Part 12
Hans Sebalt rang wahrscheinlich mit einer schweren Leidenschaft, da konnte ihm wohl keiner helfen, also schwieg Kaspar. Doch Hans Sebalt höhnte gelegentlich weiter; und Kaspar trug es weiter geduldig.
Nur einmal, als Sebalt plötzlich Ursemis Namen neckend mit dem des Freundes in Verbindung brachte, da verwies ihm das Kaspar rauh und hart, und Sebalt dachte sich ebenfalls das Seine und schwieg nun auch.
Verstimmt schieden die Freunde voneinander und sahen sich viele Wochen nicht wieder.
* * * * *
Auch mit seinem Hauswirt geriet Kaspar nach und nach in ein unerquickliches Verhältnis.
Erst kam es bei den politischen Disputen, die Herr Lüders immer und immer wieder herbeiführte, zu einigen Offenheiten. Der Agitator schalt mit Vorliebe auf seine beiden Fabrikherrn und nannte sie schamlose Ausbeuter. Als Kaspar darauf nicht reagierte, da er die Herren nicht kannte, ging Lüders rasch vom Besonderen zum Allgemeinen, zur Verelendung der Massen, über und zieh seinen Mieter, der ihm jetzt öfters auswich, schließlich der Feigheit. Nun diente ihm Kaspar, der sich unterdessen mit dem Marxismus und seinen teilweise schon durch die Entwickelung +ad absurdum+ geführten Theorien genügend vertraut gemacht hatte, in aller Sachlichkeit.
Der Arbeiter fühlte wohl auch die Überlegenheit des nun gründlicher orientierten Studenten und nahm sich klug die Auswüchse des Militarismus vor. Kaspar leugnete diese durchaus nicht, aber meinte: Auswüchse zeitige jedes System mit der Zeit; darum gelte es eben stets, sie beizeiten zu beseitigen, und daran fehle es auch im Falle des Militärwesens keineswegs. Er habe sich früher als Laie die Durchstechereien und Mißhandlungen nach dem Zeitungslärm weit verbreiteter gedacht; in Wahrheit stehe es nicht allzu schlimm damit, und Lumpen kämen überall vor.
»Stimmt,« erklärte Herr Lüders diktatorisch, »aber unter den niederen Klassen weit weniger als unter den höheren -- natürlich prozentual berechnet.«
»Mag sein,« erwiderte Kaspar ruhig, »gegen solche allgemeine Behauptungen läßt sich ja gar nichts einwenden und auch nichts beweisen. Aber werden wir doch einmal konkret, Herr Lüders. Ich habe da kürzlich eine kleine Erfahrung gemacht, die mir beinahe einige Tage Kasten eingetragen hätte. Ich habe nämlich, um mir mal ein eignes Urteil über Ihre politischen Ziele und ihre Art zu bilden, zwei Ihrer Versammlungen besucht, natürlich in Zivil. Das erstemal kam es zu keiner Resolution, da wegen allzu wüster Schimpfereien -- nein wirklich -- es war geistlos und wüst -- die Versammlung polizeilich aufgelöst wurde. Das zweitemal bekam ich Prügel, weil ich bei der Resolution, der ich beim besten Willen nicht zustimmen konnte, sitzen zu bleiben wagte. Dafür wurde ich von der Polizei aufgeschrieben und wäre ohne meine Studentenkarte wohl auch zur Meldung gebracht worden. Ist das Ihre vielgerühmte Freiheit der Meinung, Herr Lüders?«
»Ach was,« erwiderte der Agitator unverlegen, »im Kampf ist jedes Mittel recht. Wenn erst der Sieg erfochten, der Zukunftstaat -- dann --«
»Pardon! Daß der Zukunftstaat eine Utopie und nur ein agitatorisches Lockmittel ist wie die famose Internationale, das haben Sie mir neulich ja schon halb und halb zugegeben.«
»Meinetwegen, Herr Studente, aber unsere Weltanschauung wird doch siegen ebenso wie unsere neue Wirtschaftsordnung.«
»Ihre Weltanschauung, Verehrter, ist ein abgestandner Materialismus, dem die Welt und sicherlich Deutschland nie gehören wird. Und die Wirtschaftsordnung entwickelt sich wie alles historisch Bedeutsame nach gewissen Gesetzen, die trotz einzelner Schwankungen die Wucht und Sicherheit der ewigen Naturgesetze haben. Also bange machen gilt nicht. Wenn der deutsche Bourgeois sich erst seine Hasenangst vor ihrem sogenannten großen Kladderadatsch abgewöhnt hat, dann werden auch Sie nach und nach von der Ihnen parteitaktisch so bequemen Negative zur Positive übergehen müssen, oder Sie werden das Vertrauen der Arbeiter verlieren. Auch unsere Proletarier sind Deutsche und streben nicht nur nach der Höhe, sondern dringen auch nach und nach prüfend in die Tiefe. Gold suchen sie, nicht Talmi. Schon jetzt glaubt keiner mehr an Ihren Zukunftstaat, auch der Dümmste nicht. Also nur ruhig Blut, Herr Lüders! Ihrer Oberflächlichkeit und Unfruchtbarkeit werden Sie und Ihre Kollegen erliegen, nicht den Bajonetten.«
Solche und ähnliche Dispute führten nicht zu gegenseitiger Überzeugung, im Gegenteil; jedesmal stießen Meinung und Gegenmeinung heftiger aufeinander. Aber Kaspar dienten auch sie zur Entwickelung und Schärfung seines Verstandes, zur Vertiefung seines bis vor kurzem noch schlummernden politischen Interesses, regten ihn unmittelbar zur Lebensbeobachtung an und verfeinerten nach und nach sein soziales Empfinden.
Zum Bruch mit Herrn Lüders führte jedoch ein völlig anderes Moment.
Mit tiefem Mitleid hatte Kaspar Krumbholtz die Leidensgeschichte der kleinen, stillen Frau Lüders in all diesen Monaten verfolgt. Kaum zwanzigjährig hatte das hübsche, doch sehr zarte Frauchen schon vier Kinder, darunter zwei recht kränkliche, die deutlich die Spuren der erschütterten mütterlichen Konstitution verrieten.
Am Krankenbett des einen Knaben schüttete das vielgeplagte Weib eines Abends dem von ihr geschätzten Mieter unter bitterlichem Schluchzen vertrauensvoll ihr Herz und ihre Sorgen aus, daß ihr Mann sie zugrunde richten würde. Die Partei sei ihm ja ein und alles und die Familie nichts mehr. Fast jeden Abend müsse er in der Kneipe sitzen, und käme er bisweilen betrunken nach Hause, so müsse sie ihm zu Willen sein, obwohl sie kein Kind mehr haben wolle und auch schwerlich könne, denn sie sei von der letzten Niederkunft her noch nicht wieder gesund.
Kaspar Krumbholtz war eigen zumute. Die ungeschminkte und doch in gewisser Weise rührende Aufrichtigkeit des armen Weibes verblüffte, ja überwältigte ihn, und zugleich war sie ihm peinlich, ja widerwärtig. Was gingen ihn, den Fremden, dergleichen Intimitäten des Ehelebens an.
Und doch, je mehr Kaspar darüber nachdachte, um so mehr wuchs die Teilnahme für den leidenden, die Empörung gegen den schuldigen Teil.
Auch das war ein Stück typischen sozialen Elends, von dem er sich trotz London nichts hatte träumen lassen.
Kaspar konnte jedoch nichts anderes tun als schweigen. Dem ihm von Tag zu Tage widerwärtigeren Herrn Lüders auch nur ein Wort zu sagen, stand ihm nicht zu, wäre ihm vielmehr höchst taktlos erschienen. Er sann nur manchmal darüber nach, ob gerade dieser Mann etwa als Unternehmer seine Arbeiter rücksichtsvoller behandelt haben würde als jetzt seine kleine, leidende Frau. Es kam doch wohl nicht darauf an, was man war, sondern wer und wie man es war.
Die arme Frau Lüders kam wirklich bald wieder in andere Umstände, wie sie Kaspar eines Tages verzweifelt gestand, und unheimlich drohend fügte sie hinzu: »Nun gibts ein Unglück.« Mit steigender Sorge beobachtete Kaspar seitdem das arme Wesen, das sichtlich mit einem schweren Entschluß kämpfte und doch wohl immer wieder zauderte ihrer Kinder wegen, um die sie jetzt oft klagte. Kaspar kämpfte lange Zeit mit sich; eines Abends endlich gewann er es über sich, Herrn Lüders wenigstens zu sagen: Er möge auf seine Frau acht geben, sie sei so aufgeregt, sie könne sich am Ende gar ein Leids antun.
Herr Lüders lachte nur überlegen und meinte jovial: »Hat nischt zu sagen; s ist nur wieder was unterwegs, und da sind die Weibsleut oftmals etwas meschugge. Das gibt sich aber bald.«
Und es gab sich auch, aber anders, als der weise Lüders dachte: Nach einem vergeblichen Versuch, sich von dem Kinde zu befreien, ging die zarte, stille Frau ins Wasser.
Hart war das Urteil der Welt über sie, am härtesten das ihres Mannes. Nur Kaspar Krumbholtz trauerte dem armen, ratlos aus einem unerträglichen Dasein davongestürzten Weibe mit einer Ergriffenheit nach, die lange in seiner empfindlichen Seele nachzitterte.
Am Tage nach dem Begräbnis verließ er das Haus des Herrn Lüders, der schon nach wenigen Wochen ein anderes Weib nahm -- um seiner mutterlosen Kinder willen.
* * * * *
Die Schießübungen waren beendet. Die Felddienstübungen wurden von Tag zu Tag länger, anstrengender und interessanter; das Manöver stand vor der Tür.
An einem heißen Nachmittag kehrten die Einjährigen der Kompagnie von einer Krokierübung heim, und einer der Herren schlug vor, in ein der Kaserne benachbartes Kellnerinnen-Café zu gehen.
Kaspar ging mit; er war nie ein Spaßverderber, auch wenn er sich aus der »Damenbedienung« wenig machte. Er trat als letzter in das Lokal ein und bemerkte nur flüchtig, daß mit der einen Kellnerin im Hintergrunde irgend etwas Aufregendes vor sich ging, dann verschwand die Wirtin mit ihr.
Man scherzte mit den andern Kellnerinnen und spielte ein wenig Klavier; plötzlich kam die Wirtin wieder herein und fragte Kaspar vertraulich: »Sagen Sie mal, Herr Unteroffizier, haben Sie denn hier eine Verwandte?«
»Ich -- nein,« antwortete der Gefragte lachend, »das wäre mir neu.«
»Nun ja,« meinte die Wirtin verlegen, »ich konnte mir das auch nicht recht denken; aber vielleicht kennen Sie die Dame sonst irgendwoher? Es ist nämlich meine Kellnerin, sie heißt Fränze -- ist noch nicht lange hier -- ein hübsches Mädchen. Als Sie vorhin eintraten, sah sie erst wie auf eine Geistererscheinung, bekam dann so eine Art Ohnmacht -- so wie vor Schrecken -- na und nu sitzt sie da drin und heult wien Schloßhund und erklärt: sie müsse spornstreichs weg. Sie wären ein Verwandter -- na Gott, ich glaubs ja auch nicht -- also bitt schön, wollen Sie nicht wenigstens mal mit ihr reden. Vielleicht beruhigt sie sich dann.«
Kaspar ging kopfschüttelnd hinein mit den Worten: »Es ist am Ende nur eine Verwechslung, wahrscheinlich sehe ich einem ihrer Lieben ähnlich.«
Noch immer heftig schluchzend saß das Mädchen, den Kopf auf den einen Ellbogen niedergebeugt, an einem kleinen Tisch am Fenster des schmalen, etwas düstren Gemachs.
Als Kaspar zu ihr trat, hob sie das liebliche Haupt schüchtern empor, und er sah zu seiner höchsten Überraschung, daß es Irmgard von Zweydorff war.
»O wie schäme ich mich vor Ihnen, Herr Krumbholtz,« klagte das ehemalige Londoner Magdalenchen, »aber ich war so lange stellenlos, war am Ende mit meinen Mitteln -- zürnen Sie nicht, ich war anständig, glauben Sies mir.«
Kaspar drückte dem Mädchen freundlich die Hand, strich ihm beruhigend mit der Linken über den runden vollen Arm und sagte launig und warm: »Aber warum denn so erschrecken, liebes Fräulein? Ich bin doch kein Inspektor der Inneren Mission. Warum sollen Sie sich als Kellnerin nicht ebenso ehrlich und anständig Ihr Brot verdienen wie als Verkäuferin oder als Lehrerin? Der Stand machts doch wirklich nicht. Im übrigen freue ich mich rechtschaffen, Sie einmal wiederzusehen. Nun können Sie mir doch gelegentlich erzählen, wies Ihnen ergangen ist. Aber nun bitte nicht mehr weinen! Warum sich aufregen? Freun Sie sich doch wie ich!«
Irmgard schüttelte trostlos das Haupt und sagte dumpf: »Ich habe nicht gewußt, daß Sie hier sind; sonst wäre ich sicherlich nicht hierher gegangen.«
Dann sprang sie auf, drängte sich wie hilfesuchend an Kaspar heran und flehte: »Liebster, bester Herr Krumbholtz -- ich weiß ja, was für ein vornehmer Mensch Sie sind -- helfen Sie mir hier fort, ich bitte Sie flehentlich darum, und ich weiß auch, warum ich das tun muß. Keine Stunde mag ich hier länger bleiben; oh, es ist so gemein hier, und die andern Mädchen sind alle so schlecht zu mir, auch die Wirtin ist ordinär, ich kann gar nicht alles so sagen. Bitte, bitte, lösen Sie mich aus! Ich hab ja tägliche Kündigung, aber ich habe natürlich Schulden bei der Wirtin, für Essen und Garderobe, ich bin nicht flott genug beim Animieren, habe noch zuviel Anstands- und Ehrgefühl. Oh -- es ist schrecklich! Nur fort, fort von hier -- gehen Sie, bitte, suchen Sie mir rasch eine Wohnung, wenigstens für ein paar Tage, bis ich eine neue Stellung habe. Ich will ja so gern wieder arbeiten, anständig und ehrlich arbeiten.«
Kaspar wußte nicht recht, was er von alledem denken sollte. Er war fremd im Lokal, fremd in solchen Verhältnissen.
Für das Mädchen glaubte er, seit sie seinem Rate einmal gefolgt war, eine gewisse Verantwortung tragen zu müssen, also versetzte er nach kurzem Überlegen: »Auslösen will ich Sie gern, damit Sie nicht etwa gegen Ihren Willen gehalten werden. Hier ist mein Portemonnaie, nehmen Sie, was Sie brauchen. Auch eine Wohnung will ich suchen, packen Sie unterdessen Ihre Sachen. Ich komme morgen vor und sage Ihnen Bescheid.«
»Morgen -- nein, nein,« wehrte Irmgard ab, »nicht zehn Minuten bleibe ich hier, nachdem ich Sie gesehen. Ich habe nur meine paar Nachtsachen. Ich mag auch die Schande vor den andern Mädchen nicht mehr erleben. Und verzeihen Sie mir, daß ich Sie in der Not vor der Wirtin zu meinem Verwandten gemacht habe. Es ist das gewiß keine Ehre --«
»O bitte,« scherzte Kaspar, obwohl ihm nichts weniger als behaglich war. »Ihr Geschlecht ist sicher erlauchter als das meine. Aber was nun werden soll, wenn Sie so stehenden Fußes hier mit mir davonlaufen, das weiß ich wirklich nicht. Lassen Sie uns keine Torheiten begehen.«
»Sie schämen sich doch meiner,« klagte Irmgard, »ich merke es wohl -- nun ja, der angehende Offizier --«
»Pardon, der würde mich erst recht verpflichten, einer in Not geratenen Dame zu helfen; aber die Hilfe muß Hand und Fuß haben, sonst ists keine.«
»Nun gut, wenn Sie nur helfen wollen! Das ist die Hauptsache. Hier Ihr Portemonnaie zurück -- ich nahm, was ich brauchte --, es ist noch viel darin. Und nun bitte, setzen Sie sich ruhig wieder zu Ihren Herren Kameraden hinein. Ich mache Toilette und Rechnung. Wo wohnen Sie?«
Kaspar nannte seine Wohnung.
»Gut,« erklärte Irmgard wieder zuversichtlicher, »jetzt ists sechs durch, um sieben Uhr spätestens bin ich bei Ihnen. Dann beschließen wir in aller Ruhe, was wir tun werden. Wenn Sie bis dahin sich noch nach einer Wohnung umsehen können, wäre es mir lieb. Anspruchsvoll bin ich natürlich nicht. Ich schlief bisher mit den drei andern Mädchen in einer kleinen Dachkammer. Also -- tausend Dank, liebster, bester Herr Krumbholtz, und auf Wiedersehen um sieben Uhr. Das vergeß ich Ihnen nie. Dank, Dank!«
* * * * *
Kaspar litt es nicht lange bei seinen Kameraden, deren neugierigen Fragen er ausweichen wollte. So ging er rasch auf die Wohnungssuche in der ihm ja genügend vertrauten Umgegend. Aber er machte schlimme Erfahrungen.
Die Wirtinnen, die gewiß alle gern an den schmucken Einjährigen selbst oder an sonst einen Herrn vermietet hätten, wollten von einer Dame nichts wissen, vollends wenn ein junger Mann in Uniform für sie Wohnung begehrte.
Die einen erklärten mehr oder weniger verlegen: sie bedauerten unendlich; die andern lächelten allzu verständnisvoll oder spöttelten anzüglich; die dritten schlugen gar dem Anfragenden grob die Türe vor der Nase zu oder riefen ihm entrüstet zu: sie seien anständige Frauen und vermieteten nicht an liederliche Frauenzimmer.
Nun war guter Rat teuer; überdies war es fast sieben Uhr geworden, und so eilte Kaspar nach Hause.
Seine eigne Wirtin war eine gutmütige ältere Witwe, die still und aufmerksam ihre drei Mietherren, außer Kaspar noch einen Einjährigen und einen Volksschullehrer, bediente. Kaspar hatte zu der Frau rasch ein gewisses Vertrauen gefaßt, und so teilte er ihr seine Verlegenheit und seine fruchtlosen Versuche, das Mädchen vorläufig unterzubringen, mit.
Auch die Witwe schmunzelte ein wenig und meinte: Allzu sehr dürfe der Herr sich darüber nicht wundern. Mietsviertel und Mietsviertel seien eben verschieden. Aber, wenn die Dame sonst anständig sei, wie der Herr meine, so könne sie ja einstweilen in dem gerade freistehenden Zimmer des Herrn Lehrers, der zu den Ferien verreist sei, logieren.
Kaspar nahm das Anerbieten dankend an und atmete erleichtert auf.
Bald hernach stand Irmgard von Zweydorff mit einem bescheidenen Handköfferchen errötend vor ihm und war außer sich vor Glück und Dankbarkeit, daß sie das schöne Zimmer des abwesenden Lehrers haben dürfe.
Die Wirtin sorgte rasch für ein bißchen Abendbrot, und mit gutem Humor aßen und plauderten die beiden jungen, verwaisten Menschenkinder, die das Leben so närrisch wieder zusammen geführt hatte. Dann erklärte Kaspar, er habe noch Dienst und wünschte seiner neuen Nachbarin mit galanter Verbeugung eine sorgenfreie und geruhsame Nacht.
In der Tat ging der Einjährige Unteroffizier auch in die Kaserne; aber die dienstliche Begründung war eine Notlüge.
Einmal hatte Kaspar trotz aller frohen Laune doch deutlich gemerkt, daß ihm das ungewohnte Beisammensein mit einem jungen Weibe, vollends der holde Liebreiz und die hingebende Dankbarkeit seines Schützlings, gewaltig das Blut erregten.
Anderseits kam fast jeden Abend sein Putzkamerad Pfister zu ihm, um ihm den Dienst für den nächsten Tag zu melden, und ab und zu auch bei einer Zigarre oder einem Glase Tee ein bißchen zu schwatzen.
Kaspar liebte den redlichen Pfister, der übrigens auch ein »Roter« war und darum leider die Knöpfe nicht erhielt, obwohl er der ordentlichste Soldat und der beste Schütze der Kompagnie war. Das wurmte Kaspar oft, denn er fühlte es unwillkürlich heraus: solche Burschen wie Pfister würden ihr Vaterland sicherlich nie verraten, wenn es in Not geraten sollte. Pfister war wie Hunderttausende nur »rot« aus dem elementaren Drang nach Verbesserung seiner Lage, aus einer gewissen Hilflosigkeit oder Torheit und aus einem im Grunde höchst achtbaren Solidaritätsgefühl.
Der gemütliche Vogtländer war übrigens keine Klatschbase, war auch nichts weniger als prüde. Hatte er doch selbst einen Schatz daheim mit zwei Kindern, für die er treulich sorgte.
Trotz alledem wäre es Kaspar peinlich gewesen, wenn der Putzer den Damenbesuch bei ihm getroffen oder auch nur vermutet hätte.
So sagte Kaspar ihm im Revier; er werde die paar Tage bis zum Manöverabmarsch sich selbst nach dem Dienst erkundigen, er müsse so wie so jetzt öfter in die Kaserne kommen.
Dann meldete sich Unteroffizier Krumbholtz freiwillig für den nächsten Abend zum Wachthabenden.
Kopfschüttelnd gab ihm der alte Knabe die Wache, meinte jedoch lachend: »Streben Sie nicht so unheimlich, Krumbholtz. Die Qualifikation kriegen Sie auch so, da lassen Sie den Hauptmann und mich nur sorgen.«
* * * * *
Irmgard von Zweydorff merkte sehr wohl, daß Kaspar Krumbholtz einem längeren Beisammensein mit ihr absichtlich auswich.
Das erfüllte sie teils mit geheimer Genugtuung, denn sie sah, daß sie dem noch immer Geliebten nicht gleichgültig war; teils fürchtete sie jedoch, ihm zum Dank für seine Hilfe Verlegenheit zu bereiten. Und so gab sie sich die ersten zwei Tage redlich Mühe, eine Stellung zu finden; aber es war schlechte Zeit, und ihre Kellnerinnenstellung hatte sie um jedes Zutraun gebracht.
Nach und nach sank Irmgards Mut; sie gestand Kaspar ihre Niedergeschlagenheit und erklärte, sie wolle es lieber in einer andern Stadt versuchen.
Kaspar redete ihr gut zu und meinte, wenn er jetzt ins Manöver ziehe, solle sie nur ruhig in seiner Wohnung bleiben und weiter in aller Ruhe suchen; mit der Zeit würde sie schon etwas finden.
»Sie sind so lieb,« erwiderte Irmgard, »und ich bin Ihnen doch nur eine Last.«
Kaspar schüttelte schweigend den Kopf.
Dann fuhr Irmgard plötzlich mit erwachender Leidenschaftlichkeit fort: »So reden Sie doch wenigstens! Gehen Sie mir doch nicht so scheu aus dem Wege, als sei ich die Pest. Sagen Sie mir doch lieber gerade heraus, wofür Sie mich halten, und es ist ja wahr, etwas Besseres bin ich ja auch nicht. Wer einmal am Boden gelegen hat, geht nie wieder ganz aufrecht.«
»Das wäre schlimm,« sagte nun Kaspar trotzig, »im Gegenteil! Wer nicht einmal aus allen Himmeln gestürzt ist, wer nicht einmal völlig verzweifelnd dem Nichts gegenübergestanden hat, der wird nie ein ganzer Mensch.«
»Das klingt ja beinahe so, Herr Krumbholtz, als sprächen Sie aus Erfahrung?«
»Gewiß, warum nicht, warum soll ichs verschweigen? Ich habe mich im Staube gewälzt vor einem unbarmherzigen Schicksal und bin doch genesen von jenem Verzweiflungsschmerz dank lieber Menschen und Gottes Führung. Also verzweifeln auch Sie nicht, Fräulein! Denken Sie mal in zehn Jahren an diesen Tag, und Sie werden lächeln und sich ruhig gestehen: Es hat sich doch gelohnt, weiter zu leben! Das größte Geschenk, das uns Gott gegeben hat, ist das Versagen dessen, was wir am meisten begehren -- nämlich in die Zukunft zu schauen.«
»Sie sind ein seltsamer Mensch, Herr Krumbholtz, so ein Mittelding zwischen Kavalier und Seelsorger! Eigentlich ist es doch schade, daß ich Sie der Londoner Stadtmission aus den Klauen gerissen habe. Dafür müßten Sie mir übrigens ein ganz klein wenig dankbar sein. Nicht? Und Sie dürfen überzeugt sein, wenn ich Ihnen was Liebes antun könnte -- o mein Gott, wie gern tät ichs! -- Wissen Sie, oft hab ich schon geträumt, irgendein reicher Onkel, den ich nur leider nicht habe, hätte mich zur Erbin eingesetzt; oder ein reicher Nabob hätte mich als seine Frau gekauft und mich dann -- noch hübsch jung -- als trostlose Witwe zurückgelassen. Hui -- dann wär ich mit all meinen Schätzen spornstreichs nach Tramberg gefahren -- statt Ihnen brieflich zu versichern, daß ich meine Schulden nicht bezahlen kann. Und nun mache ich gar noch neue. Scheußlich -- nein wirklich, Sie sind wirklich mit mir geschlagen, wie eine Klette hänge ich --«
Da legte Kaspar sanft die Hand auf den beweglichen kleinen Mund, um ihn zu schließen. Aber glückselig küßte Irmgard die ihr liebe Hand, so daß sie Kaspar eilend zurückzog.
»Schon wieder nicht recht? Sein Sie doch mal ein bißchen nett zu mir,« schmollte nun das Londoner Magdalenchen mit unwiderstehlicher Grazie. »Sie tun gerade, als wären Sie heimlich mit der reichsten Erbin von Großbritannien und Irland verlobt. Na endlich lachen Sie wieder und schütteln -- Gott sei Lob und Dank -- den Kopf. Also wozu dann so traurig sein? Ich verdrehe Ihnen den Kopf schon nicht, das haben wir ja in London gesehen. Und nun hören Sie mal, heute ist doch unser letzter Abend. Um sieben Uhr haben Sie wieder solchen greulichen Appell; aber dann flausen Sie nicht noch was dazu oder verkriechen sich wieder auf Wache, sondern kommen Sie hübsch pünktlich zum Abendessen hierher zu Ihrer kleinen Hausdame, die Ihnen einen appetitlichen Abendtisch servieren wird und noch einmal mit Ihnen lustig sein will. Wer weiß, wann und ob wir uns wiedersehen. Also nur einmal noch -- ja -- wollen Sie?«
Kaspar machte sein gutmütigstes Gesicht, schlug fest in das dargebotene Händchen ein und ging dann doch nachdenklich davon.
Er war ein Allzugewissenhafter, ein Narr. Warum sollte er dem armen Hascherl, dem die redlichste Güte vom Gesicht strahlte, nicht wenigstens etwas Liebes antun?
Um Ursemis willen? Hatte er sich nicht unter bitteren Qualen zu dem inneren Verzicht auf die heißgeliebte Jugendfreundin durchgerungen? War es da noch ein Unrecht gegen sie, wenn er mit einem andern weiblichen Wesen, das ihm vielleicht nicht weniger gut war als er Ursemi, wenigstens ein paar köstliche, stimmungsfrohe Stunden verlebte?
Aber allerlei anderes kam hinzu. War er sich und seiner Vergangenheit, seiner Erziehung nicht auch etwas schuldig? Gewiß, doch -- ob gerade diesen Verzicht?
Es war allerdings ein recht seltsamer Gegensatz: vor einem Jahre erst hatte er von Herrnhut Abschied genommen und nun soupierte er mit einem verführerisch schönen Weibe +tête-à-tête+! -- Toll war es -- grotesk! Und doch ein lockendes, vielleicht einzigartiges Stück Leben, dem er nicht feige ausweichen wollte, auch wenn er sich nicht daran verlieren wollte.
Und plötzlich lachte er trotzig, ja ausgelassen vor sich hin, als koste er schon im voraus die lustigen, stimmungsreichen Stunden aus, und dann überlief es ihn doch wieder kalt, als laure hinter diesem Genuß ein tückisches Verhängnis.