Kornelius Vanderwelts Gefährtin
Part 24
»Soll ich mich durch Ihren Besuch geschmeichelt fühlen, Fräulein Magdalene, oder das niederdrückende Bewußtsein auf mich nehmen, daß es für ein junges Mädchen kein Wagnis bedeutet, mich in meiner Höhle aufzusuchen?«
»Wenn ein ~Löwe~ in der Höhle steckt, mag es schon ein Wagnis sein, Herr Vanderwelt.«
»Ich verstehe. Sie sind gekommen, um das festzustellen. Ich sah einmal einen Löwen in einer Tierbude, der ließ sich an den Barthaaren zausen und weinte.«
»Man hätte ihn aus der Tierbude herauslassen sollen, und die Zauser hätten das Weinen gekriegt.«
»So hohen Ehrgeiz hatte der Löwe gar nicht. Er war zufrieden, daß er gefüttert wurde und nicht in den Regen brauchte.«
»Dann hat der Löwe wohl Ehrgeiz und Ehre verwechselt, Herr Vanderwelt. Das soll in der Gefangenschaft vorkommen.«
»Was wollen Sie?« fragte er mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln.
»Frau Engel behauptet, ich sei Ihre Freundin,« sagte sie furchtlos. »Es kommt gar nicht darauf an, ob Ihnen daran etwas gelegen ist oder nicht. Wenn ich Freundschaft für Sie fühle, so muß ich es Ihnen beweisen, auch wenn es Ihnen unangenehm ist. Ihre Gattin, Herr Vanderwelt, und Ihre Frau Schwester scheinen zuweilen den Löwen in der Höhle zu vergessen. Das ist nicht gut, Herr Vanderwelt. Für Sie nicht und für die Knaben nicht.«
Er trat hastig auf sie zu. Auf seinen blassen Wangen tanzten Flecke.
»Wissen Sie etwas Neues? Etwas, was ich nicht weiß? Ausgezeichnet. Wir werden Gegenminen legen und sie verblüffen.«
»Haben Sie nicht richtig zugehört?« fragte sie staunend. »Es ist kein schön Geschäft, die Angeberin zu spielen, und ich möchte es nicht wiederholen.«
Seine fahrigen Hände hielten inne. Er besann sich, wer sie war.
»Meine Jagdleidenschaft ging lieber andere Wege. Das dürfen Sie mir glauben. Der röhrende Hirsch. Der wetzende Keiler. Und das Leben dransetzen, ihn auf die Decke zu kriegen. Aber wir sind kleine Leute und dürfen nur heimlich mit dem Frettchen auf die Karnickeljagd. Man gewöhnt sich daran. Es kann eine Leidenschaft werden. Da treiben die geschmeidigen Tierchen ihren verliebten Unfug in allen Hecken. Husch, sind sie im Bau und lachen sich eins. Und Sie lassen das Frettchen hineingleiten, und nun ist das Lachen an Ihnen, wenn die lieben Tierchen mit gesträubtem Haar aus den Röhren herausgefahren kommen. Ihnen in den Sack.«
»Herr Vanderwelt, hat Ihnen noch nie ein Mensch gesagt, daß die Frettchenjäger und die Hundefänger ungefähr auf der gleichen Stufe stehen?«
Ein Ruck ging durch seinen Körper. In seinen Augen blitzte es drohend auf. Sie aber freute sich der Drohung.
»Sie sind eine Frau,« sagte er und mühte sich in die Gelassenheit zurück. »Mit den Begriffen einer Frau soll man nicht rechten, und wir wollen den Gesprächsstoff wechseln. Übrigens sind Sie eine sehr hübsche Frau, oder Fräulein, wenn Sie das lieber hören. Schlank und voll geschwungener Linie, wie die Wiener Rokokofiguren, die ich besonders liebe. Mit der hellen Haut und dem hellen Haar der Frauen von Geblüt. Ich meine, wenn Sie sich strecken, müssen Sie mir gerade bis an den Mund gehen.«
»Loslassen. Oder ich schlage Sie ins Gesicht.«
»Gern?«
»Gern?« wiederholte sie, aus der Fassung gebracht, und fühlte seinen Arm nicht mehr. »Man schlägt doch einen Menschen nicht gern ins Gesicht?«
»Sicherlich nicht, wenn man vorgibt, eine Freundin zu sein.« Und er beugte sich über sie und küßte sie auf den Mund.
Sie setzte sich nicht zur Wehr. Sie streifte nur ruhig seine Arme von sich ab und trat einen Schritt zurück.
»Herr Vanderwelt, mein Mund ist kein Freiweideland. Mein Mund, das bin ich! Und wenn Sie wieder einmal Hunger oder Durst nach ihm bekommen sollten, so vergessen Sie nicht, daß Sie als Zahlung sich selber mitzubringen haben, oder doch das, was das Beste an Ihnen sein sollte, den Mann.«
Und sie war hinaus, bevor er sich den Sinn ihrer Worte gedeutet hatte.
Angela Freydag saß vor ihren Büchern und rechnete, als Magdalene Matthes leise bei ihr klopfte. Und sie errechnete noch ein Vierteljahr der Frist für die feiernden Hände derer, für die sie Sorge trug. Ihr Blick kam aus weiten Fernen zurück.
»Haben Sie eine glückliche Stunde angetroffen, Magdalene?«
»Er hat mich geküßt, Frau Engel.«
»Geküßt? So tief ging sein Dank für Ihre Freundeshilfe?«
»Ach, Frau Engel, ganz außerhalb meiner Freundeshilfe hat er mich geküßt. Wie man ein kleines Mädchen küßt, das ein Gedicht aufgesagt hat, oder ein größeres, mit dem man schon eine Liebelei anfangen möchte. Nicht so finster blicken, Frau Engel. Ich bin vergnügter herausgekommen, als ich hineingegangen bin. Denn ich habe ihm über seine hohe Mannbarkeit die Leviten gelesen, daß ihm der Spiegel im Zimmer zuwider sein muß.«
»Hüt' dich, Thomas,« sagte Angela Freydag vor sich hin.
Stark und gefestigt saß sie auch am heutigen Abend am Schattenplatz der Wirtin, die Arme aufgestemmt, die glühende Tonpfeife zwischen den weißen Zähnen. Schimmernd lag ihr die Haarkrone um den schöngebliebenen Kopf, der heute voll dunklen Sinnens war.
Der altgewordene Matthes kam vom Schenktisch. Er zwinkerte mit den Augen über sie hin und sah das Weiße ihres Armes aus den Ärmeln blinken. Wie versehentlich ließ er seine Hand an das Weiße streifen. Sie nahm die Pfeife aus dem Mund und lächelte ihn so fern und seltsam an, daß es den Mann überlief. Und senkte den glühenden Pfeifenkopf auf seinen Handrücken.
Ein paarmal blinzelte er. Dann wandte er sich schwerfällig um und verließ das Zimmer. Ein hellhörig Schweigen blieb hinter ihm, und die Gäste hockten wie ein verhagelt Hühnervolk auf den Stühlen und schielten nach der Frau. Der Matthes kehrte zurück. Er trug ein nasses Tuch um die Hand und stellte sich wortkarg hinter den Schenktisch. --
Die Feierabendstunde schlug, und die Gäste erhoben sich und verließen die Wirtsstube. Aber ein jeder rückte, was sonst nie der Brauch der Männer gewesen war, vor der gelassen weiterrauchenden Frau die Schiffermütze, und ein jeder sprach: »Gute Nacht, Mutter Engel.«
Draußen im Gang schloß der Matthes hinter dem letzten die Haustür. Dann schlurften seine Schritte die Treppe hinauf.
Auf der nächtlichen Gasse zogen ein paar Mädchen vorbei und sangen ein Lied.
Angela Freydag hob den Kopf, um den Sinn zu ergründen.
Sie sangen von der Sehnsucht.
11
Es ging bergab mit den ›Fünf Erdteilen‹. Es gab lustigere Schankbetriebe im mächtig sich dehnenden Hafengebiet, und das arbeitende Volk war über die weißgescheuerten Tische, die Bierseidel und Genevergläschen hinausgewachsen und verlangte nach anders gearteten Genüssen als dem Gedudel der Harmonika. Noch war eine ältere Stammgemeinde treugeblieben, aber als auch die sprichwörtlich gewordene Grobheit des Matthes keine Funken mehr schlug und einzuschrumpfen begann, weil ihr die Hauptzielscheibe, die ein Leben lang verängstigte Frau, vor Augen fehlte, rückten auch die alten Kunden in verlegener Langeweile auf ihren Sitzen, und nur hier und dort klatschten noch die Skatkarten auf die Tischplatten.
Der Matthes alterte zusehends. Von einer Erkältung konnte er sich schwer erholen, und der vierschrötige Mann schlich wie ein Schatten umher. Aber noch wollte er nicht zugeben, daß seine besten Trümpfe ausgespielt wären, und er nörgelte mehr als je in Haus und Betrieb herum, bis ihn ein neuer Anfall aufs Lager warf.
Angela Freydag sah alles und sah mehr. Sie sah, wie die niedergedrückten Lebensgeister der alten Frau sich heimlich zu regen begannen, je mehr sie bei dem alten Manne zu versagen drohten, wie die Alte sich zusammenraffte, als hätte sie noch etwas vom Leben nachzuholen, was ihr einen Entgelt bieten müßte für alle Stöße und Schläge des Daseins. Die alte Frau stand von ihrem Lager auf und übernahm die Pflege des Mannes.
»Es geht nicht an, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt, »daß du auch noch die Geschäfte der Matthesleute auf deine Schultern nimmst und vor den Gästen die Wirtsmutter spielst. Ich sage es nicht, weil ich mich meiner eigenen Unfruchtbarkeit schäme. Ich bin eine taube Blüte, über die nicht viel mehr zu reden ist. Ich sage es, weil ich an den Vater denke und an sein Entsetzen, seinen Angela-Engel in solcher Gesellschaft zu sehen.«
»Beruhige dich, Thomas. Der Vater würde sagen: Der Angela-Engel wird schon wissen, was er will.«
»Darf ich es auch wissen, Engel?«
Sie säumte an einem Handtuch, und er setzte sich grübelnd zu ihr und ließ das derbe Leinen durch seine Finger gleiten.
»Was ich will, Thomas? Feststellen, ob es sich lohnt, uns keinen Augenblick eher aufzugeben.«
»Ob was sich lohnt, Engel? Meine Gedanken sind seit einiger Zeit nicht mehr bei der Sache, und du mußt ihnen schon zu Hilfe kommen.«
Sie senkte die Arbeit in den Schoß und blickte forschend über ihn hin.
»Eine Frage an dich, Thomas, bevor ich antworte. Wo sind deine Gedanken seit einiger Zeit?«
Er prüfte das Leinen weiter zwischen seinen Fingern, als wäre es ihm wichtiger als die Frage.
»Ach, Engel, ich gefalle mir mal wieder in Übertreibungen, das ist alles. Gedanken! Als ob ich andere Gedanken hätte als ein abgeblaßter Papagei im Käfig.«
»Unterlaß mir zuliebe die weltschmerzlichen Bilder. Sag' mir, ob es noch einen Funken geben kann, der dich aufrüttelt?«
»Einen Funken mag es schon geben. Aber ob dieser traurige Rest wert ist, aufgerüttelt zu werden --«
»Der Rest kann das Beste enthalten. Das Pulver, das sich entzündet und die Kugel aus dem Lauf treibt.«
»Es lohnt nicht, Engel. Ich habe in der letzten Zeit viel darüber nachgedacht.«
»Woher willst du müder Mensch wissen, was sich lohnt und was sich nicht lohnt? Welche Versuche geben dir das Recht dazu? Hast du alle Möglichkeiten ausgeschöpft? Bist du jeder Betätigungsmöglichkeit nachgegangen? Ja, es ist richtig, ich habe vorhin dieselben Worte gebraucht, und du hast mich nach ihrem Sinn gefragt. Den will ich dir jetzt gern offenbaren. Dein Vater Kornelius Vanderwelt, Thomas, würde deshalb sagen, der Engel wird schon wissen, was er will, weil er die großen Ziele sah, das Werk und nicht das Handwerkszeug. Es würde ihm nicht einfallen, zu fragen, ob es ehrenvoller ist, Bier zu verkaufen oder Kohlen zu fördern oder Schiffe zu befrachten. Wenn er das eine oder andere nicht gerade vermocht hätte, so hätte er das dritte oder vierte getan und den zupackenden Mann gewertet und nicht den überheblichen Kastengeist, der sich auch nur eine Sekunde besinnt, ob der Handel mit Stahl und Eisen vornehmer sei als der mit Guano. Die Art des Mannes ist vornehm, nicht die Art seiner Betätigung. Das solltet ihr jungen Menschen endlich lernen, die ihr euch ein funkelnagelneues Geschlecht dünkt.«
»Du selber sprachst davon,« sagte Thomas Vanderwelt nach einer stummen Weile, »du wolltest feststellen, ob es sich lohnt, uns keinen Augenblick eher aufzugeben. Wie soll ich das verstehen?«
Sie blickte ihn an und sah, daß sein Kopf wie eine schöne, welke Blüte an ihrer Schulter lehnte. Und dennoch war es der Schmalkopf des Vaters mit den breiten Wölbungen der Stirn.
»Thomas -- ich habe mir eine Zeit gesetzt. Es kann sich eine Sache als so minderwertig herausstellen, daß ihre Beibehaltung eine Vergeudung von Zeit und Kraft bedeuten würde. Ist der Punkt erreicht, so lege ich nieder.«
»Was legst du nieder?«
»Die Sorge um den Nachruhm des Namens Kornelius Vanderwelt.«
»Liegt dir so viel daran?«
Sie nahm seinen Kopf mit beiden Händen, schob ihn von ihrer Schulter und suchte finster in seinen Augen.
»Nicht sehr viel mehr -- wenn mich das der Sohn und Erbe fragt.«
»Und was würdest du tun -- wenn der letzte Punkt erreicht ist?«
»Abreisen,« sagte sie hart, und kein Zug in ihrem Gesicht zuckte.
Sie hörten nur ihren Atem noch. Den ruhigen der Frau, den immer schneller werdenden des Mannes.
»Engel -- wenn wir anderen dir schon so minderwertig erscheinen, wie wir es sind -- denk' an die begabten Jungen. Übereile nichts.«
»Denk' du daran, Thomas. Und beeile dich.«
»Ich bin so müde -- so elend müde -- --«
»Müde wird man nur von der Trägheit des Herzens. Reg' die Hände und reiß das Herz mit. Es läßt sich so gern mitreißen.«
»Ach, Engel, die Hände. Sieh dir die Hände an. Es sind Knabenhände geblieben.«
»Ist das ein Kunststück, Thomas, aus Knabenhänden Manneshände zu machen? Manneshände für deine Person und für deine Familie? Glaubst du, ich ränge mit dir und rüttelte und schüttelte dich, wenn ich nicht doch noch die Möglichkeit sähe?«
»Zu meiner Familie gehört auch meine Frau.«
Sie zögerte keine Sekunde.
»Gibt es Hindernisse, so sind sie da, um beseitigt zu werden. Du hältst das Heft zur Scheidung in der Hand.«
Sie wartete auf Antwort und sah, wie er in den Schultern fröstelte.
»Ach,« sagte er klagend, »was ist nicht alles aus meinem Leben beseitigt worden. Der Stolz auf mich selbst -- und die Freude an der Frau. Oder war die Reihenfolge die umgekehrte? Alles an Zweck und Ziel war aus meinem Leben gestrichen, seit ich blindlings in diese Ehe lief, Engel, und selbst das Jungferntum war aus der Mitgift gestrichen.«
Angela Freydag spürte ihr Herz hart gegen die Rippen schlagen. Ihre Nasenflügel weiteten sich.
»Man mag sagen, Thomas, das sei kein Gesprächsstoff zwischen uns beiden. Aber er ist es doch, wenn es -- wenn es um eine Lebensrettung geht. Was du soeben ausgesprochen hast, setzt dich ins Unrecht. Denn du hast trotzdem die Ehe fortgesetzt. Jetzt aber sorge, daß Recht wird. Nicht mehr vergeben. Nicht mehr! Sagen: das nächstemal -- aus! Und die Faust hinter das Wort setzen. Aus!«
Ihre Hand zog einen Strich, ballte sich zusammen, fiel hart auf die Tischplatte. Durch das Zimmer hallte ein Laut, als wäre hart eine Tür ins Schloß gefallen.
Thomas Vanderwelt hatte sich erhoben. Ein paar Tropfen perlten auf seiner Stirn. Er fühlte es, als er sich das Haar aus der Stirne strich. Die nächsten Atemzüge stand er, als ob es um ihn herum wirbelte, als ob er mit stoßenden Händen in den Wirbel hineinschlagen müßte. Eine Welle hob ihn hoch und zeigte ihm Land. Eine Welle riß ihn nieder.
»Engel -- hilf mir! Die Jungen -- die Jungen sind es wert.«
»Ich helf' dir. Dir und den Jungen und keinem anderen. Weißt du, was helfen heißt? Nicht einen Ertrinkenden aus dem Wasser ziehen. Ihm den Arm unter die Brust legen, damit er das Schwimmen lernt. Dann ist es vorbei mit der Ertrinkungsgefahr.«
»Engel -- Engel! Als ich ein Knabe war und nicht lernen wollte, wie du wolltest, hab' ich zum Schluß doch immer wieder nach deiner Hand gehascht. Das möcht' ich auch heute. Deine liebe, liebe Hand möcht' ich.«
Sie öffnete die Hand, die immer noch geballt vor ihr auf der Tischplatte lag, und streckte sie flach auf den Tisch.
»Sie war einmal eine liebe Hand. Als dein Vater sie so nannte, Thomas, und sie schön fand. Ja, das war. Jetzt muß sie so hart wie ein Hammer sein, um eines Tages -- eines Tages -- wieder schön gefunden zu werden.«
Er ergriff die Hand, und sie ballte sich schmerzhaft fest um die seine.
»Erst das erlösende Wort sprechen, Thomas, sonst wäre jede Dankbezeigung ein rührseliger Unsinn.«
»Engel,« rang er mühsam hervor, »soll ich es ihr wie eine Kugel vor den Kopf schleudern?«
Die Klammer ihrer Hand rührte sich nicht. Und er fühlte, daß sie die Wahrheit gesprochen hatte, daß ihre Hände unerbittlich hart geworden waren.
»Du kannst es ihr«, gebot sie, »in zwei Malen sagen. Das erste Wort heißt: Bis hierher und nicht weiter mehr. Und das zweite Wort: Aus! -- Du kannst es auch deiner Schwester Juliane sagen.«
Noch einmal rüttelte er an ihrer Hand. Und sie sprach ganz langsam in seine erregten Augen hinein: »Im Namen deines Vaters, Thomas.«
»Aus!« schrie er auf. Und er drückte sein Gesicht auf ihre Hand, und sie ließ sie ihm.
Ärger hat nicht Jakob mit dem Herrn an der Wasserfurt gerungen, dachte sie, bis der Herr ihn segnen mußte. -- --
Es ging nur langsam aufwärts in der Seele Thomas Vanderwelts. Seine Lebenswelt war zu viele Jahre abwegig gewesen, und die Staubschicht zu dick, als daß er sie mit wenigen Atemstößen hätte hinwegblasen können. Sein Geist aber hatte die Schärfe der Dornen und Disteln, unter denen er sich so lange zu Hause gefühlt hatte, und sah das Unschöne schneller als das Gedeihliche. So tat er oft mißtrauisch die Schritte wieder zurück, die er eben erst vorwärts getan hatte, und glaubte, ein heimlich Grinsen zu gewahren, wo ihm ein ermunterndes Lächeln entgegengetreten war.
An einem Vorfrühlingsabend begegnete er Magdalene Matthes auf der Haustreppe. Sie wollte mit freundlichem Gruß an ihm vorüber, aber er verstellte ihr den Weg.
»Weshalb haben Sie Ihren Besuch nicht wiederholt? Weshalb weichen Sie mir aus? Fürchten Sie sich vor mir?«
»Ha,« sagte sie fröhlich, »ich wollt', ich könnt' es, mich vor Ihnen fürchten. Dann erkennte ich doch Ihre Überlegenheit an. Aber ich will gern wiederkommen, wenn Sie mir versprechen, mich gruseln zu machen.«
»Liebes Fräulein Magdalene, wollen wir wie ernste Menschen miteinander reden?«
»Gern, Herr Vanderwelt, und damit Sie sehen, wie hoch ich Männer achte, die ernste Gespräche führen wollen, bitte ich Sie in mein Zimmer. Treten Sie ruhig ein. Ich befinde mich unter Ihrem Schutz.«
Er tat, wie sie es wünschte. Er trat ruhig ein und setzte sich an den kleinen Fenstertisch. Dort stand ihr weißes Bett und dort ihr Kleiderschrank, und er wartete geduldig, bis sie Jacke und Hut abgestreift und in den Schrank gehängt hatte.
Sie saß ihm gegenüber und sah ihn ohne Verlegenheit an. Wie einen guten Gast, der zu Besuch gekommen ist.
»Sie sind ein junges Mädchen von einundzwanzig Jahren, Fräulein Magdalene. Sie brauchen sich nicht zu wundern, daß ich es weiß. Sie waren zwanzig, als wir ins Haus zogen, und das ist bald ein Jahr. In meinem Gedächtnis haben Nebensächlichkeiten leider immer die größte Rolle gespielt.«
»Ja,« antwortete sie, »ich bin mündig geworden.«
»Und ich, Fräulein Magdalene, zähle vierunddreißig Jahre und kann das letztere immer noch nicht von mir behaupten.«
»Sie können es nachholen, wann Sie wollen, Herr Vanderwelt.«
»Ich bin nur bei Ihnen eingetreten, um Ihnen zu sagen, daß ich will. Nur finde ich das Wollen leichter als das Vollbringen, und ich schäme mich nicht, mich mit Ihnen über das Wie und Wo zu unterhalten.«
»Ich verstehe Sie ganz gut, Herr Vanderwelt. Weil ich aus dem Geschäftsleben komme, meinen Sie.«
»Ja, weil Sie mitten im Geschäftsleben stehen. Weil Sie bei all Ihrer Lebenslustigkeit helle und ernste Augen haben, und weil mir mit den billigen Redensarten vom ›Steineklopfengehen‹ und ›Sandkarren‹ nicht gedient ist.«
»Ich freue mich ganz -- ganz unbändig über Ihren Besuch, Herr Vanderwelt.«
»Ich werde mich ebenso unbändig mit Ihnen freuen, wenn etwas Nennenswertes dabei herausgekommen ist.«
»Darf ich sprechen?« fragte sie.
»Nur um Sie zu hören, sitze ich hier in Ihrem Stübchen.«
»Herr Vanderwelt, nicht ungeduldig werden, wenn nicht alles über Hals und Kopf geht. Und auch nicht grimmig werden, wenn ich die Dinge beim rechten Namen nenne. Sie haben gelassen zugesehen, wie man Ihnen ein Ruder nach dem anderen aus der Hand nahm, und ebenso gelassen zugesehen, wie der Kahn von dannen schwamm und versackte. Nun heißt es, ihn mit Geduld wieder heben und flott machen.«
»Geduld. Ich bin vierunddreißig Jahre und habe die Sorge für zwei Knaben.«
»Das ist schön, daß Sie sie beide nennen. Aber das gehört jetzt nicht hierher. Erst müssen Sie den Kahn heben, und dann können Sie die Sitzplätze verteilen. Nun wollen wir einmal überlegen, Herr Vanderwelt.«
Den Kopf in die Hände gestützt, blickte sie zum Fenster hinaus und die Gasse entlang zum dämmerigen Hafendamm.
»Überlegen wir nicht schon seit einer halben Stunde?« murmelte der Besucher.
Sie überhörte seine Ungeduld. Sie sann hinaus, als müßten aus dem Nebel des Stroms die Bilder steigen. Und die Bilder stiegen wie Schatten auf, und sie mühte ihr Hirn, den Schatten schärfere Umrisse zu geben, und die Furche, die sich ihr in die Stirn grub, gab ihrer Mädchenhaftigkeit das Gesicht einer reifen Frau.
Er saß mit zusammengelegten Händen und sah sie an. Und es wurde heller und heller in seinen Gedanken, und mit Staunen wurde er gewahr, daß seine Gedanken dieselben Wege gingen wie die ihren, seit sie das Gleichnis vom Kahn gebraucht hatte.
»Sie meinen den Rhein?« fragte er leise.
Sie nickte. »Ich meine den Rhein. Ich meine ihn zu Berg und zu Tal, von Mannheim bis Rotterdam, und so Gott will, darüber hinaus. Und ich meine Ruhrort als den Hafen. Und wenn man nicht die Möglichkeit hat, Kähne zu befrachten, so kann man -- so kann man sie steuern. Wenn man Kähne hat.«
»Ich habe Kähne,« sagte er. »Ich habe zwei. Der Wilm hat sie geheuert.«
»Wir wollen den Wilm nicht vom Brote jagen. Frau Engel hält ihn hoch in Ehren. Aber mir ist immer -- ist immer, als kämen von diesen Kähnen Taue herüber an Land, an denen man an Bord klettern könnte. Und einmal an Bord, geht man mit auf Fahrt und lernt das Handwerksgeschäft und das Errechnen von Gewinn und Verlust und das Wiedereinholen jedes Verlustes durch gewinnbringende Ausnutzung der Rückfrachten. Nein, durch Ausnutzung der eigenen Persönlichkeit. Dahin, daß man in persönlichen Verkehr zu den Kunden an allen Plätzen tritt. Dahin, daß man sich die Kunden zu persönlichen Freunden gewinnt. Und aus dem ›Partikülier‹ wird der Verlader.«
»Ha,« rief er, »und aus dem Verlader wird der König von Ruhrort! Das ist die Geschichte von der Eierfrau, die auf die Nase fiel.«
»Lassen Sie sie doch ruhig auf die Nase fallen,« erwiderte sie und behielt die nachdenkliche Furche bei. »Wie ich die Eierfrauen kenne, sind sie zäh wie die Katzen, und aus dem nächsten Korb Eier blökt schon wieder das Kalb heraus. Es wird sich sicherlich nicht alles wie an der Schnur abspielen, aber ein Herr Thomas Vanderwelt wird sich ja auch nicht von einer Eierfrau in den Schatten stellen lassen, und wem das Goldene-Pläne-Machen Freudenstunden bereitet, der muß auch die Nackenschläge in den Kauf nehmen können.«
In seinen Augen wurde es heiter. Aber es war nicht die Heiterkeit der Überlegenheit, sondern die währende Freude an der Stunde, von der ihr Mädchenmund gesprochen hatte.
»Es sitzt sich gut bei Ihnen,« sagte er und rückte näher an den Tisch. »Irgend etwas springt von Ihnen zu mir herüber. Was, weiß ich noch nicht, aber ich glaube, es ist Ihr unbekümmerter Jugendmut.«
»Finden Sie nicht, Herr Vanderwelt, daß ›Wir mit den leeren Taschen‹ die glücklichsten Menschen von der Welt sind? Wir dürfen alles das planen, was die anderen schon besitzen, und dürfen es viel schöner noch planen, und wenn nachher nur ein Bruchteil davon in Erfüllung geht, so bleibt es immer ein Gewinn und ein gewaltig schöner Glücksfall.«
»Ja, ja,« murmelte er, »es hat seine Reize. Nur darf man den Glücksfall nicht dem Zufall überlassen.«
Sie streckte ihm aus einem lebhaften Drange heraus über den Tisch die Hand entgegen, und er nahm sie.
»Das ist es, Herr Vanderwelt. ~Dem~ Wort sind ~Sie~ auf die Spur gekommen, und es bringt uns einen Sprung weiter. Von morgens früh bis abends spät am Steuer stehen, jeden Wind ausnutzen, jede steigende Wasserwelle. Und wäre es auch nur, um sich sagen zu können: ›Ich tat meinen Teil‹, und damit die anderen sich sagen können: ›Auf den ist Verlaß!‹«
»Ich möchte morgen früh beginnen, Fräulein Magdalene.«
Sie schüttelte seine Hand hin und her, als sollte er noch mehr erwachen.
»Sie haben ja schon begonnen. Sie haben ja heute abend schon begonnen. Und morgen früh ist Fortsetzung, und jeden Tag einen Schritt weiter. Ach, Herr Vanderwelt, was für eine Freude werden wir von unserer heimlichen Verschwörung haben.«
»Wir? Wollen Sie denn auch weiter mittun?«
»Natürlich will ich weiter mittun. Sie sind ja seit Jahr und Tag aus dem Ruhrorter Geschäfts- und Hafenbetrieb heraus. Glauben Sie, der hätte stillgestanden, seitdem Sie auf die Seite traten? Da kennen Sie die Geschäftsgewaltigen von Duisburg-Ruhrort und was dazu gehört schlecht. Ich bin nur eine kleine graue Maus in dem Riesenbetrieb, aber gerade die Mäuse haben die feinsten Ohren, und es heißt nicht umsonst bei wichtigen Anlässen: ›Könnt' ich da nur Mäuschen sein!‹«
»Mädel, Mädel, wo nehmen Sie nur den verteufelten Wagemut her?«