Part 18
»Aber sie schossen in Wahrheit längst nicht so gut,« schloß Gottfried Kämpfer seinen düsteren Bericht, »wie in den Zeitungen, diese dreimal vermaledeiten Buren! Sie haben mich nur um meinen letzten Funken idealer Selbsttäuschung gebracht, diese Hallunken! Sie hatten mich angelogen wie das Leben. Und so dachte ich schließlich: lüge du auch, die Wahrheit macht sich nun einmal so sehr schlecht bezahlt auf dieser Welt; es gibt niemand freiwillig einen Dreier dafür. Und so ließ ich den bösen Buren ihren großen Heldenruhm ungeschmälert, gab aber gerechterweise den lieben englischen Tommies auch ihr Teil und dem guten deutschen Publikum erst recht! So log ich mich langsam ins Leben zurück und kam schließlich wieder glücklich bei meiner Zeitung und in meinem alten Traumparadies an und pflegte den wunden Helden, mein törichtes Herz, mit Ach und Krach wieder leidlich gesund. Auch den so schnöde von mir zertrümmerten Herrgott log und leimte ich mir nach und nach wieder zusammen; er sieht ja noch ein bißchen geflickt aus, aber er hält doch und sitzt ganz stattlich wieder auf seinem Throne, als habe sich nichts verändert. Es hatte sich auch gar nichts verändert, weder die Welt, noch der Herrgott -- nur mir war die Brille ein bißchen blind geworden. Das gab sich aber, als es nicht mehr so kalt war um mich her. So, mein lieber Prinz mit der heimlichen Krone und dem allzu heißen Herzen unterm Mantel, hm, die Moral von der Geschicht -- ein bißchen Kälte schadet nicht.«
Kaspar lächelte gerührt und sagte bewundernd: »Ja, wer deinen Humor hätte, Kämpfer!«
Gottfried Kämpfer erwiderte schmunzelnd: »Warts nur ab, lieber Junge, vielleicht wächst dir diese seltne Rebe auch noch. Sie liebt, damit dus weißt, vulkanischen Boden wie die Lacrima Christi, je mehr Herrlichkeiten unter der dunklen Lava liegen, um so üppiger sprießt sie, um so feiner wird ihre Blume!«
Siebentes Kapitel
Silvester
Nach reiflicher Überlegung hatte sich Kaspar Krumbholtz entschlossen, den Antrag des Kuratoriums nunmehr doch anzunehmen, zumal auch Ursemi ihm keine Ruhe ließ und ihn immer dringender bat, sie doch einmal zu besuchen.
Harry habe ihr soeben, schrieb sie, ein geräumiges Palais gebaut, New-Reda genannt, hoch über San Franzisko, auf dessen wundervolle Bai vom goldenen Tor sie nun tagtäglich herabschauen könne. Selten sei auf der lieben Gotteserde so viel Schönheit verschwenderisch zusammengehäuft worden wie in diesem sonnenheiteren, freilich ein wenig wackligen Kalifornien, und doch könne sie die ernsten, nebligen Waldberge Schlesiens darüber niemals vergessen. Kaspar müsse zu ihr kommen und sie vom Heimweh kurieren, dafür wolle sie ihm auch klar machen, daß ein alter Junggeselle gar nichts von Kindern verstehen könne.
Kaspar lachte -- nach langer, banger Zeit -- endlich einmal wieder aus vollem Halse und fröhlichem Herzen. Dann ging er voll innerer Gewißheit und Klarheit zu seinem Direktor, um ihm zu kündigen.
Der sprach einige schöne bedauernde Worte, die auf Kaspar jedoch weniger Eindruck machten, als vor Jahren der ehrliche Ärger des Tramberger »Chefs«.
Die Kollegen machten große Augen, als sie von Kaspars Austritt und seiner Begründung hörten, und fragten einander erstaunt, was dieser gewiß biedere, doch in seinen Fähigkeiten ziemlich begrenzte Kollege da drüben im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten wolle.
Kaspar verriet es ihnen nicht, er wußte es ja selbst noch nicht so recht. Er kam sich selber zur Genüge klein und unwert einer solchen unverdienten Auszeichnung vor; aber das Kuratorium war seinen utopischen Entwürfen so nahe getreten, daß es ihm schon eine ganze Reihe ergänzender Beobachtungen auferlegt und auch eine ziemlich exakte Marschroute für die bedeutendsten Erziehungsanstalten Nordamerikas vorgeschrieben hatte.
Kaspar ging mit gewohnter, zäher Gründlichkeit an die neue schwierige Aufgabe, in der er doch wieder einen höheren Wink zu erkennen glaubte.
Er studierte die nicht kleine, aber merkwürdig oberflächliche, meist nur nach dem äußeren Eindruck urteilende Literatur über Amerika, aus der jedoch drei bedeutsame und völlig verschiedene Urteilsindividualitäten hervorragten: ein künstlerisch empfindender Geograph, sein geliebter verstorbener Lehrer, ein still von ihm verehrter und auch schon betrauerter Lausitzer Poet und ein ihm noch unbekannter deutsch-jüdischer Philosoph, der allerdings nicht ganz die Objektivität der beiden andern aufwies, vielleicht weil er, wie so viele Deutsche, Amerika zu lieb gewonnen hatte.
Aus diesen drei deutschen und zwei sehr ergiebigen englischen Quellen schöpfte Kaspar seine beste Vorbereitung für die bevorstehende eigene Anschauung.
* * * * *
Nun galt es Abschied zu nehmen. Viel Liebes besaß Kaspar nicht im Vaterlande.
Die Enterbten der Moravenrunde gaben ihrem »heimlichen Prinzen« launig ihren Segen, und Gottfried Kämpfer hielt zu seinem Abschied eine warme, sinnige Scherzrede über den heilkräftigen Wert sogenannter Kolonialböden.
Er habe manche Nacht darauf gelegen und nach und nach herausbekommen, daß sie einen zauberisch würzigen Duft ausströmten, der besonders für alternde Gehirne, senile Willenspotenzen und verkalkende Arterien ausgezeichnete Dienste tue. Kaspar solle sich also öfters, namentlich im jungfräulichen wilden Westen, auf den Boden legen, aber ja nicht auf den Bauch, sondern hübsch mit der Nase gen Himmel, sonst verlöre der beste Pionier die Orientierung.
Mit drei Hurras für »Seine Königliche Hoheit, den Prinzen Schlemihl von Utopien, zurzeit Ehrenritter des goldenen Kalbes«, schloß der Journalist und überreichte Kaspar feierlich seinen kleinen Kompaß aus dem Burenkriege, damit er jederzeit wie der andächtig betende Moslem wisse, wo sein Mekka, wo »das liebe, närrische Land der solidesten Träumer« liege.
Dann fuhr Kaspar nach Reda zu der recht hinfälligen Mutter Winkler, die ihm, noch immer sorgend, allerlei Päckchen für die große Ursemi und die kleine Edith mit vielen Grüßen auf die Seele band.
Auch den +Dr.+ John Sebalt und seine Zwillingsbübchen sollte Kaspar von ihr grüßen, wenn er ihn irgendwo zu sehen bekäme.
Volpelius hatte eingehende Besprechungen mit Kaspar und weihte ihn völlig in die nun schon zu wichtigen Einzelheiten gediehenen Pläne des Kuratoriums ein.
Von Kaspars Berichten erwarte man vor allem Klärung in allerlei schwierigen Fragen für praktische Aufgaben, die eben in Amerika vielfach mit dem ganzen Mut traditionsloser Pioniere und dem Geschick lebenskluger Geschäftsleute gelöst seien.
Kaspar möge als unbefangener Erziehungssachverständiger nachprüfen, ob und wie weit dabei »der Geist, der sich die Formen schaffe«, zu seinem Rechte gekommen sei und was, ohne deutscher Eigenart zu schaden, als fruchtbare Anregung oder gar als Vorbild zu verwerten sei.
Die Mittel seien so weit beisammen, daß man demnächst mit den ersten Bauten der Winklerstiftung beginnen könne.
Dann händigte Volpelius seinem Schützling einen großen Stoß wichtiger Empfehlungsbriefe und einige Reisescheckbücher ein.
* * * * *
Von Reda reiste Kaspar nach Ingelbach zu seinem hoffnungslos dahinsiechenden Onkel Andreas, den Tante Renate mit selbstloser Hingabe pflegte.
Es war ein bewegtes Wiedersehen und -- wie Kaspar deutlich fühlte -- ein Abschied für immer.
Zum Skelett abgemagert, lag der ehrwürdige Onkel nun schon seit Monaten völlig hilflos auf seinem Schmerzenslager. Und doch kam keine Klage über die schmalen, blutleeren Lippen, im Gegenteil, er dankte seinem Herrn Jesus, der ihm Gelegenheit gebe, seinen Glauben an ihn auch im Leiden zu bewähren, und ihn damit zu preisen vor den Menschen.
Es war ein stiller, rührender Held, der so, leise und eindringlich, zu seinem Neffen sprach. Es war kein verzückter Märtyrer, kein überspannter Fanatiker, aus dem etwa unheimlich die Selbstqualfreude hervorloderte.
Kaspar fand zwar keinen Trost für das furchtbare Leiden des sterbenden Mannes, er blieb stumm vor Ergriffenheit; aber er nahm aus den abgezehrten Knochenhänden des Greises reichen Trost und Segen mit sich.
Das Bild Christi war in Kaspars Seele lang verschwunden; nun tauchte es, wie aus Morgennebel, schüchtern wieder empor, lieblich und rührend, väterlich milde und menschlich gütig wie in den Tagen seiner ersten Liebe zu ihm.
Um Dogmen und Forschungsergebnisse war es Kaspar schon längst nicht mehr zu tun; auch die theologische Auffassung der Person des Menschenerlösers war ihm, wenn nicht gleichgültig, so doch unwesentlich.
Nur eines stand ihm plötzlich wieder fest: Wenn Christi Leben und Sterben noch immer befreiend, verklärend, ja wunderkräftig auf so schlichte, reine und ernste Menschen wie Onkel Andreas wirken konnte, dann konnte seine göttliche Wirkung und Bestimmung, deren letzter Urgrund für uns Menschen vielleicht absichtlich Geheimnis bleiben sollte, noch längst nicht nachgelassen haben oder gar erschöpft sein.
Auch Kaspar wollte ruhig warten, was in seiner Seele nach und nach offenbar, oder vielleicht nur ~wieder offenbar~ werden wollte. Erzwingen ließ sich nichts, das hatte er zur Genüge erfahren.
Eines wußte er nun: Das innere wie äußere Erleben spiegelt uns unsern Gott. Und wie das Leben millionenfach verschieden ist, gleich der großen Natur und ihren Offenbarungen, so auch der Spiegel des göttlichen Wesens in den Seelen der Menschen. Je bewegter die Seelen sind, um so unklarer wird dieses Bild; darum gilt es ruhig zu werden, um seine erhebende Schönheit rein und andächtig zu genießen, ruhig wie die Kinder, die redlichsten Diener Gottes.
* * * * *
Es war Silvester, und wie in seinen Jugendjahren ging Kaspar Krumbholtz mit ernster Fassung in den weihevollen Mitternachtsgottesdienst der Neujahrsnacht, nachdem er Onkel und Tante nach alter Brüdergemeinsitte einen gesegneten Übertritt in das neue Jahr gewünscht hatte.
Rundum warmes, schweigendes Düster, nur hie und da spärlich erhellt von weichem, bläulich verschleiertem Laternenschimmer. Feuchter Nebeldunst war beim Atmen zu spüren, unsicher tastete der Fuß über das schmutzig-schlüpfrige Pflaster.
Etwas Erwartungsvolles, unheimlich Kreißendes lag über der im Dunkel versunkenen Landschaft wie vom Brauen und Weben einer fruchtbaren Vorfrühlingsnacht.
Das alte, brave Glöcklein rief mit seinem heiseren, dünnen Stimmchen vom gespenstischen Dachreitertürmchen herab die Andächtigen aus Ingelbach und Umgegend zum großen Kirchensaal, vor dessen Türen die Bläser mit vollen Backen und unter einigen redlichen Schweißtropfen einen schwierigen, nur für diese Gelegenheit üblichen Choral bliesen.
Im schlichten, weißen Saal standen noch die hohen, duftenden Christtannen im Schmuck ihrer letzten Lichter, und rings von den Wänden und den Brüstungen der Emporen herab grüßten feierlich Lichtlein um Lichtlein.
Der feinfühlige Organist intonierte stimmungsvoll ein zartes, wehmütiges Vorspiel, das wie ein müdes Scheidelied an das alte Jahr klang, während sich Kaspar hinten unters Chor in einen stillen Winkel schlich, wo er mit sich und seinen Stimmungen und Gedanken allein war.
Der Liturg schritt gemessen hinter den dunkelgrünen Tuchaltar, auf dem eine mächtige Bibel lag, und blickte gebietend zur Orgel hinauf.
Der Chor sang mit wundervoller Harmonie sein »Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr,« und dann brauste mächtig und doch getragen das Lied der ergriffenen, dichtgedrängten Gemeine durch das festliche Haus: »O Ewigkeit, du Donnerwort!«
In ernster Rede sprach der Geistliche über die schönsten Worte des 90. Psalms, und alles lauschte mit Aufmerksamkeit.
Nur Kaspar saß wie träumend und ließ noch einmal an seiner Seele seine ganze bisherige Entwickelung vorüber ziehen.
Als Kind hatte er in der ersten Neujahrsnachtfeier, die ihn schon damals innig bewegte, gelobt: ein redlicher Diener Gottes zu werden wie sein Vater, der den Heldentod auf dem Felde von Gottes Ehre gefunden hatte.
Als junger Student hatte er wieder in einer solchen Nacht davon geschwärmt: was müsse es doch für ein unsagbares Glück und stolzer Auftrag sein, in so weihevoller Stunde als gottverordneter Diener am Wort einer sündigen Menschheit ein drohend donnerndes »Besinne dich« zuzurufen und damit auch die schlaffsten, gleichgültigsten Seelen wachzurufen und aufzurütteln. Und dann?
Dann gingen die paar Menschlein unter den Milliarden hinaus mit jenen guten Vorsätzen, mit denen die Macht der Finsternis die schönen, bequemen Wege zu ihrer Hochburg gepflastert hatte.
War dieser Beruf der Festtagerschütterer und Sonntagtröster wirklich der höchste der menschlichen?
Nein, auch er war nur einer unter vielen, nicht besser und nicht schlechter als andere -- nur gefährlicher! Denn jeder Diener der Majestät neigt dazu, sich selber ein Stück derselben zuzuschreiben. Die Geschichte der Kirche lehrte es zur Genüge durch die Jahrhunderte.
Der Weltenschöpfer hatte sicherlich an jedem redlichen Schaffen seine Freude, ob es für Ihn, für den Schaffenden selbst oder für andere war, ob produktiv oder reproduktiv, ob fürs Ideale oder ums liebe Brot -- galt Ihm, dem über all das Erhabenen, wohl gleich.
Er stand ja auch nicht still; Er hatte gar viele Mühlen im Gange, die für Ihn mahlten; und die leisesten und verborgensten waren Ihm vielleicht die liebsten, sicherlich die wichtigsten.
Kaspar wollte sorgen, daß seine Mühle nicht stille stand.
Da brach mit jubelnden Fanfaren das neue Jahr herein -- schnitt rücksichtslos dem Geistlichen die letzten Worte ab, obwohl er sie nach der Uhr genau abzuzirkeln versucht hatte. Da läutete das Glöcklein droben Sturm, denn der Küsterbruder zerrte es gar wild und grimmig. Da sangen die Männer, Weiber und Kinder ringsum frohlockend: »Nun laßt uns gehn und treten mit Singen und mit Beten«, und dann beugten sie die Knie und beteten wirklich und tief erschüttert von der Wucht und den Schauern des großen Augenblicks: »Du ewiger Gott, heiliger, starker Gott!«
Auch Kaspar betete, aber er dankte nur still, daß ihn der Unerforschliche trotz aller Trübsal seines Lebens, trotz der niederschmetternden Enttäuschung auch dieses herben Jahres doch den richtigen Weg geführt habe, und daß er es endlich wieder verstehen gelernt habe.
Während die eben noch so Andächtigen sich mit jovialen, breiten Philistermienen die derben Alltagshände wacker schüttelten, die runden Handwerksschultern vertraulich klopften und sich laut »Prost Neujahr« zuschrien oder sich leise »ein gesegnetes neues Jahr« in die Ohren, Hauben und Kapuzen raunten, schritt Kaspar an dem kleinen, stillen Friedhof, auf dem gar manch ein Krumbholtz schlummerte, vorbei -- hinaus in die zukunftgebärende Nacht.
Von rückwärts verhallte der weiche Orgelklang und der grelle, harte Klang der Posaunen; vor ihm knallten einige frohe Schüsse übermütiger Dorflümmel; fern von unsichtbaren Dorftürmen bimmelten dumpfe und helle Glöcklein.
Wieder ein Jahr vorüber -- und das Leben schritt unaufhaltsam weiter von Generation zu Generation.
* * * * *
Als Kaspar nach einiger Zeit erfrischt und innerlich geklärt zu dem kleinen Hause seiner Verwandten zurückkehrte, fand er eine schluchzende alte Frau über einer noch warmen Leiche hilflos zusammengebrochen.
Onkel Andreas hatte unter den Klängen der Glocken und Posaunen sein Lebenswerk zu Ende gebracht. Lächelnd und friedlich lag er da wie ein glücklicher Sieger.
Kaspar richtete mit schonender Zärtlichkeit die arme Tante Renate auf, strich ihr über die verwirrten Strähnen ihres dünnen, silberweißen Haares und sagte liebreich tröstend:
»Weine, Tantchen, es erleichtert, aber klage nicht! Es kommt nichts um in Gottes Reich; auch dieser Mann hat nicht umsonst gelebt. Er hat mit seinem Leiden und Sterben die schönste Predigt seines Lebens gehalten. Halten wir uns an das Wort, das ihm so starken Trost gab: Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein!«
Da umarmte die wankende Greisin ihren aufrechten Neffen und stammelte: »Wenn du das wieder glauben kannst, mein Junge, dann ist auch er nicht umsonst gestorben.«
Achtes Kapitel
Die neue Welt
Wie die stumpfen Riesenzähne eines gierig weitgeöffneten Rachens bläkten die zahllosen Piers zu beiden Seiten des Hudson aus dem langsam verebbenden Nebelmeer.
In tausend Signalen tutete und schrillte, stöhnte und frohlockte ein scheinbar völlig wirrer Verkehr auf dem tagsüber schmählich geknechteten Fluß, der nur in schweigender Nacht, im Spiel der ruhigen Himmelslichter, seine stille Majestät und ursprüngliche Größe wiederfand.
Ein dumpfes Brausen, in dem Millionen Stimmen mitklangen, schwoll von all den Ufern ringsum, vor allem von der langen, schmalen Landzunge, auf der sich das schier endlose Neuyork dehnte und streckte.
Mit gefaßter Seele und bohrenden Blicken maß Kaspar Krumbholtz das seltsame Völkertor Nordamerikas, durch das schon so viele Millionen des sich immer noch überreichlich verjüngenden deutschen Volkes zu neuem Leben, zu Freiheit und rastlosem Schaffen gezogen waren.
Unheimlich drohend standen die Ungetüme von Wolkenkratzern da drüben in Reih und Glied, gleich einer Schar trotziger Garden. Auf ihren vergitterten Masken stand ein herrisches »Herein -- doch nicht zurück!«
Kaspar zuckte zusammen. Auch sein Geschlecht hatte diesem Moloch unter den Kontinenten wertvolle Opfer bringen müssen. Würde auch er dem verführerischen Zauber dieses lockenden jungfräulichen Bodens erliegen, der selbst einen so heimatstolzen und unabhängigen Mann wie den Grafen Harry Brosyn nach und nach überwältigt hatte und ihn nicht wieder los ließ? Vielleicht konnte ihm, dem Missionskind, dieser Zauber weniger anhaben, da er ja schon ein Kind dieses Erdteils war.
Zu langem Nachsinnen war Hoboken nicht der Ort und das Anlegen eines Hapagdampfers nicht die Gelegenheit. Der heiße Sturmatem des neuen Landes wehte dem Ankömmling bereits entgegen, ehe er es betrat.
In wenigen Minuten war man fest, war man an Land, war man in den tückischen Klauen schonungsloser Zollinquisitoren, der ersten großen Schande der stolzen Republik.
Noch manche andere und schlimmere sollte Kaspar offenbar werden bei seinem langsamen und zähen Prüfen, das sich von schimmernden Oberflächen und blendenden Äußerlichkeiten nicht bestechen ließ.
Aber was bedeuteten allerlei kleine Schönheitsfehler wohl für das große Ganze? Kinderkrankheiten für einen später vielleicht um so gesünderen Organismus!
Stieß Kaspar doch allüberall auf einen mutigen, lebensfrohen und zukunftsicheren Menschenschlag, der all diese herben Schäden wie Bestechlichkeit, Spekulationswut, Mammonsgeist, Prahlsucht, rücksichtslosen Egoismus, Roheit, sittliche wie religiöse Heuchelei, mehr oder weniger offen zugestand und des festen Glaubens lebte, mit der Zeit auch darüber ebenso hinweg zu kommen wie über seine künstlerische Unreife und Unselbständigkeit.
»Das ist alles nur provisorisch, das Eigentliche muß erst noch kommen«, so stand es überall auf den Gesichtern dieser nationalstolzen Bürger, dieser selbstbewußten Bürgerinnen zu lesen.
Ein starker, unbesieglicher Optimismus waltete wie ein unsichtbar schützender Genius über dem jungen, zuversichtlichen Volke.
* * * * *
Schon am nächsten Morgen begann Kaspar Krumbholtz die ihm aufgetragenen Studien, indem er der großzügigsten und wissenschaftlich am selbständigsten und kühnsten aufstrebenden Bildungsstätte Amerikas, der Columbia-Universität, einen Besuch abstattete.
Schon hier hatte Kaspar nach wenigen Stunden das Gefühl, daß er vor einer den deutschen staatlichen Hochschulen ebenbürtigen und doch privaten Schöpfung stehe; woraus er freudig, doch vorschnell schloß, seine gründlichen Landsleute würden daheim etwas Ähnliches schaffen können, sobald nur einmal genügende private Mittel zur Verfügung ständen. Er vergaß die Wucht der Tradition, den Zwang der historischen Entwickelung, die Schlaffheit seines Jahrhunderte lang übermäßig bevormundeten, bürokratisierten Volkes.
In den Geist und die Eigenart Columbias, dieser monumentalen amerikanischen Wissenschaftshochburg, einzudringen, dazu bedurfte es allerdings längeren Ein- und Mitlebens, und Kaspar, der sich für seine Reise das »+multum, non multa+« als Motto gewählt hatte, scheute diese Mühe auch nicht und sollte es nicht bereuen.
In einzigartiger gastlicher und kameradschaftlicher Weise kamen ihm Dozenten und Studenten entgegen, insonderheit die Herren vom deutschen Departement, mit denen Kaspar schließlich in freundschaftliche Beziehungen treten durfte.
Von Columbia führte ihn die Arbeit zum City College, das in märchenhafter Schloßherrlichkeit, frei und stolz, hoch über die Nordstadtteile Neuyorks emporragt.
Auch hier galt es länger zu verweilen und sich schließlich nur schweren Herzens loszureißen; denn noch harrten der Besichtigung allein in Neuyork eine ganze Reihe ähnlicher, freilich nicht mustergültigerer Bildungsanstalten, in denen eine merkwürdig gleichmäßige Jugend in kecker, ein wenig geräuschvoller Selbständigkeit, in ritterlicher Frauenverehrung, gesund an Leib und Seele, heranwuchs.
Dann ging es in die nähere und weitere Umgegend, in das vornehme Yale und Princeton, das altehrwürdige, ein bißchen sybaritisch erschlaffte und verzopfte Harward, das zurzeit auf seinen Lorbeeren eingeschlummert schien, in das gediegene Johns Hopkins, das solide Pennsylvania und das jugendfrische Cornell.
Auch die idyllisch angelegten, zum Teil schon von Natur paradiesisch ausgestatteten Mädchen-Colleges Vassar, Wellesley und Smith-College suchte Kaspar auf, nahm neue, reiche und tiefe Eindrücke und Anregungen in sich auf und verbrachte unvergeßliche Stunden mit edlen, freien, zielbewußten Frauen, um deren Gestalten bisweilen ein Hauch königlicher Würde schwebte.
Es war in der Tat eine neue Welt, die dem ehemaligen Lehrer der Tramberger Anstalt und der Leipziger Reformschule nach und nach aufging. Und doch ward er gerade hier oft an alte moravische Institutionen, zum Beispiel das Jahrgangssystem, die mehr oder weniger begrenzte Selbstverwaltung der Zöglinge und die intensive Körperausbildung, erinnert.
Unabsehbare Perspektiven eröffneten sich jedenfalls, frohe Zukunftshoffnungen regten sich; klarer und klarer wurde Kaspar, wo deutsche Nacheiferung mit Erfolg einsetzen konnte, wo nationale Selbständigkeit und deutsche Stammesart gewichtige Unterschiede bedingen und behaupten mußten.
Im großen und ganzen waren es mehr äußere Vorzüge, die den Neid deutscher Erzieher erregen konnten, so die großlinige Anlage der behaglichen Wohnheime, der fürstlich ausgestatteten Institute, der vornehm moderne Zuschnitt des kraftvoll gesunden Lebens, die üppige Gelegenheit zu Spiel, Sport und Kunstpflege aller Art, die reichen Bibliotheken, die freie Geselligkeit und anderes mehr.
Aber auch innere Momente waren sehr beachtenswert, vor allem die Einheitlichkeit der nationalen Grundstimmung, die frauenstolze Sittenstrenge, die zielbewußte Erziehung zum unabhängigen Willensmenschen, der nüchtern, keck, froh und nicht mit allzu viel gelehrtem Ballast beladen, seinen Mann im praktischen Leben stehen kann.
Nur ein wichtiges Moment, das den alten Griechen wie ihren modernen Nachfahren, den Deutschen, stets als Ideal im Zenith ihrer Erziehung stand, das der künstlerischen Harmonie, vermißte Kaspar gar zu sehr in den amerikanischen Bildungsanstalten. Dafür herrschte zu viel Oberfläche, zu viel Prunk, gab es zu viel Hast, zu wenig Tiefe und still langsames Reifenlassen.
Man pflegte anscheinend einen guten und lebenstüchtigen Durchschnitt zu erzielen, aber keine besonderen Individualitäten, keine Führernaturen, keine Bahnbrecher, die übrigens wohl nicht zufällig auch dem amerikanischen Kunst-, Wissenschafts- wie Staatsleben in der Tat fehlten. Selbst an geistig wie wirtschaftlich wirklich unabhängigen Forschern gebrach es allenthalben, vielleicht darum, weil die Erzieher und Lehrer Amerikas nicht ähnlich fürstlich unterhalten und geschätzt wurden wie die prunkvollen Gebäude, in denen sie wirkten.