Part 18
Fritz hält die Augen starr auf das Ringen greller Farben gerichtet und sagt: „Das also nennt Baedeker ein erhebendes Naturschauspiel. Und wie kalt läßt es einen innerlich! Nur der Sinn fürs Außerordentliche kommt auf seine Rechnung. -- Dreiecke und Kreise, und die Spektral-Palette am Himmel -- die reine Lichtreklame für den Allmächtigen!“ -- „O pfui -- was soll das nun wieder!“ lacht Gitta empört. Fritz sieht immer noch starr geradeaus. „Ich denke an Weißwasser,“ sagt er. „Wenn man dort im schütteren Fichtenwald die Sonne untergehen sah, das gab Frieden und Ruhe, und die quälenden Wünsche wurden still. Ein paar Augenblicke lang wenigstens. -- Aber das hier? Man möchte Bravo rufen, und ist irgendwie beschämt, weil man keinen Eintritt bezahlt hat, und die Erinnerung schreibt geschmeichelt auf: ‚Heute abermals den berühmten Sonnenuntergang an den Pyramiden mitgemacht. Wirklich sehr nett!’“ -- „Nicht, nicht so bitter -- das tut mir weh!“ flüstert Gitta. Fritz wendet sich ihr hastig zu: „Das soll es nicht, bei Gott nicht! -- Ich komme langsam drauf, wo meine Heimat ist -- das tut gewiß nicht weh!“ -- „Heimat,“ wiederholt Gitta leise, in maßloser Trauer. Und Fritz erfaßt plötzlich das ganze Elend des jahrelangen Wanderlebens, um das er sie gestern noch gedankenlos beneidet hat. So steht er nicht nur als Bettler, als ewig Beschenkter, vor der Weitgereisten, Selbstsicheren, Freien. -- Vor ihr voraus hat er den festen Punkt, den stillen Bergwinkel da oben, von dem aus sich jede noch so strahlende fremde Welt aus den Angeln heben läßt. Grausamer Besitzerstolz will auffahren. Doch schnelle Besinnung hält ihn nieder: Nicht eigene Kraft -- die Heimatlose da hat ihm die Heimat geschenkt! In unendlicher Zärtlichkeit küßt er die kleine Hand. Und ein tapferes Lächeln dankt ihm. --
Lange reiten sie stumm durch die schnell fallende graurote Dämmerung, der Zitadelle zu, die mit schlanken Minaretts wie mit spitzen Fingern lockend winkt. Friede in der Luft und Abendgeruch. Fritz hält im Augenwinkel einen Bildausschnitt fest: die kleine Zügelhand im Stulphandschuh, ein schmales Knie, die Fußspitze im engen Steigbügel. Das Knarren des Sattelleders am feinen Lack des Reitstiefels gibt wohltuend den Begriff von warmer Nähe. Glückselige Stunde, da alle Wünsche satt schlafen! Warum noch ein Morgen ... alleine wieder unter Fremden ... die Bank ... verfluchter Käfig!
Um der steigenden Wehleidigkeit Herr zu werden, singt Fritz ein Rekrutenlied laut hinaus:
„Meine Mutter, wenn du kommst, Meine Mutter, wenn du kommst Nach Erlau, In dem Fenster von Kasern’, In dem Fenster von Kasern’ Hineinschau! Drinnen sitzt dein Andrusz Ferencz, Den du hast Geboren. -- Sein gelocktes Haar ist kurz, Sein gelocktes Haar ist kurz Geschoren! --“
Gitta lacht hell auf: „Armer, kurzgeschorener Andrusz Ferencz -- Sie denken wohl an die Bank, morgen?“ Und er lacht erlöst mit. Wie könnte auch Wehleidigkeit vor diesem Mädchenlachen bestehen? Glückselige Stunde! --
Dann ist die Stadt erreicht. Küchendunst, Holzrauch, Staub wirbelt durch die Straßen, legt sich drückend auf Lungen und Hirn. Schon glüht der Lichtschein von Atabet-El-Khadr durch den Nebel. Kaum hundert Schritte noch ... Da fragt Gitta: „Ist nicht in dieser Woche Vollmond?“ -- „Ja, Mittwoch,“ sagt Fritz hastig. „Möchten Sie ...“ -- „Gewiß, mein Herr, ich möchte zur Mosesquelle. Treffen wir uns Mittwochabend neun Uhr wieder hier an dem Platz?“ -- „Schön -- aber bis dahin?“ wimmert Fritz trübselig. -- „Bis dahin bin ich jeden Tag in meinem Hotel zu sprechen. -- Und auch meine Frau Mama wird sich sehr freuen, Ihre werte Bekanntschaft zu machen! -- So sagt man doch in solchen Fällen?“ fügt sie lernbegierig hinzu. Fritz denkt angestrengt nach: „Ich erinnere mich, es in der Tanzstunde so gelernt zu haben,“ sagt er dann. -- „Oh, Sie waren in einer Tanzstunde?“ meint sie überrascht. „Dann müßten Sie doch mit Leichtigkeit die nötige Grandezza gegen Hotelportiers aufbringen?“ -- „Die schon -- aber gegen böse Mädchen bin ich wehrlos!“
Da taucht neben ihnen der biedere Mohammed Achmed aus dem Gewühl und begleitet ihr Lachen mit zügellosem Grinsen. Die Esel und seinen Lohn nimmt er mit hallenden Segenswünschen in Empfang und gibt dem Wagen, der die Reiter davonträgt, in Hechtsprüngen ein Stück weit das Geleit.
Da ist schon die große Brücke, nun noch das kurze Stück durch die Sykomorenallee -- dann hält der Wagen im Lichtkreis des Hotelportals. Ein Händedruck -- ein kurzer Gruß -- und die blitzende Drehtür hat die feine Gestalt verschlungen.
Mit einem Schlag ist Nacht ringsum, und kalte Fremde. Dann bäumt sich neuer Stolz: Kein Jammer, keine Tränen! Den Schwächling liebt sie nicht. -- Ist das Heute vorbei -- laß uns ein Morgen erzwingen!
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Der Besuch ist vollbracht. -- Ein Sieg über die eigene Schüchternheit, mit Herzklopfen, mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten erkämpft. Falko wütend zum Angriff gespornt auf die Portierloge, die schimmernde Festung. -- Die alte Dame gütig und teilnahmsvoll, Gitta lieb wie immer. -- Fritz wandert alleine durch die dunklen Alleen nach Hause und sucht die stürmenden Eindrücke zu sammeln. Die riesige Halle, halb europäisch eingerichtet, mit schweren englischen Klubmöbeln, halb orientalisch, mit reichen Teppichen, eingelegtem Schnitzwerk, Messingzierat; wuchtige Antilopengehörne an den Wänden, vor dem mächtigen offenen Kamin ein Leopardenfell. Und die Menschen, die sich in dem prunkvollen Raum bewegen: Herren und Damen tragen die kostbaren Abendgewänder mit Selbstverständlichkeit, nicht wie Feierkleider, liegen lässig in den tiefen Sitzen, stemmen die Füße gegen das kupferne Kamingitter -- Mokka, guter Tabak, die vielen feinen Haarwasser, Mundwasser, Waschwasser, unaufdringliche Parfüms, der leise Holzrauch aus dem Kamin, das Leder der Möbel, der scharfe Geruch der präparierten Wildfelle und Köpfe: das alles klingt zusammen, schafft eine Atmosphäre von erhabener Besonderheit, die scheue Ehrfurcht weckt. Bruchstücke von Gesprächen: Polo ... Golf ... Gymkhana ... Jagd im Sudan ... in Indien ...
Ein Ausschnitt aus der großen Welt, aus reichstem Leben. Doch Fritz merkt überrascht, erschreckt fast, daß kein Neid mehr in ihm ist. Keinen Wunsch mehr fühlen können, weil doch jedem, kaum gedacht, schon Erfüllung gewiß war: konnte das Neides wert sein? War es nicht unendlich stärker, dem tückischen Gerippe, dem schmalen Monatsgeld, der harten Brotarbeit zum Trotz, seltenen Feierstunden den letzten Tropfen Freude abzuzwingen? -- Da ertappt er sich dabei, daß er nur Gittas Worte nachdenkt. Wie hatte sie gesagt, als er der alten Dame so begeistert vom Wadi Dukla erzählte? „Um Ihre Freudefähigkeit sind Sie zu beneiden! -- Das Erlebnis an sich ist nichts -- nur die Kraft, mit der man empfindet, gibt ihm Gehalt!“
Wunderbares Mädchen! -- Wie hatte sie in kurzen Tagen seine Gedanken so ganz in ihren Bann gebracht! Kein Trotz nun, keine Gegenwehr -- innige Hingabe nur an die neue Süße, gelenkt zu werden von geliebten Händen.
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Der Bankdienst beginnt zu drücken. Wohl hat der Direktor unversehens eingegriffen und über Monsieur de Bergasse hinweg eine gerechtere Arbeitsteilung verfügt, wonach Fritz nun mit dem Triestiner in der Expedition und der eigentlichen Korrespondenz abwechselt. Ist aber der Unterschied so groß, ob man Briefe, ewig dieselben langweiligen Sätze, auf der Maschine schreibt, oder ob man die fertigen nur faltet und in Umschläge steckt? Ewig das öde Einerlei -- wie ein Eichhörnchen in der Trommel; es krabbelt wütend und kommt doch nicht vom Fleck. Das als Beruf? -- Auch hier wird es übrigens mißbilligend bemerkt, daß Fritz keine Zeitungen lesen will. Zeitungen -- geschmacklose Lügen in schlechtem Stil, kleinliche Fehden, Ränke, Winkelzüge, -- matter Abklatsch der alten Condottieri!
„Als Geschäftsmann kommen Sie ohne Zeitungen einfach nicht aus,“ sagt der Direktor. Als ob er, Fritz, Geschäftsmann wäre oder auch nur werden wollte! Er will, weiß Gott, was anderes, er will ...
Ja, er will Antwort geben auf die Frage, die er immer dringlicher, immer quälender aus allen Dingen herausfühlt. -- Ein Falkenschrei, der die Mittagsrast nach langem Wüstenritt durchzittert; ein letzter Sonnenstrahl auf einsamer Palmenkrone; eine Herde, die durch goldrote Staubwolken heimzieht, der sinkenden Sonne zu; und fernes Schakalgebell in nächtlicher Wüste, und vieles, vieles andere, das ihn im innersten berührt, ihn erbeben läßt in dem Gefühl: nun finde die rechte Antwort und du kannst einen Zauber lösen, kannst ein entrücktes Königsschloß wieder erstehen lassen, die Steine zu reichem Troß wandeln, die Herde zu streitbarem Heer, den Falken aber, den Vogel der Sehnsucht, zur schönsten Prinzessin. Finde die rechte Antwort -- finde die Antwort!
Zutiefst in seinem Koffer bewahrt er ein Heftchen, das mancherlei Ergüsse birgt. Er hält es sorgsam geheim. -- Ein dichtender Bankbeamter! -- Die andern würden ihn tothacken, wie Sperlinge einen gelbgefärbten Artgenossen. -- Und die Antwort, das Zauberwort, das er finden will, steckt in keinem der linkischen Versuche. Woran es fehlt? Wie innig empfindet er die Natur, nun, da der drückende Zwang von ihm genommen ist; wie glühend erfüllt ihn der Gedanke an Gitta, Gitta ...
Was aber dann in Worten vor ihm steht, klingt matt, farblos, abgebraucht.
Es genügt wohl nicht, die Sprache neu zu erleben, hergebrachte Formen mit eigenem Sinn zu füllen, fremde Lügen zu empfangen und eigene Wahrheiten zu gebären? -- Wer bist du, Würmchen, daß du das All neu erdenken, freventlich mißachten willst, was ungezählte Geschlechter vor dir erdacht, erkannt, geglaubt haben?
Lernen ... lernen ... Aber hieße das nicht wieder Schule, Zwang, Unfreiheit? Oder gibt es eine Freiheit, die sich fügen kann, weil sie jedem Zwange überlegen ist?
Hierin versagt seine geheime Beziehung zu Gitta -- er vermag ihre Meinung nicht zu ergründen. Wenn er von Zukunftsmöglichkeiten spricht, hört sie zu, gewiß nicht gleichgültig, doch ohne Beifall, ohne Widerspruch. Als er ihr einmal, beinahe heftig, ihre Kälte vorwirft, sagt sie: „Ich schwärme nicht für Luftschlösser! Das Wünschen alleine tuts ja doch nicht!“ -- In jähem Trotz gibt er bissig zurück: „O bitte -- ich werde auch alleine mit mir fertig!“ „Hoffentlich,“ lächelt sie und ein rätselhafter Blick läßt ihn verwirrt erröten.
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Eines Tages findet Fritz in einer technischen Zeitschrift eine Tabelle, die die fortschreitende Entwicklung der Schußwaffen und Verkehrsmittel vom Beginn der geschichtlichen Zeitrechnung bis in die letzte Neuzeit bildlich darstellt. Und er sieht, wie die Kurve durch Jahrtausende allmählich, unmerklich fast, ansteigt, um plötzlich scharf geknickt, senkrecht in die Höhe zu schnellen.
Mit den altpersischen Postreitern und Schnelläufern reisten Briefe ebenso rasch wie zu Napoleons Zeit. Und die Garden des großen Kaisers schossen nicht weiter als die schottischen Bogenschützen des Mittelalters.
Dann der Sprung: Eisenbahn, Telegraph, Telephon, Hinterlader, Schnellfeuergeschütz. -- Wie sollte ein Geschlecht, dem jahrtausendaltes Beharrungsvermögen schwer im Blute lag, in seiner breiten Masse sich dem verzehnfachten Tempo anpassen? Mußte es nicht haltlosen Taumel, trotziges Gegenstemmen geben, bis neuer Nachwuchs herangereift war, der das schwebende Gleichgewicht, die ewige Sprungbereitschaft mitbrachte?
Und Fritz denkt an des Vaters müde Worte, als das elektrische Licht kam, an die Scheu vor dem Telephon, denkt auch mit Beschämung an sein eigenes Frohlocken: „Er kann nicht mehr mit!“ --
Nein, er konnte nicht mehr mit. -- Aber wieviel knorrige Wurzelfestigkeit war doch in diesem Stehenbleiben! Ein Vater aus der Zeit, wo man allen Hausrat für Lebensdauer anschaffte, auch noch auf Kind und Kindeskinder vererbte; und ein Sohn, in stetem Wechsel groß geworden, immer bereit, das kaum erfaßte +Heute+ für ein neues +Morgen+ hinzuwerfen, abzutun: so wahr nie zuvor das Weltrad gleich rasend vorgeschnellt war, so wahr auch mußten an diesem Brechpunkt der Kurve Vater und Sohn einander fremd, feindlich fast gegenüberstehen, wie nie zuvor. Und die letzten Reste wehleidigen Stolzes auf die Unbilden der Kindheit, auf das harte Ausnahmsschicksal, verfliegen, weichen beschämender Frage: „Lebte wahrhaft das Neue in mir, fühlte ich mich mit emporgerissen im steigenden Ast --: warum dann habe ich nicht, hart auf hart, den Willen zum Neuen dem alten Willen entgegengesetzt? Warum aber, vor allem, warum habe ich nie wahrhaft versucht, dieses Gestern zu verstehen, zu durchdringen, das schön sein mochte, und ererbter Wahrheit voll --, warum habe ich gehaßt, ohne mich zu prüfen, ob ich nicht lieben könnte? Warum? ...“
Reuig trägt er seine Selbstanklage Gitta vor. Da kommt ein froher Schein in ihr Gesicht, und einen Augenblick lang fühlt er ihre Hand auf der seinen. „Liebe kommt nie zu spät“, sagt sie leise. Und er sehnt sich plötzlich nach dem Vater.
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Die Beziehung zu Gitta hat sich irgendwie verschoben. Keine Abkühlung, o nein; keine Abkühlung. Aber das warme Gefühl der ersten Tage ist manchmal wie überwuchert von fremdartigem Gerank. Wünsche sind aufgewacht, heiße Wünsche, die Fritz sich kaum einzugestehen wagt und die ihm doch mit lastender Süße im Blute liegen und nicht zu verscheuchen sind. Und Gitta, als ob sie seine Gedanken erriete, zeigt oft unvermittelt heftige Abwehr, jähes Erröten. In Gegenwart der Mutter oder bei Spaziergängen und Ritten durch dicht belebte Straßen ergibt sich immer wieder der alte, übermütige Plauderton. Sobald sie aber alleine sind, außer Sehweite fremder Augen, stellt sich unfehlbar die unerklärliche Befangenheit ein. Kaum, daß ein Wort gesprochen wird. Sie verständigen sich mit Blicken und Gebärden, gehemmt, wie Kinder. Und doch liegt ein Reiz in diesem wortlosen Nebeneinander, den sie beide immer wieder suchen. --
Gitta hat gewünscht, den Abendanstand auf Schakale oder Füchse am Köder mitzumachen. So fahren sie am frühen Nachmittag eines Sonnabends bis zu den Kalifengräbern und wandern von dort zu Fuß ins Mokhattamgebirge hinein. Fritz trägt im Rucksack eine alte Henne, die unwillig gackert. In einem engen Seitental, an dessen steilen Rändern frischbefahrene Baue kenntlich sind, wird halt gemacht. Die Henne bekommt eine Schlinge um den Leib und wird an einen Ginsterbusch festgebunden. Von ihrem Ständer läuft eine dünne Schnur zwanzig Meter weit weg, bis zu dem erhöhten Felsblock, hinter dem die Jäger sich verbergen. Regloses Warten beginnt. Die Henne hat ihren anfänglichen Widerstand gegen die Fesselung aufgegeben und hockt teilnahmslos da. Ein Ruck an der dünnen Schnur weckt gackernden Einspruch. Doch das Raubzeug bleibt taub -- weder Fuchs noch Schakal läßt sich sehen. Es ist auch noch früh -- kaum Sonnenuntergang. -- Reglos warten, reglos. Jede unzeitige Bewegung kann den Erfolg gefährden. --
Gitta sitzt mit untergeschlagenen Beinen auf dem feinen Sandboden, das Gewehr über die Knie gelegt. Fritz kauert halb knieend hinter ihr. An seiner rechten Schulter fühlt er die Wärme ihres Arms, ihres Rückens. Wenn er leise, vorsichtig, den Kopf vorstreckt, weht ihn aus dem offenen Kragen der Hemdbluse der reine Atem des Mädchenleibes an; ein loses Haar spielt an seiner Wange. Unter der dünnen Schläfenhaut sieht er das Blut pochen. Nieempfundenes greift ihm ans Herz: letzte Schranken fällen -- eins werden mit dem geliebten und doch so fremden Leib da -- die eigene Körperlichkeit aufgeben, um sie verdoppelt wieder zu empfangen ....
Oh, wer nun rein wäre, unberührt, nicht das Zerrbild gieriger, gleichgültiger oder gekaufter Umarmungen mit sich schleppte, wie ein Schandmal!
Doch Gitta ... wenn sie ahnte? Und ihre Mutter? -- Schändlicher Vertrauensmißbrauch, Ehrlosigkeit ... Und er zwingt sich zu starrer Ruhe, wenn auch sein Herz wütend flattert. --
Rotes Dämmerlicht mit violetten Schatten. Die Köderhenne hat sich müde gezappelt, achtet kaum mehr auf das Rucken der dünnen Leine, kauert aufgeplustert neben dem Ginsterbusch. Da schrillt ein heiserer Schrei aus der Luft -- ein großer Weißkopfgeier streicht niedrig über den Talkessel, wendet scharf, als er die Henne erspäht und will niederstoßen. Im Augenblick hat Gitta das Gewehr an der Wange, die starke Korditladung bellt auf, einmal, zweimal ... im Doppelschuß überschlägt sich der riesige Vogel, stürzt schwer in den Sand, knapp neben der entgangenen Beute, nach der er verzuckend noch die Fänge reckt.
Gitta bejubelt den glücklichen Schuß in wildem Tanz, und Fritz, von ihrer Freude mitgerissen, tobt mit ihr um die Wette. Da gleitet sie auf dem steinigen Hang aus, droht zu stürzen, Fritz will sie auffangen, und der Wirbel wirft sie gegeneinander.
Fritz fühlt ihre Last in den Armen, fühlt ihre Arme um seinen Hals -- da preßt er sie wie rasend an sich, sucht die roten, starken Lippen und verliert sich in den namenlosen Schauern des ersten Kusses. -- Die Füße in den Sand gestemmt, schwankend im Takt des jagenden Pulsschlages, stehen sie umschlungen, und ihr Atem mengt sich keuchend. -- Als die Lippen voneinander lassen, späht er ängstlich in ihr Gesicht, bereit, seine Arme zu lösen, in den Tod zu rennen, wenn sie ihn verdammt ...
Doch nur Liebe, unendliche Liebe, strahlt aus den großen Augen. Und sie flüstert: „Du hast dich gequält ... ich weiß ... Sei froh, du, sei froh! Ich hab dich lieb! Sei froh!“
Da überfällt ihn haltloses Weinen, furchtbar, ein Schluchzen, das die Brust zerreißen will. Er bricht ins Knie, hält ihre Hand mit seinen beiden umfaßt und würgt abgerissen hervor: „Weißt du denn ... wieviel Schmutz ...“ -- Doch die kleine Hand schließt ihm den Mund. Gitta beugt sich über ihn, trinkt küssend seine Tränen, murmelt: „Laß ... Laß ... Sei froh, du, sei froh!“
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Nun regieren neue Sterne -- nun ist das Leben da, das Leben, gebefreudig kaum erträumten Genuß spendend. Immer noch liegen drei Viertel des Tages in totem Schatten -- die Brotarbeit in der Bank, die Pension mit den Freunden von gestern, heute Halbfremden -- ertragen nur in glühender Erwartung der wenigen Stunden mit Gitta.
Fritz ertappt sich dabei, wie er die lichtlose Kindheit segnet. Hat sie ihn nicht unverbraucht erhalten, ihm die Fähigkeit bewahrt, freier nun und bewußter, mit ganzer Seele sich Freuden hinzugeben, die tausend andern seines Alters, von Jugend auf vertraut, nun kaum noch sonderlichen Gefühlsaufwandes wert erschienen? Selbst die Krankheit noch segnet er. Der Gedanke an den Knochenmann, den er, ewig lauernd, auf dem Rücken trägt, fügt süß und schmerzhaft die letzte Steigerung zum Genuß sinnenfroher, junger Körperlichkeit.
Vergessen, versunken die eingeprügelte Scheu, die finstere Lüsternheit der Jugendjahre; frei ringt sich göttliche Schamlosigkeit auf: Gott schuf den Menschen nach +Seinem+ Bilde! -- Wie durstig trinkt die Haut die ungewohnten Sonnenstrahlen, den reinen Hauch der Weite, wie unirdisch leuchten die jungen Leiber im blaugoldenen Schein der Wüste!
In der Stadt: Eine junge Dame, die sich sehr förmlich von ihrem Ritter geleiten läßt. -- Kaum aber ist der Dunstkreis der Menschenherde überwunden, da fallen die hemmenden Kleider, zwei nackte Menschen taumeln durch die Unendlichkeit, wie liebesselige Falter.
Kein Gestern, kein Morgen. -- Weite Ritte, Nachtlager in freier Wüste, auf lauem Sand. Sonne, Mond und Sterne, und wieder Sonne. Ihr Auf und Nieder bescheint unwandelbares Glück. „Deine Mutter ..., mein Vater ...? Laß -- laß! Wir sind der Urbeginn, das erste Paar, die Menscheneltern!“ -- Kein Gestern, kein Morgen.
Lag je eine Frage quälend auf dem Grund der Dinge, auf die es die Antwort zu finden galt? Vorbei die Qual -- hier die Antwort: Selige Nacktheit unter freien Gestirnen. -- Kein Gestern, kein Morgen.
Kein Morgen? -- Die eine Frage pocht und brennt, ist nicht zum Schweigen zu bringen. In einsamen Nächten -- die sonnendürre Haut wehrt sich schmerzhaft gegen leichteste Hülle, der ganze Leib glüht wie mit flüssigem Blei ausgegossen, rasender, unstillbarer Durst scheucht jeden Schlaf -- in einsamen Nächten springt ihm folternd die Zwiespältigkeit seines Daseins ins Hirn. Kein Morgen? Soll dieses Heute unverändert währen? Heute, das ist: Gitta, Sonne, Freiheit. Heute aber, das ist auch: Bank, armselige Schreibarbeit, widerwillig oder doch gleichgültig getan, acht, zehn, zwölf Stunden im Tag. -- Heute: Das ist der kleine Handelsangestellte, dem ein namenloses Glück in den Schoß gefallen ist, das er nun heimlich, heimlich genießt.
Trotz bellt auf: „Heimlichkeit? -- In offener Wüste?“ -- Doch das Gewissen läßt sich nicht belügen: „Seid ihr so kettenlos frei, Urbeginn, erstes Paar, Menscheneltern -- was ist es dann, das euch immer wieder in die Stadt zurückzwingt, hinein in die Herde, in Kleider und Gesetze? Dort selige Nacktheit unter freien Gestirnen -- hier öder Werktag, enge Formen --: Wollt ihr ein Leben lang dazwischen pendeln?“
Was soll werden? Die Zweifel überwuchern seine Einsamkeit nicht nur, sie greifen fressend über auch auf die Stunden mit Gitta, daß langsam neue Befangenheit aufwächst. -- Heiraten -- Weib und Kind ernähren von dem lächerlichen Gehalt, der knapp für einen reichte? Das war dein Traum, armer Heinze, und seine Erfüllung hat dir ein gnädiger Tod erspart! -- Aber Gitta ist reich, nach europäischen Begriffen unerhört reich, und man könnte ... man könnte -- was? Sich mit dem Geld einer geliebten Frau zur Ruhe setzen, ohne je ehrlich müde gewesen zu sein? Der Vater ... ach was -- keine Beispiele! Der eigene Stolz reckt sich auf. -- Was soll werden?
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Ein Tag auf dem Nil. Vom frühen Morgen an hat das scharfgeschnittene Segelboot sich gegen strammen Südwind rauschend stromaufwärts gekämpft. Gitta und Fritz haben sich redlich abgeplagt bei dem ewigen Kreuzen, sie am Steuer, er an den Segeln. Kurz nach Mittag fällt tote Flaute ein; das Boot liegt abgetakelt vor Anker und schwait leise im Strom.
Gitta ist stiller als sonst, und seltsam ernst. Fritz wehrt sich gegen einen inneren Druck, der ihm die Sonnenstunden verleiden will. -- Da wendet sich Gitta, die ausgestreckt neben ihm im Bootskasten liegt, auf dem Ellenbogen ihm zu, und ihre freie rechte Hand greift weich und zärtlich in sein Haar. „Sag mir, du -- bist du geheilt?“ -- Er fährt aus seinem Grübeln auf, wie auf einem Verbrechen ertappt, wiederholt verwirrt: „Geheilt -- Gitta?“ -- „Ja, geheilt, von deiner Bitterkeit, von Haß, von all dem Häßlichen, sag?“ -- „Ja, oh ja!“ stammelt er glühend, will sie küssen. Doch sie wehrt ihm leise: „Wird nichts, nichts, was immer auch geschieht, dich nochmals verbittern können?“ Der Ton der Frage schreckt ihn, er sieht sie starr an. Sie hält den Blick ruhig und ernst aus, drängt ihn: „Sag mir, du, wirst du nie wieder, nie wieder bitter sein, wie damals, als wir uns trafen? Sag?“ -- „Nie wieder, Gitta, gewiß nie wieder -- aber warum ...“ -- „Schwöre mir das, ich bitte dich, schwöre mir das, bei allem was uns heilig ist, bei der Wüste, bei der Sonne ... sag: ich schwöre!“ -- Er will sich wehren, doch sie beharrt ernsthaft auf ihrem Willen, läßt ihn einen Schwur nachsprechen, daß er den Glauben an die Sonnenstunden ewig bewahren will. Kaum hat er, von ihrer andächtigen Inbrunst bezwungen, das letzte Wort nachgesprochen, da wirft sie sich über ihn, umschlingt ihn rasend und flüstert zwischen saugenden Küssen: „Sei froh, du, sei froh!“
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