Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Part 25

Chapter 253,780 wordsPublic domain

»Ich könnte sagen, Herr Vanderwelt: aus meinen leeren Taschen. Aber das träfe den Nagel nur halb. Den besseren Teil nehme ich aus meiner Liebe -- zu --«

»Zu --?«

»Zu Frau Engel, Herr Vanderwelt. Zu der Frau, die nur das hohe Ziel kennt und sich darum nie erniedrigt. Und wenn sie Wäsche spülen müßte. Solch ein Vorbild sollten Sie sich auch wählen.«

Er schwieg. Und nach einer Weile sagte er ruhig: »Ich möchte selbst eins werden. Das scheint mir jetzt notwendiger.«

Sie waren aufgestanden, und die Worte fehlten zwischen ihnen. Er griff nach dem Hut.

»Von morgen an gehe ich in den Hafen. Aber mit offenen Augen. Was ich an Ballast führe, geht über Bord.«

»Von morgen an«, sagte Magdalene Matthes, »werde ich mit Ihren Augen ins Geschäft gehen. Aber ich werde meine Kündigung einreichen müssen, um vor mir selber nicht als Ausspäherin gelten zu müssen.«

»Ich verpflichte Sie hiermit als meine Buchhalterin, als meine Schriftführerin, als die Gesamtheit meiner Mannschaft. Bis Ihre Kündigungsfrist abgelaufen ist, muß an meiner Seite Platz für Ihre Tätigkeit sein. Glückauf, Fräulein Matthes.«

»Glückauf, Herr Vanderwelt,« antwortete sie zukunftsfroh und drückte ihm herzhaft die Hand. --

Angela Freydag sah ihn am nächsten Morgen das Haus verlassen und mit gleichmäßigen Schritten dem Hafen zugehen. Und sie sah Magdalene Matthes das Haus verlassen, und ihre Augen begegneten sich.

»Keine Sorge,« sprachen die Augen des Mädchens, »ich bin mit am Werk.«

»Halt aus, Mädchen,« sprachen die Augen der Frau. »Aushalten ist Frauensache.«

Von diesem Morgen an kam eine Abgeklärtheit über Angela Freydag, die sie nicht mehr verlassen sollte. Wie bisher sorgte sie für Haus und Wirtschaft, aber zuweilen war ihr, als sei sie nur noch als Gast geladen, dessen Besuchszeit in absehbaren Tagen abliefe, und sie übe ihre Tätigkeit nur als eine Gegenleistung der Gastfreundschaft.

Kamen diese Gefühle zu ihr, und sie kamen immer öfter und heiterer, so gab sie sich ihnen nicht träumerisch hin, sondern nahm sie als Ansporn, das, was ihr in diesem Hause noch zu tun übrigblieb, mit geschärfteren Sinnen zu durchdenken und den Hebel ihrer Persönlichkeit mit gesteigertem Nachdruck einzusetzen.

Häufiger als in früheren Tagen pflegte sie die gemeinsame Kammer der Knaben aufzusuchen, denn die Klingel in der Wirtsstube schlug am Nachmittage kaum an, und die Versorgung des bettlägerigen Matthes hatte sich die wiedererstandene Frau als ihr ureigenes Recht ausbedungen, das die einst so Demütige mit giftigen Worten verteidigen konnte.

»Ich hab' mit dem Mann noch meine Abrechnung. Geschenkt wird ihm nix.«

Angela Freydag hörte darüber hinweg. Was ging sie die Abrechnung der Alten an? Sie hatte mit den Jungen zu tun. Und die Jüngsten der Jungen waren die beiden Knaben, waren Martin und Nikolaus, die vor fast einem Jahre das Gedicht an den Großvater, an Kornelius Vanderwelt geschrieben hatten und ihren jungen Geist in die Höhe steigen ließen.

Zu Ostern, in wenigen Wochen, würden sie die Obertertiaklasse erobert haben. Ein Jahr zu früh für den regelmäßigen Arbeitsgang und doch für ihre begeisterungsfähigen Seelen nicht früh genug.

In Angela Freydags Augen waren sie beide mutterlos. Selten oder nie hatte sie Frau Juliane oder Frau Antonie in der Kammer der Knaben angetroffen, es sei denn, daß eine der Frauen mit wichtigem Auftrag die Knaben aus der Arbeit aufschreckte und mit einem Brieflein durch die halbe Stadt entsandte. Thomas Vanderwelt aber war nun dabei, sich draußen im Hafen sein Floß zu zimmern, um den freien Rhein zu gewinnen. Da blieb die Sorge um die Knaben Angela Freydag, und es war ihre liebste Sorge.

»Was treibt ihr?« fragte sie, wenn sie beim Eintritt in die Kammer mit Jubelgeheul bewillkommnet wurde.

»Setz' dich einmal nieder, Tante Engel. Hierher an den Tisch. Nikolaus, wirf die Scharteken vom Stuhl. Sitzest du gut, Tante Engel? Das Publikum muß in eine freundliche Gemütsverfassung gebracht werden.«

»Narren ihr! Sammelt die Schulbücher vom Boden auf und zeigt mir eure Hausaufgaben.«

»Muß das sein, Tante Engel? Hat's nicht Zeit? Inzwischen verpufft die ganze Begeisterung.«

»Recht so, Jungens. Da habt ihr die Probe aufs Beispiel, und die haltet mir fest. Was verpufft, ist nicht echt und nicht lebensfähig. Das schillert nur in allen Regenbogenfarben und zerplatzt.«

»Baus!« machten die Jungen und suchten ihre Bücher zusammen.

»Das Aufgabenheft brauche ich nicht,« sagte Angela Freydag und schob es zurück. »Zwischen uns herrscht Vertrauen. Ich belüg' euch ja auch nicht. Außerdem predigt euch euer heller Verstand, daß der Wissende der Herr ist und der Unwissende der Knecht. So, das wäre die Mathematik. Verstehe ich nicht, aber die Zeichnungen sind sauber. Und das wäre das Latein. Verstehe ich auch nicht, aber es sind zwei Seiten voll und wird wohl genügen. Und das -- das ist Griechisch, und ich verstehe es noch viel weniger. Wollt ihr euch lustig machen, ihr Sonntagsreiter?«

»Sonntagsreiter hat sie gesagt, Martin! Sonntagsreiter! In der Woche braucht man den Klepper nicht, und Sonntags hoppelt man darauf herum. Tante Engel, du hättest nur ~unsere~ Reihenfolge bestehen lassen sollen.«

»Wißt ihr es denn nicht mehr aus eurer Kinderzeit? Erst mußtet ihr den Lebertran schlucken, dann kam die Backpflaume als Belohnung. Schmäht mir den Lebertran nicht. Er fördert den Knochenbau. Wie das Lateinische und Griechische Verstand und Geist. Die Kunst aber ist die große goldene Feierabendsonne.«

»Gilt sie nur für den Feierabend?« fragten die Knaben enttäuscht.

»Ihr habt mich mißverstanden, ihr lieben, heißen Jünger. Am Abend geht sie auf und gibt die Kraft für die Nacht und den ganzen neuen Tag. Damit der Mensch den Werktag durchhält und mit jeder Arbeit, die er hinter sich bringt, der Freude näher kommt. Sonst müßte er ja glauben, die Sonne am Himmel schiene nur für die Müßiggänger.«

»Schreib's auf, Nikolaus, für die nächste Nummer.«

»Es kann noch in diese, Martin. Wir machen den Leitspruch daraus. Los. Ein jeder für sich.«

Der eine saß am Fensterbrett, der andere am Bettpfosten und strichelte Buchstaben aufs Papier. Jetzt lief der eine zum anderen, und sie verglichen die Blätter. Aus Rand und Band geraten, schlugen sie sich auf die Schultern, hin und her. Die Prägung der Worte war fast die gleiche geworden und bedurfte nur geringer Feilung.

»Erfahre ich nun bald,« fragte Angela Freydag, »was für Narrheiten ihr treibt?«

»Tante Engel, du mußt unser Mitarbeiter werden. Wir verpflichten dich feierlich. Eigentlich wollten wir es ja ganz alleine machen, aber was wir nur unter Hochdruck zutage fördern, das sagst du so ganz selbstverständlich daher.«

»Ist es wahr, Tante Engel, daß es ›geborene Künstler‹ gibt? Die ganz und gar Kunst sind?«

»Ja, ihr Jungen. Es gibt Menschen, die aus ihrem bloßen Leben das größte Kunstwerk gestalten. Sie sind noch seltener als die namhaften Künstler, und Kornelius Vanderwelt, euer Großvater, war einer von ihnen.«

Die Knaben kamen ihr näher. Ihre Augen leuchteten, als sie von ihrem Vorfahren vernahmen, der ein so großer Künstler gewesen war. Es wurde ihnen zumut, als ginge ein Schein von seinem stolzen Haupte auf ihre Jugendlocken über.

»Tante Engel, du bist doch auch eine berühmte Künstlerin gewesen. Auf dem Konzertflügel.«

»Ihr wollt mich wohl nicht ganz leer ausgehen lassen, wenn ihr an den Großvater denkt?«

»Der Großvater und du, Tante Engel, das ist doch derselbe Begriff. Seit wir denken können, haben wir euch immer zusammen gesehen, und der Martin, als er noch ganz klein war, hat mich einmal gefragt, ob du der Großvater seiest oder der große Mann da.«

»Tante Engel, es war der Nikolaus. Er wollte dich damals heiraten, aber er wußte nicht, ob das anginge, da du doch der Großvater seiest.«

»Weil du die Piep rauchtest, Tante Engel.«

Angela Freydag saß zwischen Kornelius Vanderwelts Enkeln und ließ sich die Jugendwogen warm und wohlig zu Herzen gehen. Ihre Hände griffen in die blonden Schöpfe, ihre Augen lachten in die Knabenaugen.

»Muß ich nun zum dritten Male fragen, was es mit euren Heimlichkeiten auf sich hat? Ich muß doch wissen, ob ich an einer Sprengbombe mitarbeiten soll oder an Apollos Sonnenwagen.«

Die Knaben blickten sich an. Dann sprangen sie gemeinsam an den Tischschubkasten und suchten einen Stoß geschriebener Blätter hervor. »Mit der ersten großen Einnahme wird eine Schreibmaschine gekauft. Natürlich eine ›gebrauchte‹,« erklärten sie beruhigend.

Angela Freydag nahm die Blätter entgegen. Ihr wurde froh und sogar ein wenig feierlich zumute, als sie auf die beschriebenen Seiten blickte. »Aus Sehnen und Leben« benannte sich die handschriftliche Zeitung, die sie in den Händen hielt. Ob nicht der junge Kornelius Vanderwelt, bevor ihn das Sehnen nach dem Leben auf die Weltmeere getrieben hatte, auch eine solche Schülerzeitung gedichtet und geschrieben haben mochte?

Die erste Seite in zwei Spalten geteilt. Auf jeder ein Gedicht, beide in genau der gleichen Verszahl. Links Martins, rechts Nikolaus' Name.

»Tante Engel, das war ein Spaß. Dort saßen wir, wo wir eben saßen. Der eine am Fensterbrett, der andere auf der Bettkante. Eins -- zwei -- drei -- und los! Da schwirrten die Saiten. Der Martin war mit seinem Gedicht zuerst zu Rande gekommen, dafür hatte es bei näherem Zuschauen eine Strophe weniger als das meine, und er mußte eine Strophe hinzudichten, damit auf der ersten Seite das schöne Gleichmaß bewahrt blieb. Wieder 'ran an den Feind, und auf die Sekunde wurde er mit mir fertig. Wie haben wir gelacht, Tante Engel!«

Und Angela Freydag dachte: Da sitzen sie in einem elenden Bauwerk, den Himmel über sich und unter sich eine Schifferkneipe, und das Blut bricht doch durch und schlägt vor lauter Freude Purzelbäume von einem Stern zum anderen.

»Umblättern, Tante Engel,« drängten die jungen Dichter. Sie wollten das Staunen genießen.

Ein Märchen folgte vom Rhein. Eine Erzählung aus dem Hafen. Gleichnisse zwischen Schule und Freiheit, in denen die Freiheit triumphierte. Ein Sportbericht wie ein schottisch Tuch, so bunt überwürfelt mit Fachausdrücken. Eine Spalte voll rheinischen Humors. Und dann der Briefkasten. Der Briefkasten, in dem unzähligen Anfragern immer wieder aufs neue versichert werden mußte, daß die Nummer wirklich nur fünfzig Pfennig koste, obschon noch keine Nummer erschienen und noch kein Anfrager möglich war.

Die Kaufmannsader der Vanderwelts, dachte Angela Freydag. Sie hält auf ihren Preis.

Unter den größeren Arbeiten prangten die Namen der Verfasser, die geringeren waren mit ›Bischof‹ und ›Ruprecht‹ gezeichnet. Angela Freydag wies mit dem Finger darauf. »Was bedeutet das?«

»Verstecknamen, Tante Engel. ›Bischof‹ bedeutet Martin, denn der heilige Martin war ein Bischof, und ›Ruprecht‹ bedeutet Nikolaus, denn der liebe, liebe Nikolaus läuft auch als Knecht Ruprecht durch den Wald. Wärst du darauf gekommen? Ehrlich, Tante Engel.«

»Es sind prachtvolle Verstecknamen,« gestand sie, zog ihre Geldtasche und blickte hinein. »Wie oft erscheint die Zeitung?«

»Monatlich,« sagten die Jungen atemlos.

»Bin ich euer erster Besteller?«

»Ja! -- Willst du bestellen?«

»Ich bestelle hiermit die Monatsschrift ›Aus Sehnen und Leben‹ auf ein Jahr. Macht, soweit ich richtig rechnen kann, sechs Mark. Und da ich euch nicht eines Tages mit dem Gelde auf und davon gehen möchte, so erlege ich es in bar. Nehmt hin. Auf jeden Dichter kommt ein Taler.«

»Tante Engel! Tante Engel!« schrien die Jungen, vom Glück wie benommen. Und warfen sich ihr an den Hals, saßen auf ihren Knien, wiegten sich an ihrer Brust.

»Wollen wir es ihr sagen, Nikolaus?« flüsterte der Martin.

»Alles, alles, und wenn wir damit hineinfallen.«

»Tante Engel -- also -- du bist doch unsere Vertraute -- die Gedichte von der ersten Seite, die haben wir an eine Berliner Zeitschrift geschickt.« Und lagen wieder still an ihrer Brust und ließen sich wiegen. -- --

Es war eine Woche später, als Angela Freydag die beiden Himmelsstürmer unter strömenden Tränen fand. Sie taten keinen Klagelaut, aber die Tränen bahnten sich auch lautlos ihren Weg, rollten über die Wangen und zogen in den Schulheften trübselige Furchen.

»Ihr seid mir ja ein paar nette Sonnenanbeter,« tadelte sie die Zerschmetterten. »Wie wollt ihr denn euere Leser an die Sonne in eueren Gedichten glauben machen, wenn ihr selber das graue Elend habt? Oder hat Berlin euch die Gedichte zurückgeschickt? Mein Zartgefühl hätte das zuerst fragen sollen.«

»Berlin -- Berlin -- hat sie angenommen.« Und die Jungen lächelten unter Tränen.

»Martin! Nikolaus! Wollt ihr wohl gefälligst die Schlappheit unterdrücken? Seit wann steht ihr nicht mehr auf, wenn ich mit euch spreche? Das Glück fällt euch in den Schoß, und ihr wollt euch hier in Weltschmerz gefallen?«

Die Jungen waren aufgesprungen, purpurne Scham auf den Wangen.

»Entschuldige, Tante Engel. Entschuldige vielmals. Es soll nicht wieder vorkommen.«

»Und weshalb ~ist~ es vorgekommen? Darf ich das als euere vertraute Mitarbeiterin vielleicht erfahren?«

Die Jungen blickten scheu in die Zimmerecken. Ihr Knabentum vermochte den Helden noch nicht zu spielen. Und der Blick wagte sich zu der gebietenden Frau empor, die für sie nur die Güte gewesen war, und als sie das Verständnis bemerkten, das sie ihrem Schmerze entgegenbrachte, sprangen sie ihr an den Hals.

»Tante Engel, nicht wahr, das glaubst du nicht von uns, daß es Geldgier wäre? Aber es war doch das erste, selbstverdiente Geld, und wir wollten doch die gebrauchte Schreibmaschine dafür kaufen. Das ist nun für ewige Zeiten aus und vorbei, und mit dem Bestellgeld für die Zeitung können wir es nicht machen, weil wir auch das eingehende Bestellgeld abliefern müssen.«

»An wen?«

»An die Mutter. An Tante Juliane.«

»Also an Frau Juliane. Ist das richtig? Und was hattet ihr von Berlin eingenommen?«

»Denke dir, Tante Engel! Denk' dir doch nur! Zwanzig Mark für jedes Gedicht! Zwanzig Mark, und zusammen vierzig.«

»Hei,« sagte sie, »das ist ein feiner Anfang, und ich muß euch beglückwünschen. Der Rückschlag schadet nicht. Manche werden überheblich, bevor sie erprobt haben, ob es Glück oder Verdienst war. Manche denken, sie brauchten in Zukunft nur irgend etwas auf Papier zu schreiben, was sich reimt, und es hätte Geldeswert. Der Künstler muß durch das Leid hindurch wie der Titan durch die Schicksalswelt, um seinen Adel zu spüren, aber so weit seid ihr gottlob noch lange nicht, und ihr dürft noch um den verlorenen Groschen weinen.«

Sie sagte die Worte vor den Ohren der Knaben, leicht und launig und schmerzstillend. Aber in ihrem Innern zog sich drohend eine Wolke zusammen.

»Hüt' dich, Habgier und Eigennutz, die helleuchtenden Kerzen auf dem Kindesaltar auszulöschen.«

Sie ging in das Zimmer, in dem die beiden Frauen beieinander saßen. Kopf neben Kopf an das Fenster gepreßt, mit den Händen Grüße winkend. Sie fuhren herum, als sie Angela Freydags Schritte vernahmen, wie auf böser Tat ertappt.

»Was verschafft uns die Ehre?« fragte Juliane. »Gilt Ihr Besuch mir oder meiner Schwägerin?«

»Er dürfte Ihnen beiden gelten. Aber da Herr Thomas Vanderwelt berufen genug erscheint, die Angelegenheiten mit seiner Frau selbst zu ordnen --« Frau Antonie erhob sich und verließ ohne aufzublicken das Zimmer -- »so ist es mir recht, mit Ihnen allein zu reden. Ich habe mit einer besonderen Art von Genugtuung bemerkt, daß Sie begonnen haben, der starken Begabung der beiden Knaben Ihre Anteilnahme zuzuwenden. Diese Anteilnahme äußerte sich vor allem darin, den Knaben ihre Einnahmen wieder abzunehmen.«

»Vierzig Mark! Was sagen Sie dazu? Vierzig Mark für zwei Gedichte.«

»Das Geld ist Nebensache. Die Freude am Erfolg, der sich in dem Gelde wie in einem Wertmesser auswirkt, ist die Hauptsache. Ich bitte Sie, das zu bedenken und die Freudenquellen nicht zu verstopfen.«

»O nein! O nein! Wie sollte ich? Halten Sie mich für eine solche Törin? Das Geld kam mir geradewegs vom Himmel gesandt, denn ich brauchte ein Frühlingskleid wie das liebe Brot und konnte doch nur mit einer Anzahlung aufwarten. Eine Frage noch. Es wäre mir lieb, sie von fachmännischer Seite beantwortet zu hören, und Sie gehörten doch auch einmal der Kunst an. Können sich die Einnahmen der Jungen steigern lassen? Ich meine, können diese Nebeneinnahmen, wenn die Jungen erwachsen und zu einem Hauptberuf übergegangen sind, große Summen erreichen? Ich für meinen Teil werde ja doch meine Unterhaltungspflicht eines Tages allein auf meinen Sohn übertragen müssen und, wenn nicht alle Zeichen trügen, meine verehrte Schwägerin auf den ihren. Da möchte man jede Möglichkeit, die Lebenshaltung zu verbessern, ausnutzen und die Jungen beizeiten an die Trense nehmen. Wie denken Sie als Fachmännin darüber?«

»Fühlen Sie nicht, Frau Juliane, wie Sie sich mit jedem Worte an dem heiligen Geist Ihres Jungen versündigen? Und an dem des Neffen dazu? Sind Sie so bar jedes Mutter-, Frauen- und Familiengefühls, daß Sie die Begabung der Jungen, ganz gleich, ob sie auf kaufmännischem oder künstlerischem Gebiet zum Ausdruck kommen sollte, nur an die Leine nehmen möchten, um Ihren Wagen ziehen zu lassen? Nein, es hat keinen Zweck, mit Ihnen darüber zu reden. An Ihrer Selbstsucht prallt jeder Versuch einer Einwirkung ab. Seit Mädchenzeiten, Frau Juliane. Aber daß Sie eine schwere Gefahr für die Enkel Kornelius Vanderwelts bedeuten, das ist mir erst heute offenbar geworden.«

»Sie gestatten, daß ich mich aus dem Gespräch zurückziehe.«

»Nur aus dem Gespräch?« fragte Angela Freydag und schritt an ihr vorüber. »Das scheint mir etwas zuwenig.«

Den ganzen Tag durchwanderte sie das Haus und wurde ihren vielen Pflichten gerecht, und doch sah sie vor ihren Augen nichts als das Bild der beiden Knaben, der flügelschlagenden, sonnendurstenden, und alles Flügelschlagen brachte sie nicht höher hinauf, weil sie eine Eisenkugel am Beine schleppten, und kein Sonnendurst wurde ihnen gestillt, weil sie den unersättlichen Erdendurst anderer zu stillen hatten und darüber verkamen.

Wie eine Wölfin durchwanderte Angela Freydag das Haus, und ihre Blicke sonderten das Kranke von dem Gesunden.

Es waren noch andere Kranke im Hause als die durch die Sumpfniederungen gleitenden Frauen Juliane und Antonie. Aber Angela Freydag brauchte sie nicht zu sondern, denn sie hatten sich allein schon abgesondert, wie Tiere tun, die ihre letzten ohnmächtigen Zuckungen den Blicken des Tages entziehen. Der alte Matthes lag hilflos auf seinem Schmerzenslager, und die alte Frau hielt die Kammertür verschlossen und ließ keinen zu ihm.

»Einen Schnaps, Alte! Einen großen Schnaps, um über die höllischen Schmerzen wegzukommen.«

»Du brauchst keinen Schnaps. Hättst du im Leben weniger getrunken, hättst du jetzt die Schmerzen nich auszuhalten. Damals mußt' ~ich~ sie aushalten. Dat is die Strafe.«

»Willst du kuschen? Hol' den Schnaps her! Oder ich komm' dir an die Naht!«

»Du? Ogottogott. Bekuck' dich doch mal im Spiegel un freu dich, dat ~ich~ dir nix tu.«

»O du niederträchtig Geschöpf. Un so wat hat man mehr als vierzig Jahr neben sich geduldet.«

»So is richtig. Vierzig Jahr hab' ich nich mucksen dürfen, un jetz hältst du et Maul un schläfst.«

Nicht Hand noch Fuß konnte der Matthes rühren und nur ohnmächtig mit den Zähnen knirschen. Ob er wachte oder schlief, sie war da und das Grinsen, das ihre Teilnahme ausdrücken sollte. Klapprig und ledergelb schlurfte sie in der Kammer umher und versorgte ihn mit Speise und Trank.

»Die Magdalene soll kommen.«

»Weshalb soll die Magdalene kommen? Die Magdalene hat Besseres zu tun, als solch 'nen alten Kerl zu bekucken.«

»Die Magdalene soll kommen! Ich will meine Enkelin Magdalene an meinem Bett wissen un nich dich Hexe du!«

»Du hast ja nich mal deine leibliche Tochter in deinem Haus wissen wollen. Da hat auch die Tochter von der Tochter nix an deinem Bett zu suchen.«

»Zwanzig Mark -- hörst du? -- zwanzig Mark an die Armen, könnt' ich jetzt ~an~ dich.«

»Betrag dich anständig, dat et en Christenmensch neben dir aushalten kann.«

Zuweilen kam der Arzt, verschrieb ein paar Pulver oder Tropfen und lobte vor des Matthes Ohren umständlich die treue Pflegerin, die selber sterbensmatt sei und dennoch nicht wiche und wanke in der Sorge um den Gatten.

»Ein Engel des Herrn, Matthes. Ein Engel des Herrn.«

Er war gegangen, und nach kurzer Weile reichte Magdalene Matthes die neu verschriebene Arznei durch den Türspalt in die Kammer. Der Kranke verfluchte den Apothekerkram und befahl einen Grog.

»Is et nich einen widerwärtigen Menschen?« fragte die alte Frau, bevor die Tür sich schloß.

»O du Satan!« schrie der Matthes und mühte sich, sich auf den Ellbogen aufzurichten. »Tat ich nicht recht, dat ich dich zeitlebens unterm Daumen hielt, du Satan? Dat Leben hättst du mir zur Hölle gemacht, wenn et nach dir gegangen wär, o du -- Engel des Herrn!«

Die Alte zählte die Arzneitropfen in den Löffel und gab sie dem Gatten zu schlucken.

Immer schneller schwand der Matthes dahin. Der Arzt erwartete nur noch den Eintritt der letzten Lungenentzündung. Und die Alte saß an seinem Lager, strich ihm die Kissen glatt, reichte ihm zu trinken, wischte ihm die Stirn.

Der Matthes hielt sich gut. Er wollte dem Weibe den Triumph nicht gönnen, ihn weinerlich gesehen zu haben. Einmal aber spannten sich seine Mienen, horchten seine Augen und Ohren auf. Die alte Frau hatte ein Lied zu singen begonnen.

»Das menschliche Leben Eilt schnelle dahin. Wie die Räder am Wagen, Wie die Räder am Wagen. Wer weiß, ob ich morgen Am Leben noch bin.«

Da wußte er, daß seine Zeit gekommen war, nahm nicht mehr Arznei noch kühlenden Trank, sondern sah dem Kaperschiff entgegen, das mit dunklen Segeln aus den Nebeln heraus ihn ansteuerte.

Und das Seltsame geschah. Von der Stunde an, da der ins Wesenlose entgleitende Mann der alten Frau nicht mehr bedurfte, kroch sie auf das Lager neben ihn und war teilnahmlos geworden für Umwelt und Geschehnisse. Sie verweigerte die Nahrung, sie gab auf Fragen keine Antworten mehr, sie sah in der Nacht den Matthes sterben und starb am nächsten Tage hinter ihm drein. Wie eine Frau, die ohne den bewunderten Gatten nicht mehr leben kann noch mag.

Angela Freydag ging zu den Entschlafenen in die Kammer und verweilte lange bei ihnen. Es war kein billiges Mitleid in ihr und keine rührselige Regung über das Zufallspiel des Todes. Aber ihr war, als ob mit dem Dahinschwinden der beiden alten Menschen eine Hemmung mit dahingegangen wäre, und als ob die Rechnung, an der sie seit Tagen und Nächten unablässig rechnete, leichter aufging.

»Hab' Dank für dein Sterben, Matthes.« Und sie nickte der alten Frau nicht anders zu.

Die Wirtschaft blieb an diesem Abend und an den nächsten Tagen geschlossen. Angela Freydag hatte in ihrer Stube den Besuch von Magdalene Matthes erhalten, und es war eine Weile still zwischen ihnen geblieben. Angela Freydag stand am Fenster und ließ die Blicke über die dämmernde Frühlingslandschaft des Stromgebietes schweifen.

»Ich möchte Sie noch bitten, mir eine Frage zu beantworten, Magdalene. Wahrheitsgemäß, wie es unter uns guter Brauch ist. Hat das Mitleid Sie zu Thomas Vanderwelt geführt?«

»Ich glaube, daß es so war, Frau Engel.«

»Mitleid ist ein Trinkgeld, Magdalene. Große Menschen zahlen in großer Münze. Es gibt nichts Ärgeres im Zusammenleben zweier Menschen als den Gedanken, daß der eine vom anderen ein Trinkgeld angenommen habe.«

»Bitte, sprechen Sie weiter.«

»Ich habe nichts weiter mehr zu sagen, Magdalene. Eher einen Trunk aus einem gemeinsamen Glase als Trinkgelder.«

»Ich antwortete Ihnen, als Sie fragten, Frau Engel: ich glaubte, daß es Mitleid gewesen wäre. Seit ich Sie sprechen höre, weiß ich, daß ich es mir nur vorgeredet habe. Aber Sie erlassen es mir gewiß, weiter darüber zu reden, da ich mit mir selber noch nicht darüber gesprochen habe.«

»Dann ist es gut. Wann erwarten Sie Thomas Vanderwelt?«

»Herr Vanderwelt muß jeden Augenblick das Haus betreten. Er wollte noch eine Besprechung mit mir abhalten und die letzten Berechnungen vornehmen. Er läßt nicht mehr locker, der Herr Vanderwelt.«