Part 17
Kaspar ließ zurück melden: Er werde da sein.
Und so nahmen sie Abschied. Noch einmal beschwor Carina den Verlobten: er möge ihr nur treu bleiben; sie werde nie, nie von ihm lassen.
»Und wenn Papa mich ins Gefängnis würfe, ich bräche aus oder wartete auf dich, bis er nicht mehr lebte!« Das waren die letzten Worte, die Kaspar von Carina hörte, sie hallten fast schaurig in seiner pietätvollen Seele wieder.
Was mußte das für eine gewaltige Leidenschaft sein, die in diesem kleinen tapferen Mädchen loderte, wenn sie selbst dem Tode des Vaters so trotzig entgegen sah.
Und neues Vertrauen auf die Kraft solcher Liebe senkte sich in Kaspars zerrissenes Gemüt; er faßte wieder Hoffnung.
Warten wollte er ja gern, so gern -- nur nicht verzichten müssen für immer!
Kaspars Liebe ward stark in Geduld. Briefe über Briefe kamen von Carina, nicht mehr ganz so zuversichtlich betreffs der väterlichen Einwilligung, auch nicht mehr ganz so trotzig in bezug auf deren Verzicht; aber noch immer voll der heißesten Leidenschaft, überströmend von zärtlicher Neigung zu dem »einzig geliebten Herzensschatz«, der auf ihre Treue »bauen könne wie auf Granitgrund«.
Dann flossen die Briefe spärlicher und wurden auch kürzer.
Entschuldigungen traten an Stelle der Beteuerungen; kühle Vernunft trat an die Stelle des warmen Gefühls, statt Trost spendete die Schreiberin Gründe und schließlich Ausflüchte.
Da merkte Kaspar, daß es zu Ende ging mit der Kraft der kleinen Carina; auch sie erlag wohl der Übermacht der Gewohnheit, der nur Helden gewachsen sind.
Nun packte Kaspar die Angst wie mit Eisenfäusten, schüttelte ihn und jagte ihn empor.
War es nicht feige, das arme, schwache Mädchen allein den schweren Kampf um die Zukunft ihrer Liebe führen zu lassen? Aber waren ihm denn nicht die Hände gebunden? Erlaubte es denn sein Stolz, um etwas zu betteln, dessen man ihn nicht für würdig hielt? Konnte er mit ungeschickten, wenn auch gut gemeinten Schritten nicht Carina nur Unannehmlichkeiten bereiten und alles verderben?
Gewiß, es sprachen mancherlei schwerwiegende Gründe gegen eine persönliche Einmischung. Aber wenn er sich nicht selbst einsetzte, ging auch alles fehl, das fühlte er unwillkürlich. Nein, jetzt mußte er handeln, er mußte der ermatteten Braut zu Hilfe kommen, falls Hilfe noch möglich war. Und so ging er schweren Herzens doch wieder zu Ewalds, ließ sich raten, schrieb einen dringenden Brief an Volpelius und reiste schließlich selbst in die nordische Provinzialhauptstadt.
* * * * *
Auf Grund der Empfehlungsbriefe empfing Herr Regierungspräsident Mutzer, ein strengblickender, scheinbar wortkarger Mann, Kaspar, maß ihn fast drohend von Kopf bis zu Fuße mit den Augen, ehe er ihn mit einer gebieterischen Geste zum Sofaplatze wies, und dann verging noch eine geraume Weile, bis er zu reden begann:
»Wenn ich Sie heute hier empfange, Herr Krumbholtz, so geschieht das einmal, weil Sie sich in der leidigen Angelegenheit bisher taktvoll benommen haben, und zweitens, weil ich hoffe, durch eine persönliche Aussprache mit Ihnen das endlich zu erreichen, was ich bei meiner Tochter noch nicht ganz erreichen konnte, nämlich eine Aufhebung des Verhältnisses, ein Verlöbnis kann ich es nicht nennen.«
»Um von vornherein keine Unklarheit walten zu lassen,« erwiderte Kaspar gemessen, »so gestehe ich schon jetzt, daß ich gerade mit der Bitte an Sie herantreten möchte, daß Sie uns endlich Ihre Einwilligung geben möchten. Ich habe auf Ihren Wunsch seinerzeit Carina mein Wort zurückgeben wollen, sie hat es nicht gewünscht, und so halte ich mich für gebunden, halte mich auch für verpflichtet, alles zu tun, was unserer Verbindung förderlich sein kann. Der Weg zu Ihnen, Herr Präsident, der Sie für gut befanden, mich durch die Form Ihres Schreibens so tief zu verletzen, ist mir schwer genug geworden. Ich habe meinen Stolz so gut wie Sie, aber ich habe nicht in erster Linie an mich zu denken, sondern an das Glück Ihrer Tochter, dem ich meinen Stolz opfern muß.«
»Ich stehe nicht an zu bemerken, Herr Krumbholtz, daß ich mich in der ersten Empörung und in der völligen Unkenntnis Ihrer Persönlichkeit vergriffen habe, und ich bedaure das. Das ändert aber nichts an meiner Meinung, daß ich eine Verbindung zwischen meiner Tochter und Ihnen, der Sie doch einem völlig andern Gesellschaftskreise angehören, nicht wünsche. Überdies -- wie wollen Sie die Kosten für einen standesgemäßen Haushalt aufbringen?«
»Sie vergessen, Herr Präsident, daß Carina, sobald sie meine Frau wird, in meinen Stand übertritt, und daß in meinen Kreisen gar manch eine Familie mit den bescheidenen Mitteln, die mir zu Gebote stehn, glücklich und gesund lebt. Mehr wünsche ich nicht, mehr wird Carina, wenn sie mich wirklich lieb hat, auch nicht wünschen.«
»Sie scheinen das sehr genau zu wissen, Herr Krumbholtz. Sie gestatten, daß ich daran zweifle bei aller Hochachtung vor Ihrer Lebenskenntnis und Ihrer Energie. Eine Frau, die durch ihre Ehe ökonomisch wie sozial herabsteigen muß, fühlt sich auf die Dauer nie glücklich, glauben Sie mir das!«
»Es mag sein, daß dies für den Durchschnitt gilt, Herr Präsident. Ihr Fräulein Tochter ist aber keine Durchschnittsnatur, und sie wird sich in das Äußere sicherlich leicht finden. Außerdem ist es ja nicht gesagt, daß ich mein Lebenlang städtischer Oberlehrer bleiben werde.«
»Ah, ich verstehe, Sie spielen auf das an, was auch Herr Geheimrat Volpelius mir schon schrieb. Das steht aber wohl noch in weitem Felde. Wenn Sie daran denken, sich zu verändern, dann -- wüßte ich auch einen andern Ausweg, der uns schließlich wohl alle drei befriedigen könnte.«
»Und der wäre, Herr Präsident?«
»Sie sollen schon einmal umgesattelt sein, wie ich hörte. Wie wäre es, Herr Krumbholtz, wenn Sies noch einmal riskierten? Sie haben viel studiert, auch auf allerlei Nachbargebieten der Jurisprudenz, die Semester würden Ihnen ja angerechnet, und all das kann Ihnen später noch gute Dienste leisten. Werden Sie Jurist, in zwei, drei Semestern können Sie mit Hilfe eines guten Repetitors Referendar sein, und ich verspreche Ihnen, an dem Tage nach Ihrem glücklich bestandenen Examen gebe ich meine Einwilligung zu Ihrer öffentlichen Verlobung mit meiner Tochter. Für das weitere lassen Sie mich sorgen. Wenn Sie einigermaßen fleißig und brauchbar sind, und ich darf das nach Ihrem bisherigen Lebenslauf annehmen, sollen Sie in dem neuen Beruf mehr erreichen als in dem alten. -- Nun bitte -- wie denken Sie darüber? Vielleicht brauchen Sie Zeit, sich die Sache in Ruhe zu überlegen?«
»Nein, Herr Präsident. Es steht mir völlig klar vor der Seele, daß ich diesen Weg nicht gehen kann, so sehr ich Ihnen für Ihr Entgegenkommen danken möchte. Damit Sie mich nicht falsch verstehen, muß ich das näher begründen. Ich bin zu meinem Beruf, den ich liebe, an dem ich mit allen Fasern meiner Seele hänge, und mit dem ich innerlich verwachsen bin, nicht durch Not oder Klugheitsrücksichten gekommen, sondern durch den Drang meines Herzens, durch meine ganze Lebensentwickelung. Ich bin gleichsam hineingeboren in den Erzieherberuf und gehöre ihm mit Leib und Seele, auch wenn ich mir oft genug ausspreche, daß ich ihn, so wie ich ihn auszuüben wünschte, an der Stelle, wo ich jetzt stehe, nicht ausüben darf. Doch das kann sich mit der Zeit schon ändern.«
»Also gut, Herr Krumbholtz, dann schlagen Sie doch wenigstens die akademische Karriere ein, etwa als Pädagoge, oder lassen Sie mich dafür sorgen, daß Sie später als Jurist mit Erziehungsangelegenheiten beschäftigt werden.«
»Nein, Herr Präsident, keines von beiden. Ich will bleiben, was ich bin, weil ich es werden ~mußte~. Aus Ihren sicherlich gutgemeinten Vorschlägen sehe ich nur allzu klar, daß Ihnen mein Stand gesellschaftlich nicht genügt für den Mann Ihrer Tochter. Und gerade das verletzt mich bis ins Innerste; denn ich liebe diesen Stand und halte ihn für den wichtigsten für die Entwickelung unseres Volkes. Als akademischer Lehrer wäre ich nach meiner ganzen Veranlagung und Begabung nicht am Platze und wäre in meinen Augen um kein Haar mehr, so wenig wie als Jurist, zu dem ich erst recht nicht passe. Ein Kaufmann mag wohl einmal seine Branche wechseln, um in ein Geschäft einzuheiraten und so zur Selbständigkeit zu gelangen, obwohl mir auch das nicht gefällt. Aber ein überzeugter Erzieher, der sich um äußerer Vorteile willen oder selbst aus Liebe zu einem Weibe verleiten ließe, seinen Beruf aufzugeben und einem aussichtsreicheren sich zuzuwenden, würde mir als ein ehrloser Deserteur erscheinen, im besten Falle als ein Schwächling, doch nie als ein Mann, zu dem ein Weib in Achtung und Liebe emporsehen könnte. Ihr Fräulein Tochter wußte, wer ich war, als sie mich kennen lernte, sie hat dem armen Schulmeister ihre Neigung geschenkt und sich damals nicht an seinem Berufe gestoßen. Ich würde ihr nie wieder offen und stolz ins Antlitz schauen können, wenn ich mich plötzlich meines Standes schämen würde, nur weil er Ihnen nicht vornehm genug erscheint. Verlangen Sie von mir, was Sie verlangen dürfen, aber nicht das Verzichten auf meine Überzeugung, auf meine Selbstachtung und mein ganzes inneres Sein.«
Mit kaum verhaltener Erregung hatte Kaspar Krumbholtz gesprochen, und mit gespanntester Aufmerksamkeit hatte der Präsident ihm zugehört; aber mit jedem Worte, das dieser hörte, ward ihm klarer, daß er mit dem Manne da vor ihm schwerlich je zusammenkommen würde. Er hielt das alles für Schulmeisterhochmut, und sein Gegenüber sah ihm ganz so aus, als ob er ihn ebenso des Juristenhochmuts zeihen würde, wenn er ihm weiter zuredete. Eine Brücke ließ sich nicht schlagen, also lieber ein Ende! Mit eisiger Kälte erklärte Herr Mutzer:
»Da ich annehmen muß, daß Sie nicht in der Lage sind, meiner Tochter zuliebe das Opfer zu bringen, das ich als Vater für ihre Zukunft und ihre gesellschaftliche Stellung verlangen muß, darf ich Sie wohl bitten, nunmehr jede Beziehung zu Carina abzubrechen.«
»Ich bedaure,« antwortete Kaspar festen Tones, »diesem Ihrem Wunsche vor der Hand nicht Folge leisten zu können. So lange Ihr Fräulein Tochter mich nicht meines gegebenen Wortes entbindet, werde ich tun, was mir meine Liebe und mein Gewissen gebietet, das heißt, alles daran setzen, um sie zu erringen, vor allem meine Existenz so zu festigen oder zu verbessern, daß Ihr Fräulein Tochter ohne Sorgen an meiner Seite leben kann. Ist das erreicht, werde ich Carina bitten, die Meine zu werden.«
»Mein Herr, tun Sie, was Sie verantworten können, ich werde das Meine tun, und zwar rasch. Noch heute werde ich meine Tochter vor die entscheidende Frage stellen. Sie hat zwischen Ihnen und mir zu wählen.«
»Dann bitte ich nur um die Erlaubnis, vorher noch einmal mit Carina reden zu dürfen. Ich habe, wie Sie wissen, Herr Präsident, mich bisher zurückgehalten, ihr auch nicht geschrieben, gestatten Sie mir nun wenigstens eine kurze offene Aussprache in Ihrem Hause.«
»Es tut mir leid,« erwiderte der Präsident hart, »Ihnen diesen Wunsch nicht gewähren zu können, da ich meinem überdies schon abgehärmten Kinde diese Aufregung ersparen möchte. Wollen Sie ihr schriftlich noch einmal alles klar auseinandersetzen, so bitte tun Sie das in aller Ruhe hier nebenan in meinem Schreibzimmer. Geben Sie mir nachher den Brief, und ich verspreche, ihn meiner Tochter sofort zu übergeben. Sie mag dann alles ruhig durchdenken, ehe sie ihre schwere Entscheidung trifft. Erlassen kann ich sie ihr nach alledem nicht mehr. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich bitte -- hier herein. Tinte, Feder und Papier finden Sie.«
Mit totwundem Herzen begann Kaspar Krumbholtz seinen Brief an Carina.
Er schrieb ihn klar und freundlich, aber ohne rechte Hoffnung, denn nur von Angesicht zu Angesicht hätte er noch einen Sieg für möglich gehalten.
So stand er schließlich wieder auf und ging noch einmal zu dem Präsidenten und bat ihn abermals, ihm doch wenigstens vielleicht im Beisein der Tante eine Unterredung mit Carina zu gewähren.
»Wir kämpfen mit zu ungleichen Waffen,« schloß Kaspar mit bebender Stimme, »wie jetzt die Verhältnisse liegen, wird mein Einfluß, vollends durch das geschriebene Wort gegen das gesprochene des geliebten und gebietenden Vaters, nicht aufkommen können! Lassen Sie mich zu ihr reden, Herr Präsident, nur das eine Mal; es handelt sich um das Glück meines Lebens!«
»Um das meine wohl nicht minder, Herr Krumbholtz! Und wenn Sie von einem Kampfe reden, so wäre ich doch ein Tor, Ihnen die Chancen, mich zu überwinden, zu erleichtern. Ich habe soeben Gelegenheit gehabt, Ihre zähe Energie zu prüfen, und ich fürchte den erneuten Einfluß Ihrer wohl nicht ungefährlichen Persönlichkeit auf meine Tochter. Also ich bedaure nochmals --«
»Herr Präsident,« flammte nun Kaspar empor, »zwingen Sie mich, bitte, nicht, Wege einzuschlagen, die mir unsympathisch und nur durch die äußerste Not zu rechtfertigen wären.«
Ärgerlich griff der Präsident nach der Glocke, läutete dem Diener und ließ Fräulein Carina zu sich bitten.
Dann ging er stampfend wie ein gereizter Stier auf und ab und polterte heraus: »Sie sind wirklich ein Eisenkopf, Herr Krumbholtz.«
Ruhig erwiderte Kaspar: »Wenn ich nicht alles daran setzte, das Mädchen, das ich liebe, zu gewinnen, wäre ich kein Mann, und Sie wären sicher der erste, der mich verachten dürfte. Würden Sie in meiner Lage anders handeln, Herr Präsident?«
»Sie wollen aber mit dem Kopf durch die Wand, junger Mann. Doch meinetwegen, ich bin meines Kindes sicher. Also sagen Sie Carina nebenan, was Sie für gut halten. Dann werde ich die Kabinettsfrage stellen. Vorher gebe ich Ihnen jedoch nochmals anheim, meinen Vorschlag von vorhin in Erwägung zu ziehen. Auch mir liegt daran, ohne Tragik auszukommen. Sie scheinen ein Mann von Mut und Ausdauer zu sein, ich würde mich freuen, Ihnen nach Erfüllung der gestellten Bedingung die Wege zu ebnen.«
Stumm und traurig schüttelte Kaspar den Kopf und ging langsam in das Nebengemach.
Bald darauf erschien Carina. Mit ruhigem Ernst empfing sie der Präsident und sagte:
»Liebes Kind, ich sehe mich leider genötigt, dir schon heute die Entscheidung nahezulegen, von der wir gelegentlich sprachen. Herr Krumbholtz wünscht noch einmal mit dir zu reden, ehe ich dich bitte, zwischen ihm und mir zu wählen. Die Gegensätze haben sich so zugespitzt, daß eine Vermittlung, wie ich sie noch eben anzubahnen versuchte, ausgeschlossen ist.«
Erschrocken und zögernden Schrittes trat Carina vor den Geliebten.
Matt war ihr Händedruck, dann sagte sie leise: »Ich danke dir, Kaspar, daß du gekommen bist, aber folgen kann ich dir nicht, ich kann nicht von Papa fort. Er hat niemand außer mir, und ich hänge viel, viel mehr an ihm, als ich dachte. Dergleichen merkt man immer erst, wenn man mit dem Gedanken umgeht, sich zu trennen.«
»Carina,« entgegnete Kaspar weich, »hast du vergessen, was du mir zum Abschied in Leipzig auf dem Bahnhof zuriefst? Soll ich weiter auf dich warten, ich will es tun. Viel zu gern! Nur laß mich hoffen. Vielleicht wird dein Vater doch mit der Zeit anderer Meinung. Ich will unterdes redlich versuchen vorwärts zu kommen.«
»Laß es gut sein, Kaspar, es hilft doch nichts. Ich habe mir damals in Leipzig alles anders und leichter gedacht. Ich habe dich wohl noch immer so lieb wie ehmals, aber der Mut ist mir gebrochen. Man grübelt und ringt nicht umsonst wochenlang mit seiner Umgebung, mit seinen liebsten Angehörigen. Ich müßte an deiner Seite nicht nur in eine neue, mir fremde und nicht sonderlich verlockende Welt, ich müßte -- ich weiß es jetzt -- in die völlige Einsamkeit, beladen mit dem väterlichen Fluch -- und das geht über meine Kräfte. Ich würde bald zusammenbrechen und dir kein Glück bereiten, nur eine Last sein.«
»Zwei Menschen, die sich selbst genug sind, können nie einsam sein.«
»Doch -- ich wäre es -- ich bin anders als du, bin nicht so trotzig, unabhängig und genügsam wie du.«
»Du wirst es an meiner Seite bald werden, Carina. Und ich hoffe, mit der Zeit wird auch dein Vater ein Einsehn haben.«
»Vater -- nie. Da kenn ich ihn besser. Er ist seelensgut, aber er geht, wie viele seines Standes, allzu sehr im Äußern, im Formalen auf. Und ich bin vielleicht auch darin ein wenig seine Tochter. Ich würde mich wohl in dein Wesen, aber schwerlich in deine Ziele, niemals in deine Gesellschaftskreise finden können.«
»Die brauchen wir nicht, Carina, --«
»Doch -- du vielleicht nicht, aber eine Frau braucht dergleichen.«
»Aber nicht eine Frau wie du, Carina.«
Müde lächelte die kleine Mutzerin, dann sagte sie resigniert: »Du hast eine zu hohe Meinung von mir, Kaspar, wie ich sie selber auch von mir hatte; aber ich bin leider keine Heldin, ich bin doch nur ein armselig schwaches Weib, das zu einem Kämpfer, wie du es wohl bist, gar nicht passen würde.«
»Carina, sage das nicht. Gerade du bist die beste Ergänzung für mein Wesen, Carina, laß mich nicht im Stich, du weißt nicht, was du mir bedeutest!«
»Ich weiß es vielleicht -- und dennoch, Kaspar -- wenn ich heute eine Entscheidung treffen muß, und mein Vater fordert sie -- dann muß ich mein Wort zurücknehmen und dir Lebewohl sagen. Denke nicht zu hart von mir, Kaspar, verlier nicht den Glauben an unser Geschlecht, weil eine davon deiner nicht wert war. Vergiß mich, aber verachte mich nicht! Küsse mich noch einmal zum Abschied -- es lindert meine Qual -- Komm, hab Mitleid mit mir --«
»Carina!« schrie Kaspar leise auf, »das soll das Ende sein -- also leb wohl!«
Hart stieß Kaspar Krumbholtz die dargebotene Hand zurück, verbeugte sich kaum merklich und verließ eilends das Zimmer, in dem Carina schluchzend auf ihres Vaters Schreibstuhl niedersank.
Mit einem tonlosen »Sie haben gesiegt, Herr Präsident!« grüßte Kaspar den stumm sich verneigenden Herrn Mutzer und ging trotzig davon.
* * * * *
Je wilder der Sturm gewesen war, der zunächst in Kaspars Seele gewütet hatte, um so tiefer war nun die Niedergeschlagenheit, die sich seiner bemächtigte.
Verbitterung, Pessimismus, Menschenverachtung, Mutlosigkeit, ja Verzweiflung an sich und seiner Zukunft -- alles kam mit einem Male über ihn und nagte an seiner Seele, deren Widerstandskraft eine Zeitlang wie gebrochen erschien. Nicht einmal zu hassen vermochte er mehr, nur Mitleid regte sich bisweilen. Was hatte Carina viel anders getan als er bei Ursemi? Sie hatte dem inneren Muß gehorcht wie er.
Gleichgültigkeit kam über Kaspar. Die Arbeit an seinen Schülern, die ihm sonst über alles ging, wollte ihm nicht mehr viel bedeuten, wollte ihm auch nicht mehr recht glücken, da Lust und Liebe fehlten.
Tagtäglich nannte sich Kaspar einen haltlosen, erbärmlichen Schwächling, verhöhnte sich und lachte sich aus, rief den lieben, alten Trotz zu seiner Unterstützung herbei und sprach sich immer wieder aus: Warum sich so werfen lassen? Ist sies denn wert? Zeige wenigstens dem hochmütigen Präsidenten erst recht, was du kannst! Doch immer wieder kam die Antwort aus seinem Innern: Wozu das alles? Für wen mühst du dich ab? Laß alles gehen, wie es geht!
Die alte Spannkraft der Seele schien völlig geschwunden zu sein.
Sogar der stille, zuversichtliche Glaube an die allwaltende Liebe Gottes und das nach und nach wieder sicher gewordene Vertrauen in seine unergründlich weise Führung wankten von neuem bedenklich in Kaspar Krumbholtz. Er wußte, daß es unendlich kleinlich und töricht war, seine Anschauung über Gott, Welt und Menschenbestimmung abhängig zu machen von trüben persönlichen Erfahrungen und sicherlich vorübergehenden Eindrücken, und dennoch konnte er sich zurzeit auf einen höheren Standpunkt nicht erheben.
Es gab einmal keine absolute Gotteserkenntnis für uns jammervoll beschränkte Menschen; es gab wohl nur ein Spiegelbild des Höchsten in unseren Seelen, und dessen Deutlichkeit und Färbung mußten mit unsern Stimmungen wechseln.
Und doch -- wozu gab es das Leid, wenn es nicht den Boden des Herzens pflügend aufreißen sollte, um ihn von neuem und immer fruchtbarer zu machen für den Samen des Unvergänglichen? Wozu gab es den doch unausrottbaren Drang zum Erkennen, zum Schaffen und Wagen, zum Fortschreiten und zur Freude an jedem Gelingen in unserer Brust, wenn er nach bitteren Enttäuschungen nicht um so kräftiger hervorbrach wie die Triebkraft eines gekappten Strauchs, der nach Überwindung der schweren Saftstockung aus vermehrtem Wurzelvermögen zu wirtschaften vermag.
Sollte nicht gerade diese letzte, schwerste Erfahrung ihn loslösen von dem zu billigen Genuß eines Durchschnittlebens, um ihn für seinen eigentlichen, vielleicht ungewöhnlichen Daseinszweck um so unabhängiger, um so geschickter zu machen?
Und Kaspar sann und sann unaufhörlich und konnte sich lang nicht zurechtsinnen.
Erst nach einem stillen unablässigen Versenken in die ruhige Selbstverständlichkeit und zugleich Unergründlichkeit der großen Natur und ihrer Gesetze, erst im wohltuenden Frieden einer fast ungetrübten Einsamkeit begannen Kaspars tiefe Wunden nach und nach sich zu schließen und zu vernarben.
Die Lust zum Gestalten erwachte plötzlich wieder, bald auch die Freude an der Entwicklung der ihm anvertrauten Jugend. Und ein neues Verantwortungsgefühl war dann die erste Spur eines verfeinerten Selbst- und Pflichtbewußtseins, das in seinem scheinbar so verödeten Innern langsam erstand.
Und nun merkte Kaspar deutlich und immer deutlicher, daß die schwere Niederlage ihn seltsam verwandelt hatte.
Er blickte tiefer und verständnisvoller in Seelen und Zusammenhänge.
Vor allem betrachtete er seine Kollegen mit anderen Augen, er sah sie und ihre Menschlichkeiten in milderem Lichte, und doch sehnte er sich aus ihrem Kreise fort.
Er dürstete nach neuen Anregungen, aber er fand sie nicht. Sein bisheriges Leben dünkte ihm schal und oberflächlich, er glaubte geträumt, aber nicht mit vollem Bewußtsein gelebt zu haben.
Neue, tiefere Bedürfnisse waren in ihm wachgeworden und verlangten nach Befriedigung.
Nur an der Tafelrunde der Moraven fand er noch immer jenes stille Behagen, das eine harmonische Gesellschaft gleichgestimmter Seelen erzeugt. Gottfried Kämpfer fiel Kaspars Veränderung freilich auf; er neckte ihn wohl erst, nannte ihn »einen Peter Schlemihl, der keinen Schatten werfen könne, da er selbst nur Schatten sei«. Dann aber schaute er tiefer und wußte nicht nur scharf zu sehen und zu treffen, er wußte auch wacker zu trösten.
Kämpfer nahm den Freund nach einer guten Sitzung nachts mit auf einen schönen Mondscheinspaziergang, ließ sich Kaspars Herzeleid beichten und erzählte ihm von seinem großen Weh: Wie er vor Jahren sein schönes junges Weib und ein zartes Kindchen bald nacheinander hergeben mußte; wie er darüber seinen Gott abermals verlor in dem rasenden Sturm seiner bittersten Verzweiflung und dann vergeblich Betäubung suchte auf weiten Reisen, ja zuletzt eine mitleidige Kugel auf dem Kriegsschauplatz Südafrikas.