Kaspar Krumbholtz

Part 10

Chapter 103,657 wordsPublic domain

»Geliebte im Herrn! Es zerreißt mir das Herz, wenn ich solche Worte hören muß wie die letzten von Bruder Krageneck. Sind wir denn darum als erstarrt oder wenigstens als nach und nach erstarrende Christen zu bezeichnen, weil wir um unsere Glaubenszuversicht bangen und für die unserer Kinder fürchten? Ich bin ein alter Mann, und weiß, daß in meiner Jugend kein solches Suchen in der Schrift unter uns war, wie jetzt, seit wir fürchten, daß man uns verwirren will. Vielleicht sind wir lebendiger als damals. Ich bin ferner ein ungelehrter Mann, wie es eben über 99 Prozent unserer Gemeine sind; aber ich empfinde es als eine furchtbare Gefahr für unsere Kirche, wenn Männer, die Christi Gottheit und Auferstehung öffentlich leugnen, unsere jungen Prediger lehren und auf ihr Amt vorbereiten. Ich frage mit Beben: Sind unsere Theologen um Gottes und unsertwillen da, oder Gott, Christus und wir, seine Gemeine, um ihretwillen! Alle Achtung vor der Wissenschaft, aber ich lasse mir auch von ihr und ihren besten Vertretern nicht wegdisputieren oder meinetwegen beweisen, daß Christus nicht für mich gelitten hat und auferstanden ist. Nein, darauf will ich leben und sterben und hoffentlich auch meine Kinder. Man kann ein grundgelehrter Mann und doch nicht geschickt zum Reiche Gottes sein. Ich hege gewiß auch Achtung vor den jungen ringenden Gottesstreitern und ihren pflichtgetreuen Lehrern; aber sie mögen in die Stille gehen, wenns ihnen zweiflerisch zumute ist. Doch an der Spitze unserer Gemeinen, unserer Schulen und Behörden wollen wir Leute sehen, die mit uns eins sind im felsenfesten Glauben, nicht gerade an jedes Wort der Schrift -- das hat schon ein Luther und Zinzendorf nicht verlangt -- aber an die Hauptsachen, den persönlichen Gott, seinen eingebornen Sohn und seinen uns allein erlösenden Opfertod und seine Auferstehung. Ich bitte daher die Brüder, den ~Geist des Seminars zu erneuern~, vielleicht einige positivere Lehrer zu suchen, zum mindesten aber den studierenden Brüdern Gelegenheit zu geben, anderwärts Professoren zu hören, die weniger radikal sind als einige Gotteshaager Dozenten. Sollte es an den nötigen Mitteln dafür fehlen, so sind meine Freunde und ich bereit, dazu größere Summen nicht nur im Etat zu bewilligen, sondern auch persönlich zu spenden.«

Unsicher tastend setzte sich der alte Mann.

Hätte er um sich geschaut, hätte er viel warme Anerkennung in den Mienen seiner Zuhörer lesen können; Beifall zu äußern war nicht Brauch an dieser gottgeweihten Stätte und vollends nicht bei so ernsten Beratungen.

Nun stand der gefürchtete Unitätdirektor Balzar auf, von ihm erwartete man das entscheidende Wort, und mit äußerster Spannung hingen aller Augen an seinen Lippen, als er sprach:

»Liebe Brüder! Was mein lieber Vorredner im Namen Tausender gesagt hat, war mir und den Brüdern der Behörde, in deren Namen ich rede, aus der Seele gesprochen! Eine weitgehende Beunruhigung der Gemüter ist nicht zu leugnen. Wo die Schuld liegt, ist im einzelnen hier nicht zu untersuchen, es ist an anderer Stelle geschehen. Nur so viel sei offen bekannt: Es sind Fehler begangen worden, schwere Fehler sogar, von seiten der Dozenten und ihrer Schüler, wie von seiten der vorgesetzten Behörde, insonderheit auch von mir. Ich hätte früher und energischer ein- und durchgreifen sollen. Aber so sehr ich bereit bin, für meine Unterlassungssünden zu büßen, so wenig glaube ich, daß damit zurzeit etwas gebessert wird. Ich glaube ferner nicht, daß es schon an der Zeit ist, das Kind mit dem Bade auszuschütten, und das Seminar, das uns über ein Jahrhundert zum Segen war, kurzerhand aufzuheben. Noch sind nicht alle Mittel erschöpft, es zu bessern, und wenn mich die Synode an der verantwortungsvollen Stelle belassen will, an die sie mich vor 10 Jahren gesetzt hat, dann will ichs in aller Schwachheit noch einmal versuchen, ~den Geist des Seminars zu reformieren~, vorausgesetzt, daß man mir das Wort unserer heutigen Losung vom Eifer Gottes zubilligt wie Paulus. Ich habe schon jetzt den Bruder, der mir menschlich und verwandtschaftlich so nahe und leider im Glauben so fern steht, an eine andere Stelle gesetzt. Und ich werde weiter dafür sorgen, daß geeignetere, das heißt ihrer gewaltigen Verantwortung für ihre Schüler sich klarer bewußte Lehrer in das theologische Seminar eintreten. Umgraben wir also den lieben, alten Baum noch einmal, begießen und pflegen wir ihn noch einige Jahre mit Gebet und Flehen, und warten wir vorerst in Geduld, ob er nicht doch noch bessere Früchte trägt als bisher. Wir wollen gern dafür Sorge tragen, daß einige der fähigeren Studenten und Kandidaten auswärtige Universitäten besuchen, und danken Bruder Wechler und seinen Freunden aufs herzlichste, wenn sie durch persönliche Geldopfer den knappen Mitteln unseres Etats nachhelfen wollen. Gott lohne ihnen ihre hilfsbereite Bruderliebe. Und so bitte ich noch einmal um Zutrauen zu uns, der Behörde, und somit um Ablehnung aller dreier Anträge, die ja mehr oder weniger den Bestand des Seminars in Frage stellen.«

Der Redner hatte durch eine ihm sonst nicht eigene Milde seine Zuhörer sichtlich überrascht und schon damit halb gewonnen; indessen manchem behagte weder die Halbheit der Entscheidung noch die stark autokratische Form der weiteren Regelung.

Das sprach sofort aus den wenigen Worten, die der Fabrikdirektor Leifert, wieder ein sehr angesehener Laienbruder, sprach:

»Gegen Bruder Balzars Vorschlag habe ich zweierlei Bedenken: erstens fürchte ich, daß er, wie die Dinge liegen, zurzeit nicht drei Brüder finden wird, die nach seiner und unserer Meinung positiv und zugleich wissenschaftlich bedeutend genug sein dürften, um würdig an der Stelle solcher Gelehrten zu stehen, wie es Hansen war, wie es Krageneck und sein eigener Schwager sind. Die Dozenten sind doch nicht für uns da, sondern für die Studenten und müssen vor allem diesen imponieren können, und dazu gehört heutzutage -- auch in der theologischen Wissenschaft -- nicht wenig. Zweitens muß ich ganz offen gestehen, daß ich glaube, Bruder Balzar überschätzt seinen gewiß wohltätigen Einfluß auf das Seminar denn doch ein wenig. Ich, als langjähriger Vorgesetzter von so vielen Beamten und Arbeitern, weiß zur Not auch, wie weit persönlicher Einfluß geht. Es ist nicht bedeutend. Darum nein! ~Kein Fortwursteln~, man verzeihe den harten, aber klaren Ausdruck. Ich bitte die Synode, die ja über der Behörde steht, sie wolle beschließen: ~das Seminar einstweilen zu suspendieren~ und unsere Studenten zunächst mal ruhig, am besten gleich mit einem oder zwei jungen Dozenten, nach Halle oder Greifswald zu schicken. Das heißt reiner Tisch gemacht, und wir sehen in wenigen Jahren, ob die Schuld an unserm Seminar und seinen Leitern, oder was doch auch sehr wohl möglich ist, am Zug unserer Zeit lag.«

Eine lange Pause folgte den energisch hervorgestoßenen Worten des Fabrikdirektors, und fast schien es, als sollte zur Abstimmung geschritten werden.

Da erhob sich die ragende Gestalt des ehemaligen Unitätdirektors Kämpfer, der sich seit dem ihn schwer betrübenden Austritt seiner beiden Söhne und dem Tode seiner Brüder ganz ins Privatleben zurückgezogen hatte, nur auf das Drängen seiner alten Gemeine Herrenfeld, die noch immer an ihm hing, die Wahl zur Synode schließlich angenommen hatte.

Früher einer der bekanntesten und schlagfertigsten Synodenredner, der glänzende Führer der Konservativen, hatte der rüstige Greis mit dem schönen wallenden Patriarchenbart auf der jetzigen Synode noch nicht ein Wort geredet.

Um so größer war darum das Erstaunen, das selbst bei diesem würdigen Publikum nun nicht mehr ganz geräuschlos war.

Mit leiser Stimme begann Ehrentraut Kämpfer, fast zag und unsicher, doch nach und nach kam die alte Wucht über ihn, als er merkte, daß man ihm rings mit wahrhaft totenstiller Andacht lauschte:

»Liebe Brüder und Schwestern! Ich habe eigentlich nur zu der Synode zu reden. Ich weiß das, aber ich muß -- ehe ich für immer schweige -- doch noch einmal zu der ~ganzen~ lieben Gemeine reden, zu der ich vor fünf Jahrzehnten unter schweren Opfern gekommen bin und der mein Herz gehört und gehören wird bis zu seinem letzten Schlag, auch wenn ich es erleben müßte, was Gott der Herr verhüte, daß es mit ihr zu Ende geht. An der Schwierigkeit des Dienernachwuchses ist die alte Brüderkirche zugrunde gegangen trotz Comenius! An derselben Schwierigkeit scheint -- es besteht die Gefahr jedenfalls -- auch die erneuerte Brüderkirche scheitern zu sollen, trotz eines Hansen und anderer hervorragender Persönlichkeiten. Woran liegt das? Das ist die ernste schwere Frage, die wir uns einmal vorlegen wollen, ehe wir an die zweite der etwaigen Aufhebung des Seminars entscheidend herantreten.

Meine lieben Geschwister! Ich bin noch einer der wenigen Alten, die von draußen hereinkamen, bin vielleicht darum nicht so gemeinmäßig vorsichtig, aber auch nicht ganz so befangen in traditionellen Anschauungen. Weil ich das, was ich mir schwer errungen habe, schätze, brauche ich es nicht zu überschätzen; denn ich weiß noch sehr wohl, wie es ist, wenn man es ~nicht~ hat. Und so muß ich sagen: ~Wenn die Brüdergemeine nicht bleiben kann, was sie war~, das heißt ein kleines aber selbständiges und besonders lebendiges Organ im großen Organismus der evangelischen Kirche, dann ~möchte ich lieber, daß sie nicht mehr sei, als daß sie ein Scheinwesen führe~. Eine orthodoxe Theologie ist wahrlich nichts Besonderes, so wenig wie heutzutage eine liberale. Aber meine Lieben, ~eine kleine, eng und brüderlich miteinander verbundene Gemeinschaft mit ihren ehrwürdigen Kultuseigenheiten und ihren bewährten Erziehungsweisen, fest gegründet auf ihre besonderen sozialen Fundamente, die durch ihre historische Entwickelung nach und nach bedingt wurden, vor allem verankert in dem Felsengrunde eines durch und durch persönlich-religiösen Lebens gerade ohne starke Betonung des Dogmas und des einzelnen Bekenntnisses -- das ist etwas Großes, etwas Seltenes~! Und das -- meine Lieben -- war die Brüdergemeine zu der Zeit, als ich sie suchte, das blieb sie noch Jahrzehnte hindurch, nachdem ich sie gefunden. Ich will gewiß nicht die alte gute Zeit loben, wie das ja alte Leute gern tun, um sich ein wenig herauszustreichen oder den üblichen Pessimismus des Alters zu bemänteln. Im Gegenteil, ich will hier wie Bruder Wechler ohne Scheu bekennen: der Durchschnitt war früher weit weniger religiös interessiert als jetzt, denn Kampf zeitigt Interesse und schafft neues Leben. Aber Träger des neuen Lebens ist allzeit die Jugend, und sie stellt darum auch naturgemäß in erster Linie Kämpfer. Auch der Brüdergemeine wurden solche Streiter zuteil und damit die Möglichkeit zur Verjüngung. Was aber tut sie oder will sie jetzt wenigstens tun? Sie will sie hinausjagen vor ihre Tore, sie will Ruhe und Frieden haben wie ein altes, kinderscheues Ehepaar, das gemächlich seine Pension verzehrt und mit dem Leben eigentlich abgeschlossen hat.

Liebe Geschwister! Es ist eine bitter ernste Stunde, in der wir hier stehen. Die Brüdergemeine hat in den letzten Jahren Stück für Stück von ihrem besten, zum Teil schon unentbehrlichen Inventar veräußert; sie lebt längst schon von ihrem Kapital und nicht mehr wie ein geordneter Pensionär von ihren Zinsen. Sie will jetzt ihr Bestes von sich stoßen, ihre paar Kinder, und warum? Weil sie ihr auf die Nerven gehn oder weil sie mit ihnen nicht fertig wird. Viel Kinder hat unsere alternde Gemeine nicht mehr. Seht die leeren Brüderhäuser und dagegen die mit Fremden überfüllten Schulen aller Art, von der Fortbildungsschule bis zur Missionsschule. Da bedarf es zum mindesten reicher, bedeutender Lehrkräfte -- und daran gebricht es schon allerorten. Und die noch da sind, dünken euch nicht gut -- warum? Weil sie ~vollblütige Kinder ihrer Zeit~ sind und nichts anderes. Das ist ihr ganzes Verbrechen.

Liebste Geschwister! Denkt doch an das Wort des Herrn: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen -- und nun Hand aufs Herz! Ist auch nur einer von denen, die euch so bedenklich in der Lehre erscheinen, schlechter als ihr in eurer Jugend wart? Sind diese Zweifler und Grübler nicht tapfere, überzeugungstreue Helden, gehalten gegen die meisten von euch bequemen Gewohnheitchristen? Glüht in dieser so viel bekritelten Jugend nicht ein religiöses Feuer, mit dem unser bißchen Leuchten von vor fünfzig Jahren gar nicht zu vergleichen ist? Warum nicht -- weil damals weder Sturm noch Regen niederging, weil seine Überzeugung zu behaupten damals gar kein besonderes Kunststück war.

Meine heißgeliebten Geschwister! Ich komme zum Schluß. In unseres Vaters Hause sind viele Wohnungen. Sorgt ihr dafür, daß ihr in sie eingehen könnt, aber wundert euch auch nicht, wenn sie euch dereinst verschlossen bleiben trotz aller Rechtgläubigkeit, weil ihr unbrüderlich wart gegen eure Brüder, weil ihr die Pflichten der Eltern vergessen habt gegenüber den besten Kindern, die Gott euch gab, Kindern, in denen der Geist einer neuen Zeit rücksichtlos zum Lichte ringt. Fürchtet ihr euch, weil ihr bequem oder gar feige geworden seid und nicht mitkämpfen wollt in diesen Zeiten religiösen Kampfes? Ich hoffe -- noch wißt ihr, was es heißt: kämpfe den guten Kampf des Glaubens! Sonst laßt es euch sagen, tagtäglich aufs neue sagen von diesen jungen Streitern, die fast darüber zugrunde gehen und doch nicht verzweifeln! ~Solche Persönlichkeiten, solche Charaktere sind uns not, notwendiger als alles Eifern um die Lehre!~ Wollt ihrs nicht hören von ihnen, gut -- dann schließt nicht nur das Seminar, dann löst auch die Brüdergemeine auf und tretet zurück in die Landeskirche. Dann ist eure Zeit erfüllt! Aber den neuen Geist in alte Schläuche füllen, das dürft ihr nicht, das gibt ein Unglück. Wenn die Jungen nach ihrer ehrlichen Überzeugung links gehen ~müssen~, werdet ihr sie nicht nach rechts hinüberzwingen können, keiner vermag es, auch der starke Bruder Balzar nicht, zu dem ich -- so leid es mir tut -- weniger Vertrauen habe als zu den Seminarlehrern. Und darum bitte ich euch inständig, liebe Synodalen: lehnt jede innere wie äußere Beeinflussung des Seminars rundweg ab, sondern überlaßt die jungen Theologen ruhig ihrem Gewissen, die Entwickelung unserer Gemeine Gott und das Urteil der Geschichte.«

Langsam setzte sich Ehrentraut Kämpfer, beugte sein Haupt und schloß es in beide Hände wie zum stillen Gebet.

Lautloses Schweigen füllte den weiten Raum, keiner wagte zu zischeln oder sich nach anderen umzudrehen; nur hier und da schien es, als ob ein Schluchzen niedergekämpft werden müsse.

Kaspar Krumbholtz wäre am liebsten aufgesprungen und hätte dem alten herrlichen Manne die Hände geküßt vor unnennbarem Dankesgefühl.

Nie seit Bruder Hansens Tode hatte ein Mann der Brüdergemeine ihm so das Herz genommen, ihm so aus der Seele gesprochen wie dieser ehrwürdige Patriarch.

Mit diesem Manne wollte auch er stehen oder fallen. Stimmte man seinem Wunsche nicht rückhaltlos zu, dann war auch sein eignes Schicksal entschieden. Dann ging auch er den Weg, den die Söhne Kämpfers gegangen waren, hinaus aus der Brüdergemeine, die ihren höchsten und vornehmsten Zweck, ein Sauerteigtropfen der evangelischen Kirche zu sein, nicht mehr erfüllen wollte oder konnte.

Und so erwartete keiner gespannter den Ausgang der nunmehr folgenden Abstimmung als Kaspar Krumbholtz.

Der Antrag Lengwitz wurde mit großer, die beiden anderen Anträge mit knapper Majorität abgelehnt.

Dann sprang aber Bruder Balzar hastig auf und erklärte knapp und hart: er empfinde mit der Mehrzahl seiner Kollegen die unbedingte Notwendigkeit, in dem von ihm vorher angedeuteten Sinne reformierend an das Seminar heranzutreten, schon um den 99 Prozent der beunruhigten Gemeingeschwister eine Genugtuung und eine Hoffnung auf Änderung zu gewähren. Er stelle daher, nachdem die drei schärferen Anträge gefallen, diesen milderen Antrag und mit ihm zugleich die Kabinettsfrage.

Eine kurze Besprechungspause wurde vom Vorsitzenden angeordnet, dann ging die Abstimmung vor sich. Mit überwältigender Mehrheit ward der Antrag Balzar angenommen.

Da ging Bruder Kämpfer hinaus, und Kaspar Krumbholtz folgte ihm.

* * * * *

Am nächsten Tage suchte Kaspar Krumbholtz seinen höchsten Vorgesetzten, Bruder Bauding, auf.

Herzlich wie immer begrüßte ihn der Unitätdirektor, aber aus seinen Mienen sprach nicht mehr der gewohnte Frohsinn, die ruhige Sicherheit und Zuversicht des bewährten Steuermanns. Eine müde Resignation lag über seinen ein wenig abgespannten Zügen.

Mit milder, warmer Freundlichkeit sprach er Kaspar sein Beileid aus zu dem Heimgang seines väterlichen Freundes Winkler und erwähnte, daß Herr Geheimrat Volpelius der Unität kürzlich die Stipendienregelung angekündigt hätte.

Dann schloß er lächelnd: »Dein Freund Sebalt hat uns bereits vorher den Stuhl vor die Türe gesetzt, und ich fürchte, du hast ähnliche Absichten, lieber Bruder.«

Um Kaspars Mundwinkel zuckte es wehmütig. Leicht ward es ihm wahrlich nicht, seinen allerdings schon gestern gefaßten Entschluß dem verehrten Manne mitzuteilen.

Daß seine Beweggründe vermutlich anderer Art waren als die Hans Sebalts, das brauchte er Bruder Bauding nicht auseinanderzusetzen, Sebalt hatte für sich selbst einzustehen.

Aber warum er, Kaspar, gehen wollte, ja gehen mußte, das sollte Bruder Bauding, der es stets gut und treu mit ihm gemeint hatte, doch wissen, und so sagte Kaspar langsam, fast feierlich:

»Herr Unitätdirektor, ich möchte nicht, daß Sie mich mißverstehen oder ungerecht beurteilen. Ich kam vorgestern hierher mit der leisen Hoffnung und dem geheimen Wunsche, in der Gemeine wie im Unitätdienst verbleiben zu können, weil ich an die Zukunft der Brüdergemeine glaubte und auf weitere Nachsicht mit meiner religiösen Schwachheit rechnete. Seit gestern, seit ich weiß, daß der Geist Bruder Balzars auch weiter hier herrschen soll, ist das anders geworden, und ich habe den Entschluß gefaßt, von nun an mir mein Leben selber zu zimmern und in völliger Freiheit um meine Weltanschauung zu ringen. Gott suchen und ihm dienen kann ich wohl auch da draußen, vielleicht sogar ungestörter. Ich habe sein Walten in mir schon wieder leise verspürt, aber ich weiß auch, daß ich schwerlich je wieder die gemeinmäßige Gottesauffassung teilen werde, jedenfalls nicht die im Unitätdienst erwünschte der Person Christi. Darum will ich lieber beizeiten hinausgehen, und es ist eine Stimme in mir, die mir sagt, daß ich recht daran tue. Daran lasse ich mir genügen und bitte Sie, mir nicht zu zürnen. Was ich meinen Erziehern aus der Brüdergemeine schulde, dessen werde ich mir immer bewußt bleiben, und auch Ihnen danke ich herzlichst für all Ihr redliches Interesse für mich armes Missionskind.«

Lang und väterlich sah Bruder Bauding den jungen Lehrer an, der fest und ruhig gesprochen hatte und doch voll verhaltener Bewegung.

Dann legte er ihm liebevoll die Hand auf die Schulter und sagte leise: »Ich habe dich verstanden, mein lieber Bruder, und ich muß dir mit bitterstem Schmerze gestehen: ich billige deinen mir so wehtuenden Entschluß seit gestern auch. Wer weiß, ich ginge am Ende auch, wenn ichs noch könnte. Aber was ein junger Leichtmatrose darf, das darf ein Kapitän nicht, er hat auf seinem Schiff zu bleiben, auch wenn er weiß, daß der Untergang schwerlich zu vermeiden ist. Noch kann Gott Wunder tun! Hoffen wirs, aber rechnen wir nicht darauf, sondern tun wir unsere Pflicht, ohne mit der Wimper zu zucken. Und darf ich dir, lieber junger Freund, noch ein Wort mit hinausgeben in dein ferneres Leben? Ich denke ja. Du hast dich eben noch einmal Missionskind genannt, tu es gelegentlich auch fernerhin vor deinem Gewissen, wenn auch vielleicht von nun an in anderer tieferer Bedeutung. Du bist und bleibst ein Missionskind auch außerhalb unserer Gemeine, die dich erzogen hat. Bleib ihrem Geist, ihrem Besten, das doch unvergänglich ist wie alles Göttliche, getreu und vergiß nie, daß auch du, ja gerade du eine Mission hast. Was Gott der Allmächtige über das Geschick unserer kleinen Kirche beschlossen hat, wissen wir nicht; aber wir wissen, daß nichts umsonst ist in der Welt, auch das Niedergehen und Vergehen nicht. Wer weiß, ob nicht gerade in all den vielen, die wir erzogen haben und hoffentlich noch lange erziehen werden, unsere beste Hoffnung, unser eigentlicher Daseinszweck beschlossen liegt? Es ist vielleicht an der Zeit, daß wir die Waffen, die wir bisher tapfer, doch nach und nach mit ermattenden Armen geführt haben, weitergeben sollen an die, die von uns hinausgehen, um dort in unserm alten Sinn, doch mit andern Formen und neuem Geiste zu kämpfen. Die Schüler sind die Flügel des Lehrers, sagte der alte Neander. Fliegen wir mit diesen Fittichen auf zu neuen Zielen. Das walte der Allmächtige auch durch dich, mein junger Freund, das könnte deine Mission sein! Und damit Gottes Segen über dich und deine weitere Arbeit, zieh hin in Frieden!«

Stumm und beide tief ergriffen reichten sich die Brüder die Hand zum Abschied.

* * * * *

Dann schritt Kaspar Krumbholtz langsam und nachdenklich hinauf zum stillen Hutberg, um Abschied zu nehmen von seinem letzten Schatz in der Gemeine, dem Grab seiner Mutter.

Was er da empfunden, vermag keines Menschen Feder niederzuschreiben; es gibt Dinge, die unaussprechlich sind oder wenigstens durch jeden Niederschlag in Worte ihr Bestes, ihren keuschen Duft, verlieren.

Daß Kaspar an seiner Mutter Grab weinen und beten durfte, war ihm eine Erleichterung und ein Trost ohnegleichen.

Er schied mit unnennbarem Schmerz, doch mit reinem Gewissen von dem schlichten, flachen Hügel, unter dem die letzte Neißerin ihren Ewigkeitsschlaf schlief.

Nachdem sich Kaspar Krumbholtz endlich losgerissen hatte, stieg er noch einmal mit wundem Herzen auf den kleinen Altan, der den runden Gipfel des Hutberges krönte.

Es war eine stolze Aussicht, die sich ihm da bot.

Ringsum reckten blaue Waldberge, drohend in keckem Trotz, die mächtigen Häupter wie eine Postenkette unüberwindlicher Hüter dieses stillen, gesegneten Paradieses, in dem üppig wogende Felder und stattliche rotdachige Dörfer sich wohlig, ja behäbig streckten.

Dicht vor ihm zu Füßen des Hutbergs lag das liebliche Herrnhut. Die grauen, sonnenbeschienenen Schieferdächer glitzerten aus dem Lindengrün empor wie funkelnde Diamanten aus einem herrlichen Smaragdschmuck. Gleich einer braven Henne über ihren Küchlein wachte die gewaltig ragende Kirche mit ihrem schweren braunroten Dach, das ein kupfergrünes Türmchen knopfartig zierte, über den kleinen, alten Barockhäusern.

Noch konnte man denken, es sei das alte Herrnhut Zinzendorfs und Spangenbergs. Nur vom Nachbardorf und vom Bahnhof her rückten allerlei viereckig grobschlächtige Mietskasernen respektlos und aufdringlich wie Parvenüs an die ehrwürdige Aristokratenmatrone Herrnhut heran.

Wie lange würde es wohl noch dauern, fragte sich Kaspar unwillkürlich, bis auch im Äußeren der letzte Rest der vornehm bescheidenen Eigenart untergegangen war im Meer der barbarischen Alltäglichkeit?

Absetzen -- ehe die letzte Neige schal auf der Zunge nachschmeckt -- aufhören, ehe der letzte Eindruck häßlich sein muß -- scheiden in Schönheit und nicht mit dem Anblick der verzerrten Züge des furchtbaren Todeskampfes.

So dachte Kaspar wehmütig ernst, und so maß er noch einmal liebevoll mit verzehrenden Blicken das harmonische Bild der trauten Friedensstätte, die einer seiner Vorfahren mit dem schlichten Zimmermann Christian David gegründet hatte, prägte dies Bild tief und unauslöschlich in seine Seele und schritt traumverloren den Berg seitwärts hinunter zum Bahnhof.

Da kam ihm ein hochgewachsener und doch gramgebeugter Greis entgegen. Es war der Mann, der Kaspar gestern noch einmal die ganze Schönheit, Redlichkeit und Größe moravischen Wesens offenbart hatte, Ehrentraut Kämpfer.

Sollte er diesem Mann, der ihm so viel gegeben, der ihm über das Schwerste hinweggeholfen, nicht dankbar die Hände drücken?

Er wagte es und sprach zu dem überraschten Greise, wies ihm ums Herz war.