Part 2
Die kleine Schwester tapste in gestrickten Pantöffelchen durch das große Zimmer, hielt lange Reden „Arra alla ulu Mamma“ und schien selbstsicher und lebensfroh. Das Band des einen Pantoffels war aufgegangen und schleifte nach. Fritz sah es aus seiner Spielecke, trat hinterrücks darauf und brachte die Kleine klatschend zu Fall. Schon war er zur Tür draußen und alarmierte die Küche: „Die Gretl ist hingefallen!“ Aus dem Kinderzimmer gellte Wehgeschrei. Im Nu war die Kleine aufgehoben, wurde gestreichelt, gehätschelt und mit Fragen bestürmt: „Hast du dir weh getan, mein Goldhaserle, mein einziges? Wo tut’s wehweh, wo, sag, Engele, süßes! Mach dem Teppich Dudu, mach ihm Dudu! Du! Du! Mein Schatzerle, mein goldenes!“ --
Abends im Bubenzimmer vertraute Fritz dem Max an: „Ich hab’ heut früh den Poporutscher umgeschmissen!“ und dachte sich damit die Hochachtung des anderen zurückzugewinnen. Doch kein Grinsen kam, kein beifälliges Knarren. Max zog sich wie vor einem scheußlichen Verbrecher zurück und bestimmte auch Felix zur gleichen Haltung. Die beiden berieten tuschelnd und mit entsetzten Seitenblicken. Fritz war übel zumut. Schließlich wurde ihm verkündet: „Morgen mittag wird’s gesagt!“
Nicht gleich, nicht morgen früh -- morgen mittag! Fritz schlief nicht. Am nächsten Morgen flehte er um Schweigen und Nachsicht. Vergebens. Max sang ihm ins Gesicht: „Heute mittag wird’s gesagt, juja, wird’s gesagt, und der Stutzerle kriegt Dresch, ja kriegt Dresch!“ Felix nickte düster.
Bis zum Mittagessen lebte der Junge kaum. In allen Winkeln wurde ihm zugezischelt: „Jetzt sag’ ich’s -- jetzt sag’ ich’s.“ Doch wurde nichts gesagt. Bei Tische hörte und sah er unzähligemal die drohende Geste des Anklägers. Schließlich holte Max hörbar Atem, warf ihm einen furchtbaren Blick zu, öffnete den Mund -- und tat eine gleichgültige Frage. Fritz war halbtot.
Sie sagten es nicht, drohten nur tage- und wochenlang damit. So mußte Fritzl büßen.
11
Fritzl fieberte leicht: Erkältung, verdorbener Magen, jede stärker blutende Schramme -- alles ging bei ihm mit jähem Fieber einher. Der Vater, wie so viele Ärzte, schätzte Kranksein im eigenen Hause nicht, schalt zunächst immer über Verweichlichung und Schlappheit, wurde wohl auch heftig oder schlug zu, wenn Beschwerden weinerlich oder irgendwie übertrieben geäußert wurden. Nur in ernsteren Fällen ließ er sich zu genauer Untersuchung herbei und begleitete die Diagnose stets mit einem bärbeißig-spaßhaften Scheltwort: „Masern hat der Schafskopf!“ -- Weit herum gesucht und gepriesen wegen seiner ruhigen Freundlichkeit am Krankenbett, schien er der Familie gegenüber von der Anschauung auszugehen, daß Krankheit, wenn nicht eine Schande, so doch Verschulden des Betroffenen, Dummheit, Unvorsichtigkeit, keinesfalls aber ein Anlaß zu Mitleid oder Bedauern sei. Ein rechter Bub zumal sollte Kleinigkeiten allein abmachen. So konnte es geschehen, daß er leichte Fälle mit einem Donnerwetter abwies: „Geh’ weg, Lehmpatzen, du bist nicht mein Sohn!“ --
Die Mutter war leichter zu überzeugen. Bei aller Unterwürfigkeit brachte sie es doch über sich, ohne ausdrückliche Ermächtigung, manchmal sogar gegen das Donnerwort: „Gar nichts fehlt dem Jammerlappen!“ einen heulenden, bebenden, heißen Buben ins Bett zu bringen und mit Umschlägen, Tee und Zärtlichkeiten zu behandeln. Mit Zärtlichkeiten. -- Weit mehr Frau als Mutter, ahnte sie nur dumpf, daß die jungen Wesen oft und oft mit Husten und Fieber nichts weiter verlangten, als ihr Recht auf Zärtlichkeit, das ihnen in dem kaltgeordneten Hause ständig verkümmert wurde.
Felix hätte sich leidenschaftlich gerne pflegen lassen, doch war er scheu und fürchtete den Vater viel zu sehr. Max, als der herzhafteste der Brüder, liebte das Bettliegen und Gepäppeltwerden nicht. Fritzl aber gab gern und willig nach. So konnte er sich gelegentlich in die Zeit zurückversetzt fühlen, da er der verhätschelte Liebling war. Wenn es auch nur die Mama war, die ihm schön tat. --
Dazu kam noch, daß er das Fieber liebte. War er zu Bett gebracht, dann hob leise erst, bald stärker sein Blut zu singen an. Das Kinderzimmer verlor sein altvertrautes Gepräge, fremd und prächtig standen die Dinge um ihn her, die Tapete wurde zum Wald, von allerlei Getier belebt, wurde zur dichtgedrängten Ritterschar, ihm untertan. Die Luft, seltsam körperlich, schwamm von Harmonien. Das Ticken der Uhr, fernes Wagenrollen, das leise Reden der Brüder, die bei der abgeblendeten Lampe am Mitteltisch saßen, klangen zu rauschender, überirdischer Musik zusammen. Das gedämpfte Licht tat den Augen angenehm wehe. Schloß er aber die Lider, so stellte sich alsbald ein Bild ein, das er über alles liebte: ein weiter, glattgepflasterter Platz, auf den in langen, dichtgedrängten, glasharten Schnüren und Strähnen vielfarbiger Regen niederfiel, in allen Farben, blau, rot, gelb, grün, Regen, Regen. In gesunden Tagen konnte er mit keinen Mitteln eine Vorstellung dieses Bildes wiedererwecken. An jedem Fieberabend genoß er es mit neuer Freude.
12
Felix ist im Gymnasium und vom Vater angewiesen, Fritzens Hausaufgaben zu überwachen. Der Älteste fühlt sich gewaltig. Glücklich vor allem macht ihn der Umstand, daß er mit dem Vater in engere Fühlung kommt. Fritz ist in der Schule unruhig und vorlaut, mancher unter den Lehrern nimmt ihm das übel und beauftragt den Musterschüler Felix, auf den Bruder bessernd einzuwirken. Felix erzählt alles dem Vater wieder und tut noch aus Eigenem manches an Befürchtungen oder düsteren Prophezeiungen hinzu. Das gibt viel Aufregung. Einmal schlägt der Vater Fritz mit dem Rohrstock über den Handrücken, daß aus einem kleinen Hautriß Blut tropft. Felix steht mit glitzernden Augen dabei. Er hat dem Jüngeren die Strafe verschafft. Fritz ist so maßlos entsetzt über den Bluttropfen, daß er nicht einmal weint -- er starrt nur auf die kleine Wunde. Der Vater ist längst aus dem Zimmer, da kommt Max zurück. Der geht jeder Prügelszene aus dem Wege, sein ewig schlechtes Gewissen läßt ihn immer fürchten, es könnte auch für ihn was abfallen. Fritz stürzt auf ihn zu: „Der Lix hat wieder gepetzt, und da hat er mich blutig geschlagen, mit dem Stock, da!“ Der Kleine ist so außer sich, daß Max alle Schadenfreude vergißt und ihn zu trösten beginnt. Er zieht ihn in einen Winkel und schwört ihm zischelnd, sie wollten es dem Ältesten gemeinsam besorgen. Gründlich. Fritzl läßt das Weinen und sie schießen giftige Blicke auf Felix. Dem wird übel zumut. Er weiß, daß auch Max ihn nicht mehr liebt, seit er, auf des Vaters Geheiß, mit ihm Mathematik treibt. Felix hat sich verleiten lassen, dem Vater ein Wort über Maxens Faulheit zu sagen, es setzte einen Jagdhieb. -- Nun hat er beide Brüder zu Feinden. Wird ihn der Vater schützen können?
Die beiden Jüngeren tuscheln noch immer. Dann geht es los: „Haschilipani, Maschitzki, Baribatzki, Baribatzki“, immer lauter, immer wilder, gehässiger. Felix fühlt, wie sie ihn belauern, daß sie ihn herausfordern wollen; er wehrt sich verzweifelt gegen die blinde Wut, die ihn packen will, sucht ruhig und unbeteiligt zu erscheinen. Umsonst. Die unsinnige Lautreihe tut auch diesmal ihre Wirkung. Schon duckt er den Kopf, hält sich die Ohren zu, will davonrennen, stößt dabei an Max, der sich ihm geschickt in den Weg gestellt hat, und sie raufen erbittert. Fritz schießt geschäftig aus dem Zimmer, um sich eine Waffe zu suchen. Im Vorhaus gerät er an den großen Werkzeugkasten, durchwühlt ihn rasch und bekommt eine messerscharfe englische Schneidezange in die Finger. Die faßt er mit beiden Händen und jagt ins Bubenzimmer zurück. Die beiden haben ausgerauft. Max sitzt in einem Winkel und reibt sich einen Kratzer an der Wange mit Speichel ein, Felix lehnt mit dem Rücken zum Zimmer an der Fensterbrüstung und starrt verbissen hinaus. Fritz schleicht ihn an, unhörbar, haßerfüllt, die Zange in beiden Händen. Jetzt ist er knapp hinter ihm, holt tief Atem, schnappt mit aller Kraft zu --.
Felix tut einen Schrei, der nichts Menschliches mehr hat. Der Vater fährt ins Zimmer, bereit, gewaltig einzugreifen. Da sieht er den Ältesten, beide Hände krampfhaft auf die Kehrseite gepreßt, Mund und Augen weit aufgerissen, als hätte ihm der erste Wehschrei allen Atem genommen. Fritz vor ihm, die Zange krampfhaft vor sich; zwischen den Schneidbacken steckt ein Stück Tuch und ein Fetzchen blutgetüpfeltes Weißzeug; der Knirps hat weit mehr Triumph als Schreck im Gesicht. Aus dem Winkel schielt Max, wie der Geist alles Bösen. -- Da wird einen Augenblick lang Fritz wieder zum Stutzerle, den Vater freut die wehrhafte Rachsucht des Kleinen, dem Schleicher Felix gönnt er die derbe Lektion. Was Recht, was Unrecht! Ist er nicht Herr über seine Kinder? Er lacht laut auf und geht. Hinter ihm toben Max und Fritz ihre Siegesfreude aus, vorsichtshalber stumm, mit Blicken, Gebärden und Grimassen. Felix ist vernichtet.
13
Max hat in der Schule eine Bande gebildet, die ihn freudig als Hauptmann anerkennt. Stämmig und geschickt ist er, furchtlos, tollkühn, wenn es ans Raufen mit feindlichen Jungen geht, dabei lügt er die Lehrer und Eltern großartig an, ist nie um einen Ausweg verlegen. Sein Klassenlehrer haßt ihn, weil ihm der Junge ewig Scherereien macht und nie recht zu fassen ist. Die Tadel- und Beschwerdebriefe aus der Schule hören nicht auf. Oft kommen auch fremde Eltern klagen, weil er ihre Kinder irgendwie mißhandelt oder sie auch zu bösen Streichen verführt hat. Der Vater kennt als Erziehungsmittel nur Schelte und Prügel. Die verfangen bei dem Jungen nicht. So hebt ein erbitterter Kampf zwischen den beiden an: der Vater schlägt immer rücksichtsloser, immer länger zu. Aber Max ist nicht klein zu kriegen. Er schreit nicht, weint nicht, wehrt sich nicht, läßt sich seine Tracht Prügel aufmessen, schüttelt sich wie ein junger Jagdhund -- und geht weiter seine verbotenen Wege. Die Mutter möchte vermitteln, doch kommt sie von dem Vorstellungskreis des Mannes nicht los und spricht tränenreich von dem Schandfleck auf dem ehrlichen Namen, von Schimpf und Schande, von Schande und Schmach. Der Junge fühlt mit gesundem Bubeninstinkt, wie lächerlich unangebracht die großen Worte sind, da er ja wirklich „nichts gemacht hat“ -- gerauft halt, an fremden Türen geklingelt, ein Fenster eingeworfen. So hört er die weinerlichen Reden verstockt an und fühlt etwas wie Verachtung für die Frau, die ihn so furchtbar prügeln läßt und doch verlangt, er solle den lieben Eltern Freude machen. Was, liebe Eltern!
Fritzl ist ihm fanatisch ergeben, lauscht begeistert der Schilderung seiner Kämpfe, zittert mit ihm vor Entdeckung, erlebt die Züchtigungen qualvoll mit, streichelt die häßlichen, blauroten Striemen und gleitet unmerklich in eine immer verbissenere Auflehnung gegen den Vater hinein. Die Mutter nehmen sie beide nicht sehr wichtig.
14
Die kleine Schwester ist ein kugelrundes Mädel geworden, mit straffem, schwarzem Haar und Kirschaugen. Sie ist unendlich gutmütig, wenn man sie aber ärgert, kann sie furchtbar böse werden. Dann springt sie wie ein Gummiball, beißt und kratzt. Das ist lustig anzusehen. Sie petzt niemals. Eigentlich könnte man sie sehr gerne haben. Aber das geht nicht. Denn erstens ist sie Vaters Abgott, und zweitens kümmert sich auch Felix sehr um sie, seit er bei den Brüdern abgewirtschaftet hat. Er spielt mit ihr und zeigt ihr Bilder.
Die Kleine lispelt ein wenig. Max stößt selbst leicht mit der Zunge an, aber wohl eben darum hat er ein feines Ohr für Sprachfehler. So singt er der Kleinen alle Augenblicke vor: „Zisch, zisch, zisch, Tischler hoble den Tisch!“ Das trifft alle beide; die Kleine wird wütend über das Zisch, zisch und Felix über den eintönigen Singsang. Max und Fritz sind außer sich vor Freude. Sie nennen die Schwester nur noch „Kohlhobel“.
15
Große Dinge sind geschehen: Max hat ein etwas gehässiges Bild des Klassenlehrers auf die Schultafel gezeichnet. Niemand wollte den Täter verraten. Der Lehrer hat es aber schlau angestellt und willkürlich Maxens besten Freund als Täter herausgegriffen und trotz heftigem Leugnen als überführt erklärt. Die Rechnung auf Maxens Großmut war richtig: Der Junge hatte sich daraufhin selbst angegeben. Der Lehrer hatte ihn erst beißend verhöhnt, daß er in die Falle gegangen sei, dann war eine niederschmetternde Predigt gefolgt und schließlich die Behauptung, er werde noch am Galgen enden. Max, wütend wegen der gemeinen Überlistung, hatte geantwortet, daß man „wegen so was“ nicht gehängt würde; und eher werde noch der Lehrer an den Galgen kommen. Das war zuviel: Lehrerkonferenz, Zeugeneinvernahme und, trotz aller Rücksicht auf den Herrn Sanitätsrat, die Relegation. Schließlich wurde eine Einigung erzielt, indem der Vater sich verpflichtete, den Jungen sofort nach dem knapp bevorstehenden Semesterschluß von der Schule zu nehmen, und die Schulleitung daraufhin von dem Ausspruch der Relegation Abstand nahm.
Max war glückselig. Zwar hatte er furchtbare Prügel bekommen, der Vater sah ihn schon seit Wochen nicht mehr an, die Mutter hatte nur tränenvolle Strafblicke -- doch aus der Zwangslage hatte sich die Erfüllung seines langgehegten, sehnlichsten Wunsches als einziger Ausweg ergeben: er kam ins Kadettenkorps.
Fritz vergoß hin und wieder schon ein Tränchen in Vorahnung des bitteren Abschieds. Max wußte ihn immer rasch zu trösten durch glühende Schilderungen des künftigen Herrenlebens. Die Anstalt, für die man ihn bestimmt hatte, lag weit weg an der polnischen Grenze. „Dort gibt’s massenhaft Pferde“, erzählte Max. „Und so billig! Zwanzig Mark eins! Sie sind ja nur klein, aber laufen können die! Mein Lieber! Wart’, wenn ich dann auf großen Urlaub komm, dann bring’ ich dir eins mit, eins bestimmt, vielleicht mehr!“ -- „Bestimmt, Max, wirklich?“ keuchte der Kleine. -- „Wenn ich dir’s sage!“ schloß Max würdig.
16
Der Vater hatte in einem Bergdorf, mitten in endlosen Wäldern, ein Stück Land gekauft, drei Morgen, und darauf ein Blockhaus gebaut. Bis an den Gartenzaun reichte starrer alter Hochwald, mit lichten Flecken von Moos und Beerengesträuch zwischen den Stämmen. Ein Mühlbach tanzte gischtend über Kiesel. Das wurde dem Knaben untrennbar von der Vorstellung „Sommer“: weißschäumendes, lärmendes Wasser zwischen dunklen Tannenwänden und Sonnenkringel auf Mooskissen. -- Zahm und zögernd erst, bald reich und zügellos bevölkerte die ungelenkte Phantasie den alten Forst mit Zauberwesen, wohl- und übelgesinnten. Die Feindschaft mit der kleinen Schwester konnte davor nicht standhalten. Aus Rinde und Fallholz bauten sie einträchtig Hütten für die Zwerge, mit Moos gedeckt -- kleine Teiche davor, mit bunten Kieseln eingefaßt, lose Blüten dazwischen. Gretl liebte den Bruder sehr, fügte sich blind und trug ihm keinen Augenblick die alten Quälereien nach. Dies Übermaß von Güte in dem kleinen Wesen bedrückte ihn, und so knuffte er sie oft unversehens, riß sie an dem kurzen Zopf oder gab ihr böse Worte. Weinte sie dann, so trieb er’s nur ärger. Wehrte sie sich aber, mit Kratzen und Fauchen, so war er irgendwie erleichtert und rasch versöhnt.
Max sollte gleich nach den Ferien abreisen. Er bekam eine vorschriftsmäßige Wäscheausstattung und kam sich, bei fortwährendem Maßnehmen und Probieren, wichtig und erwachsen vor. Die Dorfbuben verehrten ihn, weil er schon zu den Soldaten sollte. Auch Felix nahte sich bewundernd und mit leisem Neid. Max nahm alle Huldigung gönnerhaft an. Die enge Freundschaft mit Fritz litt ein wenig -- der Junge war ihm mit einmal zu kindisch, unbrauchbar für wilde Spiele, wie er sie mit Vorliebe veranstaltete. Fritz kämpfte verzweifelt um seinen Platz. Die Märchenspiele mit der kleinen Schwester waren ihm schnell verleidet.
Ein Teil des Gartens, höckeriger Felsboden, war durch Sprengungen geebnet worden. Die Felsbrocken lagen noch umher, wild durcheinander. Ein leiser Geruch von Pulverdampf haftete ihnen an. Das war Maxens Reich, die Steinwildnis, in der es sich Räuber und Gendarm spielen ließ, Zieten aus dem Busch und Löwenjagd.
Solange der Vater im Hause war, ging es still und gesittet zu. Aber er nützte die kurze Ferienzeit die er sich gönnte, nach Kräften zu leidenschaftlicher Pirsche auf Bock und Hirsch, hielt knapp die Mahlzeiten ein und verbrachte Vor- und Nachmittage auf weiten Waldgängen. So blieben die Kinder tagsüber fast ungestört und nützten es weidlich.
Eines Nachmittags hatte sich, zahlreicher als sonst, die Schar der Dorfbuben eingefunden. Max bestimmte „Löwenjagd“ -- Felix sollte der Löwe sein, Max die Schar der todesmutigen Jäger führen. Fritz bettelte leidenschaftlich um Beteiligung, als Jäger etwa, oder doch als Spürhund. Doch Max fand, es seien Jäger genug, und Hunde auf Löwen sei lächerlich. Aber -- und der Kleine verbiß das Weinen schleunigst, das ihm schon in den Mundwinkeln saß -- Fritz könnte dem Löwen brüllen helfen! Felix, der sich in der Rolle des Löwen ohnedies unbehaglich fühlte, weil er die Schrecken der Jagd, des Kampfes und der endlichen Erlegung bitter vorausahnte, stimmte begeistert zu. Und während die Jäger sich beim Holzschuppen mit Latten, Scheiten und Tannenzapfen waffneten, zog Felix mit Fritz der Steinwüste zu. Dort verbarg er sich in schwer zugänglichem Felsgewirr und wies Fritz einen vorgeschobenen Posten an, mit dem strengen Auftrag, beim Nahen der Jäger furchtbar zu brüllen und damit nicht nachzulassen. Sonst dürfe er nie wieder mitspielen. Dann gab er das verabredete Zeichen, daß die Jagd beginnen könne. Mit blutdürstigem Geheul stürmten Max und sein Troß herbei. Fritz brüllte, daß ihn fast Angst vor seiner eigenen Stimmgewalt überkam. Die Jäger, wohlerfahren im Weidwerk, hielten kurzen Rat und schlichen dann, geduckt und kampfbereit, der Löwenstimme nach. Fritz bebte vor Aufregung, wie nur je ein gehetztes Wild, und brüllte immer verzweifelter. Aus seinem Felsversteck spähte Felix lauernd herüber. Nun war das Anschleichen beendet, das wehrhafte Wild umstellt, und mit gräßlichem Aufschrei stürzten die Jäger vor, Tannenzapfen prasselten, Holzscheite schwirrten, einzelne Angreifer wälzten sich in ihrem Blute und zeigten vorsichtshalber ihre Erlebnisse schreiend an, um die anderen nicht im unklaren zu lassen: „Der Löwe -- er beißt mich -- oh, mein Bein, mein Bein -- ha, ich blute!“ Das stachelte die Kampflust der übrigen zur Raserei auf, und Max, jede Wirklichkeit vergessend, hob den treuen Speer -- eine rauhe Latte -- zielte genau und schoß nach dem Untier. -- Ein Kerntreffer hätte Fritzls Lebenslicht wohl ausgeblasen. So streifte ihn das Holz nur an der linken Schläfe, doch blutete die Schramme stark. Im Augenblick änderte sich die Stimme des Wüstenkönigs von gemachter Wut zu echter Wehklage. Und im Augenblick erkannten die Gäste das Unheil, warfen alle Waffen von sich und suchten heulend das Weite, Todesschreck im Nacken. Felix legte sich hinter seinem Felsen platt auf den Bauch, barg den Kopf in den Armen, um nicht sehen, nicht hören zu müssen und wimmerte in sinnloser Angst. Max stand allein vor seinem zuckenden, heulenden Opfer, und angesichts des Blutgerinnsels wich, trotz wütender Selbstbeherrschung, die Jägerfreude zusehends bleicher Angst. Rauhe Reden, von männlicher Schmerzüberwindung, von weibischer Wehleidigkeit, weckten kein Echo, steigerten nur das Wehgeheul. Auch Versprechungen verfingen zunächst nicht. Erst die feierliche Schenkung eines Wasserrades mit Klapperwerk, das Max sich eben selbst gebaut hatte, fand Aufmerksamkeit. Das Geheul verstummte, und aus tränendicken Augen kam ein prüfender Blick, ob das Angebot wohl ernst zu nehmen wäre. Im Augenblick war Max beruhigt über die Verletzung. Zu oft hatte er selbst den Schreck des Gegners über blutende Schrammen ausgenützt. Nun hieß es, einen glaubwürdigen Unfall erfinden. Sie einigten sich auf einen Sturz beim Laufen und legten die Baumwurzel, über die Fritz gestolpert sein sollte, genau fest. Dann wurde Felix geholt, durch die wütende Behauptung, er sei an allem schuld, maßlos eingeschüchtert und durch die höhnende Feststellung, er sei ein schöner Löwe, der sich abseits verstecke und den kleinen Kerl für sich brüllen lasse, zum Nichts erniedrigt. An den Spottreden beteiligte sich Fritz mit Begeisterung und kam dadurch bald zu einem Lächeln unter Tränen. So zogen sie ins Haus, Fritz ließ sich waschen und verbinden und war glücklich als doppelter Held. Denn sogar der Vater hatte ein anerkennendes Wort dafür, daß er die Wunde stumm trug.
Abends aber, im Schlafzimmer, als jede Gefahr vorbei war, meinte Max wichtig zu den Brüdern: „Aber fein geschmissen war es doch! Min--de--stens fünfzehn Schritte -- und wenn er den Kopf nicht gedreht hätt’, wär’ ihm die Lanze durch und durch gegangen! Mein Lieber!“
17
Max ist fort. Den Geschwistern schreibt er nicht, nur den Eltern, pflichtgemäß alle vierzehn Tage. Felix hat viel zu lernen und sitzt tagsüber in einem kleinen Kämmerchen, ganz am Ende der weitläufigen Stadtwohnung. Fritz verbringt die langen Winternachmittage allein mit Gretl in dem großen Kinderzimmer. Allzu laut dürfen die beiden nicht sein, denn nebenan, nur durch eine große Glastür getrennt, ist Vaters Arbeitszimmer. Gegen Abend ist er meist zu Hause und schreibt. Er liebt keine Störung, und ein scharfes „Pßt“ macht die Kinder auf Stunden verstummen. Sie spielen Küche, oder Festung, oder Krieg mit Bleisoldaten. Auch Puppentheater. Fritz entwickelt großartige Entwürfe, die Gretl bedingungslos gutheißt. Stunden vergehen über langwierigen Vorbereitungen. Und meist ist es so, daß das Spiel abbricht, wenn es richtig beginnen sollte. Denn abends, vor dem Essen, muß alles Spielzeug sauber aufgeräumt sein, das ist strenges Gebot. Gretl ist oft recht unglücklich, wenn sie die herrlichen Kunstbauten -- Festung, Meierhof mit vielen Ställen -- niederreißen soll, ohne damit gespielt zu haben. Fritz aber lacht sie aus. Ihm ist es gerade recht so.