Part 6
Auch Fritz und Gretl wurden zur Tanzstunde geladen. Denn der Sanitätsrat war Hausarzt in der gräflichen Familie. Und als weitere Bürgerliche endlich noch Karl und Lina, die Kinder des Musikmeisters.
Als der Vater eines Mittags mitteilte, daß die Kinder von nächster Woche an die Tanzstunde besuchen sollten, -- er kleidete jede Erlaubnis in die Form eines Befehls -- da erwartete er wohl einen Freudenausbruch. Fritz aber schien die Aussicht auf den Zwang zu ungeheuer seinem Benehmen wenig verlockend; er blieb stumm. Und Gretl wurde durch seine abweisende Miene mißtrauisch gemacht. Sie traute seinem erfahrenen Scharfblick immer noch blind. Da polterte der Vater unwillig los: „Da hast du’s ja, Mama! -- Da möchte man dem Kerl einmal eine Freude machen, und er sitzt da und verzieht keine Miene! Der richtige Lehmpatzen -- gar keinen Funken Temperament!“ Die Mutter stieß Fritz unter dem Tisch an und zischelte heftig: „So bedanke dich doch!“ Fritz war glückselig, daß es ihm gelungen war, den Vater auf ungefährliche Weise zu ärgern. Er erhob sich langsam und murmelte eine gleichgültige Dankesformel: „Ich küss’ die Hand, ich danke schön!“ -- Der Vater ging böse aus dem Zimmer, die Mutter folgte ihm, nach einem Strafblick auf den undankbaren Sohn. Kaum waren die Geschwister allein, da erkundigte sich Gretl eifrig: „Was hast du? Freust du dich nicht?“ -- „Ah, hör mir auf,“ meinte der Bruder wegwerfend, „mit den adeligen Affen herumhopsen, das wird schön fad sein! Und der dumme Esel, der Jonathan ist auch dabei! Paß nur auf, wie der stolz ist! Aber ich erwisch ihn schon einmal, im Dunkeln wo, wenn er gar nicht wissen wird, wer’s ist! Den box ich so in’ Magen, daß er gleich umfallt!“ -- Hier wurde Gretl ängstlich und glaubte abmahnen zu müssen. Doch Fritz unterbrach sie: „Und hast du gesehn, wie sich der Alte gefuchst hat, weil ich so wurstig war? Und die Alte hat mit den Augen geschmissen, so!“ Und er schnitt greuliche Fratzen. --
In den nächsten Tagen wurde für Gretl eifrig eingekauft und geschneidert. Sie bekam ein neues weißes Kleid, mit breiter Seidenschärpe. Und feine Strümpfe und richtige Lackschuhe. Und Galoschen, denn die Kinder mußten zu Fuß in die Tanzstunde gehen.
Für Fritz wurden keinerlei Vorbereitungen getroffen. „Du hast deinen blauen Sonntagsanzug, der ist noch ganz tadellos, und dazu die neuen Schnürschuhe. Die sind auch so fest, daß wenigstens kein Wasser durchdringt, wenn ihr zu Fuß hingeht!“ So hatte der Vater verfügt. Fritz hatte bestimmt mindestens auf Lackschuhe und Galoschen gehofft. Denn die Schnürschuhe waren zwar neu, aber reichlich groß und schwer. Eine schüchterne Andeutung in dieser Richtung wurde aber kurz abgewiesen: „Du bist wohl verrückt? -- Ich werde doch einem solchen dummen Jungen keine Lackschuhe kaufen -- oder gar Gummischuhe! Hat man so was schon gehört! Eitler Fratz!“
Also stapfte Fritz unglücklich und verbissen mit der Schwester durch nassen Tauschnee zur ersten Tanzstunde. Die andern Jungen waren natürlich alle in Ballkleidung, trugen tief ausgeschnittene Spenzer aus feinem schwarzen Tuch, kleine Maschenbinder, und, vor allem, Lackschuhe. Fritzens Schuhe hatten von der Nässe allen Glanz verloren. Er schämte sich innerlich fast zu Tod, kochte vor Haß und Neid gegen die andern und hätte sie alle gern sterben sehen. Mit größter Mühe nur zwang er die Tränen zurück, die ihm in der Kehle saßen. Seine Verbeugungen und Tanzschritte gewannen durch die Gemütserregung nicht an Anmut. Er fühlte die hochmütig verächtlichen Blicke der andern, sah sie untereinander spöttisch zischeln.
Die Eltern kamen die Kinder abholen. Der Herr Musikmeister, ein kleiner Buckliger, stadtbekannt wegen seiner giftigen Bosheit, musterte Fritz von Kopf zu Fuß mit einem langen Blick voll unverhüllten Hohns. Das machte den Jungen vollends rasend. Auf dem Heimweg mußte er mit Gretl vor den Eltern hergehen. Er weinte wütend in sich hinein und wies die Schwester, die vor Mitleid selbst mit den Tränen kämpfte, gehässig und neidvoll ab. Zu Hause erklärte er der Mutter, fast schreiend vor maßloser Erregung, er gehe nie mehr dahin, und er lasse sich nicht auslachen, und er sei wie eine Vogelscheuche unter den anderen gestanden.
Die Mutter war, bei allem Schrecken über die unerhörte Auflehnung, fast geneigt, dem Jungen recht zu geben. Ihre eigene Eitelkeit hatte darunter gelitten, daß der Junge tatsächlich weitaus am unvorteilhaftesten ausgesehen hatte. Und sie wagte Fürsprache beim Vater. Das ging übel aus: Der Vater fuhr wie der Blitz ins Kinderzimmer, wo Fritz, immer noch wütig heulend, in einem Winkel hockte, und riß den Jungen am Ohr hoch: „Was unterstehst du dich? Du willst nicht mehr hingehn -- du -- willst -- nicht?“ Und drei Ohrfeigen knallen. „Jetzt bekommst du grade keine neuen Kleider, zur Strafe nicht! -- Und machst die Tanzstunde bis zu Ende durch. Pünktlich! -- Dir werd’ ich’s zeigen, Lausbub, elender!“ Noch ein scharfes Kopfstück, und die Kinder sind allein. Fritz bekommt einen förmlichen Tobsuchtsanfall, wälzt sich auf dem Boden, beißt sich die Fäuste blutig, um nicht durch lautes Schreien strengere Strafe auf sich zu lenken. Gretl, die still weinend in einem Winkel gekauert hatte, kommt schüchtern zu ihm, will ihn streicheln, trösten. Da hört sie den Bruder furchtbare Schmähungen stöhnen: „Der Hund, der verfluchte ... immer dreschen ... wenn er nur krepieren möcht ...!“ Und sie erstarrt in lähmendem Entsetzen.
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Nach dem Winterhalbjahr ist ein neuer Mitschüler eingetreten, Robert Henschel, der bisher in einem Jesuitenkonvikt erzogen worden war. Er ist sehr freundlich und gefällig, hat für jeden eine Schmeichelei zur Hand. Aber die Klasse mißtraut ihm. Dinge, die man ihm sagt, kommen auf geheimnisvolle Weise zur Kenntnis der Lehrer. Noch nie ist es gelungen, „den Neuen“ als Spion zu überführen. Aber der Verdacht ist da und will nicht verstummen: Wenn einer seiner Nebenmänner bei der Schularbeit einen Schmöker benutzt oder während einer Stunde für die nächste lernt -- immer werden sie erwischt. Nachher kommt Henschel und bemitleidet sie.
Fritz kann sich seiner Freundschaftsanerbietungen kaum erwehren. Henschel sitzt in seiner nächsten Nähe, macht sich während der Unterrichtsstunden an ihn heran, begleitet ihn nach Hause und trifft ihn wie zufällig auch auf dem Weg zur Schule. Immer wieder bringt er das Gespräch darauf, daß Fritz wohl sehr ungerecht behandelt würde, daß besonders der Katechet augenscheinlich ein Vorurteil gegen ihn habe. Niemand hätte ein Recht, einem Vierzehnjährigen vorzuschreiben, daß er unbedingt den ganzen Katechismus blind glauben müsse. Fritz sei eben offenbar sehr gescheit und habe wohl seine eigenen Gedanken -- und ihm könne er sie ruhig anvertrauen. Das klang ehrlich und bieder. Und Fritz begriff oft selbst nicht, was ihn immer abhielt, dem Neuen sein Herz auszuschütten. Es war so viel in ihm, was nach Aussprache drängte. Denn seit dem Bruch mit Kolarczik und Schneider war er ohne Freund. Doch blieb er, fast wider Willen, verschlossen und ablehnend und ging nie auf eines der Gespräche über die Lehrer oder gar die Religion ein, die ihm der andere immer wieder nahe rückte.
Henschel blieb unverändert nett, war nicht loszuwerden. Dabei hatte er stets das Bestreben nach körperlicher Nähe, hängte sich unversehens eng an Fritzens Arm, preßte ihn an sich, streichelte ihn. Fritz fühlte sich unerklärlich abgestoßen dadurch und wurde noch abweisender. Henschel sagte ihm Schmeicheleien über sein schönes blondes Haar, über die herrlichen Augen und die geraden, schlanken Beine, und bekam dabei heiß glänzende Augen und feuchte Mundwinkel. Bald auch brachte er ihm Gedichte, „An Fritz, meinen liebsten Freund“; darin war, in schülerhaften Versen, von der Freundesliebe die Rede und von der Wonne des Kusses. Fritz fühlte Ekel vor diesen Gefühlsergüssen, wagte ihn aber nicht zu zeigen, denn noch war ihm der Grund unverständlich. Bis ihn Henschel eines Abends, nachdem er ihn auf dem Rückweg von der Turnstunde mit seltsamen Fragen und Andeutungen bestürmt hatte, in der Toreinfahrt des Elternhauses plötzlich in einen dunklen Winkel drängte, mit wütender Umschlingung überfiel und keuchend einen Kuß verlangte. Da schlug ihm Fritz mit aller Kraft ins Gesicht und floh die Stiegen hinauf. In der Wohnung fand er Betty alleine vor. Die Eltern waren mit Gretl spazieren gegangen und kamen wohl nicht so bald zurück. Die Köchin hatte Ausgang. In Fritz flog stürmische Erregung auf, sein Blut sang. Betty war eben dabei gewesen, das schwarze Kleid mit weißer Schürze anzulegen, das sie während der Mahlzeiten immer trug. Sie hielt die offene Bluse mit der Hand zusammen. Fritz stürzte sich auf sie, rang mit ihr, biß in die wehrende Hand, bis die Bluse aufsprang und die quellende Brust freigab. Fritz fühlte Angst, verbarg den Kopf in dem wogenden Fleisch, fühlte die flaumige Haut an Wangen und Ohren, biß und küßte sie. Das Mädchen wehrte ihm nicht, -- krallte die Hände in sein Haar und preßte ihn enger an sich. Sie verkämpften sich wie junge Tiere, sanken keuchend zu Boden. Fritz rang haßerfüllt, mit drängendem Knie, den letzten leisen Widerstand nieder und nahm sich, was ihm plötzlich sein Recht schien. -- Dann sprang er auf und stierte die Liegende böse an. Der Geruch warmen Mädchenfleisches, der ihn eben noch zu rasender Anspannung aller Kräfte aufgepeitscht hatte, schuf ihm nun würgenden Ekel. Das Mädchen richtete sich langsam auf, streckte mit scheuer Zärtlichkeit die Hand nach ihm aus. -- Er stieß sie roh zurück und rannte aus dem Zimmer.
33
Fritz hat den Widerstand gegen die Tanzstunde aufgegeben. Denn die kleine Komteß Christl hat es ihm angetan. Sie ist der einzige reinadelige Gast der Tanzstunde und kommt wohl nur, weil ihre Eltern es so wünschen. Sie ist kalt und stolz und unnahbar. Beim Tanzen wendet sie immer den Kopf leicht zur Seite, um ihren Partner nicht ansehen zu müssen, legt die schmale kleine Hand so leicht auf den führenden Arm, daß man sie gar nicht fühlt, und tanzt wie eine Feder. Fritz liebt sie namenlos und ist doch so scheu, daß er sie kaum aufzufordern wagt. Er muß erst lange Mut fassen. Hat er sich dann so weit bezwungen, daß er mit kurzer Verbeugung vor sie tritt, so steht sie langsam auf, nickt hochmütig und tanzt mit abgewandtem Kopf. Nie spricht sie zu ihm, doch Fritz trägt ihr Bild in der Seele. Er kommt sich elend und verworfen vor, ringt glühend nach Besserung. Mit inbrünstigem Entschluß hat er seinen Unglauben niedergezwungen, betet lang und heiß zur Nacht, geht jeden Morgen vor der Schule kurz in die Kirche, um den Schutz der Jungfrau zu erstehen. Er ist aufmerksam und fleißig, daß es den Lehrern auffällt. Der Klassenlehrer knurrt ihn böse an: „Du hast sicher eine bedeutende Lumperei begangen und bebst nun vor der Entdeckung! Daher wohl das so plötzliche musterhafte Betragen! Aber verlaß dich drauf -- ich komme dir schon hinter deine Schliche!“ Trotz dieser groben und böswilligen Verkennung seines Seelenzustandes brachte Fritz keinen Haß gegen den Lehrer mehr auf. Er nahm alles als Strafe früherer Sünden reuig hin.
Betty aber, die sich ihm immer wieder in einsamen Winkeln in den Weg stellte, mit gewährenden Blicken, mit Gebärden voll Sehnsucht, Betty behandelte er mit kalter Verachtung. Wohl peinigte ihn mitunter sein Blut, das eben erst zum Bewußtsein erwacht war. Doch rang er stets die Versuchung mit wollüstiger Qual nieder, biß sich die Lippen blutig und schlug sich mit Fäusten dunkle schmerzende Male. „Christl, Christl!“ Der Anruf half ihm zum Sieg. Daß Betty oft mit den Tränen kämpfte, während sie ihn gedemütigt umkreiste, weckte kein Mitleid in ihm. Er haßte sie, weil sie ihn hinderte, seine unreine Vergangenheit zu vergessen. Maria, hilf! Christl!
Christl, die so glühend Verehrte, fuhr fort, ihn nicht zu beachten, ließ aber dem jungen Jonathan gegenüber in ihrer eisigen Zurückhaltung etwas nach. Sie tanzte öfters mit ihm, hielt den Kopf nicht mehr so starr abgewandt, sprach wohl auch einige Worte während des Tanzes. Fritz beobachtete es mit wilder Eifersucht und fühlte den gierigen Wunsch, das strahlende Jockeigesicht seines Nebenbuhlers grauenhaft zu verunstalten. Dem Sonntag, an dem er zum erstenmal eine beginnende Beziehung zwischen Christl und Jonathan festgestellt hatte, folgte eine lange Woche voll wüster Anfechtungen. Bald erschien ihm die neue Pein als weitere gerechte Strafe, seine Auflehnung dagegen als verwerfliche Verstocktheit. Denn wie durfte er es wagen, auch nur daran zu denken, daß Christl, der reine Engel, sich je so weit erniedrigen konnte, ihn, ihn zu lieben? Und er weinte vor Reue und Scham. -- Bald wieder fuhr sein tief verwundeter Stolz machtvoll auf: wozu die Selbsterniedrigung? War er nicht besser als viele? Waren nicht ungezählte andere weit schlechter als er? Und vor allem, war er nicht tausendmal den dummen Jonathan wert, diesen protzigen Pferdeknecht in feinen Kleidern? Hatte er nicht Betty erobert, die ihm nun wie ein Hund nachlief? Er brauchte nur die Hand auszustrecken ...
Doch hielt der Stolz nie lange an, machte jäh doppelt quälender Reue Platz. Christl! Und gegen Ende der Woche schien blinde Liebe gesiegt zu haben. Da sah er Sonnabendnachmittag, als er auf einem der verhaßten Spaziergänge mit Gretl vor den Eltern herschritt, eine Reiterschar der Stadt zutraben: Christl, sehr erwachsen im langen schwarzen Reitkostüm, neben ihr der junge Jonathan, zwei Lakaien hinterdrein. In Sehweite der Familie beugte sich Jonathan zu seiner Begleiterin und machte grinsend eine Bemerkung. Christl sah den Kommenden kurz entgegen, nickte ihrem Ritter gnädig Beifall und sah dann eisig hochmütig geradeaus. Fritz beobachtete sie genau und wollte vergehen vor Qual und Schande. Kaum zwang er sich noch zu einem verlegenen Gruß, und als der kühl und wegwerfend erwidert wurde, stolperte er weiter, totenbleich, von zügellosem Haß erfüllt. Gretl ging eine Zeitlang stumm neben ihm her, dann sagte sie unvermittelt: „Den Jonathan mag ich gar nicht -- ich bin immer ganz bös, wenn ich mit ihm tanzen muß. -- So ein grauslicher Kerl.“ Sie wollte ihn trösten. Doch er blieb stumm. Er dachte an Betty, sehnte sich nach dem Sündenfall.
34
Und wieder ist Sommer. Die Familie ist vollzählig. Felix hat seinen Referendar gemacht. Er sieht matt aus, überarbeitet, beinahe dürftig. Doch aus manchen Einzelheiten, aus dem merkwürdigen Knoten seines Selbstbinders, aus dem langen Nagel des kleinen Fingers, aus raschen, wissenden Blicken spricht die Großstadt, das freie Leben. Der Vater behandelt ihn durchaus nicht als erwachsen. Es fehlt nicht an Verweisen und Verboten. „Das Rauchen erlaube ich keinesfalls,“ sagt der Vater. „In +meinem+ Hause gilt eben +mein+ Wille. Und überhaupt du mit deinem Aug’ hast es schon gar nicht nötig, dich noch künstlich nervös zu machen!“ Das sagt der Vater und läßt die lange Pfeife qualmen. Felix sitzt stumm, mit rotem Kopf. Die Mutter schickt ihm beschwörende Blicke zu. Max aber faßt ihn leicht am Arm und deutet mit wegwerfender Gebärde nach dem Bubenzimmer.
Abends, im Dunkeln, flüstern die Brüder einander von Bett zu Bett wüste Erinnerungen zu. Fritz, den sie schlafend glauben, lauscht atemlos. Er glaubt die schwüle Luft der Nachtlokale förmlich zu riechen, Zigarettenrauch, Weindunst, aufreizende Parfüms. Vor seinen festgeschlossenen Augen tauchen unerhört üppige Frauengestalten auf, halb nackt, in märchenhaften Prunkgewändern. Eine wütende Sehnsucht nach Freiheit, nach Erwachsensein, nach Mitmachendürfen überfällt ihn quälend. Die Brüder erzählen kichernd weiter: von schweren, sinnlosen Räuschen, von Nikotinvergiftungen, von verliebten Kokotten, die aus Gefallen an der schneidigen Jugend Preisnachlässe gewährten; von nächtelangem Karten- oder Billardspiel. -- Das war +Leben+! --
Einen Trost nur stellte er sich verbissen immer wieder vor: Betty hatte ihm erzählt, daß die Brüder beide sie mit Anträgen und Versprechungen bedrängt, und daß sie beide abgewiesen hatte: „Du bist mir lieber, du bist mir überhaupt der Liebste“, hatte sie hinzugefügt und ihn mit brünstiger Hingabe überwältigt. Fritz hatte sie gnädig gewähren lassen. Doch zog er heimlich unendliches Selbstbewußtsein aus seiner Rolle als wonnespendender Pascha und aus dem geheimen Sieg über die Brüder.
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Über der weiten Ebene rings um die Stadt liegt goldklarer Herbst. Endlos dehnen sich die abgeernteten Rüben- und Kartoffelfelder. Aus seidigen Fernen leuchten sanfte Hügel mit buntem Wald. Der bittersüße Rauch der Queckenfeuer liegt in der Luft. -- Leise klatschen Flintenschüsse. -- Die Jagdlust peinigt den Jungen wie ein körperliches Übel. Aber der Vater hat nur ein starres wütendes „Nein!“ für den zaghaft geäußerten Wunsch. Und die vielen Jagdfreunde lehnen es ab, den Jungen heimlich mitzunehmen. Nur einer hat Erbarmen, ein alter, ausgedörrter Weidmann, der an dem stürmischen Trieb des jungen Blutes eine Freude hat. Es folgen Nachmittage voll schmerzender Wonne: die Rebhühner, Hasen werden zu wehrhaften Untieren, die es mit Anspannung aller Nervenkräfte zu beschleichen gilt. Töten -- fliehende Bewegung freier Tiere mit einem Fingerdruck jäh hemmen, in krampfiges Verzucken, in Todesstarrheit wandeln zu können -- dies gibt dem Knaben einen Rausch, der seine Augen gierig weitet, alle Muskeln fieberhaft strafft und in wütendem Pulsschlag das Blut durch alle Adern jagt. Das Wild, das ungeschossen oder unverletzt entkommt, weckt schrankenlos Haß und Rachsucht. Die Beute preßt er in bebenden Händen, fühlt die Lebenswärme langsam weichen. Leidenschaft macht ihn fast vom ersten Augenblick an zum sicheren Schützen. „Donnerwetter, Junge, du schießt ja besser als dein Vater und ich zusammen,“ sagt der alte Jagdherr lobend. Und Fritz ist stolz und ein wenig bitter, denn er fühlt, daß Eifersucht der Grund für das „Nein“ des Vaters sein mag.
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Im Deutschen unterrichtet der Herr Oberlehrer Dimmel, ein Bauernsohn von ungeschlachtem Körperbau -- die Beine leicht gekrümmt, Füße und Hände unförmlich kurz und breit, der ganze Leib, zumal die Schultern, derart mit Muskeln überladen, daß sich die Arme nicht mehr anlegen lassen, sondern pendelnd abstehen. Aus den massigen Schultern wächst ein Stiernacken. Der glattgeschorene Rundschädel ist im Verhältnis viel zu klein und wirkt durch die furchtbaren Kiefer brutal ungeistig. Ein Gladiator. Die Klasse aber nennt ihn den Gorilla. Und sein polternder Scherz, mehr noch die jähen, maßlosen Wutausbrüche, mit Gebrüll und erhobenen Fäusten, rechtfertigen den Spitznamen.
Sein Verhältnis zu Fritz ist zwiespältig: Tagelang hat er seinen Spaß an der aufgeweckten Fassungsgabe des schlanken, blonden Jungen. Bis irgendeine, manchmal vorlaute, oft auch harmlose Bemerkung seinen Jähzorn weckt. Dann donnert er Kathederflüche. „Verzogenes Muttersöhnchen“ -- die Schmähung kehrt unweigerlich jedesmal wieder. Fritz hört sie mit innerem Hohn stumm an -- was weiß der Bauernlackel, wie es bei ihm zu Hause zugeht! Verzogen -- du lieber Gott!
So geht es geraume Zeit wechselnd fort, bis unversehens einmal eine entscheidende Wendung eintritt. Wieder einmal hat der Gorilla getobt und brüllend das unvermeidliche „Muttersöhnchen“ vorgebracht. Fritz hat eben tags zuvor zu Hause einen besonders demütigenden Auftritt gehabt, empfindet wohl stärker als sonst, wie unangebracht gerade dieser Vorwurf ist, und grinst. „Was lachen Sie?“ brüllt der Lehrer. -- „Weil ich ein Muttersöhnchen sein soll,“ gibt Fritz zurück und grinst weiter. Der Gorilla gerät vollends außer sich. „Das sind Sie auch -- ein jämmerlich verzogenes Muttersöhnchen!“ -- Da macht Fritz sein hochmütigstes Gesicht und sagt mitleidig: „Das werde ich wohl besser wissen!“ Sagt es nicht einmal -- murmelt es nur, damit er gerade noch von seinem Sitznachbar verstanden werden und später mit seiner Kühnheit Ehre aufheben kann. Aber der Gorilla hat, wenn nicht die Worte, so doch den Sinn erfaßt und tobt furchtbar los. „Was sagen Sie? Was unterstehen Sie sich? Sie glauben wohl, Sie können hier auf den Papa pochen, auf den Herrn Sanitätsrat? Wie? Nun -- ich pfeife auf den Herrn Sanitätsrat, mit allen seinen Orden, verstehen Sie mich? Ich pfeife drauf! Hier befehle +ich+! Und bei mir haben Sie ausgefressen, das sollen Sie noch ganz verdammt zu spüren bekommen, verlassen Sie sich drauf!“ Die Klasse tut alles, was eine gut gezogene Mittelschulklasse in solchen Fällen tut: grinst dem Pöbelzorn des Lehrers Beifall zu, knurrt gemessen Zustimmung, äußert in sprechenden Gebärden Ekel und Abscheu vor dem schwarzen Schaf aus ihrer Mitte. Die Nächstsitzenden rücken angewidert ab und rümpfen Pharisäernasen. „Hunde!“ denkt Fritz, und Haß würgt ihn zum Erbrechen. Er verrennt sich in wüste Rachepläne: „Wenn ich zaubern könnte ... wenn ich Hauptmann wäre ... wenn ... wenn ...“ und er sieht Lehrer und Mitschüler hündisch gedemütigt, gefoltert, gepeitscht, entehrt, hört sie, bäuchlings hingestreckt, um Gnade winseln. Da schreckt ihn des Gorilla Stimme auf: „Heraus mit Ihnen aufs Katheder, und sagen Sie einmal den ‚Prometheus’ auf! Gestern haben Sie’s miserabel gemacht. -- Wollen sehen, wie’s heute geht! Los!“
Fritz fühlt, weit fressender, als er es mit Worten ausdrücken könnte, die Demütigung, die darin liegt, daß man ihn gegen seine erkannte Stimmung zwingen will, dieses, gerade dieses Gedicht zu sprechen, das er innerlichst erlebt hat und liebt -- freien, offenen Trotz! Wie ein Peitschenhieb noch dazu die Herabwürdigung seiner gestrigen Leistung. Er weiß genau, daß es weit mehr als Schulpathos war, was gestern noch aus seiner Stimme geklungen hat, als er die Verse glühenden Aufruhrs sprach. Nun dies: Miserabel! -- Wütende Auflehnung ist in ihm -- er möchte mit Füßen stampfen, schreien, sich wehren -- blitzschnell zucken ihm verzweifelte Möglichkeiten durch das Hirn -- durchbrennen, Schiffsjunge, Selbstmord. -- Doch ist er so grenzenlos allein; die ganze Klasse schwelgend in lüsterner Schadenfreude. Keiner wird ihm helfen, keiner. Der Gorilla, siegessicher, rachedurstig. Die Eltern -- blinde Verurteilung, Prügel vielleicht. -- Da siegt die Knute -- er schleicht aufs Podium, würgt an seiner Scham, stammelt eintönig Worte, Sätze. -- Der Gorilla hört mit verschränkten Armen zu, ohne Regung von Lob oder Tadel. Nur ein Flimmern ist in seinen Augen; um die breiten Lippen, in deren Winkeln noch Schaum hängt von dem Gebrüll vorher, zuckt Triumph. Er unterbricht nicht, schenkt dem Jungen kein Wort, keine Silbe. Als die zagende, brüchige Knabenstimme längst verklungen ist, nach einer quälenden Pause erst, sagt er mit sattem Hohn: „So, mein Lieber, damit Sie’s wissen: das ist ganz ungenügend! Abtreten!“ Und die Klasse gröhlt Zustimmung. Jeder weiß, daß es ihm morgen, vielleicht heute noch, genau so gehen kann. Grund genug zur Freude, nun, da es einen andern trifft.