Part 5
Kolarczik und Schneider haben, trotz Eid, das Geheimnis von Fritzens hochadliger Abstammung nicht gewahrt. -- Bei der Witwe erscheint des öfteren ein Schlossergesell, begeisterter Gelegenheitsarbeiter und Brotzeitmacher, im Nebenberuf wüster Lebemann. Den haben die beiden ins Vertrauen gezogen, er aber hat die Enthüllung mit brüllendem Hohngelächter aufgenommen. Er kennt, wie die ganze kleine Stadt, den Sanitätsrat und seine Familie genau, kann sich an Fritzens und seiner Brüder Geburt und Kinderjahre genau erinnern und läßt keine Silbe von Fritzens kühner Dichtung bestehen. Letzte Zweifel der Buben zerstreut er, indem er seinerseits die Witwe als Zeugin anruft. Die stimmt ihm natürlich bei und verspottet die Jungen wegen ihrer unerhörten Leichtgläubigkeit: „Na, ihr seid’s mir schöne Eseln! Wenn ihr auch vom Dorf hereingekommen seid’s -- aber +so+ blöd braucht’s ihr euch doch nicht anschmieren lassen! -- +Der+ ein Sohn von einem Grafen! -- Ich weiß noch wie heut -- die Frau Czepinka, die Hebamme, hat ihn gebracht -- damals haben sie am untern Markt gewohnt, in dem großen Haus, wo unten der Sattler Malik die Werkstatt hat! Da schaut man’s wieder: die Kinder von die feinen Leute! +So+ lügen! Ob ich mich nie schämen möcht’!“
Gleich am nächsten Tage fielen sie über Fritz her und überschütteten ihn mit hohnvollen Vorwürfen so beißend und unerschöpflich, daß er gar nicht dazu kam, sie wegen des gebrochenen Eides zur Rede zu stellen. Kolarczik schnitt ihm gleich das Wort ab: „Du mit deinem Eid! Du kannst mir am Buckel steigen! So a Liegner! Weißt du, was du bist? Du bist a großer Schöps! Das bist du!“
So hatte die Freundschaft ein jähes Ende. Furchtbare Drohungen wurden ausgestoßen, doch blieb es dabei. Sie wußten gegenseitig zuviel „auf einander“ und keiner konnte wirksam den andern verpetzen, ohne selbst mit hineinzufallen. Eine kleine Genugtuung für Fritz war es, daß er die Einstellung der monatlichen Unterstützung an Schneider Josef durchsetzte. Zuerst hatte Kolarczik wohl gedroht, Fritzens Eltern „alles zu sagen“. Aber Fritz hatte ihm wütend entgegengehalten, daß erstens der Sanitätsrat einen so schmierigen Jungen wie den Kolarczik gar nicht einmal anhören würde. Und wenn schon, und wenn er, Fritz, auch totgeschlagen würde -- vorher würde auch +er+ noch „alles sagen“ -- von der Kostbude, und dem Verhältnis zu der Witwe, und alles überhaupt -- und dann würden sie alle aus der Schule hinausgeschmissen, und die Witwe würde sicher eingesperrt. Da hatten sich Kolarczik und Schneider zähneknirschend gefügt. Denn des einen Mutter wie des andern Vater befaßten sich zwar selten mit der Erziehung ihrer Sprößlinge, dann aber höchst gründlich, und schlugen beide keine schlechte Klinge. Und Fritzens Rachsucht kannten sie. Er war „ein Luder“!
Noch eine Folge hatte das Ereignis: als Gretl wieder einmal vom „Krieg“ hören wollte, sagte ihr der Bruder mit dürren Worten, daß er all die Geschichten nur erfunden habe. Gretl stürzte aus allen Himmeln -- Lüge war ihr überhaupt unfaßbar -- und nun eine so ausgedehnte, furchtbare, durch Jahre hingesponnene Kette von Lügen! Die blinde Verehrung, die sie dem Bruder für seine vermeintlichen Heldentaten gezollt -- die rasende Selbstüberwindung, die sie aufgebracht hatte, um das Geheimnis zu wahren -- die Gebete vor dem Schlafengehen, der Bruder möchte bei dem heimlichen Verlassen des Hauses oder morgens bei der Rückkehr nicht erwischt werden --: alles umsonst! Sie weinte fassungslos. Es war die erste große Enttäuschung.
Wenn ihn auch die Ablehnung der Schwester, die gehässige Verachtung der ehemaligen Freunde schmerzten, so fühlte Fritz doch starke Erleichterung bei dem Gedanken, daß er sich hinfort nicht mehr anzustrengen brauchte, die einmal erfundenen Lügen krampfhaft durchzuhalten. Und fein war es doch! Der Schneider Josef war ja ein Trottel -- aber daß Kolarczik, der alte Gauner, ihm so lange geglaubt hatte -- das war schon was wert! -- Wegen Gretl schlug ihm wohl das Gewissen -- sie hatte so blind vertrauensselig geglaubt. Und war nun so furchtbar traurig. Das sah er nicht gern.
Doch hatte diese Entfremdung auch ihr Gutes: Seit der Storchgeschichte war er fest entschlossen, der Schwester nie wieder von gewissen Dingen zu reden. Und wieviel Geheimnisse hatte er nun zu hüten: Das Rauchen, Trinken, die gelegentlichen Griffe in den Weinkeller, sein reiches Wissen um „die Weiber“, und vor allem: +Betty+. Mit der war er zu einem merkwürdigen Zustand gekommen: wo immer er sie erwischte, fing er mit ihr zu raufen an, und sie hielt ihm meist leidenschaftlich Widerpart. Er boxte sie heftig, rang mit ihr, warf sie zu Boden oder auf ein Sofa -- sie ließ ihn mit heißen Augen gewähren, preßte ihn an sich, zog ihn mit in ihren Sturz. Dann fühlte er durch das dünne Kleid die weiche warme Mädchenbrust und glaubte zu vergehen in dunkler Sehnsucht. Oft endeten diese Zwischenfälle eigenartig -- das Mädel machte sich plötzlich aus seiner Umschließung frei, wehrte ihn derb ab, wenn er sie halten wollte, blitzte ihn verächtlich an und lief davon. Einmal nannte sie ihn sogar einen dummen Jungen. Fritz blieb gedemütigt, ratlos zurück und brütete Rache.
Abends beschwerte er sich bei der Mutter, daß seine Schuhe und Kleider so schlecht geputzt würden. Und Betty bekam einen scharfen Verweis.
28
Weitaus das langweiligste aller Schulfächer war der katholische Religionsunterricht. Doch man durfte sich nichts merken lassen, denn der Katechet war aus Härte und Milde unberechenbar gemischt, und wen er einmal „auf dem Strich“ hatte, der durfte sich vorsehen. Fritz war ohnedies nicht sein Liebling, denn Felix war während seiner letzten Schuljahre in dem Verdacht gestanden, daß er „nichts glaube“ -- und das Mißtrauen hatte sich auf den jüngeren Bruder übertragen. Gegen Menschen aber, von denen er fühlte, daß sie ihn nicht bedingungslos liebten, empfand Fritz sofort Haß, der, je nachdem, mit Furcht oder Rachgier gemengt war. Den Katecheten also haßte er leidenschaftlich -- doch was konnte er ihm zum Trotz tun? Der Katechet war nahezu allmächtig in der Lehrerkonferenz; der Rektor war streng klerikal.
Die Klasse hielt bei der katholischen Liturgie. Der Katechet verbreitete sich salbungsvoll und eindringlich über das umständliche Zeremoniell einer Bischofsweihe -- wieviel assistierende Priester, wieviel Ministranten, wieviel Rauchfässer, und in welcher Reihenfolge sie geschwungen werden müßten. Fritz belauerte jedes seiner Worte, um einen Anlaß zu geheimem Spott zu erhaschen, einen Zungenfehler etwa, oder eine ungewollte Zweideutigkeit. Doch der Katechet versprach sich nicht, blieb nicht stecken -- ölig und ungehemmt strömte sein Vortrag. Mit einem Mal schoß Fritz ein Gedanke durch den Kopf, so heftig und unvermittelt, daß er fast erschrak: „Das ist lauter Blödsinn, das Räuchern und Läuten -- davon hat der Herr Christus nix gewußt!“ Entsetzt starrte er den Katecheten an, ob der ihm etwa die lästerlichen Gedanken von der Stirn ablesen würde. Doch nichts geschah. Die Stunde ging weiter. Beim Schlußgebet faltete Fritz zwar die Hände und bewegte die Lippen, die Worte aber sprach er nicht mit. Er summte nur den leiernden Tonfall der Klasse nach.
Abends ließ er, zum erstenmal und nicht ohne Angst, das Nachtgebet ungesprochen. Lange wälzte er sich schlaflos, kämpfte mit dem Wunsch, doch noch, im Dunkel, unter der Decke, die Hände zu falten und das Versäumte nachzuholen. Der Gedanke aber: wie wütend der Katechet sich ärgern würde, wüßte er, daß Fritz nun auch „nichts glaube“ -- der Gedanke ließ ihn stark bleiben. Im Hochgefühl befriedigter Rache schlief er endlich ein.
In einer der nächsten Stunden kam der Katechet auf die unsterbliche Seele zu sprechen, die Alleingut des Menschen sei, und ließ sich abschweifend über die Unvernunft des Tieres aus. In Fritz hatte der Unglaube inzwischen kräftig Wurzel geschlagen und er verspottete insgeheim die kurzsichtige Verblendung des Lehrers. Zu Hause erwartete ihn, freudig bewegt wie immer, Flocki, ein schwarzer Zwergspitz, der, wie die meisten Familienhunde, bis zu hohem Grade zum Verständnis der menschlichen Gewohnheiten und Worte vorgedrungen war. Fritz stürzte auf ihn zu, mit stürmischen Liebkosungen, balgte, hetzte mit ihm, kniete endlich zu ihm nieder und fragte leidenschaftlich: „Flocki! -- sie sagen, du bist unvernünftig! Flocki! Solche Esel! Was? Flocki!“ -- Der Hund saß vor ihm und sah ihm starr ins Gesicht. Die Worte waren ihm fremd, und er suchte zu ergründen, was man von ihm erwarte. Der Junge wiederholte seine Frage, wilder, eindringlicher. Flocki verstand, daß man eine Gefühlskundgebung wünsche, bellte kurz auf und fuhr dem Jungen mit der Zunge ins Gesicht. Es war tatsächlich die beste Antwort, die er geben konnte. Fritz war begeistert, und da eben nichts Besonderes gegen ihn vorlag, wagte er sogar bei Tisch davon zu erzählen. Er sah genau, wie der Vater schmunzelte, und fügte, kühn gemacht, noch die Andeutung sonstiger Zweifel hinzu. Keine Zurechtweisung kam. Fritz war namenlos stolz. Nach Tisch aber rief ihn der Vater ins Arbeitszimmer. Da wich der Stolz rasch arger Beklommenheit -- vielleicht kamen jetzt die Prügel nach? Man konnte nie wissen! Doch der Vater war nicht böse, sprach ganz freundlich: „Ich kann dich nicht tadeln, wenn du dir eigene Gedanken machst -- du wirst ja allmählich ein großer Junge! Aber das bitte ich mir aus, daß du das für dich behältst, in der Schule natürlich sowieso, vor allem aber der Gretl gegenüber! Weh’ dir, wenn ich einmal erfahre, daß du dem Mädel etwa Grillen in den Kopf setzest! Merk’ dir das! Und jetzt geh!“ Und Fritz ging beseligt. Die Mutter kam ihm ins Kinderzimmer nach und sagte mit nassen Augen -- sie war leicht gerührt --: „Da siehst du wieder, was du für einen guten Vater hast!“ Dann ließ sie ihn allein. Fritz wartete, bis sie aus dem Zimmer war, und äffte ihr stumm nach: „Ja, guter Vater! -- Weil er mich nicht gedroschen hat, wie du wegen dem Storch! Und ihr glaubt’s ja alle beide selber nix! -- Der Alte geht überhaupt nie einmal in die Kirche!“ -- Und er kam sich groß und gereift vor. Dann schlich er ins Speisezimmer, wo Betty den Tisch abräumte; das Mädchen war ihm noch böse wegen seiner letzten Angeberei. Doch er brach ihren Widerstand, faßte sie kühn, wie nie zuvor, zwang sie auf die breite Ottomane nieder. Da kam plötzlich ein neuer Ausdruck in ihr Gesicht, sie wurde weich, widerstandslos unter ihm, ihre Schenkel wichen. -- Er sprang auf und rannte atemlos davon.
29
Kurz darauf kam die Nachricht nach Hause, Fritz sei von der Lehrerkonferenz in Sitten getadelt worden, wegen Störung des Religionsunterrichts durch Schwätzen und Allotria. Mit diesem Sittentadel hatte es seine eigene Bewandtnis: Fritz hatte, bei der Erörterung der himmlischen Rangordnung, eine der Form nach einwandfreie Zwischenfrage getan -- ob nämlich die Engel ewig in ihren Dienststufen verbleiben müßten, oder ob sie auch befördert würden? Aber in Tonfall oder Mienenspiel hatte er wohl den richtigen Ernst allzu unvorsichtig vermissen lassen. Und überdies wußte der Katechet im Augenblick tatsächlich keine Antwort auf die unerwartete Spitzfindigkeit. So goß er erst die Schale seines kanonischen Zornes über den frechen Frager aus und behielt ihn dann scharf im Auge. Und als Fritz, der das Unwetter vorbei wähnte, endlich grinsend einen beifallsuchenden Rundblick durch die Klasse schickte, da griff der Katechet zu, trug ihn ins Klassenbuch ein und verschaffte ihm den Sittentadel. Es war ein offensichtlicher Racheakt, wohl auch eine kleine Rechtsbeugung. Doch angesichts des Tadelbriefes ließen die Eltern keinerlei Rechtfertigung zu, hörten die Darstellung des Jungen gar nicht an. Der Vater prügelte ihn furchtbar, die Mutter aber bestand überdies noch darauf, er müsse mit ihr zum Katecheten gehen und um Verzeihung bitten. Das war das Schlimmste, weit ärger noch als die Prügel, obwohl ihm davon noch jeder Knochen im Leibe weh tat. Er bat flehentlich, ihm den Bittgang zu erlassen. Ihm wurde fast übel bei dem Gedanken, den tödlich gehaßten Schwarzrock um Verzeihung bitten zu sollen. Doch die Mutter gab nicht nach, faßte ihn am Arm und führte ihn, ganz verweint und verschwollen im Gesicht, mit sich. Im Vorflur des großen alten Stiftshauses, in dem der Katechet wohnte, machte Fritz einen letzten verzweifelten Versuch, der furchtbaren Demütigung zu entrinnen. Da wurde die Mutter böse, schlug ihn heftig ins Gesicht, krallte ihm die Finger in den Oberarm -- sie kannte die empfindlichen Stellen -- und zog die Glocke. Ein hallender Erzton durchzog das weite Haus, dann öffnete ein sanfter Pförtner die Tür, fragte nach dem Begehr der Besucher und führte sie durch lange Gänge, bis vor eine schmale Bogentür. Dort klopfte er an und ging.
Die Tür wurde von innen aufgetan, und der Katechet stand auf der Schwelle. In seinem Gesicht kämpfte Genugtuung und Rachsucht, als er Mutter und Sohn erblickte. Er bat sie ins Zimmer, und die Mutter setzte ihm auseinander, wie sehr sie und ihr Mann über das Benehmen des Jungen empört seien; er habe strenge Strafe bekommen und nun habe sie ihn hergebracht ... Der Katechet unterbrach sie höflich und salbungsvoll, sagte einiges, was Fritz nicht verstand. Haß und das Gefühl völliger Ohnmacht erstickten den Jungen fast. Da hörte er die Mutter sagen: „Also vorwärts -- bitte um Verzeihung!“ Und wieder zwickte sie ihn unmerklich in den Arm. „Ich ... ich ...“ stotterte Fritz schluchzend. Immer noch hoffte er, das Aussprechen der widerlichen Formel werde ihm erspart bleiben. Doch der Katechet sagte gedehnt: „Nun ...?“ und Fritz hörte deutlich den beißenden Hohn des Siegers. Der schenkte ihm nichts! Da gruben sich abermals die Finger der Mutter in seinen Arm, und er stieß hervor: „Ich ... bitte ... um ...“ -- das Wort „Verzeihung“ aber ging in furchtbarem Aufheulen unter. Der Katechet wollte wohl den Bogen nicht überspannen. Er gab sich zufrieden, gab süß lächelnd der Mutter einige Ratschläge, die ebenso viele giftige Spitzen waren und strich Fritz mit der Gebärde der Vergebung über den Kopf. Dem Jungen rann die Berührung der weichen, fetten Priesterfinger wie Gift durch den Körper. Dann zog ihn die Mutter hinaus.
Von da an zog Fritz nicht mehr den Hut, wenn er an einer Kirche, einem Kruzifix oder Heiligenbild vorbeikam, und zischte unflätige Lästerungen durch die Zähne: „Krepierter Hund!“ -- Das war seine Rache.
30
Kolarczik und Schneider haben sich an Fritz herangemacht und mit Honigmienen Versöhnung angeboten. Sie quellen über von reumütigen Erinnerungen an die schöne Zeit von ehemals. Fritz spielt zunächst den Unerbittlichen, doch schmeichelt ihm die Unterwürfigkeit der andern doch so sehr, daß seine Widerstände rasch dahinschmelzen.
Im Stadtpark hausen die „Parkindianer“, das sind Kinder der untersten Schichten, von rohen Sitten, Schüler der Volks- und Fortbildungsschulen; auch viele Handwerker -- und Fabrikslehrlinge sind darunter. Sie nennen die Gymnasiasten „Gimpel“ und die Realschüler „Retiradschüler“. Denn sie hassen alles, was eine höhere Schule besucht oder einen sauberen Rock trägt. Sie sind ein unzuverlässiges Volk, halten keine Bündnisse und kehren sich nicht an ritterliche Kampfregeln. Sie greifen nur an, wenn sie in der Überzahl sind, dann aber rücksichtslos und ohne Anlaß. „Gelbmütz“ und „Rotkappel“ sind ihre Führer, gefürchtet wegen ihrer Roheit. „Die schmeißen mit Dreck,“ behauptet die Sage.
Für Fritz und seine Freunde ist ein Gang in den Stadtpark stets mit der Gefahr verbunden, von einer erdrückenden Übermacht verprügelt zu werden. Denn wenn auch nur ein einzelner Parkindianer sie erblickt, dann ruft er mit gellendem Pfiff aus den Arbeiterhütten am Parkrand Verstärkung herbei und die Hetzjagd beginnt.
Fritz und seine Freunde +gehen+ nicht -- sie geben stets vor, mutige Renner zu reiten. Beim Verlassen der Stadt reißt sich jeder eine Gerte ab, die als Reitpeitsche dient. Damit klopfen sie sich die Waden und tänzeln dahin, während die steifgehaltene linke Faust gedachte Zügel handhabt. Dringt Übermacht auf sie ein, so rasen sie davon und geißeln sich wütend. Fritz besonders kann gänzlich das Gefühl verlieren, daß die Beine zu ihm gehören. Er schlägt sich blutige Striemen, während er atemlos vor den Verfolgern dahinjagt. Noch nie ist er eingeholt worden. Kolarczik und Schneider können auch gut rennen, doch ist er ihnen immer meterweit voraus. Sind sie dann in Sicherheit, so klopft er stolz und dankbar seine schlanken Schenkel. Er hat sie „Falko“ getauft.
An einem Winternachmittag ziehen die frisch versöhnten Freunde hinaus in den Park. Fritz tänzelt und kurbettiert auf Falko.
Weit draußen, am Ufer des dick gefrorenen Flüßchens, finden sie ein halbes Dutzend Parkindianer dabei, auf dem Eis eine lange Rutschbahn herzustellen. Es sind lauter kleine Burschen, die trotz ihrer Überzahl keinen Angriff wagen. Die drei Stadtbuben wollen aber auch nicht anfangen, denn sie wissen, daß ein kleiner Anfangserfolg sich unweigerlich in eine schließliche Niederlage verkehren müßte. Die herbeigepfiffene Verstärkung würde ihnen den Rückweg durch den Park verlegen. -- So kommt es zu einem friedlichen Einvernehmen, die Parteien bemühen sich einträchtig um die Rutschbahn. Die ist unheimlich glatt und lang und endet wenige Meter vor einer offenen Stelle, wo das schwarze wirbelnde Wasser durch das Eis dringt. Es handelt sich darum, richtig Anlauf zu nehmen, die Bahn stehend zu durchfahren und möglichst knapp vor dem Loch im Eis mit kurzem Schwung anzuhalten. Das Spiel ist fesselnd. Fritz treibt es toller als die andern. Mit wahrer Wollust läßt er sich bis hart an die Kuhle gleiten. „Weil der Vater immer sagt, ich bin ein Feigling!“ denkt er mit zusammengebissenen Zähnen. „Der weiß viel!“
Da dröhnen durch die dunstige Winterluft die Schläge der Stadtuhr herüber: Dreiviertel vier! Und um vier ist Gesangsstunde, diesmal aber wirkliche Gesangsstunde. Im Laufschritt könnte man noch annähernd zurechtkommen, die kleine Verspätung wäre leicht zu entschuldigen. -- Während Fritz noch überlegt, treten die beiden Freunde auf ihn zu: „Du denkst wegen der Gesangsstunde? Sei doch nicht blöd -- jetzt wird’s grad schön, da werden wir doch nicht schon weggehen! Schwänzen wir halt! Es kommt ja nicht raus! Und singen können wir hier überhaupt auch!“ Und Kolarczik stimmt ein kerniges Lied an. Fritz ist schnell verführt. Und sie tollen weiter auf dem Eise. Knapp nach fünf brechen sie auf, durchjagen den nächtigen Park -- hinter jedem der bereiften Büsche können Feinde lauern -- und zu angemessener Zeit landet Fritz im Elternhaus. Falko ist prachtvoll galoppiert, allerdings nicht ohne Peitsche.
Am nächsten Morgen wird Fritz in der Klasse mit den entsetzten Gesichtern, den Gebärden des Abscheus empfangen, wie sie die Mitschüler den überführten Verbrechern aus ihren Reihen zu zeigen pflegen. Er verlangt Aufklärung, doch alle ziehen sich scheu vor ihm zurück, besonders heftig Kolarczik und Schneider. Die erste Stunde, Mathematik, hat der Klassenlehrer. Er ruft sofort Kolarczik, Schneider und Fritz zu sich aufs Katheder und beginnt das Verhör: „Warum habt ihr gestern die Gesangsstunde geschwänzt?“ Und bevor Fritz noch den Mund auftun kann, um die verabredete Entschuldigung vorzubringen, legt Kolarczik schon heulend los. --
Es ist schmählicher Verrat. -- Aus Rache! Fritz ist in eine plumpe Falle geraten. Er steht starr vor Entsetzen über soviel Niedertracht: Früh morgens schon waren Kolarczik und Schneider zum Direktor gerannt und hatten weinend gebeichtet, sie hätten sich von Fritz verleiten lassen, die Gesangsstunde zu schwänzen und sie wollten es auch nie, nie, nie wieder tun. Und man möchte sie doch um Gottes willen nicht bestrafen, ihre Kostfrau sei so streng, und ihre Eltern noch mehr. Und Fritz sei doch allein an allem schuld. -- Ihr Fernbleiben war tatsächlich gar nicht bemerkt worden. Und da sie trotzdem -- dies unterstrich der Klassenlehrer salbungsvoll -- freiwillig ein reumütiges Geständnis abgelegt hätten, so sei gnadenweise von einer Bestrafung abgesehen worden. Nicht so bei Fritz, dem böswilligen Anstifter. „Du wirst vielleicht“ -- die Stimme des Lehrers knarrte vor Verachtung -- „durch gehäufte Lügen deine Schuld zu mindern, dich der wohlverdienten Strafe zu entziehen trachten! Versuche es nicht, zur Schuld noch die Schande zu fügen! Du bist überführt durch das gleichlautende Zeugnis deiner armen Mitschüler! Schweige also!“ -- Doch Fritz dachte gar nicht an Verteidigung. Er war wie gelähmt und nahm wortlos das harte Urteil hin: Zwei Stunden Karzer und Bestätigung vom Vater. -- Als er stumm auf seinen Platz zurückging, knarrte ihm die böse Stimme nach: „Ein verstockter Sünder! Nun, ich hoffe, daß dir dein Vater das Verständnis für die Tragweite deiner Handlungsweise erschließen wird! Haha!“ Die Klasse gröhlte pflichtschuldig Beifall. Kolarczik aber warf ihm hinter vorgehaltenem Buch einen Blick voll teuflischer Schadenfreude zu.
Und zufällig war am selben Vormittag die Mutter in der Schule und hörte vom Direktor brühwarm die empörende Nachricht. Sie empfing den Knaben zu Hause, bleich und bebend vor Entrüstung, sprach nur wenige schneidende Worte und schickte ihn in die kalte Küche, um die Heimkehr des Vaters abzuwarten. „Ich schlage dich nicht -- o nein! Das kann der Papa besser! Warte nur, bis er kommt!“
Der Vater kam gerade diesmal mit arger Verspätung, müde und hungrig, und war doppelt wütend, daß er noch mit Erziehungsfragen aufgehalten wurde. Er fand den Buben halb ohnmächtig von dem stundenlangen Warten auf die Exekution. Irgendeine Verteidigung ließ der Vater so wenig zu, wie es die Mutter getan hatte. Der Fall lag ja sonnenklar. Und die Züchtigung fiel darnach aus. Mehr noch als die gewiß vollwichtigen Prügel schmerzte den Jungen aber die furchtbare Beschimpfung: „Ehrloser Schuft!“ -- Und doch erfüllte ihn das Bewußtsein, daß er alle die Qualen zu Unrecht erduldete, mit grausamer Freude. Er zog nicht einmal Gretl nachher ins Vertrauen, auch Nanni und Betty nicht. Dieses stumme Leiden tröstete ihn.
31
Weitaus der feinste Mann der kleinen Stadt war der Graf Orlofsky. Zwar hatte sein Vater eine geborene Krakauer geehelicht und er selbst eine Tochter der weitbekannten Bankiersfirma Pollack & Cie. heimgeführt. Doch war aus dem Goldbad dieser beiden Verbindungen der alte Adel im Glanze neuer Reichtümer hervorgegangen. Der Graf besaß in der Umgegend riesige Güter und hatte sich in der Stadt ein prunkvolles Haus gebaut. „Das Palleeh“ hieß es bei den Einwohnern und galt allgemein als Richtungspunkt. Fragte einer der seltenen Fremden einmal nach dem Wege, so erhielt er unweigerlich die Auskunft: „Da gehen Sie bis zum Palleeh -- Sie wissen doch, vom Herrn Graf Orlofsky -- und dann rechts -- oder links hinunter -- oder grad gegenüber, die schmale Gasse ...“
Der Graf veranstaltete für seine sechs Kinder eine Tanzstunde. Und da er stark demokratische Neigungen hatte -- die wohl begreiflich waren, denn weder er noch seine Kinder wurden von der Vollblutaristokratie als gleichwertig betrachtet -- so wurden auch „Bürgerliche“ hinzugezogen. Zunächst einmal der jüngere Sohn des Herrn Geheimen Kommerzienrats Jonathan. Das war eine unerhört reiche und dementsprechend vornehme Familie, die seit Jahren ständig die Verleihung des Adels erwartete und nur in den allerfeinsten Kreisen verkehrte. Die Söhne waren unweigerlich Klassenerste und ließen sich nach der Schule gerne vom livrierten Groom mit gesattelten Pferden erwarten, um die fünfhundert Meter bis zum elterlichen Hause in kurzem Galopp zurückzulegen. Nachmittags sah man sie oft die Stadt durchtraben. Den Mitschülern gegenüber zeigten sie sich äußerst zurückhaltend und waren angesehen, viel beneidet, aber kaum geliebt. Denn selbst durch noch so hündische Unterwürfigkeit war ihnen nicht richtig beizukommen. Fritz hatte nie eine Annäherung versucht und war ihnen stets verachtungsvoll ausgewichen.