Kaspar Krumbholtz

Part 9

Chapter 93,545 wordsPublic domain

Trösten konnte er so wenig wie ein anderer Mensch, nur mitfühlen -- das ist alles, was einer vom anderen erhoffen darf.

Und so weinten die beiden Freunde sich ruhig miteinander aus; dann ward ihnen leichter, und nach und nach fanden sie auch Worte, stammelnd -- abgerissen, aber voll unendlichen Schmerzes und reiner Liebe.

Zusammen gingen sie nachher zu Ursemis Mutter, die weit gefaßter war als die Tochter und in allerlei Sorgen für das Begräbnis, für die zu erwartenden Leidtragenden, für die Fabrik undsoweiter sichtlich eine Art von Trost oder wenigstens von Schmerzablenkung gefunden hatte.

Noch für den selben Abend ward der beste Freund des Dahingeschiedenen, der Geheimrat Volpelius, der auch Testamentvollstrecker war, erwartet.

Kaspar erbot sich, ihn abzuholen. Ursemi wollte es sich jedoch nicht nehmen lassen, ihren nunmehrigen Hauptberater selbst am Bahnhof zu empfangen, und so fuhren die beiden hinaus.

Während man durch den herrlichen, mondscheinschummrigen Park fuhr, erzählte Ursemi von den letzten Tagen und Stunden des Vaters.

Immer wieder habe er von Kaspar gesprochen, noch zuletzt auf seine Ankunft gehofft, und eines der letzten Worte an sie wäre gewesen: »Brauchst du nen Alten, Kind, geh zu Volpelius; brauchst du nen Jungen, rufe Kaspar! Das sind die treusten, auf die kannst du immer bauen.«

Leise drückte Kaspar Ursemi die Hand, als wollte er ihr danken anstelle des Mannes, dem er nicht mehr danken konnte.

Dann sagte er fest: »Das soll er nicht umsonst gesagt haben. Wo ich auch bin, Ursemi -- ich komme, wenn du mich rufst, und will dir treulich zur Seite stehn wie ein guter Bruder.«

Kaspar wußte, was er sagte, und es durchschauerte ihn leise bei diesem ehrlich gemeinten, völligen Verzicht auf jedes Begehren; aber er glaubte nur so das Vertrauen jenes Toten sich verdienen zu können, des Mannes, der an ihm allzeit gehandelt hatte wie der beste und treuste Vater.

* * * * *

Das Begräbnis mit seinen vielen drückenden Äußerlichkeiten, mit den üblichen quälenden, verletzenden Unwahrheiten und seinen hergebrachten Roheiten gegen die Hinterbliebenen war vorüber.

Zahllose Leidtragende waren erschienen, darunter auch die beiden Grafen Brosyn, die beiden Brettwitze und von Darichs die ganze Familie.

Hans Sebalt war ebenfalls eingetroffen. Er war Mama Winkler ein rechter Trost und bei den vielen Anordnungen, die ein so gewaltiges Begräbnis verlangte, in der Tat eine brauchbare Hilfe.

Was Hans der Mutter, war die treue Dente der Tochter. Die tapfere, tatfreudige Vorsteherin half der gebrochenen Ursemi rasch wieder ins Leben hinein.

Die Leiche war vorläufig in der verlassenen Herrschaftsgruft der Dorfkirche beigesetzt worden, später sollte laut Testament ein schlichtes Grabhaus inmitten der schönsten Parkbäume für die Winklersche Familie gebaut werden. Es war dem Verblichenen ein lieber Gedanke, in seinem Walde der Auferstehung entgegen zu schlummern.

Am Tage nach der Beisetzung fand man den alten Toni verendet mit blutiggekratzten Pfoten vor der Kirchtür, neben ihm laut heulend die unglückliche Cleo, die zwei Tote beklagte, sich aber schließlich trösten ließ und noch etliche Jahre ihr Dasein fristete.

Einige Tage nach der feierlichen Testamenteröffnung bat Geheimrat Volpelius Kaspar und Hans zu sich und teilte ihnen mit, daß der Verewigte ihnen eine Summe von 10000 Talern in 4 prozentigen Papieren vermacht habe und außerdem ihre Stipendienverpflichtungen gegenüber der Unität von ihm als Testamentvollstrecker abzulösen seien. Außerdem läge je ein Brief an die Herren beim Testament, den er ihnen hiermit aushändige. Nach mündlichen Verabredungen mit ihm sei es der Wunsch des Toten gewesen, die Herren sollten ihr kleines Kapital nicht vor der Zeit anreißen, sondern zusehen, daß sie, wie im Falle des Stipendiums, mit 100 Mark im Monat auskämen und so einstweilen ihre Studien beendeten. Er wäre gern bereit, die Verwaltung des Kapitals ihnen zu besorgen. Für später, nach Vollendung des Studiums, hätte Herr Winkler gewünscht, daß die Herren eine größere Bildungsreise unternähmen, dazu würde ihnen seinerzeit die von ihm und sechs Kuratoren nunmehr zu organisierende Winklerstiftung, der die Fabriken und ihr Ertrag testamentarisch überwiesen seien, etwaige besondere Mittel gern gewähren. Alles Nähere über diese Stiftung, die hoffentlich dereinst auch ihre Dienste in Anspruch nehmen dürfe, würde ihnen nach Absolvierung ihrer Studien mitgeteilt werden.

Mit Staunen und tiefer Bewegung hatten Kaspar und Hans den Ausführungen des ehrwürdigen Volpelius zugehört, dann ergriffen sie dankerfüllt seine Hand und gelobten, das Vermächtnis des geliebten väterlichen Freundes nach seinen Wünschen zu gebrauchen und baten den alten Herrn sofort, ihnen nur monatlich die 100 Mark Zinsen zugehen zu lassen. Dann schritten die Freunde in den sonnenhellen Park hinaus.

Kaspar fand keine Worte vor Bewegung und Trauer. Hätte er dem lieben, herrlichen Manne doch noch einmal in die grauen, treuen Augen blicken können.

Was hatte er ihm zu danken -- alles -- alles, was lieb und licht in seinem Leben gewesen war und sein würde. Was wäre ohne ihn aus dem schwerblütigen, verbitterten Zögling von Gnadenzell geworden? Kaspar wagte es nicht auszudenken und schritt allein dem Walde zu.

Hinauf, hinauf in die Berge mußte er jetzt -- in den blauen Wald des lieben Dahingegangenen, der so viel in seinem fruchtbringenden Leben geschaffen und nun auch noch dafür gesorgt hatte, daß seine Schöpfungen weiterschufen.

Das war ein Wirken, war ein Dasein, das sich lohnte, das segenspendend war und blieb, vielleicht für Generationen hinaus.

* * * * *

Hans Sebalt hatte sich rasch von Kaspar getrennt und neugierig nach dem Briefe gegriffen, den er vorhin sorglich in die Brusttasche gesteckt hatte. Im Gehen durchflog er ihn.

Plötzlich stand er still, und sein Gesicht verfinsterte sich.

Was stand da? Herr Winkler traue ihm leider nicht recht zu, daß er, auf eigene Füße gestellt, sein Kapital auch erhalten könne. Was, er, der sparsame Hans Sebalt? Darum bitte er ihn noch einmal dringend, nie ein Papier zu verkaufen, ohne vorher Herrn Volpelius darum zu fragen. Das Geld festzulegen, wäre vielleicht klüger, aber nicht erzieherischer gewesen. Jeder solle für sich selber im Leben stehen, nur die Hilfe anderer nicht ganz verschmähen, am wenigsten den Rat erfahrener Freunde.

Hans Sebalt lächelte ein wenig überlegen. Er würde die Befürchtungen des redlichen Toten schon glänzend widerlegen. Gerade jetzt, in voller Freiheit, würde er der Welt zeigen, was er leisten und wie er sich selbst regieren könne.

Aber keinem wollte er es sagen, daß er ein Krösus geworden. Auch die Familie durfte es nicht erfahren, höchstens die Eltern. Vor allem -- die Unitäter müßten schweigen, ha -- die würden Augen machen, er ein freier Mann -- nun hatte Bethel freilich das Nachsehen -- jetzt stand ihm die Welt offen, ihm, dem Besitzer von 30000 Mark.

Beinahe hätte Hans Sebalt Hurra gerufen, aber noch zu rechter Zeit fiel ihm ein, daß da drüben ein Trauerhaus stand, und daß man ihn hätte hören können.

So ging er leise trällernd ins Dorf hinab und grüßte die ihn grüßenden Arbeiter und Häuslerkinder gönnerhaft verbindlich wieder -- ganz wie es sich für einen Mann von zehntausend Talern gebührte.

* * * * *

Währenddessen schritt Kaspar langsam bergan und dachte über seine Zukunft nach. An seinem Vorhaben mit Herrnhut sollte das Vermächtnis nicht das geringste ändern. Ja, wenn die Brüdergemeine ihn wollte, wie er nun einmal war und dachte -- dann sollte sie ihn jetzt erst recht haben.

Jetzt, als ein wahrhaft Freier, jetzt konnte er ihr mit seinen Diensten etwas von dem zurückzahlen, was er doch schließlich der Gemeine, wenigstens ihren besten Vertretern, wie einem Hansen, Bartel und Bauding, schuldete. Hatte man ihn nicht treu und redlich erzogen, ihn nicht leidlich gut, jedenfalls gerecht behandelt und sich seiner stets, wenn auch nicht immer warm, aber vornehm, angenommen, ihn nie etwas unbedingt Notwendiges entbehren lassen, höchstens ein wenig Liebe?

Nein, jetzt wollte Kaspar auch zeigen, daß er sich nicht lumpen ließe, wenn anders man ihn brauchen konnte.

Und 100 Mark monatlich! Du lieber Gott, er und 100 Mark! Davon konnte er gewiß noch sparen, auch in einer großen, teuren Stadt wie etwa Leipzig. Vielleicht konnte er nun dem armen Magdalenchen ein wenig helfen -- er wollte doch nach ihr forschen.

Herrlich, daß er jetzt einmal auch andern etwas schenken konnte. O wie süß war doch das Geben, wie bitter das ewige Nehmen! Er wußte es zur Genüge, und er wollte nun ein fröhlicher Geber werden, den Gott liebhaben sollte, wie er ihn.

»Ja -- Gott -- Ewiger -- Gütiger, der Du irgendwo über mir waltest! Liebe -- unendliche, die Du Dich meiner angenommen und mich so tief beschämt hast! Gott, großer Gewaltiger, laß Dir mein wirres Stammeln, mein dankbar überquellendes Herz gefallen, führe mich weiter, Unergründlicher über den Welten! Laß auch mich Frucht bringen im Leben wie er -- Dein Diener. Laß mirs gelingen -- ich vertraue Dir blind -- und will Dein unwürdiger Knecht bleiben -- solange ich atme. Amen!«

Das war das erste Gebet, das Kaspar Krumbholtz von den Lippen flutete, seit jener furchtbaren Kampfesnacht auf dem »Berge« zu Gotteshaag.

In lang nachzitternder Bewegung schritt der junge Lehrer immer weiter und weiter, bis er endlich mit leisem Schauer in den blauen Lieblingswald des toten Freundes trat.

Andächtig setzte er sich auf die Bank, auf der Herr Winkler so oft und gern gesessen und hinabgeschaut hatte auf seiner Väter Werk, die Fabriken, und auf seiner Hände Werk, den Park.

Die Sonne neigte sich mählich da draußen in der weiten, städte- und dörferreichen Ebene zu Tal; ihre schrägen Strahlen spielten noch liebevoll mit einigen hohen Fabrikschloten und dem höchsten Hause von Reda, der Winklerschen Villa.

Nun lag der Mann, der so oft hier neben ihm gesessen und stets wie ein liebreicher Vater zu ihm gesprochen hatte -- starr und kalt da unten in der dumpfen Gruft. Aber nur sein Leib war dahin, sein Geist lebte und waltete weiter und unsichtbar über dem Dorfe, über der Fabrik, über Park und Wald, auch über ihm.

Kaspar glaubte es zu fühlen, und unwillkürlich griff er jetzt erschrocken nach der Seitentasche, in die er vorhin wie geistesabwesend den kostbaren Brief hatte gleiten lassen.

Gott sei Dank, er war noch da, und mit stiller Wehmut entfaltete ihn Kaspar und las unter heißen Tränen die vertrauten gleichmäßigen Züge der von ihm so heiß verehrten Hand:

Mein lieber Junge!

Du weißt nicht, welche Herzensfreude Du mir allzeit warst, und wie ich an Dir gehangen habe. Das sollst Du ganz erst erfahren, wenn ich nicht mehr bin. Ich habe mir zeitlebens heiß einen Sohn gewünscht, er war mir versagt. Da sandte Gott Dich mir zur Zeit meines tiefsten Wehs, Dich, den Sohn meines liebsten Lehrers. Ich durfte für Dich sorgen wie ein rechter Vater, und Du hast mirs mit treuer Liebe vergolten, Dank Dir, mein Junge! Nun halte die Treue auch weiter meinem Kinde, es komme, was wolle. Ich habe in Deinem Leben nie Vorsehung spielen wollen, das tut nie gut, und ich bitte Dich: handle ebenso an meiner Ursemi. Aber bleibe ihr der ruhige, zurückhaltende Freund, der ich Dir sein wollte. Freilich -- nun habe ich doch ein wenig in Dein Leben eingegriffen durch mein Vermächtnis. Verzeih es mir, lieber Junge, aber ich mußte Dir die Sicherheit zu Deiner ruhigen Entwickelung aufzwingen um Deiner selbst willen und um meines Kindes wie meiner Stiftung willen, die für die Zukunft vielleicht beide einen freien, wissenschaftlich durchgebildeten und welterfahrenen Freund brauchen. Deiner Entscheidung betreffs des Unitätdienstes vorgreifen zu wollen liegt mir fern. Tu wie bisher, was Du vor Deinem Gewissen verantworten kannst und wozu es Dich innerlich treibt. Das, mein lieber Junge, ist die Hauptsache im Leben, dann bleibt man sich selbst getreu. Und nun küsse ich Dich noch einmal im Geiste mit väterlicher Liebe und bitte Dich, bleib wie bisher aufrecht und redlich gegen Dich und andere, dann wird in Ruh und Ehren schlafen

Dein lieber Vater

Wilhelm Winkler.

Nur mit äußerster Mühe hatte Kaspar zu Ende lesen können, denn die Buchstaben tanzten gleichsam vor seinen von Tränen überströmenden Augen.

Dann brach er, in namenlosem Schmerz zuckend, zusammen -- und die Sonne sank.

Zehntes Kapitel

Die Synode

Kaspar Krumbholtz war gerade zur rechten Zeit nach Herrnhut gekommen.

Die liebliche lausitzische Landstadt prangte nicht nur im üppigsten Blütenschmuck ihrer altmodisch anmutigen Gärten und ihrer seit über hundert Jahren steifgestutzten Lindenalleen, sondern auch als Brüdermetropole erstrahlte die alte Stadt Christian Davids, des tapferen mährischen Ansiedlers, im Glanze großer Tage und wichtiger Beratungen.

Im stattlichen, doch stimmungsvoll intimen Chorsaal des alten Witwenhauses tagte die Provinzialsynode der Deutschen Brüder-Unität, und in hartem, heißem Strauß stießen diesmal die Geister aufeinander; denn es handelte sich um die Lehrfrage, die seit Jahren die Gemüter von jung und alt in fast allen Gemeinen bewegte und tief beunruhigte.

Im Mittelpunkt der aufregenden Verhandlungen standen: ein drohender Antrag der Gemeine Altenworth und ihres Gemeinhelfers Lengwitz auf Aufhebung des theologischen Seminars zu Gotteshaag; ein anderer kaum minder gewichtiger Antrag von 27 hochangesehenen Brüdern, Theologen wie Laien, auf ein Mißtrauensvotum gegen die Dozenten; und schließlich lag ein dritter vermittelnder Vorschlag vor: die brüderischen Studenten von nun an wenigstens für 3 oder 4 Semester an eine Landesuniversität, womöglich zu positiven Theologieprofessoren, zu senden.

Schnell hatte sich Kaspar, der im Brüderhaus Unterkunft gefunden hatte, orientiert und ging mit einigen Betheler Bekannten möglichst frühzeitig zum Sitzungssaal, denn der Andrang war gewaltig. Einen Sitzplatz zu finden hielt schon jetzt schwer.

Dicht gedrängt saß bereits um die Stühle der Synodalen eine vor Spannung ungeduldig wispernde Menge; namentlich viele ältere Schwestern mit allerlei Handarbeiten und einem Überdrang landläufiger Weisheit.

Allgemein erwartete man für heute die Entscheidung, und es war gar nicht unmöglich, daß der Guillotinenantrag Lengwitz auf das Seminar herabsausen würde.

Die Stimmung gegen das Seminar und seine Lehrer war jedenfalls mächtig erregt, zumal einer dieser Brüder kurz zuvor eine Broschüre veröffentlicht hatte, die völlig auf dem Boden der philologisch historischen Bibelkritik stand und nicht nur Gemeinmitglieder, sondern auch sehr viele Freunde der Herrnhuter verwirrt und verletzt hatte.

Kaspar wußte von alledem nicht viel. Er hatte in letzter Zeit andere Dinge im Kopf; immerhin fühlte er instinktiv, daß auch über sein inneres Verhältnis zur Gemeine, über die Möglichkeit seines Verbleibens im Unitätdienst heute eine Entscheidung herannahte.

Es drängte ihn auch danach, da er endlich klar wissen wollte, woran er mit seiner Zukunft sei.

Und doch bebte der Herrnhuter in ihm.

* * * * *

Die Synodalen erschienen, meist schweigend und ernst, voran der ehrwürdige Vorsitzende, Bischof Kröger.

Mit dem üblichen kurzen Gottesdienst begann die Sitzung, und nicht ohne Ergriffenheit nahmen viele von der nachdenksamen Losung des Tages Notiz, die Paulus den Korinthern schrieb: »Ich wollte, ihr möchtet ein wenig Torheit von mir ertragen, doch ertraget mich auch, denn ich eifere um euch mit Gottes Eifer.«

Einige der Schwestern stießen sich heimlich an und zischelten sich leise zu: da sei doch deutlich Gottes Finger zu spüren. Aber die einen betonten die Torheit, die anderen das Ertragen und wieder andere das Eifern.

Es folgte die Verlesung zweier brüderlicher Schreiben aus der englischen und amerikanischen Provinz, beide des Wunsches voll -- man möge mit Vorsicht und brüderlicher Liebe zu Rate gehen -- und mit der Versicherung treulichster Fürbitte vor Gott.

Zur Eröffnung der Verhandlungen wurden die drei schon gedruckten Anträge nochmals vom Schriftführer, Bruder Röder, verlesen und die Brüder gebeten, sich der Liebe zu befleißigen auch bei etwaiger tiefgehender Verschiedenheit der Anschauungen. Darauf erhielt der Gemeinhelfer der Altenworther das Wort.

»Liebe Brüder,« begann Bruder Lengwitz mit sichtlicher Befangenheit, »ich bin mir der historischen Bedeutung dieses für unser Kirchlein vielleicht entscheidenden Augenblicks ebenso bewußt, wie meiner Verantwortung. Die allgemeinen Gesichtspunkte für diesen ganzen, uns so tief erschütternden Lehrstreit haben wir in zahllosen Debatten längst gewonnen und allerseits zur Genüge vertreten. Heute gilt es, die verschiedenen Ergebnisse gegeneinander abzuwägen und zu handeln! Die Kluft, die zwischen dem Gros unserer Gemeingeschwister und den Brüdern aus den letzten Jahrgängen unseres theologischen Seminars klafft, ist nicht von heute. Schon auf den beiden vorhergehenden Synoden hat sie uns schwere Sorgen gemacht und uns eingehend beschäftigt. Wir haben, namentlich solange Bruder Hansens Autorität uns eine gewisse Gewähr bot, zu besonderen Schritten gegen das Seminar uns nicht entschließen können, sondern uns der leider trügerischen Hoffnung hingegeben, die Entwickelung des Seminars werde von selber in positivere Bahnen einlenken. Statt dessen ist es schlimmer geworden, viel schlimmer sogar, als es auch die Pessimisten unter uns befürchtet haben. Von einem dozierenden Bruder, der mit Titel und Amtsbezeichnung, also mit voller Verantwortung zeichnete, ist eine Schrift veröffentlicht worden, die auch dem unverbesserlichsten Optimisten die Augen darüber öffnen muß, wohin wir eigentlich treiben: nämlich auf die Ausschaltung der Grundbegriffe unserer Heilslehre durch unsere jungen Diener am Wort. Man zweifelt nicht nur an diesem oder jenem im Worte Gottes, wie früher, ja wohl zu allen Zeiten einzelne Lehrer, sondern man schaltet keck die Hauptsachen aus. Man leugnet die Zuverlässigkeit ganzer Evangelien und Apostelbriefe, man bezweifelt die Gottessohnschaft Christi, seine Auferstehung und Himmelfahrt und rüttelt damit an den Grundfesten unseres Glaubens. Wir wollen keine Ketzerrichter sein, Geliebte im Herrn, und wollen auch diesen Forschern ihre Redlichkeit gern zubilligen; aber wir wollen uns ebenso ehrlich fragen: Hat es für unsere kleine Kirche noch Zweck, ein solches Institut zu unterhalten, dessen Dozenten und Zöglinge für die heiligsten Überzeugungen der Gesamtgemeine kein Verständnis mehr haben, vielmehr in schroffsten Gegensatz zu ihrem Glauben treten, ihren Mitgliedern im besten Falle mit gewundenen Erklärungen, oft genug gar mit unverhüllten Zweifeln die frohe Gewißheit ihrer Heilswahrheiten und damit den inneren Frieden, ja die beste Hoffnung im Leben wie im Sterben rauben? Auf Grund langer gründlicher Selbstprüfung, auf Grund eingehender Rücksprache mit meiner Gemeine, mit vielen andern Geschwistern, Laien wie Klerikern, antworte ich fest und ruhig: Nein! Reißen wir das Glied, das uns ärgert, aus, ehe denn der ganze Leib verderbe, setzen wir nicht aus brüderlicher Langmut und Schwachheit gegen diese wenigen, sicherlich ehrlich ringenden, aber irrenden Brüder die Zukunft von Tausenden, die Zukunft unserer Gesamtgemeine aufs Spiel! Wir sind langmütig und nachsichtig genug gewesen, wir haben mehrfach gebeten und gewarnt. Nun ~gilt es zu handeln~, ehe es zu spät ist, und darum bitte ich die Brüder, für die ~Aufhebung des Seminars~ in Gotteshaag zu stimmen und bis auf weiteres unsere jungen Theologen auf die Universitäten zu schicken zu möglichst positiv gerichteten Professoren.«

Die meisten Synodalen saßen unbeweglich da. Einige schüttelten die Köpfe. Nur in der Menge der zuhörenden Geschwister, zumal auf der Schwesterseite, merkte man vielfach, freilich vornehm verhaltene Zustimmung.

Dann erteilte Bruder Kröger dem derzeitigen Direktor des Seminars, Bruder Krageneck, das Wort.

Bleich vor innerer Erregung, aber völlig beherrscht in Form und Gebärde, sprach der hagere, von der schweren Last unendlicher Arbeit und unaufhörlicher Sorgen schier erdrückte Mann: »Liebe Brüder, wenn es euer Wille ist, unser Seminar aufzuheben, dann würde ich -- ihr werdet es mir ohne besondere Versicherung glauben -- nicht gerade der leidende Teil sein. Aber ich stehe auf meinem Posten, solange es die Pflicht gebietet. Nur ist es eine unsagbare Qual, in solcher Zeit, unter solchen Umständen, ein so verantwortungsvolles Werk zu leiten, wenn das Vertrauen fehlt! Das kann nicht so weitergehen. Und darum rede ich nicht gegen den Antrag Lengwitz, denn lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Auch zu dem Antrag 2 werde ich nicht mehr sprechen, nur nach seiner eventuellen Annahme handeln, das heißt sofort zurücktreten. Dafür wende ich mich nun um so schärfer gegen den 3. Antrag, der darauf hinausläuft, die Studienzeit in Gotteshaag zu verkürzen zugunsten einiger Universitätsemester unserer studierenden Brüder. Liebe Freunde, sollen wir etwas Ganzes und leidlich Rundes in Gotteshaag erzielen, brauchen wir mindestens die bisherige Zeit. Schickt unsere Seminaristen später auf die Universität, aber nicht zwischenhinein. Im übrigen werden die positiven Professoren wenig helfen. Das ist eine Laienansicht. Der Student, der ohne ernstliche Nachprüfung auf die +verba magistri+ schwört, ist nicht der rechte. Ein jeder muß sich selbst mit den Dingen auseinandersetzen. Und dazu die Hörer anzuregen -- danach strebt jeder gewissenhafte Lehrer, und das sind wir -- hoffe ich -- alle, auch der Bruder, den man um seiner Schrift, die ich nicht für glücklich, aber auch nicht für unwissenschaftlich halte, angegriffen und versetzt hat. Wir sind Männer der Wissenschaft, so gut wie jeder auswärtige Dozent, das heißt wir geben, was wir auf Grunde redlichster Forschung zurzeit für das Wahrscheinlichste halten müssen. Auch wir stehen, wie jeder Erdgeborene, im Bann der historischen Entwickelung. Wir sind irrende Menschen, so gut wie ihr; aber wir ringen auch nach der Wahrheit, rücksichtslos, wie es unsere Pflicht ist. Denn eine Wissenschaft mit einem von vornherein festgelegten Endzweck -- und wäre es der erhabenste -- wäre keine Wissenschaft. Und ich meine, wir haben nach bestem Vermögen Wissenschaft zu treiben, Forschungsmethode, aber ~nicht einen Glauben zu lehren~! Den muß sich jeder selbst erkämpfen, für den hat auch jeder selbst einzustehen, und keiner hat ihm dreinzureden. Die innersten Überzeugungen und Anschauungen wechseln jedoch bei jedem lebendigen Menschen mit den Phasen seiner Entwickelung, genau so wie die Anschauungen der Generationen eines Volkes. Nicht jeder, der als junger Student zweifelt, wird beim Zweifel verbleiben, oder gar zum bequemen Skeptiker werden. Im Gegenteil, wer beizeiten kämpfen gelernt hat, wird weiterringen, solang er atmet, und wird auch ~erringen~. Und nur dazu wie zum unablässigen und furchtlosen Prüfen haben wir unsere studierenden Brüder zu erziehen. Könnt ihr, liebe Brüder, solche suchende Diener am Wort nicht mehr vertragen und fordert statt dessen zuverlässige, genau geaichte Dogmatisten -- dann ist es allerdings an der Zeit, euch zu fragen, ob es sich lohnt, für eine innerlich schon erstarrende Gemeine noch weiter innerlich lebendige Führer heranzubilden.«

Die Wogen der Erregung gingen hoch im Kreise der Synodalen wie der zuhörenden Geschwister, die schier atemlos den scharfbetonten Worten des Redners gelauscht hatten.

Außer Kaspar Krumbholtz war jedoch kaum einer im ganzen Saale, dem der eindringliche Warner voll aus der Seele gesprochen hatte; aber wohl jeder fühlte nach dieser leidenschaftlosen und gerade darum leidenschafterregenden Rede den ganzen furchtbaren Ernst der Lage.

Nach einigen bangen Minuten des Zischelns und Tuschelns erhob sich ein graubärtiger Laienbruder, namens Wechler, seines Zeichens Kaufmann, und sprach mit einer von verhaltener Rührung zitternden Stimme: