Kaspar Krumbholtz

Part 14

Chapter 143,519 wordsPublic domain

»Lassen Sie doch endlich das fade Getue und das ewige Gnädigste. Es glaubt Ihnen ja doch keiner, daß Sie son Laff sind, wie Sie vorgeben. Also nun hören Sie. Ich war schon in Monplaisir Schauspielelevin; wir probten da im Saal immer nachmittags. Ich hatte seinerzeit große Rosinen im Kopf, wie die meisten von uns am Anfang. Unter ner Duse tun wirs nicht in unsern Erstlingsträumen. Ein wenig Erbteil hatte ich damals noch, ein leidliches Äußere doch auch, sogar nach dem Urteil eines gewissen Herrn, der mir immer nachmittags nachstieg. Na kurz und gut, als ich in Lindenau das erste Mal öffentlich auftrat -- an jenem Abend wollte ich nur die Akustik im gefüllten Saal prüfen -- da hing mein Himmel voller Geigen. Dann aber kams anders. Ich spielte und spielte, kein Hahn und kein Agent krähten nach mir, obwohl das Publikum immer Beifall spendete und die Kritik stets wohlwollend war. Ich ging in die Vollen, ich ließ mir Toiletten machen, ließ mir Buketts spenden, lachen Sie nicht -- es ist mir bitter genug gewesen. Alles war verlorne Liebesmüh; nur Verehrer, die waren hinter mir her wie die Teufel hinter ner armen Seele. Damals ging mein Restchen Vermögen zu Ende, und ich rang bitterlich mit mir, ob ich kapitulieren sollte, wie so viele Größere vor mir auch in blutiger Not, nur um sich der geliebten Kunst zu erhalten. In jener Seelennot, Herr Sebalt, stießen Sie auf mich. Das war an dem bösen Abend vor dem Juwelierladen. Erst flog mir durch den Kopf -- kapituliere! Dann kam plötzlich die Scham vor mir selbst, und in bittrem Hohn -- ja mit Undank und Niedertracht zahlte ich Ihnen für Ihre Neigung, für Ihr vielleicht ehrliches Opfer. -- -- So, da haben Sie meine Beichte, ohne Schminke und ohne Scham! Wollen Sie nun aufhören, mich zu peinigen und mir endlich Absolution erteilen, ein- für allemal!«

Hans Sebalt war es eigen zumut. Er fühlte, er war mehr ergriffen von dem schlichten Leidensbericht, als er sich gestehen mochte.

Und doch schwankte er, ob er nicht zu viel Trümpfe aus der Hand gäbe, wenn er jetzt schon den ganz Versöhnten spielen würde.

So sagte er nur unwirsch und doch fast tonlos vor verhaltener Bewegung: »Narrenhaus -- diese Welt -- man tanzt aneinander vorbei, wenn man sich am nötigsten braucht.«

»Was meinen Sie damit,« fragte Charlotte beunruhigt.

»Bitte, beantworten Sie mir erst eine Frage, die ich mir sicher nicht erlauben würde, wenn -- nun ja, ich will auch ehrlich sein -- wenn ich Sie nicht ehedem so wahnsinnig geliebt hätte.«

»Ich weiß schon, was Sie fragen wollen. Erst eine Gegenfrage: Haben Sie mal meine Mila im Frühlingssturm gesehen?«

»Ja, sie war das Erste und -- gestatten Sie -- das Beste von Ihnen!«

»Nun also! Und glauben Sie, daß eine Non Traviata, oder sagen wir doch lieber richtiger eine, die ihrem Götzen von Beruf nicht alles -- auch das letzte -- hingeopfert hätte, so spielen könnte?«

»Nein, ich dachte mirs,« antwortete Sebalt tief ergriffen.

»Und sehen Sie,« rief er dann schmerzlich, »hätten Sie mich damals nicht brauchen können? Ich hätte keinen so hohen Preis gefordert, wie vielleicht ein anderer -- ich -- ich liebte Sie redlich.«

»Und heute fordern Sie ihn auch, weil Sie mich nicht mehr lieben, sondern nur, weil Sie sich noch in Ihrer Rache sonnen wollen.«

»Ich fordere nichts, aber auch gar nichts mehr!«

»So -- und warum nicht? Bin ich Ihnen selbst zur Rache zu schlecht?«

»Nein, Charlotte, dazu sind Sie mir nach Ihrem Geständnis noch immer viel zu gut! Nur -- ich verlange heute nach beiden nicht mehr -- wie damals! Ja -- damals schrie ich wohl nach Ihrer Liebe und dann -- dann glühte ich vor Haß.«

»Und vergaßen mich am Ende -- trotz oder vielleicht wegen der teuren Brosche?«

»Nein,« sagte Hans mit plötzlich erwachter Leidenschaft, »nun sollen auch Sie alles wissen! Die Brosche -- die warf ich einer andern zu, der ich mein Bestes verschenkt hatte -- warum -- weil sie Ihnen ähnlich sah! -- So, nun habe ich gebeichtet und bitte um die gleiche Sündenvergebung, liebe Beichtigerin.«

Charlotte sagte kein Wort. In tiefer Bewegung gingen die beiden bis zu der unfernen kleinen Parterrewohnung der Schauspielerin.

Als diese ihre Haustür aufgeschlossen hatte und Hans sich verabschieden wollte, sagte Charlotte leise: »Kommen Sie herein, Herr Sebalt, ich bin Ihnen viel schuldig geworden und will meine Schulden bezahlen.«

Da umfaßte Hans Sebalt das schöne, ehedem so bitter gehaßte Weib in wilder, glückseliger Liebe, und mit verzehrender Glut wurden seine stürmischen Küsse erwidert.

Viertes Kapitel

Auseinander

Kaspar Krumbholtz drang tiefer und tiefer in den Geist der modernen wissenschaftlichen Forschung ein und söhnte sich auch mit der ihm ehemals so unsympathischen historisch-kritischen Methode aus.

Nach und nach merkte er eben, daß seine Abneigung nicht eigentlich in der freilich oft alexandrinisch übertriebenen Buchstabentiftelei der Philologen, auch nicht in der spezialistischen Kleinkram bisweilen überschätzenden Einseitigkeit der Historiker ihren letzten Grund hatte, sondern in dem Unwillen seines autoritätfrommen Gemüts, das gegen das Experiment am ungeeigneten Objekt Verwahrung einlegte.

Dieselbe Methode, die ihn bei der Bibelforschung so oft innerlich verletzt hatte, erschien ihm beim Nibelungenlied oder bei den Quellen der Reformationsgeschichte durchaus anziehend, notwendig und fast selbstverständlich.

Noch immer zog es jedoch Kaspar in die Weite; immer noch wuchs die Zahl der Fächer, in denen, wenigstens einigermaßen orientiert zu sein, ihm notwendig erschien.

Von der Philosophie kam er zu der Ästhetik und Pädagogik, die ihm, dem Mann der Praxis, allerdings wenig Neues sagen konnte. Die Nationalökonomie, seine erste Liebe, ließ ihn so wenig wieder los wie das Interesse für Politik, und beide führten ihn eines Tages zur Soziologie und zur Geographie. Von der Geschichte und deren wenig interessanten Hilfswissenschaften drängte es ihn rasch weiter zur Archäologie und zur Kunstgeschichte.

Er ging in die Museen und lernte in peripathetischen Übungen ganz neu sehen und vergleichen.

Von der Germanistik trieb es ihn nach und nach zur modernen Literaturgeschichte und aus den Kollegs unwillkürlich in die Theater und die Leihbibliotheken.

Vieles in der neusten Literatur verstand er zunächst gar nicht, da er von Haus aus kaum die Klassiker einigermaßen beherrschte; nur Liliencron berauschte ihn wie junger Most. Erst über Hebbel, Keller, Anzengruber, Raabe und die Ebner-Eschenbach fand er langsam den Weg zu Tolstoi, Ibsen und Hauptmann, während Zola ihm nicht viel zu bieten vermochte.

Der Dichterphilosoph Nietzsche verwirrte Kaspar anfangs gewaltig, um ihn dann um so klarer zu machen. Aus seinem niedergeschlagenen Schüler ward er nach und nach sein fröhlicher Gegner; aber er dankte ihm ein Stahlbad.

Aus Zufall geriet Kaspar in eine sehr besuchte Vorlesung über Psychiatrie, und sie fesselte ihn bald so sehr, daß er zwei Semester hindurch in keiner Vorlesung dieses Fachs fehlte. Das trug ihm für das Verständnis der modernen, teilweise recht pathologisch durchsetzten Literatur viel aus, und auch für seine tiefgehenden Erziehungsinteressen fand er hier wie in den lebensvollen, anschauungsreichen Vorlesungen eines fast sokratischen Psychologen weit mehr Nahrung und Anregungen als in denen der eigentlichen Pädagogik.

Je weiter jedoch die Kreise Kaspars wurden, um so schwieriger wollte es ihm dünken, sich nach und nach zurückzukonzentrieren auf irgendein praktisches Brotfachstudium. Was die Mehrzahl seiner Kommilitonen zu früh und zu sehr tat, tat Kaspar zu spät. Manchmal wollte es ihm schier unmöglich erscheinen, auf das herrliche Ausgreifen nach allen Seiten zu verzichten.

Hans Sebalt war längst mit höchstem Lobe zum Doktor promoviert und traf bereits neue Vorbereitungen für ein Werk, das ihm vielleicht als Habilitationsschrift dienen konnte.

Der langsame Kaspar dagegen suchte und suchte und fand und fand so vieles und so gewaltiges, daß ihm alles eigne Schaffen demgegenüber als ein von vornherein aussichtsloses, mindestens wertloses Unterfangen erscheinen wollte.

Wenn ihm jemals etwas gelingen könnte, so dachte und hoffte Kaspar mitunter, dann wäre es nur die Reproduktion, die Projektion dieser reichen Welt von neuen Anschauungen, Ergebnissen und Zielen auf die Seelen anderer, am liebsten der heranwachsenden Generation, der ein kundiger Führer in einer so überallhin vorwärtsdrängenden, wirbelnden Zeit vielleicht fruchtlose Kämpfe und endlose Umwege ersparen könnte.

Aber einer der Professoren setzte Kaspar auseinander, daß nur die Erfahrung an einigen eigenen Schöpfungen den vollen Respekt vor den Leistungen anderer und Größerer zeitigen könne, und daß die notgedrungene Konzentration, vielleicht auch unter dem bittersten Verzicht, vom berauschenden Genuß des Empfangens zur schmerzvollen Geburt der Tat führen müsse, wenn anders der Genuß -- auch in der Wissenschaft -- seine sittliche Berechtigung haben solle.

Und so ließ sich Kaspar nach etlichen Semestern seine Examenarbeiten geben, obwohl Ursemi ihm in ihren Briefen zusetzte, er solle erst einmal wie Hans Sebalt den Doktortitel erwerben.

Kaspar lächelte wehmütig über diesen Wunsch.

Verriet er ihm doch leise, daß Ursemi noch immer nicht ganz begriffen hatte, daß er ihr nie mehr, aber auch nie weniger sein wollte -- und jetzt gar nicht mehr sein durfte -- als ein treuer Bruder.

* * * * *

In Reda hatte sich äußerlich nicht viel verändert seit dem Tode Wilhelm Winklers.

Die Werke wurden von den erprobten Direktoren, Beamten und Arbeitern im Sinne des Mannes weitergeführt, der ihnen durch eine hochherzige Testamentbestimmung einen je nach dem Dienstalter steigenden, schließlich sehr hohen Gewinnanteil gesichert hatte.

Der Hauptertrag stand der Winklerstiftung zu, die von einem erlauchten Sechserkonsortium verwaltet, das halb aus bekannten Gelehrten und halb aus unabhängigen Laien bestand, und vom Geheimrat Volpelius, einem früheren Verwaltungsbeamten, geleitet wurde.

Ein kleiner Teil der Gelder wurde zu Stipendien für junge unbemittelte Forscher oder zur Unterstützung für begabte Schriftsteller und sonstige geistig oder künstlerisch aufstrebende Männer verwandt, die ihrem Volke mit der Zeit zu Führern zu reifen versprachen.

Das Hauptziel der Winkler-Stiftung sollte jedoch die Gründung einer großen nationalen Erziehungsanstalt sein, in der eine von Staatsvorschriften und Traditionsdruck freie Jugend heranwachsen konnte, für die charakterliche Erziehung zur Selbständigkeit und eine individuelle, zeitgemäße und doch harmonische Bildung das oberste Ziel sein sollten. Einzelbestimmungen fehlten vor der Hand, nur sollte jegliches Examen völlig ausgeschlossen sein. Das zur Zeit leider noch notwendige Übel der Einjährig-Freiwilligen Prüfung sollte darum -- wenn irgend möglich -- hinter den Knaben liegen.

Im übrigen standen naturgemäß die Vorbereitungen für das große, ebenso schwierige wie kostspielige Hauptwerk, für das einstweilen jedes Jahr die Hälfte des Reingewinns zurückgelegt werden mußte, noch im weiten Felde. Volpelius und seine sechs Berater arbeiteten jedoch mit rastlosem Eifer.

* * * * *

Frau Winkler wohnte mit ihrer Tochter wie bisher den größten Teil des Jahres in der behaglichen Redaer Villa inmitten ihres lieblichen Parks, an den die ausgedehnten Waldbesitzungen der Damen sich anschlossen.

Ihre Güter wie die Forstverwaltung unterstanden einem bewährten Generaldirektor, der mit der gern auch fürs Kleinste selbst sorgenden Frau Winkler freilich weniger gut fuhr als ehedem mit ihrem großzügigen Manne.

Es kam mitunter zu allerlei Mißverständnissen und heftigen Auseinandersetzungen, bei denen Ursemi ihre früher so stille, gutmütige, sonst so leicht befriedigte Mutter kaum wiederzuerkennen vermochte. Dann griff sie als mündige Mit-, ja Hauptbesitzerin doch gelegentlich ein und tat es mit der ganzen Ruhe und Überlegenheit ihres verstorbenen Vaters.

Das lockere Verhältnis zur Mutter ward jedoch darüber nicht fester und inniger; denn was sich die kleine runde Frau von ihrem Gemahl anstandslos, ja dankbar hatte gefallen lassen, das wollte sie der Tochter durchaus nicht zugestehen. So bildeten sich nach und nach Verstimmungen, die Ursemi bedrückten und ihr gewisse Fragen, vor allem die nach einer selbständigen Zukunft, nahelegten.

Daß es der reichen Erbin an Bewerbern aller Art nicht fehlte, war selbstverständlich; aber unter all diesen Männern war eigentlich nur einer, der Ursemi ein gewisses Interesse abnötigte und nicht zum wenigsten durch seine vornehm kluge Zurückhaltung, und das war Harry Brosyn.

Der junge Graf war noch immer und scheinbar mit großem Erfolg in Westamerika tätig. Er kam dann und wann auf kürzeren Besuch zu seinem Vater, den er jedoch noch immer reichlich kühl als »Firma Brosyn senior« betrachtete. Zweimal sprach er flüchtig in Reda vor, schien jedoch keine Lust zu haben, sich einen zweiten Korb zu holen.

Ursemis Herz hing in alter Anhänglichkeit, in einer vielleicht mehr kameradschaftlich herkömmlichen als bewußt leidenschaftlichen Liebe unverändert an ihrem getreuen Kaspar. Aber er machte ihr Sorge.

In seinen oft allzu peinlich gewissenhaften und darum etwas nüchternen Berichtbriefen verriet er mehr und mehr, daß er in dem berauschend gewaltigen Meer der Wissenschaft unterzutauchen Gefahr lief, freilich nicht als zielbewußter Taucher, sondern als ermatteter, ins Treiben geratener Schwimmer.

Ursemi las ihm gelegentlich die Leviten, hielt ihm -- zwar gegen ihre innerste Überzeugung -- den erfolgreicheren Streber Sebalt vor, verriet schließlich deutlich, daß sie stolz auf ihren Kaspar zu bleiben und noch mehr zu werden wünsche -- es half wenig!

Kaspar wich erst aus, führte dann -- ganz gegen seine Gewohnheit -- seine Vorarbeiten zum Staatsexamen beruhigend ins Treffen; aber von jeder tieferen Ahnung der geheimsten Sorgen und Wünsche Ursemis war er weiter entfernt denn je. Nicht eine letzte, noch so leise Spur der Engadiner Gefühlsaufwallung schien in seinem Innern vorhanden zu sein.

Sollte ein anderes Mädchen in den Kreis seiner Seele getreten sein? Oder ging Kaspar vielleicht gar zu sehr in seiner behaglichen Zwillingsvetterei auf? Freundschaft ging ihm von jeher über Liebe. Hatte er sich irgendwie verloren?

Ursemi machte sich in ihrer völligen Einsamkeit immer unruhigere Gedanken. Mit der Mutter konnte sie über dergleichen nicht reden. Vollends seit Sebalt seinen Doktor gemacht, spöttelte, neckte und stichelte Frau Winkler ihre Tochter öfter wegen ihres Verzugs, des langsamen und faulen Kaspars.

Ursemi schwieg dazu; sie war unsicher, sie sah nicht mehr klar; sie fühlte nur dumpf aus Kaspars oft recht unpersönlichen Briefen, daß doch irgend etwas zwischen sie und den ihr unentbehrlichen Freund getreten sein müsse. Und so beschloß sie, sobald wie möglich sich selbst zu überzeugen, was aus Kaspar geworden sei.

Ein unauffälliger Anlaß zur Reise nach Leipzig fand sich zum Glück bald, da Frau Winkler, die in letzter Zeit auch recht um sich selbst und nicht mehr nur für andere zu sorgen pflegte und ein wenig hypochondrisch geworden war, einen berühmten Spezialarzt in Leipzig zu konsultieren wünschte.

So trafen denn die Winklerschen Damen eines Tages auf dem Dresdner Bahnhof zu Leipzig ein, empfangen von +Dr.+ Sebalt und Kaspar Krumbholtz.

* * * * *

Um Kaspar eine Freude zu machen, hatte Ursemi bei Geheimrat Volpelius kurz zuvor ein Reisestipendium der Winkler-Stiftung für Kaspars armen Vetter, der die Leipziger Akademie besuchte, ausgewirkt und teilte ihm nun diese Nachricht mit.

Kaspar war glückselig und stürzte sofort davon und holte den Zwillingsvetter herbei, den Ursemi nach seinem verlegen gestammelten Dank sofort für einen echten Krumbholtz erklärte.

+Dr.+ Sebalt, jetzt wirklich eine weltmännisch elegante Erscheinung, machte in erster Linie seiner Gönnerin, Frau Winkler, in galantester Weise die Honneurs; während sich Ursemi von den weniger eleganten Vettern Krumbholtz mit froher Laune die Sehenswürdigkeiten Leipzigs zeigen ließ.

Auch Kollegs mußte sie bei Kaspars Lieblingsprofessoren hören und das dafür besonders aufgeräumte und bescheiden geschmückte +Collegium Mugonianum+ mit ihrem Besuche beehren. Hier überreichte ihr der Vetter Akademiker sogar ein künstlerisch entworfenes Patent, das Ursemi zum Ehrenmitgliede des »hochwohllöblichen +Collegium Mugonianum vis-à-vis+ der königlichen Polizei« ernannte.

Dann mußte Ursemi auf dem kleinen, schäbigen, jetzt freilich mit einer weißen Häkelarbeit der Wirtin schämig verzierten Sofa Platz nehmen und ein Frühstück genehmigen, zu dem auch der andere Zwilling unter dem Vorwand eines wichtigen Geschäftsganges sich einstellte, um dem fürstlichen Besuch des hohen Kollegs seine Aufwartung zu machen.

In harmlos ausgelassener Fröhlichkeit feierte man das Ehrenmitglied und den glücklichen Besitzer des Reisestipendiums, der nun -- als sei mit einem Male der Knoten geplatzt -- von launiger Beredsamkeit überfloß und drollig den kecksten Streich des Kollegs erzählte: wie einmal die freundnachbarliche Polizei wegen ruhestörenden Lärms ihnen drei Schutzleute herüber geschickt habe, die dann fröhlich mit pokuliert und spektakelt hätten, und wie sie -- die drei Vettern -- tags darauf wegen Lärms auf der Polizei sich bei der Polizei selber beschwert und dann dort ebenfalls fidel einen guten Tropfen auf dem Wachlokal getrunken hätten.

Auch die lustigen kleinen Mädelgeschichten des vergnüglichen Kollegs, auf die Ursemi diplomatisch anspielte, wurden ohne Zaudern aufgetischt. Mit köstlicher Laune berichtete der junge Kaufmann: wie das hohe Kollegium mit seinen Damen, drei niedlichen Vorstadtkinderchen, zwei blonden Schwestern und ihrer brünetten Cousine, Miß, Fröle und Signorina genannt, des Sonntags gelegentlich einen Spaziergang oder ein Tänzchen gemacht, wie man sich allerlei kleine, frugale Soupers ausgerichtet, wie man den Mädchen zu Weihnachten neue Hütchen beschert, wie ihnen der Akademiker kunstgerecht einige Kostüme entworfen hatte -- und was dergleichen kameradschaftliche Gefälligkeiten mehr waren.

Ursemi fühlte bald heraus: da handelte es sich keinesfalls um tiefgehende Liebesaffären! Von Miß, Fröle oder Signorina war nichts zu befürchten.

Bei Kaspar mußte jedenfalls etwas ganz anderes vorliegen, was tiefer saß.

Und so forschte die kluge Tochter Wilhelm Winklers weiter in redlicher Sorge um Kaspar, bis sie ihn eines Abends im Hotel Hauffe zu einer Unterredung nötigte, während Sebalt mit seiner verehrten Gönnerin im Stadttheater saß und ihr die vielen Feinheiten im Spiel seiner Freundin, der jetzt dank seiner Bemühungen und ihres entfalteten Talents so berühmten Charlotte Frémont, geistreich auseinandersetzte.

* * * * *

Ursemi hatte Kaspar das Kistchen Zigarren und den Aschenbecher hingeschoben, dann setzte sie sich wie zum behaglichen Schwatz in den geräumigen Ledersessel ihm gegenüber und begann im harmlosen Plauderton, während sie mit dem übergeschlagenen Fuße leise wippte und Kaspars blauen Rauchwolken nachschaute:

»Ich finde, es lebt sich wirklich famos in diesem grauen, hochgiebeligen Buchhändlernest. Unternehmende Kaufleute, gescheite Professoren, Musiker und Bildhauer, die was können, und kleine, nette Mädels die Hülle und Fülle! Ich wäre hier auch ganz gern Student und verstehe, daß du es möglichst lange bleiben willst.«

Aha, dachte Kaspar, dort willst du hinaus, und lächelte still in sich hinein, als Ursemi möglichst unbefangen fortfuhr:

»Ich glaube, du erwartest nun von mir eine Wiederholung allerlei redlicher Vorhaltungen aus meinen Briefen? Nee, mein alter Junge, da schneidest du dich. Um dich ist mir jetzt weit weniger bange als -- um mich. Das wundert dich -- nun ja, es will auch recht verstanden und vielleicht erklärt sein, und darum ist es mir lieb, mal so in ungestörter Ruhe mit dir von Mund zu Mund etwas zu erörtern, was sich schwer oder nur sehr gewunden schreiben läßt. Du weißt, daß ich leider zu Mama nie in ein so inniges Verhältnis kommen konnte wie zu Vater. Jetzt bin ich auf Mama weit mehr angewiesen als früher, und doch ist unser Verhältnis kühler geworden als früher. Vater fehlt mir unendlich. Und auch der liebe, vornehme Volpelius kann ihn mir nicht ersetzen. Um so eher erwartete ich das mit der Zeit von dem andern Freunde, den mir Vater vermacht hat. Aber -- ich kann mir nicht helfen -- auch der beginnt zu versagen. Seine Briefe werden nüchterner, geschäftsmäßiger; sie duften mitunter nach Pflicht, und dieser Duft ist mir peinlich, ja oft beängstigend; er versetzt mir bisweilen den Atem wie der Moderduft alter Scharteken oder vergilbter Friedhofskränze. Ja, schüttle nur überlegen das trotzige Haupt, mir machst du nichts vor, und ich will keine Unklarheiten, keine Halbheiten zwischen uns. Also schenk mir mal ruhig reinen Wein ein, warum du nicht mehr der Alte bist. Du weißt, ich bin kein zimperliches Frauenzimmer. Du brauchst weder mich noch, falls es notwendig sein sollte, dich zu schonen.«

Kaspar rückte unruhig hin und her, als suche er nach einem passenden Anfang, endlich sagte er stockend: »Ich weiß, Ursemi, ich bin nicht viel wert und entspreche jedenfalls den Anforderungen, die du an einen brüderlichen Freund stellen kannst, zurzeit gar nicht. Aber das hängt mit meiner Entwickelung zusammen, die in diesen Jahren so gewaltsam in neue Bahnen drängte, daß ich alle Kraft daran setzen mußte, mich nicht ganz zu verlieren. In solchen kritischen Zeiten, Ursemi, ist man nicht in der Lage, anderen etwas sein zu können, am wenigsten einer Persönlichkeit wie dir, die viel sicherer in ihren Schuhen steht als ich. Jetzt schüttelst du den Kopf und lächelst. Tus auch nicht, Ursemi. Wir bleiben schon die Alten, hoffe ich, nur die Rollen des Gebers und Nehmers wechseln manchmal. Wenn dir auch meine Briefe nichts sein konnten, die deinen waren mir um so mehr. Das soll bei echter Freundschaft keine Rolle spielen, wer dem andern mehr austrägt. Mein Debet bei dir ist so wie so hoffnungslos. Vielleicht kann ich dir später etwas mehr sein, doch erst laß mich wachsen, und das braucht Zeit bei dieser Sorte Krumbholtz.«

»Lieber,« erwiderte Ursemi ernsthaft, »versteh mich nicht falsch! Ich kenne meinen langsamen Kaspar und will ihm gern Zeit lassen, will auch schweigend warten, bis das Beste in ihm reif geworden -- aber ich muß genau wissen, woran ich mit ihm bin. Dieser Kaspar hatte von jeher eine ganz vertrakte Neigung, sich für geringer zu halten, als er ist, und jedenfalls für weniger, als er mir ist. Er liebte es, zu Reda und Sils sich wohlerworbene Ansprüche, ja Rechte wegzugrübeln und wegzudisputieren, die ich ihm mit Stolz und Freude einräumte als dem Menschen, der mir innerlich näher steht als alle andern, selbst meine Mutter. Auch jetzt scheint es mir -- wie schon die Briefe es verrieten -- daß dieser Kaspar wähnt, er könne nur einmal für die dritte oder vierte Stelle in meinem Herzen in Frage kommen, aber niemals für die erste. Ruhig sitzengeblieben, alter Freund, und mich nicht so erschrocken angeschaut! Jawohl, ich habe den Mut, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Ich bin kein prüdes, kleines Mädel mehr, sondern ein aufrechter, ausgewachsener Mensch, der auch sogenannte heikle Dinge mit seinem besten Freund, seinem liebsten Wandergenossen offen und tapfer besprechen will. Also klipp und klar: Warum schreibst du nachgerade an mich, als sei ich deine Gouvernante und nicht mehr deine beste Vertraute? Ist irgend jemand zwischen uns getreten? Ist dir jemand lieber geworden als ich? Sage es mir ganz ehrlich, Kaspar. Ich werde es dir nicht verargen und mich darein zu finden suchen. Nur verbergen darfst du es mir nicht, das bist du mir schuldig.«