Kaspar Krumbholtz

Part 11

Chapter 113,619 wordsPublic domain

Wie verwirrt starrte ihn anfangs der alte Mann an, dann drückte er ihm innig die Hand und sagte leise:

»Wieder einer von den Jungen! Es wird Zeit, daß wir Alten uns schlafen legen. Nach Leipzig gehst du? Viel Glück, und grüß mir meinen Sohn, den Gottfried. Ich laß ihm sagen, er habe recht gehandelt wie du. Baut da draußen neu, was hier in Trümmer fällt. Leb wohl!«

Zweites Buch

Gärender Most

Erstes Kapitel

Im Rock des Königs

Mit behaglichem, ein wenig schadenfrohem Schmunzeln schaute die helle Oktobersonne schräg über den weiten Exerzierplatz des 13. Infanterieregiments zu Leipzig und schien gar keine Lust zu haben, durch einen beschleunigten Niedergang den Rekruten ihre gesunden Qualen zu verkürzen.

»Was glotzen Sie denn so da rüber,« schnaubte der scheinbar ewig zürnende und doch urgemütliche Sergeant Schnedermann den Einjährig-Freiwilligen Krumbholtz an, »Sie sind wohl Sonnenanbeter?«

»Ich bin Theologe, Herr Sergeant,« erwiderte launig, aber in strammer Haltung Kaspar Krumbholtz.

»Ach was, Deologe,« schalt Schnedermann, »jetzt sind Sie Rekrut und ham Gottverdammich zu sagen, oder wenn Sie lieber wollen Gottverdanzig, ooch Gottverdanneboom, aber sonst jeht Sie hier der +deus ex magica+ ebenso wenig an wie da drüben die Sonne. Verstanden! Übrigens weeß ich gar nich, wie son forscher Kerl wie Sie dazu kommt, Paschter wern zu wollen.«

»Ich werds auch nicht, Herr Sergeant. Morgen sattle ich um; der Herr Hauptmann hat mir schon Urlaub gegeben für die Universität.«

»So, gehört das hierher? -- Urlaub -- son krummer Rekrut von kaum vier Wochen. Sein Se froh, daß ich nich der Hauptmann bin.«

»Bin ich auch, Herr Sergeant.«

»Hab ich Sie was jefragt?«

»Zu Befehl, nein, Herr Sergeant.«

»Also -- ich wer Sie aber nu was fragen: Was wolln Se denn morjen wern bei Ihrn Urlaub?«

»+Stud. phil. et hist.+, Herr Sergeant.«

»Was forn Mist?«

»+Studiosus philosophiae et historiae+, das heißt, Student der Weltweisheit und der Geschichte.«

»Na hörn Se, viel schlauer scheint mir das auch nich zu sein, als die Gott- und Sonnenanbeterei. Warum wern Se nich Offizier?«

»Weil ich zu arm, auch schon zu alt bin und noch zu wenig gelernt habe, Herr Sergeant.«

»Hm -- das läßt sich hören! En ehrlicher Kerl sind Sie, das hab ich schon gemerkt, und ein leidlich strammer auch, drum zeichne ich Sie auch gelegentlich durch ne kleene Ansprache aus. Aber nu tun Se auch mal wieder was, der Herr Leitnant kommt ruff. Rechtes Ohr tiefer, Einjähriger Krumbholtz, zum Donnerwetter, wie oft soll ich Sie das sagen!«

Und Kaspar Krumbholtz machte seine Gewehrgriffe, als mache es ihm Freude.

Vergnügt war er als Soldat jedenfalls, obwohl der Anfang des neuen Berufs nicht sonderlich unterhaltsam war. Aber sich sorgenfrei in gesunder Luft zu tummeln, die Muskeln zu stählen im Training wohlausgedachter Einzelübungen, die doch untrüglich auf eine Gesamtausbildung des Leibes hinausliefen, -- das war zum mindesten nicht schwerer zu ertragen als Schul- und Stubendienst, als Hefte korrigieren und Schlafsaalwache.

Ein bißchen derb gings freilich zu und nicht immer geistreich. Aber eine Fülle von Leben und Humor steckte doch unter der ledernen Oberfläche, gerade wie bei dem scheinbar so grimmigen Schnauzbart Schnedermann.

* * * * *

Kaspar Krumbholtz wohnte vor der Stadt in Eutritzsch, nicht allzu weit von Hans Sebalt.

Dieser hauste noch immer bei der stattlichen Frau Breutel, die ihn mit großer Aufmerksamkeit besorgte; vollends seit sie ihren blöden Emanuel glücklich los war. Von dem Plan, mit Kaspar zusammen zu ziehen, war Sebalt sofort zurückgekommen, als der harmlose Freund damit Ernst zu machen drohte.

So war Kaspar, unfern der Kaserne, zu einer kinderreichen Arbeiterfamilie gezogen, die ihn bald innerlich lebhaft beschäftigte, obwohl er nicht viel zu Hause sein konnte.

Die Frau war sehr zart, aber scheu und sichtlich vergrämt, als laste ein Verhängnis über ihr.

Der Hausherr, Lüders mit Namen, war Vorarbeiter in einer Orchestrionfabrik und nebenbei Agitator der sozialdemokratischen Partei, wie er seinem Mieter bald darauf und nicht eben vertraulich mitteilte. Im Gegenteil, er machte ziemlich viel Wesens davon und kam sich als ein recht wichtiger Mann vor.

Auch Kaspar suchte er nach und nach in parteipolitische Behandlung zu nehmen, und dieser ließ es sich ausnehmend gern gefallen; denn diese sozialen Probleme, die ihm vor der Hand freilich nur in einer Fülle von Schlagworten zu Gemüte geführt wurden, hatten den Reiz der Neuheit für den jungen Exherrnhuter und weckten sein lebhaftestes Interesse.

Kaspar hoffte unwillkürlich, daß hier ein wichtiges Stück modernen Lebens sich ihm enthüllen könne, und er ahnte zugleich, daß auf diesem schwierigen Gebiete noch vielerlei Aufgaben einer Lösung harrten -- anders wahrscheinlich, als der schnellfertige Agitator sie zu lösen vorschlug.

Daß die Arbeiter im allgemeinen nicht den gebührenden Anteil an dem Gewinn ihrer Arbeit erhielten, daß sie im eignen wie im Interesse ihrer Kinder vorwärts streben, sich dazu zusammenschließen und ihre damit errungene Machtstellung kämpfend ausnutzen mußten, das leuchtete Kaspar allerdings ohne weiteres ein. Aber daß die Unternehmer durch die Bank eine beutegierige, ihre Machtstellung schonungslos und ungerecht gegen die Arbeiter ausnutzende Gesellschaft von Egoisten sein sollten, das zu glauben war dem Pflegesohn des edlen Wilhelm Winkler schlechterdings unmöglich.

Ob ferner das moderne Wirtschaftsleben ohne den persönlichen Unternehmer möglich oder mit Staats- oder Genossenschaftsbetrieb besser beraten wäre, dünkte dem gern vorsichtig prüfenden Kaspar zum mindesten zweifelhaft. Jedenfalls erschien es ihm dringend notwendig, sich über all diese und ähnliche Probleme erst einmal gründlich zu unterrichten, ehe er sich schroffe Meinungen oder vielleicht schiefe Urteile nahebringen ließ. Und so war eines der ersten Kollegs, das Kaspar als +Stud. phil. et hist.+ belegte, Nationalökonomie.

Überhaupt war es Kaspar Krumbholtz bei seinem neuen, nun endlich völlig freien Studium vorab darum zu tun, die Fundamente seiner allgemeinen Bildung zu erweitern oder gar neu zu legen.

Er hatte zur Genüge kennen gelernt, was es heißt, auf Kommando dies oder jenes zu studieren. Jetzt wollte er nach eigenem Bedürfnis sich erst einmal orientieren über die Welt des modernen Wissens, wollte weit nach allen Seiten ausgreifen und sich dann, so hoffte er, nach und nach auf das konzentrieren, was seiner Begabung und seinen Neigungen am meisten lag.

Zu einem anhaltenden Fachstudium bot die Militärzeit so wie so keine Möglichkeit, obwohl der Hauptmann in äußerst entgegenkommender Weise ihm nach Beendigung der Rekrutenausbildung in Aussicht gestellt hatte, den Besuch von Nachmittag- und Abendkollegs nicht nur zu gestatten, sondern auch zu erleichtern, falls der Einjährig-Freiwillige Soldat Krumbholtz gut schießen und sonst anstellig im Dienst sein würde. Und dem ehemaligen Turner und Fußballspieler fiel das eine dank seiner guten Augen und seiner angeborenen Ruhe leicht und das andere nicht schwer.

So ward ihm denn in der Tat mancher Nachmittag freigegeben und fast jeder Abend.

Überhaupt durfte sich Kaspar über seine Vorgesetzten nicht beklagen. Der Hauptmann von Kruse war im Dienst ein wortkarger, auch oft derber Herr, der namentlich Montags gar keinen Spaß verstand; aber er pflegte seinen Leuten mit Vorliebe zu sagen: »Kinder, macht ihr eure Sache, wie sichs gehört, seid ihr in zwei Stunden wieder im Quartier, wenn nicht, dann tanzt ihr noch heute abend bei Mondschein nach meiner und des Herrn Feldwebels Pfeife. Also wie ihrs haben wollt. Nu los!«

Es kam äußerst selten vor, daß es die Leute anders haben wollten als der Herr Hauptmann, der auch gern beizeiten in seine behagliche Junggesellenwohnung zurückkehrte.

Um seine Mannschaften kümmerte sich der Hauptmann nicht allzu viel, das überließ er dem Feldwebel Knabe, einem wirklich prächtigen alten Knaben, dem ältesten Unteroffizier des Regiments, und doch noch dem jüngsten ein Vorbild an Pflichttreue, an Schießfertigkeit und vor allem -- darin fast ein weißer Rabe -- an Unbestechlichkeit. Der alte Knabe hatte nur ~einmal~ im Jahre »Geburtstag«, nämlich zu Weihnachten, und dann auch gleich für seine Frau mit. Zu diesem Festtage war es üblich, daß die Einjährigen ihm eine Kiste Zigarren und zwei Flaschen Kognak verehrten, von dem er mit Vorliebe bei Felddienstübungen den Einjährigen eine Probe aus seiner Feldflasche anbot, aber schalkhaft hinzusetzte: »Übrigens ist es streng verboten, Alkohol in den Feldflaschen zu haben.« »Schmieren« ließ sich der alte Knabe nie, seine Kompagnie-Unteroffiziere ebenfalls nicht, denn er hielt streng auf Anstand; aber bei anderen Kompagnien war dieses Hauptübel des Unteroffizierstandes recht verbreitet.

Im allgemeinen kam Kaspar mit den Unteroffizieren gut aus, besonders seit er auf Bitten seines Oberleutnants Buff, eines seltenen Offiziers, der sich um seine Untergebenen mit hingebender Liebe und fast heiligem Eifer kümmerte, einige zukünftige Zivilanwärter in Französisch und deutschem Aufsatz unterrichtete. Diese Unteroffiziere waren für die kleine Hilfe dankbarer als andere für Freßkörbe und silberne Uhren. Am klarsten zeigte sich das, als Kaspar von dem ihm nicht gerade wohlwollenden Kammerunteroffizier wegen falschen Urlaubs und Tragen von Zivilkleidung zur Meldung gebracht werden sollte. Da half man ihm treulich.

Ganz ungerupft kam Kaspar jedoch nicht durch. Er war Gefreiter geworden, hatte auch bereits eine Korporalschaft erhalten und leitete das übliche Reinigen der Gewehre. Der aufsichtführende Vizefeldwebel Knauer, dessen Laune mitunter an den Folgen eines kleinen Rausches litt, stellte plötzlich fest, daß es abermals bei der Mannschaft an Schaftöl fehle und die Leute nur trocken »herumfummelten«. Der Einjährig-Gefreite Krumbholtz erhielt also eine gehörige Nase, zumal ihm das Lügen wie immer schwer fiel, und er ruhig eingestand, er habe sich trotz der früheren Ermahnung Knauers nicht darum gekümmert. Ärgerlich befahl ihm der Vize, er solle sich sofort selber in die Stadt scheren und Schaftöl holen.

Kaspar machte erst große Augen, dann eine stramme Kehrtwendung und ging nachdenklich an seinen Kleiderschrank. Was sollte er tun? Eine schmutzige Kanne mitten durch die belebte Stadt zu tragen, erschien ihm für einen Einjährigen ehrenrührig. Wiederum einen andern, etwa seinen Putzer, zu schicken ging nicht an; denn erstens war der »auf Kammer«, sodann wäre damit der ihm persönlich aufgetragene Befehl umgangen.

Endlich fiel ihm ein Ausweg ein. Er zog seines Putzkameraden Ausgehrock an. So war die Ehre der Schnüre gerettet, und der Feldwebel hatte auch seinen Willen.

Alles ging soweit nach Wunsch; mit Humor und Würde nahm Kaspar sogar eine von dem Ölhändler spendierte Dreipfennig-Zigarre entgegen und kehrte in die Kaserne zurück. Da aber stieß der unermüdlich im Revier tätige Oberleutnant Buff auf Kaspar, musterte ihn halb erstaunt, halb ärgerlich, und fragte ihn schließlich sehr ernsthaft, warum er sich seine Schnüre und Knöpfe abgeschnitten habe. Verlegen beichtete der Einjährig-Gemeine seinen salomonischen Ausweg, jedoch ohne dem stets sachlichen Vorgesetzten ein Lächeln abzulocken, vielmehr nur den kurzen, bangen Bescheid: »Ich werde die Sache dem Herrn Hauptmann zur Meldung bringen.« Und es geschah.

Zum Glück nahm Herr von Kruse die Sache mit mehr Humor auf, aber Knauer wie Krumbholtz bekamen einen öffentlichen Verweis.

Von da an hatte Kaspar schlimme Tage, wenn Vizefeldwebel Knauer den Dienst leitete. Auch als er am 1. Juli Unteroffizier wurde, besserte sich das Verhältnis zu dem grimmigen Knauer nicht.

Dennoch war Kaspar mit Leib und Seele Soldat. Ja, er fragte sich bisweilen ganz ernsthaft, wie ihn schon seinerzeit der Sergeant und dann einmal der Oberleutnant: ob es sich nicht verlohne, dauernd zu dem militärischen Erziehungsberufe überzugehen; doch die freie Wissenschaft lockte ihn von Tag zu Tag mehr, und schon freute er sich darauf, ihr ganz sich hingeben zu können.

Zweites Kapitel

Sündenfälle

Vergebens hatte Hans Sebalt gehofft, das Interesse für die schöne Tänzerin von Lindenau werde bei ihm ebenso rasch verfliegen wie bei seinem Freunde Niemeyer, der ihrer kaum je wieder gedachte und auch dann nur mit der angenehmen Erinnerung an eine seiner Eitelkeit schmeichelnde Episode, nicht mit der Sehnsucht nach Wiederholung.

Den scheinbar so kühlen, jetzt sogar gern ein wenig blasierten Hans Sebalt ließ diese Sehnsucht nach einem Wiedersehen nicht los; auch Ärger, Trotz und Neugier gesellten sich in seinem Innern bohrend hinzu, und gar mancher Kneipen- und Tanzlokalbesuch Sebalts hatte keinen anderen Grund als den, nach der geheimnisvollen, stolzen Brünetten zu spähen, der er den Korb von Lindenau noch immer nicht verziehen hatte.

Je weniger Erfolg der eigensinnige Hans Sebalt hatte, um so mehr steigerte sich seine Begierde; ja schließlich loderte eine Leidenschaft in ihm empor, daß er selbst bisweilen darob erschrak und sich wohl im geheimen fragte: ob man ein Phantom überhaupt so lieben könne oder ob es nicht ganz einfach die lang in ihm zurückgedrängten Triebe des reifenden Mannes wären, die nach Befriedigung durch das andere Geschlecht lechzten.

Hans Sebalt erschauerte oft vor Sehnsucht nach dem Weibe und war ehrlich genug, es sich zu gestehen. Solange er die Notwendigkeit vor sich gesehen hatte, Herrnhuter zu bleiben und mit dem späteren Unitätdienst zu rechnen, hielt er sich für verpflichtet, einen sittlich einwandfreien Lebenswandel zu führen. Jetzt, nachdem er durch das Winklersche Legat von den ihm längst lästigen Fesseln befreit worden war, änderte sich diese asketische Anschauung merkwürdig rasch; ja, es brach sich sogar die Überzeugung in ihm Bahn: ein Mann von Welt, vielleicht überhaupt jeder richtige Mann müsse, um das Weib zu verstehen, auch Weiber kennen lernen, und das sei nur möglich im nahen und nächsten Umgang, im Liebesverkehr.

Aber sooft sich Hans Sebalt dies Ergebnis seiner kecken Überlegungen auch zu Gemüte führte, so sehr hütete er sich doch, es in Taten umzusetzen. Seine gute Erziehung, seine angeborne Keuschheit, wie endlich seine innere Unsicherheit gegenüber allem weiblichen Wesen hielten ihn immer wieder vor dem Äußersten zurück, obwohl es in Leipzig an Gelegenheiten dazu nicht fehlte.

Immer wieder lachte sich der ehemalige Herrnhuter innerlich aus, wenn er sich aussprach, daß er mit seinen 23 Jahren noch nie ein hüllenloses Weib gesehen hatte, daß ihm auch mancherlei Geheimnisse, die ein ländlicher Gesindejunge oft schon mit zehn Jahren kennt, noch halb verschlossen waren, so daß er oft bei den gepfefferten Witzen und Zoten einiger Kommilitonen nur verlegen mitlächeln konnte.

Es kam wohl vor, daß Hans Sebalt nachts nach einer wüsten Kneiperei mit heißem Verlangen einem Straßenmädchen nachging, sich ansprechen und mit prickelndem Behagen ein Stück mitnehmen ließ und schließlich doch scheue Ausflüchte suchte, wenn eine Entscheidung von ihm gefordert wurde. Dann dachte er unwillkürlich -- wie zum Schutz gegen die Macht der Verführung -- an die stolze Schöne von Monplaisir, die er liebte, dankte rasch und kehrte um.

Enttäuscht und doch stolz schlich er heim, wälzte sich unruhig und ärgerlich auf seinem Lager und schalt sich immer aufs neue einen Narren oder Phantasten, einen Heuchler oder Unmann.

Aber von den Weibern ganz zu lassen, vermochte Hans Sebalt auch nicht, obwohl er mit der Zeit ein sehr fleißiger Student der Naturwissenschaft geworden war, der bei seinen Professoren bereits Hoffnungen zu selbständigem Forschen erweckte. So nüchtern Hans Sebalt tagsüber arbeitete und forschte, in den Nächten bekam die Leidenschaft immer von neuem Gewalt über ihn, und der Kampf um seine Keuschheit ward immer härter und heißer.

Da stieß Hans Sebalt eines Abends an einer Straßenecke zu seiner größten Bestürzung auf die stolze Brünette. Sie stand vor einem Juwelierladen und musterte wie versonnen die Auslage.

Hans Sebalt fühlte, wie ihm das Blut gleichsam in den Adern stockte, wie sein Herz lauter schlug; es war ihm plötzlich, als stünde das Schicksal selber in dieser verführerisch lieblichen und doch so unsagbar kühlen Mädchengestalt vor ihm.

Rasch faßte sich der Student und überlegte, was er tun sollte. Eine Begegnung, eine Anrede mußte er irgendwie herbeiführen; aber diesmal galt es auf der Hut zu sein, sonst war alles verloren.

Noch hatte die Geheimnisvolle ihn nicht gesehen, schnell tauchte er darum in das schützende Gewühl der Menge zurück; dann ging er wie von ungefähr an dem Schaufenster vorüber, stieß wie aus Versehen gegen des Mädchens Arm, rief irgendjemand ein barsches: Passen Sie doch auf! zu und wandte sich dann mit einem höflichen »Pardon, Fräulein!« geschickt der Brünetten zu und sagte schließlich mit gutgespieltem Erstaunen:

»Ah -- meine gnädigste Ungnädige von Lindenau, sieh da -- Sie leben auch noch. Ich bitte noch nachträglich für damals um Entschuldigung, daß ich mich nicht vorstellte, mein Name ist Sebalt.«

Spöttisch lächelnd wandte sich das schöne Mädchen ihm zu und sagte mit unnachahmlicher Hoheit: »So -- Sie sind mir mal wieder auf der Spur -- der Rosentaljäger auf der Pirsch! Na -- Weidmannsheil -- aber merken Sie sichs endlich: ich bin kein Freiwild!«

Hans Sebalt erbebte vor Ärger und Leidenschaft; doch die Furcht, die heimlich Geliebte endgültig zu verlieren, gab ihm Selbstbeherrschung, und so sagte er vornehm:

»Ich weiß nicht, warum Sie mich so +en canaille+ behandeln? Schon in Lindenau haben Sie mich durch die Verweigerung eines Tanzes verletzt, und jetzt tun Sie geradezu, als wäre ich der abgefeimteste Schürzenjäger. Ich habe Sie wirklich ganz zufällig hier getroffen und Ihnen nicht im mindesten nachgespürt.«

»So,« erwiderte die Brünette eisig, »und im Rosental und in Monplaisir?«

»Mein Gott ja, ist es ein Verbrechen, wenn man sich für eine Dame interessiert?«

»Ich danke gehorsamst für dieses Interesse und habe Ihnen das wohl zur Genüge zu verstehen gegeben. Also bitte, lassen Sie mich gefälligst in Ruhe.«

Scharf und ziemlich laut hatte das dunkellockige Mädchen gesprochen, und einige Vorübergehende horchten auf.

Hans Sebalt begann seine Fassung zu verlieren, trat erregt vor und flüsterte: »Fräulein, bitte nicht so -- Sie wissen nicht, was Sie mir sind.«

»Ich Ihnen?« spottete die Brünette, »eine flüchtige Unterhaltung wie jede andere auch! Also bitte, wollen Sie sich jetzt entfernen?«

Da hielt Hans Sebalt nicht länger an sich, und mit echter Leidenschaft brach es aus seiner Seele: »Machen Sie mich nicht wieder so namenlos unglücklich, Fräulein, wie damals in Lindenau! Ich habe nie an eine andere gedacht als an Sie; ich liebe Sie und muß Sie lieben -- ich weiß nicht, wie es kommt, -- Sie haben mein ganzes Denken und Fühlen eingenommen, und darum bitte ich, rauben Sie mir nicht jede Hoffnung! Ich will tun, was Sie wollen, nur stoßen Sie mich nicht wieder herzlos von sich.«

Mit seltsam irrenden Blicken und sichtlichem Unbehagen hatte die Brünette den leisen, aber wehdurchzitterten Worten Sebalts zugehört, dann sagte sie herb, fast bitter: »Ich meine, solche Phrasen schon gelegentlich in Liebesromanen und schlechten Stücken gelesen zu haben; aber Sie verzeihen, ich glaube dergleichen Firlefanzereien schon längst nicht mehr. Geben Sie mir doch Beweise Ihrer Verehrung, dann wollen wir weiter reden.«

»Ich bitte darum,« sagte Hans mit leisem Aufatmen.

»Meinetwegen!« antwortete das Mädchen gleichgültig lächelnd und wiederum in Gedanken verloren. »Hier, sehn Sie die Brosche, das goldne Steuerrad mit den Perlen -- gehen Sie hinein und kaufen Sie es.«

Hans Sebalt erschrak, seine Gedanken jagten sich: War sie so eine? Hatte er sich also doch getäuscht! Zugleich fiel ihm schwer aufs Herz, daß er das Schmuckstück wohl kaum würde bezahlen können. Aber die Blamage! Und dann die Heißersehnte wieder verlieren -- für immer -- nein -- koste es, was es wolle, er hatte zur Not sein Vermögen, und stolz schritt er in den Laden.

Die Brosche war echt und mit 65 Mark ausgezeichnet. Hans Sebalt wußte, er hatte nur einige 40 Mark bei sich. Mit vornehmer Gelassenheit erklärte er jedoch dem Juwelier kühl:

»Ich werde nicht so viel bei mir haben, möchte aber das Geschenk gleich mitnehmen. Sie gestatten wohl, daß ich Ihnen die größere Hälfte, 35 Mark gleich anzahle, das andere morgen oder übermorgen, wenn Sie wünschen, hinterlege ich meine Studentenkarte. Gefahr laufen Sie nicht.«

Der Juwelier lächelte verbindlich und machte eine Verbeugung: »Bitte, keine Gefahr -- gar nicht nötig, Ihre Adresse genügt. Wollen Sie ein Etui, vielleicht weißer Samt?«

»Bitte ja,« erwiderte Sebalt ruhig, zählte die 35 Mark auf den Ladentisch und ging mit der Brosche siegesgewiß hinaus.

Als sich Hans Sebalt auf der Straße nach der Brünetten umsah, konnte er sie nirgends entdecken. Irgendein Fremder, den er fragte, gab an, sie habe plötzlich wild aufgelacht und sei dann wie närrisch davongestürzt. Genug -- sie war verschwunden, und er war abermals schnöde verspottet und verschmäht.

Eine grenzenlose Wut kochte in Sebalt empor. Aufschreien hätte er mögen, davonrasen, seinen kostbaren Schmuck an der nächsten Hauswand zerschmettern!

Diese Elende -- diese eingebildete Person! Nur zum Narren hatte sie ihn halten wollen. Und überdies ihn in Schulden gestürzt. Sollte er sich nun auch noch vor dem Juwelier lächerlich machen und ihn bitten, das Stück zurückzunehmen? Nein!

Ein wilder Trotz durchflammte Sebalt -- er würde einfach Volpelius um Geld bitten.

Und dann -- diese schwarze, tückische Hexe -- mußte sie es denn durchaus sein? Es gab andere genug, die vielleicht nicht weniger schön waren und sicherlich entgegenkommender.

Was war denn die Liebe? Leidenschaft -- Sinnlichkeit! Ein Naturwissenschaftler wie er brauchte sich wahrlich kein moralisches X für ein naturgegebenes U zu machen. Dummheit!

Und mit trotzigen, zynischen Gedanken ging Hans in eine Weinstube, trank sich Mut, brachte seine schon erregten Sinne zu immer gefährlicherer Erhitzung und suchte sich schließlich auf der Straße ein schlankes, brünettes Frauenzimmer. Lachend opferte er ihr die kostbare Brosche und seine Keuschheit.

Aber jenes eine stolze Mädchen, das ihm wieder entflohen, und in dessen Armen er sich bei der andern doch trunken gewähnt hatte, konnte er trotzalledem nicht vergessen. Er mußte es weiterlieben und suchte es von neuem rastlos in den engen Gassen Leipzigs, auf den Tanzböden der Vorstädte und allnächtlich in seinen Träumen.

Nur in diesen fand er es bisweilen und genoß seine Reize in wilder Lust und unstillbarer Sehnsucht.

* * * * *

Der Verkehr zwischen Hans Sebalt und seinem Jugendfreunde war weniger häufig und auch nicht so herzlich, als es beide zuvor im Engadin erträumt hatten.

Teils lag das an Kaspars Dienst und seinem Kollegienhunger; teils an Sebalts Hang zur Einspännerei und seiner eigentümlichen Seelenstimmung, die mehr und mehr zwischen einem galligen Spott, einem hochfahrenden Trotz und einer dumpfen Melancholie wechselte.

Mit redlicher Betrübnis sah Kaspar, daß der Freund sich völlig verändert hatte, und er ahnte, daß irgendein geheimer Kummer ihn bedrücke. Aber wenn er dergleichen schonend andeutete, um Hans vielleicht zu einer tröstenden Aussprache zu bringen, dann lachte Sebalt oft häßlich und höhnte mit seiner alten, aber nicht mehr so harmlosen Großspurigkeit:

»Nee, mein lieber Musketier und Beichtvater. Das mußt du schon schlauer andrehn, wenn du mich ausholen willst. Was soll ich dir auch Rede stehn, mein Guter? Das sind Dinge, von denen sich deine fromme Seele nichts träumen läßt. Danke du deinem Schöpfer, daß er dich braven Musterknaben nicht in Versuchung führt, auf daß deine redliche Seele nicht Schaden nehme. Verachte mich, wenn du magst, aber laß mich nach meiner Façon unselig werden.«

Kaspar horchte auf. Wo hatte er schon einmal einen ähnlichen Ton vernommen? Richtig -- bei Chancy, der sprach auch so bitter und überlegen -- damals!