Part 4
Wieder in der Stadt. -- Max ist fort. -- Felix ist mit dem Herrn Rat aus Wien zurückgekommen. Blaß und elend. Er trägt rechts ein Glasauge, das kann er ganz schnell herausnehmen und wieder einsetzen. Nimmt er’s heraus, dann sieht die leere Augenhöhle zum Fürchten aus. Gretl kann es nicht ertragen und weint jedesmal. Auch Fritz graut davor, aber er verlangt es doch immer wieder zu sehen.
Felix erzählt von Wien, von der Untersuchung beim Hofrat. Der wollte zuerst von einer Operation nichts wissen, es sei zu spät, die Entzündung habe auch das linke Auge ergriffen. Dann habe der Herr Rat sehr gebeten, und der Hofrat sei heftig geworden und habe von der unbegreiflichen Herzlosigkeit des Vaters gesprochen. ‚Unbegreifliche Herzlosigkeit!’ -- Felix bebt vor Stolz und Schadenfreude. Fritz mit ihm. -- Und endlich habe der Professor erklärt, er wolle den Versuch wagen. Dann die Klinik, die Narkose, die Operation. Und das Erwachen im dunklen Zimmer, furchtbare Übelkeit und Schmerzen. Und der Herr Rat, der Herr Rat. Der hat im Dunkeln richtig geweint.
Der Vater darf von diesen Erzählungen nichts wissen. Gleich am ersten Abend ist er Felix scharf über den Mund gefahren. Kommt aber die Mutter ins Zimmer, wenn Felix erzählt, dann bekommt sie Tränen in die Augen und geht gleich wieder hinaus. Oft hat sie schüchterne Liebkosungen für den Ältesten.
Der Vater nicht. Der ist finster und reizbar. Und sagt merkwürdige Dinge. -- Felix gewöhnt sich nur langsam an das einseitige Sehen. Will bei Tisch eine Schüssel nehmen, und greift ins Leere. Oder er will Wasser eingießen und gießt neben das Glas. Dann sagt der Vater wohl: „Mach doch dein Aug auf,“ oder „wozu hast du denn dein Aug!“ und betont die Einzahl. Dann kämpft die Mutter mit dem Weinen, der Vater setzt wohl noch ein heftiges Wort darauf und Felix weiß, wie maßlos Unrecht ihm geschieht. Und wenn ihm auch Tränen über die Wangen laufen, so fühlt er doch geheime Märtyrerwonne.
Mit dem Herrn Rat hatte der Vater übrigens noch eine Auseinandersetzung gehabt und war dabei allen Anklagen durch den heftigen Vorwurf zuvorgekommen, der Herr Rat habe, mit dem unsinnigen Geschenk eines Teschings, die Hauptschuld. Und überhaupt müsse er sich diese Art von Einmischung verbitten. Das Unglück sei einmal geschehen -- nun ginge es nicht an, den Jungen stündlich und täglich in alle Ewigkeit zu beklagen und zu verzärteln. Er denke gar nicht daran, einen wehleidigen Jammerlappen groß zu ziehen. Der Junge müsse mit den Folgen seiner eigenen Dummheit selbst fertig zu werden lernen.
Auch diese Unterredung hatte Fritz belauscht, bebend hin- und hergerissen zwischen Haß und Ehrfurcht. Er fühlte genau, daß der Vater ein furchtbares Unrecht begangen hatte und haßte ihn dafür. Daß er das Unrecht mit keinem Wimpernzucken eingestand und durch verdoppelte Strenge deckte -- das zwang dem Jungen ehrfürchtige Scheu ab.
Felix stand vor dem Abitur, und einige mitleidige Lehrer hatten ihm und dem Vater nahe gelegt, die Prüfung um ein Jahr zu verschieben. Der Vater hatte schroff abgelehnt, der Junge selbst sich in wütendem Ehrgeiz geweigert. Nun saß er bis tief in die Nächte und lernte verbissen. Die Mutter steckte ihm heimlich Leckereien zu. Der Vater hatte nie ein Wort des Lobes oder der Anerkennung.
Die Autorität im Hause war glänzend wieder hergestellt.
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Felix hat das Abitur mit Auszeichnung bestanden. Die Lehrer, die Freunde und Bekannten, der Herr Rat vor allem, sind überschwenglichen Lobes voll über die wunderbare Leistung. Die Mutter ist stolz und glücklich. Der Vater sagt nur: „Du hast einfach deine Pflicht getan!“ und läßt sich lange bitten, bevor er erlaubt, daß der Herr Rat den Jungen auf eine Alpenreise mitnimmt.
Fritz hat das erste Gymnasialjahr hinter sich und ist als Klassendritter versetzt worden. „Berühmt ist das nicht -- die nächste Zensur muß besser werden, das bitt’ ich mir aus!“ Das war des Vaters Urteil. Es hatte wilden Trotz in Fritz geweckt, doch wagte er ihn nicht zu zeigen. Oder doch nur außer Haus. So, als ihn die alte Witwe Hausotter, in deren Kramladen er Knallerbsen, Knallblättchen, Blasrohrerbsen und ähnliches Zubehör zu kaufen pflegte, mit einem Wortschwall überschüttet: „Nein, der Herr Sanitätsrat muß aber eine Freude haben! Solche brave Kinder! Alle Auszeichnung und Auszeichnung! Der Herr Max, der Herr Soldat lernt doch auch so gut! -- Wenn ich mir denk, der Meinige! Vierzig Fehler hat er mir wieder im Aufsatz gemacht, das Gurkengesicht, das elendige!“ Da hatte er bitter geantwortet: „Mein Vater ist gar nicht so begeistert -- er sagt, das muß viel besser werden!“ -- War stolz hinausgegangen und hatte die gutmütige Alte in sprachloser Ehrfurcht zurückgelassen.
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Felix hat die Universität bezogen, mit einem schmalen Monatswechsel, doch mit einem überreichen Schatz an Ermahnungen, Vorschriften und Verboten ausgestattet. „Das nächtelange Herumsaufen verbiete ich unbedingt! Ich dulde es nicht! Du ißt deine bescheidene Mahlzeit, und darfst meinetwegen abends einen Schoppen Bier dazu trinken -- mehr keinesfalls -- und gehst dann sofort in dein Quartier! Verstanden?“ So der Vater. Felix hatte demütig zugestimmt. -- Doch kurz vor der Abreise, als Fritz ihm neidisch beim Einpacken zuschaute, hatte er sich doch zu einer lästerlichen Bemerkung hinreißen lassen: „Verbieten ... Ich dulde es nicht ... ich befehle! -- Ein Schoppen Bier, lächerlich! -- Ich werd ihn schon nicht um Erlaubnis fragen! Ich bin jetzt Student!“ Dann hatte er, erschrocken über die eigene Kühnheit, abgebrochen und in Fritzens Gesicht zu lesen versucht, ob der wohl das übereilte Vertrauen mißbrauchen würde. Doch Fritz dachte nicht an Verrat. Er begrüßte die Auflehnung und fand eine fast schmerzhafte Freude darin, die unnütz übertriebenen Verbote zu verlachen. Dann war der Herr Rat mit Felix nach Wien gefahren. Die Tafelrunde zu Hause war nun klein: Der Vater saß mit dem Rücken zum Fenster, zu seiner Rechten Gretl, links die Mutter, Fritz, im vollen Licht, ihm gegenüber. Bei den Mahlzeiten regnete es Erziehungsmaßnahmen: „Wie hältst du den Löffel, zum Donnerwetter! So ißt kein anständiger Mensch! -- Da, schau dir die Gretl an, wie die geschickt und sauber ißt!“ -- Fritz hat den Kopf tief über den Teller gebeugt und schielt giftig nach Gretl hinüber: sie macht es genau so wie er, aber er wird geschimpft, und sie gelobt. Wilder Haß steigt in ihm auf. Er wartet, bis der Vater wegsieht, rutscht vorsichtig auf seinem Sessel vor und schickt der Schwester quer übers Eck einen wütenden Fußtritt hinüber. Fein getroffen, ins Schienbein! Das tut sicher verdammt weh! Der Vater hat nichts gemerkt, wohl aber die Mutter. Sie beginnt ein entsetztes Augenspiel. Gretl ist zusammengezuckt, ihr Gesicht verzieht sich krampfhaft, sie möchte weinen, unterdrückt es aber mit aller Gewalt. Nur zwei Tränen kugeln ihr langsam über das gute, runde Gesichtel. Der Vater merkt nichts. Der Aufbau von Karaffen und Kelchgläsern zu seiner Rechten engt das Gesichtsfeld ein, und Gretl hält sich hinter dem Bollwerk versteckt. -- Fritz weiß genau, wenn sie jetzt laut weint, oder wenn der Vater ihr stummes Weinen merkt, dann gibt es furchtbare Prügel. Im Jähzorn überlegt der Vater nie, wohin er schlägt, und wie stark. Todesangst sitzt in dem Jungen, lähmende Angst, und doch auch wonnig kitzelnd. Aber der Vater merkt nichts. Und Gretl petzt nicht. Sie hat das Weinen unterdrückt und wirft, aus nassen Augen, dem Bruder nur kurz einen vorwurfsvollen Klageblick zu.
Nachmittag beim Spaziergang erzählt er ihr stundenlang vom „Krieg“ -- wie er, allein, in die von künstlichem Feuer umgürtete Burg des tschechischen Hauptmanns eingedrungen sei, ihn bekämpft Und überwunden habe. -- Die Siegfriedsage. --
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Fritz hat in seiner Klasse zwei Freunde gewonnen, den Kolarczik Oskar und den Schneider Josef, beide recht üble Bürschchen von etwas dunkler Abstammung und entschieden mangelhafter Erziehung. Nach Hause darf er sie nicht mitbringen, denn sie essen alles mit den Fingern und sind durchaus nicht sauber gewaschen. Darum hat ihm die Mutter, nach einem ersten probeweisen Besuch, den Verkehr mit ihnen überhaupt verboten. Natürlich trifft Fritz sie nun gewissenhaft auf dem Wege von und zur Schule, hat sich in der Klasse einen Platz in ihrer Nähe gesichert, teilt sein reichliches Frühstücksbrot mit ihnen, und bringt die kurzen Stunden, die er sich nachmittag, unter irgendwelchen lügenhaften Vorwänden, von Hause fortstehlen kann, mit ihnen zu. Das Spielen im Freien ist ihm nämlich nicht erlaubt, ebensowenig der Besuch von nicht bei ihren Eltern wohnenden Schulkameraden, und auch diese Besuche nur, wenn erstens die Eltern anerkannt würdige Leute sind, und zweitens eine richtige Einladung erfolgt ist. Diese förmlichen Nachmittagsbesuche aber sind Fritz ein Greuel, denn unglücklicherweise haben die Leute, die den Eltern als Verkehr zusagen, meist gräßlich zahme und langweilige Musterkinder. Doch Widerspruch gibt es nicht. „Deinen Verkehr haben wir zu bestimmen,“ sagt der Vater. „Ich dulde es nicht, daß du dich mit Gassenbuben herumtreibst!“
Also gibt Fritz nun fast täglich in den späten Nachmittagsstunden Übungen des Schülerchors vor, dem er tatsächlich angehört. Dagegen können die Eltern nichts einwenden, denn der Schülerchor ist das Steckenpferd des Rektors, und dieser ruft die Jungen wirklich weit öfter zu Übungen zusammen, als im Unterrichtsplan vorgesehen ist. Dort steht nur eine Gesangsstunde wöchentlich. Die leiseste Weigerung der Eltern, ihre Kinder an diesen häufigen Proben teilnehmen zu lassen, würde der Rektor als persönliche Beleidigung auffassen. Das alles weiß Fritz genau, weiß auch, daß die Mutter also nie bei ihren Erkundigungen in der Schule ein Wort über die vielen Gesangsstunden wagen würde. So lügt er munter los und weiht die gewonnene Zeit den Freunden. Entweder in dem weiten, alten Stadtpark, bei wilden und verruchten Spielen, oder, lieber noch, in dem dumpfigen, düsteren Hinterzimmer, das die beiden als „Koststudenten“ bei einer ältlichen Witwe zweifelhaften Gewerbes bewohnen. Das Haus, alt und winkelig, liegt in einem elenden Seitengäßchen des Armeleuteviertels. Es hat steile, enge Stiegen, wahre Hühnerleitern, schmale, nie gelüftete Flure, auf die zahllose Kleinwohnungen münden. Es riecht nach unnennbaren Speisen, und ewig gibt’s Krawall -- Kinder werden geprügelt, Weiber zanken, oder Eheleute liegen sich in den Haaren. Fritz keucht jedesmal vor Aufregung, wenn er bei seinen Freunden landet. Wenn er gesehen und erkannt würde! Der Vater! -- Aber die Witwe freut sich über den feinen Besuch, tätschelt ihm wohlwollend den Kopf und sagt schmeichelhafte Dinge. Und die Freunde ehren den Patriziersohn auf ihre Weise, indem sie die Leckerbissen, die er mitbringt, überschwenglich loben, und gierig verschlingen.
Kolarczik ist übrigens fast fünfzehn, reichlich drei Jahre zu alt für seine Klasse. Sein Bildungsgang ist etwas verworren, um so reifer seine Weltanschauung. Er hat Kenntnisse von Wein, Weib und Gesang, die, im zweiten Punkt, wohl anatomisch falsch oder unvollständig, jedenfalls aber von keinerlei schamhafter Zurückhaltung getrübt sind. Er weiß zahllose Liedlein, die mit kerniger Eindeutigkeit geheime Vorgänge schildern, und singt sie gern mit seiner brüchigen Wechselstimme. Fritz und Schneider Josef müssen die Kehrreime mitsingen. Fritz versteht kaum den zehnten Teil -- er ist gänzlich unwissend in geschlechtlichen Dingen, wenn ihn auch längst schon Ahnungen peinigen. Zu fragen wagt er nicht, weil er sich keine Blöße geben will. Irgendwann einmal verrät er aber doch in einer unüberlegten Bemerkung, die gerade recht großspurig wüst klingen sollte, seine völlige Unschuld. Die Freunde verlachen ihn furchtbar, lassen sich aber schließlich herbei, ihm auf ihre Art Bescheid zu sagen. Fritz hört mit heißen Wangen zu. Seine Achtung vor Vater und Mutter bekommt einen furchtbaren Stoß. -- Schöne Sachen treiben die! Deswegen darf er nie ins Schlafzimmer!
Die Enthüllung beschäftigt ihn nachhaltig und bei irgendeiner Gelegenheit vermag er der Versuchung nicht zu widerstehen, der Schwester gegenüber sein Wissen wenigstens anzudeuten. „Was denn -- der Storch! Sei doch nicht so blöd! -- Die Kinder werden der Mutter aus dem Bauch geschnitten, daß du’s weißt!“ Gretl horcht, wie immer, gläubig und mit regster Anteilnahme. Irgendwelche Vorstellung verbindet sie mit dem Gehörten nicht.
Kurz darauf kommt Fritz eines Mittags aus der Schule nach Hause; im Vorraum läuft ihm Gretl arg verweint in den Weg und macht ihm ein flehendes Warnungszeichen. Doch da ist schon die Mutter zur Stelle, mit merkwürdig verbissenem Gesicht -- wenn sie die Zungenspitze so zwischen die Zähne klemmt, dann gibt’s was -- faßt den Jungen hart am Arm und führt ihn in die kalte Küche, ganz am Ende der Wohnung. Dort liegt schon ein Rohrstock bereit. Ein kurzes Verhör: „Wie darfst du dich unterstehen, der Gretl so unerhört unanständige Sachen zu erzählen? Und so unverschämte Lügen!?“ -- „Aber was ist denn ... ich hab doch nix gesagt ... ich ...“ stottert Fritz, der wirklich nicht weiß, was los ist. Er denkt an den „Krieg“ -- aber das wär doch nicht so schlimm? -- Die Mutter schüttelt ihn: „Lüg’ nur nicht! Mir machst du nichts vor! -- Was sagst du? es nicht wahr, daß der Storch die Kinder bringt? Und was hast du noch gesagt?“ -- Die Stimme bricht ihr vor Wut und sie beginnt zu schlagen, lange und mitleidslos. Der dünne Rohrstock zieht schmerzhafte Striemen über Rücken, Arme und Beine. Fritz heult furchtbar und denkt dabei doch noch entsetzt, ob wohl „alles“ herausgekommen sei, die Besuche bei den Freunden und das. Endlich hört die Mutter atemlos auf und fragt ihn abgerissen, böse: „Wirst du sowas noch einmal sagen? Ha?“ Fritz schüttelt heulend den Kopf. „Wer bringt die Kinder?“ -- Fritz wagt nicht gleich zu antworten, er wittert eine Falle. Doch da klatscht schon eine böse Ohrfeige und er stößt fast schreiend heraus: „Der Storch!“ Die Mutter geht hinaus -- er wartet eine Weile, trocknet sich krampfhaft die Augen und schleicht dann in die Vorderwohnung. Im Kinderzimmer sitzt Gretl in einem Winkel und weint still vor sich hin. Fritz fühlt giftigen Haß gegen die Schwester. Er zischt: „Was ist los? Hast du gepetzt?“ -- Gretl verneint entsetzt und weint weiter. Er muß sie erst mit einem saftigen Puff zum Sprechen bringen. Dann kommt stockend die Wahrheit: Gretl hat ihren Schulfreundinnen, den Zwillingen des Apothekers, Fritzens Entdeckung weitererzählt. Und die Frau Apotheker ist sich zur Mutter beschweren gekommen. ‚So leid es ihr tue, müsse sie ihren Mäderln wohl den Verkehr verbieten, denn solche Sachen ...’ Und die Mutter hatte sofort Gretl vorgenommen, und die mußte wohl oder übel eingestehen, woher ihr das Wissen gekommen war. Und Gretl hatte, zum ersten Male, einen Hieb bekommen: „Da schau!“ jammert sie, und zeigt einen blaßroten Streifen auf dem Unterarm. „Ja, da schau!“ äfft Fritz wütend nach, streift die Strümpfe von den Beinen und zeigt ihr die breitaufgeschwollenen dunklen Striemen. „Dumme Gans, mußt du alles gleich weitertratschen! Ich könnt dich so dreschen!“ -- „Und es ist alles gar nicht wahr!“ trumpft Gretl auf. Doch gleich fällt ihr ein, was die Mutter noch gesagt hat: „Und die Schande, wenn die anständigen Kinder gar nicht mehr mit mir verkehren dürfen! Und nur wegen dir, weil du mich so angelogen hast! Alles gar nicht wahr!“ Fritz kämpft mit dem wütenden Wunsch, den Vorwurf zu widerlegen. Er weiß genau, daß das mit dem Storch dummer Schwindel ist. Doch die Selbsterhaltung siegt. Wenn Gretl wieder klatscht, dann schlagen sie ihn wohl tot. Aber irgendwie muß sich seine Wut Luft machen. „Ah du, Kohlhobel, verdammter!“ flüstert er. „Seitdem du auf der Welt bist, ist es nimmer schön für mich! Früher, da war der Vater gut zu mir, und hat mich in Schutz genommen. Und jetzt krieg ich Dresch’, und Ohrfeigen, und Schimpfe -- alles wegen dir! Bis ich mich einmal umbring’!“ Und er heult auf, vor Mitleid mit sich selbst. -- Da ist Gretl schon bei ihm, streichelt ihn, spricht ihm zu. „Ich kann doch nix dafür, schau, Fritzl, ich kann doch nix dafür!“ Und sie weint herzbrechend. Fritz muß sie schnell beruhigen, denn er hört den Vater nach Hause kommen. Die Mutter ist bei ihm im Zimmer. Nun sitzen die Kinder, käseweiß, zitternd, und warten, was noch kommen soll.
Doch es kommt nichts mehr. Der Vater ist finster, erwidert den Gruß nicht, spricht bei Tisch kein Wort -- aber es geschieht nichts weiter. Als ob er gar nichts wüßte. Und die Mutter hat es ihm doch ganz bestimmt gesagt. Und in Fritz regt sich, ganz geheim und schüchtern vorerst, ein neuer Gedanke: „Aha, er schämt sich -- weil ich die +Wahrheit+ weiß! -- Aber die Mutter? -- Gott, die Mutter -- die kann halt besser lügen!“
Nach Tisch, während die Eltern Siesta halten, schleicht Fritz zur alten Nanni in die Küche und klagt ihr sein Leid. Er zieht Jacke und Hemd aus, zeigt ihr den übel zerschlagenen Rücken. Die Alte stottert vor Erbarmen: „Aber mein Gott im Himmel, so därf man a Kind doch nie schlagen ... und wegen sowas ... Jesus Maria, ich därf ja nix sagen ... aber Fritzerle ...!“ Sie weint über ihm, und auch Fritzens Tränen fließen neu, doch diesmal sind sie süß. Die Alte holt Läppchen, tränkt sie in Öl, reibt leise, vorsichtig die bösen, dunkelblauen Striemen ein. Betty, das Stubenmädchen, kommt vom Aufräumen aus dem Eßzimmer und beteiligt sich an dem Liebeswerk. Ihre Augen glitzern. Fritz fühlt an seinem bloßen Fleisch da und dort die Berührung des weichen Mädchenkörpers und ein ungekanntes Gefühl durchrieselt ihn. Sein Wissen um lasterhafte Geheimnisse wird rege.
Im Schlafzimmer sagt derweil die Mutter zum Vater: „Ich habe ihn fest durchgewichst. Das wird er sich wohl merken!“
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Fritz geht es in der Schule nicht gut. -- Nicht, daß er dumm wäre. Die Lehrer sind sich einig darüber, daß er sogar „einen sehr guten Kopf“ hat. -- Aber sie wissen alle, daß er faul ist, die Hausaufgaben meist erst in der Schule macht, kurz vor Beginn des Unterrichts, oder sogar während der Stunde, in der er geprüft werden soll. Manchmal erwischen sie ihn, meist aber rettet ihn sein gutes Gedächtnis, und er rutscht an dem „Ungenügend“ vorbei. Auch ist er unaufmerksam, und schwätzt, und zeigt gelegentlich Ansätze zu Unbotmäßigkeit und frecher Kritik. Der Ehrgeiz und der verbissene Lerneifer seines älteren Bruders Felix, rühmlicher Erinnerung, sind ihm fremd.
Darum lieben sie ihn nicht und zwicken ihn gern. Wenn Vater oder Mutter in die Schule kommen, um nachzufragen, dann erhalten sie unerfreulichen Bescheid: „Der Junge ist begabt, er könnte viel leisten. Aber er hat zuviel Allotria im Kopf! Er müßte wohl kürzer gehalten werden!“ Die Eltern hören den Vorwurf heraus -- als ob sie dem Jungen zuviel Freiheit ließen -- und ärgern sich wütend. Besonders der Vater. Ihm zeigt der Junge bei den eindringlichsten Strafpredigten, doch auch sonst meist, ein fast dämlich starres Gesicht, hört wortlos, mit niedergeschlagenen Augen, alles an -- Ermahnungen, Drohungen, Verbote, Befehle. Der Vater fühlt, daß diese augenscheinliche Fügsamkeit eine Maske ist, hinter der sich Auflehnung oder Trotz verbergen mögen. Doch scheint ihm der Gedanke so ungeheuerlich, daß er es vorzieht, den Jungen für einen Schleicher und Duckmäuser zu halten, für ehrlos kurzum. Das sagt er ihm auch immer wieder, und Fritzens Liebe für ihn wird dadurch nicht gesteigert, doch seine Ehrfurcht nimmt Schaden. „Der Alte kann lang reden,“ sagt Fritz dann verächtlich zur Schwester, „der weiß viel, wer ich bin!“ Und er erzählt ihr vom Krieg.
Der heimliche Verkehr mit den Freunden dauert an. Fritz hat ihnen erzählt, daß er wegen der Storchgeschichte Prügel bekommen hat. Das hat ihren Spott geweckt, aber doch auch eine gewisse Hochachtung vor dem feinen Haus, in dem die Naturgesetze willkürlich abgeleugnet werden. Zum Überfluß hat Fritz ihnen anvertraut, daß er gar nicht der richtige Sohn seiner jetzigen angeblichen Eltern ist, sondern ein Grafenkind, und daß er bis zu seinem zehnten Lebensjahr auf einem riesigen Gut, tief drinnen in Ungarn, aufgewachsen sei, mit Pferden, Hunden und Jagd. „Kannst du auch Ungarisch?“ fragen sie ihn. „Natürlich,“ sagt er stolz und spricht einige Sätze eines selbsterfundenen Kauderwelsch. Dann erzählt er von Bayard, seinem Lieblingsroß, von den Fuchshetzen und der Jagd auf Bär und Eber, nur mit dem kurzen Spieß und den treuen Hunden. Er kommt ins Feuer beim Erzählen, und die Freunde hören ihm gerne zu. Ihr Stillschweigen hat er sich durch furchtbaren Eid gesichert.
Kolarczik fühlt, daß er sein Ansehen als Ältester wahren muß, da ihn Fritz sonst ganz in den Schatten stellt. Darum erzählt er von seinem Vater, der sich totgesoffen habe. „Im Irrenhaus ist er gestorben. Die Ärzte haben gesagt ~Desiderium tramons~ oder sowas.“ „~Desiderium~,“ so weit reichten grade noch die Lateinkenntnisse der drei. Weit entfernt von jeder moralistischen Ablehnung, empfinden sie vielmehr tiefe Ehrfurcht vor der merkwürdigen Todesart. Kolarczik hat wieder das Übergewicht. Der Grafensohn ist beinahe ausgeglichen. Sie möchten selbst zu trinken anfangen, aber das Geld reicht nicht dazu. Fritz hat zehn Pfennige Monatsgeld. Sein Vater sagt: „Essen, trinken, schlafen kannst du zu Hause, Bücher und Kleider werden dir gekauft -- also brauchst du kein Geld!“ Hin und wieder steckt ihm wohl der Herr Rat oder sonst ein Freund des Hauses ein paar Groschen zu, vielleicht gar eine Mark. Doch das sind seltene Glücksfälle. Und die Schulbücher kann man doch nur zu Ende des Jahres verkaufen. Schließlich ergibt sich ein Ausweg: Schneider Josef gehört zu den armen Schülern, die vom Hilfsverein für freien Mittagstisch oder monatliche Unterstützung empfohlen werden. Nun setzt es Fritz bei der Mutter durch, daß er sich monatlich einen Taler holen darf. Schneider Josef tut natürlich begeistert mit; so oft er aber seine Spende einkassiert hat, lauert ihn Fritz auf der Treppe ab und läßt sich sein Drittel, eine Mark, auszahlen. Dann geht es auf der finsteren Studentenbude ein paar Tage lang hoch her, mit Bier, Rollmöpsen und Zigaretten. Wein ist zu teuer, und Schnaps ist zu scharf. „Aber von Bier muß man so viel trinken, bis man richtig besoffen ist,“ meint Kolarczik. „Das ist fad! -- Ihr habt’s doch so einen großen Weinkeller -- schau halt, daß du ein paar Flaschen klauen kannst!“ Fritz wehrt sich zunächst -- die Gefahren des Unternehmens sind ungeheuer. Aber die Freunde lassen nicht nach: „Ein schöner Grafensohn!“ höhnen sie. „Wenn’s einmal heißt, Kurasche haben, macht er in die Hosen!“ Das gibt den Ausschlag. Kurz darauf bringt Fritz zwei dickverstaubte Flaschen an. Mehr hat er nicht unbemerkt fortbringen können. Es ist uralter Bordeaux, ganz trüb vom Schütteln. Sie trinken ihn aus schlechtgespülten Biergläsern und singen wüste Lieder dazu. Die Witwe kommt herein und tut mit. Sie setzt sich neben Kolarczik, der sie dreist anfaßt, schlenkert mit den Beinen, daß man die groben, blau und weiß geringelten Strümpfe bis zum Knie hinan sieht. Sie ist recht unsauber und riecht stark. Fritz ist dabei übel zumut. Er fühlt sich als todeswürdiger Verbrecher, hat entsetzliche Angst vor Entdeckung -- und ist doch prickelnd aufgeregt und stolz. -- Bevor er nach Hause geht, rennt er im bloßen Rock in der Winterluft auf und ab und kaut Pfefferminz, um den Tabak- und Weingeruch loszuwerden. In der Dienstbotenkammer zieht er rasch den Hausanzug an und versteckt die verrauchten Kleider. Betty ist ihm beim Umziehen behilflich, mit merkwürdig eindringlichen Griffen. Fritz hält sich zeitweilig an ihrer Brust an, und sie läßt es geschehen. „Die ist verrückt auf mich!“ denkt er. Aber sein Sieg macht ihm Angst.
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