Kaspar Krumbholtz

Part 5

Chapter 53,708 wordsPublic domain

»Da muß ich wohl weiter ausholen und Ihnen vor allem erst sagen, wer ich bin und was ich war. Aber bitte, erschrecken Sie nicht, Herr Kollege. Ja, ja, machen Sie nur große Augen. Ich bin auch eine Lehrerin gewesen da drüben in meiner guten soliden Hansestadt Bremen. Ich habe auch nichts pexiert, damit Sie nicht etwa zu früh erschrecken. Ich bin Waise und mußte mich durchschlagen. Um perfekt Englisch zu lernen für ein höheres Examen, nahm ich Urlaub und kam so hierher. Ich fand aber wie Tausende und Abertausende von deutschen Mädchen trotz allen Suchens keine Stellung. Mein Geld verschwand, mein Schmuck, meine Garderobe ebenfalls; ich hungerte, verhungerte fast und sank schließlich wider meinen Willen. Doch -- wozu Ihnen das ausführlich erzählen -- also kurz und klar: ich ward von dem guten, alten Moses, der Ihnen jetzt Whitchapel gezeigt hat, auch eines Tages aufgelesen und kam da drüben in eines dieser herrlichen Magdalenenasyle.«

Die Erzählerin schwieg.

Eine schwüle Stille folgte, endlich brach Kaspar erschüttert das peinliche Schweigen: »Warum beichten Sie mir Fremdem das alles?«

»Warum?« antwortete Irmgard dumpf, »weil ich mich einmal aussprechen muß, und weil Sie, Herr Krumbholtz, bisher der erste sind, den ich in meiner neuen Umgebung kennen gelernt oder richtiger nur gesehen habe, der sich wohl aus rein menschlichen und nicht aus sogenannten christlichen Beweggründen für unsere Verhältnisse interessiert hat.«

»Wer sagt Ihnen das? Man braucht nicht gleich mit diesen methodistischen Wölfen zu heulen --«

»Ja, das ist der richtige Ausdruck --«

»So meine ich das gar nicht! Ich denke nur, man kann schließlich ein Christ sein auch ohne solche Übertreibungen wie heute abend.«

»Hier kann man es nicht, lieber Herr! Das ist ja gerade der Star, den ich Ihnen stechen möchte: Sie wissen ja gar nicht, was für eine Heuchelei bei dieser ganzen inneren Mission -- hier wie bei anderen Gesellschaften --, am wenigsten vielleicht noch bei der derben Heilsarmee, im Schwange ist. Der herrliche äußere Schein ist alles!«

»Ja -- aber warum sind Sie dann hier, mein Fräulein?«

»Weil ich lieber für freie Station schreibe, rechne und heuchle, als hungere.«

»Sie tun mir aufrichtig leid, Fräulein. Ich bin zwar auch nicht reich, aber wenn ich Ihnen mit meinem Bißchen --«

Das Mädchen sprang heftig auf und wehrte ab: »Nein, dazu bin ich wahrhaftig nicht hier, so gern ich in die Heimat zurück möchte. Sie sind ein vornehmer Mensch, Herr Krumbholtz, das habe ich instinktiv empfunden, als ich Sie beobachtete. Ich glaube beinahe, Sie täten es umsonst --«

»Umsonst, aber natürlich -- oder wie soll ich das verstehen, Fräulein?«

»Glauben Sie wirklich daran,« unterbrach ihn Irmgard bitter, »daß auch nur eine von diesen Hunderten von Magdalenen da drüben durch diese Mission wieder zu einem anständigen Mädchen gemacht werden kann? Aber das wollen diese frommen Leute auch gar nicht. Warum helfen Sie uns nicht, solange es sich lohnt? Wie verzweifelt habe ich und andere -- das weiß Gott -- gerade auch hier um eine Brotstelle gefleht -- vergebens! Man will eben nur Gefallene aufrichten, und das gerade ist Sysiphusarbeit.«

Kaspar sah sein Gegenüber mit großen Augen tief erschrocken an, dann sagte er leise: »Lassen Sie mich nicht schlecht von Ihnen denken.«

Schüchtern reichte das tief errötete Mädchen Kaspar die Hand und sagte ebenso leise: »Haben Sie Dank für dieses gute Wort und bitten Sie Ihren Gott, daß er Sie bewahre vor der Not, in der man nach dem schmutzigsten Strohhalm greift, um sich retten zu können. Sie haben eben zu hoch von mir gedacht und ich zu tief von Ihnen, Herr Krumbholtz. Ich hatte gehofft, in Ihnen einen heimlichen Gegner dieser scheinheiligen Christensippe gefunden zu haben, vielleicht einen trotzig kecken Verächter, der ihnen hohnlachend ein Schnippchen schlagen würde. Ich habe statt dessen einen Mann gefunden, dem ich früher hätte begegnen sollen, um -- vor dem schlimmsten bewahrt zu bleiben.«

Kaspar Krumbholtz schlug vor dem heißen Blick des Mädchens verwirrt die Augen zu Boden und erwiderte langsam: »Wer sich selbst so offen und so schwer anklagt, der kann vielleicht einmal schwach, aber nicht schlecht sein. Im übrigen, mein liebes Fräulein, wer von uns darf einen Stein erheben?«

Da durchbebte ein konvulsivisches Zucken plötzlich den schlanken Leib der jungen Bremerin, und wie hilfesuchend griff sie nach der unwillkürlich vorgestreckten Hand des betroffenen Kaspars, beugte sich darüber und stieß unter heftigstem Schluchzen heraus:

»Wie gut Sie sind -- lassen Sie mich ausweinen -- nur einmal -- einmal! Ich habe seit langer Zeit, ja, wohl noch nie einen Menschen gehabt, der so zu mir gesprochen hat. O könnt ichs Ihnen danken! Aber ein Weib wie ich -- taugt nicht einmal dazu mehr -- vorbei -- alles vorbei!«

Tröstend fuhr Kaspar mit linder Hand über den blonden Scheitel der Weinenden, während seine Gedanken wie erschreckte Vögel aufgeregt hin- und herflatterten.

Der weibunkundige junge Herrnhuter fühlte sich in dieser überraschenden, ihn völlig verwirrenden Situation hilflos. Ein tiefes Mitleid durchbebte ihn und doch auch ein leises Gefühl des Mißtrauens, das ihm zwar schnöde und feige vorkommen wollte, das er jedoch nicht ganz überwinden konnte.

Hatte dieses Mädchen ihm nicht angedeutet, daß er ihr um jeden Preis als Rettungsanker willkommen sein würde? Aber hatte er darum nicht vollends die ritterliche Pflicht, ihr ohne jeden Hintergedanken zu helfen, es koste, was es wolle?

Hastig überschlug Kaspar seine zu Ende gehenden Mittel. Würde es reichen zu einem Billett nach Bremen? Er selbst hatte ja seine Rückfahrkarte. Jedenfalls wollte er geben, was er hatte, und so sagte er zögernd, fast schamhaft: »Liebes Fräulein, ich glaube, ich kann drei Pfund entbehren. Würde das reichen, um Ihnen zur Rückkehr nach Bremen zu verhelfen?«

»Nein, nein,« stöhnte Irmgard kopfschüttelnd, »das sollen Sie nicht! So weit -- und doch --« Sie schwieg eine Weile, dann fuhr sie schüchtern fort: »Wenn Sie mich mitnehmen wollen -- ich folge Ihnen, wohin Sie wollen, aber so -- nein -- nein, nicht so!«

Kaspar errötete und geriet in neue Verwirrung.

Was wollte das ihm völlig unbekannte Mädchen gerade von ihm? Es konnte doch nur ein toller Einfall des Augenblicks bei der völlig Verzweifelten sein. Ruhig Blut -- um Gottes willen, was sollte daraus werden. Die Anstalt Tramberg, die ganze Brüdergemeine stand Kaspar mit einem Male vor den inneren Augen.

Seine schlummernde Energie erwachte jäh, und so hob er den Kopf des Mädchens mit der Rechten schonend empor und sagte mit jener Überlegenheit des älteren Kameraden, mit der er bisweilen einem seiner störrischen Knaben den Kopf zurecht setzte: »Kindchen, nun wollen wir doch mal ruhig miteinander reden. Sie dürfen keine Dummheiten machen und ich, als der verantwortliche Mann, erst recht nicht. Sie sind arm und ich auch. Wir können keine Vergnügungsreisen machen. Ich muß in meinen Beruf zurück und Sie auch.«

»Das geht ja doch nie wieder,« unterbrach das Mädchen Kaspar traurig, »wer stellt so eine wieder an? Und dann -- wenn doch einmal alles zutage kommt -- nein, nie, nie! -- Lieber in Whitchapel vor die Hunde gehen!«

»Also Sie weisen jede Hilfe ab?«

»Jede Unterstützung, ja! Mir hilft nicht Geld, mir hilft nur ein Mensch, zu dem ich emporblicken, an dem ich einen Halt haben könnte, ein Mann wie Sie!«

Und wieder schaute das Mädchen ihn heiß mit flehenden Augen an.

Kaspar schwieg. Das Blut stieg ihm siedend zu Haupte und pochte hämmernd gegen seine Schläfen. Endlich sagte er mühsam:

»Wenn Sie mich vorhin unterschätzt haben, jetzt überschätzen Sie mich. Sie kennen mich nicht. Ich bin selbst noch ein Schwankender, ein Werdender, ein Unfertiger. Ich kann vielleicht Kinder leiten, aber keinem Weibe einen Halt bieten. Auch bin ich ein armer, abhängiger Mensch -- wirklich nichts weiter.«

Da trat Irmgard plötzlich dicht an Kaspar heran, flüsterte leise mit bebender Stimme: »Sie sind der redlichste Mensch, der je in mein Leben getreten ist. Retten Sie mich! Sie können es, aber kein anderer!«

Und dann warf sich das junge Weib mit auflodernder Leidenschaft an Kaspars Brust, umfing das Haupt des Widerstrebenden mit beiden Armen, preßte ihre glühenden Lippen stürmisch auf seine Wangen und suchte seinen Mund.

Mit freundlicher, aber fester Hand löste Kaspar die zarten Arme von seinen Schultern und sagte mit entschlossenem Ernst:

»Nicht so, liebes Fräulein! Wollen Sie denn durchaus, daß ich auch noch den Kopf verlieren soll? Einer von uns muß wirklich den Verstand behalten, wenn wir nicht beide ins Unglück geraten sollen. Es sieht roh und grausam aus, wenn ich Ihre Neigung so undankbar lohne; aber ich hoffe, Sie werden es mir doch einmal danken. Nein, bitte nicht weinen, Fräulein. Ich meine es gut, und wenn ich Ihnen wirklich auch nur das Geringste gelte, so zeigen Sie es mir dadurch, daß Sie meinem Rate folgen. Kehren Sie nach Deutschland zurück, bitte, wollen Sie es tun?«

Die Schluchzende gab keine Antwort. Kaspar ging liebreich auf sie zu, legte seinen Arm wie tröstend auf die zuckenden Schultern des Mädchens und sagte weich:

»Wenn ich Sie herzlich bitte, liebes Fräulein Irmgard -- wollen Sie es nicht mir zuliebe tun?«

Da hob die Bremerin schüchtern den Blick zu Kaspar empor und antwortete leise: »Küssen Sie mich -- nur einmal -- nur ein einziges Mal! Und ich will gehorchen.«

Und Kaspar Krumbholtz küßte das junge schöne Weib.

Es war der erste Kuß in seinem liebeleeren Dasein, und er war sich der Heiligkeit des Augenblicks voll bewußt und hat sich dieses Kusses auch später nur mit süßer Sehnsucht erinnert. Er glaubte einem holden Geschöpf nur so zeigen zu können, daß er es achtete, und daß es ihm wert genug war, alles für seine Rettung zu tun.

Wie ein Kindchen, das seinen Willen erhalten hatte, ließ sich Irmgard nun ganz still und gefügig das Geld für die Heimreise aufdrängen, versprach ernsthaft, diese so bald wie irgend möglich anzutreten, um sich eine neue Stellung zu suchen.

Gleich einem treuen älteren Bruder schied Kaspar Krumbholtz von dem noch immer still vor sich hin weinenden Mädchen und reiste am nächsten Morgen mit dem ersten Expreßzuge nach Tramberg zurück.

Sechstes Kapitel

Feriengäste

Nachdem Kaspar seinem Direktor Bericht erstattet und Rechnung gelegt hatte, übergab ihm dieser mit seinem vergnüglichsten Lächeln einen Brief nebst einem Scheck und sagte, indem er sich listig die Hände rieb: »Ich vermute, hier wird jemand seine Weltreisen fortsetzen!«

Erstaunt sah Kaspar, der noch nie einen Scheck gesehen hatte, erst das lange Papier an, auf dem 500 Mark zweimal geschrieben stand, öffnete sodann den Brief, in dem Herr Winkler ihn bat, so bald wie möglich über Tyrol oder über den Fluelapaß nach Sils Maria ins Engadin zu kommen, wo er mit Frau, Tochter und Freund Sebalt die Ferien und das schöne Wetter genieße.

Kaspar machte das bekannte Gesicht, was der Mensch meistens macht, wenn ihm etwas völlig unerwartet kommt. Darauf bat er um weiteren Urlaub, den ihm Bruder Nitschke viel zu gern bewilligte, da er in den Ferien froh war, wenn sein großes Haus möglichst leer war. Außer den unentbehrlichen Handwerkern sah er da niemand gern.

Mit dankbarem Händedruck quittierte Kaspar über eine Summe, wie er sie noch nie, auch nicht in den Karpathen, sein eigen genannt, ja nicht einmal im kühnsten Traume erhofft hatte, und setzte sich eilends oben auf der Lehrerstube vor das große Reichskursbuch des Hauses.

Nach schwierigen Überlegungen und abermaliger Rücksprache mit dem freundlichen Direktor entschied sich Kaspar für die Schweizerroute und gab telegraphisch Herrn Winkler Bescheid.

Der Marsch über den herrlichen Fluela lockte den jungen Lehrer gewaltig, und die folgende Nacht tat er kaum ein Auge zu vor Aufregung.

Von Davos aus begann Kaspar am übernächsten Tage die Wanderung über den Paß.

Wieder erschloß sich seiner Seele eine neue Welt eigenartiger strenger Schönheit, die ihn mit gleicher Wucht und Größe gefangen nahm und still erschauern ließ, wie vordem die wilden, trotzigen Karpathen.

Freilich, das berauschende Gefühl unermeßlicher Einsamkeit überkam Kaspar auf der ziemlich belebten Fremdenstraße nicht so wie in dem ungarischen Waldgebirge, das ihm auch in Fauna und Flora einen unberührteren, reicheren Eindruck gemacht hatte.

Nur die ersten Alpenrosen versetzten den jungen Lehrer in helles Entzücken, und wie ein Pfingstochse reichlich damit geschmückt, überschritt er jauchzend die Paßhöhe, unbekümmert um das Gelächter blasierter Bergfexe und ihn spöttisch lorgnettierender Dämchen.

* * * * *

Kurz vor Zernez, dem alten Ladinernest, stieß Kaspar unvermutet auf Hans Sebalt, der ihm auf gut Glück von Sankt Moritz entgegengefahren war und nun wie ein Wegelagerer in einer kleinen Schänke die Fluelastraße abgespäht hatte. Mit lautem Hallo fiel er über den alpenrosengeschmückten Freund her, und man umarmte sich stürmisch immer wieder mit ausgelassenster Freude.

Im nahen Zernez bezog man in einem altertümlichen Gasthofe Nachtquartier, bestellte sich ein reichliches Mahl und einen guten Veltliner, und dann gings an ein großes Erzählen bis tief in die Nacht.

Die ersten Fragen Kaspars galten Ursemi und ihren Eltern.

Hans Sebalt berichtete ausführlich, nur ein wenig spöttisch, vom lieben stillen Reda, wo alles so ziemlich beim alten sei.

Der weise Berthold regiere das Haus noch immer so lautlos wie ein Geheimrat hinter seinem Minister; die runde Mine sei noch ein bißchen runder geworden; nur die hübsche Kathrine habe kürzlich geheiratet, aber die Nachfolgerin sei auch ein ganz appetitliches Mamsellchen. Die Doggen seien ein bißchen klapperig geworden, besonders der Toni würde wohl nächstens in die ewigen Jagdgründe eingehen, während die Cleo, zäh wie ein altes Frauenzimmer, noch gut bei Appetit und Stimme sei. Bei ihrer Herrschaft wäre es ganz ähnlich. Der stattliche Herr Winkler habe leider weit mehr eingelegt als seine kleine Frau, der das Sorgen -- namentlich jetzt um den künftigen Schwiegersohn -- noch immer ausgezeichnet bekomme.

An Aspiranten scheine es übrigens nicht zu fehlen, wenigstens sei all die Tage über in Reda beständig Besuch im Hause gewesen, und schließlich sei man wohl darum nach Sils Maria ausgerückt.

Als Kaspar geradezu fragte, ob denn unter den Herren einer gewesen sei, der Ursemis einigermaßen würdig wäre, da lachte Hans Sebalt schallend heraus und meinte:

»Würdig? Köstlich! Du bist doch immer noch der Alte! Gewissenhaft wie ein Vormund. Menschenskind, wenn ich du wäre, wüßte ich längst, was ich täte. Du hast einen Stein im Brett bei unserer allergnädigsten Schlotprinzeß -- doch wem sage ich das? Also die Bewerber! Allzu ernsthaft nimmt sie wohl keinen, und der Herr Papa auch nicht. Es ist wie in den alten Märchen. Jeder fremde Prinz zeigt sich von seiner besten Seite; aber keiner findet Gnade beim König und seiner Tochter. Da ist der famose Leibkürassier, der Brettwitz, tadellose Erscheinung, vorzügliche Formen, und reiten kann er wie der Deubel. Aber von der ersten Silbe seines erlauchten Namens trägt er mehr draußen vorm Kopf als gut ist, und von der zweiten drin zu wenig. Chancen so ziemlich gleich Null, um so größer natürlich sein Bemühen. Dann war unter anderen ein junger Darich da, du weißt von den Belower Kammgarnkönigen ein Sprößling. Auch kein übler Kerl, immer tipp topp, spielte Tennis -- blödsinnig sagte Brettwitz. Nur im ganzen mehr Yankee als Deutscher, und du weißt, das verträgt der Alte schon gar nicht, während unsere gute Mama Winkler von dem tüchtigen jungen Mann, der doch so gut ins Geschäft passe, ganz hingerissen war. Ursemi endlich behandelte ihn mit dem ganzen Übermut einer Dollarlady, scheinbar höchst kameradschaftlich, tatsächlich wie einen Liftboy. Du, die hat überhaupt in England einen ganz verfluchten Tick bekommen, der kann einem jungen Mannsbild bisweilen wirklich auf die Nerven gehn. Ich war ja leider nie ihr Fall -- jetzt aber werde ich, wenn sie bei Laune ist, von ihr gelegentlich in einer Weise verknackt, als nähme sie mich überhaupt nicht mehr ernsthaft. Also im Vertrauen, alter Junge, sei auf der Hut vor der Dogaressa, wie unsere putzige Dente sie nannte, die übrigens auch noch im Segen zu Bethel ihres Amtes waltet und aus dem alten wurmstichigen Schwesternhause Überschüsse auf Überschüsse herauswirtschaften soll zur großen Freude der Finanzabteilung, die Stipendien schaffen muß -- wie Figura zeigt -- also -- Prosit!«

»Prosit! aber nimm mirs nicht übel, Hans!« sagte Kaspar, fast ein bißchen boshaft lächelnd, »ich glaube, du hast dich mindestens ebenso verändert wie unsere Ursemi, auf die ich ja schon sehr gespannt bin. Im übrigen wandeln wir uns wohl alle -- Gott sei Dank! Also freuen wir uns lieber, daß wir uns mal wieder haben dürfen, anstatt uns über einander zu wundern.«

»Also sprach der weise Schulmeister Seneca!« fiel Hans Sebalt mit großer Gebärde ein, »ja, du hast so recht! Ich merke schon, du bist schon ein ganz solider, zügelzahmer Schulfuchs da unten im Wüschteberger Ländle geworden, und ich fange an, in dem lieben, saufseligen Sumpfnest Leipzig ein windiger, weltfroher Sünder und Zöllner zu werden und sitze, wo die Spötter sitzen. Aber schön ists doch, mein Junge, sich so richtig mal den Wind der großen Welt um die Nase wehen zu lassen, ihren tausend und abertausend Gefahren trotzig die Stirn zu bieten und sich selber unverzagt den Weg zu suchen, ohne von Bruder Hinz und Kunz bepapelt und geleithammelt zu werden. Du braves Kasperle, du hast ja keine Ahnung, was für eine herrliche, sauvergnügte Welt es noch da draußen gibt -- weit, weit hinter eurem Gemeindezaun und der Schwäbischen Alp. Ja, mein Lieber, davon läßt du dir in deinem großen Anstaltskäfig wohl nichts träumen? He, was meinst du, wenn du auch mal herauskämst? Ich wollte dir das längst schon schreiben, kam aber nicht dazu. Mußt du nicht bald dein Jahr abbrummen? Dann komm nach Leipzig, alter Junge, komm zu mir! Wir hausen zusammen -- das kann eine urgemütliche Kumpanei werden. Und dann -- dann will ich dir mal die große Seestadt Leipzig zeigen -- Junge, Junge -- da sollen dir die guten Schwabenaugen übergehn und dein Schulverstand stille stehn.«

»Hm,« brummte Kaspar behaglich, »das wäre zu überlegen. Aber vorher habe ich noch allerlei zu erledigen, auch muß ich mir über gewisse Dinge erst einigermaßen klar werden.«

»Das mußt du ja immer,« neckte Hans, »ich glaube, du bist dir mit achtzig Jahren noch nicht klar über dich selbst. Aber Schwamm drüber, jedes Tierchen nach seinem Pläsierchen. Wie gefällt dirs sonst in Tramberg? Ganz so gott- und weltverlassen wie die Arche Gotteshaag ists doch wohl nicht -- oder? -- Ihr dürft wohl nicht viel raus aus eurem Bau?«

»Manchmal doch,« meinte Kaspar seelenruhig, »so bis nach London kommt man schon einmal.«

»Nach London? Mach keine faulen Witze. Du meinst eure Jungens -- na ja -- die haben jetzt Ferien.«

»O nein, ich selber komme geradenwegs von London zurück,« erklärte Kaspar lachend.

Nun war die Reihe erstaunter Fragen an Hans Sebalt, und er fuhr damit rasch heraus: »Menschenskind -- du in London -- allein in der großen Weltstadt -- und ohne Aufsicht, Jungchen, Jungchen, wenn das man kein Unglück gegeben hat. Wie lange warst du denn da, und was hast du da gemacht?«

»Na, wieder allerlei,« erwiderte Kaspar mit gutem Humor, »was du nicht verstehen wirst. Ich habe die Werke der inneren Mission studiert.«

Hans Sebalt brach in ein Höllengelächter aus und brüllte vor Vergnügen:

»Innere Mission -- dazu fährt der Kerl nach London -- ausgerechnet nach London, der großen Sündenbabel! Sag mal, bist du denn schon so verrückt, daß du etwa Speckapostel werden willst?«

»Ob ich das je wollte, weiß ich nicht. Jetzt aber weiß ich ganz genau, daß ich es nicht mehr will. Das ist auch etwas.«

»Na und mit der Theologie?«

»Mit der habe ich mich in Straßburg noch einmal auseinandergesetzt und ihr nun endgültig Valet gesagt.«

»In Straßburg warst du auch? Na, höre mal -- wann warst du denn da eigentlich in Tramberg?«

»Von Ostern bis Ende Juni, abgerechnet die drei Tage der Schwarzwaldreise.«

»Schlemmer, den herrlichen Schwarzwald hast du auch noch so nebenbei besichtigt? Höre, Kaspar, braucht ihr nicht in Tramberg nächstens auch Oberlehrer? Ich wäre gern bereit, als Auslandreisender bei euch einzutreten.«

»Gut, ich wills unserm Chef sagen, der ist so wie so stets in Lehrernöten. Wie wärs, wenn du mich ablöstest, wenn ich dienen muß?«

Und wieder lachten beide, daß die Wände der kleinen Schenkstube fröhlich widerhallten.

Dann mußte Hans Sebalt von Leipzig erzählen, und er tat es nunmehr ohne die Ruhmredigkeit der ersten halben Stunde. Von den Kollegs, von den Kneipen, von seiner Wirtin und Herrn Niemeyer sprach er allerlei; nur von der stolzen Brünetten erwähnte er ebensowenig ein Wort wie Kaspar von seinem Londoner Magdalenchen. Spät gingen die Freunde zur Ruhe, und früh standen sie auf, um dann, fröhlich singend und schwatzend wie ehedem zu Gotteshaag, miteinander das herrliche Inntal hinaufzuwandern gen Sils Maria.

* * * * *

Als die beiden Freunde nach zwei Tagen staubbedeckt und braungebrannt am Ziele anlangten, empfing sie Frau Winkler allein, aber mit einer Herzlichkeit, als wolle sie für die Abwesenheit von Mann und Tochter Entschädigung bieten.

Sorglich nahm sie sich ihrer zwei Pflegesöhne an, als wären es noch die kleinen Tertianer von Bethel. Kaspars Sachen, die er klug vorausgeschickt hatte, hingen schon, alle wohlgebügelt, im Schranke seines herrlich gelegenen Zimmers, von dessen Balkon aus man die ganze Riesengruppe der Piz Bernina überschauen konnte. Rasch zog sich Kaspar um und trat dann in den herrlichen Abend hinaus.

Da sah er vom gegenüberliegenden Berghang einen stattlichen, nur etwas vornübergebeugten Mann und ein tannenschlankes Mädchen langsam herunterschreiten. Mit einem Blick hatte er die Redaer Freunde erkannt und stürmte -- wie er war -- ohne Hut hinab und ihnen entgegen.

An einer Straßenbiegung lauerte er ihnen auf und überraschte Vater und Tochter vollkommen. Am liebsten wäre er beiden um den Hals gefallen, aber unwillkürlich dachte er an Sebalts Worte, und so dämpfte er den Überschwang seiner Gefühle. Immerhin ging es laut genug her.

Herrn Winkler freilich leuchtete die stille Genugtuung über den stattlichen Pflegesohn nur aus den gütigen Augen; aber Ursemi machte kein Hehl aus ihrer hellen Freude wie aus ihrem Erstaunen, ihren ehemaligen Rekonvaleszenten Kaspar so kraftvoll und frisch wiederzusehen. Mit glückseligem Stolz wirbelte sie übermütig den hochgewachsenen Freund ein paarmal im Kreise herum und sagte befriedigt, fast stolz:

»Sieh mal einer an, was fürn Berserker aus dem Suppenkasperle vom Luisenstift geworden ist! Jetzt kann man sich doch wieder mit dir sehen lassen.«

»Danke für das Kompliment,« erwiderte Kaspar, lustig sich verneigend, »ich könnte ja nun eine Retourkutsche vorfahren lassen, aber wozu! Du weißt, ich war mit dir immer zufrieden. Ich bin nicht so anspruchsvoll bei meinen Freunden.«

»Vater,« sagte Ursemi resolut, »was macht man nun mit dem Kerl, verdrischt man ihn, oder gibt man ihm einen Kuß?«

»Das halte du, wie du willst,« meinte Herr Winkler trocken, »Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.«

»Hör mal, Vater, du untertaxierst uns nachgerade.«

»Um so besser, dann habe ich Hoffnung, euch nächstens mal in neuen Rollen zu sehen. Einstweilen spielt ihr noch die alten von Bethel, aber sie sind nicht so langweilig wie die mit Mister Darich und Genossen. Also nur zu, die +repetitio delectat+ als +variatio+.«

»Liebster Papa, willst du nicht deutsch reden?«

»Warum, du redest doch auch so viel englisch. Ich muß dir doch zeigen, daß ich noch etwas mehr kann als du -- sonst geht der Rest des väterlichen Respekts auch noch in die Wicken.«