Kaspar Krumbholtz

Part 7

Chapter 73,556 wordsPublic domain

Ruhig und sicher führte sie den noch ein wenig unsicheren Niemeyer durch das Gewühl wie eine geborene Ballkönigin. Und als sie an Hans Sebalts Platz vorüberglitt, da schien ihm, als husche ein spöttisches Lächeln über ihre edel gleichmäßigen Züge. Kurz darauf hielt sie an ihrem Platze vor der Zeit inne, verneigte sich huldvoll gegen den dankend dienernden und vor Stolz glühenden Niemeyer, nahm ihre Handschuhe und ging langsam und hoheitsvoll hinaus -- an Hans vorbei, würdigte ihn aber keines Blickes.

Strahlend kam Niemeyer zu dem bestürzten Sebalt zurück.

»Donnerwetter, die kann tanzen,« prahlte er, »so was Graziöses ist mir noch gar nicht vorgekommen! Du, das ist was Feines! Die hat sich bloß hierher mal verlaufen. Aber nobel wars -- danke dir tüchtig, daß du mir zu dem Genuß verholfen hast.«

Hans Sebalt schäumte innerlich vor Wut; aber er sagte großspurig: »Pah -- das dumme Frauenzimmer will mich ja nur ärgern. Darum allein hat sie mit dir getanzt.«

»Sebalt -- mein Sohn --« fuhr nun Niemeyer beleidigt auf, »willst du das dumme Frauenzimmer sofort revozieren oder --«

»Meinetwegen,« lenkte Sebalt klug ein, »also sag mir mal lieber, wie heißt der Besen?«

»Besen -- neue Beleidigung -- revoziere oder --«

»Alles, was du willst,« sagte Sebalt nun gemütlich, »aber an dir scheint die junge Dame -- ist dirs so recht?«

»Jawohl -- junge Dame -- sage lieber entzückende, reizende Dame --«

»Na, Niemeyerchen, du scheinst ja ordentlich Feuer gefangen zu haben.«

»Habe ich auch -- genau so wie du, mein Sohn Sebalt! Nur -- daß ich dir einstweilen einige Nasenlängen zuvor gekommen bin. Trage es mit Würde, mein Sohn!«

»Werde mich bemühen. Übrigens ihren Namen kannst du mir wohl verraten.«

»Könnte ich, da hast du recht. Werde aber den Deubel tun. Damit du morgen im Adreßbuch nachsuchst, hinstürzt und mir wieder den Rang abläufst. Nee, min Jung, so helle bin ich auch.«

Jetzt konnte Sebalt seinen Ingrimm doch nicht mehr verhehlen und brach offen los: »Na, weißt du, sehr anständig finde ich das nicht. Du weißt, ich interessiere mich für die Dame und -- eins, zwei, drei -- schnappst du sie mir vor der Nase weg.«

Niemeyer lachte gemütlich und erwiderte: »Sebalt, mein Sohn, höre die Weisheit des Brahmanen Niemeyer: Erstens, in Geld- und Weibersachen hört unter den besten Freunden jeder Anstand auf. Zweitens, wenn du dich für die nette Schwarze da wirklich interessierst, dann hast du das so famos angedreht, daß mir zwar das Herz im Leibe lacht, aber deine Dummheit eigentlich jeder Beschreibung spottet. Drittens frage die Pythia, was ich dafür kann, daß dies entzückende Persönchen mich lieber mag als dich? Und viertens bist du ein braver Sohn der Herrnhuterei und weißt mit hübschen Mädchen, wie ich aus Erfahrung weiß, doch nichts anzufangen. Darum danke deinem Schöpfer, Sebalde Nothanker, daß du durch mich davor bewahrt bleibst, an diesem höchst gefährlichen Felsen zu scheitern. Prosit!«

Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel und trank seinem Partner zu, tatsächlich war ihm übel zumute.

Er brannte innerlich vor wilder Eifersucht gegen den humorigen Spötter und war zugleich gewaltig ergrimmt über seine Dummheit.

Hatte er das schöne Mädchen nicht heute abend doppelt verloren?

Weinen hätte er mögen über dieses Mißgeschick, denn seit dieser Stunde wußte er ganz genau, daß er die stolze Brünette liebte, liebte mit aller Leidenschaft seiner erregten Sinne -- liebte bis zur Raserei!

Sollte er Niemeyer, der im Grunde ein guter Kerl war, nicht alles ehrlich enthüllen? Sollte er nicht lieber klein beigeben und den Freund bitten, nur diesmal zurückzustehen?

Nein -- betteln wollte er nicht -- dazu war er denn doch zu stolz. Erobern wollte er sich das stolze Weib schon noch -- es koste, was es wolle.

Wenn sie nur wieder herein käme! Dann war doch die Aussicht vorhanden, daß er sie wenigstens durch Niemeyer noch kennen lernte.

Vielleicht grollte sie ihm nur, weil er sich nicht vorgestellt hatte -- vielleicht war sie zu besänftigen, vielleicht hatte sie es wirklich nur darauf angelegt, ihm einen kleinen Denkzettel zu geben für seine frühere Neugier -- vielleicht, vielleicht -- wenn sie nur käme!

Aber sie kam nicht wieder, und die köstliche Spur war wieder verloren, anscheinend für immer.

Auch Niemeyer fand sie nicht im Adreßbuch. Wahrscheinlich hatte er den Namen gar nicht richtig verstanden.

Der weise Brahmane wußte sich jedoch rasch zu trösten.

Achtes Kapitel

Die pädagogische Ohrfeige

Mit dem neuen Schuljahr, das nach den großen Ferien begann, hatten in der Tramberger Anstalt allerlei Veränderungen stattgefunden.

Der behäbige und ein wenig schwerfällige »Papa Schnäbele« hatte in den Ferien plötzlich den Mut gefunden, sich mit einer »arg luschtigen Wüschtebergerin« zu verloben und machte nun ebenso plötzlich ernst mit seinem alten Plan, auf die Mission zu gehen.

Die Kollegen und der »Chef« verloren den immer behaglichen und doch zuverlässigen, überdies stets gefälligen Schwaben sehr ungern; nur Herr Schlegelmeyer atmete erleichtert auf.

Besonders trauerte der Doppelkollege um seinen großmütigen Zigarrenlieferanten, zu dem ihn ein gleichgeartetes Temperament gezogen hatte, das wohl nicht ganz unabhängig war von der ähnlichen Körperveranlagung.

Am meisten vermißte Kaspar den wackeren Schwaben; denn nun erst merkte er deutlich, wie viel Mühe ihm die scheinbar so mühelose Autorität Schnäbeles auf der 4. Stube erspart hatte.

Es waren eine ganze Anzahl neuer Knaben eingetreten, die besten wie Ronald Hooper und zwei seiner Peers, Schaffhuser und der größte Teil seiner Baseler Sippe rückten auf die 3. Stube vor, und ein neuer Kollege trat ein.

Bruder Abraham war ein älterer Theologe, der mit seinem breiten, blonden Vollbart sehr väterlich anmutete, fast noch mehr als der gute »Papa Schnäbele«, aber er war es gar nicht. Im Gegenteil, Abraham war ein leicht aufgeregter, schwieriger und empfindlicher Herr, der schon an zwei anderen Anstalten sich nicht recht eingepaßt hatte.

Mit Rücksicht auf seine angegriffenen Nerven hatte sich die Behörde schließlich bereit finden lassen, ihn nach dem gesunden Tramberg zu berufen, obwohl der »Chef« wenig Lust zeigte, den als unbequem verrufenen Lehrer einzustellen. Am liebsten hätte er Bruder Abraham wenigstens ohne Aufsichtdienst gelassen, aber es ging durchaus nicht an.

Es waren schon drei Supernumerare vorhanden: der Musiklehrer Herr Vogel, der »als echter Piepmatz immer in den Wolken schwebte,« wie Moritz ulkte; der Doppelkollege, der trotz des besten Willens ohne jede Autorität blieb, und endlich der älteste Lehrer, Herr Hinzelmann, der bereits Diakonus war, Pflegergehalt bezog und trotzdem noch oft genug mit Aufsicht aushalf, da er bei allen Knaben, besonders bei den Engländern, sehr beliebt war.

Also kam Bruder Abraham auf die 4. Stube, aber das Unglück kam mit ihm.

Schon am ersten Nachmittag hatte der neue Herr so viel zu monieren, daß darüber das kleine Völkchen der Vierten ganz kopfscheu wurde. Die ruhige Art des Honorable Sir Ronald Hooper war dem neuen Stubensenior, einem Franzosen namens Henri Buriet, versagt. Vergeblich suchte er dem Mann mit dem großen Teutonenbart mit vielen Worten und aufgeregten Gesten klarzumachen, daß dies und das bei Herrn Schnäbele und Bruder Krumbholtz immer so gewesen wäre und nicht anders.

Bruder Abraham erklärte mit Stentorstimme, das sei ihm ganz gleichgültig. Er sei ein alter Lehrer und wisse allein, was sich gehöre, und dies und das würde eben bei ihm so gemacht, und damit basta!

Henri Buriet fügte sich schließlich, aber ein aristokratisches Baseler Büble und ein kleiner, englischer Tory, die das goldene Zeitalter Hooper-Schaffhuser nicht vergessen konnten, revoltierten mit passiver Resistenz und wurden darob von Bruder Abraham, der sofort ein Exempel statuieren wollte, schwer bestraft. Das half scheinbar für eine Stunde, während die heimliche Mißstimmung wuchs.

Als der neue Herr einmal kurz hinausging, um seinen Hut für den Spaziergang zu holen, entrollten Henri Buriet und die anderen Gallier sofort das Banner der Revolution. Zwei Platzstrafen an einem Tage auf ihrer Stube, wo sonst im ganzen Monat kaum zwei vorkamen, das sei unerhört! Ob man nicht zum Direktor gehen solle?

Es ward schnell beschlossen und noch schneller ausgeführt, nur war der »Chef« gerade nicht da.

Zum Bruder Lohmann wollte man nicht gehen, der war als ein sehr gründlicher Herr bekannt und hielt es auch stets mit den Lehrern. So ging man also zähneknirschend mit Bruder Abraham zum Fußballspiel.

Nach der Sitte seiner vorigen Anstalt bestimmte der neue Autokrat kurzerhand selbst die Parteien, anstatt die Knaben wählen zu lassen.

Buriet und einige andere protestierten abermals lebhaft, es half ihnen nichts; aber sie rächten sich beim Spiel.

Sobald die findigen Bürschlein heraus hatten, daß der neue Lehrer schlecht spiele und kurzsichtig sei, tat man auf beiden Parteien ihm einen Schabernack nach dem anderen an, bis die tückischen Pygmäen den blondbärtigen Riesen glücklich zu Falle brachten, und nun lachten sie ihn noch schallend aus.

Bruder Abraham ärgerte sich auch richtig darüber und verwies seinen Untertanen mit entrüsteten Worten das ungezogene Gelächter. Als man ihm daraufhin so sorgfältig aus dem Wege ging, daß er dreimal mühelos gewinnen konnte, erklärte er die ganze Stube in »Stille« und ging erbost mit seiner schweigenden Verschwörerbande im Walde spazieren.

Natürlich hatte Abraham keine Ahnung von den vielgewundenen Forstwegen, und, den absichtlich falschen Auskünften Buriets trauend, verlief er sich mit seiner Schar so gründlich, daß diese heimlich triumphierte. Infolgedessen kam man zum Vesper um eine gute halbe Stunde zu spät, so daß das aufwartende Schwabenmädle ganz gehörig schimpfte und Herr Schlegelmeyer, der Reihenchef, mit Vergnügen seinen ersten Anlaß nahm, dem neuen Kollegen großgünstig den Text zu lesen.

In der folgenden Arbeitzeit ging der Kleinkrieg zwischen Bruder Abraham und seiner Stube lustig weiter.

Obwohl von den Brüdern Lohmann wie Krumbholtz eingehend über die Besonderheiten der 4. Stube orientiert, setzte sich Bruder Abraham dennoch über einige Gewohnheiten weg, verbot andere, -- kurz und gut, Buriet zieh ihn schließlich des größten Vergehens, des Majestätsverbrechens: nämlich gegen die geheiligten Hausregeln zu verstoßen. Nun war der Verfassungskonflikt da.

Buriet drohte mit einer offiziellen Beschwerde und wagte, auf seinem guten Rechte fußend, jetzt sogar, Bruder Lohmann als entscheidende Instanz in Vorschlag zu bringen. Vergebens war jedoch alles, der neue Selbstherrscher aller Vierten ließ sich nicht aus dem autokratischen Konzept bringen, er verbot kurzerhand alles, auch den Weg zum »Chef« oder zum Mitdirektor.

Da zischte Buriet, giftig wie eine getretene Viper, heraus: »+caporal prussien!+« und erhielt erstens eine Ohrfeige und zweitens ebenfalls die entehrende Platzstrafe. Heulend vor Wut gehorchte der gemaßregelte Senior zwar, aber er schwur Rache.

Während des Abendessens holte er von der leeren Stube eine absichtlich vergessene Serviette und schnitt heimlich das Rohrgeflecht des Lehrerstuhles an.

Die Katastrophe trat auch ganz nach Wunsch ein. Bruder Abraham hielt nach dem Essen eine ausführliche Ansprache, in der er nach 14 wohlgeordneten Punkten die 4. Stube einer gründlichen Reform an Haupt und Gliedern unterziehen wollte.

Aber bei Punkt 7 -- als er sich gerade recht gebieterisch zurücklegte -- brach das Rohrgeflecht knisternd durch, und ein jubelndes Hallo begrub die stolze Reformrede.

Nun kam natürlich erst eine neue furchtbare Standpauke, dann eine völlig ergebnislose Untersuchung; denn Buriet log, daß sich die Balken bogen, und endlich erfolgte eine große Strafarbeitzeit, in der Bruder Abraham diktierte, grimmig umherschreitend wie ein gereizter Tiger.

Um 8 Uhr hatten die Vierten ins Bett zu gehen; aber um 9 Uhr, als schon die Ersten auf dem Schlafsaal erschienen, schrieben sie noch unverdrossen, wenn auch meistens Unsinn, da die kleinen zum Teil neuen Ausländer dem schwierigen und raschen Diktat weder mit dem Verstande noch mit der Feder folgen konnten.

Da erschien wie ein zürnender Engel des Gerichts Herr Schlegelmeyer auf dem Plan und erklärte lakonisch mit der Uhr in der Hand: die Vierten hätten spätestens um einhalb neun Uhr auf dem Schlafsaal zu sein laut Hausordnung.

Bruder Abraham erwiderte überlegen: das wisse er recht gut, es lägen jedoch gerade heute besondere Verhältnisse vor, die auch eine besondere Bestrafung nötig gemacht hätten.

Herr Schlegelmeyer sagte gelassen: »Strafen, die gegen die Hausordnung verstoßen, darf es bei uns nicht geben. Ich bitte Schluß zu machen.«

Ärgerlich fuhr der neue Kollege los: »Das ist wohl meine Sache!« Aber mit unnachahmlicher Würde entgegnete ihm der Hannoveraner: »Sie irren, Herr Kollege. Die Wahrung der Hausordnung ist meine Sache, und ich bitte nochmals ihr nachzukommen, oder ich muß mich sofort zum Herrn Direktor bemühen.«

Nun lenkte Bruder Abraham ein. Mit Direktoren schien er schlechte Erfahrungen gemacht zu haben, er war sich lieber selbst genug.

Mit Haltung erklärte er also knurrend: es wäre gut, er würde jetzt schließen.

Mit einer stummen, aber tadellosen Verneigung, die jedem Zeremonienmeister Ehre gemacht hätte, verabschiedete sich Schlegelmeyer und schritt steif und langsam hinaus wie die personifizierte Hausordnung selbst.

Es wurde jedoch beinahe zehn Uhr, bis Bruder Abraham mit seiner renitenten Bubenschar auf dem Schlafsaal erscheinen konnte.

Denn während des Riesendiktats war von dem allzu eifrigen Pädagogen allerlei menschlichen Bedürfnissen, die namentlich bei kleinen Kindern eine wichtige Rolle spielen, nicht Rechnung getragen worden. Und die jungen Revolutionäre benutzten auch diese günstige Gelegenheit ausgiebig zu einer nunmehr recht aktiven Resistenz.

* * * * *

Mit Bruder Abraham hatten in der Folgezeit nicht nur Herr Schlegelmeyer, sondern auch sein Spezialkollege Krumbholtz, der Mitdirektor, Bruder Lohmann, und der »Chef« ihren weidlichen Ärger.

Die Vierten, die ihren neuen Herrn seit seiner mißglückten Programmrede nur »Punkt Sieben« nannten, setzten ihren Kleinkrieg mit einigem Erfolg und auch mit sichtlichem Vergnügen fort, im Geheimen unterstützt von den anderen Stuben und vor allem von der französischen und englischen Kolonie, die sich in diesem Falle sofort fanden wie Herodes und Pilatus.

Schließlich wurde das ganze Haus ein bißchen rebellisch, besonders die von jeher dazu neigende zweite Stube, auf der nach Herkommen alle jene bedenklichen Elemente hausten, die, aus triftigen Gründen, der Vertrauensvorrechte der ersten Stube, die stets vorbildlich wirken sollte, nicht teilhaftig werden konnten.

Der Strafstand der zweiten und vierten Stube stieg zusehends, so daß die Angelegenheit dem Direktor wichtig genug erschien, um auf einem der halbmonatlichen Konferenzteeabende besprochen zu werden. Ehe es aber dazu kam, passierte ein neuer Unglücksfall.

Seit einiger Zeit bestand eine gewisse Spannung zwischen dem in Schul- und Aufsichtsachen nicht immer ganz korrekten »Chef« und dem überaus vorschriftmäßigen Lehrer der ersten Stube, Herrn Kratt, der sich bei aller Ruhe doch nur wenig bieten ließ.

Zweimal hatte der Direktor, auf irgendwelche Bitten besuchender Verwandten hin, bestraften Knaben Urlaub erteilt, ohne -- wie es üblich war -- sich vorher mit dem betreffenden Stubenlehrer, in diesem Falle eben Herrn Kratt, ins Einvernehmen gesetzt zu haben. Jedesmal entschuldigte sich der »Chef« nachträglich mit großer Eile, und Bruder Lohmann, der sich mit Kratt besonders gut verstand, brachte die Sache wieder ins Geleise.

Kratt erklärte jedoch kurz und bündig: noch einmal würde er sich eine solche Schädigung seiner Autorität nicht gefallen lassen.

Und in der Tat, als Bruder Nitschke abermals über den Kopf Herrn Kratts hin einem Knaben Urlaub bewilligte, kündigte Herr Kratt wegen Verletzung seiner Standesehre, verzichtete kühl auf seinen Gehalt und fuhr noch am selben Abend nach Hause, zum tiefsten Leidwesen Bruder Lohmanns und der meisten Kollegen. Einige, wie Max und Moritz, waren sogar so aufgebracht, daß sie ebenfalls kündigen wollten, freilich +rite+ zum nächsten Quartal.

Bruder Lohmann, der gerade auf ein ruhiges Semester für seine Rektorarbeiten gehofft hatte, geriet in die höchste Aufregung; denn auch die Knaben wurden aufsässig, da der schneidige und doch stets humorige Herr Kratt ungemein beliebt war. Vorerst sprang der brave Hinzelmann wieder ein, nachdem Max und Moritz sich energisch geweigert hatten, Kratts Stelle einzunehmen.

Dem nächsten Konferenzteeabend, auf dem die ganzen Aufsichtverhältnisse neu geregelt werden sollten, sahen die Lehrer infolgedessen mit größter Spannung, die beiden Direktoren mit einigem Bangen entgegen. Da auch die Affäre Abraham behandelt werden mußte, wurde diesem taktvoll die Schlafsaalwache übertragen, was freilich -- wie sich später herausstellte, Anlaß zu einem solennen Schlafsaalulk gab, den nur die Energie der Mutter Frutsch zu dämpfen vermochte. Daraufhin schlug der ausgelassene Moritz später vor, sie zur Ehrenkollegin zu ernennen.

* * * * *

Unterdessen tagte die große Sitzung der Kollegenschaft im Zimmer des »Chefs«, der an diesem Abend eine besonders gute Torte und ganz ausgezeichnete Zigarren hingestellt hatte, was das grollende Dioskurenpaar Max und Moritz von vornherein einigermaßen besänftigte.

Auch eine kluge, vornehme Rede des Direktors, der ruhig und offen seine Ungeschicklichkeit im Falle Kratt zugab und sie sehr überzeugend bedauerte, wirkte versöhnend.

Dann sprach L³ und beseitigte mit seiner milden, menschlichen Auffassung der ganzen Vorkommnisse auch den letzten Groll, und so konnte ruhig an die Beratung der Neubesetzung der Stuben herangetreten werden.

Herr Schlegelmeyer beklagte sich zunächst bitter über den widerhaarigen Bruder Abraham und bat, ihn womöglich aus seiner Reihe zu entfernen.

Bruder Lohmann meinte, es wäre jedenfalls angebracht, den neuen Kollegen Abraham von der vierten Stube, wo er sich nahezu unmöglich gemacht habe, fortzunehmen, und ihn am besten auf die dritte Stube, die zurzeit leichteste und ruhigste, zu versetzen, etwa im Tausch mit Bruder Behring. Dort wären ja die alten Triarier Schnäbeles mit Ronald Hooper an der Spitze; die seien ungefährlich, wenn man ihnen nicht zu viel dreinrede, und das werde er dem Kollegen nun mit aller Energie nahelegen.

Als bei dem Worte »Energie« die bösen Buben anzüglich lächelten, da sie dem gutmütigen L³ darin nicht allzuviel zutrauten, erklärte der »Chef« plötzlich mit verblüffender Schärfe: »Nun, meine Herren, zur Not bin ich auch noch da. Ich werde den schweren Schaden, den Bruder Abraham auch hier anrichtet, sofort an die Behörde melden, wenn er nicht einlenkt.«

Der boshafte Moritz schmunzelte abermals heimlich und dachte bei sich: Ob der Direx den Fall Kratt wohl auch meldet?

Mitten aus diesen respektlosen Erwägungen riß Herrn Knortz jedoch die äußerst verbindliche Anfrage des »Chefs«: ob er nicht die gewiß verantwortungsreiche, aber auch ehrenvolle Stelle des ersten Stubenlehrers einnehmen wolle, mit der überdies eine kleine Gehaltzulage verbunden sein sollte.

Der böse Moritz, der jedoch ein sehr guter Rechner war, konnte nun nicht nein sagen. Und damit war eine weitere Schwierigkeit beseitigt.

Alsbald kam die heikelste Frage zur Verhandlung, nämlich die der Neubesetzung von 2 und 4, den beiden kritischen Stubengesellschaften. Auf Nummer zwei ging von jeher kein Lehrer gern. Ehre war da nicht zu holen. Auch Moritz, ein gewiß ruhiger und sicherlich energischer Lehrer, hatte seine Mühe gehabt, zumal der Kollege Teuchert es an konsequenter Unterstützung oft fehlen ließ. Der letztere schien selbst das Gefühl zu haben, der Situation nicht ganz gewachsen zu sein, vollends jetzt nach Abgang des von den Zweiten immerhin gefürchteten Herrn Knortz, und so regte er schüchtern an, ob er nicht die 4. Stube erhalten könne.

Ein freundliches Gelächter bedeutete ihm, daß man den Vorsichtigen durchschaut habe, und so meinte er denn klug: er wolle schon bleiben, wenn er nur wieder einen energischen Kollegen bekäme.

Da fragte der Chef Herrn Knortz abermals auffallend freundlich (er schien doch wohl von dessen Kündigungsabsichten Wind bekommen zu haben), wen er, als erster Sachverständiger, für den schwierigen Posten seines Nachfolgers vorschlagen könne.

Mit größter Seelenruhe erwiderte Karl Knortz: seiner Meinung nach könnten im Hause jetzt nur zwei Lehrer mit den Zweiten fertig werden, und das wären Bruder Hinzelmann, der leider nicht mehr in Frage käme, und Bruder Krumbholtz.

Kaspar lachte erschrocken auf, und ein leises: »Nee bitte« fuhr ihm unwillkürlich heraus; dann fügte er lauter hinzu: »Ich wünschte sehr, bei meinen Vierten bleiben zu dürfen. Es ist mir Ehrensache, nun nach Bruder Abrahams Fortgang den alten soliden Status Schnäbele wieder herzustellen. Ich denke mit Bruder Behring trefflich zu fahren.«

Dieser verneigte sich geschmeichelt, und alles lachte abermals.

Die Heiterkeit stieg noch, als weiterhin Herr Muffke wie Bruder Behring die Übernahme der zweiten Stube mit Dank ablehnten, so daß L³ mit Humor Einspruch erhob und erklärte: »Na, so schlimm ist die Stube doch auch nicht, daß wir sie hier ausbieten müssen wie sauer Bier!«

Der böse Moritz blies jedoch gewaltige Rauchwolken vor sich hin und brummte grimmig: »Na, regiert will sie schon sein, die Rasselbande.«

Darauf erhob sich der »Chef« zu seiner ganzen Länge und fragte noch einmal launig an: »Aber meine verehrten Herren, soll ich denn wie der König im Taucher stöhnen: Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp? Lieber Kollege Krumbholtz, Sie sind ja ein Mann, den schwere Aufgaben locken! Sie sind -- was doch hier auch etwas, ja viel zu bedeuten hat -- zurzeit unser bester Turner und Fußballspieler! Also wollen Sie nicht dem ehrenvollen Rufe unserer sachkundigen Stelle, des Herrn Knortz, folgen und Nummer zwei übernehmen?«

Kaspar beugte sich ein wenig vor und sagte ruhig: »Wenn Not am Mann ist, Herr Direktor, brauchen Sie mich nicht zu bitten. Ich gehe auf die zweite Stube, bitte nur meinerseits für die erste Zeit um etwas längere Zügel.«

»Hoho -- pardon,« fiel Moritz ein, »kürzere -- oder Kandare, wollen Sie sagen.«

»Möglich -- später vielleicht -- doch, wer weiß?« erwiderte Kaspar nachdenklich, wie ein Mann, der seinen Plan faßt, »erst will ichs anders probieren.«

»Ich meine auch,« bestätigte L³ wohlwollend, »Bruder Krumbholtz versucht es zuerst mal wie auf 4 mit Ruhe und Güte.«

»Ruhe und ob!« versetzte Moritz nochmals schroff, »aber Güte, nee! Damit is bei die Jesellschaft nischt zu wollen. Lieber man feste eene rinjepfeffert.«

Einige lachten, nur Herr Schlegelmeyer machte ein höchst indigniertes Gesicht, ob über des neuen Stubenkollegen Sprache oder über seine Erziehungsgrundsätze, war nicht zu ersehen.

Auch der »Chef« sagte, wesentlich kühler als vorher, zu dem allzu temperamentvollen Mecklenburger: »Sie wissen, lieber Herr Kollege Knortz, daß jedes Schlagen in unserem Hause strengstens zu vermeiden ist. Erst jetzt habe ich wieder durch die Ohrfeige Bruder Abrahams die allergrößten Unannehmlichkeiten gehabt. Um ein Haar hätte Monsieur Buriet seinen Sohn deswegen fortgenommen. Also bitte, meine Herren, vermeiden Sie alle doch dergleichen unpädagogische Gewaltmaßregeln.«

Mit der Übernahme der vierten Stube durch Bruder Behring und Herrn Vogel, der plötzlich Lust und Mut zum Aufsichtdienst bekommen hatte, endete die Konferenz zu allgemeiner Zufriedenheit.

Nur Herr Schlegelmeyer knurrte noch einige Tage, weil der »widerhaarige Kollege Abraham« doch in seiner Reihe verblieben sei.

Der niederträchtige Moritz meinte gerade heraus: »Sein Sie doch man lieber froh, Schlegelmeyer, daß Sie jemand zum Zwiebeln haben. Schnäbele ist fort, und ohne ein bißchen gesunden Ärger ist Ihnen ja doch nicht wohl.«