Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Part 20

Chapter 203,750 wordsPublic domain

Kornelius Vanderwelt war jetzt viel zu Hause. Die wenigen laufenden Geschäfte zu erledigen, hielt nicht schwer, und an den Wiederaufbau wollte er erst herangehen, wenn die Abrechnungen mit den Beckenrieds vollzogen und die Herren ausgeschieden wären. Die Anspannung seiner ganzen Willenskraft gehörte dazu, den Anblick der wehleidigen Geldanbeter zu ertragen, und seine vollblütige Natur litt stärker, als er selber es wußte, in den Geschäftsstunden, in denen er den Vortrag des älteren Beckenried entgegenzunehmen hatte.

Er wandte sich um, als Angela Freydag die Knaben ins Zimmer ließ. Die heißen Augen unter den graugewordenen Brauen funkelten sie an. Diese Augen waren der Enkel Erschauern und Stolz.

»Untertertianer, Großvater,« meldeten sie und standen stramm.

»Ihr macht wohl Witze? Quintaner, meint ihr! Also dann Quartaner! Ihr tut's nicht anders? Ihr bleibt dabei? Untertertianer? Mein Gott, seid ihr über Nacht eine Handbreit gewachsen oder beginne ich in die Grube zu sinken?«

»Wir sind gewachsen, Großvater. Du sinkst noch lange nicht.«

»Nein, solange ihr wachst, kann ich nicht sinken. Enkel und Großvater in eins bilden erst das geheimnisvolle Ganze. Die eigenen Kinder stehen einem zeitlich zu nahe und bilden nur die Übergangsform.«

Er setzte sich in seinen Arbeitsstuhl und ließ die Beförderten antreten. Rechts und links seiner Knie hielt er einen Jungen im Arm, und seine Augen wanderten prüfend von einem zum anderen.

»Sag' mal deine Zeugnisnoten her, Martin.«

»Deutsch, Geschichte, Erdkunde sehr gut, fremde Sprachen gut, Mathematik mangelhaft.«

»Und du, Nikolaus.«

»Deutsch, Geschichte, Erdkunde sehr gut, fremde Sprachen gut, Mathematik mangelhaft.«

»Schreibt ihr voneinander ab?«

»Nur in der Mathematik, Großvater.«

»Null plus Null gibt wiederum Null. Also würde ich's lassen und die Zeit nutzbringender anwenden. Euer Lehrer kann wohl selber keine Mathematik?«

»Er kann ~schon~, Großvater, aber er kann nicht begreifen, daß wir nicht geradesoviel können.«

Kornelius Vanderwelt lachte behaglich über sie hin.

»Freut euch, Jungens, denn wenn ihr geradesoviel könntet, würde er das wieder für unbegreiflich halten.«

So fand sie Angela Freydag. Die Jungen dicht an die Knie des Alternden gedrängt, und unter den drei Augenpaaren Kornelius Vanderwelts Augenpaar das leuchtendste.

»Komm her, Engel, und sag' mir, ohne nach der Jacke zu schielen: wer ist der Martin und wer ist der Nikolaus?«

»Ich will ihnen lieber allen beiden einen Kuß geben, weil sie die Enkel Kornelius Vanderwelts sind. Und nichts weiter.«

»Engel, kann ein Großvater nicht sein eigener Enkel sein? Ich möcht' es meinen.«

Und sie küßte sein geliebtes Gesicht mit den Augen.

»Habt ihr einen Ferienwunsch?« fragte er mit weicher Stimme. »Sagt ihn auf.«

»Im Düsseldorfer Theater werden die Klassiker gespielt, Großvater. Dürfen wir einmal hin?«

»Ich schenke jedem von euch zwanzig Reichsmark. Dafür dürft ihr das Theater besuchen, solang das Geld reicht. Wie ihr nach Düsseldorf kommt und nach Ruhrort zurück, ist eure Sache.«

»Wir laufen zu Fuß, Großvater, und nachts kriechen wir auf einen Ruhrorter Kahn, der eine Düsseldorfer Nacht macht, und kommen mit ihm zu Tal. Alle Schiffer kennen uns.«

»So habe ich mir's gedacht,« sagte Kornelius Vanderwelt, zog ihre Köpfe an seine Schläfen und schickte die Beglückten nach Hause. Er blickte ihnen nach, als blickte er seiner Jugend nach.

In den Osterfeiertagen rührte er sich nicht aus dem Hause. Besucher wurden abgewiesen, der Fernsprecher blieb abgestellt. »Erst wenn man älter wird,« meinte er zu Angela Freydag, »liebt man in den Sonn- und Festtagen die Ausruhetage. Als ich jung war, war mir der Sonntag verhaßt, weil spornstreichs der Montag folgte. Der Montag mit dem geängstigten Schülergewissen. Eigentlich fürchtet sich doch der Mensch vor irgend etwas von der Geburt bis zum Tode. Das ist sehr kläglich.«

»Du sprichst doch nicht von dir, Kornelius? Es gibt Menschen, die kein Alter besitzen. Sie sind da oder sie sind ~nicht~ da, und du gehörst zu ihnen. Und wissen möcht' ich, wann dein Wildlingsblut sich vor irgend etwas gefürchtet hätte.«

»Na, Engel, unangenehm war's mir doch, wenn der Lehrer sich vor der ganzen Klasse mühte, mich über die Bank zu ziehen. Ich hatte nun mal diese turnerischen Übungen nicht gern, und der Lehrer wußt' es und tat es doch. Da mußte er mitturnen.«

»Das war eine Abneigung, Kornelius, aber keine Furcht. Im Gegenteil: die Rauferei kam dir zuweilen gewiß nicht einmal ungelegen.«

»Wenn ich in den lateinischen Regeln nicht vorbereitet war oder in den französischen unregelmäßigen Verben. Dann ging die Zeit flotter hin.«

»Siehst du? So sah ich dich vor mir. Aber gefürchtet hat sich weder der kleine Kornelius noch der große.«

»Engel, du kannst einem den Übergang leicht machen. Ich habe verkaufen müssen, Engel.«

Sie nahm seine Hand von der Stuhllehne und legte sie zwischen ihre warmen Hände. Seine Hand war kalt, und er sollte es nicht wissen.

»Solange du ~mich~ nicht verkaufen mußt, Kornelius -- und tust du es, wie ein Wolfshund bräch' ich aus und nähm deine Witterung auf und suchte dich wieder, und wenn du dich am Ende der Welt versteckt hieltest.«

»Gegen was sollte ich dich wohl verkaufen, Engel? Gegen meiner Seele Seligkeit, wie es in den Märchenbüchern heißt? Ach, Engel, du bist ja meiner Seele Seligkeit, und mein Verstand ist noch nicht aus den Fugen. Ich habe dies Haus verkauft, in dem wir heute zum letzten Male die bunten Ostereier auf den Schüsseln sehen, und da es lächerlich wäre, in Hemdärmeln im Wagen zu sitzen oder in Frackhosen am Steuer zu stehen, so habe ich auch den Wagen verkauft und auch die Jacht auf dem Rhein, Engel.«

»Wann müssen wir unsere Siebensachen packen, Kornelius? Oder sind es keine Siebensachen mehr?«

»Ich hoffe, der künstlerische Teil der Einrichtung bleibt uns erhalten. Und wenn nicht, so bleibt mir doch das größte Kunstwerk Gottes: Du. Darum: laß fahren nur dahin. Ich habe drei Monate Zeit, um mir eine Wohnung zu suchen. Irgendwo wird sich schon ein stiller Unterschlupf für uns finden. Eine Art Flüchtlingslager, Engel, von dem aus wir den neuen Eroberungsmarsch vorbereiten.«

»Siehst du nun, daß du das Fürchten nicht kennst?«

»Vor wem sollte ich mich denn fürchten? Doch nicht vor dem lieben Wettbewerb? Es ist keiner darunter, der über meine sechs Fuß mißt. Ich bitte, meine Bescheidenheit zu beachten, mit der ich das reingeistige Gebiet außer Betracht lasse.«

Da lachte sie, und ihre Augen blitzten ihn an.

»Seit ich dich traf, Kornelius, und ich weiß heute nicht mehr, wartete ich auf der Landstraße auf dich oder kamst du dahergefahren, um mich zu holen -- jedenfalls hast du seit jenen Tagen den Begriff der Furcht von mir genommen. Überhaupt -- wir fürchten uns vielzuviel. Wir werden wahllos in der Furcht erzogen vor dem Guten und vor dem Schlechten. In der Furcht vor den Eltern. In der Furcht vor dem Herrn Lehrer. In der gleichen Furcht vor dem lieben Gott und dem bösen Teufel. Und in der ganz schrecklichen Furcht vor dem Polizeibeamten, und wenn er nur auffordert, den Schnee zu schippen.«

Seine Hand klopfte die ihre. Beifällig, wie man ein kluges Kind belohnt.

»Prachtvoll verstehst du es, unseren scharfkantigen Gesprächsgegenstand in philosophische Watte zu wickeln, Engel. Laß gut sein, Herzgeschöpf. Ob wir auch in warmer Weltweisheit ~baden~, unter den kalten Kranen müssen wir zum Schluß doch zurück, und er heißt: Verkauf.«

»Kornelius,« sagte Angela Freydag und entblößte hohnvoll die starken Zähne, »glaubst du, die Wiederholung würde mich stärker erschüttern? Oder möchtest du, daß wir doch noch das Gruseln lernten und uns jammernd um den Hals fielen? Du willst mich auf die Probe stellen, ich merk' es wohl, und ich frage mich nur: durch welches Vergehen habe ich das verdient? Verkaufen? Wiedererobern wollen wir! Wiedererobern! Wir wollen jung bleiben und nicht altern. ~Das~ ist der Wille.«

Kornelius Vanderwelt legte ihr den Arm um die Schulter. Eine Weile saßen sie schweigend beieinander. Und dann sagte Kornelius Vanderwelt: »Es ist wie bei einem Zahnradgestänge. So sicher setzt es ein. An dem Punkte, an dem Männer ermüden, erwachen die Frauen.«

»Du bist ja so wach wie ich, Kornelius. Und unsere Wachheit wollen wir benutzen, den Dingen in die Augen zu sehen. Zähl' auf, was du verkaufen mußt oder verkaufen willst, und mit jedem ausgesprochenen Wort sackt das aufgeblasene Gespenst in sich zusammen.«

»Dann wäre es schon einfacher, Engel, ich zählte auf, was ich nicht verkaufen muß. Als Hauptbestand: zwei Frachtkähne, die ich vor Jahren von windigen Schiffern übernehmen mußte. Sie sind von Fahrt zu Fahrt vermietet. Verheuert, wie es in der Schiffersprache heißt. Wenn es mal ganz schlecht geht, stellen wir beide uns ans Steuer und gehen selber auf Fahrt.«

»Ja, Kornelius. Und was bleibt außer dem Hauptbestand?«

»Ich hätte es gar nicht ›Hauptbestand‹ nennen sollen. Aber das Vanderweltsche Blut hat leicht etwas Großartiges, und wenn es sich um Kohlenkähne handelt. Im Geiste sah ich uns schon an Bord schreiten und die Hausflagge setzen und majestätisch von dannen gleiten bis zum fernen Wunderland Orplid, wo man unsere Steinkohlen für pures Gold gelten läßt.«

»Und Kornelius Vanderwelt für den Kaiser der Welt.«

»Und Angela Freydag für die Amazonenkönigin, zu der der Kaiser der Welt spricht: Ich, dein geliebter Untertan.«

»Sprich nicht weiter,« murmelte sie. »Es ist zu schön.« Und sie wühlte ihren Kopf in seine Achsel.

Kornelius Vanderwelts Hand liebkoste ihren schimmernden Scheitel. Und während er fühlte, wie eine tiefe Wärme sein ganzes Wesen erfaßte und erfüllte, dachte er: nicht ~zu~ schön, über ~alles~ schön ist es, und so schön, daß man schon deshalb sein Hab und Gut verlieren möchte, um dafür diese Trösterin zu gewinnen. Wenn es am herbsten kommt, schlägt sie das Märchenbuch der Liebe auf und liest mitten hinein ein Kapitel daraus vor. Mit jedem Verluste, der mich trifft, werde ich reicher.

»Kornelius --?«

»Engel?«

»Wie heißt es doch in der Feldherrnsprache? Getrennt marschieren und zusammen schlagen. Soll ich nicht wieder auf Konzertreise gehen und auch für meinen Teil Geld, viel Geld zu verdienen suchen. Und --«

Sie kam nicht weiter. Seine Augen starrten sie wie entgeistert an.

»Ist es schon so weit? Steht es schon so erbarmungswürdig um mich, daß ich die Frau auf den Hausierhandel schicken muß?«

Sie preßte ihre Lippen auf seinen Mund. So fest, daß er nicht weitersprechen konnte.

»Nein, Kornelius, ich brauch' nicht wieder fort? Ich bin dir jetzt ja noch viel nötiger. Denn wir werden allein hausen, und ich werde deine Dienerin und du wirst mein Diener sein. Schau' dir nur meine Hände an, auf die du mich immer so eitel gemacht hast. Jahre werden dazu gehören, um sie wieder gelenkig zu machen und sie wieder zu schulen, daß sie gleichzeitig gehorchen und Befehle erteilen können. Nein, Kornelius, du mußt mich schon als Kugel am Bein mit dir schleppen.«

»Du,« grollte er, »das sind Scherze, die tödlich verlaufen können.«

»Wenn wir nur dabei der Liebe in die Augen sehen! Wer von den Narren der Welt kann das sagen ...«

»Her mit deinen Augen! Her mit ihnen! Nein, mein Angela-Engel, mit einer Trennung ist es vorbei.«

An diesem Tage sprachen sie nicht mehr von zeitlichen Geschäften. Sie blieben eng beieinander, und wenn sie durch das Zimmer schreiten mußten, berührte der eine den anderen heimlich mit der Hand.

Am zweiten Ostertage rief Kornelius Vanderwelt Angela Freydag an seinen Schreibtisch.

»Daß ich es nicht vergesse, Engel. Das Gasthaus zu den ›Fünf Erdteilen‹ ist dein Eigentum. Es war in der Zeit, als ich noch glaubte, das Trinken könnte mich dein Fernsein vergessen machen. Aber ich wollte nicht beim Matthes trinken, sondern nur auf des Engels Grund und Boden. So querköpfig hat mich das Alleinsein gemacht. Und als der Matthes Geld brauchte, kaufte ich ihm Haus und Grundstück ab und ließ es im Grundbuch auf deinen Namen schreiben. Morgen wollen wir aufs Amt und deine Unterschrift nachtragen.«

»Muß das sein, Kornelius?«

»Es ist bereits gewesen, Engel. Vor einem Dutzend Jahre, als du noch in Amerika weiltest. Der Wert der Giftmischerbude ist nur ein rein begrifflicher. Für uns beide, meine ich. Von dort aus holte ich dich unter meinem Regenmantel im Triumphe ein. Ach, diese gottgesegnete Regennacht! Freilich, wird die Eckschenke einmal zugunsten eines Geschäftsgebäudes niedergelegt, so ist der günstig gelegene Platz sein Vielfaches wert.«

»Ich brauche kein Geld, Kornelius, zum Klavierunterricht langt es auch mit steifen Fingern noch.«

»Hältst du es für richtig, Engel, daß Kornelius Vanderwelts geliebte, geliebteste Frau sich nach seinem Tode in fremden Häusern herumdrückt und den Rangen die Nasen putzt? Dann können wir natürlich die Sache fallen lassen.«

Sie stand an seinem Knie, reckte überlegen den Körper hoch und spannte die Hände um die Hüften.

»Jetzt versucht es der große Räuberhauptmann, sein Opfer bei der Ehre zu fassen. Ich habe zwar nicht die Großartigkeit des Vanderweltschen Blutes, aber ich habe es ungezählte Jahre an meinem Herzen gefühlt und bin dadurch für die übrige Welt in Grund und Boden verdorben. Für die Kleinen und für die Großen in den fremden Häusern, du! Hörst du wohl?« Und sie griff ihm mit beiden Händen in sein Haar. »Hörst du es wohl, Kornelius? Auch ohne daß du den Tod heraufbeschwörst, tue ich, was du von mir verlangst. Und wenn ich die Wirtin in den ›Fünf Erdteilen‹ spielen soll, so tue ich das auch für dich. Für dich. Und damit hört es auf.«

»Ich spiele nicht mit dem Todesgedanken,« erwiderte ihr Kornelius Vanderwelt. »Man bestellt sein Haus gegen Diebstahl, Brand und Sterben, nur darf vom Sterben nicht gesprochen werden. Denn das ist unzart und bringt das Gefühl des Hörers in Verlegenheiten. Zum Teufel mit der falschen Rücksichtnahme. Der Überlebende muß wissen, wie er aus den Verlegenheiten herauskommt, um im Geist mit dem Verstorbenen vereint zu bleiben. Und wenn auch die ›Fünf Erdteile‹ in ihrer augenblicklichen Verfassung nicht mehr als einen Erinnerungswert darstellen, niedergelegt und mitsamt dem Wirtschaftshof für ein hochherrschaftliches Kohlen- oder Eisenkontor freigelegt, und der Kaufschilling trägt eine Rente, die wenigstens vor dem Verhungern und dem Mitleid der Menschen schützt. Mehr verlange ich nicht.«

»Ach, großer Hexenmeister, ich bin dir ja schon zu Willen.«

Wie wenig Worte die beiden Menschen brauchten, um sich die veränderten Lebensverhältnisse nahezubringen. Es war -- und war nicht anders. Darum lag an der Würde der Anpassung mehr als an jedem Wort.

Die weiße Motorjacht war in den Besitz eines Düsseldorfer Sportsmannes übergegangen und hatte bereits den Heimathafen gewechselt. Den Wagen hatte ein Kölner Autohaus übernommen und nun auch schon abgeholt. Der Fahrer Wilm stand vor seinem Herrn.

»Wilm,« sagte Kornelius Vanderwelt, »zuerst mal Ihre Hand. Keinem hab' ich so vertraut wie Ihnen. Keiner war es so wert. Mit Ihnen stirbt einmal ein ganzes Geschlecht aus. Das Geschlecht der Schweigenden. Und dann besteht das Leben nur noch aus dem Allgemeinheitsbrei. Haben Sie noch einen Wunsch, Wilm?«

»Jawohl, Herr Vanderwelt. Wieder bei Ihnen angestellt zu werden, wenn der Wind beidreht.«

»Und bis dahin --?«

»Bis dahin möchte ich Ihre beiden Frachtkähne heuern, Herr Vanderwelt, wenn's erschwinglich ist.«

»Haben Sie denn eine Schifferprüfung gemacht, Wilm? Man läßt nicht einen jeden auf dem Rheine gondeln.«

»Schon vor zwanzig Jahren, Herr Vanderwelt. Mein Vater war Partikülier. Sein Kahn liegt im Binger Loch. Es kann höchstenfalls eine Nachprüfung verlangt werden. Die erledige ich im Schlaf.«

»Melden Sie sich morgen zur Nachprüfung. Die Kähne können Sie sofort übernehmen. Glückauf!«

»Glückauf, Herr Vanderwelt. Und ich dank' auch für all Ihr Vertrauen.«

Und nun wurde auch der stille schöne Vanderweltsche Besitz in der Rheinallee zugunsten des Bankhauses aufgelassen. Kornelius Vanderwelt war in den Räumen, die die Marke seines Lebens trugen, nur noch ein Geduldeter. Man hatte ihm die Wohnerlaubnis gelassen bis zur Ermittlung einer anderen, seinen Wünschen entsprechenden Wohnung. Aber er fühlte sich nicht mehr wohl in den Räumen, die einem fremden Herrn unterstanden, und die Dienstboten waren bis auf ein Mädchen entlassen. Weniger noch zog ihn das Geschäftskontor an. In zwei, drei Wochen sollte an Gerichtsstelle die Scheidung der Ehe Klaus Beckenrieds von Juliane, geborenen Vanderwelt, ausgesprochen werden. Mit diesem Tage würden Vater und Sohn Beckenried endgültig das Geschäft verlassen.

»Wo bist du, Engel? Was tust du jetzt den ganzen Tag in der Küche?«

»Ich koche.«

»Ich hätt' es mir eigentlich denken können. Nicht etwa, weil man in der Küche kein Klavier zu spielen pflegt, sondern weil sich unsere Mahlzeiten überraschend verbessert haben. Dein tiefer Knicks soll mich wohl ausspotten? Spotte du nur, aber koche so weiter.«

Es war ein Maientag voll Sonnengold und weicher, schmeichelnder Wärme. Über die Wasser des Rheins lief ein Glitzern, als hätte eine Frauenhand darüber hingestrichen und die Wasser erbebten vor ihrem eigenen Glanz. Kornelius Vanderwelt kam vom Hafen herauf und trat zu ungewohnter Stunde in sein Haus.

Er traf auf eine kräftige Frauengestalt im weißen Schürzenkleid, das Haupt zum Schutz der Flechtenkrone mit einem weißen Handtuch turbanartig umwunden. Auf einer Leiter stand sie in seinem Arbeitszimmer und stäubte hurtig die Bilderrahmen.

»Laß dich zu mir nieder, Engel. Auf der Wolke, die dich umschwebt. In vielerlei Gestalten erscheinst du dem Heimatsuchenden, wie Pallas Athene dem vielgewanderten Odysseus. Spring mir an den Hals.«

»Die Leiter könnte brechen ...«

»Spring!«

Da sprang sie, und er fing die Atemlose auf.

»Was ist heute für ein Tag, Engel?«

»Ein Sonntag. Weil du so früh heimkommst, weil du so fröhlich bist und weil die Sonne scheint.«

»Ein Sonntagskind ist nur der Mann allein, der ein gutes Weib besitzt. Ich besitze viel mehr. Ich muß also schon eine Art Maiensonntagskind sein. Und das wollen wir feiern.«

»Warte, ich streife nur Turban und Schürzenkleid ab und feiere mit.«

»Pack' deinen kleinen Koffer, Engel. Wir fahren nach Orplid.«

»Ich fahre mit, wohin du willst, und es sollte mich nicht wundern, wenn der liebe Gott selber den Himmel aufhielt.«

»Er tut's, Engel. Wie ich ihn kenne, tut er's. Und ein Gesangverein wird auch zur Stelle sein und ihn ansingen, so daß wir beide uns mäuschenstill halten dürfen. Kannst du in einer Stunde reisefertig sein?«

»In einer halben, in einer Viertelstunde! Ich bin immer reisefertig, wenn's mit ~dir~ geht!«

»Keine Kurkonzertgewänder, Engel. Der Wilm spielt nur die Harmonika, und wir tanzen auf den geteerten Planken. Pack' Wäsche, ein paar derbe Kleiderröcke und dein Ölzeug ein. Wir machen auf dem Frachtkahn eine Maienreise zum Oberrhein!«

Sie gurgelte einen Ton der Freude hervor und hing an seinem Hals.

»Kannst du denn abkommen in dieser Übergabezeit? Wird es dir nicht schaden?«

»Eine Woche Ferien? Ferien mit dem Engel? Mit dem Engel auf dem Rhein, Wasser unter sich, Himmel über sich, wandelnde Ufer um uns her? Und wir auf dem Rücken liegend, alle viere streckend, nichts, nichts als in Sonne blinzelnd? Das soll mir schaden, Engel? Und ob ich abkommen kann? Wann werde ich in absehbarer Zeit abkommen können, wenn die Beckenrieds mich erst verlassen haben? Denn wenn mir ihre Philistergesichter auch auf den Tod verhaßt sind, verläßliche Arbeiter waren sie jederzeit. Fort damit, fort, fort! Ferien, Engel, Ferien! Ja, willst du denn wirklich zu Hause bleiben?«

Sie rüttelte und schüttelte ihn an den Schultern, ließ ihn los und rannte die Treppen hinauf.

»Bleib unten,« rief sie über das Geländer zurück. »Ich packe deine Handkoffer mit!«

Und die nüchternen Worte klangen durch das Haus wie eine Liedstrophe.

Jetzt klingelte es an der Haustür. Der Schiffsjunge erschien und forderte die Gepäckstücke, die er sich an einem handbreiten Riemen um den Hals hängte. Er trottete vorauf, und Kornelius Vanderwelt folgte ihm mit Angela Freydag bis zum Hafendamm, wo sie ein Boot nahmen und zu dem harrenden Schlepperzug übersetzten.

»Welcher Kahn ist der unsere, Kornelius?« fragte sie, und ihre Wangen glühten wie Mädchenwangen.

»Der Schleppzug ist von mir zusammengestellt. Daraus folgt, du große Rechenkünstlerin, daß der letzte Kahn der unsere ist und wir von unserem Achterdeckplatz nichts als die schäumende Kielspur sehen. Wir sind dort sozusagen ganz allein auf der Welt.«

Der Wilm empfing sie. Seine ausgestreckte Hand half ihnen an Bord. Er trug die blaue Schiffermütze und hatte sich einen Silberring ins Ohr gekniffen, um nicht als Neuling genommen zu werden. Sein Mund schwieg, wie er immer geschwiegen hatte, aber seine Augen strahlten vor Freude, als Hauswirt auftreten zu dürfen.

Die Kajüte war durch einen Wandschirm in zwei Hälften geteilt. Die Lederbank links und rechts diente in der Nacht als Bettgestell. Der Wilm schlief mit dem Mann, mit dem er das Ruder teilte, und dem Jungen in den Hängematten des Matrosenverschlags. Aus der kleinen Küche quoll der Duft von frischer Suppe.

Die Leute mußten an ihre Plätze zurück. Der Schleppdampfer gab mit der Sirene ein Zeichen. Ein Zittern lief durch Rippen und Bohlen des tief beladenen Kahns. Ein Seufzen und Abschiedsstöhnen, und nun gab der Wilm das Ruder frei, die Stahltrossen zogen klirrend an, und der Kahn folgte als letzter in der Reihe und schwenkte in den Strom.

»Leg' dich nieder, Engel. Platt hin auf die dicken Decken. Halt, erst die alte Öljacke an. Eitelkeiten gibt's hier nicht, denn der Kaminruß und der Kohlenstaub machen selbst aus der allerzartesten Prinzessin hier eine Mulattin. Ach, Engel, es gibt auch sehr liebenswerte Mulattinnen. Doch darüber später, wenn erst die Mütze auf dem Kopf festgesteckt ist und dir der gerollte Mantel bequem im Nacken liegt. Hat die Prinzessin noch weitere Wünsche?«

»Ich hätte schon noch einen ... Aber ich weiß nicht, ob er sehr prinzessinnenhaft ist.«

»Vielleicht können wir uns einen Kuß geben, wenn wir uns die Pfeifen anzünden, Engel.«

»Das ist wahr. Die Pfeifen stecken im Handkoffer. Ich werde sie holen.«

»Liegen bleiben! Nicht Hand und nicht Fuß rühren! Oder du kullerst über Bord!«

Er ging mit dem wiegenden Schritt, der das Gleichgewicht sucht, über das geschrägte Deck und tauchte in die Kajüte hinein. Wenige Minuten, und er kehrte mit den in Brand gesetzten Pfeifen zurück und kniete neben Angela hin. »Heb mal dein Mäulchen, Engel.« Und sie hob es ihm entgegen. Und als er sich über sie beugte, um ihr die Pfeife zwischen die Lippen zu schieben, blieb sein Mund auf ihren Lippen haften ...

»Es sind bald zwanzig Jahre, Engel, daß wir uns kennen,« überlegte er, als er neben ihr auf der Decke hingestreckt lag und den blauen Rauch gen Himmel blies. »Das wäre ja weiter nicht verwunderlich. Aber daß uns auch heute noch jede List und Tücke recht ist, um uns um den Hals zu fallen, das gibt zu denken.«

»Also denken wir nach, Kornelius,« sagte sie und blies wie er den blauen Rauch gegen den Himmel.

Sie dachten nach und sprachen nicht, und nur die Hände, die sich auf der Segeltuchdecke begegneten, hatten sich unermeßlich viel zu sagen.

Kaiserswerth mit der Burg Pippins -- Düsseldorf mit dem Turm der heißblütigen Jakobe von Baden -- Zons mit Mauern und Warten und mittelalterlichen Toren -- es zog vorbei, wie Wandelbilder sich entrollen. Und wo eine Lücke war, wuchs ein hämmerndes, ratterndes, feuerfauchendes Werk, wuchsen die himmelhohen Kamine wie ein Mastenwald im Hafen.

Einmal erschien der Schiffsjunge und meldete, daß die Suppe fertig sei.

»Bring einen Napf voll her und zwei Teller. Halt, warte, ich werde dich das erstemal begleiten und dir zeigen, wie man einen Napf trägt, ohne mit dem Daumen hineinzufahren.«

Angela Freydags glückliches Lachen flog hinter ihm her.