Part 8
Schlegelmeyer schnitt daraufhin den Stubenkollegen für einige Tage, was jedoch auf Karl Knortz nicht den geringsten Eindruck machte.
* * * * *
Mit großer Vorsicht ging Kaspar Krumbholtz daran, den allerdings ziemlich unbotmäßigen Geist seiner neuen Stubengesellschaft zu bändigen und zu wandeln.
Einige Knaben, so den recht tüchtigen englischen Senior Hopkins, den verständigen Nordfranzosen Lagrange, die beiden treuherzigen Schweden Olafsen und Astrupp, kannte er vom Geschichtsunterricht her als gute Schüler und anständige Charaktere. An sie suchte er sich zu halten und sich aus ihnen gleichsam die Kerntruppe für seine Heeresreform zu bilden. Rasch gewann er sie auch, indem er ihrem Ehrgeiz neue Ziele setzte.
Sodann studierte Kaspar Krumbholtz sehr eingehend das Strafbuch, das allerdings beängstigend aussah, ja kaum noch vier oder fünf Knaben als unbestraft erkennen ließ. Immerhin ergab sich, daß auf zwei Zöglinge nahezu die Hälfte aller Strafen gekommen war.
Es waren Burton, ein durchtriebener Londoner Gamin, der aus sehr guter Familie war und daher leider bei den Engländern etwas galt, und Palmier, der im ganzen Hause längst berüchtigte und auch von seinen Landsleuten gemiedene Sohn eines Genfer Weltreisenden und Millionärs, der sich wohl niemals um seinen Sohn recht gekümmert hatte.
An diesen beiden Burschen schien allerdings Hopfen und Malz verloren zu sein; aber gerade darum lockte es Kaspar ungemein, Einfluß auf sie zu gewinnen. Zunächst gab er sich einmal fast jeden Tag, an dem er Dienst hatte, mit ihnen persönlich ab.
Das schmeichelte dem Genfer, der bisher bei seinen Kameraden und Lehrern so ziemlich für »unten durch« galt, und so gewährte er dem neuen Lehrer, wie er sich prahlerisch einmal ausdrückte, »vorläufig Schonzeit«. Bald hatte auch Bruder Krumbholtz ermittelt, daß Palmier recht gut zeichnen konnte, und zwar durch eine nicht üble Karikatur auf sich selbst, wie er als Mister Kobolz durch einen Fußtritt von Hopkins zur zweiten Stube herausflog.
Kaspar sagte mit ruhiger Würde, wenn die Karikatur nicht ihn selbst, sondern etwa einen seiner Kollegen betroffen hätte, so hätte er Palmier strafen müssen; so könne er nur gestehen, daß sie ihm Spaß mache, so daß er sie sich zum Andenken aufheben würde. Nur müsse er bemerken, daß der Fuß von Hopkins völlig verzeichnet sei.
»Wieso?« fragte Palmier völlig verblüfft.
Bruder Krumbholtz skizzierte ihm sofort die richtige Haltung des Beins und demonstrierte ihm an sich als Modell die beabsichtigte Haltung.
Palmier gab es schließlich zu und zeichnete einstweilen allerhand andere Dinge, dann aber wieder eine Karikatur, diesmal von Bruder Abraham, wie er bei Punkt sieben durch das Rohrgeflecht brach.
Kaspar Krumbholtz fand die neue Arbeit sehr viel besser als die erste, steckte sie sich auch lächelnd ein, und verhängte zugleich mit Seelenruhe die erste Platzstrafe über den Zeichner.
Alles lachte, und Palmier fühlte sich durchaus nicht so als Herr der Situation, wie er es wohl erhofft hatte.
Nach ungewöhnlich kurzer Zeit hob Bruder Krumbholtz die Strafe auf und fragte den Sträfling ruhig: Was er eigentlich daran für ein Vergnügen fände, Bestrafungen zu erzwingen.
Kaltblütig antwortete Palmier: »Ich wollte nur sehen, ob Sie Wort halten.«
»Das glaube ich dir nicht,« meinte Krumbholtz ebenso kühl, »sondern du wolltest mich aus Laune mal wieder ärgern. Es ist dir nicht gelungen, bist du nun befriedigt?«
»Es wird mir schon noch gelingen,« versetzte Palmier tückisch.
»Schwerlich,« gab Krumbholtz ruhig zurück, »denn sieh mal, wenn du deine Streiche fortsetzt, dann strafe ich dich überhaupt nicht mehr, lasse dich links liegen, bis du reif bist, um aus der Anstalt entfernt zu werden.«
»Darauf werde ich es aber nicht ankommen lassen.«
»Schön, freut mich, Palmier. Wozu dann die viele Mühe? Willst du deines Witzes Kräfte mit mir messen, bitte, so bin ich gern bereit, und du weißt, daß ich Spaß verstehe. Willst du indes nur dein Mütchen an mir kühlen, um vor den Kameraden wenigstens den letzten traurigen Ruhm zu ernten, ein Hauptkerl in Bosheiten zu sein -- nun dann hast du eben in mir auch den letzten Menschen im Hause verloren, der dir ganz unbefangen ein starkes Interesse entgegenbringt.«
»Warum tun Sie das? Doch nur aus Ehrgeiz, um mich zu bändigen.«
»Durchaus nicht, sondern teils aus psychologischen, teils aus rein menschlichen Gründen. Ich weiß, Palmier, daß du nur aus einer gewissen Verzweiflung, aus einem ängstlichen Vereinsamungsgefühl heraus dein Dasein mit dergleichen leeren, bisweilen schlechten Vergnügungen erfüllst, um irgendwie Aufsehen zu erregen.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ich kann es nicht mathematisch beweisen, aber ich lese es aus den letzten Beweggründen der meisten deiner sogenannten Streiche, lese es aus deinem ganzen fahrigen, unsteten Wesen, deinem unsicheren Blick und allerlei anderen Anzeichen, die ich dir nicht unnötig verraten möchte, da ich dich weiter aufmerksam zu beobachten gedenke.«
»Das wünsche ich nicht,« fuhr nun Palmier unruhig auf, »lassen Sie mich in Ruhe.«
»Gern, mein Lieber, also schließen wir gegenseitig Frieden, und suchen wir gute Kameraden zu werden. Ich glaube, wir könnten uns mit der Zeit doch noch einiges austragen.«
»Was soll ich Ihnen austragen? Sie verabscheuen mich ebenso im geheimen wie alle die anderen.«
»Das bildest du dir eben ein, Palmier. Ich halte dich allerdings hier auf der zweiten Stube nicht gerade für ein bequemes Element; immerhin -- ich halte dich zugleich für einen klugen, scharf beobachtenden und künstlerisch begabten Burschen, der mir an anderer Stelle freilich lieber wäre, das sage ich ganz offen. Aber, mein Lieber, wenn du Lehrer wärst, würdest du dich wahrscheinlich auch nicht nur für die sogenannten Goldjungen interessieren, sondern vielleicht ebenfalls finden, daß die sogenannten Lausbuben meist sehr viel interessanter sind; man muß sie nur nicht tragisch nehmen. Also, +mon cher+ -- wollen wir uns vertragen? Zunächst mal auf vierzehn Tage zur Probe! Ists dir dann zu langweilig, kannst du mir den Waffenstillstand ja kündigen.«
Palmier ergriff die dargebotene Hand, und nach und nach bildete sich aus der bisherigen Gegnerschaft wirklich eine Art von Freundschaft heraus.
Sie war nicht ohne gelegentliche Störungen und mutete oft seltsam grotesk an -- zum Beispiel in den scharfgeschliffenen Disputen -- aber sie hielt nicht nur für Tramberg, sondern schließlich fürs Leben.
Kaspar Krumbholtz wurde mit der Zeit das für Palmier, was dessen Vater ihm -- wohl aus Bequemlichkeit -- nicht hatte sein wollen.
* * * * *
Auch dem anderen schwarzen Schaf, Burton, suchte der neue Lehrer der zweiten Stube beizukommen; aber bei dem Engländer galt es völlig anders vorzugehen.
Burton war weder eine Intelligenz, noch eine im Grunde überfeine und nur durch falsche Behandlung arg verhärtete Natur wie der Genfer Bankierssohn; nein, er war ein derber Großstadtlümmel mit einem ungeschlachten Witz und großer Frechheit.
Sein Erstes war es, danach zu trachten, mit einigen Helfern »Mr. Kobolz« beim Fußball über den Haufen zu rennen, aber das glückte nicht. Im Gegenteil, Kaspar Krumbholtz, der sich ebenso rasch die zwei getreuen Schweden zu Hilfe gerufen hatte, brachte Burton und seine Spießgesellen zu Fall; ja, Burton bekam von Olafsen einen Tritt ans Schienbein, an den er lange mit wenig Vergnügen dachte.
Nun schwor er Rache und tat alles, um womöglich die ganze englische Kolonie gegen »Mr. Kobolz« aufzuhetzen. Er streute aus, Kobolz hasse die Engländer noch mehr als Herr Muffke; er freunde sich mit Franzosen und Genfern, sogar mit dem verrufenen Palmier an; ja, er bilde sich eine geheime Schutztruppe aus den Schweden, mit denen der sportfrohe Kaspar allerdings gern Schneeschuh lief.
Zunächst fiel Burton mit seinen Verleumdungen bei den vornehmeren Engländern ab, indessen -- +semper aliquid haeret+!
Man beobachtete »Mr. Kobolz« nun daraufhin, und man fand, daß er sich allerdings mit Lagrange, Olafsen, Astrupp und leider auch Palmier besonders viel abgebe. Dazu kam ein viel schlimmeres Vergehen gegen die britische Hegemonie und das heilige Nationalgefühl der Söhne Albions.
Im Geschichtsunterricht der obersten Klasse hatte Bruder Krumbholtz die Freiheitskriege zu behandeln und schließlich auch die Schlacht bei Belle Alliance. Schon daß er sie nicht nach Waterloo benannte, war reichlich verdächtig. Als er dann noch von Wellingtons Fehlern, von seinem Entschluß und Befehl zum Rückzug sprach und schließlich gar nachwies, daß nur ein verschwindend kleiner Teil richtiger Engländer in der Schlacht mitgefochten habe, und daß jedenfalls die Palme des Sieges nicht in erster Linie Wellingtons bekannter Hartnäckigkeit, sondern Gneisenaus Feldherrntalent und Blüchers Energie und Charaktergröße gebühre, da beschloß das englische Sonntagnachmittags-Meeting einstimmig, »Mr. Kobolz« zu schneiden.
Nun begann Burtons Weizen zu blühen. Er inszenierte sofort einen rohen Streich, band während des Abendsegens heimlich die Schlafrockschnüre von Palmier und Olafsen zusammen, so daß beim Gutenachtsagen der vom forteilenden Palmier plötzlich nach hinten gerissene Schwede hinstürzte.
Bruder Krumbholtz rief die ganze Gesellschaft zusammen und sagte: Er wolle keine große Untersuchung anstellen, er wolle nur darauf aufmerksam machen, daß es taktlos sei, gerade eine religiöse Andacht zu dummen Gassenbubenstreichen zu benutzen.
Burton ärgerte sich; er hatte natürlich auf ein ausführliches Gesamtverhör gerechnet und sich schon auf ein handfestes Ausreden mit der beliebten jesuitischen Wortklauberei, einem Sport vieler englischer Knaben, gefreut.
Am übernächsten Abend ward der plumpe Streich an zwei anderen unschuldigen Opfern wiederholt.
Diesmal fragte Bruder Krumbholtz nach dem Täter, freilich vergeblich. Kurzerhand erklärte er nun den Betreffenden für einen Feigling, der ihn eigentlich nichts anginge, da er es mit vielleicht übermütigen, aber nur ehrenhaften und mutigen Jungen zu tun haben wolle. Im übrigen habe er sehr begründeten Verdacht, daß der Täter einer Nation angehöre, die sonst gerade ungemein empfindlich sei, wenn man ihren religiösen Bräuchen, zum Beispiel in der Sonntagheiligung, irgendwie zu nahe trete.
»Ich bitte mir,« schloß Bruder Krumbholtz, »dieselbe Rücksicht aus für unsere religiösen Gewohnheiten und mache kein Hehl daraus, daß ich bei einer abermaligen Störung des Abendsegens dem taktlosen Burschen, wenn ich ihn ermittle, das geben werde, was ihm gebührt, nämlich eine Ohrfeige.«
Nun war allerdings der Stolz Old Englands tief verletzt. Eine Ohrfeige auf den oberen Stuben auch nur anzudrohen, war etwas Unerhörtes, und vollends für einen Englishman! Empörend!
Ein Stubenmeeting tagte sofort heimlich und beschloß folgendes: Hopkins, der Senior, also ein nahezu Unverletzlicher, solle beim nächsten Abendsegen des Mr. Kobolz brummen oder grunzen. Dann wolle man doch sehen, ob er zuschlagen würde.
Hopkins weigerte sich lange, fügte sich aber schließlich aus Nationalgefühl und spielte auch wirklich die ihm aufgedrungene Rolle am übernächsten Abend.
Bruder Krumbholtz rief ihn vor und sagte sehr ernst: »Hopkins, du bist sonst ein anständiger Kerl, du hast dich wahrscheinlich nur als Opfer mißbrauchen lassen. Ich werde dich weder strafen noch züchtigen. Aber ich fordere nochmals den feigen Gesellen, der dahinter steckt, auf, sich zu melden. Ich bin sogar bereit, dem mutlosen Burschen die angedrohte Strafe zu schenken, er kann sich, nur mit meiner Verachtung beladen, davonschleichen.«
Keiner meldete sich, und ohne den Knaben Gute Nacht zu sagen, schickte Bruder Krumbholtz seine Zweiten zu Bett.
Er war selber verstimmt und auch erregt, denn er merkte gar wohl: es handle sich nunmehr um die Behauptung seiner Autorität.
Wieder tagte das Stubenmeeting, und Burton meinte stolz: Nun sähe man doch klar und deutlich, daß der »Prahlhans Kobolz« Angst habe. Jetzt könne man ihn endlich schmählich blamieren und vielleicht ganz los werden, den unbequemen Tugendbeutel.
Hopkins war anderer Meinung und riet dringend von weiteren Schritten ab, er mache jedenfalls nicht mehr mit. Man wurde diesmal nicht einig und brachte, da gerade Samstag war, die ganze Angelegenheit vor das große Sonntagnachmittagmeeting der gesamten englischen Kolonie.
Auch hier war man geteilter Meinung. Die Häupter der Ersten fanden es höchst unpassend von Burton, den Abendsegen für seine Streiche gewählt zu haben; anderseits konnte man die angedrohte Ohrfeige auch nicht auf sich sitzen lassen; endlich mußte Rache für Waterloo genommen werden.
Und so ward Burton beauftragt, selber die Sache siegreich auszutragen. Er würde vielleicht ausgeschlossen werden auf Nr. 13 -- mehr könne ihm nicht passieren. Zuschlagen werde Mr. Kobolz doch nicht.
Burton fügte sich knirschend, so ganz gemütlich war ihm der Handel nicht. Dieser Kobolz war ein merkwürdiger Kerl, und ganz zu verachten waren seine Kräfte auch nicht. Auf der Stube war wohl keiner ihm gewachsen, höchstens Hurlington, ein riesiger, etwas plumper Waliser mit wahren Bärentatzen, der beste Gawlkeeper der Anstalt. Wegen seiner Dummheit konnte er nicht auf die erste Stube kommen, denn er saß noch in der untersten Klasse und erfreute sich keiner großen Achtung, galt aber für einen guten Kerl.
An ihn machte sich nun Burton heran und brachte ihn schließlich dazu, beim übernächsten Abendsegen den Kampf zu wagen. Schlüge Kobolz -- so orientierte Burton seinen Ersatzmann -- so solle er nur ruhig wieder schlagen, denn mit Kobolz würde er, der baumstarke Hurlington, schon fertig.
Der Waliser fühlte sich sehr geschmeichelt und brummte richtig während des Abendsegens wie ein Bär.
Ruhig las Kaspar Krumbholtz seinen kurzen Psalm zu Ende, und schon triumphierten Burton und seine Kumpane. Dann aber trat Kaspar im Nu vor den überraschten Hurlington und schlug ihn zu Boden. Unbeholfen, nicht unähnlich dem Tier, das er nachgeahmt hatte, erhob sich der Waliser vom Boden und hielt die Fäuste geballt, wie zum Boxkampf entschlossen, vor sich. Scharf und ebenso entschlossen sah ihm Kaspar Krumbholtz in die Augen.
Zwei Sekunden standen sich beide unter atemraubender Spannung gegenüber, dann neigte sich der Sohn der Waliser Berge achtungsvoll vor seinem Erzieher und sagte kurz: »Oh, Mister Kromboltz, Sie haben Mut, +I beg your pardon+.«
Dann schlich die zweite Stube die Treppe hinauf zum Schlafsaal und legte sich mäuschenstill schlafen, während Kaspar Krumbholtz zu Bruder Lohmann ging und ihm von der notwendig gewordenen Ohrfeige Meldung erstattete, wie es die Hausordnung vorschrieb.
L³ lächelte, gratulierte dem mutigen Kollegen und sagte: »Bravo, diese Ausnahme lasse ich gelten, ich denke, jetzt sind Sie dicke durch auf 2. Wie ich die Engländer kenne, ist die Sache nun erledigt. Ich will daher den lieben Chef nicht erst unnötig durch Weitergabe der Meldung aufregen. Er versteht dergleichen nicht richtig.«
Für die Engländer war die Sache freilich noch nicht ganz erledigt.
Auf dem nächsten Sonntagmeeting wurde Burton öffentlich für einen Feigling erklärt und ließ sich daraufhin baldigst von seinem Vormund abmelden.
Kaspar Krumbholtz hatte von nun an keine größeren Schwierigkeiten mehr auf seiner 2. Stube -- dank der pädagogischen Ohrfeige.
Neuntes Kapitel
Abschiedsbriefe
Über Jahr und Tag war Kaspar Krumbholtz nun schon in der Tramberger Anstalt, aber noch immer war er sich darüber nicht klar, ob er Lehrer im Dienste der Brüder-Unität bleiben wolle oder nicht.
Erzieher war er nachgerade mit ehrlicher Begeisterung, aber als Lehrer fühlte er sich nicht so ganz am richtigen Platze.
Die Tramberger Anstalt war in erster Linie Ausländer- und Privatinstitut und nahm als solches in bezug auf staatliche Anerkennung wie auf Lehrplan eine Ausnahmestellung ein. Erziehen konnte man dort vorzüglich lernen, denn das Erziehungsmaterial war interessant und oft schwierig. Aber ein angehender Berufslehrer, der an die Sicherstellung seiner Zukunft zu denken hatte, kam in Tramberg nicht ganz auf seine Kosten.
Das empfand Kaspar nach und nach immer deutlicher. Mit der Theologie hatte er abgeschlossen, mit seiner unfertigen Vorbildung konnte er wohl im schwäbischen Tramberg, nicht aber an den brüderischen Hauptschulen, die unter preußischer Staatskontrolle standen, Dienste tun.
Er sprach die Angelegenheit mit dem einsichtigen Bruder Lohmann gründlich durch und schrieb dann auf dessen Rat an die Unitätbehörde.
Bruder Bauding schrieb umgehend zurück: die Sache wolle ausführlich erörtert sein; augenblicklich nähme jedoch die Vorbereitung der Synode seine Zeit völlig in Anspruch, auch stünden die großen Ferien vor der Tür. Vielleicht ließe es sich ermöglichen, daß Kaspar dann persönlich nach Herrnhut käme. Bis dahin solle er sich ernstlich prüfen, ob er dauernd der Gemeine dienen wolle oder nicht; er wisse ja nunmehr, was zu diesem Entschluß nötig sei.
Kaspar schüttelte ärgerlich den Kopf, denn das wußte er eben nicht, und in wenigen Wochen würde er das ebensowenig wissen.
Er zeigte den Brief L³, und dieser meinte lächelnd: »Keine Angst, lieber Kollege; Bauding ist kein Balzar, aber vor der Synode sind die Herren da oben etwas vorsichtig. Die Lehr- und Bekenntnisfrage steht wieder mal auf der Tagesordnung, und gegen uns jüngere Theologen ist man nachgerade ziemlich aufgebracht in den Laienkreisen.«
»Ach was -- Theologie hin, Theologie her,« entgegnete Kaspar rasch, »für mich ist das Entscheidende: Wollen die Unitäter mich glauben lassen, was ich glauben ~muß~, oder verlangen sie von mir, daß ich glauben soll, was sie glauben. Dann sind wir sofort geschiedene Leute. Ich stehe freilich schon jetzt nicht mehr auf dem Standpunkt, auf dem ich vor etwa zwei Jahren in Gotteshaag stand, und bin mir einer leisen Fortentwickelung froh bewußt. Ich bin ruhiger geworden durch befriedigende Arbeit und eine fast unmerkliche Spur von Gottes geheimem Walten in meinem Leben. Ich will auch gern weiter warten und lauschen, was er mich hier und da hören läßt. Aber den Vätern etwa vorlügen, ich hätte ein gemeinmäßiges, persönliches Christentum pietistischer Observanz -- dazu bin ich nicht der Mann, weder heute, noch in vierzehn Tagen, noch in zehn Jahren.«
»Nur nicht so hitzig, junger Freund,« begütigte der Mitdirektor, »wie ich die Leute kenne, wird dich keiner +verbotenus+ auf die Augustana festlegen oder dergleichen Exerzitien üben. Aber für viel schwieriger halte ich, die andere Frage zu beantworten betreffs deiner Verwendbarkeit. Du müßtest entweder nach Gotteshaag zurück --«
»Niemals --«
»Oder sie müssen dir ein neues Stipendium bewilligen.«
»Danke, das will ich auch nicht mehr -- nur keine Fesseln mehr!«
»Dann mußt du eben den Mittelschullehrer bauen wie ich -- Gott seis geklagt -- den Rektor.«
Kaspar lachte, denn der umfängliche L³ stöhnte bei diesen Worten schwer auf.
Darauf fragte er, um von dem Bruder Lohmann vielleicht peinlichen Gesprächsthema abzulenken: »Und wie wirds mit dem Dienen?«
»Zeit wirds!« antwortete L³ prompt, »das würde ich auf alle Fälle schleunigst erledigen. Und dazu würde ich die übliche Unterstützungssumme unbedenklich annehmen, vollends als Missionskind und Waise.«
»Meinst du?« erwiderte Kaspar nachdenklich, »wenn es sich irgendwie vermeiden läßt, vermeide ich weiter, abhängig zu werden.«
»Wird sich wohl nicht anders machen lassen, Lieber,« erklärte der Mitdirektor ruhig, »na -- und wenn alle Stricke reißen --«
»Melde dich auf die Mission, wolltest du wohl sagen,« unterbrach ihn Kaspar. »Nee, mein Lieber, auf diese +ultima ratio+ so vieler ratloser Gemeinexistenzen verzichte ich. Ich will mir meinen Weg schon bahnen, so oder so! Königseinjähriger oder zwei Jahre dienen, meinetwegen -- ich halts aus. Dann vielleicht als Lehrer ins Ausland und nachher mit eigenen Mitteln ein neues Studium beginnen! So sehe ich den Weg, wenn ich der Unität nicht positiv genug bin. Und damit +addio, caro mio+!«
Rasch ging Kaspar davon, und bewundernd, fast neidisch sah der gute L³ dem jungen Kollegen nach.
»Ja, ja --« brummte er lächelnd, »der hätte seinen Rektor wohl schneller gebaut als ich alter Esel, +docendo discimus+.«
Tags darauf fuhr Kaspar Krumbholtz nach Stuttgart zur Untersuchung durch einen Stabsarzt. Er wurde ohne weiteres für tauglich zum Militärdienst befunden und teilte seine feste Absicht, demnächst die Anstalt zu verlassen, dem davon wenig erbauten »Chef« mit.
Lehrerwechsel ist keinem Schuldirektor angenehm, dem Chef der Tramberger Anstalt kostete jedoch ein solcher Vorgang stets viele schlaflose Nächte; denn nur wenige Lehrer paßten in die komplizierten Verhältnisse seines Instituts.
* * * * *
Zufälle spielen oft eine seltsame Rolle im Leben.
Kaum hatte Kaspar Krumbholtz seinem alten Jugendfreunde Hans Sebalt mitgeteilt, er würde wahrscheinlich in Leipzig sein Jahr abdienen, als der Postbote ihm einen Brief aus Magdeburg brachte, in dem ihm Irmgard von Zweydorff mitteilte, sie habe es in Bremen nicht aushalten können, habe auch in Hannover und Magdeburg nur vorübergehend Stellung finden können und wolle es nun in Leipzig versuchen. Sie habe immer darauf gewartet, ihrem Retter etwas Gutes melden zu können, aber bei aller Energie war das bisher nicht erreichbar. Auch die geliehene Summe zurückzuzahlen wäre ihr noch nicht möglich gewesen.
Anfangs wußte Kaspar gar nicht, wer diese Dame war. Endlich fiel ihm das arme, schöne Londoner Magdalenchen ein -- ihren Namen hatte er damals nicht ganz verstanden. Adlig war sie also auch noch, die Ärmste; da drückt des Lebens Not doppelt schwer, wenn man von Privilegierten abstammt und den Gedanken an verschwundene Herrlichkeit nicht zu bannen vermag.
Kaspar hätte Irmgard von Zweydorff gern einige gute Worte geschrieben und gemeldet: das mit dem Gelde -- das wäre ja erledigt; aber eine Adresse war nicht angegeben. Wer weiß, vielleicht besser so!
Kaspar würde sicherlich sobald nicht in der Lage sein, ihr weiterhelfen zu können, und dann -- ja dann -- sein Herz war einmal bei Ursemi, ob mit Recht oder Unrecht war gleichgültig; ändern ließ sich an der unumstößlichen Tatsache darum nicht das geringste.
An Reda dachte Kaspar fast täglich ein paarmal; namentlich in den letzten Tagen, in denen es nach einem Briefe Frau Winklers mit ihrem Gatten gar nicht gut ging.
Mehrfach bat Kaspar um weitere Nachricht über den lieben Kranken, aber vergebens.
Da mußte es doch wohl besser gehen, sonst hätte man seinen Sorgen gewiß Rechnung getragen, wenigstens Ursemi hätte es getan.
Unterdessen ging das kurze Sommerhalbjahr zu Ende, die Ferien kamen.
Diesmal sollte eigentlich auch Kaspar die große Reise mitmachen, aber er bat zurücktreten zu dürfen, da er nach Herrnhut wolle, teils um sich auf der Synode noch einmal selbst über den jetzigen Geist der Brüdergemeine zu orientieren, teils um Rücksprache mit der Unität zu nehmen.
Da kam plötzlich ein Telegramm: Vater Schlaganfall, bitte komme sofort. Ursula Maria.
* * * * *
Mit schwerem Herzen ordnete Kaspar rasch seine wenigen Sachen, telegraphierte zurück und reiste noch am selben Nachmittage ab.
Die Verbindung nach Schlesien war umständlich. Erst am übernächsten Abend kam Kaspar in Reda an.
Am Bahnhof stand Philipp, der Kutscher, mit wankenden Knien. Unter krampfartigem Schluchzen brachte er mühsam heraus: »Unsa gutta Harr is ok nimmär!« Dann fuhr er schweigend und langsam den leise weinenden Kaspar zur Winklerschen Villa.
Berthold empfing den »Herrn Kandidaten« mit Fassung und teilte ihm auf seinem Zimmer das Schreckliche in guter Haltung und genauen Einzelheiten mit. Abends zuvor hatte ein neuer Schlaganfall das Ende plötzlich herbeigeführt, die Damen wären dabei gewesen und seien sehr mitgenommen, aber sie würden den Herrn Kandidaten noch heute abend empfangen.
Kaum war Berthold zur Tür hinaus, da stürzte Ursemi herein, umarmte fassungslos ihren Jugendfreund und weinte still an seiner Schulter, und Kaspar ließ ebenfalls seinen Tränen freien Lauf.