Kornelius Vanderwelts Gefährtin
Part 19
Eine schöne und lehrreiche Erbauungsstunde hatte der Spötter Thomas ihr Zusammensein genannt. Das Wort blieb in Angela Freydag hängen und fand den Weg zum abwägenden Verstand. Eine Erbauungsstunde? Das war mitsamt dem Schmuckwort ›schön‹ auf Rechnung der armen Selbstverspottung zu setzen. Aber lehrreich -- lehrreich war sie auch für Angela Freydag gewesen, und ihre Menschenverachtung konnte nur dabei gewinnen. Da lebten zwei junge Menschen in der nackten Oberflächlichkeit einer Ehe, wie sie die neue Zeit zu Hunderten hatte ins Kraut schießen lassen, einer Ehe, die nur soweit Gemeinsamkeit war, als sich die beiderseitigen Naturtriebe in ihr berührten und im übrigen beiden Teilen Wege offen ließ, die weder hell noch staubfrei gehalten waren. Aber es war eine Ehe. Sie gab zu reden und offen und heimlich zu tuscheln, aber solange beide Teile mit ihr zufrieden waren, nahm auch die Umwelt keine Veranlassung, sie abzulehnen. Und es lebten da zwei reife Menschen, deren innerste Verbundenheit keine Lücke zuließ und die doch nicht zur Ehe gelangt waren aus einer selbstlosen und opferwilligen Rücksicht auf Kinder und Enkelkinder. Trotz ihrer adligen Gesinnung, trotz ihrer Verdienste um die Allgemeinheit -- die Umwelt kam ungerufen und legte kopfschüttelnd ihr zusammengeflicktes Maßband an.
Ja, diese Erbauungsstunde war für die Gefährtin Kornelius Vanderwelts nicht weniger lehrreich gewesen. Ihre Mienen zogen sich zusammen. Sie schüttelte die Hände in der Luft.
»Du -- du! Mein Kornelius!«
Und ihre Glieder spannten sich wie zur Verteidigung und zum Angriffssprung. --
Kornelius Vanderwelt aber ging seinen Geschäften nach, als hätten sich Zeiten und Menschen nicht verändert. Nur daß er Zeiten und Menschen als so geringfügig wertete, daß er vor den Ohren Angela Freydags nicht mehr darüber sprach.
Wenn sie ihn nach dem Stand seiner Aufgaben befragte und ob sie anzögen oder nachließen, glitt er mit seiner großen Hand über ihr Gesicht. »Wir haben uns wertvollere Fragen aufzugeben, Engel. Haben wir erreicht, was wir wollten? Haben wir uns glücklich gemacht? Und alles ist gefragt und alles ist beantwortet.«
Das waren die Augenblicke, in denen Angela Freydag ein jähes Aufweinen zurückhalten mußte, ein Aufweinen der Freude über den Mann vor ihr und mit ihr.
Immer weniger sprachen sie miteinander, wenn der Wagen sie in die Wälder führte oder die Jacht sie in die nebelnden Fernen trug, die an Leuchtkraft gewannen, je dunkler es auf der Wasserbahn wurde. Aber immer enger lehnten sich ihre Schultern aneinander an, und jeder wußte vom Wünschen und Begehren des anderen und offenbarte sich ihm in der Stille.
Wenn der Rheinwind über das weiße Boot fauchte und dem Manne die Flamme des Zündholzes ausschlug, nahm ihm die Frau lächelnd die kurze Pfeife aus den Lippen, steckte sie zwischen die eigenen und brachte im Kajütenschutz den Tabak zum Brennen. Und lächelnd sah sie zu, wie er zu Ende rauchte.
»Das ist eine falsche Einteilung,« sagte er an einem Abend auf dem Wasser. »Du hast die Anstrengung und ich den Genuß. Ich habe dir auch ein Pfeiflein mitgebracht, Engel, damit dir ein gerechterer Anteil wird.« Und von Stund' an rauchten sie ihre Pfeiflein gemeinsam, wenn sie neben seinem Steuer stand, und sie gewöhnten sich an, es auch zu Hause gemeinsam zu rauchen.
»Weißt du, wann du zuletzt die Tasten des Flügels angerührt hast, Engel?« fragte Kornelius Vanderwelt nach einem schweren Arbeitstage.
Sie nickte vor sich hin, hob den Kopf und sah ihn an.
»Möchtest du, daß ich spiele?«
»Es war an dem Tage, an dem wir Justus begraben haben, Engel. Das ist jetzt schon ein volles Jahr. Ich habe keine Note vergessen, die du damals spieltest, und was du spieltest und wie du es spieltest. Das kann nicht mehr überboten werden.«
»Deshalb, Kornelius, wollte ich den Nachklang nicht mehr stören.«
»Er klingt unablässig in mir,« sagte Kornelius Vanderwelt, »und bei Tag und bei Nacht höre ich dich spielen, auch wenn du keine Taste mehr anrührst. Gib mir einmal deine Hände.«
»Meine Finger sind steif geworden, Kornelius.«
Und sie ließ sie ihm, und er streichelte jeden einzelnen ihrer Finger und legte seine Lippen darauf. Aber er bat sie nicht.
Wieder war ein Sommer zu Ende, und die Nebeltage der Adventszeit drückten auf den Rhein und auf die Gemüter der Menschen. Kornelius Vanderwelt hatte ein Bücherpaket geöffnet und machte sich mit Angela Freydag daran, die Bände zu sichten und sie zum Vorlesen zu ordnen. Mit still leuchtenden Augen waren sie bei ihrem Tun, als die Haustürglocke anschlug und das Mädchen den Besuch der beiden Herren Beckenried meldete.
»Schade, es versprach ein so anregender Abend zu werden. Nun wirst du die Schätze zunächst einmal ohne mich durchstöbern müssen, Engel.« Und er trug ihr die Bücher in das nebengelegene Musikzimmer, und sie folgte ihm.
Als er in sein Arbeitszimmer zurückkehrte, ließ er die Türe offenstehen. So konnte Angela hören, was ihm die beiden Herren vorzutragen hatten, und er brauchte es nicht zu wiederholen und den Abend noch weiter zu verkürzen.
»Lassen Sie die Herren bei mir eintreten,« gebot er dem Mädchen und sah den Besuchern entgegen.
»Guten Abend, lieber Beckenried. Guten Abend, Klaus. Ein Familienbesuch gehört mit zu den Seltenheiten in diesem Hause.«
»Wir hätten es gern bei den Seltenheiten belassen, Herr Vanderwelt,« begann der Ältere, und seine Stimme klang heiser vor Erregung, »und die Familienbeziehungen gestalten sich nachgerade zu einem -- zu einem --«
»Klaus, du hilfst wohl deinem Vater.«
Der jüngere Beckenried zitterte vor Zorn.
»Diesen überlegenen Ton, diesen ganz unangebrachten überlegenen Ton bitte ich in Zukunft zu unterlassen.«
»Ein Glück, daß du bittest, Klaus. In diesem Hause wird nämlich der Ton nur von mir bestimmt. Aber die Herren scheinen erregt, und wir wollen uns darum nicht noch aufpeitschen, sondern uns mit der Ruhe gereifter Männer besprechen. Was also steht den Herren zu Diensten?«
»Zu Diensten?« eiferte der Alte und klopfte sich gegen die Stirn. »Ja, das wollen wir von ~Ihnen~ erfahren, inwieweit Sie zu Diensten zu stehen belieben. Was ich in Ihren Diensten ein Leben lang erworben habe, fort ist es, in den Dreck geschmissen, verjubelt und vergeudet. Mein guter Name schwimmt auf einer Pfütze. Und meine Frau Schwiegertochter, diese -- diese --«
»Klaus, bist ~du~ mit Juliane verheiratet oder dein Vater?«
Der Jüngere ließ ihn kaum zu Ende reden. Seine Hände öffneten und spreizten sich.
»Frag' doch erst einmal an, was deine Tochter getan hat? Mit was sie allem ihrem bisherigen Tun die Krone aufgesetzt hat? Frag' doch erst einmal an, bevor du für das unzurechnungsfähige Geschöpf Partei ergreifst!«
»Ich ergreife durchaus nicht Partei. Wenn meine Tochter sich als unzurechnungsfähig erweist, so ist mir das gewiß ein bitteres Vaterleid. Aber ich wiederhole, wie schon so oft: sie steht als deine Frau nicht unter meiner, sondern unter deiner Obhut.«
»Obhut!« rief der Alte mit einem gellenden Lachen. »Obhut! Über eine Irrsinnige, wie?«
»Ist das auch die Ansicht des Ehegatten?« fragte Kornelius Vanderwelt hart.
»Ja, ja, und sooft du willst, ja!« schrie ihm der Jüngere ins Gesicht. »Eine Größenwahnsinnige, die keinen Schritt hinter den Allerreichsten zurückbleiben will. O nein, die in allen Mode- und Narrenfragen die Führung haben muß, als liege das Geld zum Stehlen auf der Straße. Das Geld, das gute Geld. Das von mir und das vom Vater. Wo ist es geblieben? In die Luft geblasen hat es die Närrin!«
»Wenn sie eine Närrin ist,« sagte Kornelius Vanderwelt, »so überführe sie in eine Anstalt. Wenn sie dir aber über den Kopf gewachsen ist und du bist nicht Mannes genug, ihr den Meister zu zeigen, so reiche die Scheidung ein. Anderes vermag ich dir nicht zu raten.«
»Der Herr Vanderwelt scheint zu glauben, es handelte sich um eine Schneiderrechnung?« höhnte der Alte und hielt sich am Tischrand.
»Es handelt sich um ein Vermögen, das wir überhaupt nicht besitzen! Um mehr! Um mehr!«
»Nenne mir die Summe.«
»Hunderttausend Mark, Herr Vanderwelt! Hunderttausend Mark, wenn das reicht!«
Als hätte die Ziffer eine schweigende Scheu hervorgerufen, so still wurde es im Zimmer.
»Hier muß ein Irrtum vorliegen,« sagte Kornelius Vanderwelt endlich. »Solche Summe schießt man einer Frau Juliane Beckenried nicht vor.«
»Wer spricht von einem Vorschuß? Bei Hinz und Kunz stand sie auf Borg, und um die lästigen Gläubiger los zu werden, hat sie an der Börse gespielt! Mit jedem ungewaschenen Lehrling und jedem überspannten Nähmädel hat sie sich in eine Reihe gestellt, um Geld im Schlafe zu verdienen. Nur, daß Frau Juliane Beckenried, geborene Vanderwelt, auf ihren Namen hin größere Summen wagen durfte. Und dann ist die Karte an einem schwarzen Börsentage falsch herumgeschlagen, und die Bank drängt auf die Regelung der Verbindlichkeiten. Das ist der Zusammenbruch.«
»Hunderttausend Mark,« wimmerte der Alte. »Ein Elendleben umsonst gelebt. Dieser Vampir -- --«
»Nicht mehr sehen will ich sie!« stöhnte der Jüngere auf. »Aber das Geld will ich retten.«
Kornelius Vanderwelt kämpfte einen kurzen Kampf. »Wo sind die Belege?« fragte er.
»Hier, hier, hier!« und der jüngere Beckenried schlug die Papiere heftig auf den Tisch.
Kornelius Vanderwelt nahm sie auf und las sie aufmerksam durch. Eine feine Röte kreiste auf seinen Wangen.
»Die Abrechnungen stimmen,« sagte er so leise, als spräche er mit sich selbst. »Zwar wird es der Bank nicht möglich sein, die Zahlungen zu erzwingen, da sie ohne Befragen des Ehegatten gehandelt hat --«
»Klug wie ein Fuchs! Und die geschäftliche Stellung der Beckenrieds? Natürlich ist das ein Pappenstiel!«
»Ich habe nicht mit ~dir~ gesprochen, sondern mit ~mir~, Klaus Beckenried. Und ich gestatte mir, weiter mit mir zu sprechen. Die Bank weiß sehr wohl, daß sie verschwiegen und zuvorkommend sein muß, wenn sie schadlos befriedigt sein will. Hunderttausend Mark schüttet in dieser schweren Geschäftszeit kein Mensch aus dem Ärmel.«
»Wer soll sie denn befriedigen? Wer, wer, mein Gott?«
»Ich,« sagte Kornelius Vanderwelt.
»Sie --?«
»Ich werde für die Befriedigung der Bank sorgen, in dem Augenblick, in dem Sie, Herr Klaus Beckenried -- Sie gestatten, daß ich das irreführende Du unterlasse -- in keiner Weise mehr als mein Schwiegersohn zu gelten wünschen. Dann.«
»Soll das heißen: wenn ich die Scheidung von Ihrer Tochter Juliane vollzogen habe --?«
»Von meiner Tochter Juliane und von meinem Enkel Martin. Das soll es heißen.«
»Der Junge kommt hier überhaupt nicht in Betracht. Er steht ganz außerhalb unserer Verhandlungen.«
»Sie dürfen es sich überlegen, ob Sie die Verhandlungen scheitern lassen wollen.«
»Scheitern? Scheitern? Kein Mensch spricht davon. Aber ich frage Sie, was wollen Sie um Himmels willen mit dem Jungen?«
Kornelius Vanderwelt blickte über die ratlosen Männer hinweg in eine nebelhafte Ferne, die aufleuchtete, je stärker die Dunkelheit um ihn her wurde.
»Ich weiß es nicht,« sagte er leise. »Ich weiß nur, daß es auch nicht einen vertraulichen Berührungspunkt zwischen uns mehr geben soll. Sie haben rücksichtslos genug gegen mich gekämpft. Nicht erst seit heute. Nehmen Sie an, der Geschäftsmann in mir regte sich und wollte bezahlt sein. Mit dem Jungen. Mir ist er ähnlich, und er hat mein Blut. Er soll nicht gegen den Namen Vanderwelt eingenommen werden.«
»Herr Vanderwelt --!«
»Es eilt mir nicht. Sie dürfen es sich in Ruhe überlegen. Ich stehe in jedem Punkte bei meinem Wort.«
Der alte Beckenried näherte sich ihm flüsternd.
»Wissen Sie denn, daß Ihr Bankguthaben diese Belastung gar nicht mehr verträgt?«
»Lassen Sie das meine Sorge sein, Beckenried. Aber damit Sie in dieser Nacht ruhiger schlafen können, als Sie es noch vor einer Stunde geglaubt haben, will ich Ihnen verraten, daß ich mein Haus zum Pfand setze mit allem, was darinnen ist.«
»Herr Vanderwelt!« stammelte der Alte erschrocken.
»Herr Vanderwelt!« stammelte der Sohn und trat staunend einen Schritt zurück. »Das ist -- das ist Güte, statt Haß.«
»Werden Sie nicht weichlich. Güte! Güte kann unter Umständen ein schlimmeres Ding als Rache sein. Aber das verstehen Sie wohl nicht.«
»Sie wollen mich mit Ihrer Güte zur Verzweiflung treiben,« murmelte der Sohn. »Mir wächst die Unterhaltung über den Kopf. Ich sehe nicht mehr, was das Rechte und was das Falsche ist. Als Kaufmann muß ich den klaren Blick bewahren.«
»Den Martin,« gebot Kornelius Vanderwelt. »Er gilt Ihnen nicht genug, denn Sie haben sich nicht auf der Stelle entscheiden können. Die Antwort können Sie auf morgen verschieben.«
»Sie sollen sie morgen wissen.«
»Ich glaube nunmehr, meine Herren, daß wir uns zur Sache nichts mehr zu sagen haben. Gehen Sie getröstet heim und bereiten Sie für morgen alle Urkunden vor. Guten Abend.«
Vater und Sohn Beckenried verbeugten sich stumm und schritten zur Tür. Noch einmal wandte sich Klaus Beckenried auf der Zimmerschwelle um, und sein verwirrter Blick traf in das lächelnde Auge des Nachschauenden.
»Es war einmal ein begeisterungsvoller Jüngling, Klaus Beckenried, der von der Liebe bis zum Tode schwärmte. Es war in diesem Zimmer, und seine Jugend machte ihn zum Dichter. Suchen Sie ihn, bis Sie ihn wiederfinden, und wenn Sie ein alter Mann darüber werden sollten. Gute Nacht.«
Die Türe schloß sich.
Er dachte: Es ist gut, daß ich den ganzen Schmutz der Angela nicht noch einmal zu wiederholen brauche. Und er rief: »Komm nur herein, Engel. Ich bin ganz allein.«
Ein paar Atemzüge lang stand sie in der Verbindungstür. Ihre Augen flogen über ihn hin. Wie hager im Kampf sein Gesicht geworden war, wie grau seine Schläfe. Und wie hell und leuchtend seine Augen geblieben waren.
Sie warf sich an seine Brust und drückte den Kopf gegen sein Herz.
»Ja, Engel, es wird nun alles ein bißchen anders werden. Der Riemen schnallt sich enger um den Leib.«
Sie schüttelte mit einer wilden Bewegung den Kopf. Ihre Augen funkelten ihn an.
»Nie habe ich dich so geliebt. Nie, nie. Die Zwerge glaubten dich auf dem Boden zu haben. Auf ihrem platten Boden. Wegen eines Sackes Geld. Ach du! Ach, wie hast du sie gedemütigt. Wie hast du den Zaun zwischen dir und ihrer Angst und Gier aufgerichtet. Wie ein Riese recktest du dich auf, und ich wollte zu dir, an deinen Hals, und schreien: ›Ich gehöre zu ihm! Ich! Ich! Ich!‹«
»Mach' mich nicht stolz. Der eine des Namens hat seinen Körper, die andere das Geld, wieder der andere seine Seele vergeudet. Was bleibt von Kornelius Vanderwelt und seinem Werk?«
»Eine Seele«, sagte sie hastig, »ist so unermeßlich und unergründlich, daß kein Mensch sie vergeuden kann. Deine Seele wird noch die Augen aufschlagen, wenn wir längst nicht mehr sind. Aus hellen Augen wird sie um sich schauen, aus Augen, die so leuchtend und kühn sind wie die deinen. Nie, nie habe ich dich so sehr geliebt ...«
Kornelius Vanderwelt strich ihr das Haar aus der Stirn.
»Es wird allmählich Nacht, Engel, und wir werden schlafen gehen müssen. Aber wenn ich vorhin dich bat: ›Mach' mich nicht stolz,‹ so möchte ich diese Worte widerrufen. Doch, Engel, doch, mach' mich immer noch stolzer. Bald habe ich nichts mehr auf der Welt als diesen Stolz. Auf dich, Engel, auf dich. Und er reicht aus, um mein ganzes Leben aufzuwiegen.«
Sie aber streichelte unaufhörlich sein hager gewordenes Gesicht, seine grau gewordenen Schläfen. -- --
9
Es hatte in diesen Tagen Frau Ausdemwerth, die Mutter Antonies, das Zeitliche gesegnet. Die fröhliche Frau, die in Julianes Kinderzeit den überwältigenden Ausspruch getan hatte, es gäbe nur einen Mann in Ruhrort, und die anderen seien Kohlentrimmer. Ihr Nachlaß bestand aus der Wohnungseinrichtung, denn ihr einst reiches Vermögen hatte die Geldentwertung der Nachkriegszeit verschlungen; doch ehe Thomas und Antonie Vanderwelt daran denken konnten, sich in den herrenlos gewordenen Zimmern auszudehnen, war Juliane, ihren Sohn Martin an der Hand, als Heimatlose erschienen, um sich fürerst in Frau Ausdemwerths Räumen einzunisten.
»Ich lege dir meine Bewunderung zu Füßen,« gestand ihr der Bruder Thomas. »Du beutest nicht nur die Lebenden aus, du weißt sogar aus den Toten noch Vorteile zu ziehen. Geh ein in Frieden.«
Antonie Vanderwelt empfing die Schwägerin und Jugendfreundin mit dem ganzen Gefühlsüberschwang, der den Frauen gelockerter Art gemeinsam ist.
»Ach Liebste, Ärmste, bist du dem tobsüchtigen Menschen endlich entgangen? Gott verzeih' ihm seine Schlechtigkeit, ich bringe es nicht zuwege. Der wäre imstande gewesen und hätte dich verhungern lassen.«
»Wie ich aussehe, Antonie! Als wäre ich aus dem vorletzten Jahre übriggeblieben.«
»Nun,« ermutigte die Freundin und drehte sie an den Armen prüfend im Kreis, »vielleicht aus dem letzten Pariser Jahre. Für Ruhrort und Umgebung bist du noch ein gutes Jahr vor.«
»Gottlob!« seufzte Juliane auf. »Dieser rasende Klaus hat mich ja so gut wie mittellos gemacht.«
»Aber er hat dir den Martin gelassen! Geschehen denn noch Wunder?«
»Er kann das Vanderweltsche Blut nicht mehr ertragen, sagt er. Und der Martin? Sieh dir den Jungen an! Ist er nicht Zug für Zug der Großvater, der Großvater Kornelius Vanderwelt, von dem deine Mutter einmal sagte -- o mein Gott, Antonie, ich habe dir noch gar nicht meinen Schmerz zu ihrem frühen Heimgang ausdrücken können und tu' es hiermit von Herzen.«
»Innigen Dank, Juliane. Wir sind alle sterblich, und wer weiß, wann ~wir~ an der Reihe sind.«
»Wir haben noch große Pflichten an unseren Söhnen zu erfüllen, Antonie, vergiß das bitte nicht.«
»Ja, der kleine Nikolaus, Juliane. Es geht ihm wie deinem Martin: Zug um Zug der Großvater. Und klein sind die schlanken Bengel auch nicht mehr. Die Mädchen schauen sich schon nach ihnen um.«
Thomas Vanderwelt lag im Streckstuhl und freute sich über die Maßen an der Tiefe und Gründlichkeit der Unterhaltung.
»Könntest du dich nicht ein wenig zusammennehmen, Thomas? So kurz nach Mamas Tode!«
»Ich freute mich nur so herzlich, weil ~ich~ noch nicht gestorben bin und Zeuge eures furchtbaren Schmerzes sein darf. Wie muß er erst losbrechen, wenn er dem liebsten Gatten gilt! Verzeih, Herzensschwester, es sollte keine Unzartheit gegen deinen Klaus bedeuten, als ich von der Gattenliebe sprach. Aber wenn erst einmal das Bettzeug geteilt ist, habe ich mir sagen lassen, ist auch der Schmerz geteilt und die Freude umso größer.«
»In solchen und ähnlichen unziemlichen Redensarten gefällt sich dein Herr Bruder, solange ich seine Frau bin.«
»Meine Frau,« wiederholte Thomas Vanderwelt und verbeugte sich aus seinem Stuhle heraus.
»Ich finde auch,« entrüstete sich Juliane, »daß er unartig genug gegen wehrlose Frauen ist. Wir wollen in mein Zimmer gehen, damit wir ungestört und unter uns sind.«
Thomas Vanderwelt lachte belustigt in sich hinein.
»Fünf Minuten befindet sie sich in einem fremden Hause, und schon geht sie ›in ihr Zimmer‹ und lädt dahin ein. Sollte es bei jungen Vanderwelts noch lustiger werden können als bisher? Doppelt lustig?«
Juliane aber war klug genug, sich zurückzuhalten, solange das Auseinandersetzungsverfahren mit ihrem Gatten schwebte. Nur so erhoffte sie die Hilfe ihres Vaters. Und die beiden Frauen waren mehr miteinander zusammen, als es Thomas hätte lieb sein können, wäre er nicht Thomas gewesen.
»Ich bin gespannt,« murmelte er, »ich bin äußerst gespannt. Eine Mitspielerin mehr ändert jedes Bild und jede Berechnung. Über Langweiligkeit brauche ich mich nicht zu beklagen.«
Die Scheidungsangelegenheit wurde seitens des Hauses Beckenried mit Nachdruck betrieben, und da keine der beiden Parteien Schwierigkeiten machte, durch Entgegenkommen zur schnelleren Lösung beizutragen, so schritt das Verfahren rasch dem Ende zu. Juliane zählte die Tage. Zur Frühjahrsmodenschau wollte sie wieder zu den Mitwirkenden rechnen.
Häufiger als sonst erschienen in dieser Zeit die Enkel bei Kornelius Vanderwelt. Es war, als ob sie es fühlten, daß dem Großvater Gewalt angetan wurde, und darüber hinaus, als ob sich ihre Jungengemüter von dem Verdachte reinigen wollten, selbstsüchtige Teilnehmer zu sein.
Das las Kornelius Vanderwelt hinter ihren heißen Stirnen, als sie nach wenigen Tagen zum zweiten Male vor ihm erschienen und ihm ihre Aufsatzhefte vorlegten. Die Note ›Sehr gut‹ kehrte in den Heften beider mit lückenloser Regelmäßigkeit wieder.
Kornelius Vanderwelt griff in die Westentasche und holte ein paar silberne Markstücke hervor. Die Jungen gewahrten es mit purpurroten Köpfen.
»Darum haben wir es nicht getan, Großvater,« versicherten sie erschrocken. »Wir hatten nur gedacht, es machte dir Freude.«
»Heule ich denn vielleicht, ihr blinden Hessen?«
»Wir sind ja gar keine Hessen, wir sind Rheinfranken, Großvater!«
»Wer sagt euch das? Auch Wikinger haben hier gesessen, aus Norwegen und von den dänischen Inseln. Echtes Germanenblut, Jungens. Und so sorgt, daß ihr über die Rheinfranken hinaus Deutsche werdet.«
»Das sind wir doch schon, Großvater?« fragten die Jungen verwundert.
»Man hat es euch vorgeredet,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Das wahre Deutschland ist immer noch nicht aufzufinden. Seit eine Geschichte besteht, wird es gesucht. Und wenn man so nahe herangekommen ist, daß man es greifen könnte, stellt hurtig einer dem anderen ein Bein, daß er in den Dreck hinschlägt, und der andere reißt den einen am Rockzipfel schleunigst mit in die Pfütze.«
»Weshalb sind sie denn so töricht, Großvater, wenn sie wissen, sie müssen mit hinein?«
»›+Propter invidiam!+‹ sagten schon die römischen Eroberer von den Deutschen. Aus gemeinem Neid. Aus Neid auf die Größe des Nachbarn ließen sie eher die Römer das Land erobern, als sich dem Nachbar als dem Führer zu unterstellen. Baute in den Städten ein Bürger einen hohen Giebel, so trieb ein Dutzend andere der fressende Neid, noch viel höhere zu bauen, und wenn ihr Haus schmal war wie ein Schwindsüchtiger. Und bringt es in deutschen Landen ein Mann zu Ehren, so ruht die Scheelsucht nicht, bis ein Trüpplein zusammengebracht ist, das mit Stricken und Stangen loszieht. +Propter invidiam+, ihr jungen Lateiner, vergeßt es nicht. Und geht dem deutschen Erbübel zu Leibe und bei euch selber zuerst. Eher bringen wir es nicht zu einem großen und stolzen Volk, als bis die Bausteine die Ecksteine gelten lassen und nicht jeder Neidhund ihn besudelt, weil er just nicht derselbe Eckstein geworden ist. Und was vom einzelnen gilt, gilt von der Vielheit, gilt vom deutschen Volk. +Propter invidiam.+ Erwürgt den Drachen der deutschen Zwietracht, Jungens, wenn ihr Deutsche werden wollt!«
»Und -- Dichter und Künstler möchten wir werden. Dürfen wir das?«
Kornelius Vanderwelt lachte, und seine Hand warf ihnen das dichte Haar durcheinander.
»Ich möcht's euch schon gönnen, Jungens. Aber dazu heißt's lernen und mitten im Leben stehen, den Bauernburschen begreifen und den Fürstensohn, das windige Mädchen und die große Frau, den Toren wie den Weisen. Alles Menschliche erfassen und doch abseits genug gehen, um vom allzu Menschlichen nicht erdrückt zu werden. Nicht aus Furcht vor dem Neid. Der findet euch, und wenn ihr beide auf zwei einsamen Spitzen des Himalaja säßet. Nur ihr selber sollt dem Neide nie Raum geben, denn der Neider und der Ehrabschneider hocken wie zwei Giftblüten in dem gleichen Gezweig.«
Als die Osterferien anbrachen, klingelten die Knaben am großväterlichen Haus, bevor sie ihre Schulzeugnisse daheim vorgezeigt hatten. Angela Freydag öffnete ihnen. »Versetzt?« fragte sie. Und als die Knaben nur hastig nickten, weil ihnen die Kinderfreude den Atem verschlug, breitete sie schnell die Arme aus und nahm die Beglückten an ihr warmes Herz.
»Geht zum Großvater hinein. Er kann viel Freude vertragen. Und keiner hat sie verdient wie er.«