Kornelius Vanderwelts Gefährtin
Part 23
»Es heißt, daß dein einstiger Gatte und dein einstiger Schwiegervater nicht an Weichherzigkeit zugrunde gehen werden. Daß sie Geschäftsleute und nichts als Geschäftsleute sind und den Abgang des unbequemen Kornelius Vanderwelt von der Bühne dazu benutzt haben, ganze Arbeit zu machen. Heute vormittag erhielt ich die Anzeige, daß der Mietvertrag des Geschäftshauses für die Erben Vanderwelt nicht erneuert werde, daß er vielmehr an die neugegründete Firma Beckenried Sohn übergegangen sei, die sich auch die Kräfte der bisherigen Mitarbeiter gesichert habe. Auf meine Mitarbeit wurde höflich Verzicht geleistet. Sie gilt nun einmal nicht als Kräftezuwachs.«
»Thomas! Darum fehlten die Beckenrieds beim Leichenbegängnis.«
»Thomas ...« wimmerte Antonie Vanderwelt.
»Ich habe nicht das Geld,« erwiderte er ablehnend, »um das Geschäft an anderer Stelle wieder flott zu machen. Ich werde mich als armseliger Schreiber verdingen oder als Schiffer fahren müssen.«
»Und was -- was wird aus mir?« rief Juliane fassungslos.
»Du wirst so gut hungern müssen wie wir, liebe Schwester, wenn du ein bißchen Arbeit nicht vorziehst.«
»Und wer -- wer wird unsere Wohnung bezahlen?«
»Leute, die kein Geld besitzen, werden die Wohnung aufs schnellste räumen müssen.«
Antonie Vanderwelt wimmerte auf.
»Man wirft uns auf die Straße -- man wirft uns auf die Straße. In welche Hände bin ich geraten!«
Mit halbgeschlossenen Augen, als wollten sie die anspringenden Bilder von sich weisen, wandte sich Thomas Vanderwelt ab, und seine Kehle schluckte mühsam den Ekel hinab. Und Angela Freydag sah, daß sie alle versagten, die den Namen trugen, und keiner sich mühte, des Vatersnamens würdig zu werden.
»Hören Sie mich an,« sagte sie, und ihre Stimme wollte nicht wärmer werden. »Es ist ein furchtbarer Sturz, den Sie tun, und eine Probe auf Ihre Lebensfähigkeit. Aber ich sehe einen Ausweg. Bleiben Sie ruhig sitzen, Frau Juliane, ich bin erst beim Beginn und weiß nicht, wie Ihnen das Ende bekommen wird. Und auch Ihnen, Frau Vanderwelt, empfehle ich, auf jedes Wort achtzugeben. Es kommt darauf an, sich zu sammeln und den Lebenskampf mit verkleinerten Mitteln aufzunehmen. Mit stark verkleinerten Mitteln. Von ganz unten müssen wir nach oben. Das hat ja auch der Vater gekonnt. Wenn wir uns und unsere Mittel zusammentun und einer dem anderen unter die Achseln greift, muß es gelingen.«
»Der Ausweg -- der Ausweg --« hastete Juliane.
»Ihre Wohnungen haben Sie nur durch den Zuschuß des Vaters halten können,« fuhr Angela Freydag fort, als erstattete sie einen kühlen Bericht. »Thomas hat zunächst als erwerbslos zu gelten. Der Verkauf der Möbelstücke, die noch zurückgeblieben sind, dürfte die fünf Personen Ihrer Familie vielleicht ein Jahr lang bei größter Sparsamkeit über Wasser halten, wenn Sie keine Auslagen für die Wohnung haben. Und diese Wohnung biete ich Ihnen.«
»Sie --? Uns --? Woher wollen Sie sie nehmen?«
»Ich habe mir durch meine Konzertreisen eine Summe ersparen dürfen. Aus einer Laune heraus, die hier nicht zur Erörterung steht, wurde ich Eigentümerin des Grundstückes ›Zu den fünf Erdteilen‹. Es ist nur eine Gastwirtschaft zweiten oder dritten Grades. Aber für Anspruchslose genügen die Zimmer, und Ansprüche sind wohl bis auf weiteres nicht mehr zu stellen.«
»In eine Kneipe!« rief Juliane. »In eine Kneipe sollen wir!«
»In eine Matrosenkneipe!« rief Antonie und schüttelte sich vor Lachen.
Angela Freydag trat dicht vor die überreizten Frauen hin.
»Schweigen Sie,« herrschte sie sie an. »Schweigen Sie, oder, bei Gott, ich lasse Sie verhungern.«
Da krochen die Frauen in sich zusammen, und ihr schrilles Lachen erstarb in einem Wimmern.
»Hören Sie mich noch einmal an,« sagte Angela Freydag kalt. »Ich sprach vorher von einem Jahr. Sie werden sich schon ohne mich keinen Monat über Wasser halten können, wenn Sie erst -- Ihre Schulden bezahlt haben werden. Ich will in Thomas Vanderwelt das Zutrauen setzen, daß er ein Mann wird. Und von Ihnen verlange ich, daß Sie sich einfügen und in sich selbst Wandel schaffen. Für Abenteuer öffne ich das Haus nicht, sondern für die Besinnung. Von der Besinnung zum Aufstieg ist dann nur noch ein Schritt. Hier meine Hand, Thomas.«
Thomas Vanderwelt hob die schwergewordenen Augenlider. Langsam legte er seine Hand in die dargebotene. »Nun dürfen wir wohl gehen, Engel. Die Erschütterungen häufen sich ein wenig.«
Noch am späten Abend sandte Angela Freydag das Mädchen zum Gastwirt Matthes und ließ ihn zu einer Unterredung zu sich bitten. In der Nacht fand die Unterredung statt.
»Ich bin die Besitzerin Ihres Hauses. Sie werden es von Ihrem Freunde erfahren haben. Sonst gibt Ihnen das Grundbuch Auskunft. Weshalb Kornelius Vanderwelt so handelte, ist seine Angelegenheit. Wir wollen seine stillen Gründe achten und nie ein Wort darüber verlauten lassen. Sie werden mich gleich verstehen. Ich übernehme die Wohnung, die Kornelius Vanderwelt in den ›Fünf Erdteilen‹ mietete, für mich und die Nachkommen Kornelius Vanderwelts, bis sie das Gehen und Stehen gelernt haben. Sie rechnen dagegen die Zinsen auf, die Sie mir vierteljährlich zu zahlen haben. Vielleicht kann ich mich auch sonst in Ihrem Hauswesen nützlich machen.«
Den Gesichtszügen des Matthes war keine Überraschung anzumerken. Er sprach, als setzte er eine Unterhaltung fort, die er vor Tagen mit Kornelius Vanderwelt geführt hatte. »Die Gastzimmer stehen längst leer. Die Ledigen un Jungen, die keine Bleibe haben, denken heut all amerikanisch un verlangen fließend Wasser un sonst noch wat für ihre Schlamperei. Selbst die Kneipe bleibt halb leer, weil ich dat Geld für dat Gefiedel scheu' und bei der Harmonika geblieben bin. Wann woll'n Sie einziehen? Für mich is et en Geschäft.«
»In nächster Woche. Sobald der Verkauf aller entbehrlichen Gegenstände stattgefunden hat.«
»Abgemacht. Dat Sie sich mit der Nachkommenschaft einen bösen Packen aufbürden, is Ihre Sache.« Er nickte ihr kurz zu, ging zur Tür und wandte sich noch einmal nach ihr um. Seine Augen blinkerten. »Aber en Staatsweib, dat sind Sie.«
In dieser Nacht verfaßte Angela Freydag ihre letztwillige Verfügung, in der sie ihr Grundstück und ihre gesamte Hinterlassenschaft für den Fall ihres Todes Thomas Vanderwelt, seinem Sohn Nikolaus und seinem Neffen Martin unter Ausschaltung jedes anderen Erben überschrieb. Und anderen Tages hinterlegte sie das Schriftstück bei dem zuständigen Gericht.
Sechzig Jahre hatte Kornelius Vanderwelt erreicht, als er aus seiner Kraft und seiner Liebe abberufen wurde, und Angela Freydag zählte vierzig Jahre. --
Der Einzug in die ›Fünf Erdteile‹ war in den Nachtstunden vor sich gegangen. Der Matthes war mit ein paar älteren Schiffern erschienen, und die Arbeit war bald getan. Die Knaben hatten ein gemeinsames Zimmer erhalten, Thomas Vanderwelt und Frau zwei weitere, und Frau Juliane bewohnte wie auch Angela Freydag ein Einzelzimmer. Die Küche des Wirtshauses war auch die ihrige.
Angela Freydag schritt durch die einfach eingerichteten Räume und wies einem jeden sein schmales Reich an. Die Frauen waren kleinlaut geworden, Thomas Vanderwelt zeigte sein altes, belustigtes Lächeln, und nur die beiden Jungen freuten sich offen und arglos über das romantische Zwischenspiel.
Angela Freydag hantierte zwischen dem geringen Hausrat, als wäre sie in ihre Kindheit zurückversetzt und hätte für den abgehetzten Vater, die ruhelose Mutter zu sorgen. In derbem Hauskleid verrichtete sie die Arbeit, die keiner ihr abnahm oder erleichterte, und hatte alles von sich getan, was an vergangene bessere Zeiten zu erinnern vermochte. Sie wollte ganz sein, was sie war, und mehr als der Schein. Darum auch hatte sie den Flügel hingegeben und das Bild und die Bücher bis auf wenige, und das Geld auf die Sparkasse gelegt. Es war ihr letzter und schwerster Abschied. Aber sie blickte auf ihre Hände, die arbeitshart geworden waren und ungelenk für die hohen Anforderungen der Kunst, und die Hände strichen langsam an den starken Hüften hinab, und sie freute sich ihrer Stärke.
Es war kein Leichtes gewesen, das Mißtrauen der gedemütigten Frau des Matthes zu besiegen, aber auch dies hatte sie vollbracht. Als sie der alten Frau am Küchenherd stillschweigend die schweren Kessel aus der Hand nahm und ihr zu einem kärglichen Aufatmen verhalf. Noch immer schielte die Frau argwöhnisch nach der straffen Gestalt der neuen Mieterin, bis Angela Freydag ohne ein Lächeln die Hand über das Herz legte und zu ihr sprach: »Es ist für immer vergeben.« Seit dieser Stunde war eine seltsame Freundschaft zwischen ihnen, die wenig Worte machte.
Aber es lebte noch ein anderes Mitglied der Familie Matthes im Hause, das nicht wortkarg war und sich mit dem ganzen Drang der Jugend an Angela Freydag, die bald schon im Hause allüberall Frau Engel gerufen wurde, anschloß. Es war das des Matthes Enkelin, das Kind seiner in Düsseldorf verstorbenen Tochter, und da es keinen Vatersnamen besaß, hieß es Magdalene Matthes. Die Zwanzigjährige war tagsüber auf einem Handelskontor beschäftigt und verdiente sich, was sie brauchte, und der Großvater Matthes mußte sein Schmälen unterlassen, da sie auf Heller und Pfennig für Kost und Wohnung zahlte.
Das mutige Ding war voll Ansporn und Leben, und da das Leben mit seiner Fülle nicht zu ~ihm~ gekommen war, so kam das Mädchen mit seiner Fülle zum Leben, und es war nicht anders, als ob es Gott und die Welt mit seinem Vorhandensein beschenken wollte.
»Lassen Sie mich Ihnen helfen, die Zimmer in Ordnung bringen, bitte, Frau Engel. Dafür erteilen Sie mir in den Abendstunden ein wenig Unterricht.«
»Worin sollte ich Sie wohl unterrichten können, Magdalene.«
»In allem, was ich brauche, um eine Frau zu werden wie Sie.«
»Dazu gehört nur ein wenig Mut und viel, viel Liebe, kleine Schwärmerin.«
Sie schüttelte die Locken, und in ihre Mädchenstirn grub sich die Falte des frühreifen Ernstes, die Angela Freydag wie ein geschwisterliches Zeichen wiedererkannte. Wie oft war Kornelius Vanderwelts Hand darübergeglitten.
»Ich bin keine Schwärmerin, Frau Engel. Nein, gewiß nicht. Ich weiß, daß ich vor viele, harte Kämpfe gestellt bin. Aber ich bin jung und kräftig und will mir meinen Glauben nicht verkümmern lassen.«
»Ich muß Sie einmal ganz schnell in die Arme nehmen,« sagte Frau Engel. »Und nun helfen Sie in Gottes Namen.«
»Mut,« wiederholte das Mädchen. »Mut und viel Liebe ... Ich denke, darin kann ich schon ein ganzes Teil Bestellungen entgegennehmen.« Und sie machte sich mit lautem Gesang an die Arbeit.
Es war für Angela Freydag eine Wohltat, die frisch beherzte Angreiferin um sich zu haben, denn die beiden Frauen Juliane und Antonie rührten keine Hand, es sei denn für sich selbst und die Ausschmückung ihrer Kleider, die sie verstohlen wieder hervorgeholt hatten und in denen sie sich zum Abend in den Straßen wieder zu zeigen begannen. Oft und öfter geschah es schon, daß die beiden Frauen heimlich miteinander tuschelten und kicherten und jäh die Gleichgültigen spielten, wenn Angela Freydag durch die Zimmer ging.
Einen Monat und länger hatte Thomas Vanderwelt mit der Auflösung der noch schwebenden Geschäftsverbindlichkeiten zu tun gehabt. Sie hatten sich ohne Schwierigkeiten vollzogen. Der gute Wille, der absterbenden Firma Kornelius Vanderwelt die letzten Ehrenbezeigungen zu erweisen, trat unverkennbar zutage, und ein Willensstarker hätte die freundliche Meinung auszunützen verstanden und sich außer neuen Aufträgen wohl auch die Leihsumme der fehlenden Betriebsgelder zu verschaffen gewußt. Aber Thomas Vanderwelt war kein Willensstarker. Was an Willen in ihm schlummern mochte, lag im Albdruck unter der Puderschicht, die vom Wesen seiner Frau auf ihn hinübergeglitten war.
Ein paar Wochen noch ging er Tag für Tag hinaus, um sich eine Stellung in den Schoß fallen zu lassen oder sich am Hafen nach seinen Kähnen umzusehen, um mit Wilm über die Heuer der Fahrten zu verhandeln oder ein anderes minder wichtiges Geschäft als Vorwand zu nehmen. Dann blieb er, als die Herbstregen rauschten, mehr und mehr daheim und erhob sich nur lauschend, wenn Antonie das Haus verlassen hatte, um ihr hinter den Fenstervorhängen nachzublicken und ihr auf demselben Wege zu folgen.
»Ich könnte Ihnen eine Stelle besorgen,« redete ihn an einem Abend, als sie ihn allein traf, Magdalene Matthes ohne Umschweife an.
»Ich Ihnen auch, mein Fräulein. Aber ob sie für ein so stolzes Fräulein gut genug wäre --«
»Das sind Kindereien, Herr Vanderwelt, die Ihnen schlecht zu Gesicht stehen. Sie wollen natürlich damit sagen, daß für einen so stolzen Herrn, wie den Herrn Vanderwelt, nicht jede beliebige Stelle passend erschiene. Jede Stelle aber ist ein Sprungbrett.«
»Ich habe gegen Ihre Denkrichtung nichts einzuwenden,« sagte er und lächelte freundlich zu ihrem flammenden Unwillen. »Sie scheinen mir sehr begabt, und begabte Frauen zählen zu den Seltenheiten.«
Jetzt aber flammte sie ihn wirklich an.
»Wie Sie zu Ihren traurigen Betrachtungen über die Frauen kommen, weiß ich nicht, und ob ich begabt bin oder nicht begabt bin, geht Sie nichts an. Sicher aber ist, daß ich mir eine Gelegenheit zur Arbeit nicht aus der Hand schlagen lassen würde und eher eine Meile liefe als einen Schritt zurück täte.«
Sie wandte sich auf dem Absatz, und Thomas Vanderwelt schaute ihr gedankenverloren nach, wie sie die Stufen der Treppe nahm und in ihrem Zimmer verschwand.
»Ich glaube, er weiß nicht einmal, wie ich aussehe, der Sterngucker,« eiferte sie, als sie Frau Engel ihren Bericht erstattet hatte. »Oder er hält uns Frauen für so minderwertig, daß es den hohen Herrn eine Zumutung dünkt, sich von einer Frau behilflich sein zu lassen. Spottvogel, der.«
»Es kommt wohl auf die Frau an,« sagte Frau Engel. »Und nun haben Sie genug geschimpft.«
»Geschimpft?« fragte sie bestürzt. »Ich wollte ihn doch nicht beschimpfen. Dazu habe ich erstens nicht das Recht, und zweitens weiß ich aus Erfahrung, daß Leute, die im Elend sind, ein ganz besonders feines Ehrgefühl besitzen.«
»Sehen Sie wohl, Magdalene? Es ist noch nicht aller Tage Abend, und wir wollen uns inzwischen tummeln.«
Während sie die Zimmer richteten und die Küche besorgten, plauderte das frische Mädchen unverdrossen. Es erzählte von den Aufgaben, die ihr im Geschäft gestellt worden seien und über welche Briefausdrücke sie gestolpert sei, fragte eindringlich und ließ sich voll Eifer belehren. Dabei überzog sie ein Bett mit festem Leinen oder wusch das Gemüse unter dem Küchenkranen. Und wie die Fragen mit Verstand gestellt wurden, so wurden die Antworten aus der Reife der Lebenserkenntnis erteilt, und es wurde ein Unterricht, bei dem der Geist des Mädchens alle Pforten öffnete und sich aus allen Pforten in die Höhe schwang zu Angela Freydags Geist.
Wie oft war es Angela Freydag in diesen Wochen und Monaten, als wären nur die Gesichter vertauscht. Als trüge das lernbegierige Mädchen die Züge der jungen, lernbegierigen Klavierlehrerin und sie selbst stünde als Lehrer an Kornelius Vanderwelts Statt. »Ich gebe deinen Reichtum weiter, Kornelius,« sprach sie dann wohl für sich hin, »und heute verstehe ich dein Wort, daß es nicht immer die blutseigenen Kinder sind, die unsere Seele am stärksten beerben.«
Aber die schwermütige Anwandlung verflog, als wäre sie nie gewesen, wenn Kornelius Vanderwelts blutseigene Enkel, wenn Martin und Nikolaus schulentlastet die winklige Treppe hinaufgestürmt kamen und ihr mit tausend Geschehnissen um den Hals flogen. »Heute hat der Martin ein Gedicht auf den Großvater gemacht.« »Der Nikolaus hat geholfen und die gute Hälfte daran.«
»Her damit, Jungens.« Und sie las die stammelnden Strophen.
Ihre Brust hob sich hoch. Ihre Augen funkelten. Nein, es war nicht vergebens.
Ihr Gedanke schweifte zu den spielerischen Müttern, zu dem lässigen Vater, der sich spöttelnd ein Kind der Zeit nannte.
Formte die Zeit die Menschen? Oder formen die Menschen die Zeit? Nur die es versuchen, haben die Berechtigung, zu sein, und dieses Jungdichtergestammel war über die Zeit erhaben.
»Ich wälze zwei rotbackige Äpfel in Teig und schiebe sie für euch in den Ofen.«
Ein Jubelschrei aus zwei Kehlen -- und ein beschämtes Innehalten und Verstummen.
»Schmeckt euch der Lohn zu sehr nach dem Alltag, Jungens? Hattet ihr auf eine goldene Rose gerechnet?«
»Aber wir haben dich ja gar nicht angedichtet, Tante Engel. Das Gedicht geht auf den Großvater.«
Da nahm sie die beiden Jungen mit einem herzlichen Lachen in ihre Arme und an ihre Brust.
»Der Großvater oder ich. Das ist in der Dichtung ein und dasselbe. Ob wir leben oder gestorben sind.«
Der Knabenverstand erfaßte den Sinn der Worte noch nicht. Aber die Augen glänzten vor Begeisterung, als die Bratäpfel in die Ofenröhre geschoben wurden und alsbald ein süßes Duften von Weihnachtsseligkeiten die Küche erfüllte. --
Für den Matthes aber war es gekommen, wie er es vorausgesagt hatte: es war für ihn ein Geschäft geworden. Die Verzinsungen fielen für ihn aus, und die Gastzimmer hatten ohnedies leergestanden und wurden nun in Obacht und Pflege genommen. Darüber hinaus aber waltete die starke Frau, die ihren Einzug gehalten hatte, in Küche und Haus, griff seiner verängstigten Gesponsin nachdrücklich unter die Arme und scheute sich nicht, wenn's not tat und die Kräfte der Alten versagten, unbeobachtet in der Wirtschaft zu erscheinen und nach dem Rechten zu sehen.
»So eine wie die, Alte, wenn ich die gehabt hätt' un nich dich Tränenkrug, die ›Fünf Erdteile‹ wären die erste Wirtschaft am Platz.«
Die Frau kniff erregt die Lippen ein und arbeitete ohne Widerrede weiter und über ihre Kräfte.
Es war einmal gewesen, daß sie mit einer Handvoll Bierseidel über einen Kautabak hingeglitten und zu Fall gekommen war, heftig gemaßregelt von dem Groll des Wirtes und von den Gästen mit Hallo begrüßt, als Angela Freydag die Wirtsstube betrat. Sie half der Beschämten auf die Füße, führte sie hinaus und kehrte kühl an den Schenktisch zurück. »Geben Sie her,« sagte sie zum Matthes.
Er blinzelte in den Tabaksqualm, füllte frische Gläser und schob sie auf das Schankblech, als wäre nichts weiteres dabei.
»Wer hat bestellt? Wohl bekomm's. Sehen Sie, es geht auch mit der Ruhe.«
Die Gäste blickten verdutzt auf die Frauengestalt in derbem Hauskleid, räusperten sich und tranken.
»Schmeckt noch mal so gut,« meinte ein Witzbold.
»Mehr wird nicht verlangt,« antwortete sie und sah dem Manne in die starrenden Augen, bis sein Blick quer ging.
Von diesem Abend an ging sie zeitweilig, wenn die Frau des Matthes vor gichtigen Schmerzen nicht weiter konnte, als Stellvertreterin der Ärmsten in die Wirtsstube hinunter und übernahm die Pflichten der Wirtin. »Sie haben hier nichts, aber auch gar nichts verloren,« wies sie das junge Mädchen zurück, das sich ihr hilfsbereit zugesellen wollte. »Für Männer in Kneipenluft ist eine andere Verfassung am Platz, als ich sie bei Ihnen wünsche. Diese Bekanntschaften hier möchte ich Ihnen für Ihren zukünftigen Lebensweg erspart wissen.«
»Aber, Frau Engel, Sie sind eine Dame, und was und woher bin ich?« erwiderte Magdalene Matthes angriffslustig.
»Sie stellen die Frage falsch, Kind. Nicht: ›woher bin ich?‹, ›wohin will ich gehen?‹ muß sie heißen und nicht anders. Also belasten Sie sich nicht mit Dingen, die Ihnen Ihren Weg versperren. Der meine war schön und weist mich zur Beendigung hierher. Weshalb, das lassen Sie meine Sorge sein.«
Das Mädchen ging verwirrt von dannen und suchte einen Entgelt darin, daß es sich mehr als bisher um die Wünsche und Gewohnheiten der Vanderweltschen Familie kümmerte und ihnen genugzutun sich mühte.
Stark und gefestigt saß Angela Freydag im Schatten des Schenktisches, die aufglühende Tonpfeife als Freundin. Und sie behielt den Stiel der glühenden Pfeife in der Hand, wenn sie am Schenktisch die gefüllten Gläser entgegennahm und zu den Gästen trat. Stark und gefestigt saß sie wieder auf ihrem Platze, und die voreiligen Witze der Männer hatten sich in ein Murmeln der Befriedigung verwandelt.
Man war bei Mutter Engel. -- --
»Frau Engel, ich möchte Sie sprechen,« bat in den festfröhlichen Wintertagen Magdalene Matthes. »Darf ich es sagen?«
»Sagen Sie mir getrost alles, was Sie auf dem Herzen haben. Wir sind in meinem Stübchen und allein.«
»Sie sind vielleicht durch die Wirtsstube so oft in Anspruch genommen, daß Sie es nicht bemerkt haben. Und es sind auch ganz gewiß nicht meine Angelegenheiten. Aber die anderen dürfen doch nicht in die Mäuler der Leute kommen.«
»Wer sind die anderen?«
»Nun, der Herr Thomas Vanderwelt und -- und -- die Prachtburschen, der Martin und der Nikolaus.«
»Für die Frauen fürchten Sie nichts?«
»Ach, Frau Engel, die Frauen sind es ja gerade, die -- ja, wie soll ich es Ihnen sagen? -- die so unvorsichtig sind.«
»Und Sie glauben, ich bemerkte das nicht, wenn ich in der Wirtsstube sitze? Und Sie denken, weshalb ist sie hinuntergegangen und sitzt nicht oben und hält die Augen auf? Weil ich denen da oben eine Frist zur Besinnung gesetzt habe, Mädchen, und zusehen will, für wen es sich da oben verlohnt, bevor ich an die Abreise denke.«
»Frau Engel,« rief das Mädchen mit erschrockenen Augen, »dann bricht für die da oben alles zusammen.«
»Magdalenlein,« beruhigte Angela Freydag und strich ihr über die heißgewordenen Wangen, »es ist noch nicht so weit, und ich hoffe auf ein Wunder. Wenn auch das, was Sie mir zu sagen haben, nicht ein Wunder voraussehen läßt.«
»Hätte ich doch nicht damit begonnen!« stieß das Mädchen über sich selbst erzürnt hervor.
»Nicht so, Magdalene. Sie und ich, wir haben uns liebgewonnen, und in der Liebe gibt es keine heimlichen Gedanken. Was Sie mir zu sagen haben, kann nur die Bestätigung meines eigenen Wissens sein, und jede klare Bestätigung reinigt die Luft. Sie helfen mir also auch mit weniger schönen Wahrnehmungen.«
Das Mädchen hob den Kopf. Ihre tapferen Augen trugen den Ausdruck der Entschlossenheit.
»Frau Engel, es ist nicht gut, daß die beiden Frauen allein gehen. Ich sah sie nicht zum erstenmal in den Straßen, wenn ich abends aus dem Geschäft kam. Heute wurden sie angeredet, und sie ließen es sich gefallen und gingen mit den Herren in eine Tanzdiele. Es ist keine angesehene Örtlichkeit, in die sie gingen, und sie wußten es wohl nicht.«
Angela Freydag saß und hielt die verschlungenen Hände im Schoß. Aber die Gelenke ihrer Finger knackten.
»Wollen Sie es den beiden Frauen sagen, Frau Engel? Bitte, sprechen Sie doch.«
»Es ist die Sache Thomas Vanderwelts, Magdalene. Er hat für den Namen Sorge zu tragen. Also sprechen Sie mit Thomas Vanderwelt, wenn das Herz Sie treibt, und ich hoffe für ihn, daß Sie eine glückliche Stunde haben.«
»Mit -- Thomas Vanderwelt? -- Und was hat mein Herz damit zu tun?«
»Das müssen Sie sich selber fragen. Oder auch nicht, wenn es Ihnen auf Hilfe ankommt.«
»Ja,« sagte sie mit schwerem Atem, »es kommt mir auf Hilfe an. Gerade bei ihm. Denn er ist im Grunde ein ganz anderer, als er vortäuschen möchte.«
»Wer ist er denn? Ein unglücklicher Ehemann?«
»Ein schlaffer Mensch ist er. Ein Mensch, der den Aufschwung nicht finden kann, weil er immer in den Schmutz stiert. Aber viel, viel weicher ist er, als seine Spottsucht zugeben will und die wenigsten es ahnen.«
»Vielleicht, weil er in Ihnen eine so gute Freundin gefunden hat. Und nun gehen Sie zu ihm, Mädchen.«
Die erhitzten Wangen erblaßten ihr. Mit kleinen, scheuen Schritten ging sie auf die ernstgewordene Frau zu, die sie in die Arme nahm.
»Ich habe einmal aus dem Munde eines ganz Großen gehört, der auch nicht in den Gleisen althergebrachter Sitte lief: ›Ich habe das Heilige angebetet in Gottes reichster Schöpfung. In der Liebe! Alle reine Liebe ist eine Tugend, Kind. Und es steht kein Mensch so niedrig, daß er sich ihrem Anruf entziehen könnte.‹«
Da ging sie und suchte Thomas Vanderwelt auf.
Er lag lesend auf dem Sofa, als sie zu ihm eintrat, und er behielt das Buch in der Hand, als er erstaunt aufsprang und ihr entgegenging. Es war still im Zimmer. Die Frauen spazierten in der Stadt.