Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Part 18

Chapter 183,564 wordsPublic domain

»Erst habe ich den Körper angestaunt, der einmal so jugendschön gewesen war. Vergeudet, vertan in einem wilden Leben, das nur sich anerkannte und seinem Begehr keine Schranken setzte. Und dann habe ich mit Mühe meinen Mund geöffnet und meine Fragen gestellt.

»Er muß durch einen nächtlichen Lärm in die Gasse gelockt worden sein. Männer stritten sich um ein Frauenzimmer, und er hat sich ohne viel Fragen zum Beschützer aufgeworfen. Über sein herrisches Tun ist es unter den Angetrunkenen zu einem Hallo gekommen, und sie haben einen wilden Reigen um das Paar geschlungen. Der Justus aber hat mit seinem Stocke rücksichtslos hineingeschlagen und dem Gesindel die Messer gelockert. Das Dirnchen war herausgehauen, als er in seinem Blute auf der Gasse lag und die Polizeibeamten das Gesindel verscheuchten. Er lag mit gebrochenen Augen.«

Er schwieg und preßte den Kopf fester auf Angela Freydags Brust. Und Angela Freydag hielt den Atem an, um sein Schweigen in die Ruhe hinüberführen zu können.

»Engel, Engel!« brach es aus ihm heraus. »Wegen einer Straßendirne! Ach, was sage ich. Und wenn es um eine Dame der Gesellschaft gegangen wäre! Aus herrischer Laune, die auf keinem anderen Verdienst fußt als auf dem ererbten Namen! Engel, Engel, ich habe ihn befragt, den Toten, und er behielt nur seinen hochfahrenden Zug um den Mund.«

Jetzt spürte er ihre Hand über seinen Rücken gleiten. So sacht und doch so beredt, wie nur Angela Freydags Hände waren. Und er besann sich auf Zeit und Raum und gewann seine Ruhe zurück.

»Die Ärzte hatten noch ihr traurig Handwerk auszuführen, um Herkunft und Beschaffenheit der Wunden festzustellen. Bis zur Freigabe der Leiche hatte ich überflüssige Zeit. Ich tat, was man bei solchen Todesfällen zu tun pflegt. Ich suchte Justus letzte Wohnung in Köln auf, wies mich als Vater aus und packte seine paar Habseligkeiten. Einige Schulden blieben noch zu zahlen, und ich zahlte sie. Sein mütterliches Vermögen war wohl bei seinen Abenteuern draufgegangen. Und dann las ich seine Briefschaften, die aus allen Frauenschichten stammten und in Anbetungen vergingen, und verbrannte sie. Mit der Asche war alles verloschen, was Justus Vanderwelts Leben hieß.«

Er hob den Kopf von Angela Freydags Brust und setzte sich aufrecht. Sie sprach noch immer nicht.

»Nun habe ich dir die Nachtruhe geraubt, Engel, aber ich wußte mir keinen anderen Rat. Vielleicht glückt es dir, noch einmal einzuschlafen, vielleicht glückt es auch mir jetzt. Es tut wohl, an deinem Bette zu sitzen, Engel.«

»Bleib,« bat sie, und ihre Hände umklammerten die seinen.

»Ich bleibe gern noch, Engel, aber du mußt schlafen.«

»Sieh,« sagte sie, und aus ihren Händen strömte es wie warme Wellen in die seinen über, »es liegt für dich so nahe, dir Gedanken zu machen, ob deine Erziehungsart die rechte gewesen sei. Und du hast sie dir schon gemacht, und das hat dich zu mir getrieben. Es wäre für mich nicht nötig gewesen, ein Jahr lang während der Entwicklungszeit deiner Kinder die stille Zeugin gewesen zu sein. Ich kenne dich ja wie kein anderer Mensch in dem selbsterworbenen und gefestigten Reichtum deiner Wesensart. Deine Kinder brauchten nur zuzulangen, um überreich zu werden, aber sie wählten sich aus dem Dargebotenen nur das heraus, was ihrer eigenen Wesensart entsprach. Und davon wollte ich sprechen.«

Er hatte sich mit geschlossenen Augen im Stuhle zurückgelehnt. Nur über sein Gesicht zuckte es zuweilen hin, wenn ein Wort von ihr ihn tiefer aufhorchen machte.

»Ja, Kornelius, davon besonders wollte ich sprechen. Denn ich kann es aus Erfahrung. Eine Erziehung kann gut oder schlecht sein, auf die Wesensart des Kindes kommt es an, wie sie wirkt und wohin sie sich auswirkt. Ein schlechter Vater kann an einem gut gearteten Kinde nicht mehr verderben, als daß er ihm die Kindheit verdirbt. Und der beste Vater wird seinen Kindern nicht mehr geben können als eine glückliche Kinderzeit, wenn sie weniger gut geartete oder eigenwillige Persönlichkeiten sind. Daß der Mensch das Ergebnis seiner Erziehung wäre -- ach, Kornelius, das ist die bequemste Lüge der Oberflächlichkeit. Die Erziehung kann ihm das Sprungbrett für seine Persönlichkeit werden, aber springen muß er selbst, das will heißen, Kornelius, daß ein jeder zu seiner Erziehung das Beste aus sich selbst hinzufügen muß, oder es bleibt beim schönen Schein. Wenige Kinder haben so sehr alle Möglichkeiten gehabt wie die deinen. Längst ist die Reihe an ihnen, und du und kein Vater kann etwas anderes tun, als den besorgten Zuschauer spielen. Sieh, Kornelius, das war es, was ich wahrheitsgemäß einmal aussprechen mußte.«

»Wie gut es sich dir zuhört, Engel --«

»Ich war selber ein Kind, Kornelius, das über wüste Wege mußte und doch zum Glück kam.«

»Zu einem heimlichen, Engel, und ich beließ es dabei.«

»Nein, ~ich~ beließ es dabei. Sollte ich dich wegen einer bloßen Form in Widerstreit zu deinen erwachsenen Kindern bringen, die schon selber Kinder in die Schule schicken? Ja, lächle nur, Kornelius, es ist so. Und heimlich? sagst du. Mein Glück wäre ein heimliches? Sieh dir all das Glück an, das sich offen zeigt, und dann vergleiche es mit dem meinen. Mit dem unsrigen, Kornelius. Das unsrige hat gelernt, daß Liebe ein Hauch ist, den man behüten muß.«

Er öffnete die Augen und blickte sie mit tiefer Innigkeit an.

»Bei dir -- ach, bei dir ist gut ruhen ...«

Sie saß aufrecht in ihrem weißen Nachtkleid, warf das Haar in den Nacken und strich ihm die Augen zu. Ihr zärtlicher Atem wehte über ihn hin. Wie wohl das alles tat -- wie wohl -- --

Er nahm sich vor, diese Stunde auszugenießen, keine Minute dieser Stunde aus seinem Gedächtnis zu verlieren, -- und war entschlummert. Ruhig und gleichmäßig gingen seine Atemzüge.

Auf bloßen Füßen stand sie neben seinem Stuhle, bettete sie seinen Kopf in ihr warmes Kissen, seine Füße in eine wollene Decke, drehte sie geräuschlos das Licht aus. Und aus ihrem Bette heraus horchte sie noch lange auf die stillen Atemzüge.

Als er die Augen aufschlug, sah er sie in ihrem weißen Morgenrock, das Haar unter einem seidenen Strickmützchen, am Fenster stehen und in den Morgen hinausblicken. Sie wandte sich um und blickte mit einem Lächeln zu ihm hinüber.

»Wo bin ich, Engel? Wie komme ich hierher? Ist es schon Tag?«

»Du bist bei mir. Du kamst in der Nacht zu mir. Und nun ist es Morgen.«

Seine Gedanken kehrten nur langsam und wie aus weiter Ferne zurück. Das Erinnern an das gestrige Erleben drängte sich vor, zeigte seine Dirnenfratze und hatte seine Schrecken verloren. Da stand die starke, helle Frau und reichte ihm zum Tagesgruße die Hände. Und diese Hände, die er schon an dem herumgejagten hageren Mädchen liebgewonnen hatte, diese Hände hatten ihn in Schlummer gewiegt.

Er sprang aus dem Stuhle auf. Der tiefe Schlummer hatte ihm alle Kräfte zurückgebracht. Und Kornelius Vanderwelt beugte sich über Angela Freydags Frauenhände und küßte sie. --

Vor der Geschäftsstunde noch kam Thomas Vanderwelt in sein väterliches Haus. Mit krampfhaft angespannten Gesichtszügen begrüßte er Angela Freydag, die ihn in seines Vaters Zimmer eintreten ließ und hinter beiden die Türe schloß. Als Thomas Vanderwelt nach einer halben Stunde das Zimmer wieder verließ, war sein Gesicht fassungslos und verwüstet.

»Es war wohl weniger der Tod als die Roheit des Todes, die ihn so aufwühlte,« sagte Kornelius Vanderwelt.

»Ich weiß es nicht, Kornelius. Ich weiß nur, daß ihn noch etwas aufzuwühlen vermag. Das soll uns heute genügen.«

Es kamen auch die Frauen ins Haus, Juliane und Antonie. Beide in erlesenen schwarzen Gewändern.

»Es ist gut, daß sie zusammen kommen,« sagte Kornelius Vanderwelt, als Angela Freydag sie ihm meldete. »Zu zweit bilden sie doch nur ~eine~ Unwahrheit. Laß sie zu mir, damit ich es schnell überstehe.«

Nach wenigen Minuten schon kehrten die jungen Frauen mit verstörten Gesichtern zu Angela Freydag zurück.

»Was ist mit ihm?« fragte Juliane hastig. »Er ist für Trost nicht zugänglich und wies mich barsch zurück, als ich ihn um ein Andenken an meinen armen Bruder bat.«

»Ist Justus wirklich bei einer Frau tot aufgefunden worden? Von dem zornigen Ehemann überrascht, getötet und auf die Gasse geworfen? Bitte,« bat Juliane mit schauernden Schultern, »erzählen Sie mir doch alle Einzelheiten.«

»Als Helfer starb er -- aber die Tatsache seines unglücklichen Todes muß unserer Trauer wohl zunächst genügen,« erwiderte Angela Freydag und öffnete den verstörten jungen Frauen die Tür.

»Und die beiden Beckenrieds, Vater und Sohn, erschienen und gingen zu Kornelius Vanderwelt in das Arbeitszimmer. Der Schwiegersohn Klaus nagte vor Erregung an der Unterlippe und schaute so wild um sich, als erwarte er selbst ein Wort der Teilnahme, und der alte Beckenried fand das Wort, wenn auch auf Umwegen, und wies darauf hin, daß nicht nur die Angehörigen schwer unter den niederdrückenden Umständen des Todesfalles leiden würden, sondern auch das Geschäft, denn das Verfrachtungsgeschäft sei nun einmal eine Vertrauenssache.«

»Überlassen Sie auch diese Sorge einstweilen mir allein. Wenn ich sie zu den anderen lege, wiegt sie weniger.«

Und Kornelius Vanderwelt verabschiedete sich von den Herren und rief nach Angela.

»Sperr' die Fenster auf, Engel. Die Totengräber haben sich in der Türe geirrt. Noch rieche ich nicht nach der Schippe.«

Am folgenden Tage wurden Justus' Überreste in aller Stille im Vanderweltschen Erbbegräbnis eingebettet. Keine Traueranzeige war verschickt worden, kein Teilnehmender hatte sich eingefunden. Die Herren Beckenried wurden durch die Vertretung der beiden Herren Vanderwelt im Geschäft zurückgehalten, die junge Frau Antonie war aus Furcht vor dem Schwiegervater von einem Nervenzittern befallen worden, und so stand Kornelius Vanderwelt mit seinen beiden Kindern allein an der Gruft, aber er fühlte Angela Freydags Schulter.

Leise fragte Juliane den Bruder nach dem Pastor. Doch Thomas wies die Frage durch ein Kopfschütteln zurück. Und der Sarg wurde von den vier Trägern an den Bronzeringen herangetragen und langsam an den Seilen in die Gruft hinabgelassen.

Kornelius Vanderwelt zog den Hut. Er erwies dem Tode die Ehrfurcht und schickte dem Sohne den letzten Vatergruß nach. Fahr wohl und hab' deine Ruhe, Justus.

Der Totengräber hielt den beiden Männern die Schippe mit den Erdschollen hin. Und als auch diese Formel erfüllt war und sie sich zum Gehen wandten, hörte Kornelius Vanderwelt noch einmal Erdschollen auf dem Sarge aufschlagen. Und er erkannte in dem Manne, der hinter den Leichensteinen hervorgetreten war und dem lebenden Vanderwelt mehr als dem toten die Ehre erwies, seinen alten Seegesellen, den Gastwirt Matthes aus den ›Fünf Erdteilen‹.

Da packte ihn das Würgen im Halse, und er wußte nicht, ob ihn das Lachen schüttelte oder das Leid.

Der Mann aber war wortlos hinter den Leichensteinen verschwunden.

»Komm,« bat Angela Freydag leise und berührte seine Hand.

»Sahst du ihn?«

»Einer, der dir Freundschaft hält, Kornelius.«

»Und was für einer!«

»Besser ein treuer Kettenhund als ein wildernder Jagdhund. Mich hat es heute gefreut.«

»Du magst recht haben,« erwiderte er, »und nun können wir gehen.«

Sie fuhren die Kinder bis zu ihren Wohnungen und fuhren allein heim. Es war Abend geworden, als sie das Haus betraten. Und sie suchten ihre Zimmer auf, um sich umzukleiden.

An diesem Abend spielte Angela Freydag, wie sie noch nie vor den Tausenden gespielt hatte. Kein Lied vom Tode und Vergehen. Den gewaltigen Sang, der in der Herbstnacht sehnsüchtig beginnt und mit den Frühlingsstürmen sieghaft durch die Wälder braust. Das Menschheitslied vom ewigen Auferstehen spielte sie, und sie spielte es für Kornelius Vanderwelts Seele.

Nur für den Mann, der aufrecht in dem alten Kirchenstuhle saß und ihre Liebe an seinem Herzen hielt.

Ihre Arme sanken am Körper nieder. Ihre Brust hatte den Atem verloren. Und während sie ihn in schmerzhaften Zügen wiederzugewinnen trachtete, dachte sie: So und nicht anders ist meine Liebe. Bis mir die Arme vom Körper sinken. Bis mir der letzte Atem vergeht. Töten und vernichten könnte ich um seines geliebten Namens willen.

Und sie wandte den erblaßten Kopf nach ihm und lächelte ihm zu ...

Und wieder schritt Kornelius Vanderwelt durch das Gewühl vor der Schifferbörse wie in früheren Tagen, aber die launigen Zurufe blieben den Leuten im Munde stecken, die Knäuel öffneten sich und ließen ihn hindurch, und die Männer zogen die Mützen herunter und schwiegen in Verlegenheit. Ein wenig hatte er es sich anders gedacht, aber er ließ es sich nicht anfechten und erledigte im Börsensaal seine Geschäfte.

Und als er in das Gewühl der Wartenden zurückkehrte, bildeten die Leute aufs neue eine Gasse. Aber sie hatten eine Abordnung unter sich ausgemacht, aus ihren Ältesten, und die Ältesten traten an Kornelius Vanderwelt der Reihe nach heran und schüttelten ihm schweigend die Hand, während die Umgebung sich achtungsvoll räusperte.

Der Winter ging hin. Es war dies Jahr nicht nur für das von den Feindmächten besetzte Rhein- und Ruhrgebiet, es war für das ganze in Geldwirren gestürzte Deutschland das atemraubendste Geschäftsjahr geworden, und in der kaufmännischen Welt reihte sich Trümmerfeld an Trümmerfeld. Kornelius Vanderwelt schaffte vom Morgen bis zum Abend, er war überall, wo es not tat, mit der unwiderstehlichen Kraft seiner Persönlichkeit einzugreifen, und doch fühlte er, daß es rückwärts gehen wollte und nicht vorwärts. Nein, seine Kraft war die gleiche geblieben, aber seine Unwiderstehlichkeit hatte nachgelassen. Die Verlegenheit, die er vor Monaten, nach Justus' Tode, unter dem derb genug besaiteten Schiffervolk auf dem Börsenplatz beobachten konnte, äußerte sich bei den Kaufherren und Werksleitern wohl liebenswürdiger und zurückhaltender. Aber gerade diese Zurückhaltung war es, die ihm die raschen und frischfröhlichen Geschäftsabschlüsse erschwerte.

In der ersten Zeit sah er über das törichte Menschheitsverhalten hinweg, auch dann noch, als es sich vornehmlich unter den einstmaligen Zechgenossen mancher ›hohen Fahrt‹ breit und bemerkbar machte. »Es ist die alte Leier, Engel,« pflegte er zu sagen, »daß die schmutzigsten Hände immer die reinsten Handschuhe vorweisen möchten. Ich glaube, im Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer hat der brave Pharisäer auch schon Handschuhe übergezogen.«

Als er aber in der Folge bei der Verteilung größerer Ladeaufträge mal auf mal übergangen wurde, geriet zwar seine Zuversicht nicht ins Schwanken, aber ein Lächeln der Verachtung erschien auf seinen Lippen und wollte hinfort nicht mehr weichen. Trug doch seine Zuversicht mehr als je den Namen Angela Freydag.

Was der hochgemute Mann nicht sah, das sahen ihre klaren Frauenaugen. Sie gewahrten die verstärkte Aufmerksamkeit der Vielheit, die dem zurückgezogenen Leben Kornelius Vanderwelts galt, und die tastenden Finger, die nach dem stillen Schleier griffen. Und sie beschränkte sich immer mehr in der äußeren Lebensführung und wuchs zu einer inneren Gesammeltheit auf, die bei anderen gefestigten Naturen wohl aus der Entsagung geboren zu werden pflegt, bei ihr aber nichts anderes hieß als die heiße Fürsorge für den Geliebten.

Wurde Kornelius Vanderwelt in seinem hohen Traumwandel hellsichtig, das sagte ihr das untrügliche Empfinden der liebenden und geliebten Frau, so vernichtete er mit seinen Widersachern sich selbst und sein Glück. Und immer enger noch an ihn geschmiegt, blieb sie die Gefährtin seines hohen Traumwandels auf Schritt und Tritt, und es war keine Wolke am Himmel, die sie nicht zu scheuchen wußte.

In diesen Tagen begann das Leben seine Probe auf die Berechtigung, Kornelius Vanderwelts Glück zu heißen und er das ihre. Sie dachte gar nicht darüber nach. An das Selbstverständliche verschwendete sie keine Gedanken. Nur, daß auch auf ihren Lippen das Lächeln der Menschenverachtung erschien und blieb.

Mehr als vordem stellte sich Thomas Vanderwelt ein. Er wußte die Stunden herauszufinden, an denen er Angela Freydag allein zu Hause traf, und hockte ihr im Sessel gegenüber, rauchend und die Regeln des Lebens in Widersinnigkeiten verkehrend. Der Tod des Bruders hatte sein zersetzendes Wesen bis zur Fahrigkeit gesteigert.

»Lieber Thomas,« sagte die geduldige Zuhörerin, »weshalb spielen Sie sich und mir eine Rolle vor? Das sind Sie ja gar nicht, in dessen überlegenem Faltenwurf Sie sich gefallen. Sie sind weder eitel noch unanständig. Weshalb also die Maskerade.«

»Was bin ich denn in Ihren klugen Augen, Frau Engel?«

Seit er den Namen einmal aus dem Munde seines Vaters vernommen hatte, hatte er ihn sich nicht wieder nehmen lassen.

»Sie sind ganz einfach ein unglücklicher Mensch. Nichts mehr und nichts weniger.«

»Ein unglücklicher Mensch kann sehr wohl ein Unflat sein. Schon der Umstand, daß er ein Unglück hinnimmt, spricht dafür.«

»So ändern Sie es doch, oder sind Sie ein Höriger Ihres Unglücks?«

»Sehen Sie,« sagte er bewundernd, »wie scharfsichtig Sie sind, wie Sie jedes Kindlein gleich beim rechten Namen zu nennen wissen. Ein Höriger .. Ein Höriger seines Unglücks. Das bedeutet soviel wie ein krankhaft veranlagter Liebhaber. Wahrhaftig, Sie haben ins Schwarze getroffen.«

»Wenn Sie in dieser Tonart fortzufahren belieben, muß ich Sie zu meinem größten Leidwesen nach Hause schicken, Thomas.«

Er lächelte sie ungläubig an. Wie ein verwöhnter Junge.

»Das würde nun wiederum ~Ihrem~ Namen keine Ehre machen, Frau Engel. Denn ich komme ja just zu Ihnen, um von Zeit zu Zeit festzustellen, was denn eigentlich von dem alten Thomas noch übriggeblieben ist. Gott, wenn Sie so gütige Augen machen, reizt es mich, meinen ganzen Musterkasten -- die alten Griechen nannten ihn, glaube ich, die Büchse der Pandora -- vor Ihnen auszupacken, wenn die Pandora auch nur Antonie gerufen wird und der Gatte so neugierig ist wie das Weib.«

»Thomas, Thomas, ich rief Sie schon vor Jahren bei Ihrer Ritterlichkeit auf. Es gibt nur ein Entweder -- Oder!«

»Ein Entweder -- Oder,« wiederholte er, »und ich habe das letztere gewählt. Das Entweder ist stets das Langweiligere, das Oder das Vergnüglichere und das Spannende. Der ›Hörige‹ kommt hinzu. Das Leben, das sich uns nach dem allgemeinen Weltendurcheinander und der ausnahmslosen Gleichmacherei darbietet, ist so reizlos geworden, daß man nach einem Strohhalm greift, wenn er eine Belustigung verspricht. Meine Antonie ist nun gewiß kein trockener Strohhalm, sondern ein ausbündig schönes und vollsaftiges Lebewesen der Mutter Erde, aber darin tut sie es dem Strohhalm gleich, daß sie in Brand gerät, ehe man sich umgeschaut hat, und das ist über alle Maßen belustigend. Weshalb? fragen ihre strengen Augen. Weil sie annimmt, daß man sich ~nicht~ umgeschaut hat.«

»Und das nehmen Sie,« fragte Angela Freydag verächtlich, »immer wieder hin, ohne es zu ändern?«

»Geduld, Geduld,« mahnte Thomas Vanderwelt geheimnisvoll. »Zuweilen ist es nur ein irrtümlich entstandener Brand, ein Brand aus Eifersucht, der mir die Glut ihres Herdfeuers bekunden soll. Mir, Frau Engel. Bei anderen Malen aber gedenke ich aller Ihrer guten Lehren und nehme den brennenden Strohhalm ungesehen in meine Hände, um ihm das Lebenslichtlein auszupusten. Ganz unvermutet und auf eine streng sittliche Weise.«

»Lästern Sie nicht, Thomas, und reden Sie, wenn Sie schon reden müssen, ohne Beschönigung.«

»Es ist ein bißchen viel Nacktheit dabei, Frau Engel, wie bei den neuzeitlichen Tanzbelustigungen. Daher die Verbrämtheit meiner Rede vor Ihren Ohren. Aber urteilen Sie selber über die Tragbarkeit der sittlichen Grundlagen, auf denen ich meine Abänderungen vollziehe. Von den kleinen Kunstgriffen schweige ich. Von den Stelldicheins, von denen mir herumliegende Briefe oder herumfliegende Freundinnen Kunde taten und zu denen zufällig ich selber erschien, statt des Erwarteten. Von den nichtigen Techtelmechteln, die ich mit ihren ähnlich gearteten Freundinnen beginnen mußte, um allerlei Menschliches und Allzumenschliches meiner vergeßlichen Gefährtin aus Vergangenheit und Gegenwärtigem zu erfahren und ihre holden Lügen am Bindfädchen zu halten, wie der Knabe den Maikäfer. Höher hinauf, höher! Da war ein Fall, würdig, verzeichnet zu werden. Nicht der Strohhalm, die ganze Garbe brannte. Und der Herrlichste von allen wurde ins Haus geladen. Es ging nicht anders, es war der Hausfrau Geburtstag. Und sie saßen sich gegenüber und besprachen sich mit den Augen und sagten sich Wunderdinge über Wunderdinge. Sollte ich den Dritten im Bunde vor die Türe werfen? Sie nicken begeistert. Gemach, gemach. Ich erhob mich aus einem inneren Drange heraus und klopfte mit meinem Obstmesser ans Glas, denn wir waren beim Nachtisch angelangt, und hielt eine Geburtstagsrede. Das war es, Frau Engel. Das war die sittliche Grundlage. Ich verbeugte mich vor der Hausfrau, vor der Gattin, vor der Mutter meines Kindes. Ich sprach von der tiefen Gläubigkeit des einen zum anderen Teil in der heiligen Ehe. Von der Lebensgefährtin, die, abhold jeder Lüge und Verstellung, ihr Leben lasse für den reinen Schild des anderen. Von der Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit der wahren und wahrhaftigen Frau, die so hohe Höhen zu erklimmen wisse, daß wir staubgeborenen Männer anbetend auf den Knien liegen müßten. Und der Ehrengast war so erschrecklich unruhig geworden und rutschte vor lauter Beschämung auf seinem Stuhl. Und der Trottel kriegte sogar feuchte Augen, als ich die Tugend des Weibes der unsterblichen Seele an die Seite stellte, und er sagte, er habe sich verschluckt und müsse leider noch vor dem Hoch hinaus, um, wie er wiederum sagte, rasch einen Arzt zu Rate zu ziehen. Ja, und dann haben wir den Geburtstag für uns gefeiert.«

Er rieb sich vergnügt die Hände und lachte noch in der Erinnerung über den gelungenen Streich.

»Weshalb lachen Sie nicht mit, Frau Engel? Sie sind doch eine Frau von Geist?«

»Weil mir die Sache zu belanglos erscheint.«

»Belanglos? Das ist ein herbes Urteil. Darf ich Ihre Beweggründe kennenlernen?«

Angela Freydag blickte ihrem Gast in die Augen. So lange, bis eine Röte über seine Wangen huschte.

»Muß ich sie Ihnen wirklich nennen? Einem Manne, der selber das Messer des Wundarztes zu führen vorgibt? Also offen heraus, Thomas: die handelnden Personen erscheinen mir in ihrem Tun und Lassen zu unwichtig. Was sie mit großartigem Gebaren hervorbringen, sind bestenfalls eine Kette von schillernden Seifenblasen, die genau so lange anhalten, wie die Einbildung anhält. Für Kindereien sind wir zu erwachsen geworden, Thomas.«

Er rauchte seine Zigarette zu Ende, erhob sich und verabschiedete sich kleinlauter, als er gekommen war.

»Sie messen alles mit einem überlebensgroßen Zollstock, Frau Engel. Da schneiden wir kleinen Leute schlecht ab. Trotzdem: Es war eine schöne und lehrreiche Erbauungsstunde.«

Er schritt still zur Tür, griff über seine Augen und kehrte zurück. Sie sah ihm, ohne den Blick von ihm zu lassen, entgegen. Und er nahm ihre herabhängende Hand, zog sie stumm an seine Lippen und ging hinaus. --