Part 13
In Gedanken versunken machte der sonst so taktfeste Unteroffizier Krumbholtz heute abend sogar eine falsche Meldung, und sein besonderer Gönner, Herr Vizefeldwebel Knauer, gab ihm mit Genugtuung einen Verweis wegen seiner Zerstreutheit.
Was tats? dachte Kaspar leichtsinnig bei sich: Parole 49 -- »bloß die paar Tage noch -- die halt mers aus!«
Abermals stieg das liebe, ernste Bild Ursemis vor ihm auf. Er las in Gedanken noch einmal ihren letzten guten, treuen und so herzlich vertrauenden Brief. War er nicht doch ein Verräter?
Im Bann dieser nagenden Gedanken überhörte er den Gestellungsbefehl für den nächsten Morgen.
* * * * *
Ein einladendes Bild häuslicher Behaglichkeit bot sich Kaspar, als er von der Kaserne nach Hause kam.
Ein appetitlich gedeckter Tisch, die Servietten zierlich gefaltet, ein paar Rosen in einer Vase mitten auf der Tafel, an jedem der beiden Plätze ein Feldblumensträußchen! Und zur Seite stand Irmgard mit einer schmucken, funkelnagelneuen Tändelschürze neben der dampfenden Teemaschine und strahlte glückselig wie ein Kindchen am Weihnachtabend.
Kaspar nahm feierlich den Helm in die Hand, machte ein vorschriftsmäßiges Kompliment, küßte der gnädigen Frau vom Hause verbindlichst die Hand und sagte lustig näselnd: »Danke tausendmal, meine Gnädigste, für die köstliche Einladung!«
Nicht minder lustig erwiderte Irmgard: »Nichts zu danken, lieber Herr Leutnant, bitte, legen Sie das spitze Ding zur Seite und machen Sie sichs bequem.«
Kaspar legte in der Tat rasch Helm, Handschuhe und das abgeschnallte Koppel beiseite und bat lachend mit einem abermaligen Kompliment um die Ehre, die Allergnädigste zu Tisch führen zu dürfen.
Nach einem tadellosen Hofknix nahm Irmgard huldvollst den dargebotnen Arm, hob ihr armseliges Fähnchen ein wenig in die Höhe, als wäre es ein schweres Brokatkleid, und trippelte, vergnüglich kichernd, neben Kaspar zu Tisch.
Als ersten Gang gab es Hering in Gelee, eines der köstlichsten Gerichte des Abendlandes, wenn -- es so teuer wäre wie Kaviar.
Dann folgten echte Leipziger Würstchen, die um kein Haar den berühmten Wiener nachstehn, dazu ein wenig Salat.
Als dritter Gang folgte rosenzarter Eutritzscher Schinken, gekocht und saftig wie der leckerste Prager Schinken Karlsbader Observanz.
Endlich Fromage de Gohlis und zu endlosem Knackvergnügen Rosinen und Krachmandeln, in denen ein halb Dutzend Vielliebchen tückisch lauerten.
Kaspar und Irmgard schmausten behaglich und beinahe angetan wie zwei Kinderchen bei ihrer ersten Tanteneinladung.
Jeder las dem andern aus den leuchtenden Augen: ich will lustig und lieb zu dir sein heute abend; du sollst stets gern an diese Henkersmahlzeit unserer Neigung denken. Und so ward nicht allzu viel gesprochen an dem kleinen Tisch; aber eine wonnige, die ein wenig aufgeregten Sinne süß umschmeichelnde und beruhigende Stimmung schwebte durch den kleinen Raum.
Lange tafelte man -- scheinbar, als fürchte man sich vor dem Nachher.
Endlich hob die Frau vom Hause doch entschlossen die Tafel auf, räumte als Hausmädchen den Tisch sorglich ab; der Lohndiener Kaspar bot dem gleichnamigen Hausherrn mit Erlaubnis der Dame eine Zigarre an, und nun setzten sich zwei plauderlustige Gäste in die zwei Sofaecken und räsonnierten launig über das Essen -- ganz wie bei den oberen Zehntausend!
Immer witziger und ausgelassener wurde die Stimmung, je näher die Angst voreinander den beiden ans Herz schlich. Und doch schossen von Zeit zu Zeit verräterische Blicke wie elektrische Funken warnend von Auge zu Auge, so daß plötzlich die Stimmung umschlug.
Ein schwüles Schweigen trat ein; dann brach bei Irmgard der Abschiedsschmerz leise klagend heraus.
Kaspar tröstete sie und meinte: »Warum sollen wir uns nach dem Manöver nicht ebenso harmlos vergnügt wiedersehen?«
»Glauben Sie denn, daß wir harmlos sind,« fragte Irmgard dumpf, »ich wenigstens bin es nicht; ich gestehe ehrlich, ich habe mein Weh bisher nur übertäuben wollen.«
»Tun wirs beide weiter,« gab Kaspar rasch zurück, »Kopf hoch und lachend Abschied genommen! Das ist Soldatenart.«
»Wers könnte! Sie könnens ja auch nicht. Sehn Sie, wenn ich jetzt so mein Ohr lauschend an Ihr Herz lege, da höre ich ja ganz deutlich -- tiktik, tiktak -- wie es genau so rasch schlägt wie das meine.«
Kaspar zuckte unwillkürlich zusammen. Die gefährliche Brücke zwischen hüben und drüben war geschlagen, und die gegnerischen Stürmer drangen siegreich vor an die ersten Umfassungsmauern der Festung.
Bald schmiegte Irmgard ihr Köpfchen wie schutzsuchend an Kaspars breite, schon rascher atmende Brust, und sie begann zu erzählen, so lieblich vertraulich, als sei alles um sie her versunken, als säße sie mit einem heißgeliebten Prinzen in einem verzauberten Märchenschloß.
Wie von ungefähr, als könne es gar nicht anders sein, fand sich auch das trauliche Du.
»Liebster, Bester,« gestand Irmgard schließlich, »weißt du, daß ich dich eigentlich ein wenig belogen habe? Erschrick nicht -- wozu -- ich tat es damals -- vielleicht aus Scham, aus Furcht, was weiß ich? Wir Frauenzimmer nehmens mit unsern Notlügen alle nicht so genau. Denk nur -- ich bin kein Fräulein mehr, ich bin eine geschiedene Frau, aber still -- eine armselige, glücklose -- mein Mann sitzt im Irrenhause. Ich danke dir für diesen Händedruck, Lieber! Du weißt ja nicht, wie schwer mein noch nicht langer Lebensweg schon war. Eine Waise bin ich wirklich; aber keine Lehrerin, wenigstens keine richtige. So ein bißchen Gouvernante war ich einmal, als mich mein Onkel und Vormund aus seinem Hause vertrieb, weil ich ihm seine jungen Eleven rebellisch machte. Ich war damals recht froh, daß ich fortkam; er hielt mich wie ein Klosterfräulein, obwohl ich zuvor wie ein wilder Bub bei ihm aufgewachsen war. Schade, daß ich keiner war, ich wär vielleicht was Besseres geworden, als ich jetzt bin. Ich konnte gut reiten und schwimmen. Hab drüben unter meinen Sächelchen noch ein zerknittertes Diplom von der Behörde zur Belobigung, weil ich einen kleinen Müllerbuben aus dem Fluß gerettet habe. Wär ich ein Mann gewesen, hätte ich wohl die stolze Medaille am weißen Bande bekommen, denk mal, was ich da als Einjähriger hätte für Staat machen können! Ists nicht schade?«
Kaspar lachte still in sich hinein. Was war das für ein herziges Geschöpf -- und seine Neigung wuchs in dem Maße, als seine Scheu wich.
Irmgard plauderte fort wie ein vor sich hin zwitscherndes Vögelchen:
»Onkel war ein Griesgram, ein Angstmeier und Tugendnarr; er traute keinem hübschen Weibe über den Weg, und da ich nicht häßlicher wurde mit der Zeit, tat er mich aus dem Hause, als wäre ich ihm gefährlich. Mit der Gouvernante wars nicht weit her. Schuldumm war ich immer, und Englisch habe ich dann wohl auch nur aus Not gelernt, eine Lehrerin hätte es mir nie beigebracht. So wurde es wieder mit dem Praktischen versucht, ich lernte Kochen in einem Restaurant. Da nahm mich das Schicksal das erste Mal am Kragen und warf mich in die Ehe mit einem armen Leutnant, der meinethalben den Abschied nahm und Gefängnisbeamter wurde. Mir imponierte das gewaltig; aber schließlich hatte es mir doch nur der Offizier und nicht der Subalternbeamte angetan. Wir waren in Waldheim bei den geisteskranken Verbrechern. Es war ein schwerer Dienst, mein armer Mann konnte den so schnell ausgezogenen Rock nicht vergessen, die neue Uniform nicht vertragen; die Gefangenen waren ihm entsetzlich. Mein Gott, wer weiß, was alles in der Seele des immer Verschlossenen vor sich ging? Er ward plötzlich bitter und hart zu mir, er schlug mich, mißhandelte mich schließlich, eines Tages schoß er nach mir. Hier über der linken Brust -- du darfst schon fühlen, wenn ichs dir zeigen will -- da, da saß die Kugel! man hat mir bei der Operation den Busen zerfleischt -- mit dem +decolleté+ ists nichts mehr. Meinen Mann brachte man in eine ähnliche Anstalt wie Waldheim. Er war unheilbar -- ich erhielt meine Freiheit zurück -- leider, leider. Dem Onkel war ich nun noch viel mehr zuwider geworden, er verschloß mir sein Haus, enterbte mich später -- schade, gelt? -- sonst! O du Narr -- wär das so schlimm? Also gut -- ich verzehrte mein bißchen Geld, ward noch einmal Gouvernante und ging nach London. Was dann folgte, kommt nie über meine Lippen -- es war zu grauenhaft.«
Kaspar erbebte. Da plötzlich hob sich Irmgard leise empor, schlang ihre Arme voll Sehnsucht um seinen Nacken, sah ihm flehenden Blicks tief in die mit glitzernden Tränen gefüllten Augen und sagte leise: »Lieber, willst du mich nun verachten?«
Stumm schüttelte Kaspar das Haupt und küßte das arme, vom Leben gehetzte Weib mit heißem Mitleid und unwiderstehlicher Zuneigung, während zwei schwere Tränen auf ihre glühenden Wangen niederrollten.
Lang hielten sie sich umfangen. Endlich löste Kaspar seine und ihre Arme mit schonender Güte und sagte tonlos: »So laß uns scheiden und habe Dank -- für alles, ich werde diese Stunden nie vergessen.«
Da flog ein leises, wehes Zucken über Irmgards schönes Gesicht; mit aufflammender Empörung riß sie sich los und stürzte wortlos davon.
Kaspar schritt ihr hastig ein paar Schritte nach, griff sich an die Stirn und rief betroffen: »Nicht so, Irmgard. Nicht böse sein, ich wollte dir nicht weh tun!«
Aber schon war sie hinaus und in ihr Zimmer hinüber.
Kaspar war maßlos bestürzt. Was hatte er getan, was konnte sie so erregt haben? -- Nein -- so konnte er sich nicht von dem lieben Mädchen trennen -- das wäre eine Roheit, die er sich niemals verzeihen könnte!
Wollte er diese herrlichen Stunden, vielleicht die süßesten seines bisherigen Lebens, in einen so schrillen Mißklang ausgellen lassen? Nein -- also, er mußte noch einmal und anders Abschied nehmen von ihr -- denn morgen in aller Frühe -- übrigens wann wurde denn gestellt? Bah -- das ergab sich schon, nur zeitig aufstehn! -- Aber nun mußte er Irmgard um Verzeihung bitten -- unbedingt -- sofort natürlich, ehe es etwa schon zu spät ist.
Und so ging Kaspar hinüber und klopfte leise an.
Keine Antwort folgte, noch einmal -- wieder war nichts zu hören!
Endlich sagte Kaspar mit redlicher Betrübnis und vernehmlich: »Irmgard, ich will nur um Verzeihung bitten, es war schlecht von mir.«
Da rief es leise, aber jubilierend wie Lerchengeschmetter: »Herein!«
Kaspar trat in das dunkle Zimmer. Eine weiße Gestalt umfing ihn mit ungestümer Wonne, und dem reuigen Sünder ward vergeben in wortloser, sich selbst vergessender Liebe.
* * * * *
Am andern Morgen kam Kaspar Krumbholtz zum erstenmal in seiner Militärzeit zu spät zum Dienst.
Als er nach der Kaserne kam, waren sämtliche Kompagnien bereits ausgerückt, und das Revier geschlossen. Kaspar stand ratlos in seiner Ausgehuniform da und wußte nicht aus noch ein. Endlich erreichte ihn eine von Knabe heimlich zugesandte Ordonnanz mit dem Befehl, er solle mit der Bahn nach Leutzsch fahren, dort sei der Bagagewagen mit seinem Dienstanzug.
Der Uniformwechsel war einigermaßen schwierig, aber er gelang, und Kaspar kam auch nach allerhand Fährlichkeiten, darunter ein höchst fatales Rencontre mit dem Major, glücklich zu seiner Kompagnie.
Was der alte Knabe an diesem Tage für ihn getan hatte, vergaß Kaspar ihm nie, obwohl der Feldwebel es an handfestem Landserspott anfangs nicht fehlen ließ und die vorgestern noch so totsichere Qualifikation für rettungslos in den Rauchfang geschrieben erklärte.
Derbe Neckereien hagelte es von allen Seiten den ganzen Tag über, und Kaspar trug sie stumm. War ihm doch, als müsse ihm jeder ansehen, daß er nicht mehr derselbe sei wie gestern. Das Lügen hatte ihm auch sein Sündenfall nicht gelehrt, und ein unendlich quälendes Schuldgefühl wich lange nicht von ihm.
So ward das Manöver für den einjährig-freiwilligen Unteroffizier nicht allzu fröhlich; aber seine Obliegenheiten erfüllte er mit solcher Pflichttreue, daß ihm der Oberleutnant Buff mehrfach seine Freude aussprach und bedauerte, daß er nicht Offizier bleiben wolle; das wäre doch ein Erzieherberuf, wie ihn Kaspar sich nicht verantwortungsvoller denken könne.
Kaspar schwieg auch dazu; er dankte nur innerlich dem Oberleutnant, der oft wie ein älterer Kamerad zu ihm gesprochen hatte, für seine Anteilnahme, aber schließlich sprach er sich aus: Schön ist dieser Beruf, nur zu sehr vom Zufall abhängig. Seiner gewaltigen Verantwortung entspricht höchst selten die nötige Freiheit der Persönlichkeit.
Dennoch zog Kaspar mit ehrlichem Bedauern nach seiner Rückkehr in die Garnison den ihm liebgewordenen bunten Rock mit den blitzenden Tressen aus und stürzte sich mit einem Eifer in seine Studien, als suche er Vergessenheit.
Das Londoner Magdalenchen fand er nicht mehr vor; es war im Strudel des Lebens spurlos untergetaucht.
Das letzte Zeichen war ein kleiner Zettel in seiner Kassette. Auf dem stand: »Ich weiß, ich habe Dir geraubt, was ich selbst nicht mehr besaß. Aber sei überzeugt, Du mein einzig und wahrhaft Geliebter, ich hätte es Dir tausendfach geopfert, wenn ichs besessen hätte. Vergiß mich, ich war Deiner nicht wert, Du sollst mich nie wiedersehn. Irmgard.«
In trostlosem Weh schüttelte Kaspar das Haupt. Er hatte in einer einsamen Manövernacht sich zu dem Entschluß durchgerungen, sein Unrecht an Irmgard wieder gut zu machen -- es koste, was es wolle, und nun hatte sie ihm jede Möglichkeit dazu absichtlich genommen. Mehr und mehr schärfte sich in Kaspar das Scham- und Verantwortungsgefühl gegenüber dem Weibe, und so bewahrte ihn diese erste Torheit vor weiterem Leichtsinn.
Drittes Kapitel
Charlotte
Hans Sebalt hatte das Kneipenleben gründlich satt und saß jetzt fast Abend für Abend über seiner Doktorarbeit. Um sich irgendeine Anregung oder Zerstreuung zu gönnen, ging er gelegentlich ins Theater.
Das war kostspielig, aber Herr Geheimrat Volpelius hatte ihm längst schon vom Kapital senden müssen und hatte es anstandslos mit wenigen höflichen Worten getan.
Überdies stand für Sebalt die Promotion in Sicht, und bei den teuren Experimenten war mit 100 Mark im Monat vollends nicht auszukommen, wenn Sebalt nicht leben wollte wie der sparsame Musterknabe Kaspar, der spazieren lief oder turnte anstatt zu kneipen, und öffentliche Vorträge oder politische Versammlungen besuchte anstatt Konzerte und Theater.
Von seinem Jugendfreunde hörte Hans Sebalt immer wunderlichere Dinge: jetzt war der selbstlose Biedermann gar mit seinen zwei armen Zwillingsvettern aus Ingelbach zusammengezogen und hielt mit dem einen Zwilling, der ein leidliches Gehalt als Buchhalter bezog, den andern, der auf der Akademie studierte, mühsam über Wasser.
Das fidele Hungertriumvirat, das, ausgerechnet gegenüber dem Hauptpolizeigebäude, seine Behausung gewählt hatte, nannte sich seitdem übermütigerweise »+Collegium Mugonianum+« wohl nach der +Pinus Mugo+, dem Knieholz.
Höchst töricht und unwissenschaftlich, dachte Sebalt, denn Mugo war, -- aller Wahrscheinlichkeit nach -- ein italienischer Zuname; aber die drei Krumbhöltzer hielten es sicher mit Goethes Proteus: »je wunderlicher, desto respektabler«. Bei einem zufälligen, übrigens vergeblichen Besuch fand Hans Sebalt sogar ein großes Schild an die Tür gezweckt mit dem Biertitel »+Collegium Mugonianum+«. »Eigenartiges Vergnügen!« brummte der Doctorandus und zog kopfschüttelnd wieder von dannen.
* * * * *
Eines Sonntag nachmittags saß Hans Sebalt in der billigen Theatervorstellung einer kleineren Vorstadtbühne. Er war lediglich des Stücks wegen hingegangen, die Truppe war nicht berühmt.
Das Drama hieß »Frühlingssturm« und hatte einen Schulkameraden aus Bethel zum Verfasser, der unlängst auch in Leipzig seinen Doktor gemacht hatte. Sebalt hatte ihn nur einmal flüchtig gesehen; fand den Dichter aber wenig interessant im Gegensatz zu seinem Stück, das einigermaßen pikant zu werden schien.
Die ersten Akte hatten nicht viel davon ahnen lassen, waren auch nicht gerade spannend, wennschon der Theologenkonflikt mit seinem Gegensatz zwischen Alt und Jung Sebalt interessierte; nur die Hauptperson, ein unleidlicher Backfisch, war zu dumm und sentimental geraten. Endlich kam die heimliche Geliebte des jungen Zweiflers auf die Bühne -- da war schon eher Mumm drin!
Und bitte! Wer spielte denn? Diese Stimme kannte er doch!
Hans Sebalt faßte sich an die Stirn und starrte nach der Bühne. Teufel, dachte er -- narrte ihn was? War das nicht sie -- das infame Frauenzimmer -- die schlanke Brünette, die ihn damals in Lindenau so beleidigt, beim Juwelier so schnöde versetzt hatte?
Zettel her: Charlotte Schubert -- hm -- jedenfalls kein Bühnenname -- zu simpel -- eigentlich zu dumm für diese -- na -- aber sie kann etwas! Donnerwetter, wie sie sich den schlappen Kerl von Liebhaber vornimmt und nun den Alten, heidi -- das sitzt! Menschenskind -- das Abtrumpfen hat sie los -- das ist ihre Natur -- so ähnlich gings ihm damals an der Straßenecke. Und jetzt wieder diese wilde Verzweiflung -- Töne -- so echt -- prachtvoll!
Hans Sebalt erbat sich von einem Nachbarn das Glas -- und richtig, das war das verteufelt schöne, fast eherne Sphinxgesicht mit der schwarzen Haarkrone. Nun wollte er sie erobern, es mochte biegen oder brechen!
Von da an hatte Sebalt keine ruhige Minute mehr, auch die Doktorarbeit trat zeitweise ganz in den Hintergrund. Vor allem wollte er diesmal so klug zu Werke gehn, daß ihm eine abermalige Zurückweisung unmöglich gemacht wurde.
Bald hatte Sebalt alles Nötige ausbaldowert: Sie wohnte allein, ärmlich; Gage sehr mäßig; Rollen zweite Garnitur; trotz Talent und guter Kritik Aussichten gleich Null. Es fehlte ein kluger Manager.
Aha, rechnete Hans, jetzt werden meine Chancen schon steigen; ich werde den Theaterhabitué spielen -- schnobrig -- nobel -- kann mirs ja schließlich leisten. Ich könnte ihr vielleicht helfen -- aber erst warte, mein Püppchen! Erst wollen wir dich mal zahm kriegen! Du sollst Hans Sebalt nicht umsonst bis zum äußersten gebracht haben.
* * * * *
Bei einer der nächsten Sonntagnachmittagaufführungen erhielt Charlotte Schubert ein schönes Bukett mit einer Karte, auf der die rätselvollen Worte standen: »Dank für den Tort in Lindenau! S.«
Acht Tage darauf kam ein prächtiger Lorbeerkranz, der ihr beim Publikum sehr zustatten kam, mit den Worten: »Dank für die Schmach vorm Juwelier! S.«
Unterdessen hatte Sebalt, der beobachtet hatte, daß die Schauspieler nachher noch im Keller des Restaurants zusammensaßen, sich bereits dem Direktor und einigen Acteurs vorstellen lassen und sich mit ein bißchen dickaufgetragenem Lob lieb Kind gemacht.
An jenem Abend lobte er namentlich das Fräulein Schubert und ließ sich ihr nach dem Lorbeerkranz im Kreise ihrer Kollegen vorstellen.
Fräulein Charlotte war sehr zuvorkommend und Sebalt ganz Grand Seigneur.
Er hatte sich extra eine neue Weste und eine modische, dünne Goldkette für seinen Triumphabend gekauft, hatte diese höchst schick von einer Westentasche zur andern durch das zweitoberste Knopfloch gezogen und merkte mit einiger Genugtuung, daß er von den armen Histrionen für einen Mann mit respektablem Einkommen und noblen Passionen gehalten wurde.
Gegen Mitternacht erfüllte sich sein sehnlichster Wunsch, Fräulein Charlotte nach Hause begleiten zu dürfen. Sie hatte einen weiten Weg, wenn sie nicht durchs düstere Rosental gehen wollte.
Mit neckischer Schalkhaftigkeit, die allerdings etwas Gemachtes und auch etwas Gedemütigtes an sich hatte, meinte sie beim Fortgehen: »Schade, daß ich Ihren schönen Lorbeerkranz nicht gleich mitnehmen kann, aber ich lasse das kostbare Geschenk mir morgen früh holen.«
»Also wird es dem Lorbeerkranz besser ergehen,« spöttelte Sebalt, »wie seinerzeit der Perlenbrosche.«
Die stolze Charlotte zuckte leise zusammen unter diesem Hieb. Wie geduckt ging sie neben dem eleganten Kavalier und stammelte nur ein wenig verwirrt:
»Verzeihen Sie, das war damals nicht recht von mir. Aber wenn Sie alles wüßten -- ach wozu -- reden wir von was anderm. Wie hat Ihnen das Stück gefallen?«
Mit wirklicher Sachkenntnis und ätzendem Sarkasmus äußerte sich der in der neueren Literatur recht gut versierte Sebalt über das Stück, über den Autor, sprach auch gescheit über die Rollen und ihre verschiedenen Chancen; insonderheit unterzog er die Auffassungsmöglichkeiten der Rolle Charlottens einer ganz geistreichen Untersuchung.
Charlotte sah ein paarmal ihren Begleiter, der beide Hände straff in die Überziehertaschen geschoben hatte und etwas blasiert, doch überzeugt vor sich hinsprach, verwundert von der Seite an.
Dann sagte sie lächelnd: »Wenn ich jetzt nicht solchen Respekt vor Ihrer Weisheit hätte, möchte ich übermütig zitieren: ›Wie hast du dir verändert‹ -- so aber will ich nur hübsch gesetzt bemerken: Wenn Sie früher so gesprochen hätten und nicht so völlig anders, Herr Sebalt, dann wären wir wohl eher und besser bekannt miteinander geworden.«
Sebalt sagte eisig: »Nur immer hübsch langsam mit die jungen Pferde, meine Gnädigste! Wer langsam fährt, kommt auch nach Halle.«
Charlotte ärgerte sich sichtlich und schwieg.
Als Sebalt wie selbstverständlich ins Rosental einbog, zuckte sie einen Moment zurück, folgte dann aber gehorsam wie eine gebändigte Löwin ihrem Dompteur.
»Fürchten sich wohl, meine Gnädigste,« spottete der Begleiter, »der Weg ist kürzer -- übrigens Ihnen ja auch einigermaßen bekannt, und unter meiner Bedeckung passiert Ihnen nichts.«
»Jawohl,« gab Charlotte bitter zurück, »wer den Henker zum Gesellen hat, braucht für den Strick nicht zu sorgen.«
»Soll das etwa heißen, daß Sie erwarten, von mir attakiert zu werden? Nee, Verehrteste, da seien Sie totenruhig! Vor mir sind Sie seit der Broschenaffäre sicher; nicht ein Haar von ihrem übrigens prächtigen Schopf soll Ihnen gekrümmt werden.«
Charlotte ging schweigend neben dem jetzt ebenfalls hartnäckig schweigenden Weggesellen durch das Dunkel des im Novembersturm heulenden Waldes, das nur wenige flackernde Laternen hie und da mühsam erhellten.
Sebalt reichte der unsicher Schreitenden nicht den Arm, sagte nur einmal, als sie ein wenig strauchelte, ironisch: »Wollen doch nicht Traviata spielen?«
Da blieb Charlotte empört stehen und rief Sebalt zu: »Was wollen Sie eigentlich von mir, Sie werden mir nachgerade unheimlich!«
»Wie Sie mir vor Jahr und Tag! -- Was ich will -- nur meine Rache kalt genießen, Sie ein wenig verachten, meine Gnädigste, weil ich Sie früher zu viel verehrt habe.«
»Wenn Sie das wirklich getan hätten --«
»Bitte, habe ich Ihnen den zahlenmäßigen Beweis, den Sie so geschmackvoll forderten, nicht +stante pede+ damals angetreten? 65 Mark die kleine Dummheit, eigentlich für nen Studenten ein bißchen teures Angebinde, meinen Sie nicht, Gnädigste? Und dann noch für die Katz! Schade!«
»Mein Gott ja, es war wirklich sehr unrecht von mir. Ich habe Sie ja schon um Verzeihung gebeten, Herr Sebalt. Und glauben Sie mir, es war auch nur ein verrückter Einfall, der mir plötzlich meiner gar zu unwürdig vorkam, und da bin ich eben voll Schrecken davongelaufen. Also kommen Sie, seien Sie gut, geben Sie mir jetzt Ihren Arm, und ich will Ihnen alles offen gestehen.«
»Welche Ehre, meine Gnädigste,« hüstelte Sebalt preziös und reichte den rechten Arm.