Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Part 26

Chapter 263,756 wordsPublic domain

Thomas Vanderwelt kam die Treppe herauf. Er hörte die Frauen in Angelas Stube sprechen, klopfte an und wurde hereingerufen.

»Ich freue mich, daß du vorwärts wirkst, Thomas. Nimm Platz und laß uns plaudern. An welchem Ende willst du beginnen?«

»Rheinseitig, Engel, rheinseitig. Der Rhein weiß nicht, wer ich bin, und wenn er es zu wissen glaubt, denkt er an einen waschlappigen Kerl, dem man nicht einmal eine Frau anvertrauen könnte, geschweige denn Frachten. Und die Leute am Rhein wissen es auch nicht besser. In ein paar Tagen schwimmen meine Kähne. Der Wilm fährt den einen, ich den andern. Der Vater verlangte ja die Schifferprüfung von mir. Und wenn wir in die Häfen kommen, werde ich die Kundschaft besuchen und zu ihr sprechen: Ich wollte euch nur zeigen, daß wieder ein Vanderwelt das Ruder hält und Verlaß ist.«

»Und wenn du zurückkommst, Thomas?«

»Dann werde ich ein kleines Kontor aufmachen mit zwei Räumen. Wir haben sie schon gemietet, Engel. Wie zwei kleine Kojen sind sie. Die eine Koje für die Mannschaft, die andere für den Kapitän.«

»Ist das die Mannschaft?« fragte Angela und wies auf Magdalene Matthes.

»Das ist sie, Engel. Aber du mußt sie dir unter immer neuen Verkleidungen vorstellen, wie auf einem Seeräuberschiff. Jetzt stellt sie die Wache im Vorzimmer dar, die nichts tut, als die vielen Besucher melden. Jetzt die Geheimschreiberin eines großen Zechenwerkes, die mit ungeheuren Aufträgen eingetroffen ist. Jetzt die Geschäftsbevollmächtigte, die in einem eigenen Zimmer haust, weil im Gewühl des Hauptkontors --«

»Ich bin zufrieden, Thomas. Ein Kaufmann muß Erfindungskraft besitzen wie ein Dichter, oder er ist nur ein Krämer. Wie lange willst du mit deiner Mannschaft in den Kojen hausen?«

Er blickte schnell zu seiner Kameradin hinüber, und da sie so wenig wie er eine Antwort wußte, bekam sie einen roten Kopf vor Erregung.

»Ich hätte einen Plan,« sagte Angela Freydag. »Seit heute habe ich ihn, seitdem es keinen Wirt ›Zu den fünf Erdteilen‹ mehr gibt. Was glaubt ihr großen Rechenkünstler wohl, was dieses alte Eckhaus für einen Wirklichkeitswert besitzt? Nein, nicht das Haus. Der Eckplatz, der das ganze Geviert beherrscht. Die beste Lage des landarmen Ruhrorts. Hafen, Strom und Schifferbörse wenige Schritte vor sich, und von der Stadt lebendig umklammert. Ach, ihr meint, das seien schöne Traumbilder, weil das Baugeld fehlt. Ihr sollt ja auch gar nicht bauen, ihr bescheidenen Anfänger. Eine Baugesellschaft soll bauen, die an die Stelle der ›Fünf Erdteile‹ ein machtvolles Hochhaus erstehen läßt, mit Stockwerken voller Kontore. Und ihr bedingt euch die günstigsten Kontorräume aus. Zu ebener Erde. Damit Jan Maat nicht Treppen erklimmen muß.«

»Wir bedingen uns aus?« fragte Thomas Vanderwelt verwundert. »Es ist doch nicht unser Haus, sondern das deine.«

Ein Hauch lief über Angela Freydags Gesicht. Und sie hatte ihre Gelassenheit wieder.

»Das Haus ist mein, und das Geschäft mit der Baugesellschaft werde ich mir nicht nehmen lassen. Ich bringe das Bauland ein und werde meine Bedingungen stellen. In die Luft hinein können sie nicht bauen. Ich werde für ~euch~ meine Bedingungen stellen.«

In den Augen Thomas Vanderwelts funkelte es auf. Das Kaufmannshirn war an der Arbeit. Und in den Augen der Magdalene Matthes wetterleuchtete es. Auch hier war ein Kaufmannshirn an der Arbeit.

»Für euch und für die Jungen,« sagte Angela Freydag und horchte hinaus.

Aber das Horchen ihres Geistes wurde ein Wirklichkeitshorchen. Und sie wandte den Kopf.

»Was hast du, Engel?«

»Ich höre einen Mann durch das Haus gehen.«

»Laß mich nachsehen, Engel.«

»Er tastet sich die Treppe hinauf. Nein, bleib, Thomas. In meinem Hause muß ich selbst nach dem Rechten blicken.«

Sie ging auf den Flur und schloß die Tür hinter sich. Wie eine Erscheinung wuchs die Frau vor dem Fremden auf.

»Wohin wollen Sie?«

Der Fremde tat, als ob er den Anruf der Frau nicht vernommen hätte. Er stieg nur schneller die Stufen zum oberen Stockwerk empor.

»Antworten Sie. Oder soll ich Sie wie einen Einbrecher an der Kehle fassen?«

»Guten Abend,« sagte der Fremde. »Ich besuche hier eine Bekannte.«

»Wie heißt Ihre Bekannte?«

»Hören Sie, um mir meine Geheimnisse abfragen zu lassen, bin ich nicht ins Haus gekommen.«

»Dann bedaure ich, Sie nicht eher aus dem Hause lassen zu können, als die Polizei eingetroffen ist. Sie wird gleich benachrichtigt werden und feststellen, mit was für einer Art Besucher wir es zu tun haben.«

»Bin ich denn hier in ein Tollhaus geraten?« fragte der Fremde ungeduldig. »Dort oben am Fenster sitzt eine Frau und winkt, und hier auf dem Flur steht eine andere, als wollte sie einen niederreißen.«

»Werde ich jetzt bald den Namen erfahren?« beharrte Angela Freydag. »Wer hat Ihnen gewinkt?«

»Wer? Wer? Wie soll ich den Namen wissen? Den dachte ich oben zu erfahren?«

»Und Sie wagen, in ein Haus einzudringen, um Abenteuer zu suchen? Sind Sie bei Sinnen, oder soll ich Sie zur Besinnung zurückführen?«

»Entschuldigung,« sagte der Fremde. »Wenn Sie, wie aus Ihrem Benehmen hervorgeht, die Hauswirtin sind, so scheinen Sie über Ihr eigenes Haus schlecht unterrichtet zu sein. Das ist doch in der ganzen Nachbarschaft bekannt, daß hier oben ein paar Herumtreiberinnen sitzen, und wegen der läuferischen Frauenzimmer wollen Sie mich mit der Polizei in Berührung bringen?«

»Gehen Sie! Laufen Sie! Daß ich meine Gutheit nicht bereue.«

Wie ein Erlöster sprang der Fremde die Treppe hinunter. Die Haustür schlug ins Schloß.

»Ich habe«, sagte die Stimme der Magdalene Matthes neben Angela Freydag, »Herrn Vanderwelt gebeten, die Säuberung des Treppenhauses Ihnen als der Hausfrau zu überlassen. War das recht, Frau Engel?«

»Es war recht. Wer ein neues Leben beginnen will, Thomas, muß wenigstens ein paar saubere Hände mitbringen.«

Thomas Vanderwelt ging ruhig die Stiegen hinauf zu den Wohnkammern der Familie. Er öffnete die gemeinsame Kammer der Knaben. Sie waren ausgeflogen. Er öffnete das Zimmer seiner Schwester Juliane. Sie war nicht daheim. Und als er das dritte Zimmer öffnete, sah er Frau Antonie im Fensterwinkel stehen, und ihre Augen flackerten in Ungewißheit zu ihm hinüber.

Er nickte ihr zu.

»Jawohl, Antonie.«

Und trat näher, legte die geballte Faust auf den Bettpfostenknauf und sagte nur noch das eine Wort: »Aus!« -- --

In dieser Vorfrühlingsnacht lag Angela Freydag schlaflos, und hinter ihrer rastlos arbeitenden Stirn reiften die letzten Entschlüsse.

12

Die Karwoche war angebrochen. Schon waren die Morgennebel von der Sonne durchleuchtet, und über den Wasserbahnen hoben sich die flimmernden Streifen wie Vorhänge zu einer anderen Welt. Die ergrünenden Fluren und die erwachenden Geschöpfe staunten in die Wandlungen hinein und schickten Sehnsucht und Erwartung als Kundschafter ins gelobte Land voraus.

Wer hatte es gelobt --? Angela Freydag lächelte am Fensterausblick über ihre eigene Frage und beantwortete sie selbst.

»Die wenigen, die es erreichten. Aber es sind ~immer~ die wenigen, die in der Wildnis die Wege roden, und immer die wenigen, die den Weg zum Menschenglück zeigen. Ob er kurz ist oder lang. Es geht um die Erfüllung.«

Und während sie in der Stille des Morgens beobachtete, wie die junge, warme Sonne die Nebel aufsog und der entlasteten Winterlandschaft das aufatmende Frühlingsgesicht verlieh, blieb ihr das Lächeln, und sie sprach mit sich weiter.

»Wenn die wenigen nicht wären, die ihr Leben zu schmücken wüßten, was sollten die vielen tun? Sie würden nur die Karwoche sehen, nur den grauen Weg, und nicht das Ziel, den Auferstehungstag. So aber haben sie die lebendige Hoffnung vor Augen: es kann auch uns glücken wie den Vorläufern.«

Über die Gasse hörte sie Schritte klappern. Sie lehnte sich an das Fensterkreuz und gewahrte Martin und Nikolaus mit den weißen Zeugnisbogen in der Hand auf das Haus zustürmen. Sie rührte sich nicht. Aber ihr Blick nahm das Bild der hoffnungsseligen Jugend auf wie einen Gruß, der ihr zur Pflegschaft und Weitergabe anvertraut wurde.

Die Knabenstiefel polterten auf den Stiegen. Sie machten halt vor Angela Freydags Kammertür.

»Kommt nur herein, ihr Ungeduldigen,« rief ihre Stimme, und die Knaben brachen herein, mit erhitzten Wangen und erwartungsvoll leuchtenden Augen, und streckten ihr stumm die Zeugnisbogen entgegen.

»Versetzt?« fragte Angela Freydag über die raschelnden Papiere hinweg.

»Versetzt?« wiederholten sie, und der Übermut der Sieger schwang in ihren Stimmen mit. »War daran ein Zweifel, Tante Engel? Obertertia. Selbstverständlich. Aber lies nur mal! So lies doch nur!«

Sie tat ihnen die Freude an, bei jeder neuen Note wie in Verwunderung aufzublicken, und dann las sie das Ganze noch einmal in Ruhe und verglich beide Bogen miteinander.

»Hast du nichts bemerkt, Tante Engel? Hast du wirklich nichts bemerkt?« drängten die Ungeduldigen.

»Ich habe bemerkt,« sagte Angela Freydag, und ihre Augen lagen in heimlicher Freude auf den angespannten Zügen des einen und des anderen, »daß man die Bogen vertauschen kann, und sie bleiben bis auf die Namen dieselben, und ich habe bemerkt, daß man auch den Martin und den Nikolaus vertauschen kann, als wäre es nur dieselbe Person in zwei gleichen Teilen, und sie ergäben zusammen immer nur eine einzige Person.«

»Welche Person --?« fragten sie und wußten nicht, wo sie hinauswollte.

»Eueren Großvater, ihr Jungen -- Kornelius Vanderwelt meine ich.«

»Kornelius Vanderwelt« ... wiederholten sie und sahen sich an. Und aus gleichem Antrieb heraus nahmen sie sich in die Arme, rangen miteinander, hoben sich hoch in die Luft.

Mit halbgeschlossenen Augen sah Angela Freydag dem Kräftespiel der Jungen zu. Dann wandte sie den Kopf zur Tür.

»Es klopft. Tritt nur ein, Thomas. Es ist Vanderweltsche Jugend, die hier ihr Wesen vollführt. Der Fink hat wieder Samen.«

Thomas Vanderwelt kam schon vom Hafen her. »Ferien?« fragte er. »Laßt sehen, was sie bringen.«

Die Jungen hatten mit einem Ruck innegehalten. Sie suchten ihre Zeugnisse zusammen und überreichten sie ihm. Wieder begann das erwartungsvolle Spiel ihrer Knabenaugen.

Thomas Vanderwelt war mit den Zeugnissen ans Fenster gegangen. Und Angela Freydag trat hinter ihn, als wolle ihre Hand auf besonders bedeutungsvolle Punkte hinweisen.

»Bemächtige dich der jungen Seelen,« flüsterte sie ihm zu. »Nimm die Leitung in Mannes Hand. Zeig' ihnen deine Freude. Und schaff' ihnen neue. Kinder ergeben sich dem Freudenbringer.«

Thomas Vanderwelt sah auf. Ihre Augen hafteten ineinander.

»Du setztest viel Hoffnungen in mich, Engel.«

»Alle. Sonst ließ' ich dir die beiden nicht.«

Thomas Vanderwelt zog die Oberlippe von den Zähnen. Eine Woge des Stolzes ging durch ihn hindurch. Und Angela Freydag sah nichts, als daß er seinem Vater zu ähneln begann.

»Jungens,« sagte Thomas Vanderwelt über die Schulter hinweg und klopfte auf die Zeugnisbogen, »glaubt ihr, daß diese Kritzeleien hier mit einer Schleppschiffahrt nach Rotterdam bezahlt wären? Es geht ein Haniel-Schleppdampfer um die Mittagszeit, der Kapitän ist mein Freund, und wenn ihr euch sputet --«

Er kam nicht mehr dazu, auszusprechen, was, wenn sie sich sputen würden, Wirklichkeit werden könnte. Er spürte vier Knabenarme um seinen Hals, die ihn zu erdrosseln suchten, und ungekannte warme Lippen auf seinen Augen und auf seinen Wangen. Ein paar Herzschläge lang gab er sich dem Ungestüm der ungewohnten Zärtlichkeiten hin. Dann setzte er sich kräftig zur Wehr.

»Wollt ihr mir den Atem lassen, ihr Räuber und Wegelagerer?«

»Vater! Oheim! Du läßt ihn ~uns~ ja nicht! Ganz atemlos sind wir vor lauter Freud'! Von welchem Haniel-Dampfer sprichst du? Wo ist der Liegeplatz? Genügen die Rucksäcke? Ach, Tante Engel, so hilf uns doch!«

Es kam Ordnung in den Wirrwarr. Die Knaben stürmten die Treppe hinauf, um droben ihr Glück zu verkünden. Und Angela Freydag wandte sich langsam zu Thomas Vanderwelt und reichte ihm beide Hände hin.

»Da hast du sie, Thomas. Nicht meine Hände. Die Knaben aus meinen Händen heraus in die deinen. Mach' aus ihnen, was du aus dir selber zu machen gedenkst.«

»Das war dein reichstes Geschenk, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt und hielt ihre Hände.

Und nach einer Weile: »Nicht, daß du mir die Knaben anvertraust. Daß du ~mir~ vertraust, Engel.«

»Wann trittst du die eigene Fahrt an, Thomas?«

»Übermorgen, Engel. Es ist eine Stückgutfahrt mit Zwischenlandungen in den rheinischen Häfen bis Mannheim. Gerade das Rechte für mich und meine Pläne.«

»Ich hätte noch einen Wunsch, Thomas. Es ist ja nicht allzuoft, daß ich mit Wünschen hervortrete.«

»So sprich ihn doch nur aus. Du wünschest ja doch nur zu meinen Gunsten.«

»Nimm die Magdalene mit. Sie hat eine Ausspannung verdient, und es steht ihr harte Arbeit bevor.«

»Die Magdalene --?« fragte er unsicher. »Ja, hältst du es denn für angängig?«

»Soeben danktest du mir erst, daß ich dir vertraute, Thomas. Mein Vertrauen ist noch viel größer.«

Er schüttelte hastig den Kopf, als wollte er eine falsche Annahme von sich abweisen.

»Du darfst dein Vertrauen auf mich so weit spannen, wie du nur kannst, Engel. Die Magdalene wäre bei mir so sicher aufgehoben wie in deiner Obhut. Aber du hast nicht bedacht, daß ich die Scheidung eingereicht habe und seit Tagen schon auf einem leeren Gastzimmer hause. Da sollte man den Leuten nicht freiwillig die Mäuler öffnen.«

»Besprich dich mit dem Wilm, Thomas. Sie könnte für beide Kähne die Küche besorgen und zur Nacht in der Kajüte des einen Kahnes wohnen, während du mit dem Wilm die Kajüte des anderen teilst. Keine Menschenseele wird sie kennen.«

Er überlegte. Der Gedanke tat ihm wohl, aber das Weshalb wollte ihm nicht klar werden.

»Weshalb kann sie nicht einen anderen Ausflug machen? Sie hat sich in den letzten Wochen stark überanstrengt, und ich bin innerlich sehr froh darüber, daß sie es für mich getan hat. Aber gerade darum, meine ich -- --«

»Was meinst du --?«

»Man bringt eine Frau, die man so ehrlich schätzen gelernt hat, nicht in Ungelegenheiten.«

»Und wenn sie sie gar nicht als Ungelegenheiten empfindet? Sondern im Gegenteil als einen Beweis, daß euere Kameradschaft auf vertrauensfesten Füßen steht?«

»Weshalb drängst du so, Engel? Du bist ja dann ganz allein?«

»Kein Mensch ist allein, der seine Arbeit zu verrichten hat. Du und Magdalene aber, ihr habt euere Arbeit nun einmal aufeinander eingestellt, und es ist nicht nur gut, daß ihr in täglicher Verständigung miteinander bleibt, es wird euch die erste gemeinsame Ausreise ins Arbeitsleben auch für die Zukunft die Quelle des Erinnerungsstromes bedeuten, denn nur in der Kraft der Erinnerungen lebt sich der Mensch vorwärts.«

»Woher weißt du das alles?« fragte Thomas Vanderwelt ehrfürchtig.

»Mein Lehrmeister trug den von dir ererbten Namen, Thomas, er hieß Kornelius Vanderwelt. Und wenn er mich nicht mit auf seine Fahrten genommen hätte, wäre ich der ärmste Mensch unter dem Nachthimmel und bin der reichste Mensch unter der Sonne geworden. Nun weißt du es auch.«

»Engel! Engel! Zuweilen weiß ich nicht, ob ich mehr von dir oder vom Vater ererbt habe.«

»Es ist das gleiche, Thomas. Aber etwas Besseres konntest du mir nicht sagen.« --

Die Jungmannen kamen mit Gepolter die Treppe herunter. Sie trugen in den Rucksäcken Schuhe und Fernglas, Nachtzeug und Waschgegenstände. Und in einem gemeinsamen, schmalen Handkoffer die Sonntagsanzüge und die Hemden. Droben war der Abschied genommen. Jetzt sollte er drunten beginnen.

Angela Freydag packte ihnen den eisernen Mundvorrat für eine Woche in die Rucksäcke und kargte nicht. Sie hieß die Jungen Westen und Hemden öffnen und hängte einem jeden ein flaches Geldtäschchen auf die bloße Brust, das durch einen Knopf verschlossen war. »Damit ihr in der Ferne nicht zu betteln braucht,« sagte sie, und die Jungen strahlten sich an. »Ein paar Zehrpfennige für den Alltag stecke ich euch in die Hosentasche,« und sie steckte jedem ein paar Silbermünzen zu. »Vorwärts denn. Folgt dem Vater.«

Gern hätte sie hinzugesetzt: »und euerem Großvater, Jungens,« aber sie unterdrückte rasch die feierliche Regung und ließ sich dafür so unfeierlich wie möglich in die Knabenarme nehmen und sich jedes Glied am Körper zusammendrücken, ohne sich zu wehren.

»Dank, Dank, Tante Engel! Laß es dir gut ergehen. Glückauf!«

»Fahr wohl, Martin! Fahr wohl, Nikolaus! Allzeit gut Wind und Wetter vorauf!«

Drunten marschierten sie über die Straße, links und rechts von Thomas Vanderwelt. Und Angela Freydag stand hinter dem Fenster und schaute ihnen nach, bis sie auf den Hafendamm bogen.

»Euch hab' ich in Sicherheit,« sagte sie, und ihre Augen hatten einen dunklen Glanz. »Ich hoffe: für ein Leben lang.« --

Am späten Nachmittag kam Magdalene Matthes aus ihrem Handelskontor. Es war ihr letzter Diensttag gewesen. Und nun gehörte sie frank und frei dem neuen Vanderwelt-Unternehmen an. Sie wußte schon von der Weltfahrt der Knaben. Sie hatte Thomas Vanderwelt im Hafen getroffen.

»Frau Engel, er hatte noch mit Wilm zu verhandeln. Ahnen Sie es wohl, weshalb? Mein Gott, ich soll mit auf die Reise! Mein Gott!«

»Freuen Sie sich darüber, Magdalene?«

»Freuen? Freuen ist gar kein Wort! Das hab' ich mir ja seit Kindheitstagen gewünscht, wenn ich irgendwo bei Düsseldorf an der Uferböschung lag und die Schleppzüge kommen und verschwinden sah: Wer da mitreisen könnte! So ins Unendliche aller Wünsche hinein! Und nun darf ich mit. Und darf mich jetzt schon für die Firma Vanderwelt nützlich machen. In der Küche, jawohl! Aber das ist ja ganz einerlei ...!«

»Ich hoffe, Sie werden sich nicht nur für die Firma, sondern viel mehr noch für den Firmenträger nützlich machen können.«

»Nicht sprechen, Frau Engel, nicht sprechen. Nein, ich fürcht' mich nicht.«

»Frauen fürchten sich vor nichts, wenn der Mann voranschreitet.«

Am nächsten Tage trafen sie alle Vorbereitungen. Und als gegen Abend die Schiffsjungen kamen und mit dem Gepäck abgezogen waren, blieben sie zu dritt allein: Angela Freydag, Thomas Vanderwelt und Magdalene Matthes. In den Kammern über ihnen war es ruhig. Der Brief, der am Nachmittag aus einer Rechtsanwaltskanzlei für Frau Antonie Vanderwelt eingetroffen war, hatte den beiden Schwägerinnen Gelegenheit geboten, zur vorgerückten Stunde noch das Haus zu verlassen, um sich bei Freunden Rat zu holen.

Die drei Menschen saßen beieinander am Tisch und schwiegen miteinander, ohne es zu bemerken. Dann nahm Angela Freydag das alte Pfeiflein auf, das sie noch von den gemeinsamen Fahrten mit Kornelius Vanderwelt besaß, entzündete es und tat still ihre Züge.

»Sprachst du, Engel?« fragte Thomas Vanderwelt und legte seine Hand auf die ihre.

»Tat ich es, Thomas? Ich tat es wohl aus Gedanken heraus. Ich dachte gerade darüber nach, wie verkehrt es ist, sich die Karwoche grau in grau zu malen. Am Schlusse winkt doch die einzige Erlösung der Heilsgeschichte, der Auferstehungstag.«

»Ja, so lehrt die christliche Religion.«

Sie bewegte den Kopf, als sei ihr das nicht genug.

»Es kommt nicht auf die Religion, es kommt auf die Frömmigkeit an.«

Und sie grübelten hinter den Worten her, die die geheimsten Kräfte bargen.

»Wenn ihr wiedergekehrt seid,« sagte Angela Freydag nach einer Weile, »darfst du an nichts anderes mehr denken, Thomas, als an die Auferstehung der alten Firma. Alles, was Karwoche geheißen hat, muß vor diesem Morgenlicht verschwunden sein wie ein Rudel Gespenster. Und wenn du dann über den Platz vor der Schifferbörse schreitest, sorg', daß die Schiffer sich anstoßen und zu sich sprechen: ›Kornelius Vanderwelt ist wieder auferstanden.‹«

Die Hand, die auf der ihren lag, drückte zu. Und der harte Druck gefiel ihr.

Magdalene Matthes erhob sich und zündete das Licht an. Ein kurzes Zwinkern war, und die Augen standen weit geöffnet und schauten einander an, als ob sie neue Menschen sähen.

»Keinen überflüssigen Ballast,« sagte Angela Freydag. »Nichts Wertloses. Das Schiff muß Ladung haben, die sich lohnt.«

»Ja,« erwiderte Thomas Vanderwelt, und seine Brust hob sich.

»Ja,« wiederholte Magdalene Matthes.

Wieder kehrte das Schweigen ein. Und sie bemerkten es nicht, bis Thomas Vanderwelt noch eine Frage tat.

»Bleiben die ›Fünf Erdteile‹ geschlossen, Engel? Jetzt, wo ich auf Fahrt gehe, und ich meine nicht nur diese Rheinfahrt, Engel, entfällt ja wohl der Grund für dich, die Wirtin zu spielen.«

Sie tat ein paar Züge aus dem alten Pfeiflein und nickte vor sich hin.

»Die ›Fünf Erdteile‹ -- hören auf, zu bestehen. Meine Pflichten sind erfüllt. Für dich und die Jungen darf keine Belastung mehr vorhanden sein, wenn ihr das neue Leben angreift, sie könnte geartet sein, wie sie wollte.«

»Es ist bald ein Jahr, daß der Vater starb und du uns hier sammeltest und sichtetest.«

»Ich konnte es nicht schneller machen, Thomas.« -- --

In der Morgendämmerung verließen Thomas Vanderwelt und Magdalene Matthes das Haus. Auf ihren Gesichtern war der Glanz der Jugend.

»Dank, Dank, Engel, für alles und viel mehr,« riefen sie der Zurückbleibenden zu und schlossen sie kräftig in die Arme.

Und Angela Freydag erwiderte mit dem alten Schifferspruch, den sie schon den Knaben mit auf den Weg gegeben hatte: »Fahr wohl, Thomas, fahr wohl, Magdalene. Allzeit gut Wind und Wetter vorauf!«

Noch einmal stand sie am Fensterkreuz ihrer Kammer und sah die beiden rüstigen Schrittes über die Straße schreiten, bis ihre Umrisse in die sonnendurchzitterten Nebel des Stromgebietes hineinwuchsen, als gehörten der Strom und die Menschen zusammen.

Ihr Gesicht wurde schmal, und eine Blässe zog darüber hin. Aber der Mund erzwang ein Lächeln.

»Nun seid auch ihr in Sicherheit, und ich kann an die Reise denken. Bist du mit mir zufrieden, Kornelius?«

Am nächsten Tage ging sie durch die Stuben und errechnete den Wert der geringen Hinterlassenschaft des Matthes. Und sie saß an ihrem Schreibtisch und verglich die Summe mit dem Betrag, den sie noch auf der Sparkasse liegen hatte. Und überschrieb den Betrag an Fräulein Magdalene Matthes mit einer zurückgesetzten Zeitangabe.

Auf der Sparkasse ließ sie sich ihr Fach öffnen, das ihre wenigen Anlagepapiere barg, und ließ das Schreiben zwischen ihre Papiere gleiten.

Als sie heimkehrte, hatten sich die Frauen noch nicht erhoben. Aber Juliane rief aus ihrer Schlafstube nach ihr und bat um das Frühstück, da sie zu müde seien, um sich zu erheben.

»Wir haben bis spät in die Nacht hinein Besprechungen mit unserem Rechtsbeistand gehabt,« erklärte sie. »Für mich liegen die Dinge ja klar am Tage. In zwei Jahren wird mein Martin mit der Schule Schluß machen und eine kaufmännische Lehre antreten. Bei seiner großen Begabung wird es ihm nicht schwer fallen, bald Geld zu verdienen. Er hat es ja heute schon gezeigt, daß er es kann. Und da er für seine Mutter unterhaltungspflichtig ist, wird er sich, wie ich ihn kenne, ganz besonders anspornen. Für meine Schwägerin Antonie liegen die Dinge anders. Und wenn Sie auch als die Freundin meines lieben Bruders Thomas auftreten, mein Brüderlein wird sich freuen, die Scheidungsklage zurückziehen zu dürfen, denn der Rechtsbeistand hat mit einem Lärm gedroht, der Thomas Vanderwelt für das Geschäftsleben unmöglich machen würde. Ich denke also, es bleibt vorläufig alles beim alten.«

Angela Freydag ließ den Strom der Worte über sich ergehen und spielte die Bedienerin. Sie entzündete das Gasöfchen auf dem Wandtisch und wärmte das Frühstück darauf. Und tat ein übriges und betrat auch Antonie Vanderwelts Schlafzimmer, entzündete auch hier das Gasöfchen auf dem Wandtisch und erwärmte das Frühstück. Die seidenen Röcke Antoniens lagen zerknittert vor dem Bette.

Am Abend flogen die Frauen aus. Und wieder währte es bis zum Morgen, daß Angela Freydag ihre gleitenden Schritte erhorchte. Heute aber verschliefen sie das Frühstück ganz, und es war der Karsamstag.

Im Hause war alles geregelt. Ein jedes Teil stand auf dem Platze, auf den es hingehörte. Und nur die Frauen lagen gegen Abend noch in ihren Betten und baten Angela Freydag mit Klagelauten zu sich.