Kaspar Krumbholtz

Part 19

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Nur im Geschäftsleben waren geniale Schöpfer zu finden, da hier einstweilen noch durchaus der Schwerpunkt des amerikanischen Ehrgeizes und seiner Leistungen lag.

Weit schärfer traten Kaspar diese Mängel der amerikanischen Jugenderziehung entgegen, als er nach einigen Monaten in den Middle West und Westen kam.

Freilich galt es auch hier, nicht in Bausch und Bogen zu urteilen oder gar zu verurteilen, es galt vorsichtig und gerecht zu prüfen und zu werten; es galt vor allem, nicht Früchte von Bäumen zu verlangen, die erst vor kurzem gepflanzt und noch nicht einmal fest eingewurzelt waren.

Überdies gab es Ausnahmen genug, namentlich da, wo sich in älteren deutschen Ansiedlungen, nach Befriedigung des gierigen Geldhungers, der alte germanische Bildungstrieb schon wieder geregt und Eignes geschaffen hatte, wie etwa in der stolzen Metropole der deutschen Middlewest-Kultur, in Cincinnati, oder im lieblichen, rührigen Indianapolis, in Milwaukee, Chicago und den selbstbewußt emporstrebenden Zwillingsstädten St. Paul-Minneapolis.

* * * * *

Und weiter gen Westen eilte Kaspar, und nach und nach ging dem bisher allzu eifrig aufs geistige Amerika Bedachten auch die Eigenart und die in scharfem Kontrast zwischen arm und üppig schwankende Beschaffenheit des Landes auf. Mit seinem sprunghaften Klima und seinem tückischen Wechsel zwischen gar keinen oder zu vielen Bodenschätzen, Naturkräften, Fauna- und Florabeständen mußte dieses seltsame Land auf den Charakter der zu Extremen jeder Art neigenden Bevölkerung gewirkt haben und wohl stets weiter wirken.

Im Osten hatte sich Kaspar nur wenig um die Landschaft der Gebiete gekümmert, die er mit den oft rasenden Expreßzügen durcheilte. Dafür genoß er die Einzelschönheiten seiner Hauptstationen mit um so größerer Muße und Liebe, wie zum Beispiel die wunderreichen Ufer des Hudson, die gern versteckten Parkherrlichkeiten des idyllisch lieblichen Massachusetts oder die ihn an Schlesiens und Thüringens Waldberge unwillkürlich erinnernden Catskill-Mountains.

Überhaupt hatte er in den Altenglandstaaten nicht oft das Bewußtsein, in einem fremden Weltteil zu sein. Nur die traurigen Waldverwüstungen, fern von den Kulturzentren, erinnerten wie ein schauerliches Menetekel an die grausame Pranke des niemals schlafenden, gigantischen Raubtiers Yankee.

Je mehr sich Kaspar jedoch von der atlantischen Küste entfernte, um so wuchtiger und großzügiger offenbarte sich ihm die Eigenart der neuen Welt, in der elementaren Urkraft ihrer Riesenströme und Katarakte (wie zum Beispiel des im starren Eise doppelt majestätischen Niagara) in den meergleichen Seen, den noch jungfräulichen Wäldern des Nordens und den endlosen, eintönigen, aber unermeßlich fruchtbaren Ebenen des Middlewest.

Hinter Omaha kam Kaspar kaum noch von der geräumigen Plattform des letzten, sogenannten Observationscars fort, obwohl es hier jetzt einsam war, denn für einen Amerikaner gab es nichts zu sehen. Es war ja nur amerikanische Durchschnittslandschaft; doch gerade sie packte Kaspar als das wirklich Neue und Große.

Da lagen die romantischen Prärien seiner jugendlichen Indianerträume, jetzt voller Zeugnisse von Yankeetatkraft und zähem deutschen Kolonialfleiß.

Wie vor Omaha die Gas-Bohrtürme und Petroleumtanks, so reckten hier an jeder Station hohe Getreideelevatoren ihre ewig hungrigen Hälse empor. Daneben kauerten praktische Hürden und Viehställe, Saloons und Stores, und dahinter Farm an Farm, umgeben von reichen, oft noch halbwilden Herden.

Eines Abends tanzten viele Tausend lodernde Feuer über die schwarzbraunen Felder, um mit der Asche der dürren Maisstengel den langsam schon ermattenden Boden zu erneuter Fruchtbarkeit anzuregen.

Plötzlich zog ein gewaltiges Frühjahrsgewitter dumpf grollend herauf, prasselte und knatterte mit Blitzen und Platzregen zwischen die Farmerfeuerchen.

Kaspar glaubte brausende Büffelherden stampfen und jauchzende Indianer hetzen zu hören, und es war ihm, als sähe er das grause Gespensterheer des ermordeten Uramerikas im nächtlichen Sturm der Elemente heulend und fluchend dahinrasen wie daheim die Rotte des wilden Jägers.

Gedankenvoll schritt Kaspar durch das Rauchzimmer, durch Lese- und Speisewagen zurück nach seinem bequemen Wohnabteil, das ihm der bedienende Neger bereits in ein sauber überzogenes Bett verwandelt hatte und nun grinsend präsentierte.

Es wohnte sich wirklich behaglich auf so einem modernen Schiff der Wüste. Denn die amerikanische Wüste kam nun, öde, schauerlich schön wie die große Gobi oder die majestätische Sahara.

Über Nacht war der brave Overland Limited ein paar tausend Meter hinaufgestampft, nicht ganz so rasch, wie die Yankees prahlten, aber doch unaufhaltsam. Schon früh um sechs Uhr stand Kaspar wieder, frisch und schaugierig, auf seinem Ausguck.

Alles still, trostlos und einsam ringsum, kein Mensch, kein Tier, kein Wasser. Groteske gelbe Felsgruppen kränzen den Horizont schanzenförmig, oft eckig und fast schnurgerade wie Zigarrenkisten über- und nebeneinander gestellt, ganz fern darüber zarte weiße Spitzen mit graugrünen Schatten.

Langsam keucht die Riesenmaschine, es gilt haushalten mit Wasser und Kohlen. Erst nach langen, bangen Stunden winkt eine kleine Tankstation, um die ein paar schwarze Minenzechen und zwei armselige schmutzige Saloons sich reihen. Aus halbzertrümmerten, längst pensionierten Cars blöden und grinsen zerlumpte Negerweiber und Mischlingskinder. Auch einige kleine, aber soldatisch straffe Japaner mustern scharf und tückisch die Reisenden, die sich hastig im Sande die eingeschlafenen Füße vertreten.

Die Maschine zieht lautlos wieder an, und alles stürzt zu den Türen oder klettert unverfroren hinten über die Puffer des Aussichtwagens auf dessen Plattform, wo Kaspar lachend steht.

Und weiter gehts durch die gelbbraune Steppe, über der die Sonne tagaus, tagein erbarmungslos und unfruchtbar brütet.

Endlich gegen Abend ändert sich das Bild. Ein grüner Fluß schafft Wandel, zunächst an seinen Ufern, dann ringsum. Herden kurzgeschwänzter Schafe, auch einzelne Rinder tauchen zwischen niedrigen Büschen auf. Wachholder und vereinzelte Gruppen trotziger, kleiner Zwergkiefern klammern sich zäh an steile rote Felswände.

Kaspar lacht wieder und denkt fröhlich an Leipzig: +Collegia mugoniana+!

Ein Tunnel heißt dröhnend den Zug willkommen, und in seinem rauchenden Tor versinkt schnell das lockende Bild der bizarren Felslandschaft mit der Devils Slide.

Dann braust der wildgewordene Dampfrenner plötzlich wie rasend bergab, zischend bricht er gleich einem grimmen Drachenwurm in die gesegneten Gefilde des Mormonenstaats Utah.

Tiefblauer Sommerhimmel, lachende Gärten mit Tausenden rotblühender Obstbäume zwischen weißen, lieblichen Cottages.

Bei Ogden, dessen holden Paradiesesfrieden ernste Schneehäupter bewachen, denkt Kaspar an Innsbruck und Hans Sebalt. Wo mochte der traute Genosse ferner Jugendtage jetzt weilen? Ursemi hoffte in ihrem letzten sehnsuchtsvollen Brief auch ihn, den großen Südseefahrer, in New-Reda begrüßen zu können.

Und weiter rollt der wackere Überlandzug mitten hinein in ein weites, seltsames Tal, auf dessen breiter Sohle der tiefblaue, schier unendliche Salzsee totenstill und ölglatt wie ein Weiher liegt.

Die Sonne sinkt mählich. Auf einem über hundert englische Meilen messenden Riesenpfahldamm poltert der Zug mitten durch die klare, nun grün schimmernde Flut.

In allen Farben, vom tiefsten Violett bis zum fahlen Gelb, beginnen die schneeigen Berghäupter zu spielen und wirre, grelle Reflexe sprühen ringsum aus dem stahlblanken Spiegel des Sees, der nach und nach immer flacher wird und zuletzt in hundert Lachen zu einer grauweißen Salzwüste verebbt.

Glutrot taucht der Sonnenball in die bläulichen Dunstschichten des Horizonts. Dämmerung breitet sich gespenstisch über die Landschaft, die Kaspar dünken will wie ein Stück fremder Welten.

Immer tiefer wird der dunkelblaue Streifen des versinkenden Sees, immer duftiger die Orangetöne der im Alpenglühen verhauchenden Felsspitzen; nun sterben sie rasch, und ein hartes Dunkelviolett verkündet ihren Tod.

Auch sonst ist alles Leben erstorben. Kein Vogel singt, kein Raubtier schreit mehr, kein Blatt, kein Hälmchen mehr wagt sich zu rühren. Die Wüste schläft. Starr wie die Gletscher des ewigen Eises liegen die Leichen der Bergriesen um sie herum.

Grün und rot blitzen an der Strecke die Signallaternchen der Blockstationen auf gleich lustigen Glühwürmchen. Und über schwarzen Zacken steigt in majestätischer Ruhe die schmale Sichel der silbernen Luna empor.

* * * * *

Und abermals zaubert die Lebenspenderin Sonne in taufrischer Schönheit den Tag, und noch immer schnauft und prustet der unermüdliche Overland Limited nunmehr munter 6000 Fuß hinauf zu den gefährlichen Firnen und Schneejochen der Sierra Nevada.

Kecke, verwegene Goldgräber in abgeschabten Velvetkostümen, an den Füßen Ledergamaschen und auf den trotzigen Häuptern breite Filzhüte, steigen zum Schrecken einiger Fifth-Avenue-Ladies in den Observationscar, lümmeln sich frech in die ledernen Parlorsessel; rauchen, spucken, drehen ihre blitzenden Brillantringe und spielen protzig mit ihren dicken Goldketten.

Empört fliehen die Dämchen in ihre verschwiegenen Compartements zurück, drücken ihre Näschen indigniert an die Wagenfenster und mustern neugierig hochmütig die vertierten, angetrunkenen Indianer, die ihnen von draußen in malerischen Kostümen allerlei zierliche Knüpf- und Flechtarbeiten ihrer fleißigeren Squaws feilbieten.

Die Vergangenheit grüßt die Zukunft Amerikas demütig; die Gegenwart aber gehört den Pionieren des Glücks und der Kraft.

Die Strecke steigt immer noch. Dann donnert der Zug 55 Meilen lang durch einen hölzernen Schneeschutztunnel, ein Kyklopenwerk, das ganzen Wäldern der schönsten Baumriesen das Leben gekostet hat.

Da -- ein paar blitzartige Ausblicke auf starre, leichengrüne, von schneebedeckten Zirbelkiefern umtrauerte Bergseen, die wie gefrorene Meeraugen aus der Tiefe emporglotzen; und nun endlich gehts in sausender Fahrt durch das duftende Blue Canyon hinab in das gelobte Land Kalifornien, das mit herrlich blauen Koniferen, mit blühenden Pfirsichen, Aprikosen, Birnen und Mandelbäumchen frohlockend den Welttrotter grüßt.

Ein ewiger Frühling lacht aus den üppigen Tälern.

Weinberge, Orangen, Limonen, Feigen, Palmen, Live-Oaks, Eukalypten und Rosen tanzen um die Wette an dem staunenden Kaspar vorbei. Das ganze Land ist ein einziger blühender Garten, das Eden Amerikas!

Die weite Ebene öffnet sich ganz. Auf saftigen Wiesen weidet ein schwerer Rinderschlag, eine feurige Rasse von Pferden. Hier fährt man die Heuernte ein, dort ziehen Orangenhändler lachend zu Markt.

Alles atmet Fröhlichkeit, Üppigkeit, weltvergeßnen Genuß.

Auch dem soliden Überlandzug scheint kalifornischer Leichtsinn in die eisernen Knochen gefahren zu sein. Er stiebt wie besessen dahin, so daß eine wirbelnde Staubsäule ärgerlich hinter ihm herfegt und den Observern der Plattform so viel Schmutz auf die Kleider und Sand in die Augen wirft, daß sie die Position räumen.

Nur Kaspar weicht nicht, er schließt die Augen und träumt.

»Welt«, klingt es leise durch seine Seele, »wie groß bist du und wie herrlich! Dank dir, toter Freund und Vater, daß du mich in solche Weiten gesandt! Dank dir, Allmächtiger, daß du mir die Schönheit deiner Wunderwerke geoffenbaret hast!«

Neuntes Kapitel

Shaky San Francisco

Schon in Oakland an der Fähre erwartete Ursemi ihren Kaspar und fuhr mit ihm in glückseligem Geplauder über die tiefblaue Bai, an zwei malerischen Inseln vorüber.

Kaspar sah die schmucken Eilande nicht; er sah nur in das liebe, seltsam veränderte Gesicht der Jugendfreundin und glaubte allerlei zu lesen, was ihm nicht gefallen wollte.

Harry war wie fast immer in Geschäften unterwegs, die kleine Edith ein wenig erkältet; aber sonst war viel Gutes und Ergötzliches von dem lieben Putz zu melden; tappeln konnte er schon ganz flott und auch von Wau-Wau und Mies-Mies, von Brauni und Peter die größten Wunderdinge zusammenflausen.

An der Ferry-Station stieg man aus. Ein elegantes Automobil mit Chauffeur und Diener hielt vor dem mächtigen Portal, und mit Staunen fuhr Kaspar die imposante Market Street mit ihren riesigen Geschäftspalästen, ihren monumentalen Banken und Warenhäusern entlang, an dem ragenden Kuppelbau der mit einer Liberty-Statue gekrönten City-Hall vorüber, hinauf nach dem stillen Alamo Square, wo weiß und schlank aus dem Gewühl der Holz- und Konkrethäuser das stolze Marmorpalais New-Reda emporstrahlte.

Als Kaspar, vom japanischen Portier Charly gemessen begrüßt, von dem Hausnigger Samy devot grinsend gefolgt, die mit dicken Smyrnateppichen belegten kostbaren Mahagonistufen zwischen Bronzegeländern hinaufstieg, während der Diener mit dem Koffer in der Lift hinauffuhr, da kam über den gereiften Mann dasselbe Gefühl -- als erlebe er Märchen -- wie vor achtzehn Jahren in Reda. Wie die Winklersche Villa gegen die Gnadenzeller und Betheler Bubenzimmer, so verhielt sich Neu-Reda zu Alt-Reda.

Und als er gar von seinem hochgelegenen Balkonzimmer die schönere und nicht minder kühn-aufstrebende Rivalin Neuyorks, die Königin der Südsee und ihr »goldenes Tor« mit seinen blauen Buchten und Inseln überschaute, da hätte er in die Knie sinken mögen vor solcher majestätischen Schönheit.

Und doch war es Kaspar, als drohe Unheil, als laure in dem bläulichen Dunst überm fern leuchtenden Ozean, etwa ein tückisches Untier, das träge auf seine Stunde warte, um seine Riesenarme wie ein gieriger Polyp um die vulkanische Halbinsel zu klammern und sie zu schütteln und zu rütteln, daß ihre Grundvesten erbebten.

Als Kaspar bald darauf den strahlenden Harry Brosyn begrüßte und ihn schüchtern fragte, ob es nicht ein wenig gewagt sei, gerade auf so gefährlichem Boden wie hier so gewaltige Bauten aufzuführen, lachte ihn der Graf weidlich aus, klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und meinte überlegen: »+Well, my good fellow, our old shaky+ Frisco hat seine Launen wie jedes schöne Frauenzimmer. Es neckt und shakt und earthquakt auch manchmal ein bißchen; aber nur keine Angst! Man wird das hier bald gewohnt und schert sich schließlich den Deubel drum. Wir Amerikaner sind keine Angstmeier!«

»Oho --,« fiel Ursemi schalkhaft ein, »ich bin und bleibe eine Deutsche, verstehst du, lieber Harry. Angst habe ich darum so wenig wie du, du Bramarbas!«

Dann kam klein Edith und hinter ihm Brauni, das treue Hündchen.

Onkel Kaspar mußte Brauni streicheln, sein Pfötchen schütteln und alle Kunststücke des struppigen Köters bewundern, mußte alle Spielsachen, die Edith anschleppte, feierlich in Empfang nehmen und ward gründlich beschäftigt.

Bald waren Kaspar, Edith und Brauni ein Herz und eine Seele und wurden immer unzertrennlicher.

* * * * *

Die Tage wurden schwüler, die Hitze lastete immer schwerer über der Riesenstadt und auch an dem sonst so bewegten Strande und auf der Bai war kein kühles Lüftchen zu spüren, obwohl es noch nicht Mitte April war.

Tag und Nacht standen die Fenster offen, doch es half nichts. Schon am Morgen begann der Schweiß aus den Poren zu brechen.

Unter diesen Umständen verschob man die Ausflüge in die herrliche Umgegend, vor allem ins paradiesische Yosemite Valley, auf frischere Tage; denn von einem Ritt auf den Mount Tamalpais und ins Mill Valley mit seiner einzigartigen Baumpracht vorsintflutlicher Redwoodriesen waren Harry und Kaspar wie gebadet zurückgekommen.

Überdies hatte Harry gerade besonders viel auf seiner Bank zu tun, da neue gewaltige Unternehmungen vorbereitet wurden und dazu große Summen flüssig gemacht werden mußten.

Doch auch in der nächsten Umgebung San Franciscos gab es genug Schönes zu sehen, insonderheit den wunderbaren Golden Gate Park, dessen weiträumige Anlagen, Haine, Seen und Tierparks die Energie der Bewohner erst vor kurzem gleichsam aus dem Boden gestampft hatten.

Mit Vorliebe stand Kaspar ganz früh auf -- da war es noch leidlich kühl -- und erging sich auf den jetzt so fruchtbar bewaldeten Hängen und üppigen Tälern des Parks, der noch vor wenig Jahren unfruchtbare Sanddüne gewesen war.

Auch am Morgen des 18. April 1906 stand Kaspar um fünf Uhr auf und zog sich ruhig an, obwohl es draußen gerade heute besonders dunstig und schwül zu sein schien.

Plötzlich hörte Kaspar den treuen Brauni, der jetzt meist schon früh vor seiner Tür lag und auf den Spaziergang wartete, laut aufheulen.

Mitleidig sprang Kaspar zur Tür -- da wars ihm, als stürze ihm diese entgegen. Ein dumpf dröhnendes Rollen quoll aus der Tiefe, ein furchtbarer Schlag, und mitten in das Zimmer, wo Kaspar noch eben gestanden, fiel krachend durchs Dach ein mächtiges Stück Schornstein herein.

Kaspar stürzte auf dem Gang, den er mit einem Sprung erreicht hatte, lang hin, dann gellte sein Schrei in wilder Angst durchs Haus.

Im Nu sprang er auf. Edith! war sein einziger Gedanke -- hinab zu ihrem Zimmer! Er riß das sanft schlummernde Kind aus seinem Bettchen, während die Bonne schreiend erwachte und der getreue Brauni winselnd an ihm hochsprang, als wolle er zur Eile mahnen.

Dann lief Kaspar an die Tür, hinter der die Eltern schliefen. Wie wahnsinnig schlug er mit der Faust dagegen und schrie: »Raus, raus, retten! Ich habe Edith!«

Und davon stürzte er, einige schon geborstene und verbogene Treppen vorsichtiger nehmend, glücklich hinaus auf den Alamo Square, gefolgt von Brauni.

Zitternd am ganzen Körper, setzte er das weinende Kind sanft auf den grünen Rasen, rief ihm zu: »Nicht weinen, Onkel kommt gleich wieder, hier Brauni kusch!«

Und zurück hetzte er, auf das Palais zu, während von allen Seiten aus den wankenden, reißenden, hie und da schon aufflammenden Häusern halb wahnsinnige, schreiende Menschen, kaum mit dem Notdürftigsten bekleidet, herausstürzten.

Der kleine Japaner Charly und der Nigger Samy waren die ersten, die ihm aus New-Reda entgegeneilten. Rasch wies Kaspar ihnen den Platz, wo das spielende Kind neben dem gerade schönmachenden Brauni schon wieder vor Vergnügen jauchzte; aber die beiden Farbigen grinsten nur spöttisch, winkten verächtlich ab und schossen mit allerlei verdächtigen Bündeln fröhlich davon, als begänne für sie ein großes Fest.

Den Japaner Charly hat nie wieder jemand gesehen. Samy lag später mit bestialisch verzerrter Fratze in der schmachvollen Reihe der erschossenen Plünderer.

Auf den ersten Stufen der Treppe rannte Kaspar gegen die schreiende Zofe an. Die Bonne lag weiter oben ohnmächtig und blutend zwischen zwei Geländer gepreßt.

Kaspar wollte sie emporziehen, losreißen, sie befreien, vergebens! Immer dichter und dichter schoben sich Holz, Bronze, Eisen und Teppiche um die Bewußtlose zusammen.

»Ein Beil!« brüllte Kaspar; aber niemand hörte. Dann scheuchte ihn plötzlich die wilde Angst um Ursemi weiter hinauf.

»Gott sei Dank!« da stieg Harry mit der Ohnmächtigen eilends die leise knirschenden Treppen hinab.

»Paß auf,« schrie Kaspar, »hier ist ein tiefer Spalt, spring oder wirf sie mir zu!«

Aber das war leichter gesagt als getan. Mit dem Fuß stieß Kaspar ein schon halb abgerissenes Bronzegeländer vollends los, warf es wie eine Brücke über den Spalt, und Harry glitt noch eben hinüber, kam freilich mit seiner Last zu Fall vor Kaspar, der Ursemi auffing und weitertrug.

»Komm, das Kind ist draußen,« drängte Kaspar den Grafen, der sich leicht verletzt hatte und nachhumpelte.

»Aber die Bonne hier, die laß ich nicht liegen!« meinte Harry mitleidig, obwohl es über ihm immer unheimlicher krachte und schob.

»Komm,« gellte Kaspars Schrei noch einmal flehend zurück, »nichts zu machen ohne Beil!«

»Werden wir gleich haben,« sagte Harry mit kühlem Blut, während Kaspar mit Ursemi über der Schulter zur Tür hinauskeuchte.

Neben das mit Brauni spielende Kind bettete er die bleiche Mutter, und klein Edith legte geheimnisvoll die Rechte an ihr Schnutchen, hob ein Fingerchen der Linken und sagte mit wichtigem Mienchen: »Mama slafe, slafe. Didith danz tille sein, Papa atta. Bauni tusch, tusch!«

Und gehorsam legte sich die treue Hundeseele neben seine gestrenge Herrin und ließ das Zünglein behaglich hängen.

Bald darauf neigte sich Palais New-Reda ein wenig vornüber und stürzte krachend zusammen.

Unter seinen Trümmern fanden die tapferen Sappeure der Marine später die völlig zerquetschten Leichen der Bonne und des Grafen übereinandergepreßt.

Krampfhaft umklammerte des tapferen Harrys Hand noch das Beil, mit dem er das arme Mädchen hatte befreien wollen.

* * * * *

Furchtbare Stunden und Tage hatte Kaspar durchzumachen.

Kaum war Ursemi von ihrer schweren Ohnmacht erwacht, so wollte sie auch in das Haus zurück. Als sie es schon gestürzt sah, brach sie mit einem entsetzlichen Aufschrei aufs neue zusammen, während das erschreckte Kind weinend davonzulaufen suchte.

Die Zofe war erst wie blind davon gestürzt und hatte sich, selbst völlig verwirrt unter den vielen verwirrten Menschen, die sich bald wie eine führerlose Schafherde benahmen, scheinbar verloren. Später traf Kaspar sie dann wieder und konnte ihr wenigstens das Kind anvertrauen.

Als jedoch gegen zehn Uhr der zweite, noch heftigere Stoß einen großen Teil der schon erschütterten Häuser vollends umkippte wie dünne Kartenhäuser, als die Erde sich spaltete, Pflaster und Schienen, Kabel und Röhren zerrissen, so daß Wasser und Gas allenthalben hervorstoben, als die Flammen von allen Seiten wie ein glühendes Meer heranwogten und rasten, da kostete es Kaspar unsägliche Mühe, die völlig ratlose Zofe bei sich zu behalten und mit ihr die in wilden Phantasien rasende Gräfin abzuhalten, ihr Kind zu ergreifen und irgendwohin in eines der brennenden Häuser zu stürzen.

Und die langen, bangen Stunden schlichen dahin, Hunger und Durst meldeten sich. Kaspar fing irgendwo von einer noch rinnenden Leitung Wasser in sein Portemonnaie auf und gab dem weinenden Kinde, gab der Zofe und dem Hunde zu trinken, wusch Edith und sich ein wenig, füllte wieder und wieder, netzte von Zeit zu Zeit die lechzenden Lippen der fiebernden, bewußtlosen Mutter, legte ihr sein feuchtes Taschentuch auf die glühende Stirn, bettete ihr Haupt sanft auf seine Weste und deckte mit seiner Jacke notdürftig ihre zitternden Glieder. Denn sobald der Tag sich neigte, sobald an die Stelle der furchtbaren Schwüle eine merkliche Kühle trat, gebrach es an Kleidung. Auch die Zofe mußte ihre dünne Nachtjacke hergeben und klein Edith darin einhüllen.

Als die Zofe jedoch weinend und stotternd erklärte: sie erfriere und müsse die Jacke anziehen, stand Kaspar ratlos auf und stahl im schützenden Dunkel der Nacht einem gutbekleideten Schlafenden eine Decke, hüllte das weinende Kind darein, nahm es liebkosend in seine Arme und buschte es ein.

Eine furchtbare Nacht schlich dahin, bitter kalt und feucht.

Böige Winde brausten daher, auch Regenschauer, die freilich dem Feuer nicht Einhalt tun konnten, im Gegenteil, es scheinbar heftiger anfachten.

Tausende von Holzhäusern brannten in wenigen Stunden bis auf den letzten Rest nieder. Steinbauten stürzten laut krachend zusammen, und bei den riesigen Zementgebäuden lösten sich, nach und nach springend, die angepatzten Konkretmassen von den glühenden Eisenträgern und torkelten mit dumpfem Gepolter in die Tiefen oder über die zerrissenen Straßen.

Es war ein schauerlich imposanter Anblick, die gewaltige, brennende Stadt ringsum, vor allem unten in der Tiefe.

Aus dem noch immer wogenden Flammenmeer ragten die weiß, gelb und rot glühenden Eisengerüste, wie greuliche Skelette bläkend und zähnefletschend, in die Höhe; und wenn die Windsbraut ihnen heulend aufspielte, schien es Kaspar, als wären sie lebendig und tanzten einen wilden Cancan zwischen den lodernden Flammen, als würfen sie sich mit hohnlachendem Knattern und Knistern die Riesentrümmer wie Spielbälle zu. Ja, das höchste Gerippe hielt die kupferne glühende Kuppel der City Hall mit der Libertypuppe jauchzend empor wie eine glücklich erbeutete Krone.