Kornelius Vanderwelts Gefährtin
Part 22
Droben aber, in Kornelius Vanderwelts Schlafgemach, warf er sich über des Vaters Bett und umklammerte ihn mit Armen und Händen. Und als er Angela Freydags schmerzstillende Hände über seinen Nacken gleiten fühlte, wurden ihm die Pforten aufgetan und ein wildes Sohnesweinen brach hervor, überstürzte die Dämme und gelangte in den ruhiger fließenden Strom allen Geschehens.
Unten schlug die Glocke der Haustür an. Angela Freydag richtete den stiller Schluchzenden auf.
»Es ist der Arzt, Thomas. Ich rief ihn an, als ich dich anrief. Vergiß nicht, daß unser Schmerz uns allein gehört.«
Und sie ging hinab, öffnete und kehrte mit dem Arzt zurück.
Thomas Vanderwelt empfing ihn mit einer stummen Verneigung. Und der Arzt trat ans Bett und neigte sich über den Toten. Als er sich wieder erhob, blickten seine Augen ernst.
»Es war ein Herzschlag,« sagte er so leise, als fürchte er, die Erhabenheit des Todes zu stören. »Eine Überspannung der Nerven. Ein Übermaß von Kräften dagegen angesetzt. Das Herz mußte es zahlen.«
Mein Herz, hämmerte es hinter Angela Freydags Stirn, mein -- mein Herz. Mit seinem Tode noch gab er es mir allein.
Sein Herz, schrie es in Thomas Vanderwelt auf. Er gab es mir, und ich ließ es wegen eines Zunders verkommen.
Der Arzt drückte ihnen die Hand. Er ging zur Tür und fragte flüsternd, wo er den Totenschein ausstellen dürfe. Und Angela Freydag geleitete ihn die Treppe hinab und verharrte schweigend hinter seinem Stuhl, während er an Kornelius Vanderwelts Schreibtisch saß und das Papier ausfüllte.
Wieder betrat sie das Sterbegemach, und Thomas Vanderwelt saß am Bette des Vaters und hielt mit seinen fiebrigen Händen die kalten umspannt. Als sie seine Schulter berührte, sah er kaum auf.
»Du mußt mich jetzt eine Weile mit ihm allein lassen, Thomas. Es ist Morgen geworden, und die anderen sollen ihn nur in der Verklärung sehen.«
»Die anderen. Ach ja, da gibt es noch die anderen. Darf ich nicht helfen, Engel?«
»Es ist Frauensache, Thomas. Und du wirst es verstehen.«
Er erhob sich schwerfällig, stand vor ihr und suchte in seinem Hirn nach einem Wort.
»Es ist Sache der Liebe, Engel,« und er ging mit müden Schritten hinaus, die Treppe hinab und in das Arbeitszimmer seines Vaters. Am Schreibtisch saß er nieder, horchte eine Zeitlang ins Leere und ließ den Kopf auf die Arme sinken, die kraftlos über der Tischplatte lagen.
Mit mühsam verhaltenem Atem hatte Angela Freydag den Schritten gelauscht, die sich weiter und weiter entfernten und verhallten. Jetzt wandte sie langsam den Kopf. Nach ihm. Ihre Füße bewegten sich. Ihre Knie stießen an das Bett. Und sie ließ sich in die Knie sinken und wühlte ihren Kopf in die Kissen, die sein Haupt trugen.
»Dank, Dank, Dank!« Und immer wieder dasselbe Wort, und kein anderes wußte sie.
Wange an Wange lag sie mit ihm, und die Zeit rann dahin, und die Sonnenstrahlen kamen und kränzten sie beide.
»Dank, Dank, Dank, Kornelius.« -- -- --
Die Sonnenstrahlen liefen über ihre Stirn und flirrten über ihre Augen. Es ist Tag, dachte sie wie aus einem Erwachen heraus, und es war bei ihm und mit ihm kein Tag, der leer war. Bis die anderen ihr Anrecht bewiesen haben, habe ich dein Erbe zu verwalten.
Beide Hände legte sie ihm um die Schläfen und starrte ihm in das stillgewordene Kämpferantlitz. Immer näher kam ihm ihr zuckendes Gesicht. Und dann preßte sich ihr heißer Mund auf seine kalten Lippen, als könnten sie sie erwärmen, als könnten sie sie mit glühendem Leben füllen, mit hinreißendem Lachen und dem Glücksjubel, den nur Kornelius Vanderwelt gekannt hatte.
»Du! Du! Ich bin nur hiergeblieben, weil du noch hier sein mußt. Weil das Tagewerk noch nicht zu Ende ist. Weil dein Name noch gesichert werden muß in deinem Fleisch und Blut. Nicht meinetwegen, Kornelius, nein, das weißt du besser. Ich bin nur dein ander Teil. Aber es wird ausreichen, dein Tagewerk zu Ende zu führen. Das schwör' ich dir.«
Sie löste sich von seinen Lippen und stand in der Sonne des Morgens. Einen gurgelnden Atemzug tat sie noch, und dann blickte sie mit weit sich öffnenden Augen in den Tag und schritt hinein.
Mit Frauenhänden, die voll starker Liebe waren, wusch sie des Toten Antlitz, Brust und Hände, strich sie ihm sorgsam das Haar, bettete sie ihn in frische Kissen. So lange war ich wie sein Kind und mehr, dachte sie. Nun ist er das meine -- und mehr.
Durch die geöffneten Fenster flutete die Frühsommersonne wie eine Woge, und Kornelius Vanderwelt lag in der Woge mit lächelndem Mund. Denn er wußte, daß es die Liebe war. --
Als Angela Freydag in Ergriffenheit das Arbeitszimmer betrat, fand sie Thomas schlafend. Sie trat leise hinter ihn und betrachtete ihn lange und gewahrte, was ihr früher nie so sehr zum Bewußtsein gekommen war, daß er die Gestalt des Vaters hatte, etwas hagerer nur vom unzweckmäßigen Leben, und denselben schmalen Schädel mit der breitgelagerten Stirn. Sie preßte die Lippen, als die Bilder des Vergleichs sich drängten. Wie eine Bitterkeit kam es über sie. Denn der dort oben im ewigen Schlafe lag, schien ihr im Tode noch um ein Vielfaches größer und stärker als der Namenserbe, der sich hier unten zurückschlief in das Leben des Tages.
Sie rührte ihn an, und er erwachte.
»Nicht böse sein, Engel. Es warf mich hin. Das traurige Geschäft schon erledigt? Ich weiß es wohl, an dem Punkte, an dem die Männer ermüden, erwachen die Frauen. Nur daß es so wenig Frauen gibt wie Männer.«
»Es liegt in der Macht eines jeden einzelnen, es zu ändern, Thomas. Und du hast nun ein einzelner zu werden.«
»Ich -- habe? Weshalb nennst du mich seit dieser Nacht ›Du‹, Engel?«
»Weshalb?« Ihre Stimme wurde so hart, daß er betroffen zu ihr aufschaute. »Weil ich das Vertrauen in dich setze, Kornelius Vanderwelts Nachfolger zu werden. Hüte es, Thomas.«
Über den Grund ihrer Augen sprang ein Blitz. Für Sekunden legte sie die Hand darüber hin, als schmerze sie das Licht. Und mit ihrer ruhig schwingenden Stimme sprach sie weiter.
»Geh jetzt, Thomas, und hole Juliane her und deine Frau und die beiden Jungen. Präg' ihnen ein, sie sollten hier keinerlei Lärm erheben, denn der Lebende hätte ihn nie in seinem Hause geduldet, und sein Wille sollte heiliggehalten werden. Kommt gegen Mittag. Ich werde inzwischen den Sarg bestellen, und am Abend wollen wir den Vater in aller Stille in die Friedhofkapelle überführen.«
»In aller Stille, Engel? Soll auch die Beisetzung in aller Stille erfolgen?«
»Ich möchte dich bitten, deiner Schwester gegenüber, wenn es sich als nötig erweisen sollte, ein Machtwort zu sprechen. Dein Vater hat, wie alle überragenden Naturen, für seine Größe Zahlungen leisten müssen. Als er um Justus und Julianes wegen für den Bestand seines Hauses kämpfen und sich beschränken mußte, wurde ihm seine frühere Überlegenheit als Überheblichkeit und seine frühere Freigebigkeit als Verschwendungssucht angerechnet. Das ist nun einmal der kaufmännische Brauch, und er mag meisthin seine Berechtigung haben. Aber ich fürchte, dein Vater würde aus dem Sarge hinaus sein unfeierlichstes Lachen erschallen lassen, wenn er alle die Abwendigen als feierliches Trauergeleit verspürte.«
»Ja, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt, nahm ihre Hand und beugte sich über sie. Und wie sie ihm durch die Fensterscheiben nachblickte, sah sie, daß er aufrecht und gesammelten Blickes über die Straße schritt.
Als sie dem Mädchen eingeschärft hatte, keinem die Tür zu öffnen, wer es auch sei, ging auch sie in die Stadt hinein und wählte die letzte Behausung für den stillen Gefährten und ließ den eichenen Sarg in die Wohnung schaffen. Bei der Rückkehr fand sie eine Gestalt im Garten vor. Wie ein abenteuerliches Wesen stand die Vierschrötigkeit des Matthes im schwarzen, altväterlichen Leibrock vor ihren Augen.
»Sie gestatten, Madam. Er war mein Freund. Schon aus unseren Seemannstagen her. Auf keinen bin ich so verdammt stolz gewesen wie auf den Kornelius. Sie gestatten deshalb, Madam.«
»~Was~ soll ich gestatten?« fragte Angela Freydag zurück.
»Daß ich ihn noch mal zu sehen kriegen darf. Nur auf so lang, daß ich ihm ›Auf Wiedersehen‹ sagen kann. Nichts für ungut, Madam, aber er war doch nun mal mein Freund.«
»Kommen Sie,« sagte Angela Freydag und schritt ihm in seltsamer Erregtheit voran.
Der Mann stand vor dem Entschlafenen. Seine schweren Finger drehten den Rand des Trauerhutes. Seine Kiefern bewegten sich, formten an einem Wort, stießen es endlich heraus.
»Kornelius ... verdammt noch mal ... Kornelius -- --«
Die Augäpfel quollen ihm. Aber er hielt stand und ließ keinen Ton mehr zwischen den Zähnen durch.
Es war ein Scharren und Schieben auf der Treppe. Die Leute brachten den Sarg, und Angela Freydag ging hinaus und gebot ihnen, ihn vor dem Sterbezimmer niederzustellen. Als sie in das Zimmer zurücktrat, fand sie den Matthes unbeweglich vor dem Toten.
Für eine Sekunde suchte sie sein Auge. Und sie sah in dem Auge des grobgearteten Menschen einen Schein aufleuchten, der wie ein Abschiednehmen war von der Jugend. Auch diesem Rohen war er das Erinnerungsbild aller Freude und Frohheit, dachte sie. Selbst diesem. Der Dank wird dich freuen, Kornelius.
»Sie sollen mir helfen,« sagte sie, »Ihrem Freunde den letzten Dienst zu erweisen. Wir wollen ihn zusammen in den Sarg legen.«
Der Mann wandte langsam den Kopf. Er glaubte, nicht recht verstanden zu haben.
»Sprachen Sie zu mir, Madam?«
»Ich sprach zu Ihnen,« und sie wiederholte ihre Worte und wartete auf seine Antwort.
Der Mann stellte seinen Trauerhut auf den Boden. Seine Hände zitterten ein wenig.
»Das vergess' ich Ihnen nicht, Madam. Die Ehre nicht. Obwohl ich glaub', der Kornelius Vanderwelt hätt' sich auch bei mir nicht gescheut und keinen Unterschied gekannt. Ich steh' zu Ihren Diensten.«
Sie trugen gemeinsam den Sarg vom Vorflur ins Zimmer, und der Mann sah bewundernd auf die Muskelkraft der Frau. Und Angela Freydag breitete ein weiches Bett in die letzte Lagerstatt, die sie auf eine teppichbehangene Bank gehoben hatten, und glättete mit den Fingerspitzen wieder und wieder das Kissen. Dann streckte sie den Körper und schritt ruhig auf den Toten zu, bettete ihn an ihr Herz und trug ihn mit starken Armen, während der Helfer den Arm unter des Freundes Knie hielt wie eine eiserne Stange.
Ausgestreckt lag Kornelius Vanderwelt in seinem letzten Bett und lächelte sie an. Seine vergangene Jugend in dem Mann und seine Ewigkeitsjugend in der Frau. Und Angela Freydag fühlte seinen Gruß.
Der Matthes hatte seinen Hut vom Fußboden aufgenommen und war mit einem Kopfnicken hinausgegangen. Sie hörte, wie die Haustür hinter ihm ins Schloß fiel. Und sie breitete eine Decke über die Füße des Toten, trug einen Stuhl heran und setzte sich in stummer Zwiesprache zu ihm. Kein Ohr vernahm sie.
So fand sie Thomas, der mit Juliane und Antonie und den beiden Knaben um die Mittagszeit das Zimmer betrat.
Die Frauen trugen ihre Trauergewänder mit einer leidvollen Anmut. Die feinmaschigen Schleier gaben den Gesichtern den Ton der Blässe, doch schweiften unter dem Gewebe die Augen Julianens forschend umher, während das Gefunkel in Antoniens Blicken von scheuem Schrecken gedämpft wurde.
Angela Freydag schlug die Augen zu ihnen auf. Jetzt erst wurde sie inne, daß sie ihr Alltagskleid noch nicht getauscht, daß sie die äußeren Zeichen der Trauer noch nicht angelegt hatte. Sie erwiderte die geflüsterte Begrüßung der Frauen durch ein Neigen des Kopfes und streckte den beiden Knaben die Hände entgegen.
»Guten Morgen, Tante Engel,« sagten die Knaben leise und schmiegten sich trostsuchend an sie.
»Ihr kommt, um euch vom Großvater zu verabschieden?« fragte sie still und freundlich. Und sie nahm sie bei den Händen und führte sie an das Kopfende des aufgebahrten Sarges. »Prägt euch sein Bild ein, Martin und Nikolaus. Kein besserer, kein tapferer und ritterlicherer Mann hat je gelebt.«
Die hochaufgeschossenen Jungen standen in ihren Schulanzügen mit einem Trauerflor am Arm und zwangen sich zur Männlichkeit. Aber der Aufruhr der Gefühle tat sich in den zuckenden Mundwinkeln kund, und die Augenlider färbten sich feuerrot, feuchteten sich heiß und ließen langsam schwere Tränen niedertropfen, die schimmernd auf des Toten Händen haften blieben. Und durch Angela Freydags Seele zog die erste wehmütige Freude.
Juliane trat heran und schob die Knaben zur Seite Sie warf den Schleier zurück, hob die Arme und öffnete den Mund zu einem Schrei. Angela Freydags Hände drückten die erhobenen Arme nieder, und der Schrei erstarrte.
»Wir wollen seine Ruhe nicht mehr stören, Frau Juliane. Er hat sie um uns alle verdient.«
»Sie wollen mein Unglück doch nicht zum Vorwand nehmen, mich für seinen Tod mitverantwortlich zu machen.«
»Ich sprach wohl von uns allen. Es mag sich jeder seinen Teil herauswählen.« Sie wandte sich um, und ihr Blick haftete auf der scheuen Antonie. »Treten Sie näher, Frau Vanderwelt. Auch von Ihnen nimmt der Tote seinen Abschied.«
Antonie Vanderwelt wehrte mit den Händen. Ihr Blick hatte den Toten nur gestreift, er heftete sich mit dem Ausdruck unerklärlicher Furcht auf die steinernen Züge der Frau, die sie an die Seite des Toten befahl. Und von einem Weinkrampf geschüttelt, mußte sie von Thomas Vanderwelt aus dem Zimmer geführt werden.
Angela Freydag deckte das Tuch über das Antlitz des Toten.
»Nun können wir gehen,« sagte sie. »Was noch zu besprechen ist, besprechen wir am besten in einem anderen Raum.«
Im Arbeitszimmer trafen sie Thomas Vanderwelt und seine in Stößen aufschluchzende Frau. Mit schmalgepreßten Lippen ging Juliane auf den Bruder zu.
»Wir werden jetzt die Begräbnisanordnungen treffen, Thomas. Es dürfte sich vielleicht empfehlen, daß ich bis zur Erledigung der Hinterlassenschaftsgeschäfte im Hause wohnen bleibe.«
Mit blutrotem Kopf blickte der Bruder auf Angela Freydag, die wortlose Zuhörerin war.
»Ich bitte, meine Schwester zu entschuldigen. Ich bitte sehr darum. Der unerwartete Todesfall scheint sie um die Besinnung gebracht zu haben. Die Hinterlassenschaft steht in dieser Stunde gar nicht zur Besprechung. Und was die Anordnungen zum Begräbnis betrifft, so liegen sie in Händen, denen wir nicht genug danken können.«
»Ich bitte, in allen Dingen befragt zu werden,« beharrte Juliane scharf.
»Ich fürchte, liebe Schwester, daß nicht allzuviel zu befragen übrigbleibt. Augenblicklich befindet sich noch der Herr im Haus, wenn auch mit geschlossenen Augen.«
»So wollen wir den Wortlaut der Traueranzeigen festsetzen und die Listen aller --«
»Es ist nicht im Sinne des Vaters,« unterbrach sie der Bruder. »Die Anzeige in der Zeitung muß uns genügen. Ich habe sie bereits aufgestellt und abgegeben, Juliane.«
Die Schwester fuhr zornig auf.
»Du hast dich gut beraten lassen, lieber Thomas. Das mag bei kleinen Leuten von Nirgendwoher der Brauch sein, in unseren Kreisen hat man sich an die vorgeschriebenen gesellschaftlichen Formen zu halten und nur danach zu handeln.«
Thomas Vanderwelt trat dicht auf sie zu. Seine Lippen bebten vor Scham.
»Wir ~sind~ kleine Leute. Vergiß das nun nicht mehr und richte dich danach ein.«
Julianes Augen liefen mit hungrigem Ausdruck vom einen zum anderen. »Und Sie?« fragte sie die steinerne Zuhörerin schroff. »Was sagen Sie dazu, da Sie doch nun mal unserer Beratung beiwohnen?«
»Ihr Bruder«, sagte Angela Freydag, »hat als Oberhaupt Ihrer Familie vorläufig alle Bestimmungen zu treffen.«
»Oberhaupt! Er ist es ja nicht einmal in -- Nun ja. Vorläufig, haben Sie gesagt. Vorläufig mag es dabei sein Bewenden haben.«
Angela Freydag blickte den Sohn Kornelius Vanderwelts an. Seine zusammengesunkene Gestalt reckte sich ein wenig.
»Der Sarg wird heute abend in die Friedhofskapelle überführt. Die Beisetzung findet übermorgen nachmittag statt. Wer irgendwelche Wünsche und Fragen hat, möge sich voll Vertrauen an Frau Engel wenden.«
»Du meinst wohl an Fräulein Freydag, lieber Thomas.«
»Nach deinem Belieben, Juliane. Du wendest dich also an Fräulein Freydag.«
Er trat auf Angela Freydag zu, beugte sich lange nieder und küßte ihr die Hand.
»Auf Wiedersehen am Abend, Engel. Ich werde pünktlich zur Stelle sein. Vielen Dank.« --
Gegen Abend fuhr der Totenwagen vor das Haus, lud seine Last ein und fuhr von dannen. In einem geschlossenen Gefährt folgten ihm Angela Freydag, Thomas Vanderwelt und die beiden Knaben. Vor dem Friedhofstor harrten die Träger mit der Bahre. Hinter dem schwankenden Brette her schritten die vier Menschen. Und sie blieben, als die Träger gegangen waren, wohl noch eine Stunde in der Kapelle und kränzten den Sarg mit einem Gewinde aus Immergrün und allen dunklen Rosen, die Kornelius Vanderwelts Garten hervorgebracht hatte.
Der Beisetzungstag kam. Und wieder fuhren sie denselben Weg, und Juliane und Antonie fuhren mit ihnen. Da die Schleier der beiden Frauen nicht gedrückt werden durften, kauerten die beiden Knaben eng aneinandergeschmiegt neben dem Fahrer.
»Es gleicht einer Bettelmannsbeerdigung,« tadelte Juliane heftig. »Nun ja, wir brauchen uns wenigstens nicht vor einer großen Teilnehmerschar zu schämen, denn in der Zeitungsanzeige war ja wohlweislich die Stunde der Beerdigung weggelassen worden.«
Antonie Vanderwelt lehnte in der Ecke des Wagens, von den Fenstervorhängen verborgen. Sie wünschte nicht, von ihren Freunden in dieser Lage gesehen und beurteilt zu werden.
Angela Freydag entstieg als erste dem Wagen. Und es fiel Thomas Vanderwelt, der ihr folgte, auf, wie hoch und voll ihre Gestalt geworden war. Ihre Züge waren nicht zu erkennen. Dicht lag der schwarze Schleier vor ihrem Gesicht.
War noch ein anderes Begräbnis für diese Stunde angesetzt? Der Platz vor der Friedhofskapelle war gefüllt von Menschen. Spiegelnde Seidenhüte mischten sich mit Schlapphüten und sonntäglichen Schiffermützen. Es war ein Gewoge wie vor der Schifferbörse, wenn Kornelius Vanderwelt mit jugendstarkem Schritt und hellen Augen die Massen durchquert hatte, nur lautloser und ohne Kornelius Vanderwelts anfeuernden Zuruf.
Und die Massen bildeten eine Gasse und ließen Angela Freydag hindurchschreiten, wie sie einst Kornelius Vanderwelt hatten hindurchschreiten lassen, und die Vanderwelt-Kinder und -Enkel gingen vor ihr oder hinter ihr, sie wußte es nicht.
Sie wußte nur, daß diese Hunderte hier ~un~gerufen gekommen waren, in Erinnerung an seinen Lebensübermut, in Ehrfurcht vor seinen vollbrachten Werken, in Teilnahme an seinem Endkampf um Sein oder Nichtsein des Hauses. Und eine Stimme in ihr sprach, und sie sprach zu dem geliebten, schlummermüden Mann: »Kornelius, dies hier ist dein Guthaben. In hunderten Gemütern. Nun ziehst du es ein, und was man dir je auf die Schuldseite geschrieben haben sollte, es ist entlastet, und das Guthaben bleibt und verzinst sich.«
Das aber machte sie über die Maßen froh und aufrecht in ihrem Schmerz, daß er die Ungerufenen zu sich gezwungen hatte.
Die Träger hatten das Gestänge der Bahre ergriffen. In endlosen Zügen folgten die Menschen zum Erbbegräbnis der Vanderwelts und umringten es. Die Kinder und Enkel standen vor der offenen Gruft. Neben ihnen, und doch wie auf einer Insel allein, die ehrfürchtig angestaunte verschleierte Gestalt der Frau, die Kornelius Vanderwelts Leben aus den Niederungen zu den einsamen Höhen begleitet hatte.
Und Angela Freydag sah trotz des schwarzen Schleiers alle, die gekommen waren, und vergaß keinen. Sie hörte die Nachrufe der Werks- und Handelsherren, der Börsenmitglieder und der Schiffergilde, und das Niederrascheln ihrer Kranzgewinde. Sie sah die Herren der ›Erholung‹ unter ihrem Vorsitzenden und die Kumpanei aus den ›Fünf Erdteilen‹ unter Führung des Matthes. Kapitäne und Partikuliers, Rudersleute, Matrosen und Hafenangestellte. Und selbst die Bräute der Matrosen gewahrte sie in achtungsvoller Entfernung, für die Kornelius Vanderwelt so oft die Harmonika hatte spielen lassen. Es kam ihr gar nicht in den Sinn, in die Gruft zu starren, die den Sarg aufgenommen hatte. Sie mußte ja alle diese Dinge wissen, um sie ihm einst berichten zu können. Das nur war es.
Und nun war es still.
Vom Friedhofstor tönte das Rollen der Wagen herüber, die die Handelsherren und Werksleiter zu ihren täglichen Geschäften entführten, von der Straße dröhnte noch der Schritt der abziehenden Massen und verlor sich. Mit stolz geröteten, vom hindernden Schleier längst befreiten Gesichtern gingen Juliane und Antonie ihren Kindern voran zu dem harrenden Wagen, und nur Thomas Vanderwelt wartete auf Angela Freydag, die noch einmal an die verlassene Gruft getreten war.
Sie hob den Schleier, und ihre Augen suchten irgend einen Punkt irgendwo. Und nie vergaß Thomas Vanderwelt das hinreißende Lächeln, das über ihr Antlitz zog.
Als sie ihren Abschied genommen hatte, ging er unhörbar fast auf sie zu und bot ihr den Arm. Sie nahm ihn, und sie folgten den anderen und fuhren mit ihnen in das vereinsamte Haus.
Die Knaben waren zu ihren Schularbeiten heimgeschickt worden. Die Erwachsenen hatten ihre Anzüge geordnet, einen Imbiß genommen und sich alsdann im Arbeitszimmer schweigend niedergelassen.
Das Schweigen wurde drückend, und Thomas Vanderwelt erhob verwirrt den Kopf, als habe ihn jemand angerufen.
»Es bleibt nichts anderes übrig,« sagte er mit einem müden Seufzer, »die letzten Willensäußerungen des Vaters müssen verlesen werden.« Und er nahm den Schlüsselbund vom Schreibtisch und schloß die Tischlade auf.
Sein Auge fiel auf den großen versiegelten Umschlag, der die gesuchte Aufschrift trug. Seine Hände waren schwer und zitterten, als er die Siegel vorzeigte und den Umschlag öffnete. Buchstaben und Zahlen tanzten vor seinen Blicken. Es war Kornelius Vanderwelts Rechnungsablage, die er in Händen hielt.
Und es ergab sich, daß das Vermögen verausgabt war, bis auf weniges. Verausgabt für die Lebensführung der Kinder. Da standen die Beträge, die Justus als seine Vermögensanteile vorweg erhalten und in Abenteuern verschleudert hatte. Da standen die Beträge, die Thomas hingegeben worden waren, um ihn und die Seinen über das trübe Wasser zu halten. Da standen endlich die Beträge, die alle anderen verschlangen, gezahlt für die Prahlsucht Julianens, für ihre Wechselverbindlichkeiten, für die Ablösung ihres Sohnes und die Abfindung der Beckenrieds. Was blieb, war das Eigentumsrecht an den beiden verheuerten Frachtkähnen, an Einrichtungsgegenständen und ein kaum nennenswerter Barbetrag.
Jeden Posten hatte Kornelius Vanderwelts sichere Hand gegen den anderen verrechnet und die überschießenden Schulden der Tochter wettgemacht durch die Übertragung der Frachtkähne und der noch verbleibenden Einrichtungsgegenstände an den Sohn. Der Flügel, Hans Deiters' Meisterbild, Noten und Bücher sollten Angela Freydag ausgehändigt werden als ein kleines Zeichen des großen Dankes.
Die Verlesung war zu Ende. Mit fahrigen Händen suchte Thomas Vanderwelt die Blätter zusammen. Sein Gesicht war weiß.
»Wir haben -- den Vater -- sehr enttäuscht,« murmelte er vor sich hin.
»Nein!« schrie Juliane auf. »Uns hat er enttäuscht! Uns! Uns!«
»Schweig stille, Juliane.«
»Weshalb soll ich stillschweigen? Weil ich in meiner Unwissenheit Schulden gemacht habe? Jawohl! In meiner Unwissenheit! Wußte ich denn anders, als daß der Vater ein großmächtiger Geschäftsmann sei und Gelder über Gelder verdiene? Und daß er mich dem jungen Beckenried zur Frau gab, weil er auch über die Beckenriedschen Vermögensverhältnisse Bescheid wußte und sie glänzend für mich fand? Und jetzt? Das ist ja alles nur ein Wahnsinn.«
»Wir werden alle arbeiten müssen, Schwester.«
»Ja, du! Als Inhaber der Firma! Wie hoch ist denn überhaupt die Firma bewertet? Das steht nirgendwo geschrieben.«
»Deine Unwissenheit, Juliane«, sagte Thomas Vanderwelt, und der müde, spöttische Ton wagte sich wieder hervor, »scheint sich nur auf solche Dinge zu erstrecken, die dir Schaden verursachen. Aber der Gedanke an die Bewertung der Firma braucht dir auch fernerhin den Schlaf nicht zu rauben. Der Name steht nur noch auf dem Papier. Auf Einstampfpapier, Juliane.«
»Was heißt das?«