Kornelius Vanderwelts Gefährtin
Part 21
Vor Köln machte der Schleppzug seine erste Nacht. Es war eine Maiennacht, in der das Märchen mit der Sage einen Reigen schlang, dicht über den Augen der Schauenden. Dort geisterte der Dom in den sternenhellen Himmel und stach mit seinen Spitzen in die Sternenkränze, daß es den Anschein erweckte, als glitten sie ihm wie Heiligenscheine um die Helmzier. Dort wuchtete der gewaltige Sankt Martin, und er sah eher wie ein Türke aus, denn wie ein Christ, denn er hatte sich den halben Mond zur Leuchte an den Helm gesteckt. Dort glitzerten die Kuppeln, Türme und Dachreiter der ungezählten Kirchen und Kapellen, und der Rathausturm mischte sich darunter und begann ein Gespräch über die alte und die neue Zeit und ihre Bürgermeister. In den Straßen aber kicherten die Legenden und trieben sich mit den Heinzelmännern gassenab zum Rhein, purzelten ins Wasser und wurden pfeilschnell von den jungen Nixen bei den Ohren genommen, die auf den Ankertauen turnten und Angela Freydags mondhelles Antlitz betrachteten.
Kornelius Vanderwelt lag auf Achterdeck neben ihr, die Ellbogen aufgestützt und den Kopf in den Händen. So lag er wohl schon eine Stunde und hatte des wunderbaren Städtebildes nicht acht vor dem wunderbaren Menschenbilde.
Was mag es sein, das sie so schön macht? dachte er. Es gibt sicherlich ebenso schöne Frauen und schönere, und doch gehst du achtlos an ihnen vorüber. Und als ihre Brust im Atmen auf und nieder stieg, daß er glaubte, den ruhigen und starken Schlag ihres Herzens zu hören, da kannte er den Kern des Geheimnisses und des Rätsels tiefste Lösung: es war die Ruhe und Kraft, die ihrer Schönheit den Glanz der Firnen verlieh, und alle Ruhe und Kraft der Erde war ihr gegeben, weil sie ihre Schönheit nur für einen trug.
In dieser Maiennacht erklangen in Kornelius Vanderwelts innerstem Menschen Worte, die wie Worte eines Dankgebetes waren, während die nächtliche Natur im Frühlingsrausche erzitterte.
Gegen Morgen erst, als mit dem ersten Licht die Kühle kam, gingen sie in die Kajüte, und Kornelius Vanderwelt half ihr aufs schmale Lager und versorgte sie nach Seemannsbrauch gegen Windzug und Feuchtigkeit, bevor er sich auf das andere Lager warf. Aber nach Stunden schon waren sie beide wieder wach, denn die Sirene des Schleppdampfers hatte zur Obacht gerufen, die Kähne holten ihre Anker ein und der Rudersmann packte das Steuerruder. Angela Freydag kniete auf ihrem Lager und lugte durch die runden Kajütenfenster. Und Kornelius Vanderwelt stand hinter ihr und hatte den Arm um ihren Leib gelegt, damit sie bei einer jähen Wendung der in Fahrtlinie einbiegenden Frachtkähne nicht das Gleichgewicht verliere. Und sie lehnte ihren Körper fest und sicher in seinen Arm.
Den Morgenkaffee tranken sie stehend vor der Küche, stritten, ob es zum Mittag Linsen mit Wurst oder Wurst mit Linsen geben sollte, und lagen ausgestreckt auf Sonnenseite, als der Kahn an Bonns Altem Zoll vorüberzog, vorüber an der winkenden Godesburg und mitten hinein in das Bannland der Sieben Berge.
Das Siebengebirge prangte im Grün des Maien und im Gold der Maiensonne. Wie ein selig Beben liefen die Höhen dahin und verloren sich im weiten Hügelmeer des weiten Westerwaldes. Und auf der linken Rheinseite das geschwisterliche Stück des Bildes. Dem Drachenfels des Siebengebirges gegenüber gelagert der Fels des Rolandsbogens, und über vulkanisches Land hinweg Wellenlinie auf Wellenlinie der zu Stein erstarrten Eifelmassen.
»Die Porta Rhenana,« sagte Kornelius Vanderwelt, als sie durch das Tor der Schönheit fuhren, und er wies ihr hüben und drüben die verträumten Städtlein, deren Antlitz in wechselndem Mienenspiel die schweigenden Parks der weltflüchtigen und die singenden und klingenden Gaststätten der Weltsuchenden aufblitzen ließ. Dann aber zog Strom und Kahn zwischen den Inseln Nonnenwerth und Grafenwerth dahin, feierlich, als wölbten sich die Baumkronen von rechts und links hoch über sie hin zum gotischen Kirchendach.
Angela Freydag wandte den Kopf und suchte den Blick ihres verstummten Begleiters. Der kam aus tiefen Augenhöhlen, und sie setzte sich mit einem Rucke auf und griff nach seiner Hand.
»Was ist dir, Kornelius?«
»Es lief mir so über die Seele,« sagte er, »und es ist nichts als ein Unsinn.«
»Was ist ein Unsinn?«
»Daß die uralte Natur alljährlich in den Frühling zurückkehren darf, während ihr jüngstes Geschöpf, der Mensch, in den Herbst seines Lebens hinein und nicht wieder hinausgeführt wird. Ach, du, Engel, alles das noch eine Spanne, noch eine Spanne erleben können! Die Sehnsucht steigert sich, und steigert sich doch nur in eine wilde Einsamkeit hinein.«
»Ich bin bei dir, Kornelius,« sagte sie und nahm seinen Kopf an ihre Brust.
Er hörte nicht hin und sprach in Erregung weiter.
»In eine wilde Einsamkeit, in eine Menschenverachtung hinein, die kaum ein Lichtpünktlein mehr findet. Wir leben in einer Menschenunverbundenheit dahin, kein Mensch kennt den anderen, und in Wahrheit kümmert sich auch keiner um den anderen.«
»Ich bin bei dir, Kornelius,« erklang ihre Stimme.
Da hob er die Arme wie ein Ertrinkender und schlang sie ihr um den Hals. -- --
Er schlief an ihrem Herzen, und sie bewachte seinen Schlaf und war voll tiefer Freude, daß er ihr seine Schwäche gezeigt hatte. Denn ihr Frauengefühl ertastete mit nachtwandlerischer Sicherheit, daß diese Schwäche nichts anderes war als eine sich aufbäumende Lebenskraft, die sich ihres Lebens eroberten Inhalt, den Wert zu leben, das Weib seines Lebens und seiner Liebe zu sein, nicht nehmen lassen mochte durch eine Herbstlaune des Schicksals, und doch es mußte.
Vor Koblenz, nahe der Einmündung der Mosel in den Rhein, gingen zur Nacht die Anker nieder. Kornelius Vanderwelt schlug die Augen auf und rührte sich nicht an ihrem Herzen.
»Ist dir wohl?« sprach sie und strich ihm wieder und wieder das Haar aus der Stirn.
»Wie einem Kindlein an der Mutterbrust, Engel. So wohl. Ei, du, hatte ich vorhin nicht einen Schwermutsanfall? Das werden doch nicht die ersten Alterserscheinungen sein? Nein, nein, umgekehrt ist es, wie ich es dir vordichtete: die Welt wird alt, und ihre Jahre rinnen unablässig und unaufhaltsam. Wir aber bleiben Kinder trotz eines Greisenalters, und rückschauend zerfließen die Jahre in nichts. Was ist, das lebt, und wir beide sind, Engel.«
»Zuweilen meine ich, ich wäre gar nicht mehr, solange schon bin ich in dir aufgegangen.«
»Sprich kein Wort mehr, oder ich verschling' dich. Herrgott, hab' ich einen Hunger.«
»Und ich! Und ich!«
Und einer half dem anderen auf, und das Gleichgewicht suchend schritten sie über das schräge Deck und gewannen die Küche und bedrängten den Wilm, den Rudersmann und den Jungen.
In heller Morgensonne stampfte der Schleppzug an Boppard vorbei. Und je weiter er sich vorwärts arbeitete gegen den Strom, umso reicher öffneten und offenbarten sich die Bilder der Berge und Burgen, der Städtchen, Kirchen, Klöster und Kapellen, die den Blick von der Wirklichkeit abwenden und traumhaft hinübergleiten lassen in die Flüchtlingsbezirke der Romantik.
Dicht aneinandergeschmiegt lagen die beiden Flüchtlinge aus Wirklichkeitslanden auf dem Hinterdeck des Frachtkahnes und sprachen nicht und ließen nur die Augen aufleuchten, wenn ein neuer Gruß von den Ufern sie traf. Jetzt Sankt Goar, jetzt der niederstürzende Fels der Lorelei, jetzt die wellenumschäumte Pfalz bei Caub, die türmereichen Städtlein Oberwesel und Bacharach, Aßmannshausen mit dem Dichter- und Künstlerheim, der ragenden Kronenwirtschaft, und durch das brausende Binger Loch hindurch, links Rüdesheim, rechts, vom Mäuseturm verkündet, Bingen, die uralte Stadt. Der Mond kam über Burg Klopp hervor und erzählte flüsternd vom vierten Kaiser Heinrich, den der eigene Sohn in den festen Mauern gefangenhielt, und von blutigen Jahrtausendkämpfen, geführt um das lachende Land des Rheingaus. Der Schleppzug lag vor Anker. Die beiden Menschen auf dem Hinterdeck des letzten Kahnes hatten einer dem anderen den Arm unter den Nacken geschoben und schliefen einen Kinderschlaf.
Als sie am nächsten Tage am goldenen Mainz vorüberfuhren, vorüber an der Nibelungenstadt Worms, waren ihre Lippen ganz verstummt. Wie eine unsagbar tiefe Dankbarkeit stieg es auf vom Grunde ihrer Seelen, und das Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit brauchte keine Worte mehr.
So erreichten sie Mannheim, den Bestimmungshafen, und gingen schweigend an Land. -- -- --
Im Gebrause fuhr ein Schleppdampfer mit wenigen Leerkähnen als Gefolgschaft zu Tal. Die Dämmerung sank über ihn hin und über die beiden Menschen, die in die gespensternde Kielspur des letzten Kahnes starrten. Ein silbriges Licht kämpfte sich hindurch und erfüllte die Dämmerung mit Glanz und Leuchten. Der Mann reckte sich auf, als machte er seine Schultern stark für neue Arbeitsbürden. Und die Frau erfaßte fest seine Hand.
Ruhrort -- -- --
Hand in Hand gingen sie durch die Stille der Nacht in ihr Haus, wie sie so oft gegangen waren. -- --
In den Tagen, die da folgten, sah Angela Freydag ihren Gefährten nicht anders als in den späten Abendstunden. Das Urteil im Scheidungsverfahren war gesprochen. Die Familien Vanderwelt und Beckenried hatten sich für immer voneinander gelöst. Juliane behielt den Sohn unter Verzichtleistung auf jeden geldlichen Anspruch an ein Beckenriedsches Erbe. Die Lebenssorge für Tochter und Enkel war auf Kornelius Vanderwelt übergegangen.
Kornelius Vanderwelt zog den Schlußstrich. Kein Mensch gewahrte eine Unruhe an ihm. In diesen Tagen, die ihm die Verkleinerung seines Geschäftsumfanges, die Belastung der gebliebenen Kräfte, den Verlust seines Wohnhauses brachten, wuchs er so still und stark über sich selbst empor, daß Angela Freydags Liebe mit ehrfürchtigen Augen ihm folgte. Aber ihre Augen sahen auch, daß er stumm die Kräfte bis zum letzten spannte, und es flackerte oft in ihnen auf wie wilder Brand.
In später Nacht saß sie und wartete. Sie wartete auf Kornelius Vanderwelt, der noch nicht von der Wohnungssuche heimgekehrt war. Und sie wußte, daß er sich als letztes die ›Fünf Erdteile‹ aufgespart hatte, die Zimmer, die über der Gastwirtschaft lagen.
Wie sauer ihm der Gang sein wird, dachte sie finster, und sie hätte aufspringen und zu ihm laufen mögen, um die Arme um seinen Hals zu schlingen.
Sie schritt ans Fenster und horchte hinaus. Und von einer Unrast getrieben, durchmaß sie das Zimmer hin und her.
Du bist stärker geworden, Angela, glitt es ihr durch den Sinn. Deine Glieder schwellen an Kraft. Könntest du sie doch zum Lastentragen gebrauchen, um seine überbürdeten Schultern zu erleichtern.
Und wieder war sie am Fenster. Das eiserne Tor hatte geklirrt. Männerschritte kamen schlurfend durch den Garten.
Mit einem Sprunge war sie an der Haustür. Das elektrische Licht blitzte auf unter ihrer suchenden Hand. Sie öffnete die Tür und sprach leise hinaus.
Da stand die vierschrötige Gestalt des Matthes und an ihn gelehnt die hohe, jetzt vornübergebeugte Gestalt Kornelius Vanderwelts. Angela Freydag griff ohne zu zaudern zu. Von ihrem Arm umschlungen, tat Kornelius Vanderwelt die letzten Schritte ins Haus, die wenigen Schritte über die Diele in sein Arbeitszimmer.
»Tun Sie ihm nix,« sagte der Matthes grimmig. »Vom Trinken kommt dat nich.«
»Gehen Sie.«
Kornelius Vanderwelt saß in einem Sessel, das totenbleiche Antlitz hintenüber ins Polster gereckt, als suche er Luft. Mit fliegenden Fingern befreite ihn Angela Freydag von dem Druck des Kragens.
»Sie tun schon besser, mich nich fortzuschicken,« knurrte der Matthes. »Allein werden Sie nich fertig, Madam.«
»Ziehen Sie ihm die Stiefel aus. Vorsichtig. Und nun wollen wir ihn in sein Schlafzimmer bringen. Stieren Sie mich nicht an. Ich habe Kräfte genug, ihn allein zu tragen. Aber da Sie einmal da sind -- wir tragen ihn im Sessel hinauf.«
Alle Sehnen spannte sie an. Die Zähne gruben sich ihr in die blutenden Lippen, und es gelang. »Warten Sie unten auf mich.« Und als der Matthes auf Zehenspitzen hinaus war, entkleidete sie den Erschöpften und bettete ihn.
Wieder war sie unten, und der Matthes berichtete flüsternd: »Ich sah et schon, wie er in die Wirtschaft trat und mich in et Nebenzimmer rief. Fieberheiß. Un et Sprechen wurd' ihm nich nur schwer, weil et seinen Stolz so verdammt mitnahm. Ich sollt' ihm die Gastzimmer für eine Wohnung ausräumen, bis er Besseres hätt', un als wir mit Handschlag abgeschlossen hatten, fiel er gegen die Wand. Ich hab' ihn die paar Schritte hergebracht, damit et nich hieß, der Herr Kornelius Vanderwelt wär' in der Wirtschaft liegen geblieben.«
»Ich danke Ihnen. Und nun holen Sie den Arzt.«
»Alte Kameradschaft, Madam, und den Arzt bring' ich sofort.«
Wieder huschte sie die Treppen hinauf, und der Erschöpfte öffnete die Augen, als sie sich über ihn beugte.
»Hab' ich dir -- einen argen Schrecken -- eingeflößt, Engel?«
»Sprich jetzt nicht. Der Arzt wird gleich hier sein.«
»Der Arzt? Was soll denn der hier? Ich muß nur einmal ausschlafen.«
»Schlaf, Kornelius.«
Er schloß die Augen unter ihrer kühlen Hand. Aber der Atem kämpfte schwer in der Brust. Und sie horchte auf den Atem und horchte hinaus auf die Straße. Bis der Matthes mit dem Arzte kam und die Haustür öffnete.
Sie ließ den Arzt in das Zimmer, und der Kranke redete aus seinen Fieberträumen heraus. Der Name Engel kehrte immer wieder. In immer neuen Bildern, in immer neuen Beteuerungen.
»Spricht er immer so viel?« fragte der Arzt und trat näher.
Der Kranke hob horchend den Kopf. Die fremde Stimme hatte ihn sofort geweckt.
»Waren Sie noch nie verliebt, Doktor? Nie verliebt? Goethesche Gedichte möchte man hersagen -- und sie fallen einem nicht ein. Ach was! Sie wagen sich nicht hervor. Nicht hervor vor dem einen Namen. Dem einen -- Namen ...!«
Der Arzt prüfte den Puls. Er behorchte das Herz und maß das Fieber. Der Kranke lächelte über ihn hinweg seine Pflegerin an. Als wären sie ganz allein.
»Sie müssen Ihre Kräfte schonen, Herr Vanderwelt,« gebot der Arzt. »Was Ihnen not tut, ist Ruhe. Nichts als Ruhe, damit sich die Erschöpfung der Nerven verliert. Das Fieber beruht auf einer Erkältung, die Sie sich wohl durch eine Unachtsamkeit zugezogen haben. Nehmen Sie heute und morgen ein Schlafmittel, und in zwei Tagen ist alles überstanden.«
Er ging, und der Matthes war auch gegangen, und das Schlafmittel war zurückgeblieben.
»Laß den Doktor -- nicht mehr -- zu mir herein, Engel. -- Du bist mein Arzt -- meine Ruhe -- mein -- alles.« --
Sie bettete sein Haupt in die Kissen, aber er verlangte wortlos nach ihrem Arm, und sie bettete sein Haupt in ihren Arm und wartete, bis er vor Erschöpfung entschlummert war.
Am Morgen erst schlug er die Augen auf. Sie glänzten fiebrig wie in der Nacht. Aber sein Bewußtsein war rege.
»Bist du nicht zu Bett gewesen, Engel?«
»Mein Kopf lag auf deinem Kissen, Kornelius. Wir schliefen beide fest.«
»Willst du mir zu trinken geben, Engel? Ich fühle mich viel wohler und danke dir.«
Sie hatte den Tee schon bereitet und gab ihm zu trinken. Er wunderte sich über nichts. Er lachte sie nur an.
»Wie schön das ist, müde zu sein und nichts zu spüren als dich. Ewig möchte ich so müde sein, Engel.«
Im Laufe des Vormittags fuhr er auf und blickte verwundert umher.
»Ich war wieder eingeschlafen, Engel. Und auf einmal rüttelte mich die Angst auf, ich hätte deine Anwesenheit verschlafen. Kannst du mir die Stirn abtrocknen, Engel? Ich ertrinke.«
Sie trocknete ihm die Stirn und trocknete ihm die Brust. Und unablässig sprach er.
»Wie kann das nur sein, Engel? Tausendmal hab' ich mir gesagt: tiefer hinein und höher hinauf geht die Liebe nicht. Und nun mein' ich: erst in dieser Stunde gehörtest du mir ganz.«
»Sollen wir einst sagen, Kornelius: vor zwanzig Jahren haben wir uns über alles geliebt, während wir uns heute nur noch -- ›liebhaben‹? Wir, Kornelius? Wir folgen einer anderen Bahn als die Herzschwachen.«
»Die Herzschwachen,« wiederholte er. »Weißt du noch, wie ich dich meine Herzbrust taufte?«
»Ich weiß alles und jedes, Kornelius, und werde nie einen Laut vergessen.«
Am Nachmittage wurde er unruhiger. Er hatte den Schritt des Arztes gehört und wehrte ab.
»Mir zuliebe, Kornelius,« bat sie.
»Dir zuliebe. Dann mag er jede Stunde kommen.«
»Es bleibt nichts als die Ruhe,« sagte der Arzt, als er die Untersuchung beendet hatte. »Er muß seine Kräfte aus dem Schlafe zurückgewinnen.«
»Weiß das Kontor, daß ich unpäßlich bin, Engel?« fragte Kornelius Vanderwelt, als der Arzt sich verabschiedet hatte. »Bitte, ruf den Thomas an. Aber ich will mit dir allein bleiben.«
»Ich habe ihm dein Fernbleiben heute morgen schon gemeldet, Kornelius. Und wir bleiben allein.«
»Dann ist alles gut.«
Er schloß die Augen. Aufs neue trug ihn die Erschöpfung in den Dämmerzustand hinüber und hielt ihn zwischen Schlaf und Traum die halbe Nacht hindurch. Angela Freydag saß an seinem Bette, den Blick fest auf seine Züge gerichtet, jede Sekunde bereit, zu helfen, zu lindern, Leib und Seele aufzurichten. So still war es, daß sich das Ticken der Taschenuhr schmerzhaft in ihr Hirn bohrte.
Plötzlich lachte der Kranke gellend aus der Wirrnis der Träume auf.
»Hahaha! Ich sterbe? Wahrhaftig? Das Leben ist aus? Soviel Sorge um die kurze Spanne? Ist das alles?«
Sie drückte hastig ihre Lippen auf seinen Mund, und er erwachte.
»Bin ich nicht tot, Engel? Ach, du, ich bäumte mich auf gegen den Wahnsinn: zu leben, um sterben zu müssen.«
Sie strich über seine Augen, über seine Wangen.
»Für uns gibt es keinen Tod, Kornelius. Für uns gibt es nur ein Beisammensein.«
Er griff nach ihren Gelenken und zog sich in den Kissen hinauf.
»Tod, Engel ... Du läßt mich nicht, und ich lasse dich nicht. Nicht hier und nicht dort ...! Tod ... Denke dir, er käme und nähme den einen oder den anderen hinweg. Und dann wäre ein sonnenschöner Tag, oder ein Erfolg, ein Ruhm, und man möchte hinlaufen und ihn dem anderen bringen und stutzt und erstarrt: Der andere -- der andere lebt ja nicht mehr! Engel!«
Sie wiegte ihn an ihrer Brust und hörte sein Herz dahinjagen, als hörte sie den Hufschlag hinjagender Pferde.
»Ich habe dich und ich halte dich und gebe dich nicht her, Kornelius. Und jetzt sprich von allen deinen Fröhlichkeiten.«
»Von meinen Fröhlichkeiten ...« murmelte er. »Dann muß ich von dir sprechen.«
»Erzähl' aus deiner Jugend, von deinen Meerfahrten, von schönen, fremden Frauen.«
»Du nennst sie richtig, Engel. Schön waren sie, aber fremd. Du kennst ihren Körper, wie du eine tickende Uhr kennst. Und sie tickt wirr in die deine hinein und läuft vor oder nach, und du bringst sie nicht mit der deinen auf den gleichen Schlag, weil dir das Uhrwerk fremd geblieben ist und du den Wert nicht prüfen kannst. Nein, ich will nicht schmähen. Es waren lustige Liebchen darunter, wie die Jugend sie sich wünscht oder der Mannesübermut. Ja, du, der Mannesübermut. Du hast ihn ja erfahren. Als er dich auf der Landstraße stellte. Sie waren mir lieb, die schönen, fremden Frauen. Waren! Waren!« Seine Erregtheit suchte nach einem wegwerfenden Wort. »Der Teufel hole sie.«
Und sie sprach in seine flackernden Augen hinein, um ihm das Lachen und die Beruhigung zu bringen: »Hör', du, Kornelius -- mich auch?«
Und seine Erregung ging in ein wildes Lachen über.
»Du, Engel! Ach, du! Du willst mich beleidigen. Und wenn der Vater im Himmel nach seinen Erzengeln riefe: ›Holt sie mir!‹ Vorspringen würd' ich, die Erzengel bei den Flügeln packen und gegeneinander klatschen.«
»Recht so, recht so!« rief sie ihm zu, fröhlich, ihn fröhlich zu sehen. »Daß der Kornelius sich im Himmel herumtreibt, ist eine Selbstverständlichkeit!«
»Also gut denn, Engel. Wenn der Urian in der Hölle seinen Teufeln zurufen sollte: ›Holt sie mir!‹ Vorspringen würd' ich, sie anschreien: ›Brennt mich zu Weißglut! Mich, mich! Aber noch ein Mal zu meiner Wölfin! Noch ein Mal zu meinem Engel!‹« Seine Gedanken verwirrten sich. Er rang nach dem Faden, der ihm entflattern wollte. »Noch ein Mal -- ein -- ein Mal -- -- ~Engel~!«
Aus den Kissen hochgeworfen, den Brustkasten vorgereckt, preßte er den letzten Atem mit wilder Macht in dies eine Wort.
Mit beiden Armen hielt sie ihn. Seine Hände griffen, haltsuchend, in ihr Gewand. Ihre Brust drängte sich ihm entgegen.
»Kornelius! Kornelius! Ich dank' dir ...«
Seine Augen tranken sie in sich hinein. Und von einem jähen Blitz gefällt, stürzte er an sie, in ihre Arme, an ihre Brust.
Starr stand sie über ihn gebeugt, ungläubig, daß ihr heißer Blick nicht mehr imstande sein sollte, das Licht seiner Augen neu zu entfachen. Und dann warf sie sich über ihn und küßte ihn, als müßte der letzte Hauch seines Atems ihr Eigentum bleiben.
»Geliebter -- Geliebter -- -- Geliebter -- -- --!«
10
Mit übernächtigen Augen und wirrem Haar, wie er aus dem Schlafe aufgefahren und in die Kleider gehastet war, stand Thomas Vanderwelt vor Angela Freydag. Die erste, fahle Morgendämmerung war mit ihm ins Haus gekommen.
»Sie haben mich angerufen, Frau Engel. Was ist mit dem Vater?«
Seine Stimme kämpfte mit der Atemnot, und seine Augen waren voll Schrecken.
»Ihr Vater, Thomas -- Ihr Vater -- ist heimgegangen -- --«
Er packte sie bei den Armen. Als ob er sie wachrütteln, als ob er selbst einen Halt suchen wollte. Sein Gesicht stand dicht vor dem ihren.
»Was heißt das -- heimgegangen --?«
»In das Land seiner Vergangenheit -- in das Land seiner Vorfahren, seiner Lieblingsträume. Thomas! Thomas! Er ist tot!«
Der Sohn fiel gegen ihre Schulter. Sie stemmte sich fest auf ihre Füße und trug die Last. Und dachte: es ist Kornelius Vanderwelts Erbe, und du mußt es in seinem Sinne zu wahren suchen.
»Tu die Augen auf, Thomas, du mußt deiner Herr werden. Kornelius Vanderwelt hat einen Sohn hinterlassen, und das bist du.«
Ein Zittern durchlief seinen Körper. Wie ein krampfhaftes Weinen, das alle Tore verschlossen findet.
»Und das bist du,« wiederholte Angela Freydag und mühte sich in eine Ruhe hinein. »Laß den Vater nicht warten.«
»Ich?« fragte er zurück und wunderte sich nicht über das Du, das sie ihm geboten hatte. »Ich? Ein sauberer Erbe, Engel. Ein verwahrloster Abkömmling. Eine Drohne, wie alle seine Kinder, Engel, Drohnen, die ihm die Blüten leersogen, bevor sie Frucht ansetzen konnten. Und ich sein Erbe!«
»Es kommt nicht darauf an, Thomas, wie und was du warst, sondern ob du ein Erbe sein wirst!«
»Nein, ich bin kein Erbe. Nein, ich bin kein Erbe,« wiederholte er in gleichmäßigem Tone. »Ich war es einmal, als ich sein Kind war. Sein geliebtes Kind, wie wir alle. Das ist lange her. Das ist so lange her, wie ich Antoniens Mann wurde. Habe ich ›Mann‹ gesagt? Der Tote mög' es mir verzeihen. Ihr Aushängeschild, ihr durchlöchertes, ausgehöhltes, von meinem Spott überkleistertes. Und ich hatte doch auch den Namen geerbt, den Namen Vanderwelt, und ließ ihn von Affen- und Narrenhänden durchlöchern und aushöhlen. Ich, ich, der Erbe.«
»Wenn des Vaters Geist noch im Hause weilt,« sagte Angela Freydag und schloß die Augen, um den aufquellenden Schmerz um ihren Toten zu bändigen, »so wird ihm die Einkehr des Sohnes ein Trost im Ausgang sein.«
»Einkehr? Halte ich Einkehr, Engel? Ich bringe Schmutztapfen ins Haus, und in dieser Abschiedsstunde sehe ich sie mit einer Deutlichkeit, wie ich sie noch nie gesehen habe. Das ist alles.«
»Nein, das ist der Anfang.«
»Es ist das Ende. Auch das Ende hat einen Anfang. Und der Anfang liegt in den Schmutztapfen, die jetzt so sichtbar werden, weil der Schatten des Vaters sie nicht mehr verdeckt.«
»Es soll wahr sein, Thomas,« sagte die Frau. »Des Vaters Licht leuchtet nicht mehr und wirft auch keine verhüllenden Schatten mehr. Nimm die Erbschaft an dieser Stelle auf. Laß sein Licht das deine entzünden und zu einer Flamme anfachen, in deren Schatten das Vergangene verdunkelt wird, abstirbt und vergeht. Und nun komm zu ihm.«
»Es ist ja alles zu spät,« murmelte Thomas Vanderwelt und folgte ihr dennoch.