon stand statt seiner der lange Hein vor dem Herrn aufgepflanzt, die schwarze Locke über der Stirn, um den Hals das flatternde bunte Seidentuch, den Silberring verwegen im Ohr.

»Zur Stelle, Herr Vanderwelt.«

»Kerl! Hein! Sie werden mit jedem Tag gefährlicher. Man sollte Ihnen wahrhaftig keinen Kahn nach Mannheim mehr anvertrauen.«

»Oho, Herr.«

»Ich glaub', selbst die schönste Jungfrau Lorelei hängt sich Ihnen ins Schlepp, geschweige denn die anderen Frauenzimmer.«

»Ah -- ~so~ meinen der Herr Vanderwelt.« Der Bursche lachte geschmeichelt. »Ja, dafür kann der Hein nix. Der is von Natur so gewachsen. Aber in seine Schiffergeschäfte läßt sich der nich 'ereinliebeln.«

»Nicht? Und wenn's in Ruhrort nur so um ihn herumwimmelt? Da wär' ich doch gespannt. Ernsthaft, Hein, mir hat ein Vögelchen gepfiffen, es würden da verschiedene« -- er rieb den Daumen gegen den Zeigefinger -- »Anforderungen gestellt, und der Hein wär für bestimmte Hafenplätze nicht mehr zu haben.«

Die Siegermiene geriet ein wenig ins Wanken. Die herausfordernde Geste wich.

»Ein Wort im Vertrauen, Herr Vanderwelt, wenn Sie gestatten würden. Bei solchen Geschichten fehlt zwar meistenteils der Beweis. Aber vorsichtiger wär et immerhin, wenn der Herr Vanderwelt für meinen Kahn als Eigentümer zeichnen wollt, bevor sie mir den verramschen.«

Seine Augen schielten nach dem Herrn, und die schwarze Locke hing ein wenig kläglich.

»Mit anderen Worten: Sie möchten mir den Kahn anhängen und auf Löhnung fahren. Soso. Wenn Sie von der Mannheimfahrt zurückkommen und Ruhrort anlaufen, wollen wir das Geschäft besprechen. Es ist Ihre Sache, sich zu beeilen. Sie sind in der Ladefolge der dritte. Sorgen Sie, daß Ihr Kahn morgen früh pünktlich am Ort liegt.«

»Herr Vanderwelt! Wenn Sie mal im Leben ein paar zärtlich zupackende Fäuste brauchen -- dat hier, dat wären die Muster!«

»Flott, Hein,« sagte Kornelius Vanderwelt und blickte über ihn hinweg, »die anderen stehen sich die Beine in den Leib.«

Und einer folgte dem anderen, wurde kurz auf Herz und Nieren geprüft, bei seiner schwächsten Stelle genommen, erhielt sein Stichwort und schob sich mit einem vergnüglichen Grinsen zur Türe hinaus.

Im Zimmer blieb ein Schwaden von Teer, Schweiß und Branntwein.

Kornelius Vanderwelt hob den Hörer vom Fernsprecher. »Ich bitte Herrn Beckenried zu mir.«

Der Geschäftsführer erschien mit der Unterschriftenmappe. Er verzog krampfhaft das Gesicht und nieste.

»Ja, mein Lieber, das ist der Ozon, der uns zum Leben nötig ist.«

»Die Vanderweltschen Lungen sind nun mal anders geartet als die üblichen. Sie gestatten wohl, daß ich beide Fensterflügel öffne, oder ich habe meine Verhandlungsunfähigkeit zu erklären.«

»Nehmen Sie eine Zigarre, Beckenried. Nicht bei der Arbeit? Gerade bei der Arbeit qualmt der Schornstein am fröhlichsten. Also zur Sache. Die Verladung ist im Lot. Meine Freunde, die uns eben verlassen haben, werden schuften wie die schwarzen Teufel. Bis sie fertig sind, werden auch die Herren Großreeder nachgerückt sein, so daß es eine Lücke nicht gibt. Keine Stunde Ruh' sollen sie vor dem Fernsprecher haben. Und nun -- Feierabend.«

Ein tiefer, langgezogener Seufzer stieg ihm aus der Brust.

»Wahrhaftig, Beckenried, Sie haben recht. Der Ozon war diesmal ein bißchen reichlich.«

»Ich geh' trotzdem nicht mit Ihnen, Herr Vanderwelt.«

»Wirklich nicht? Auch nicht, wenn ich Ihnen einen Abend der tiefsten Sammlung in Aussicht stelle? Ja, was machen Sie denn mit der unendlich langen Nacht? Man schläft doch nur, wenn man einmal müde ist.«

»Dann lernen Sie es nie, Herr Vanderwelt. Bitte, noch ein Dutzend Unterschriften.«

Kornelius Vanderwelt setzte sich wieder, überflog die Bogen, verbesserte ein Wort, eine Wendung, und unterschrieb Blatt um Blatt.

»Beckenried,« sprach er, während die Feder die Namenszüge zog, »es ist auch das einzige, was ich nicht lernen will. Der Schlaf ist die törichtste Unterbrechung jeder Lebensfreude und tritt immer ein, wenn man die Minute für die aller- allerschönste hält. Ach, Beckenried, ich wollt', Sie könnten für mich mit schlafen.«

»Es sollte mein Geheimnis bleiben, Herr Vanderwelt: ich tu's schon seit Jahren!«

»Lieber Freund, wenn Sie darauf anspielen wollen, daß Sie mir mit Ihren täglichen zehn Kontorstunden über sind, dann bewahre Ihnen Gott Ihren frommen Kinderglauben. Amen.«

Er erhob sich, drückte seinem Mitarbeiter die Briefmappe in den Arm, klopfte ihm auf die Schulter und nahm Abschied. Draußen empfing ihn der Regen. Er atmete tief und gierig die Nässe ein, zog den Mantel näher heran und schlug den Nachhauseweg ein.

»Nun, Fräulein Bilsenbach? Waren Sie mit dem Tag zufrieden?«

»Mit der Juliane war es heute besonders schwer, Herr Vanderwelt. In ihre Klavierübungen wollte sie sich nicht mehr hineinsprechen lassen. Sie spielte, wie es ihr paßte, ob es in den Noten stand oder nicht, und als ich ihr ihre Eigenmächtigkeiten verwies, behauptete sie, der Papa hätte es ihr so vorgespielt.«

»Wie wir uns verstehen, Fräulein Bilsenbach. Wenn ich nur frage, ob Sie mit dem Tag zufrieden waren, kommen Sie ohne weiteres auf die Kinder zu sprechen.«

Das Fräulein stutzte. Die Züge verschärften sich, die Schultern zogen sich hoch, als hätten sie eine neue Last des Gekränktseins auf sich zu nehmen.

»Ich habe ja nicht nur die Sorge um das Hauswesen zu tragen, sondern auch die Sorge um die Kinder.«

Kornelius Vanderwelt zog begütigend ihre Hand an seine Lippen.

»Ich bin Ihnen zu unendlichem Dank verpflichtet. Das weiß keiner besser als ich. Und nun nicht gleich böse sein. Außer den Kindern gibt es nämlich auch noch andere Menschen und Dinge, die einer Unterhaltung wohl wert wären und deren Berechtigung man nicht stets von vornherein von den kleineren oder größeren Unarten der Kinder abhängig machen sollte. Fräulein Bilsenbach, ich habe es in allen Häusern, in denen sich alles und jedes um die Kinder und immer wieder um die Kinder drehte, am drückendsten und unerträglichsten gefunden, in den Häusern aber, in denen die Erwachsenen ohne Weiterungen auf ihrem Lebensanteil bestanden, am frohesten und klarsten.«

»Bitte, Herr Vanderwelt, entlasten Sie mich von dem Klavierunterricht. Ich bin ihm nicht mehr gewachsen.«

»Er ruht, bis ich eine geeignete Lehrkraft gefunden habe. Gestatten Sie mir nur den Hinweis, Fräulein Bilsenbach, daß Sie persönlich den Klavierunterricht als eine Art Entspannung von den Hausgeschäften zu übernehmen wünschten und ich Sie keineswegs dazu gedrängt habe.«

»Ich bin ihm nicht mehr gewachsen,« wiederholte das Fräulein und schüttelte ängstlich den Kopf.

»Quälen Sie sich doch nicht. Menschen, die alles können, erweisen sich in keinem Einzelfache als sattelfest. Und die Küche meines verehrten Fräulein Bilsenbach wäre nicht durch das verlockendste Klavierspiel desselben Fräulein Bilsenbach zu ersetzen.«

Die Verbitterung löste sich. Ein kleines Lächeln kroch hervor.

»Sie verstehen es, die Menschen aufzurichten. Nun schäme ich mich fast, daß ich so wenig an Ihre abgearbeiteten Nerven dachte. Es kann sofort zu Abend gegessen werden, Herr Vanderwelt.«

Und auch an diesem Abend wiederholte sich der laute Begrüßungssturm der Kinder, das Verhör in den Vorkommnissen des Schultags, die Übungen in der Kunst des geistigen Florettfechtens in Angriff und Abwehr.

»Vergeßt mir nur nicht, ihr +discipuli+, daß der Geist erst durch das Gemüt seine Lebensgeltung erhält. Sonst wäre er wie ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Gute Nacht, ich muß meine Weisheit noch anderorts ausschenken.«

Eine halbe Stunde später schritt er unter triefendem Schirm, den ärmellosen Tuchumhang über den Gesellschaftsanzug geworfen, dem Klubhaus der Ruhrorter Herren, der ›Erholung‹, zu. Breit und selbstsicher stieß es hinein in die dunklen Gassen des Hafenviertels.

Eine gewichtige Anzahl von Herren saßen bequem um die Tische geschart. Und daß nicht nur die Zahl eine gewichtige war, zeigten viele und viele der ausgearbeiteten Köpfe an, der scharfgemeißelten Schädel, der aufmerksam spähenden Augen. Männer, bei denen tagsüber Spannkraft und Willenskraft zuhause war und abends ein gelöstes Sichgehenlassen.

Der Wein schwamm in den Römern, die Unterhaltung schwoll an, tiefgründige Worte wurden in ein derbes Scherzwort abgeleitet, von dröhnendem Lachen belohnt. An den Spieltischen klappten die Karten.

Als Kornelius Vanderwelt eintrat, schauten nur wenige auf. Aber die wenigen gaben ihre Erkenntnis durch Blicke weiter, die die Aufmerksamkeit der Umsitzenden weckten und auf den Eintretenden hinlenkten.

»Sieh da. Herr Kornelius Vanderwelt in Person. Sagen Sie, lieber Vanderwelt, leiden Sie unter Anwandlungen von blindlings gesteuerter Langeweile?«

»Wenn ich wüßte, was ~Sie~ wissen, Herr Kommerzienrat, langweilte ich mich an keinem Tische der Erde.«

»Verdammter Kerl, der. Nicht schlecht gegeben. Bin nur gespannt, was ich da wieder mehr wissen soll.«

»Oh, nur einiges. Zum Beispiel, ob die neuen Hafenpläne zur Ausführung gelangen oder nicht?«

»Das müssen Sie den Herrn Oberbürgermeister fragen. Ich beuge mich der Allmacht der Behörde.«

Kornelius Vanderwelt zeigte lachend die Zähne.

»Der Herr Oberbürgermeister sitzt ja allabendlich neben Ihnen. Sollte da nicht eine Befruchtung der Allmacht in aller Stille möglich sein.«

»Hören Sie auf! Das grenzt an Gotteslästerung.«

»Mein verehrter Herr Vanderwelt,« mischte sich die feine Stimme des Oberbürgermeisters ein, »seitdem die Verschmelzung von Ruhrort und Meiderich mit Duisburg glücklich vor sich gegangen ist, hat sich auch die Zahl der Erzengel in meinem Verwaltungshimmel vermehrt, und die vereinigten Herren Stadtverordneten haben mehr denn je das Wort.«

Kornelius Vanderwelt verneigte sich tief.

»Das Wort! Und Ihr kluges Lächeln sagt: ›Ihrer sei das Wort, mein sei die Tat!‹«

»Hierher, Vanderwelt! Wir wollen auch unseren Nutzen ziehen! Heda! Unsereins auch!«

Kornelius Vanderwelt schritt weiter, verharrte an einem Tische, ließ sich zu einem anderen winken. Hinter ihm blieb ein Flüstern.

»Ein Kerl von Geist und Weitsicht,« meinte nachdenklich der Kommerzienrat. »Zuweilen von einer gefährlichen Weitsicht.«

»Wie reimt sich das zusammen, Herr Kommerzienrat?«

Der überlegene Geschäftsmann schob langsam die buschigen Augenbrauen hoch.

»Seltsame Frage das. Es braucht kein Kornelius Vanderwelt in die ›Erholung‹ zu kommen, um uns die Erweiterung der Hafenbauten zu predigen. Etwas anderes ist es, ob wir Nächstbeteiligten mit unseren Schiffsparks Schritt halten können, ob wir uns in unserem Wirkungskreis nicht einen neuen, wenig erwünschten Wettbewerb hereinholen, oder die Kleinschiffer durch die Not an Kahnraum stärker in den Vordergrund gerückt werden, als es für den reibungslosen Großbetrieb gut ist. Das nenn' ich ~gefährliche~ Weitsicht. An der Notwendigkeit der Hafenerweiterungen zweifle ich nicht eine Sekunde, und der Herr Oberbürgermeister, wie ich seine Tatkraft kenne, ebensowenig.«

Eine Weile wandte sich das Gespräch mit voller Lebhaftigkeit den Lebensadern der Stadt, den Hafenbecken und Kanälen zu. Die Finger zeichneten Entwürfe auf die Tischplatte, die Köpfe schmiedeten Pläne. Bald schon, und keiner wollte dahinten bleiben, der eine den anderen überbieten, bis die Trumpfkarte fiel.

»Ich schlage vor, sämtliche Straßen Ruhrorts in schiffbare Kanäle zu verwandeln, sämtliche Plätze in Hafenbecken.«

»Halt, halt,« rief ein hoher Hafenbeamter in das aufdröhnende Gelächter hinein, »der Einfall ist nicht von Ihnen!«

»Haben ~Sie~ ihn etwa zutage gefördert, Herr Regierungsrat?«

»Der Vater des Kindes heißt Vanderwelt.«

»Ich muß doch sehr bitten. Zu meinen Kindern bin ich selber Vater.«

»Es ist schon einige Zeit, da fuhr er mit mir auf dem Regierungsboot durch die Rhein-Ruhr-Häfen. Es war Hochbetrieb, in allen Wasserstraßen drängten sich die Kähne, die Hochöfen feuerwerkten wie besessen, und die Häuserreihen standen wie verloren im schwarzen Kohlenschleier.«

»Sie werden ja ganz poetisch, Herr Regierungsrat.«

»Ich nicht, aber der Vanderwelt wurde es. Mit einer Liebe ohnegleichen starrte er auf das dunkle Städtebild, das sich hier, dort, überall im dunkelgefärbten Wasser spiegelte, wandte sich zu mir und sagte leise: ›Das schwarze Venedig!‹« -- --

Keiner lachte. Jeder nickte versonnen vor sich hin und spann den Gedanken weiter.

»Seltsamer Mensch das,« sagte ernst der Kommerzienrat. »Zwei Seelen wohnen in seiner Brust.«

Und wieder war der Bann gebrochen, und wieder hieß der neue Gesprächsstoff Kornelius Vanderwelt. Dichtung und Wahrheit stritten sich um den Mann.

»Er spielt auf dem Klavier wie unsereins an der Börse.«

»Er liest die Dichter wie unsereins die Kurszettel.«

»Was ihn aber nicht hindert, mit aller seiner Kunst unsereins übers Ohr zu hauen.«

Der aber, von dem die Reden im Schwange waren, saß unbekümmert fernab an einem Ecktischchen und becherte mit den beiden Reedern Hinrichsen und Auffermann um die Wette. Seine Augen leuchteten hellauf, sein Mund sprudelte über von Geschichten aus der weitesten Welt und Gleichnissen aus der nächsten Nähe. Der schlanke Hinrichsen bog sich in den Hüften, der beleibte Auffermann legte sich die Arme wie Faßreifen um den hüpfenden Bauch. »Machen Sie es gnädig, Vanderwelt, machen Sie es gnädig. Wir glauben Ihnen alles -- alles -- alles --!«

»Das kann mich nicht kümmern, meine Herren. Kommen Sie erst einmal nach den Südseeinseln. Da gibt es kein verstohlenes Herumdrücken in den Kaschemmen und Freudenhäusern. Da herrscht Liebe auf den ersten Blick und der Zauber paradiesischer Umgangsformen.«

»Wachsen denn dort Feigenbäume, Vanderwelt? Feigenbäume in rauhen Massen?«

»Gott,« sagte Vanderwelt träumerisch, »es war wohl zu schön, zu überirdisch schön, um an Torheiten zu denken ...«

»Ja, waren Sie denn selber da drunten? Drunten im Unterland, wo's halt so schön ist? Und am Viktoria Njansa? Und bei den Roten am Orinoko und den Schlitzäugigen in der Malakkastraße? Mann, wo waren Sie denn eigentlich ~nicht~?«

Kornelius Vanderwelt spielte mit den Fäden seines Schnurrbartes.

»Wo ich ~nicht~ war? Meinen Sie, ~bevor~ ich endgültig in Ruhrort vor Anker ging, ~oder~ --«

»Achtung, Hinrichsen, jetzt kommt eine bodenlose Grobheit.«

»Oder -- alsdann? ~Alsdann~ war ich noch nie unter so hinterhältigen Gentlemen, die mich erzählen lassen, während sie selber den Wein wegtrinken. Die dritte Flasche, Auffermann, bitte ich in zweifacher Ausfertigung vorzuführen. Keine Einwendungen, oder wir nehmen den Mann nicht mit auf hohe Fahrt, Hinrichsen.«

Der Reeder Auffermann rieb sich das spiegelblanke Kinn.

»Hohe Fahrt? Das überredet mich. ›Dein Mund fleußt über alle Zeit von süßem Sanftmutsöle‹, steht in einem alten Gesangbuchliede zu singen und zu sagen. Darauf trinken wir die vierte, und Hinrichsen zahlt die fünfte und die sechste. ~Worüber~ beschweren Sie sich? Sie hätten schon die erste und die zweite gezahlt? Still, Hinrichsen. Nicht in Gegenwart unseres Gastes.«

Und Kornelius Vanderwelt dachte, während der Wein die grünen Römer füllte, es sind landläufige Burschen, aber als Saufkumpane geschaffen wie weiland Ritter Falstaff für den Junker Heinz. Und er hob sein Glas, stieß an und trank in langen, durstigen Zügen.

Allmählich leerte sich das Gemach. Eine Zecherrunde nach der anderen rückte ab, und an den Kartentischen errechnete man Gewinn und Verlust, beglich die Rechnung und verabredete sich auf morgen.

»Kaum Mitternacht,« stellte Kornelius Vanderwelt fest, »und schon löschen sie die Kesselfeuer und kriechen in die Hängematten. Ich krieg' das Frieren bei so viel Kaltblütern.«

»Kaltblütern? Hinrichsen, hat er ›Kaltblüter‹ gesagt? Wollen Sie meinen Puls fühlen, Vanderwelt? Wollen Sie Hinrichsens Puls fühlen? Wenn wir auch nicht mit Südseeinsulanerinnen Vielliebchen aßen, wenn wir auch nicht -- wenn wir auch nicht -- mit Suahelimädchen -- na, Hinrichsen, nun sagen Sie's doch schon, was wir ~nicht~ mit den Suahelimädchen ...«

»Mit Kokosnüssen Tennis spielten,« half Hinrichsen aus, »und mit den Schlitzäugigen: ›Wieviel Finger sind das?‹ ...«

»So haben wir doch Ruhrorter Blut,« fuhr Auffermann fort. »Heißes Ruhrorter Blut. Verdammt heißes Ruhrorter Blut. Und jetzt gehen wir auf die Straße, wo's am schönsten ist.«

Hinter ihnen erlosch das Licht im Saale. Die Mäntel über den Gesellschaftsanzug geworfen, den steifen Hut auf dem Kopf, traten die Herren in den Hauseingang, mühten sich, in Regen und Wind die Schirme aufzuspannen, und hielten in fröhlicher Erregung den Schritt an.

Vor ihnen verzwirnten sich die engen Hafengassen, und das Licht der Laternen kämpfte vergebens mit den grauen Regenfluten der Nacht. Aber das Licht kämpfte nicht allein. Es kämpfte Dunkelheit gegen Dunkelheit, Menschen der Nacht gegen Menschen der Nacht.

»Wat sagen Sie? Sie hätten dat Mädchen nur angekuckt, Sie Piekfeiner?«

»Bleiben Sie mir vom Leibe. Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen.«

»Aber meiner Braut möchten Sie zu Leibe, was? Mit meiner Braut möchten Sie sich zu schaffen machen? Jetz wollen wir einmal ›Du‹ zueinander sagen, du Lauser, un jetz kriegst du meine Visitenkarte --«

Klatsch!

Der Geschlagene taumelte einen Schritt zurück, hob den Spazierstock und schlug blindlings in die Luft. Das Frauenzimmer kreischte, der Matrose duckte sich zum Sprung und sprang dem Gegner an die Brust.

Klatsch! Klatsch! Von beiden Seiten.

Schon knäulte sich ein halbes Dutzend, schon ein Dutzend Menschen um die nächtlichen Kämpfer herum. Kneipentüren öffneten sich, strömten breite Lichtwellen ins Gassendunkel und mit den Lichtwellen behende Gäste, die da fürchteten, zu spät zu kommen. »Hau ihn, Hendrik! Du läßt dir doch woll nich in 'n Kurs segeln von so 'nem Laffen?«

Klatsch! Klatsch! Klatsch! -- Hin und her.

In der Tür der Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹, die durch ihre Ecklage das Gassengewirr beherrschte, stand in Hemdärmeln und blauer Schürze breitbeinig der Wirt im roten Lichtkegel. Die Hände in den Schürzenlatz geschoben, die Augen blinkernd vor Vergnügen, feuerte er Kämpfer und Zuschauer gleichermaßen an.

»Hendrik, der saß bei ~dir~! Blaue Augen sind schön, Hendrik, aber zumehrst beim anderen! So war's recht, mein Junge! So! Und so! Junger Herr, Sie werden doch nicht vor einem schlichten Matrosen Leine ziehen?«

Aber der Piekfeine dachte gar nicht daran, denn der Hendrik hatte im Eifer des Gefechts einen der Umstehenden vor das Schienbein getreten und einen Dankesstoß erhalten, der ihn über den Haufen warf. Und schon lag der Feine über dem Matrosen und bearbeitet ihn wütend mit den Fäusten. Das aber ging einer Handvoll Schiffersleuten gegen Strich und Faden. Einer von ihnen krakeelte den Mann an, der sein Schienbein gerächt hatte, und erhielt stracks eine gesalzene Maulschelle zur Antwort. Andere stürzten sich auf die am Boden Liegenden, rissen den Oberen vom Unteren, verloren den Halt, befanden sich in tobendem Handgemenge, ohne zu wissen, wie und für welche Sache. Denn auch der Mann, der sein Schienbein gerächt hatte, hatte eingreifen müssen und den Krakeelenden, der ihn wie ein Stier anlief, in den Knäuel geschleudert. Ein dumpfer Schmerzensschrei des Aufschlagenden, und die Zuschauermenge verlor den letzten Rest von Besinnung, stürmte in atemloser Erregung vor, gurgelte Schimpfworte und Kampfesrufe, schlug klatschend drein, traf auf den Falschen, teilte sich in blind ineinander verbissene Einzelgruppen, während der Mann mit dem mißhandelten Schienbein bald in diese, bald in jene Gruppe einen Angreifer hineinschleuderte, die Verbindungen zwischen den Einzelgruppen wieder herstellte und eine allgemeine tobende Kampfeslage schuf.

»Warte, Bürschken, dich sucht' ich als lang.«

»Komm her, du Großmaul, ich hau' dir ein Pechpflaster drauf.«

Klatsch! Klatsch!

»Du da! Du da! Du hast noch wat vom letzten Mal bei mir im Salz. Willste wohl nich ausreißen, du Feigling?«

»Vor so wat ausreißen? Hahaha! Nur zu klebrig biste mir.«

Klatsch! Klatsch!

»Nimm die Hand vom Hals, Hein. Nimm die Hand vom Hals --«

»Tuste Abbitte? Schön Abbitte? Bin ich ein Mädchenhändler, du Lump, oder ein Ehrenmann wie du --?«

Die drei Herren aus der ›Erholung‹ waren längst unter dem schützenden Hauseingang hervorgetreten. Dichter und dichter drängten sie an den Kampfesring heran. Fäuste griffen nach ihnen. Sie hoben die Regenschirme hoch und zeigten ihre lachenden Gesichter.

»Dat sind Herren von der ›Erholung‹! Seid ihr denn ~ganz~ blind, ihr wütigen Maulwürfe?«

Und augenblicklich zogen sich die Fäuste zurück, lüfteten die Kerle grinsend die Kappe. Uralte, schweigende Übereinkunft bewährte sich zwischen den heimkehrenden Herren der ›Erholung‹, den Reedern und Frachtverladern, und den rauflustigen Gästen des Hafenviertels. Ein derbes und herzliches Nachtverhältnis.

»Guten Abend, Herr Auffermann. Guten Abend, Herr Hinrichsen.«

»Guten Abend auch, Herr Vanderwelt. Große Ehre, mit 'ner schlichten Runde Boxkampf aufwarten zu dürfen.«

Plötzlich hielt das Kampfgetöse den Atem an. Die Griffe lockerten sich, die Köpfe streckten sich vor.

»Was denn, Jungens,« rief Kornelius Vanderwelt, »ihr werdet doch nicht aufhören wollen, wenn's am schönsten ist? Wenigstens noch eine Ehrenrunde! Ich schlage vor: zwischen den beiden Herren, die das Zauberstück zuerst zur Aufführung gebracht haben.«

Unter dem niederströmenden Nachtregen, vom Licht der Laternen flackrig beleuchtet, zog man den zerbeulten Matrosen hervor und stellte ihn auf den Platz. »Wo ist der Piekfeine?« grollte er. »Bringt mir nur den Piekfeinen noch mal her.«

Aber so viel man auch suchte, der Piekfeine blieb verschwunden. Und als der Matrose den Namen seiner Braut brüllte, kam auch von dort kein Echo.

Der Piekfeine hatte die Kampfpause benutzt und sich davongemacht. Nicht ohne dem strittigen Gegenstand einen vertraulichen Wink zu geben.

Von unbändigem, immer sich erneuerndem Gelächter begleitet, nahm der Matrose neuen Kurs und stürmte, die Ellbogen angezogen, die Fäuste geballt, in die Dunkelheit, die ihn im niederströmenden Regen verschwinden ließ.

Das nächtliche Zauberstück war zu Ende gespielt. Die Mitwirkenden lüfteten ihre Heldenmasken, erkannten sich als gute Kameraden und biedere Mitbürger und grinsten sich an.

»Ich glaub' wahrhaftig -- et regent ...« stellte der eine fest.

»Verdammich, weshalb lassen wir uns denn eigentlich hier naß regnen?« fragte verwundert ein anderer.

Und ein dritter schlug vor: »Wir könnten unsere Abendunterhaltung doch ebensogut unter Dach und Fach fortsetzen.« Und er fand ungeteilte Zustimmung.

Kornelius Vanderwelt tauschte Gruß und Handschlag mit dem Mann, der um sein Schienbein besorgt gewesen war.

»Petrus! Natürlich! Kein anderer zwischen Mannheim und Rotterdam befördert Stückgut so im Schwunge wie Ihr!«

Der vierschrötige Schiffer machte einen Kratzfuß.

»Ich schmeichle mir, Herr Vanderwelt. Aber bevor ich den Schwung auf seiner glänzendsten Höhe hatte, war die Stückzahl schon erledigt. Schade drum.«

Kornelius Vanderwelt schob seinen Arm in den ungeschlachten des Kraftmenschen und ging im Schritt mit ihm auf die Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ zu. Der Riese setzte nur Fuß neben Fuß. Er fühlte sich sehr geehrt unter dem gemeinsamen Regenschirm und schielte backbord und steuerbord, ob auch eine genügend große Zahl von Kameraden die Bevorzugung gewahr werde.

»Petrus,« fragte Kornelius Vanderwelt, und Wein, Straße, Nacht waren vergessen, »ist Ihr Kahn verholt?«

»Herr,« entgegnete der Schiffer, »wat der Pitter ~ein~mal gesagt hat, dat hat er für ~alle~ mal gesagt. Der Kahn liegt längsseits dem Gebhardt seinen, un nu hat der Kohlenkipper et Wort.«

»Das hat wohl Durst gemacht, Petrus?«