Kaspar Krumbholtz

Part 6

Chapter 63,601 wordsPublic domain

»Ist er nicht greulich?« wandte sich Ursemi wie hilfesuchend zu Kaspar, »so ödet mich dieser früher so zärtliche Vater jetzt beständig an, seit ich mir mit einem jungen +american boy+ den Ulk gemacht habe, ein bißchen +Gibson girl+ zu spielen.«

»Ja, Hans hat mir schon davon erzählt,« sagte Kaspar harmlos.

»So,« fuhr Ursemi herrisch auf, »hat er wieder den süffisanten Schnabel nicht halten können, der allweise Hans? Werds ihm schon anstreichen. Was hat er denn noch über mich geklatscht?«

»Geklatscht?« sagte Kaspar ruhig, »dann müßte ich ja jetzt auch klatschen, wenn ich dir verriete, was er mir auf meine Fragen geantwortet hat. Nee, Ursemi, nun halt ich erst recht dicht.«

Und wieder lachte Herr Winkler behaglich vor sich hin und meinte: »Kindsköpfe seid ihr doch! Kaum drei Minuten seid ihr beisammen, da kriegt ihr euch am Kragen. Das kann ja gut werden.«

»Na, als ob ich schuld wäre --«

»Sage ich ja gar nicht, Kind, freue mich nur, daß du wieder einen hast, der dir gewachsen ist.«

»So -- Schadenfreude. Übrigens -- abwarten! Mit Kaspar bin ich noch immer famos ausgekommen.«

»Stimmt, aber fertig geworden doch wohl nicht so ganz,« meinte Herr Winkler schmunzelnd.

»O bitte,« wandte nun Kaspar ein, »ich erkenne Ursemis völlige Oberhoheit ohne jeden Streit an.«

»Eben darum, lieber Junge,« sagte der Fabrikherr gelassen, »sie liebt keine Pyrrhussiege.«

»Vater, nochmals, bitte, nicht so gelehrt,« fiel nun Ursemi wieder schmollend ein, »du weißt doch, daß ich Geschichte mit Vorliebe geschwänzt habe -- Gott, die selige, greuliche Gouvernante. Weißt du, Kaspar, daß die alte Schachtel -- Pardon, das liebe, lederne Geschöpf noch geheiratet hat?«

»Nein,« antwortete Kaspar, »das ist allerdings erstaunlich.«

»Ja,« fuhr Ursemi fort, »einen Witwer mit zwei erwachsenen Kindern -- ungefährlich, aber immerhin doch ein richtig gehender Mann. Und unsereins kriegt keinen, beim besten Willen keinen, obwohl sich Mama die größte Mühe gibt. Nächstens meldet mich Schwester Dente für die Mission an, aber ich will nur nach Grönland, und da ist die Mission gerade eingegangen.«

Kaspar lachte hellauf, während Vater Winkler ironisch meinte: »Labrador ist ja noch im Gange, dort ist es ebenso kalt. Meinen Segen und die nötige Ausstattung in Seehundsfellen und Lebertran bin ich anstandslos bereit zu bewilligen.«

»So ist er nun, der Vater! Erst nennt er uns Kindsköpfe, und dann macht er selber die faulsten Witze.«

»Ja -- mit den Wölfen muß man heulen,« erwiderte lakonisch der Fabrikherr.

Da packte ihn seine Tochter ausgelassen um den Hals, gab ihm einen herzhaften Kuß und rief schelmisch: »Nee, Väterchen, so bald wirst du dein Ursekindchen nicht los, und als Ramschware lassen wir uns nicht verkaufen.«

Glückselig wehrte Vater Winkler seinen großen Wildfang ab und sagte mit geheuchelter Würde: »Kinder, jetzt benehmt euch! Wir kommen ins Dorf, und unser Renommee ist so wie so nur mäßig. Jeden Tag liebkost sie mich nämlich hier zwei- bis dreimal auf offner Straße. In Reda dagegen spielt sie die kühle +Lady patroness+. Umgekehrt wäre es mir eigentlich lieber.«

In der Tat schritt man nun gemessener dem Hotel zu.

Bei der Ankunft flüsterte Ursemi ihrem Freunde leise zu: »Er macht mir Sorge, der gute Vater, er muß recht lange hierbleiben, daß er mir wieder frisch wird.«

* * * * *

In ungetrübtem Frohsinn glitten die schönen Ferientage nur allzu rasch dahin.

Wagenfahrten und Fußwanderungen wechselten miteinander ab; allerlei Bekanntschaften wurden gemacht, darunter die eines näheren Landsmannes, eines Grafen Harry Brosyn, dessen Vater dem Fabrikherrn als ein oberschlesischer Kohlenmagnat flüchtig bekannt geworden war.

Der junge Brosyn wollte jedoch nicht nur als Sohn seines Vaters gewertet werden, sondern erklärte vergnüglich: er habe den Ehrgeiz als selbständige Nummer zu figurieren, denn er lebe schon längst in Gütertrennung mit seinem alten Herrn. Zwar betrachte Brosyn senior das einstweilen als einen der mancherlei Sparren seines +filius+, aber mit der Zeit werde er, der +filius+, dem Herrn Papa den nötigen Respekt vor der Firma Brosyn junior schon noch abringen.

Wie sich herausstellte, hatte der Graf Harry Brosyn trotz seiner 27 Jahre schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Erst Kavallerieoffizier, dann Gesandtschaftattaché in Argentinien, hatte er sich auch zweimal an wissenschaftlichen Expeditionen beteiligt und dazwischen einige Semester in Freiberg und Berkeley Bergbau studiert. Jetzt war er bei einer großen Minenunternehmung in Kalifornien beteiligt und hielt sich nur vorübergehend, erst in Pontresina, nun in Sils auf, um einen letzten Rest von Malaria wegzukurieren.

Harry war ein unterhaltsamer, witziger Gesell, ein immer fröhlicher, guter Kamerad ohne jede Feierlichkeit und frei von Adelstolz. An der schlichten Redaer Gesellschaft schien er jedenfalls weit mehr Gefallen zu finden als an den feudalen Kurgästen Pontresinas, die ihm zu seinem Ärger gelegentlich nach Sils Maria »nachstiegen«, wie er sich burschikos auszudrücken beliebte.

Mit Ursemi stand Graf Harry ähnlich wie Kaspar auf einem keck kameradschaftlichen Neckfuß und ließ sich von den gelegentlichen Launen der jungen Gnädigen, wie er sie gern nannte, wenig imponieren. Trotzdem trug er seine Zuneigung mit der Zeit immer offner zur Schau.

Mama Winkler hatte nichts gegen den Grafen einzuwenden, nur daß er so weit weg wohnte, war ihr ungemütlich. Herr Winkler hatte sogar seine stille Freude an der ungebrochenen Kraft und dem Lebenstrotz dieser willensstarken Persönlichkeit, wenngleich ihm die kaufmännischen und bergbaulichen Riesenpläne des jungen Selfmademan ein wenig abenteuerlich vorkommen wollten. Aber er dachte bei sich: dergleichen Burschen müssen reichliche Ellbogenfreiheit haben.

Mit Sebalt vermochte der junge Graf am wenigsten Seide zu spinnen, obwohl ihm der Leipziger Studiosus unverkennbare Achtung entgegenbrachte.

Dagegen schien Harry für Kaspar nach und nach eine redliche Neigung zu empfinden; nur der Lehrerberuf imponierte ihm durchaus nicht, und immer wieder redete er Kaspar zu: er solle seinen Bakel an die Wand hängen und mit ihm hinüber nach Kalifornien kommen als sein Privatsekretär, er wolle ihn schon managen. Umsatteln müsse Kaspar doch einmal, so gut wie er selber -- er kenne die Sorte Menschen, die das nötig hätten, zu genau. Und je eher, um so besser.

Kaspar lachte, aber gestand sich heimlich, daß der lustige Minengraf vielleicht nicht so ganz unrecht hatte mit dem Umsatteln; nur war es für ihn noch nicht an der Zeit. Erst mußte er wissen, woran er mit der Brüdergemeine war.

* * * * *

Auch Herr Winkler sprach einmal mit Kaspar darüber, als dieser ihn fragte, ob er ihm nicht den größten Teil des gesandten Geldes zurückerstatten dürfe. Die Kosten der Reise hin und zurück würden kaum 120 Mark betragen.

Der Fabrikherr lächelte mild und sagte: »Drückt dich das Geschenk schon wieder, stolzer Kaspar? Behalte die paar Moneten nur ruhig! Du wirst sie schon brauchen, eher vielleicht, als du denkst. Mich anzuborgen würdest du ja auch in der größten Not nicht über dich gewinnen, und noch hast du einen weiten Weg vor dir, lieber Junge. Wie wirds denn mit deinem Dienstjahr?«

»Ich weiß es noch nicht. Bleibe ich im Gemeindienst, so bekomme ich die uns dafür ausgesetzte Unterstützung; sonst gedenke ich Königsfreiwilliger zu werden. Zur Not diene ich zwei Jahre, ich habe nichts zu versäumen.«

»Weißt du das so genau, Kaspar? Wer weiß, was deines Lebens Ziel und eigentlicher Inhalt sein soll? Jetzt bist du erst bei den Vorbereitungen, also verliere nicht unnötig Zeit. Später könnte es dich bitter gereuen. Im übrigen freue ich mich, daß du so gern deine Arbeit in Tramberg tust, und daß du den Straßburger und Londoner Ausflug machen durftest. Paß auf, er wird dir mehr austragen, als du ahnst. Du siehst mich verwundert an. Ja, Lieber, man muß alt sein, um die volle Wirkung starker Jugendeindrücke ganz ermessen zu können. Es wäre darum wirklich nicht das Dümmste, wenn du den Vorschlag des jungen Grafen mal in ruhige Erwägung zögest. Nein, bitte, lache nicht! Ich meine es ganz im Ernst und habe selbst schon mit Brosyn darüber gesprochen. Und du weißt, du kannst jederzeit, wenn dir daran liegt, durch mich deine Verpflichtungen der Unität gegenüber lösen. Tramberg ist ganz gut für dich, das zeigt dein frischeres, gefestigteres Wesen, Kaspar. Aber es kann für Menschen -- oder ich will nun richtiger sagen, für Männer deiner Art -- nur eine Durchgangsstation sein.«

Kaspar schwieg eine Weile nach seiner Gewohnheit. Hatte er über Brosyns Worte seinerzeit gelacht, so gaben ihm nun Herrn Winklers Anregungen um so mehr zu denken.

Der Fabrikherr merkte es und setzte schonend hinzu: »Na -- nur ruhig Blut, es soll weiter nichts als ein kleiner, väterlicher Wink sein, damit du nicht Gefahr läufst, dich einzuspinnen, wie das die Herrnhuter lieben. Ein rechter Kerl muß sich auch mal den Sturm des großen Weltozeans um die Nase wehen lassen, sonst erfriert sie ihm schließlich beim ersten scharfen Mailüfterl des Lebens. Nach Paris zu reisen nützt einem Deutschen von heute nichts mehr, und London nur wenig! Die Welt ist kleiner und enger geworden. Sieh dir diesen Harry an, der treibts freilich gleich ein bißchen toll -- aber es schadet nichts. Wenn er nicht von der Rahe stürzt, fährt er einmal mit eigner Jacht stolz zu den Gruben seines Vaters zurück. Denn zurückkommen wird auch er einmal, wenn er in die Jahre des tiefen Heimwehs gerät. Ich dachte mit 25 Jahren in Baltimore auch ernstlich daran nie wiederzukehren und träume noch jetzt manchmal heimlich unter meinen Redaer Blaufichten von den Redwoods der Rocky Mountains. Sehnsucht oder Heimweh fehlt hüben und drüben nicht, sie wechseln nur die Richtung, je nach den Jahren.«

* * * * *

Die richtige Antwort auf die ihn tief aufregenden Fragen des Fabrikherrn konnte Kaspar nicht so rasch finden, aber nach einigen Tagen sagte er Herrn Winkler in aller Entschiedenheit: Er wolle vorerst den ihm liebgewordenen Beruf zu Tramberg ruhig weiter ausüben. Noch fehle ihm innerlich jedes Recht, der Brüdergemeine und der ihm liebgewordenen Anstalt den Rücken zu kehren.

Herr Winkler nickte nur gleichmütig zu diesem Bescheid, im geheimen aber triumphierte er doch: »Er ist ein Charakter, der Junge! Ich brauche mich nicht zu sorgen, den wirft nichts so leicht aus seiner Bahn. Für den ist Tiefe mehr als Weite.«

Unterdessen bereitete sich ein neuer Sturm vor, der Kaspars Seele schwerer erschüttern sollte als die Anregungen Brosyns und Vater Winklers.

Unbefangen wie in alter Zeit hatte Kaspar mit Ursemi all die Tage über verkehrt, obwohl die taufrische Anmut der nun vollerblühten Jugendgespielin stärker als je zuvor auf seine durch das Londoner Abenteuer plötzlich geweckten Sinne wirkte.

Die leichtsinnige Andeutung Hans Sebalts in Zernez hatte Kaspar nicht weiter ernsthaft genommen; aber die Folgezeit bestätigte ihm rasch, daß Ursemi ihm redlich zugetan war, wenn auch wohl -- wie Kaspar sich einredete -- mit schwesterlicher Zuneigung.

Als er jedoch mit dem seit Leipzig wirklich oft unleidlichen Hans Sebalt noch einmal auf dies heikle Kapitel zu sprechen kam, erklärte ihm dieser am Ende eines für Kaspar wenig glücklichen Disputs: Geschwisterliche Zuneigung zwischen jungen Menschenkindern, die nicht leibhaftige Geschwister sind, wäre ebensolcher Unsinn wie jede Freundschaft zwischen etwa gleichaltrigen Menschen verschiedenen Geschlechts.

Kaspar ließ sich nicht irre machen bis zu dem Tage, an dem er zum ersten Male wahrzunehmen glaubte, daß Ursemi dem jungen Grafen Harry ebensowenig gleichgültig war wie ihm selber.

Von da an belauerte Kaspar argwöhnisch jede Regung seiner Seele, und von Tag zu Tage ward es ihm klarer, daß in ihrem Grunde ein dumpfes Angstgefühl um Ursemi, ja -- es war eine Schmach -- auch etwas wie Eifersucht gegen den Grafen sich leise zu regen begann.

Nunmehr war es um Kaspars Unbefangenheit geschehen. Er wurde stiller und einsamkeitsbedürftiger. Er begann nach seiner alten Weise zu grübeln, mit sich abzurechnen und schließlich ernstlich mit sich zu ringen.

Er sollte sich rechtschaffen freuen -- so suchte er sich immer wieder mühsam einzureden -- daß ein so gescheiter, willenskräftiger und vornehmer Mensch wie Harry Brosyn auf dem besten Wege war, die Liebe und die Hand Ursemis zu erringen. Dieser Graf war doch wahrhaftig eine ganz andere geistige wie charakterliche Potenz als die Sorte Brettwitz oder Darich. Und ein Mann wie Harry war nicht nur Ursemis unbändiger Art gewachsen, sondern auch am ehesten imstande, mit Tatkraft und Weitblick dermaleinst die gewaltigen Winklerschen Werke fortzuführen und den mächtigen Grundbesitz zu verwalten und zu erhalten. Das war ein doppeltes, ein seltenes Glück für die Eltern Winkler.

Und all demgegenüber war es doch rein lächerlich, wie er, der armselige Stipendiat, der kleine Privatlehrer mit 25 Mark Monatsgehalt und freier Station, überhaupt nur auf den schier wahnsinnigen Gedanken kommen könnte, seine Augen begehrend zu dieser Millionärstochter zu erheben. Unrecht, ja Frevel wars!

Mit Vernunftgründen ließen sich jedoch auf Kaspars Gedankenwalstatt noch so viele siegreiche Gefechte führen; dennoch erhob das aufrührerische Gesindel seiner elementaren Empfindungen immer wieder tückisch und erfolgreich die Fahne des Aufruhrs gegen den gebietenden Verstand.

Die Tatsache ließ sich nicht leugnen, daß in Kaspar eine leidenschaftliche Neigung für Ursemi immer stärker emporflammte, so daß er selber sich zuletzt gestehen mußte, dergleichen Gefühle für brüderliche Liebe zu erklären, wäre nichts anderes mehr als eine gemeine und lächerliche Notlüge.

Da faßte Kaspar den Entschluß abzureisen, noch ehe er sich verraten. Das war nur leichter gedacht als getan.

* * * * *

Man wußte im Redaer Freundeskreise sehr genau, wann Kaspars Ferien zu Ende gingen, und seine Ausflüchte -- er habe noch in Tramberg zu arbeiten -- glaubte ihm keiner.

Kaspar hatte wirklich kein Talent zum Lügen. Man sah ihm, wie Hans Sebalt spöttelte, jede Schwindelei gleich an der erbleichenden Nasenspitze an.

Kaspar war rechtschaffen in Verlegenheit um eine Ausflucht. Da fiel ihm zum Glück ein, daß es ja in Tramberg eine Ferienaufsicht gäbe. In erster Reihe kamen da freilich die Herren in Frage, die auf Generalunkosten die große Schweizerreise mitgemacht hatten; aber Kaspar brauchte sich ja nur um eine Vertretung bitten zu lassen.

Und so schrieb er schleunigst an Martin Muffke. Umgehend kam folgende lapidare Antwort zurück:

»Lieber Holzkollege! Sie sind zwar ein Pflichtprotz und ein total verrücktes Huhn, aber meine Ferienaufsicht möge Ihnen wohltun. +Habeatis+ vom 19. bis 22. September, Max. Postskriptum: Meine können Sie auch kriegen! Moritz.«

Nun hatte Kaspar seinen triftigen Grund und traf auch sobald wie möglich Anstalten zur Abreise.

Die alten Winklers bedauerten seinen Entschluß; Sebalt witzelte niederträchtig etwas von ministeriellen Gesundheitsrücksichten; Graf Harry schlug Kaspar kurzer Hand vor, wegen dieser verdammten Ferienaufsicht seinen Abschied einzureichen. Nur Ursemi sprach kein Wort.

Als sie aber bald darauf einmal mit Kaspar allein im stillen Garten des Hotels saß, sagte sie ihm plötzlich auf den Kopf zu: Er sei ein feiger Ausreißer.

Kaspar erschrak. Sollte er sich doch verraten haben?

Mit mühsamer Fassung erwiderte er: »Laß es gut sein, Ursemi. Ich muß wirklich heim.«

»Ich kenne ja deinen Dickkopf zur Genüge,« meinte Ursemi herb, ja ein wenig scharf, »aber wenn du glaubst, mich täuschen zu können, dann irrst du dich.«

»Täuschen, wieso?« fragte Kaspar unsicher.

»Daß deine Arbeiten und Ferienaufsicht Flausen sind, wissen wir alle. Und wenn du es nicht zugeben willst, dann will ich dir nur sagen, daß mir Hans -- was freilich perfide war -- den famosen Uriasbrief auf deinem Schreibtisch gezeigt hat, den du dir da von deinen Spießgesellen Max und Moritz hast schreiben lassen.«

Nun lachte Kaspar, allein so ganz geheuer war ihm nicht; denn Ursemi, die sonst viel zu gern mitlachte, blieb völlig ernst und fuhr leise fort: »Weißt du noch, Kaspar, was du mir voriges Jahr in Reda gesagt hast, als ich Chancy erwähnte?«

Kaspar erbleichte ein wenig, antwortete jedoch ruhig: »Gewiß, und ich dächte, ich hätte dir doch in diesen Tagen zur Genüge gezeigt, daß ich dich einem ehrenhaften Manne gönne.«

»Sehr gütig -- lieber Junge,« unterbrach ihn Ursemi spöttisch, »aber das meine ich nicht. Sondern ein gewisser jemand vermaß sich voriges Jahr hoch und heilig: nie eifersüchtig sein zu wollen. Und jetzt reißt er aus, weil ers doch geworden ist und sich dessen schämt.«

»Liebe Ursemi,« sagte Kaspar nach einer peinlichen Pause langsam, »was hast du wohl davon, wenn du mich hier demütigst und quälst? Ich darf dir über das, was mich im Tiefsten bewegt, doch keine Auskunft geben. Du weißt so gut wie ich, daß auch der willenskräftigste Mensch nicht immer seiner letzten Gefühle völlig Herr zu werden vermag. Jeder von uns hat ein verschleiertes Tempelbild im Herzen, das er vielleicht selbst nicht zu enthüllen wagt.«

»Wenn du orakeln willst, lieber Kaspar, dann bitte suche dir jemand anderen aus. Warum hast du denn nicht den Mut, mir klipp und klar zu gestehen, daß du auf Harry eifersüchtig bist?«

»Weil das Unsinn wäre,« fuhr es nun Kaspar heftig heraus, »weil ich nicht eine Spur von Recht dazu hätte. Ich hätte höchstens allen Anlaß, mich zu freuen, daß ein so tüchtiger, prächtiger und dir ebenbürtiger Bursche wie Harry sich für dich interessiert.«

»So? Woher weißt du denn das?«

»Ich glaube, das sieht ein Blinder.«

»Im Gegenteil, nur ein überscharf Sehender, ich weiß nichts davon.«

»Dann bitte ich um Verzeihung, Ursemi. Ich bin ein Narr, so oder so.«

Nun wurde die scharfe Ursemi plötzlich wieder die alte.

Mit siegesfrohem Lachen trat sie auf Kaspar zu, klopfte ihm vertraulich auf die Schulter und sagte launig: »Na, siehst du wohl, nun bekommst du als armer Narr und Sünder auch Absolution dafür, daß du dir in Gedanken schon ausklamüsert hast, ich ginge nächstens mit Graf Harry Gold graben. Habe durchaus keine Lust dazu. Und noch eins, mein Lieber! Das Recht, auf jeden, der dir deine Pflegeschwester fortholen will, greulich eifersüchtig zu sein, das Recht räume ich dir hiermit ausdrücklich ein, da du es dir nicht zu nehmen wagst, und es am Ende doch nicht lassen kannst. Aber dafür wahre ich mir auch mein Recht, es dir ganz gewaltig übel zu nehmen, wenn du bei jedem bißchen Herzbeklemmung gleich ausrücken willst. Wurscht wider Wurscht -- wie es unter guten Kameraden üblich ist. Und nun brav nebeneinander ausgehalten -- wies auch kommt. Hier Hand drauf und nicht gemuckst!«

Aufatmend schlug Kaspar ein. Es war ihm, als fiele ihm ein Stein vom Herzen. Dann ging er eilends auf sein Zimmer hinauf und schrieb Max und Moritz einen sehr verklausulierten Absagebrief.

In ungetrübter Stimmung gingen die Ferien zu Ende. Kaspar genoß die letzten Tage mit einem so bewußten Glücksgefühl wie nicht einmal die ersten Tage. Ursemi goß gleichsam Öl in seine Herzenswunden.

Dann fuhr er mit froher Arbeitsehnsucht nach Tramberg. Bis Innsbruck begleitete ihn Hans Sebalt.

Kurz zuvor hatte sich Harry Brosyn verabschiedet. Hans behauptete steif und fest: der junge Graf habe sich einen Korb geholt.

Kaspar zuckte mit den Achseln und meinte nur: »Schade, wenns wahr ist.«

Da lachte Hans Sebalt wieder spöttisch in sich hinein und dachte überlegen bei sich: Ich sollte an seiner Stelle stehn, ich wäre nicht so dumm.

Der Abschied der beiden Missionskinder war nicht ganz so herzlich wie ihre erste Begrüßung.

Siebentes Kapitel

Die Tänzer

Dank der Freigebigkeit Herrn Winklers war es Hans Sebalt möglich, den kostspieligen Tanzunterricht zu bezahlen, und so war sein Erstes in Leipzig, Herrn Niemeyer aufzusuchen und mit ihm das Nähere zu verabreden.

Besonderes Vergnügen konnten die beiden Studenten der Sache freilich nicht abgewinnen. Anfangs sahen die mit Spannung erwarteten Lektionen Freiübungsturnstunden verzweifelt ähnlich, und auch, als die Dämchen erschienen, ward es nicht weiter aufregend, zumal die betreffenden Mamas den Abenden beiwohnten und die Töchter zumeist nur gut dressierte Gänschen waren, mit denen eine Unterhaltung sich kaum lohnte.

Der Schlußball kostete einen Frack, zwei Paar Handschuhe, ein Bukett und einiges Geld; von wirklichem Vergnügen war nicht die Rede, um so mehr als Niemeyer und Sebalt sich gestehen mußten, daß sie noch immer nicht richtig und flott tanzen konnten.

Ein alter Restaurantpächter, der an ihrem Tische saß, bemerkte das auch, meinte aber lachend: tanzen lernten die Wenigsten in einer solchen Tanzstunde. Die Mädels könntens vorher, und die Herren lerntens meist erst nachher auf den Vorstadtbällen. Er schlüge ihnen darum vor, demnächst einmal zu ihm nach Lindenau herauszukommen, da würden sies im Fluge lernen.

Niemeyer und Sebalt ließen sich das nicht zweimal sagen und wurden bald Stammgäste im fröhlichen Lindenau.

In der Tat lernten sie, dank einiger energischer und unternehmungslustiger Dämchen, das Tanzen nun rasch und ärgerten sich nachträglich noch über das viele Geld, das sie im Tanzkursus ausgegeben hatten.

* * * * *

In Lindenau sah Hans Sebalt eines Sonntagnachmittags zu seiner freudigsten Überraschung in einer Ecke des Saales endlich die stolze Brünette aus dem Rosental wieder, deren Spur er -- trotz aller Nachforschungen in Monplaisir und anderswo -- völlig verloren hatte.

Schnell entschlossen ging Hans auf die so lange schon heimlich Verehrte zu und bat sie um einen Tanz.

Trotz seiner tadellosen Verbeugung sagte die große Unbekannte nur sehr stolz und wie gelangweilt: »Ich danke, ich tanze nicht.«

Und Hans machte eine zweite, weniger tadellose Verbeugung und ging mit pumpelrotem Kopf an seinen Platz zurück.

Er war außer sich vor Aufregung und verletzter Eitelkeit. Er schämte sich vor all den Hunderten von Menschen, als habe jeder einzelne seiner Abweisung persönlich beigewohnt.

Am liebsten wäre er spornstreichs davongelaufen, aber er wollte sich vor Niemeyer nichts vergeben. Im Gegenteil dachte er rasch: nur nichts merken lassen, nur ihr zeigen, daß du dir nicht imponieren läßt.

So tanzte er drauf los, so flott und sicher wie noch nie vorher, und jedesmal, wenn er an der heiklen Ecke vorüberwirbelte, sah er so triumphierend wie nur irgend möglich nach der schönen Brünetten, auf deren stolzen Mienen er jedoch zu seinem geheimen Ärger nicht den geringsten Eindruck wahrnehmen konnte.

Wie eine Sphinx saß sie unbeweglich da und sah gleichgültig, ja fast melancholisch dem rauschenden Treiben zu.

Hans Sebalt tanzte mit einigen hübschen und liebenswürdigen Mädchen, aber seine Gedanken waren unwiderruflich bei der Brünetten.

Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er ihr beikommen konnte; scheinbar hatte sie keine Bekannten im Saale.

Hans Sebalt gab seinem Herzen einen Stoß und zog Niemeyer teilweise in sein Geheimnis, das heißt, er schimpfte ganz gehörig über die eingebildete Person, die sich da vorn hinsetze und nicht tanzen wolle und doch wahrscheinlich auch nichts besseres sei als die anderen Mädels alle.

Schließlich setzte Sebalt dem Kommilitonen zu, ~er~ solle doch einmal sein Heil versuchen.

Niemeyer war ein forscher Kerl, lachte, ging hin, stellte sich höflich vor und -- zu Sebalts maßlosem Erstaunen und Ärger -- tanzte die stolze Brünette sofort mit ihm.

Und wie tanzte sie! Wie eine Göttin schien sie Hans Sebalt, dem Neid und Eifersucht an der Seele nagten, dahinzuschweben.