Part 3
Das Abendessen wird den beiden im Kinderzimmer aufgetragen. Die Eltern essen später. Dann sitzen die Kinder unter der Hängelampe am Mitteltisch, die einen scharfen Lichtkegel herunterwirft und die Ecken im Halbdunkel läßt. Der Weg zur Küche führt durch ein fensterloses Durchgangszimmer, dessen Tür zum Kinderzimmer stets offen steht und das abends samtig schwarz und böse hereinglotzt. Immer sitzen sie so, daß Gretl die dunkle Türöffnung im Rücken hat, und Fritz ihr gegenüber. Dann braucht er nur, während des Essens, das Besteck sinken zu lassen und mit weitaufgerissenen Augen in die Finsternis zu starren, stöhnend: „Was seh’ ich -- was seh’ ich!“ -- und Gretl weint auf, birgt entsetzt das Gesicht in den Händen und rast wohl auch halb wahnsinnig vor Angst hinaus, um bei der alten Köchin Trost zu suchen. Fritz gellt ihr ein Hohngelächter nach und freut sich lasterhaft. Er weiß genau, daß die Kleine, was sie sonst haßt, lieber lügen, als ihn je angeben würde. Sie kann es nicht sehen, wenn er Prügel bekommt. Und prügeln würde ihn der Vater furchtbar, käme es je zu Tage, daß er den kleinen Liebling ängstigt. Aber Gretl petzt nicht, auch nicht in sinnlosester Angst. -- Um sie zu versöhnen, muß er vom „Krieg“ erzählen. Einmal nämlich hat er ihr, als kein anderes Beruhigungsmittel verfangen wollte, mit Verschwörergeste anvertraut, er sei der Führer einer großen Buben-Armee, die Nacht um Nacht den Jungen aus den tschechischen Dörfern große Schlachten liefere. Sie mußte einen gräßlichen Eid darauf schwören, daß sie das Geheimnis unverbrüchlich wahren wolle -- auch auf der Folter, und bis zum Tode. Diese erste Lüge wagte er nicht zu widerrufen, sie aber verlangte, vom Reiz des Geheimnisvollen gestachelt, immer mehr, immer Neues zu wissen. Und er erzählte. Alle Lesefrüchte aus finsteren Indianer-, Ritter- und Mordgeschichten, die er sich von Schulfreunden geliehen, alle grausigen Mären, die er den Dienstleuten abgelauscht hatte; aber auch alles, was ihm bei Tag und Nacht, in Traum und Sehnsucht vorschwebte -- alles verwob er in seine Erzählung vom „Krieg“. Waren die Kinder allein und ungestört, vor dem Schlafengehen, oder bei den leidigen Familienspaziergängen, wo sie vor den Eltern hergehen mußten -- immer drängte die Schwester, und er begann flüsternd und geheimnisvoll zu erzählen, stets bereit, mit gemachter Unbefangenheit das Thema zu wechseln, wenn Unberufene in die Nähe kamen. Die Schwester hörte ihm gläubig und atemlos gespannt zu. Der Junge genoß die Heldenrolle vollauf, doch verrannte er sich beim Erzählen oft so heftig in seine Fabelwelt, daß ihm die Rückkehr zur trüben Wirklichkeit -- Schulgang, Hausaufgaben und strengste Aufsicht -- bitter schwer schien und er sich plötzlich einmal in jähem Ausbruch den Tod wünschen konnte. Die kleine Schwester, ohne jede Ahnung der Zusammenhänge, nahm ihn auch in seinen Selbstmordgedanken furchtbar ernst, redete ihm weinend zu, bettelte und flehte, und war glückselig, wenn er schließlich groß erklärte, er werde eben doch leben bleiben. Sie liebte ihn sehr.
18
Wieder ist Sommer, und die Familie ist hinauf in das Landhaus gezogen. Gretl hat eben schreiben gelernt und trägt in ein kleines Notizbuch in kurzen Schlagworten alles Unrecht ein, das Fritz oder Felix ihr tun. Diese Buchführung soll eine furchtbare Drohung sein, bleibt es aber nicht lange, denn es zeigt sich, daß die Kleine ihr Büchlein vor Vater und Mutter ängstlich geheimhält. Einmal nennt Fritz sie im Streit „Krüppel“. Die Kleine hört eine furchtbare Beschimpfung aus dem ungewohnten Wort heraus, holt zitternd ihr Büchlein und beginnt zu schreiben. Über der Anstrengung, die großen, ungelenken Buchstaben in den engen Raum zu pressen, versiegen ihre Tränen und schließlich überschaut sie mit listigem Lächeln ihr Werk. Da reißt ihr Fritz das Buch aus der Hand, klettert damit auf einen hohen Schrank und liest, während sie unten in höchster Wut tanzt, die Eintragung: „Fiz mir eimal Griebel sagt.“ Brüllendes Hohngelächter, in das auch Felix gnädig einstimmt, der eben hinzukommt. Gretl ist außer sich vor Zorn, spuckt nach Felix, beißt Fritz ins Bein und rennt schließlich, als sie ihr liebes Büchlein wieder hat, davon und versteckt sich im Garten.
19
Max ist, seit Jahresfrist zum ersten Mal, auf Ferien gekommen. Er ist noch immer der stämmige, gelenkige Knirps, und der vorschriftsmäßig glattgeschorene Rundkopf und die aufs Wachsen berechnete Kommiß-Uniform lassen ihn etwas dürftig erscheinen. Aber er fühlt sich gewaltig und zeigt mit namenlosem Stolz den Mittelfinger der rechten Hand, an dem er sich bei irgendeiner höchst überflüssigen Verrichtung den Nagel abgequetscht hat. Die Fingerkappe ist kugelig verdickt, der neue Nagel bleistiftstark und hart wie Stahl. „Probiert’s einmal,“ sagt er zu den Brüdern, „schneidets ihn ab, mit der Schere oder mit dem Messer, da!“ Und sie können es nicht. „Den muß ich mir immer mit der Laubsäge absägen! Mein Lieber!“ So trumpft Max auf, und die Brüder horchen stumm.
Fritz trägt an einer furchtbaren Enttäuschung --, er hat fest daran geglaubt, daß Max Pferde mitbringen würde. Oft und oft hatte er es sich sogar ausgemalt, daß der Bruder überhaupt vierspännig anfahren würde. Als er ihn dann, klein und unscheinbar unter den vielen großen Menschen, aus dem Zuge klettern sah, verbiß er das Weinen und klammerte sich krampfhaft an die Hoffnung, die Pferde, oder doch +das+ Pferd würden nachkommen. Zu fragen wagt er die ersten Tage nicht, der Bruder ist ihm entfremdet und entrückt, er steht im Mittelpunkt des Interesses, die Mutter hätschelt ihn, der Vater hört ihn gnädig an und stellt sogar gelegentlich gönnerhafte Fragen. Felix zeigt ihm höflichste Hochachtung, und Gretl staunt ihn mit runden Augen an. Das ist nicht mehr der Max von einst. -- Nach geraumer Zeit erst beginnt Fritz die Scheu zu überwinden, rafft sich zu Anspielungen auf, die unbeachtet bleiben, und endlich zu einer unverhüllten Mahnung. Die Antwort ist niederschmetternd: „Pferde, natürlich hab’ ich Pferde, drei sogar, ich reit’ jeden Tag ein paar Stunden,“ lügt Max großartig. „Aber ich werd doch +dir+ keins mitbringen, du kannst doch nichts damit anfangen! So ein Tschuller!“ -- „Aber du hast doch versprochen ...“ wehklagt der Kleine. Doch Max bleibt unnahbar. „Ja, versprochen!“ höhnt er. „Mit der linken Hand hab’ ich dabei eine Faust gemacht, das hast du nicht gesehn. Da gilt das Versprechen nix! So ein Tschuller, laßt sich anschmieren!“ Er brüllt vor Lachen, und Felix meckert höflich beflissen mit. An Fritz nagt verbissene Wut.
Abends kommt der Vater vom Pirschgang mit einem starken Bock heim. Bei Tisch erzählt er mit Jägerfreude alle Einzelheiten der Erlegung. Die Familie lauscht andächtig, nur Fritz wetzt unruhig hin und her und platzt in den allgemeinen Beifall hinein: „Bitt’ schön, der Max hat aber gesagt, das ist eine Grausamkeit, so ein armes Reh erschießen, was einem nix getan hat! Was das schon für eine Kunst ist, hat er gesagt!“ Mutter und Kinder sitzen starr vor Schreck. Felix wird totenblaß, er weiß ja, daß Max tatsächlich einmal im Schlafzimmer die furchtbare Lästerung ausgestoßen hat, weiß aber auch, daß sie gewiß nicht für des Vaters Ohren bestimmt war. Wenn der Kleine ihn nun als Zeugen anruft -- was soll er sagen? -- Max hat einen roten Kopf bekommen und wartet bockig ab. Aus dem Augenwinkel schießt er dem Bruder einen Blick zu, der nichts Gutes verspricht. -- Die Mutter möchte vermitteln, blickt ängstlich auf den Gatten, vorwurfsvoll auf Fritz, mahnend auf die anderen. -- Gretl hat nichts verstanden, doch spürt sie den allgemeinen Druck und macht ängstliche Augen. Der Vater hat das unnahbarste Hoheitsgesicht aufgesetzt, blickt wie aus Wolkenhöhen auf Max herab und fragt mit starker Stimme: „Ist das wahr?“ -- Keine Antwort. Max schweigt bockig. Und das übliche Donnerwetter hebt an: „Du bist der größte Schafskopf, der mir je untergekommen ist.“ Die Stimme wird heftiger, jetzt und jetzt muß es Hiebe setzen. Da rettet Gretl den Bedrohten, indem sie in angstvollem Mitleid aufweint und den Kopf in der Mutter Kleid verbirgt. Dem kann der Vater nicht widerstehen, er nimmt das Mädel auf den Schoß, streichelt sie, spricht ihr zu. „Nicht schlagen, Max! Nicht schlagen!“ schluchzt Gretl. „Aber nein, wer denkt denn dran! Wein’ nur nicht!“ knurrt der Vater zärtlich. „Verdient hättest du’s ja, Lausbub!“ Dies mit einem letzten Wutblick zu Max. Doch das Gewitter ist gebrochen. Die Mutter greift rasch ein, schickt Fritz zu Bett, winkt Felix, daß er dem Vater die lange türkische Pfeife mit allem Zubehör zureiche, legt selbst die Abendzeitung zurecht und nimmt dann Gretl auf den Arm, um sie ins Schlafzimmer zu tragen. Felix und Max sitzen lautlos und atmen die starkduftenden Tabakwolken ein, die hinter der Zeitung hervorwirbeln. Sie wagen weder zu lesen, noch irgendein Brettspiel zu beginnen, noch gar miteinander zu flüstern. Max zeigt nur unter dem Tisch eine furchtbar geballte Faust und winkt vielsagend nach dem Bubenzimmer. -- Dort liegt Fritz mit weitoffenen Augen im Dunklen. Die Mutter kommt nochmals nach ihm sehen, nachdem sie Gretl zur Ruhe gebracht hat, setzt sich an den Bettrand und fragt vorwurfsvoll, fast weinerlich: „Wie konntest du nur, Fritz, wie konntest du nur?“ -- „Weil er mir kein Pferd mitgebracht hat! -- Und weil er mich noch ausgelacht hat!“ gibt Fritz trotzig und ungerührt zurück. Die Mutter erhebt sich kopfschüttelnd und läßt ihn allein.
Er liegt noch wach, als die Brüder eine Stunde später schlafen gehen. Max möchte ihn leidenschaftlich gern prügeln, aber der Kleine zischt giftig: „Trau dich nicht! -- Ich weiß noch ganz was anderes auf dich!“ Da strafen sie ihn mit Verachtung. Max erzählt im Dunkeln, ausdrücklich nur an Felix gewendet, wie es im Kadettenkorps den Angebern ginge: „Der kriegt eine Decke über’n Kopf und wird so gehaut, so gehaut, sag’ ich dir, daß er sich gar nimmer auskennt! Voriges Jahr haben sie einen totgeschlagen, und niemand hat gewußt, wer’s war! Mein Lieber!“ Das letzte ist eine faustdicke Lüge. Aber Fritz schaudert vor Angst und die anderen fühlen es erfreut.
20
Der älteste und weitaus beste Freund der Familie ist der Kommerzienrat Arnold, ein reicher Großkaufmann, alter Junggeselle und großer Feinschmecker, der rundlich, vergnügt und behäbig von seinen Renten lebt. Er liebt die Kinder sehr, doch Felix, den verschüchterten, geduckten Jungen hat er ins Herz geschlossen. Ihm zuliebe kann er sich sogar zu einem Widerspruch gegen den Vater aufraffen, in dem er sonst den Gewaltmenschen ein wenig fürchtet und zugleich den Arzt seines Vertrauens verehrt. -- Alljährlich bringt er ein paar Sommerwochen in Weißwasser zu, dem Landhaus der Familie. Altväterisch kommt er im eigenen Wagen angefahren, mit großen, alten Lederkoffern, deren unergründliche Tiefen für jedes der Kinder, doch auch für die alten Dienstleute gediegene Geschenke bergen. Ein Herzleiden verbietet ihm weite Bergwanderungen, doch zwingt ihn Rücksicht auf sein Wohlbefinden mehrmals täglich zu kleinen Verdauungsspaziergängen, auf denen er sich gerne von einem oder zwei der Kinder begleiten läßt. Das entmenschte, lallende Kauderwelsch, das viele Erwachsene für die richtige Verkehrssprache mit Kindern halten, liegt ihm nicht. Er nimmt die Kinder richtig ernst, hört ihren Erzählungen aufmerksam zu und gibt gewichtigen Rat, wie ein böses Steckenpferd zu bändigen, oder eine schlechtschießende Holzpistole zu verbessern sein könnte. Gelegentlich läßt er sich auch in Spiele mit hineinziehen, doch immer nur in passiven Rollen, die keinerlei Bewegung erfordern. So läßt er sich gern als wilder Elefant mit größter Vorsicht beschleichen und lebendig fangen, während er in Wahrheit auf einem schattigen Aussichtsplätzchen seine Morgenzigarre raucht. Am liebsten aber schmiedet er Knittelverse, in denen die Ereignisse des Alltags festgehalten werden. Dabei tut Fritz mit größter Begeisterung mit. Er behält alles nach einmaligem Zuhören und trägt oft abends, nach Tisch, lange Dichtungen vor. Dann lachen alle, der Vater schmunzelt geschmeichelt, lobt ihn, schenkt ihm einen Groschen oder läßt ihn auch, was mehr gilt, einen Schluck Wein trinken. Abends ärgern ihn dann die Brüder im Schlafzimmer. Felix aus Eifersucht, weil er den Kommerzienrat als seinen persönlichen Schutzpatron betrachtet, und Max, weil ihm Verse ein Greuel sind. Und beide aus Neid, weil ihn der Vater vorübergehend wieder bevorzugt. Für kurze Tage ist er wieder das „Stutzerle“.
21
Felix hat als Firmgeschenk vom Herrn Rat -- so heißt der Kommerzienrat in der Familie -- ein Tesching bekommen. Es hat einen kleinen Kampf gekostet, bis der Vater Annahme und Gebrauch erlaubte. Aber es ist geglückt, und Felix darf mitunter den Vater in den Wald begleiten und gelegentlich auf ein Eichkatzel oder einen Würger schießen. Er trifft nichts und kränkt sich darüber bis zu Tränen. Der Vater spart nicht mit Spott, und die Brüder tun mit Freuden das ihrige, besonders Max, der als „Soldat“ natürlich Schießsachverständiger ist. „Wenn er“ -- das ist der Vater -- „mich nur lassen möcht’ -- ich möcht dir schon zeigen, wie ich treff! Immer Zentrum! Mein Lieber!“ -- Aber der Vater duldet kein Scheibenschießen. Das Tesching hat er in Verwahrung, schießt wohl selbst damit auf Spatzen, trifft auch meist. Doch Felix muß jedesmal bitten, ob er „sein“ Gewehr mitnehmen dürfe. In der Woche drei, vier Schuß -- damit kann er’s zu keiner Fertigkeit bringen. So ist es dem Vater wohl recht -- denn er selbst ist +der+ Jäger und Kugelschütze. Wozu Rivalen großziehen? -- Felix klagt dem Herrn Rat sein Leid -- es ist doch +sein+ Gewehr, und der Vater hält es eingesperrt, schießt selbst damit, ohne ihn zu fragen -- und so ein Geschenk hat doch wirklich keinen Wert. -- Und der Herr Rat wagt eine schüchterne Vorstellung beim Vater, wird aber rasch zum Schweigen gebracht durch eins, zwei, drei vollwichtige erzieherische Gründe und ein abschließendes „Und überhaupt!“ Der gute alte Rat denkt innerlich, er hätte den heißen Wunsch seines Lieblings Felix doch lieber nicht erfüllen sollen. -- Um den Jungen zu entschädigen und zu trösten, möchte er ihn gerne in die Alpen mitnehmen, wohin er geschäftlich reisen muß. Der Vater aber verweigert die Erlaubnis, weil der Junge lernen und sich nicht unnütz zerstreuen soll. So reist der Herr Rat alleine ab, recht bekümmert. --
Wieder einmal war der Vater in den Wald gegangen, ohne Felix mitzunehmen. -- „Ich kann dich nicht brauchen, du machst das ganze Revier närrisch mit deiner Knallerei,“ so hatte er barsch erklärt. -- Das Tesching knallte natürlich fast gar nicht, und Felix durfte ja nicht schießen, wann er wollte, sondern wann es ihm erlaubt wurde. Aber um die Wahrscheinlichkeit der Gründe, die er für ein Verbot anzugeben für gut fand, kümmerte sich der Vater nie. Und Widerspruch wagten die Kinder so wenig wie die Mutter. Lautete doch das oberste Hausgesetz: „Ich kann mein Heu Stroh nennen!“
So saß der große Junge, Wuttränen in den Augen, auf den Steinstufen vor dem Hauseingang und sah dem Vater nach, der durch den Garten dem Walde zuschritt. Hinter ihm, in der gedeckten Veranda, summte Max leise Hohngesänge, hinter einer Hausecke, gut gedeckt, spähte Fritz hervor und wetzte schadenfroh die Zeigefinger aneinander. Nur Gretl tappte gutmütig herbei und suchte ihn zu trösten; doch er entzog sich ihr mit einem Schimpfwort, das halb Schluchzen war. --
Einer der letzten Schüsse aus dem Tesching war ein Versager gewesen und Felix hatte die Zündkapsel aufgehoben. Die holte er nun aus der Tasche und untersuchte sie eingehend, einmal, um den Brüdern seine Tränen zu verbergen und dann in der Hoffnung, durch das selbständige Umgehen mit Schießbedarf den vorherigen üblen Eindruck verwischen zu können. Schließlich legt er die Kapsel vor sich auf die Steinstufen, nimmt einen Kiesel in die Hand und schlägt zu. Ein kurzer, scharfer Knall -- der Junge schreit auf, schlägt die Hand vors Gesicht und rennt davon. -- Max und Fritz springen hinzu; sie haben beide gesehen, daß Blut von einer Wange tropfte. Und da, auf den Stufen: Blut! Max pfeift durch die Zähne und verzieht sich unauffällig in den Garten. Gretl, aus Erstarrung erwachend, stößt ein lautes Geheul aus und läuft ins Haus. -- Fritz, mehr von Neugier als von Angst getrieben, geht Felix nach. Beim Mühlgraben findet er ihn, kniend, den Kopf zum Wasser geneigt, fieberhaft waschend. Blut -- Blut -- aus dem rechten Auge! Da faßt auch Fritz die Angst und er rennt brüllend davon, begegnet der Mutter, die erschreckt aus dem Hause eilt, weist sie zum Mühlgraben -- dort, dort! Im dunklen Flur trifft er Max, der in einer Ecke lauert und das Gebrüll des Bruders mit ein paar Püffen verstummen macht. „Was ist los? Heul’ nicht so und red’! Verdammtes Geplärr!“ Fritz stottert eine Antwort: „Blut aus dem Aug’ ... wäscht sich ... Huhu!“ -- Max läßt ihn stehen, wetzt unbehaglich mit den Schultern und schleicht davon. Er ist entschlossen, fest zu behaupten, daß er gar nichts gemacht hat und nichts weiß, und überhaupt nicht dabei war. Denn „mitgefangen -- mitgehangen“ gehört auch zu Vaters Lieblingssprüchen. -- Sie werden auch ohne ihn fertig werden. Und es wird überhaupt schon nichts sein. --
Es ist aber ein großes Unglück: Felix ist ein Metallsplitter ins Auge gedrungen, knapp unter dem Stirnbein. Die Blutung hat zwar aufgehört, doch das Auge ist geblendet. Die Mutter hat ihn zu Bett gebracht, legt ihm kalte Tücher auf. Der Junge wimmert halb irr: „Ich bin blind -- ich bin blind!“ Die Mutter weiß kaum Trost, kämpft mit dem Weinen. Fritz und Gretl sind dem Kindermädchen übergeben, das sich mit ihnen im entlegensten Zimmer eingeschlossen hat und die Kinder durch Erzählung höchst grausiger Unfälle in sprachlosem Entsetzen erhält. --
Endlich kommt der Vater nach Hause. Die Köchin ist ihm weinend entgegengelaufen und hat ihm kurz berichtet. Er hat sie unwillig angehört und mit dem Fuß gestampft. Heulende Weiber sind ihm verhaßt. -- Dann hat er in seinem Zimmer ohne Eile den Kugelstutzen im Gewehrschrank versorgt, das Jagdmesser abgeschnallt, die Hausjoppe angezogen und geht nun mit starken Schritten dem Bubenzimmer zu. Bei seinem Nahen wimmert Felix lauter, er weiß, daß er harte Vorwürfe zu hören bekommt. Der Vater tritt ein, läßt sich von der Mutter kurz Bescheid geben und knurrt böse: „Schafskopf!“ Dann sagt er, schroff und hart: „Ich bitte mir aus, daß das Gejammer aufhört! Sofort! Damit wird die Dummheit nicht besser!“ Felix verstummt. Der Vater nimmt den Verband vom Auge, untersucht sorgfältig die winzige Wunde, richtet sich dann auf und starrt den Jungen finster an. Die Mutter will in höchster Angst in seinem Gesicht lesen. Sie hofft noch. Der Junge bebt in stummer, qualvoller Erwartung.
Da kommt es halblaut, knurrend aus des Vaters Mund: „Ich kann es ohne Spiegel nicht genau feststellen -- aber das Auge ist wahrscheinlich verloren! Eine schöne Geschichte!“ -- Als Felix aufheulen will, bringt er ihn mit einem Donnerwort zum Schweigen, wendet sich dann kurz und geht hinaus. Die Mutter weiß, daß es ihm nahe geht, daß er keine Weichheit zeigen will und sie in Wut umsetzt. Sie fühlt aber auch, wie furchtbar diese Härte auf Felix wirken muß. So beugt sie sich zu ihm, der nun fassungslos weint, umschlingt ihn und mischt ihre Tränen mit den seinen.
Nachmittags fährt der Vater mit Felix in die Stadt und kommt am nächsten Tag allein zurück. Er sieht finster und gereizt aus, und die Kinder gehen ihm aus dem Weg. Die Mutter ist sehr bedrückt und kämpft oft mit den Tränen. Von Felix wird nicht gesprochen. -- Der Vater macht die großen Hirschjagden mit und schießt einen starken Kronenzwölfer. --
Nach etwa zehn Tagen kommt plötzlich der Herr Rat angereist, diesmal von der Bahnstation. Als die Kinder ihn jubelnd begrüßen wollen, wehrt er sie ab und fragt seltsam aufgeregt nach dem Vater. Der Vater ist im Wald. Und die Mutter im Dorf. Der Herr Rat sitzt vor dem Haus, die Kinder leisten ihm auf ihre Art Gesellschaft. Plötzlich fragt er sie in einem Ton, wie sie ihn noch nie von ihm gehört haben, seltsam scharf und bitter, ob sie denn gar kein Mitleid mit ihrem armen Bruder hätten? Der liege in der Stadt, allein, im dunklen Zimmer, habe Schmerzen und Heimweh -- -- -- dem Herrn Rat zittert die Stimme. -- Max spuckt leise aus und geht langsam fort. Fritz macht runde Augen und denkt krampfhaft nach: Felix -- Felix. -- Gretl aber sieht dem Herrn Rat starr ins Gesicht und weint plötzlich laut auf.
Da kommt die Mutter zurück und scheint sehr erschrocken, als sie den Herrn Rat erblickt. Sie geht mit ihm ins Haus, nachdem sie Gretl dem Kindermädchen übergeben, und Fritz in den Garten geschickt hat. --
Fritz schleicht ums Haus, bis unter die Fenster des großen Speisezimmers. Dort, unter eine dichte Jasminhecke gekauert, findet er Max, der ihm wütende Zeichen macht. Der Kleine kriecht zu ihm hin, Max drückt ihn hart zu Boden und zischt: „Da hock dich her und trau dich nicht zu mucksen! Die sind oben im Zimmer -- da hören wir gleich, was los ist!“ Und schon klingt aus dem offenen Fenster die Stimme des Herrn Rats, laut und heftig. Dazwischen ein paar Worte der Mutter -- sie weint.
„Ich muß Ihnen gestehen, gnädige Frau, daß ich ein solches Vorgehen nie für möglich gehalten hätte! Den Buben in einem glühheißen, verdunkelten Stadtzimmer einsperren -- allein, ohne Trost, als Pflegerin nur die alte Köchin! Seit Tagen hat er kaum noch geschlafen, als ich gestern von der Reise zurückkam und von dem Unglück hörte, lief ich gleich zu ihm und war geradezu entsetzt! Er war halb wahnsinnig, hatte einen förmlichen Weinkrampf! Gnädige Frau -- wenn Ihr Herr Gemahl das verantworten zu können glaubt -- wie durften Sie das zulassen?“ Hier hört man die Mutter stammeln: „Mein Gott, was kann ich denn tun?“ und dann hilflos aufweinen. Fritz bebt am ganzen Körper in maßloser Aufregung. Max hält ihn hart am Genick gefaßt und schüttelt ihn leise. In seinen Augen ist ein böser Glanz. -- Nun geht oben eine Tür, fällt scharf ins Schloß -- ein paar starke Schritte -- dann des Vaters Stimme: „Was ist denn los?“ -- Und wieder des Rates Stimme -- Klagen, Vorwürfe. Man hört die Mutter weinen. Der Vater will heftig werden, der Rat gibt nicht nach. -- Fritz hat sich ein wenig aufgerichtet und starrt dem Bruder atemlos ins Gesicht: dort steht wilder Triumph. -- „Jetzt kriegt er’s einmal ordentlich! Mein Lieber!“ zischt Max. Dann lauschen sie weiter -- der Rat sagt aufgeregt, laut: „Es muß sofort etwas geschehen -- hoffentlich ist es noch nicht zu spät. Das Gesetz verlangt die Einwilligung des Vaters -- nur deshalb bin ich noch herausgekommen. Ich fahre mit dem Buben morgen früh nach Wien, zu Hofrat Bergmann. Wollen Sie mir eine schriftliche Erklärung mitgeben, daß Sie nötigenfalls mit einer Operation einverstanden sind!“ Das klang wie ein Befehl -- die Buben harren entsetzt -- jetzt muß etwas Furchtbares folgen. Doch nein -- ein kurzer, heftiger Ausruf nur, ein Aufweinen der Mutter, dann tritt der Vater ans Fenster, schließt es umständlich -- die Buben drücken die Köpfe tief ins Gras, liegen atemlos still -- dann werden die Stimmen leiser gedämpfter, gehen in ruhigen Gesprächston über. Worte versteht man nicht mehr.
Abends müssen die Buben in ihrem Zimmer essen. Der Herr Rat, heißt es, ist wieder weggefahren und lasse sie grüßen. Schwüler Druck über dem ganzen Haus. Max wartet, bis das Mädchen mit dem Essen aus dem Zimmer ist und beginnt dann flüsternd seine Ansicht zu entwickeln: „Die Patrone wird ihm ins Gehirn gegangen sein und jetzt müssen sie ihm den ganzen Kopf aufmachen! Ich weiß, bei uns hat sich voriges Jahr beim Turnen einer den Kopf aufgehaut, dem haben sie auch alles rausgenommen! Mein Lieber!“ -- Und Fritz hört bebend zu.
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