Kaspar Krumbholtz

Part 16

Chapter 163,547 wordsPublic domain

Kaspar sah das alles mit scharfem Blick, dachte auch unaufhörlich über all diese wichtigen Probleme nach, von deren Lösung -- seiner Meinung nach -- ein gut Teil der zukünftigen nationalen Leistungen abhängen würden; aber er fühlte sich nicht berufen, darüber zu sprechen oder gar zu schreiben.

Er kannte nur die Sehnsucht nach der ihn und sein Gewissen beruhigenden, befreienden Tat!

Aber wie sollte er wohl zu Taten kommen unter den obwaltenden Verhältnissen?

Er glaubte sich auf Grunde ehrlichster Selbstprüfung vielleicht für fähig halten zu dürfen, mitunter den richtigen Mann für die richtige Stelle zu erkennen. Er hielt sich auch wohl für mutig genug, bei völliger Freiheit und bei völlig unbeschränkten Mitteln, den stillen, tastenden Versuch zu einer Neuorganisation zu wagen, freilich nicht ohne die Ergebnisse und Geheimnisse alter moravischer Erziehungskunst fruchtbar zu verwerten.

Doch woher sollte ihm, dem kleinen, nicht einmal an seiner Schule eine Rolle spielenden Lehrer die Gelegenheit kommen, seine geheimsten Pläne irgendwo in die Tat umzusetzen?

In das Kultusministerium würde man ihn nicht gerade berufen, und die dort nach althergebrachtem Schema waltenden und schaltenden Juristen würden einen ideenreichen und tatenfrohen Schulmeister wohl auch mit größerem Mißtrauen und tieferer Verachtung behandeln als eines der sagenhaften Tiere des Mondes. Also darauf zu warten hieß der Quadratur des Zirkels nachjagen.

Dennoch konnte und mochte sich Kaspar mit dem Verzicht auf seine geheimen Pläne und Wünsche nicht recht zufrieden geben, trotz aller offenbaren Aussichtslosigkeit.

Ein Wort Goethes, auf das er irgendwo gestoßen war, ließ ihn nicht los: »Daß wir uns bilden ist die Hauptforderung; woher wir uns bilden wäre gleichgültig, wenn wir uns nicht an falschen Mustern zu ~verbilden~ fürchten müßten.«

Galt das nicht auch jetzt wieder? Ja -- es war Gefahr im Verzuge -- trotz aller Reformschulen!

Aber wer sollte helfen? Er gewiß nicht. Und doch, warum nicht auch er?

Alles Neue und Große in der Welt war von stillen Einzelgängern ersonnen, von rastlosen Schaffern gefördert, von rücksichtslosen Herrschernaturen durchgesetzt worden. Er gehörte vielleicht zu den ersten unscheinbarsten Gliedern einer solchen großen Entwickelungskette, doch irgendwie handeln mußte auch er!

So zwang sich Kaspar Krumbholtz in heißen, unaufhörlichen Kämpfen einen Niederschlag seines inneren Ringens ab, ward sich darüber nach und nach selber zu seiner Freude klarer, ward sicherer und arbeitete immer von neuem das ganze Organisationsstatut seiner neuen Erziehungs- und Bildungsanstalt durch.

Sie sollte gewiß nicht die bestehende Schule ersetzen oder umwandeln, sondern sie nur vorsichtig zu ergänzen suchen, sollte die schematisch uniformierte heutige deutsche Schule wie vor alters um eine neue Individualität bereichern, denn daran gebrach es.

Zunächst galt es einmal, ähnlich wie Wilhelm Winkler es geplant, etwa für die drei obersten Gymnasialklassen, die den so wichtigen Reifejahren der geistigen und körperlichen Pubertät gerecht zu werden strebten, etwas zu schaffen, das als eine Art allgemeiner Bildungsschule dienen konnte, wie es vor alten Zeiten etwa die Artisten-, später die philosophischen Fakultäten gewesen waren.

Der Freiheit des erwachenden Individuums müßte sorgfältiger Rechnung getragen werden als auf den Staatsgymnasien, den Reform- und Oberrealschulen. Zugleich aber sollte eine gründliche Orientierungsgelegenheit für alle ernsthaft Suchenden geboten werden, ehe sie in den oft unbarmherzigen Zwang modernen, spezialistischen Wissenschaftsbetriebes, der für viele Bildungshungrige eine Gefahr bedeutete, gerieten.

Auch für die künftigen Diener und Leiter des praktischen Lebens, die nicht eigentliche Hochschulen besuchen konnten oder mochten, könnte eine solche Schule einen Teil der Universität ersetzen und doch mehr geben, als die höchsten Klassen der Mittelschulen zu geben pflegten. Freilich -- solch ein Werk zu gestalten war unendlich schwierig und ohne praktische Experimente kaum möglich.

Kaspar konnte nur denken und tat es redlich. Mit Bangen und beinahe mit schwachmütigen Tränen der Verzweiflung hatte Kaspar vor Jahr und Tag sein stilles Werk begonnen, und mit immer steigender Schaffensfreude war er unermüdlich daran tätig, bis ein neues, ihn bis auf den Grund seiner Seele erschütterndes Erlebnis ihn unvermutet aus seiner Bahn warf.

Sechstes Kapitel

Carina

Aus der Ferne kamen Kaspar allerlei gute Nachrichten.

Hans Sebalt schrieb befriedigt von seinen erfolgreichen Forschungen, die ihn so ausfüllten, daß er mit der Absicht umging, sich aus den Listen des Lehrkörpers der Leipziger Universität streichen zu lassen und ganz in den Dienst der amerikanischen Union überzutreten, die schon jetzt seine Forschungen mit Aufmerksamkeit verfolgte und generös unterstützte.

Nur Volpelius wollte davon nichts wissen und bat +Dr.+ Sebalt, zu bedenken, daß es Wilhelm Winklers Absicht gewesen wäre, mit seinen Mitteln in erster Linie für deutschnationale Zwecke arbeiten zu lassen.

Sebalt schrieb trotzig zurück, die Wissenschaft sei international, und er könne in Amerika der Kultur ebenso gut dienen wie in Deutschland.

Noch einmal legte Volpelius nach Rücksprache mit den sechs Kuratoren Hans Sebalt nahe: er möge doch wenigstens in Aussicht nehmen, mit seiner Forschungsarbeit und ihren Ergebnissen späterhin den Nachwuchs deutscher Forscher erzieherisch oder belehrend zu fördern; man sei auch gern bereit, dereinst nach Möglichkeit für eine ehrenvolle Zurückberufung Sebalts Sorge zu tragen.

Sebalt antwortete ausweichend und verzichtete einstweilen dankend auf weitere Zuschüsse von seiten der Stiftung, er bedürfe deren nicht mehr.

An Kaspar Krumbholtz kam bald darauf eine kleine Karte, auf der stand lakonisch:

+Dr.+ John Sebalt, Mary Sherman. Married.

Viel konnte sich Kaspar dabei nicht denken, aber er gratulierte herzlich, obwohl ihn die Art der Anzeige und der Untergang des redlichen deutschen Vornamens Hans ärgerte.

Durch Frau Winkler, die mehr und mehr kränkelte, erfuhr Kaspar dann nach Monaten, daß Sebalt die bildschöne Tochter eines amerikanischen Zuckerkönigs auf Hawai geheiratet habe.

Öfter als Sebalt schrieb Ursemi, nicht ganz so befriedigt und gar nicht mehr überlegen, doch treu und offen wie immer.

Es war deutlich in und zwischen den Zeilen zu lesen, daß Heimweh nach den schlichten, schlesischen Waldbergen trotz all der grandiosen Schönheiten des Yosemite-Tales und der vorsündflutlichen Redwoodurwälder die Tochter Wilhelm Winklers verzehre.

Auch zwischen den Ehegatten Brosyn war wohl nicht alles so, wie Ursemi es erhofft hatte.

Graf Harry war ein lieber, frischer und tapferer Gesell, auch ritterlich und treu; doch ging er in seinen Geschäften und Spekulationen so mit ganzer Seele auf, daß Ursemi mit ihren starken Gemütsbedürfnissen nicht ganz auf ihre Rechnung kam.

Überdies fragte sie sich und auch Kaspar bisweilen, ob es eigentlich großen Zweck habe im Leben, solche Riesenreichtümer aufeinander häufen zu wollen, wie es der tollkühne Harry rücksichtslos anstrebte. Ursemi war reich, der alte Brosyn einer der begütertsten oberschlesischen Magnaten, Harry sein einziger Sohn, galt dabei schon jetzt, als einer der Direktoren der kalifornischen Minenbank-Trust-Kompanie, nicht nur in San Franzisko, sondern auch in Wallstreet als ein Mann von Gewicht.

Wozu das alles? Wem nutzte er damit? Immer wieder kehrte diese, Kaspar schon unheimliche Frage in Ursemis Briefen wieder, auch nachdem sie ihm glückselig mitgeteilt hatte, daß sie einem lieblichen Töchterchen, Edith benannt, das Leben geschenkt habe.

Von nun an begannen übrigens öfters Erziehungsfragen in der Korrespondenz der alten Jugendfreunde eine Rolle zu spielen.

Kaspar verriet schließlich seine Entwürfe für seine ideale Bildungsschule, die er einmal ~sein~ Töchterchen »Utopia« nannte.

Darauf meinte Ursemi plötzlich wieder mit alter Laune: er solle die »Utopia« mal hübsch dem Kuratorium der Winklerstiftung ausliefern -- der Harry übrigens neulich eine halbe Million für Mädchenbildung überwiesen habe -- und solle lieber erst mal zusehen, daß er zu einer ordentlichen Frau und dann auch zu andern Töchtern käme. Es würde nun Zeit.

Kaspar lachte still in sich hinein und dachte: Frauen mögen noch so unglücklich sein, sie wollen immer neues Unglück anstiften.

Im übrigen folgte er wenigstens dem ersten Rat und schickte eines Tages wirklich seine geliebte »Utopia« an den Geheimrat Volpelius, der ihm freudig dankte und schrieb: er habe die wertvollen Anregungen sofort dem Kuratorium zur Prüfung und zur Erwägung praktischer Versuche überwiesen. Kaspar möge jedoch nicht vergessen, daß für einen zeitgemäßen Organisator eine gründliche Orientierung über ähnliche Versuche wünschenswert, ja unerläßlich sei.

Außerdem möge er Wilhelm Winklers Wunsch nicht vergessen. Das Kuratorium würde es außerordentlich gern sehen, wenn Kaspar in absehbarer Zeit eine Studienreise ins Ausland unternähme, etwa zum Besuch ähnlicher Erziehungsanstalten in den auch darin mächtig aufstrebenden Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Als dieser lockende Antrag kam, war jedoch Kaspar nicht in der Lage, ihn anzunehmen.

Die Liebe war von neuem in sein Leben getreten und hielt ihn fester in Leipzig denn je.

* * * * *

Auf freundliches Zureden von Volpelius hatte Kaspar gelegentlich dessen Freunde, ein liebes, altes Geheimratehepaar, namens Ewald, aufgesucht und hatte in ihrem gastlichen Hause mit der Zeit einen ihm menschlich wohltuenden und auch geistig überaus anregenden Verkehr gefunden.

Eigene Kinder hatten die alten Ewalds nicht, auch nie besessen; aber vielleicht gerade darum liebten sie die Jugend zärtlich. Sie hatten bald diesen Neffen, bald jene Nichte zu Gaste und gaben hie und da kleine, intime Festlichkeiten, bei denen die jungen Leute zwanglos verkehren konnten und auch mit ihren Fröhlichkeitsbedürfnissen auf ihre Kosten kamen.

Bei Ewalds sah Kaspar öfters eine junge Dame, namens Carina Mutzer, von Geheimrats kurz die kleine Mutzerin genannt, die in mannigfacher Weise seine Aufmerksamkeit fesselte und seine Gedankenwelt beschäftigte, da sie eine seltene Mischung von Vornehmheit und Einfachheit, von Frohsinn und Ernst, von Klugheit und Bescheidenheit zu sein schien.

Der ehedem so begeisterte Turner und Fußballspieler Krumbholtz konnte gelegentlich ein leidlich guter und ausdauernder Tänzer sein, aber sonst war er noch immer nichts weniger als ein gewandter Gesellschaftsmensch.

Dennoch gab sich die kleine Mutzerin gern mit ihm ab und unterhielt sich lieber still mit ihm in einem lauschigen Winkel, anstatt sich von anderen feiern zu lassen.

Kaspar wollte jedoch nicht, daß die tanzfröhliche junge Dame seinetwegen um ihr Vergnügen käme, und so tanzte er mit ihr öfter, als es sonst wohl seiner zurückhaltenden Art entsprach.

Da fügte es ein tückischer Zufall, daß er eines Abends mit der kleinen Mutzerin im Tanzgedränge zu Falle kam und ihr zwar nicht wehtat, aber ein kostbares Kleid zerriß.

Das Unglück kommt bekanntlich selten allein. Wenige Minuten hernach hatte Kaspar noch das Mißgeschick, daß er, vielleicht im Eifer, das Vergangene durch besondere Aufmerksamkeit wieder gut zu machen, seiner Dame beim Anbieten eine Tasse Mokka über das eben mit Stecknadeln notdürftig reparierte Kleid goß.

Kaspar war außer sich vor Zerknirschung und Empörung über seine Ungeschicklichkeit, doch die kleine Mutzerin war durchaus nicht ungehalten, im Gegenteil, sie schien so voller Vergnügen über die niederträchtige Laune des Zufalls zu sein, daß Kaspar sich und ihr gestehen mußte: das gehe sogar noch über des trefflichen Horatius Weisheit »+aequam memento rebus in arduis servare mentem+«.

»Lassen Sie doch,« schalt Carina drollig, »den greulichen Horaz mit seinem abgedroschenen Philistergleichmut aus dem Spiel. Der Griechenepigone hatte nicht einen Funken Humor, und der ist besser als alle +aequa mens+. Ja, staunen Sie nur, ich habe Horaz auch einmal mit heißem Bemühn studiert, als ich mein Abiturium machen wollte. Gemacht hab ichs nämlich nicht, damit Sie nicht noch einen Schrecken bekommen und mich vollends für einen Blaustrumpf halten. Schlecht genug tanze ich ja, denn ich war das Karnikel, das vorhin mit dem Plumpsen angefangen hat.«

Kaspar bestritt das heftig.

Ein gutes und lustiges Wort gab das andere, und als der junge Oberlehrer abends nach Hause ging, da konnte er sich nicht mehr verhehlen, was ihm lang schon dämmerte, daß ihm Carina einen tiefen Eindruck gemacht habe; zumal heute abend hatte sie es ihm angetan mit ihrer Nachsicht und Güte, ihrem unverwüstlichen Frohsinn.

Und plötzlich brannte es lichterloh in seinem Herzen. Er konnte gar nicht einschlafen, weil er sich immer wieder aufs neue aussprach: Was ist diese kleine Mutzerin für ein natürliches, frisches und seelensgutes Ding, und was hat sie für einen prächtigen Mutterwitz!

Und dann kam die zweite Kette von Gedanken, die darin auslief: Was müßte es doch für ein unendliches Glück sein, ein solches Wesen sein eigen nennen und mit ihm zusammen durchs Leben wandern zu dürfen!

Aber was für riesige Wolkenwände stiegen da sogleich am Zukunftshorizont auf, was für bergehohe Widerstände türmten sich da empor?

Er ein armer Lehrer mit 2800 Mark Gehalt und 1200 Mark Zinsen, nun -- das ging noch zur Not, wenn man sich einrichtete. Freilich verwöhnt war das liebe Prinzeßchen sicherlich und sollte doch nicht Not leiden bei ihm. Nein -- um Gottes willen -- unter keinen Umständen! Mit der Zeit würde er schon im Gehalt steigen, aber -- all das andere!

So ein Schulmeisterlein, nicht einmal Doktor oder Reserveoffizier, und sie, die Tochter eines richtigen preußischen Regierungspräsidenten -- gar nicht auszudenken, auch wenn die kluge Mama Ewald vielleicht ein gutes Wort für ihn eingelegt hätte.

Und schließlich der bitterböse, der häßliche Punkt in seiner Vergangenheit! So schlimm wie bei Ursemi, die er geliebt und verraten hatte, stand es ja hier nicht; immerhin -- übel stand es doch auch; denn bekennen mußte er das Carina unter allen Umständen. Sie mußte wissen, woran sie war mit ihm; wenn es ums Glück der Ehe, um eine Lebenskameradschaft ging, durften keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen bestehen.

Aber wozu jetzt schon sorgen -- noch lag ja alles im weitesten Felde. Wer sagte ihm denn, daß sich das Mädchen überhaupt für ihn interessiere.

Drei, vier Mal hatten sie sich gesehen, heute abend ein bißchen lang und schließlich auch wohl ein bißchen vertraut miteinander geredet, sich sehr fest die Hände gedrückt beim Abschied -- das war alles!

Indessen -- es konnte ein Anfang sein, und seine Pflicht als Mann war es sicherlich, beizeiten zu überlegen, ob er ein so kühnes Unternehmen wirklich ernsthaft beginnen wolle, und ob er es innerlich und äußerlich dazu habe, um es hinauszuführen. Sonst machte er sich und das liebe Mädchen nur unglücklich.

Kaspar schwankte und schwankte, prüfte und prüfte.

Immer neue Bedenken stiegen auf. Würden sie denn überhaupt zusammen passen, er, der schwerfällige, oft ein wenig plumpe Gesell, und sie, das leichte, grazile Persönchen? Er, der stille, noch immer weltfremde Pfadsucher, sie, die sieggewohnte Tochter des Salons, der doch wahrlich ganz andere Partien offen standen als ein mäßig begabter Oberlehrer ohne Chancen!

Und doch, das liebe Mädchen schien einen scharfen Sinn für das Echte und Schlichte zu haben; es hatte ferner Geschmack, das war sicherlich viel wert, denn ihm fehlte er bisweilen -- leider -- leider! Die kleine Mutzerin hatte eine entzückende Leichtigkeit und einen feinen Sinn für Humor -- wieder eine passende Ergänzung zu seinem schwerflüssigen Wesen.

Ob sie wohl fromm war? Männer mögen so aufgeklärt sein, wie sie wollen, aber skeptische Frauen -- warum schließlich nicht -- nur -- -- da kam er nicht drum herum mit seinen Bedenken -- zur Mutter seiner zukünftigen Kinder mochte er eine solche nicht wählen. Zarte Kinder müssen im linden Schatten mütterlich keuscher Vorsehung und Frömmigkeit aufwachsen, nicht in der grellen Sonne unbarmherziger Aufklärung und quälender Zweifel. Die bringt das Leben von selber früh genug an sie heran; lang dauert das heilige Mysterium der Jugendtorheit so wie so nicht mehr in unserer brutaleren Zeit.

Doch wohin schweiften seine Gedanken! Nächstens erzog er wohl schon seine Enkel in Gedanken! Erziehungsnarr!

Und Kaspar legte sich auf die andere Seite und versuchte nun ernstlich zu schlafen, obwohl draußen der Morgen schon graute.

Aber wieder begann der Tanz der Fragen.

Wie machte man das wohl alles, das Äußere?

Mußte man nicht den gestrengen Herrn Papa zuerst fragen? Der war fern im Norden. Und der Herr Präsident würde ihm schön dienen, wenn er etwa angezogen käme mit seinem bißchen Schulmeisterherrlichkeit.

Kaspar, sei nicht verrückt! Warum so hoch hinaus? Such dir eine kleine Kollegin oder sonst ein Mädchen deiner kleinbürgerlichen Sphäre; aber nicht die verwöhnte, elegante Tochter eines hohen Regierungsbeamten.

Wenn sie dich aber doch lieb haben könnte? Ja wenn -- dann Carina, holdseliges Kind, dann holt dich mein tölpischer Arm, der dich gestern fallen ließ, doch am Ende noch heraus aus all dem feudalen Flitter und dem schnobrigen Plunder und trägt dich empor -- ja wohin? Kaspar, sei ehrlich -- vielleicht in die dritte oder vierte Etage eines öden Vorstadthauses.

So tanzte es auf und nieder in Kaspars Gehirn; aber er war zäh, er ging einmal nicht ungebrannt vom Feuer, das war eben seine Art, und sich selbst getreu zu bleiben war sein stolzestes Lebensziel, und -- er liebte Carina, das blieb doch das Entscheidende.

Also -- er wollte es ruhig versuchen, sie zu erringen -- und damit genug!

Nun schlief er beruhigt ein und so fest, daß er seine erste Unterrichtsstunde verschlief und eine Nase vom Herrn Direktor bekam -- und das von Rechts wegen!

* * * * *

Schon am nächsten Abend ging Kaspar wieder zu Ewalds und immer öfter und öfter, denn es galt eilen, da Carina bald wieder zu ihrem Vater -- eine Mutter hatte sie nicht mehr -- zurückkehren wollte.

Bald merkte Kaspar, daß auch in der kleinen Mutzerin ein Funke glimmte, und nach und nach spürte er sogar die Wärme ihres Innern hie und da an einem langen, festen Händedruck, an einem verstohlenen, tiefbohrenden, ja verzehrenden Blick und an der stimmungsvollen Einsilbigkeit, die immer öfter an die Stelle des erst so neckischen Geplauders oder interessierten Gedankenaustausches trat.

Und eines stillen, einsamen Abends, als es den Abschied galt, waltete jenes tiefe erwartungsbange Schweigen, das bei ernsten Menschen gewichtigen inneren Entscheidungen voranzugehen pflegt.

Die Hände zitterten, als sie sich berührten, zwei Augenpaare schwammen in Tränen verhaltenen Wehs, und statt des entschlossenen Losreißens kam ein scheues, schmerzvoll zuckendes Festschmiegen, ein seliges sich Haben und Halten, ein glücktrunkenes Tasten und Finden von Mund zu Mund.

* * * * *

Kaum hatte das Glück gegrüßt mit zartem Kuß, da krochen auch die Schwierigkeiten heran -- leise, gierig, tückisch wie die Vorboten einer unbarmherzig steigenden Flut.

Kaspar flehte sofort: Carina möge noch einige Zeit schweigen, bis sie alles miteinander durchdacht oder brieflich erörtert hätten; aber die kleine Mutzerin wußte auch, was sie wollte, und fühlte sich in der neuen Macht ihrer Liebe gewaltigen Mutes voll.

In ihrer jungen, übervollen Seele rauschte und stürmte jene geheimnisvolle Macht des großen Glücksgefühls, jenes optimistischen Größenwahns, der sich trotzig vermißt, Berge versetzen zu können, weil ihm der erste kleine Zauber gelungen ist. Und so erfuhr noch selbigen Abends die Tante Geheimrat, zu der Carina ein großes Vertrauen hatte, das ihre kleine Welt so elementar erschütternde Ereignis.

Frau Elsbet Ewald war eine sehr kluge, taktvolle alte Frau, die das unsagbare Glück der kleinen Mutzerin nicht stören mochte, schon weil sie selbst ihre helle Freude daran hatte. Aber auch sie sah nicht ohne düstere Sorgen in die Zukunft der beiden Liebenden, denen sie von Herzen wohl wollte, und für deren Schicksal sie sich doch mit verantwortlich fühlte, da sie ein ganz klein wenig Parze dabei gespielt hatte.

Vor allem galt es nun, die Schwester des Präsidenten, ihre intime Freundin, zu gewinnen, um dann vielleicht den Herrn Papa vor das fait accompli stellen zu können.

Zunächst vermeldete die kluge Frau Elsbet die kleine Braut als unbedenklich erkrankt, um wenigstens die Reise aufzuschieben. Dann schrieb sie einen äußerst diplomatischen Brief an ihre Freundin, über den Kaspar, wenn er ihn gelesen, tief errötet wäre, wahrscheinlich sogar heftig protestiert hätte.

Unterdessen sonnte sich das liebe Pärchen in der Gnadensonne des ersten Glückstraums, beichtete sich gegenseitig um die Wette all seine Schlechtigkeiten und seine redlichsten Vorsätze, baute sich sein trautes Zukunftsheim bis auf die letzten Möbelstücke und Lieblingsbilder und begann mit einem funkelnagelneuen Idealismus und viel gutem Willen die gegenseitige Erziehung.

Da fuhr wie aus blauem Himmel ein Blitz hernieder: Carina ward umgehend von ihrem Vater nach Hause beordert, und »Herr Kaspar Krumbholtz, Lehrer an der städtischen Reformschule zu Leipzig«, erhielt von einem Präsidialschreiber einen kurzen, aber groben Verweis wegen »seines ungehörigen Benehmens gegen ein unerfahrenes junges Mädchen von vornehmer Familie«, gezeichnet Mutzer.

Kaspar stand, starr über diese Roheit, zitternd da; in hilfloser Empörung schossen ihm Tränen in die brennenden Augen. Scham, Wut, Stolz, beleidigtes Menschengefühl revoltierten in seinem Innern.

Erst gab ihm der Trotz ein, das Schreiben zurückzuschicken mit einem »gelesen und genehmigt! Krumbholtz.«

Dann siegte die Vornehmheit in ihm, und so setzte er sich mit bebenden Gliedern hin und schrieb, totenbleich vor krampfhaft erzwungener Selbstbeherrschung, einen kurzen Brief an Carina, in dem er ihr das Jawort zurückgab und sie bat, ihm das Weh, das er ihr angetan, und die Beleidigung, die er ihrem Herrn Vater unbeabsichtigt zugefügt habe, zu verzeihen. Das Schreiben des Herrn Präsidenten legte er als Begründung für sein Zurückweichen bei.

Umgehend kam ein mit Tränenspuren übersäter, langer Brief Carinas des Inhalts: sie könne und wolle nie und nimmer auf Kaspar verzichten und wäre sogar bereit, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, ja, wenn es nötig wäre, so würde sie mit ihm in die kleinste Dachwohnung ziehen selbst auf die Gefahr der Enterbung hin; ihr Mütterliches könne sie übrigens verlangen, da sie mündig sei. Vor allem aber solle Kaspar sie nicht entgelten lassen, was ihr manchmal vom Dienst verärgerter, im Grunde so grundguter Papa gesündigt habe, und er solle doch wenigstens zu Geheimrats kommen, die ihn erwarteten. Vater Ewald sei nun auch eingeweiht und wolle persönlich an Papa schreiben und ebenso an Volpelius, der, bei der Regierung wohlbekannt, früher auch einmal der Vorgesetzte Papas gewesen sei.

Kaspar atmete ein wenig auf, als er den Brief gelesen hatte, aber er gab dem wartenden Dienstmann nur wenige Zeilen mit:

»Liebling!

Ich muß nun warten, bis Dein Herr Vater mir gestattet, Dich bei Geheimrats aufzusuchen; auch Dir gegen seinen Willen zu schreiben erlaubt mir mein Stolz nicht mehr. Stehlen will ich nicht.

Kaspar.«

Carina gab sich damit nicht zufrieden. Sie setzte die Dienstmänner der Karl Tauchnitzbrücke gar weidlich in Bewegung; aber Kaspar war hart und erklärte einem nach dem andern, wenn auch mit wundem Herzen: »Keine Antwort!«

Qualvolle Tage vergingen. Noch hoffte Kaspar leise; doch es kam nur die Nachricht: Carina sei nun entschlossen, selber ihre Sache bei Papa zu führen, und bäte Kaspar bei der Treue, die sie sich doch gelobt und die sie unter allen, auch den schwersten Umständen einander halten wollten, ihr wenigstens auf dem Bahnhof, in Gegenwart der Tante Geheimrat, Lebewohl zu sagen. Das sei nichts Unehrliches, das sei er ihr vielmehr schuldig.