Part 15
»Das weiß ich, Ursemi,« erwiderte Kaspar schlicht, »und wenn es an dem wäre, was du vermutest, dann sagte ich es dir sicherlich am ersten. Es gibt aber wirklich niemand, der mir näher stünde als du. Auf die kleine Miß brauchst du nicht eifersüchtig zu sein. Und dennoch muß ich an dem festhalten, was ich früher schon instinktiv empfunden und mir gar nicht ergrübelt habe, nämlich an der Überzeugung, daß ich dir nie etwas anderes sein will und darf als dein Freund und Bruder.«
»Warum nicht?« fragte Ursemi betroffen, »nur gerade heraus, wenns auch weh tut.«
»Schon weil das dein Vater nie gewünscht hätte,« antwortete Kaspar ein wenig unsicher.
»Woraus schließt du das, Kaspar? Kennst du Vater so schlecht, um nicht zu wissen, daß er jedem Menschen seine Freiheit ließ, vorab doch wohl seiner Tochter. Er ist niemals meiner Selbständigkeit zunahe getreten, dazu war er viel zu klug und viel zu gut. Er wünschte nur, daß ich frei meiner Neigung folgen solle, wenn dereinst eine Entscheidung an mich herantritt. Ich fürchte jetzt, diese Entscheidung wird nicht an mich herantreten, wenigstens nicht von der Seite, von der ich es im stillen ersehnt und erhofft hätte.«
Ein dumpfes Schweigen folgte diesen leidenschaftlichen Worten.
Kaspar fühlte, er mußte darauf antworten, aber ihm graute, weil er dann schließlich das Schlimmste enthüllen mußte, und das wollte er sich und Ursemi ersparen.
Da flog ihm Ursemis schroffe Frage wie ein scharfer Pfeil entgegen: »Was steht zwischen dir und mir, Kaspar?«
»Nichts!« antwortete Kaspar verlegen und zuckte hilflos mit den Achseln.
Aber Ursemi ließ nicht nach. Von neuem begann sie: »Du bist seit dem Engadin ein anderer geworden. Ich nicht. Im Gegenteil! Was damals zart in mir emporkeimte, hat feste Wurzeln geschlagen und ist stetig gewachsen. Warum ist es bei dir anders, Kaspar? Hast du die Pflanze etwa absichtlich mit Stumpf und Stil ausgerissen, ehe sie dir allzu kräftig gedieh? Kaspar, ich bitte dich bei unsrer alten Jugendfreundschaft, gib mir endlich volle Klarheit. Ich glaube, ich habe ein Recht dazu.«
Zaudernd entgegnete Kaspar: »Du hast ein Recht, gewiß, Ursemi; aber ich bitte dich dringend, verzichte darauf. Ich hänge noch heute mit derselben Neigung an dir wie zu Sils Maria, Reda und Bethel. Das darfst du mir schon glauben ohne große Beteuerungen. Nur das eine muß ich betonen: Es ist mir bis auf diese Stunde niemals der verwegene Gedanke gekommen, daß du mich jemals würdigen könntest, dir nicht nur der treuste Freund zu sein, sondern vielleicht auch der liebste und einzige Lebenskamerad. Ich habe dich wohl trotzdem geliebt, aber zu Unrecht, nur weil ich meiner Empfindungen nicht Herr wurde.«
»Kaspar,« frohlockte Ursemi plötzlich dazwischen, »warum willst du dir und mir nehmen, was uns zukommt? Bist du noch immer derselbe Bescheidenheitsnarr? Fühlst du denn nicht, daß mich genau dasselbe zu dir treibt, was dich zu mir riß?«
Kaspar sprang erregt auf. In seiner Seele raste ein Sturm wildesten Wehs. Seine breite Brust atmete rascher, seine Züge wurden so finster und trotzig, daß Ursemi erschrak.
Auch sie erhob sich jetzt und wollte auf den Geliebten zugehen, doch wie abwehrend streckte dieser die Arme vor und sagte: »Laß mich erst ausreden. Nun muß es eben heraus! Und doch, es wird mir so furchtbar schwer, denn ich weiß, ich muß dir bitter weh tun, und gerade jetzt, wo ich dir tausendmal lieber alles andere sagte als so Schmerzliches. Ich will mich nicht entschuldigen, aber vielleicht hätte ich dich und mich nicht so schmählich vergessen, wenn ich gewußt hätte, daß du mich doch -- nein, es war auch so schlecht genug, denn ich liebte dich -- kurz und gut -- ich bin deiner nicht wert! Du darfst mich nicht mehr lieben, du mußt mich verachten als einen Unwürdigen.«
Jäh und wie scheu wandte er sich ab.
Mit einem verwirrten Kopfschütteln sank Ursemi leise in den Sessel zurück und starrte zu Boden, während Kaspars harte Tritte, ruckweise den Boden erschütternd, dumpf in dem dichten Wollhaar des großen Smyrnateppichs verhallten.
Endlich fand Ursemi die Sprache wieder und sagte versonnen: »Noch sehe ich nicht klar. Vorhin sagtest du, du hättest niemand lieber als mich, und jetzt redest du so, daß ich annehmen muß, du hast mich über einer anderen vergessen. Verzeih, Kaspar, daß ich mich damit nicht zufrieden gebe. Es geht doch um meine ganze Zukunft, um mein Lebensglück!«
»Ursemi, Ursemi!« stieß Kaspar jetzt wie verzweifelt heraus, »was schaff ich dir für Herzeleid! Mein Gott, mein Gott, wie soll ich das verantworten vor mir und deinem heimgegangenen Vater.«
»Kaspar,« erwiderte Ursemi sanfter, als es sonst wohl ihre Art war, »er war ein Mensch, er war mild im Verstehen und nachsichtig im Urteilen. Ich will seine Tochter sein. Also sage mir vertrauensvoll, wie alles steht. Vielleicht komme ich darüber hinweg.«
Schmerzlich schüttelte Kaspar das Haupt und sagte leise: »Nein -- darüber kann ein Weib so wenig weg wie ein Mann. Und wenn es anginge -- und es geht ja im Leben oft genug an -- von meiner Ursemi wünschte ichs nicht einmal. Was ich ihr nicht verzeihen würde, soll sie mir erst recht nicht verzeihen. Du sollst nicht heruntersteigen zu einem Mann, der -- kurz gesagt -- nicht mehr ist, wie Mann und Weib sein sollen, wenn sie einen Bund fürs Leben schließen. Genügt dir das -- verlange nicht mehr, Ursemi -- es wäre grausam.«
»Lieber,« sagte Ursemi nach einer langen Pause leise und mit sichtlicher Bewegung, »ich glaube, ich könnte dir einen jugendlichen Fehltritt so gut verzeihen wie Millionen andrer Frauen.«
»Aber ich verzeih ihn mir nicht,« antwortete Kaspar schroff, »denn er war schwerer, als du ahnst, und ich könnte nicht mit dem steten Gefühl einer schweren Schuld neben dir leben. Nein, nein!«
»Kaspar,« warf Ursemi ernst ein, »wir müssen uns alle viel verzeihn. Wer weiß --«
»Nein, nein,« beteuerte Kaspar heftig, »es war unverzeihlich! Du weißt ja nicht alles.«
»Hast du denn das Mädchen in Schande gebracht? Hast dus verraten?«
»Nein, das nicht.«
»Hast du es sehr geliebt, Kaspar?«
»Eben nicht! Und schon das ist schlimm. Das wäre sogar gemein, wenn sie mich nicht geliebt hätte. Was sie tat, ist ihre Sache, und die Frau war nicht schlecht. Aber ich, ich war schlecht, ich habe wirklich unverzeihlich gehandelt, denn ich -- das ist das Schlimmste -- ich habe mich vergangen gegen den heiligen Geist der Liebe: Ich habe mich von meinen erregten Sinnen hinreißen lassen, obwohl mein Herz einer andern gehörte, denn ich liebte dich -- dich allein und vergaß mich doch! Das ist ein unauslöschlicher Frevel. Und solch ein Mann ist deiner nicht würdig. Niemals! Und nun -- laß mich gehn, Ursemi, ich könnte den Blick deiner Augen nicht länger ertragen. Ich bin ein Schwächling, ein Elender, ein Undankbarer, und ein solcher darf nie an deiner Seite stehn!«
»Das bist du alles nicht,« sagte Ursemi stark, »dazu kenne ich dich viel zu gut, Kaspar. Du bist nur wieder der Übergewissenhafte, der ein ganzes Leben lang es büßen will, daß er sich einen Augenblick vergessen hat, wie das wohl bei jedem Menschen einmal vorkommen kann.«
»Was bist du gut, Ursemi,« stöhnte Kaspar zu Boden blickend, »ich ertrage das nicht! Aber das darf mich nicht hindern, zu tun, was ich tun muß. Ich muß die Folgen meines Frevels wenigstens auf mich nehmen. Ich darf das liebste Wesen, das ich schnöde verraten habe, nie in meine Arme schließen, ich könnte es niemals mit reinem Gewissen tun.«
»Und an mich denkst du wohl gar nicht?« fragte Ursemi in alter Herbheit.
»Wie kannst du so fragen?« antwortete Kaspar in dumpfer Verzweiflung, »ich denke ja nur an dich, ich denke an deinen Vater, und was ich ihm schulde. Ich denke daran, daß ich dir ein treuer Freund und Berater sein soll, und der, der möchte ich dir doch bleiben dürfen. Und soll ich das, dann darf ich an mich und mein Wohl hierbei gar nicht denken, ich darf um deinetwillen nie und nimmer dulden, daß du einen Mann wählst wie mich, der sittlich und charakterlich tief unter dir steht, den du wohl bemitleiden, aber nie achten könntest, wie ein gutes Weib es soll. Ursemi, ich kenne dich doch auch, ich weiß, daß du ein stolzes Mädchen bist und mit Fug und Recht! Du, gerade du brauchst einen nicht minder Stolzen, einen Eroberer, dem du dich in Liebe und Bewunderung fügen könntest, aber nie einen so armseligen Gesellen, den du dir aus Barmherzigkeit aus dem Staube auflesen müßtest. Du brauchst einen Herrn, nicht einen Sklaven, wenn du glücklich sein sollst.«
»Lieber Kaspar,« unterbrach ihn Ursemi scharf, »was ich brauche, weiß ich wohl besser als du. Ich wünsche weder einen Herrn noch einen Sklaven -- sondern einen guten Kameraden, selbstlos und treu -- seiner Menschlichkeit sich bewußt wie du! Darum noch einmal -- und nun zum letztenmal: willst du dereinst dieser Kamerad mir werden -- oder nicht! Ich will mit Freuden warten, ich will dich achten und lieben, will gern vergessen, was du glaubst gefehlt zu haben, ehe du mir gehörtest, Kaspar -- willst du?«
Eine bange Pause trat ein.
In Kaspar arbeitete und kämpfte es schwer, endlich sagte er langsam mit gebrochener Stimme: »Ursemi, liebste Schwester, ich darf nicht tun, was du wünschest, wenn anders ich die Achtung vor mir selber nicht verlieren soll. Ich bin in meinem Leben stets der inneren Stimme gefolgt, die mich nie betrogen hat. Und diese Stimme sagte mir schon früher: du wirst nie der rechte Mann sein können für eine Ursemi -- und diese unbestechliche Stimme sagt mir vollends jetzt klar und deutlich: Nein, Kaspar, du darfst es nicht tun, du tätest ein zweites Unrecht, schlimmer denn das erste. Und ich will dieser Stimme folgen wie bisher, will auch gedenken der letzten Worte, die dein Vater mir schrieb: sei treu gegen dich und andere!«
»Aus Treue willst du untreu werden,« schrie Ursemi auf, »ich verstehe dich nicht mehr, Kaspar.«
»Das ist das Bitterste!« antwortete Kaspar dumpf, »nun wirst du irre werden an mir. Ursemi -- nur das nicht! Glaub meiner Redlichkeit!«
»Ich fluche ihr, Kaspar!« In wilder Verzweiflung stieß Ursemi die Worte heraus und wandte sich heftig ab, ihrer Kammer zu.
Wie verstört schaute Kaspar ihr nach und wankte dann mühsam zum Zimmer hinaus.
* * * * *
Für Kaspar Krumbholtz folgten Wochen und Monate tiefster Qual.
Seine oft erschütternden Briefe an Ursemi blieben ohne jede Antwort, aber er trug diese Nichtachtung geduldig wie eine wohlverdiente Strafe; ja nach und nach kam das Wohlgefühl des sühnenden Büßers über ihn.
Daß er richtig gehandelt hatte, ward ihm von Tag zu Tage klarer, und schließlich mußte es auch wohl Ursemi eingesehen haben. Denn nach Jahr und Tag kam doch wieder ein langer, guter Brief von ihr, in dem sie Kaspar um Verzeihung bat, daß sie ihm so gegrollt habe, aber sie habe eben zu lange nicht darüber hinweg gekonnt. Vielleicht habe Kaspar damals recht gehabt, denn sie wolle ihm als ihrem treuen Bruder zuerst verraten, daß eine andere und leidenschaftlichere Liebe nun über sie gekommen sei. Harry Brosyn habe ihrs angetan mit seiner unermüdlichen Ausdauer und auch gerade mit seiner gebieterisch stolzen Art. Er wolle ihren Bitten, dauernd zurückzukehren, nicht nachgeben, sondern bestünde unerbittlich darauf, daß ihm seine zukünftige Frau auch in den wilden Westen, den er übrigens sehr paradiesisch schildere, folge. Das habe schwere Kämpfe gesetzt, vor allem mit Mutter. Doch gestern habe der unbeugsame Harry endlich das Jawort erhalten.
In ehrlicher Freude und mit dem Gefühl einer inneren Erleichterung schrieb Kaspar seine Antwort, dann suchte er Sebalt auf, der sich unterdessen habilitiert hatte und Assistent bei seinem verehrten Ordinarius geworden war.
Sebalt war, wie jetzt wieder oft, grimmiger Stimmung. Seine Mittel gingen zu Ende, und mit seiner Geliebten harmonierte er auch nicht mehr, seit sie eine große Dame und eine berühmte Künstlerin geworden war.
Zu Kaspars froher Nachricht sagte Sebalt mit sarkastischem Lächeln: »Bist ein glücklicher Kauz, Kaspar. Wo ein andrer die Miene des betrübten Lohgerbers aufstecken würde, da kannst du noch strahlen wie ein Schneekönig. Ich wünschte manchmal auch, ich könnte wie du in Selbstlosigkeit schwelgen; aber ich habe das noch immer nicht raus. Ich müßte der Frémont eigentlich gönnen, daß sie von mir erlöst wird und die famose Stellung am Wiener Volkstheater bekommen hat, trotzdem ärgere ich mich grün und blau darüber und bin fuchsteufelswild. Übrigens -- weißt du, was mir eben einfällt? Ich werde die Winkler-Stiftung zur Feier der gloriosen Verlobung anzapfen. Wir haben doch noch so was wie ne Bildungsreise gut, nicht wahr? Na -- meine Bildung genügt zwar für den Hausgebrauch; aber in der Laune wäre ich gerade, um mich mit den Südseeinsulanern und ihren Viechern anzubiedern. Mein Direx hat da unten ganz nette Studien angefangen, bis ihm die Malaria übern Kopf kam. Ich werde mal sehen, ob ich mit meinem am Kap der guten Hoffnung imprägnierten dicken Fell und einer soliden Büchse Chinin nicht weiter komme als der Alte. Noch heute schreibe ich dem guten Papa Volpelius und der noch besseren Mutter Winkler.«
»Hoffentlich vergißt du Ursemi und Harry nicht,« fügte Kaspar lachend hinzu.
»Fällt mir nicht ein, alle sollen sie eine niedliche Epistel haben, und zur Hochzeit fahre ich obendrein noch, wenn ich den Mammon kriege,« schloß Sebalt launig und verabschiedete sich rasch von Kaspar.
Wenige Wochen darauf konnte +Dr.+ Sebalt in der Tat seine Südseereise vorbereiten. Das Kuratorium hatte ihm zunächst für drei Jahre ein ansehnliches Stipendium ausgesetzt. So wohnte er in höchst aufgeräumter Stimmung der Brosyn-Winklerschen Hochzeit bei und vertrat Kaspar, der gerade ins Examen mußte, mit »aller Würde und Gewissenhaftigkeit seines alten Schelmen«, wie er ihm übermütig schrieb.
Kaspars Examen glückte besser, als er es erwartet hatte.
Mit frohem Herzen gab er erst dem jüngsten Südseeforscher das Geleit bis Hamburg und nahm dann einen ihn tief bewegenden Abschied in Bremen von Ursemi und Harry, die ihn dringend einluden, sie bald in Kalifornien zu besuchen.
Kaspar schüttelte wehmütig das Haupt und sagte: »Daraus wird wohl nichts werden, ich trete im nächsten Monat an der Leipziger Reformschule ein. Nun ists mit der Freiheit wohl endgültig vorbei, aber ich hoffe, ihr kommt bald einmal wieder! Hoffentlich dann für immer. Reda darf nicht verwaisen.«
Harry drohte lachend mit dem Finger und meinte: »Also du auch, Kaspar? Ganz wie Vater und Mama Winkler! Na -- bis ich zur Retraite blase, kommst du längst mal nach Frisco!«
Kaspar schwieg erst; als jedoch Ursemi beim letzten Händedruck leise fragte: »Wenn ich dich riefe?« antwortete er fest: »Dann käme ich.«
Fünftes Kapitel
Die Moravenrunde
Kaspars Leben lief nun wieder in streng geregelten Bahnen. Der Schuldienst machte seine Rechte unerbittlich geltend, und es galt, sich in zwar nicht völlig neue, aber eigenartige Verhältnisse einzugewöhnen, die auch einen besonderen Verkehr mit sich brachten.
Allzu anregend war der neue, ziemlich große Kollegenkreis nicht, auch seine oft philiströs steifen Formen behagten Kaspar wenig, und mit einer sehnsuchtsvollen Wehmut gedachte er jetzt öfter des kleinen intimen Institutkreises von Tramberg und seiner fröhlichen, formloseren Gesellen. Wenig genug hatte er von ihnen gehört.
L³, mit dem sich Kaspar bisweilen schrieb, hatte schließlich den Rektor vortrefflich gebaut und leitete eine Gemeinschule im Westen mit Liebe und gutem Bedacht; kam aber mit Bruder Balzar, seinem Vorgesetzten, nicht recht zu Rande. Der trutzige Kratt und die wackeren Mecklenburger waren ebenfalls Schulleiter geworden; der »Chef« war noch rüstig im Amt, Hinzelmann und Wiesendahl wirkten irgendwo als Gemeinhelfer, Schlegelmeyer war Divisionspfarrer, der Doppelkollege vegetierte noch immer kümmerlich als Hilfslehrer an einem kleinen Privatinstitut, und der gute Vater Schnäbele war den Heldentod des Missionars gestorben.
Von dem Schicksal der übrigen hatte Kaspar nichts erfahren; seine Fühlung mit der Brüdergemeine war gering. Sein alter, nun pensionierter Onkel Andreas in Ingelbach, der sich mit Tante Renate an den Erfolgen der braven Zwillinge freuen durfte, schrieb ihm nur dann und wann. Auch besuchte Kaspar die beiden redlichen Alten nur selten, da sie ihm den Austritt aus der Gemeine noch immer nicht ganz verziehen hatten.
Daß es in Leipzig auch eine ganze Reihe ehemaliger Moraven gab, wußte Kaspar sehr wohl, aber sie aufzusuchen hatte er früher keine Lust und dann keinen Mut gehabt.
Nicht einmal den Gruß des ehrwürdigen, unterdessen auch heimgegangenen Ehrentraut Kämpfer an seinen Sohn Gottfried, der als angesehener Journalist in Leipzig lebte und nächst Sebalt als der Entdecker des großen Talents der jungen Frémont galt, hatte er seiner Zeit bestellt.
Kaspar hatte gar keine literarischen Neigungen, und eine gewisse Scheu vor Leuten, die im öffentlichen Leben hervortreten wollten oder mußten, wich auch nicht von ihm.
Er dachte sich diesen jungen Kämpfer als die in das äußerlich Streitbare verzerrte Karikatur seines furchtlosen, großen Vaters, und er wollte nicht eine Enttäuschung erleben, dazu war ihm der Name Kämpfer zu lieb geworden.
Da lernte Kaspar eines Tages einen Buchhändler, namens Burkart kennen, der auch aus der Brüdergemeine stammte und sich nun mit dem Verlegen pädagogischer Bücher schlecht und recht durchs Leben schlug.
Burkart hatte kein leichtes Dasein. Das Geschäft ging flau, viel Kredit hatte er nicht, Krankheit und Familiensorgen hörten nicht auf, und doch glänzte auf dem Gesicht des stillen Mannes immer eine so sonnige und milde Heiterkeit, als wäre er ein besonderer Liebling Gottes, der über nichts zu klagen hätte.
Er klagte auch in der Tat nie, im Gegenteil, er suchte anderen noch stets durch seinen unverwüstlichen Frohmut und herzlich tröstenden Zuspruch zur Lebensfreude zu verhelfen und fand bei aller Arbeitsüberlastung immer noch Zeit, sich für allerlei gemeinnützige Zwecke, Sonntagsschule, Jünglingsvereine, Arbeitslosenfürsorge und dergleichen herzugeben, ja auch finanziell Opfer zu bringen.
Dieser kleine, grundgütige, apostelhafte Mann, der Leute, die er mochte, nie so leicht wieder seinem Wirkungskreis entschlüpfen ließ, hielt auch Kaspar fest und setzte ihm so lange mit herzlichen Bitten zu, bis dieser ihm versprach, eines Abends mit ihm die Tafelrunde der alten Moraven aufzusuchen.
Nur ungern ging Kaspar mit Burkart, denn er fürchtete im geheimen eine Enttäuschung. Aber das Gegenteil trat ein.
Die Moravenrunde war eine feine Sammlung seltener Charakterköpfe -- alles Männer, denen man es nach wenigen Minuten anmerkte, daß sie einen besonderen Lebensweg hinter sich hatten, reich an verschwiegenem Leid und schonungslosen Seelenkämpfen.
Da war vorerst Gottfried Kämpfer, der Journalist, der Vielverfehmte und auch von Kaspar völlig Verkannte. Kein sogenannter witziger Kopf, auch keine eigentlich scharfe Zunge, wie seine Feder es wohl vermuten ließ; sondern ein Mann des stillen Humors, jenes echten, einzigen und weltüberwindenden Humors, der auf des Lebens tiefster Tragik basiert und seinem Träger die wahrhaft hellseherische Gabe verleiht, hinter die wechselnden, gern täuschenden Erscheinungen des Lebens zu lugen und die wahren Werte des Daseins rasch zu erkennen und an ihnen gerade da -- wo der klügste Kopf sie nicht vermutet -- seine behagliche Freude zu finden.
Mit befriedigtem Lächeln reichte Gottfried Kämpfer Kaspar die Hand und sagte scheinbar krautzig: »Na, Sie konnten auch mal eher kommen, Sie waren doch längst reif für unsere Runde der Enterbten.«
»Warum enterbt?« fragte Kaspar erstaunt nach der Vorstellung.
»Weil man uns den Boden,« sagte der eine Nachbar Kämpfers, ein Waisenhausvater, ernst, »den unsere Väter mit ihrem Herzblut gedüngt haben, vorenthalten und uns in die Fremde gestoßen hat.«
»Tut nichts,« rief Kämpfers anderer Nachbar, ein stämmiger Jurist und Parteisekretär der Nationalsozialen, »wir haben Neuland genug und zu Pionieren sind die Besten gerade gut genug.«
»Ich meine auch,« fügte Gottfried Kämpfer listig mit den Augen zwinkernd hinzu, »wir sind reich, uns gabs der Herr im Traum, jedem ein schönes neues Lehen, dir deine Partei mit dem unerreichbaren Ziel, den Arbeitern auch das solide schwarz und weiß in die roten Seelen zu malen; dem Musikokatos und Organiste da drüben seine Verehrergemeinde, der er, zwischen seine Gavotten hinein, vergeblich klar zu komponieren sucht, daß die geistliche Musik doch die höchste aller Kunstoffenbarungen ist; dann hier der grämliche Waisenpapa -- halt, ruhig geblieben, ich habe mal das Wort --, du Mann der neuen Ethik, der du mit dem Mitleid allein die böse Welt kurieren willst; dann der Buchhändler da mit den wegen ihres tiefen Gehalts so gänzlich unabsetzbaren Büchern; weiter meine Wenigkeit, die tagtäglich gute Saat auf Hoffnung auswirft und keine blasse Ahnung hat, wo und wann das Zeug aufgehen wird. Denn die Esel, die an die Redaktion schreiben, sind allemal die Gottbegnadeten, die da geistlich arm sind und doch das Himmelreich schon auf Erden in Pacht haben. Und das dicke Ende kommt nun endlich! Um das halbe Dutzend voll zu machen, tritt heute abend auch das vielgesuchte Krumbholtzkasperl wie ein Maultier, das lang im Nebel seinen Pfad gesucht, vorsichtig schnobernd, in unsern ihm noch stark verdächtigen Kreis. Fahren wir also säuberlich mit dem Knaben Absalom, liebe Brüder! Die Jugend hat ja die Zukunft, und dieser geheimnisvolle Nachfahre des obersten der heiligen drei Könige hat sicher das beste Stück von unsern erträumten Königreichen erwischt, den steinigen Boden der Jugenderziehung mit den schönen Disteln, die gewisse Tiere, die mit Unrecht für dumm gehalten werden, besonders lieben. Heil dir also, mein wackerer Hans der Träumer, du sollst der Kronprinz der Enterbten sein! Und wenn du das Geheimnis der neuen nationalen Erziehung ganz erträumt haben wirst, dann setzen wir dir dereinst die Krone auf dein dann wohl schlohweißes Haupt. Bis dahin willkommen, du letzter der Enterbten, der du sollst der erste sein! Ich trink dir zu.«
Die übrigen vier riefen laut »Bravo« zu der trefflichen Rede ihres Wortführers und tranken Kaspar ebenfalls zu. Dieser dankte verlegen und sagte versonnen:
»Wer weiß, ob wir nicht wirklich die geretteten Kleinode des moravischen Königsschatzes unterm Mantel tragen?«
Dann ging es an ein langsam, doch sicher tropfendes Plaudern, das Kaspar innerlich mehr austrug als manches Kolleg.
Von nun an fehlte er fast nie mehr in dem traulichen Kreise der enterbten Moraven und suchte und fand hier stets Ersatz für die oft trostlosen Stunden, in denen er mit seinen eigentlichen Kollegen zusammensitzen, ihre auffallend gleichmäßigen Studentenerinnerungen, Fachsimpeleien und allerlei trüben Schulklatsch anhören mußte. Er tat es meist schweigend nach seiner Gewohnheit.
Mit der Zeit galt Kaspar Krumbholtz in der Kollegenschaft für einen ausgemachten »Stumpfbold«; auch von seiner Lehrbefähigung wußte niemand unter den Vorgesetzten oder Kollegen viel Rühmliches zu melden. Nur seine Schüler hingen an ihm.
»Wohl ein Zufall,« sagten einige Kollegen -- »Er ist halt ein guter Kerl« die anderen.
* * * * *
Still, aber im Innersten nicht recht befriedigt von seiner Lehrarbeit, lebte Kaspar Krumbholtz seine Tage dahin.
Er fühlte immer klarer, daß er nicht in erster Linie Lehrer, sondern Erzieher war. So sehr sich beides bei Leuten, die berufsmäßig an der Jugend für die Zukunft des Volkes bauen wollen, vereinigen und ergänzen soll, so wenig schien es Kaspar tatsächlich bei seiner Umgebung der Fall zu sein.
Die gescheitesten Lehrer waren oft die talentlosesten Erzieher, und wer hingegen Erziehungstalent besaß, war nicht immer -- wie er selber zum Beispiel nicht -- ein kluger Lehrer, ein souveräner Meister der verschiedenen Methoden, die je nach dem Stoff, je nach der Individualität der Schüler gewechselt oder vermischt, nicht aber nach dem allgemein herrschenden Schematismus anzuwenden waren.