Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Part 27

Chapter 271,046 wordsPublic domain

»Es sind so anstrengende Tage für uns,« klagte Frau Juliane. »Unsere Freunde tun ja für uns, was sie können, um uns über unsere trüben Gedanken hinwegzubringen, aber es bleibt doch immer noch ein Rest, den wir allein verarbeiten müssen. Morgen, ja, über die Ostertage hinaus wollen wir mit auswärtigen Freunden einen Ausflug unternehmen, der uns wirklich erfrischen soll. Deshalb möchten wir heute gar nicht erst aufstehen, da wir morgen in aller Herrgottsfrühe hinaus müssen. Würden Sie uns die Freundlichkeit erweisen und uns ein kleines Abendbrot bereiten?«

Und wieder entzündete sie die Gaskocher in den Zimmern der beiden Frauen und wärmte die Speisen auf, und die seidenen Röcke lagen wie tags vorher zerknittert vor den Betten.

Es wurde elf Uhr abends, und Angela Freydag ging durch das ganze Haus. Und schloß alle Fenster und Türen. Als sie den Hausflur betrat, zogen ein paar feuchtfröhliche Schiffer Arm in Arm durch die Türe ein.

»Guten Abend, Mutter Engel. Ist hier Ankergrund?«

»Es ist Feierabend für die ›Fünf Erdteile‹, meine Herren.«

»Für alle fünf Erdteile? Spaß, Mutter Engel. Irgendwo in den fünf gesegneten Erdteilen muß doch Ankergrund sein?«

»Die Schankerlaubnis ist mit dem Wirt Matthes und seiner Frau erloschen. Gute Fahrt, meine Freunde.«

»Nix mehr zu machen? ›Meine Freunde‹ hat sie doch gesagt. Wirklich gar nix mehr?«

»Es tut mir leid -- aber es ist Schlafenszeit.«

»Hoiho! Mutter Engel hat zum Abschied einen Reim geschmiedet. ›Es tut mir leid -- aber es ist Schlafenszeit!‹ Weiß die Mutter Engel auch, was das nach Schiffersbrauch bedeutet?«

»Was bedeutet es denn nach Schiffersbrauch, Jan Maat?«

»Wer nach altem Schiffersbrauch einen Reim in der Rede schmiedet, ohne zu wollen, der kriegt mit Gewißheit noch in der Nacht seinen Schatz zu sehen.«

»Oho! Hoho! Mutter Engel kriegt die Nacht noch ihren Schatz zu sehen!«

Angela Freydags Augen leuchteten über sie hinweg.

»Wer weiß, ob es nicht wahr ist.« -- --

Sie hatte hinter den feuchtfröhlichen Männern die Haustür geschlossen. Der Riegel schnappte ein, und der Klang zog hallend durch das verlassene Haus. Sie wandte sich und ging hinauf.

Ich weiß es noch, dachte sie, wie er mich seine Wölfin nannte. Von der mitjagenden Wölfin sprach er. Und von der säugenden -- wie bei Romulus und Remus. Und ich weiß noch, wie ich ihm erwiderte, daß die Wölfin, die starke Wölfin, die Wunden und Gezeichneten der Gattung zerreiße, um den Lebensstarken die Bahn zu säubern. Kornelius, nun halte ich mein Wort. Und du wirst weiterleben.

Sie ging hinauf in das Stockwerk der Frauen, und als sie die Zimmer der Frauen betrat, fand sie sie eingeschlafen. Sie griff nach den Schaltern des elektrischen Lichtes und löschte es in beiden Zimmern. Und in beiden Zimmern griff sie nach den Hähnen der Gaskocher und öffnete sie mit ruhiger Hand. Und als sie in das Haus hinuntergegangen war, bis in die leere Wirtsstube, tat sie hier ebenso, und sie saß am Tisch, stark und gefestigt, und der einschläfernde Duft umwogte sie.

Eine Kirchenuhr schlug Mitternacht. Der Ostertag brach an.

Angela Freydag zählte die Glockenschläge bis zum letzten. Nun war sie müde.

»Ich komme, Kornelius,« sagte sie. Und sie nahm das Pfeiflein Kornelius Vanderwelts zwischen die Zähne, tastete nach dem Feuerzeug und zündete ein Holz für die Pfeife an ...

Ahoi! -- was war? Eine Jacht in Abendrotflammen! Kornelius Vanderwelts leuchtende Gestalt am Steuer! Hoiho! Angela Freydag im Sprunge neben ihm! Hochöfen in Gluten! Blitzlichter, hunderttausende, über den Häfen! Das schwarze Venedig in Funken und Feurio!

Krachend stürzten die Decken zusammen. Die Mörtelmauern barsten. Ein Trümmerhaufen schoß hoch und begrub die ›Fünf Erdteile‹ mit allem, was in ihnen geatmet hatte. -- --

* * * * *

Den Heimkehrenden aber erzählten die Nachbarn, eine Flamme wäre aus dem Dache gefahren, so sprühend und wild, als wäre eine feurige Wölfin ~geradenwegs in den Himmel hineingesprungen~.

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachf., Stuttgart und Berlin

Rudolf Herzog

=Das goldene Zeitalter.= Roman. 30.-42. Tausend

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=Der Adjutant.= Roman. 33.-52. Tsd.

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=Der Graf von Gleichen.= Ein Gegenwartsroman. 152. bis 169. Tausend

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=Das Fähnlein der Versprengten.= Roman. 51.-70. Tsd.

Ganzleinen Rm. 6.50, Halbleder Rm. 10.--

=Kornelius Vanderwelts Gefährtin.= Roman. 1. bis 50. Tausend

Ganzleinen Rm. 6.50, Halbleder Rm. 10.--

=Ausgewählte Novellen.= Mit einer biographischen Einleitung von ~J. G. Sprengel~

Ganzleinen Rm. 2.--

=Gedichte.= 41.-46. Tausend

Ganzleinen Rm. 5.--

=Wir sterben nicht!= Lieder und Balladen. 21.-41. Tausend

Gebunden Rm. 1.30

=Stromübergang.= Dramatisches Gedicht in einem Aufzug 1.-20. Tausend

Ganzleinen Rm. 1.60

=Windzeit und Wolfszeit.= Gedichte. 1.-43. Tausend

Halbleinen Rm. 1.30

=Die Condottieri.= Schauspiel. 4.-13. Tausend

Geheftet Rm. 1.80, Halbleinen Rm. 3.20

=Auf Nissenskoog.= Schauspiel. 2.-12. Tausend

Geheftet Rm. 1.80, Halbleinen Rm. 3.20

=Herrgottsmusikanten.= Lustspiel. 2.-13. Tausend

Geheftet Rm. 2.--, Halbleinen Rm. 3.50

=Gesammelte Werke.= Erste Reihe in sechs Bänden. 44. bis 48. Tausend

Ganzleinen Rm. 40.--, Halbleder Rm. 60.--

-- Zweite Reihe in sechs Bänden. 31.-33. Tausend

Ganzleinen Rm. 40.--, Halbleder Rm. 60.--

-- Dritte Reihe in sechs Bänden. 1.-10. Tausend

Ganzleinen Rm. 40.--, Halbleder Rm. 60.--

=Rudolf Herzogs Leben und Dichten.= Von ~Johann Georg Sprengel~. Mit acht Bildnissen.

Halbleinen Rm. 2.20