Junge Triebe: Roman

Part 19

Chapter 193,702 wordsPublic domain

Gegen Abend springt der Wind wieder auf. Das Boot zieht vor der stetigen Brise den Strom hinab, die Segel weit ausgelegt, lautlos ruhig. Gitta sitzt am Steuer, Fritz vor ihr auf dem Bootsboden, die Wange an ihre nackten Kniee gelehnt. „So werde ich dich immer sehen,“ flüstert er weich, „du am Steuer meines Schiffs, und ich dir zu Füßen!“ -- Da flammt eine Röte, dunkler als der Abendschein, in ihrem Gesicht auf und sie sagt hart wie nie zuvor, heftig: „Das sollst du nicht -- das sollst du nicht!“ -- „Gitta, was ist dir?“ -- Da ist die weiche Stimme wieder, und der zärtliche Blick: „Verzeih, ich bin wohl etwas müde -- nimm du das Ruder, bitte!“ --

Das Boot ist im Segelhafen festgemacht, und Fritz will einen Wagen herbeipfeifen. Gitta faßt seinen Arm: „Bitte, gehen wir zu Fuß!“ -- Er gibt gerne nach.

Hinter der großen Brücke, im nächtigen Dunkel der Sykomorenallee, nimmt Gitta seinen Arm. „Hier sind wir seit dem ersten Abend bei Hesselbach nie mehr gegangen -- immer nur gefahren oder geritten. Denkst du noch dran?“ -- „Oh ja, oh ja!“ sagt Fritz und zieht die kleine Hand zärtlich an die Lippen. „Damals hattest du Stöckelschuhe, die klimperten eine Frage auf der harten Straße!“ -- „Eine Frage?“ -- „So klang es mir. -- Bist du froh, bist du froh?“ -- Da wirft Gitta die Arme um ihn, stammelt an seinem Ohr, und er hört Tränen in ihrer Stimme: „Bist du froh? -- Wirst du froh bleiben, immer, immer, sag?“ Der jähe Überschwang macht ihn bestürzt -- er faßt ihren Kopf, will ihr Gesicht sehen -- doch sie preßt sich enger noch an ihn: „Immer, immer, sag?“ Und eine heiße Träne rinnt ihm über Wange und Hals. „Ja, Liebling, tausendmal ja -- ich wäre ja ein Schuft ...“ Da schnellt sie ihren Kopf dem seinen entgegen, daß zwischen vollen Lippen die Zähne aufeinander knirschen, und in einem langen Kuß keucht sie ihm in den Mund: „Denk dran -- du hast geschworen!“ Dann ein scharfer Biß, daß ihm augenblicklich ein Blutfaden von der Unterlippe übers Kinn läuft -- sie reißt sich los und ist mit zwei Sprüngen im Lichtkegel des nahen Hotelportals. Alter Verabredung nach begleitet er sie nie mehr bis zum Eingang. So bleibt er ratlos im Dunkel, saugt an der zerbissenen, schmerzenden Lippe. Als er sie zögern sieht, fragt er: „Morgen?“ Da ruft sie über die Schulter zurück: „~Not to morrow -- you’ll hear from me -- God bye!~“ winkt mit abgewandtem Kopf und läuft ins Haus.

Der aufgeregte Abschied -- wie fremd und ungewohnt! -- Und daß sie englisch geantwortet hat? -- Natürlich -- um in Hörweite des Hotels nicht „du“ sagen zu müssen! -- Doch eine ziellose Unruhe läßt sich nicht unterdrücken. Dazu noch die Lippe, die dick aufschwillt -- es wird am Ende dreckige Bemerkungen in der Pension geben, und morgen in der Bank ... „Morgen nicht -- du hörst noch von mir -- Gott befohlen!“ --

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Morgen nicht. -- Der Montag bricht öde an. Härter als sonst drückt das Einerlei des Bankdienstes; an den Sonnentag auf dem Strome mahnt quälender Durst und die dicke Lippe. Fritz saugt immer wieder an der kleinen Wunde. Der leise Schmerz und der Blutgeschmack rufen ihm inbrünstig immer wieder den Kuß wach. Gitta! -- Dienstag morgens liegt ein Brief in der Bank. Von Gitta. Fritz reißt den Umschlag hastig auf -- lange Seiten, engbeschrieben ... Im ersten Schreck laufen die klaren, steilen Buchstaben durcheinander -- dann liest er:

Liebster -- Dieser Brief erreicht Dich, wenn ich schon auf hoher See bin. Ja, Liebling, ich gehe fort von Dir. Und daß ich es Dir nicht zu sagen, keinen Abschied zu nehmen wagte -- das allein mag Dir beweisen, wie furchtbar schwer es mir fällt. Könnte ich doch bei Dir sein und Dich trösten; -- aber dann hätte ich nicht mehr die Kraft fortzugehen. Und es muß doch sein. Ich bin nicht sehr gewandt mit der Feder und verzweifle fast daran, Dir hier aufzuschreiben, was ich doch so klar und notwendig fühle. Du mußt mir glauben, Liebling. Und wenn Du in der ersten Heftigkeit mir nicht glauben willst, dann glaube der Sonne, die über uns geleuchtet hat. Wer müßte ich sein, um zu vergessen, was wir erlebt haben? Und denk auch Du an Deinen Schwur!

Ich habe nie zuvor geliebt, das weißt Du. Dich aber hatte ich lieb vom ersten Augenblick, und mit jedem Tage mehr, bis mir nichts Lieberes mehr blieb als Du. Darum muß ich fort. Versteh das doch, ich bitte Dich! -- Du hast mir nie davon gesprochen, und doch weiß ich bestimmt, daß Dich in den letzten Wochen die Frage zu quälen begonnen hat: Was weiter? -- Mich hat sie nicht weniger gequält, glaub mir. Denn wenn ich auch nie geheuchelt habe, so oft ich mit Dir ganz in den Augenblick versank, so hat sich meine amerikanische Erziehung doch nicht verleugnet, sobald ich alleine war. Ich sehe die Welt nüchterner als Du.

Du hast Deine Kindheit halbwegs überwunden, Deine Selbsterziehung begonnen und wirst heute oder morgen zu einem Entschluß über Dein Leben kommen, den Du eigentlich schon früher hättest fassen müssen. Du bleibst nicht bei der Bank, bleibst auch nicht im Ausland. Die Heimat steckt Dir tiefer im Blut als Du weißt. Und Du wirst lernen müssen, viel lernen; nicht wegen des dummen Doktortitels, aber weil Dein ganzes Wesen die feste Unterlage braucht.

Nun sieh doch, Liebling: dabei würde ich Dich hindern! Sag nicht, Du würdest durch mich und mit mir ... sag nichts von Hilfe! Kannst Du als Student eine Frau brauchen? Oder nachher, als junger Künstler? Und wie sollten wir leben? Als reiche Leute im großen Stil? Das ertrügest Du keinen Tag. -- Oder sollte ich, Deinem Stolz zuliebe, mich von Dir ernähren lassen, durch Stundengeben oder so? -- Und meinst Du wirklich ... aber ich will Dir nicht weh tun. --

Sieh doch, Liebling: wie hat uns das Schicksal zusammengebracht, wie hat es uns emporgerissen, steil aufwärts! Können wir weiter steigen, weiter noch so steil steigen? Müßte nicht ein Stillstand kommen, und ein Bergab?

Was haben wir erlebt in diesem halben Jahr, Liebster, Liebster! Wir haben nicht gerechnet, nicht gespart. Und es war gut so. Aber ich könnte es nicht ertragen, Deine Küsse kälter werden zu fühlen. Und das müßte, muß kommen. Wir sind ja so jung, und das Leben ist lang.

Frag nicht, was aus mir wird. Du hast mir unendliches Glück geschenkt, und es wird kein Opfer sein, wenn ich noch lange Jahre mit meiner armen Mutter durch die Welt ziehe. -- Es wird kein Opfer sein, solange ich fest glauben kann, daß es so für +Dich+, Liebster das Beste ist. Nun tue ich Dir wohl weh -- aber vielleicht hilft Dir der Schmerz, den Künstler in Dir zu finden, den Du suchst. Und dann wird der Schmerz Frucht tragen und auch das Glück, das wir genossen haben.

Suche mich nicht. Du würdest mich namenlos quälen, aber doch keinen Augenblick irre machen in dem, was ich als richtig erkannt habe. Ich will keine Briefe, ich will aus Deinem Leben verschwinden. Dabei will ich Dich im Auge behalten -- aber ich werde Dich niemals unter den Vielen suchen. Vielleicht finden wir uns einmal, wenn Du allein stehst, über den Andern ...

Nun kann ich nicht weiter, denn die Sehnsucht packt mich und es könnte sein, daß der Brief ins Feuer fliegt und ich --

Lieber, Liebster, nun fühlst Du wohl, wie heilig ernst es mir war, als ich Dich gestern auf die Freude schwören ließ. Gestern war das? --

Mama ruft mich. Sie ist aufgeregter als sonst bei einer Abreise, denn sie fühlt wohl, daß wir fliehen. Ich fliehe nur vor meiner Schwäche. Denn Du -- bist Du der, den ich liebe, dann wirst Du stark sein.

Leb’ wohl, Liebster!

Gitta.

Ich habe dich gestern gebissen und hoffe sehr, es wird eine kleine, weiße Narbe geben. Fremde Lippen werden sie küssen -- aber sie sollen nie jemandem gehören, der dich weniger lieb hat als ich. Das versprich du mir.

Fritz steht gelähmt. -- Der Brief in seiner Hand zittert, flattert -- er muß ihn gegen die Mauer halten, um den und jenen Satz nochmals überfliegen zu können. Gitta fort! -- Und die Welt, die gestern noch strahlend in Sonne lag, ist mit einem Schlage grau und leer. -- „Schlechte Nachrichten, mein Herr, wie es scheint?“ feixt der Buchhalter im Vorübergehen. Und Fritz zuckt die Hand -- er möchte die geile Fratze zertrümmern. -- „Bist du der, den ich liebe ...“ klingt es auf und er wird stolz und kalt. Da im Stiegenhaus stehenbleiben und den Affen ringsum ein Schauspiel geben, daß sie ihm den Jammer schadenfroh an der Nase ablesen können? Nein und nein! -- Nicht nachdenken, die Fronstunden absitzen -- Abend dann, zu Hause, blieb Zeit, zu heulen, mit dem Kopf gegen die vier Wände des engen Zimmers zu rennen ...

Und er stürzt sich verbissen in die eintönige Arbeit, tobt auf der Maschine, schreibt sich den Krampf in die Finger ... und der Abend findet ihn, zu seiner eigenen Überraschung, gefaßt und ruhig, zu ruhig beinahe, und unfähig zu jedem Ausbruch.

Wohl rauscht sein Blut auf: Gitta! Gitta! -- Und die wunde Lippe brennt: Gitta! -- Doch neuer Stolz stemmt sich dagegen: Ich kenne dich, Satan! Der Vater konnte mich nicht klein kriegen, die Krankheit nicht, und nicht die Bankarbeit -- nun sollte ich mich an die Sinne verlieren, mich verliegen? Was Gitta heute getan hat, das habe ich längst geahnt, gefühlt, hätte es morgen vielleicht selbst erkannt -- nun ist es getan. Herrliches Mädchen! Der Schwur war unnütz -- nie wieder wird mich der Glaube an Sonne und Glück verlassen, den du mir geschenkt hast! --

Was mag das Mädel gelitten haben und gekämpft -- und wie hat sie es getragen! Kaum daß in letzter Stunde das Herz ihr aus den Händen geglitten ist -- herrliches Mädchen! „Bist du der, den ich liebe ...“ Ja, ich bin stark, ich lasse mich nicht zwingen, und unter den vielen sollst du mich nie zu suchen haben -- Gitta, Gitta! --

Noch kommen Rückfälle in Kleinmut und Rührseligkeit. An manchen Abenden durchrennt Fritz die Straßen, die Gitta neben ihm gesehen haben. Die dunkle Sykomorenallee hinter der großen Brücke ist sein liebstes Ziel. Dort steht er oft im Dunkel, wenige Schritte vor dem Lichtkegel des Hotelportals, klammert die Arme um den mannsdicken Stamm eines Alleebaumes und läßt seine Tränen haltlos die kühle Rinde feuchten, während er wütend an der wunden Lippe saugt. Er will sie lange nicht heilen lassen, denn in dem leisen Schmerz und dem Blutgeschmack brennt jedesmal die Flamme jenes letzten Kusses auf ...

Doch die Lippe heilt. Über Nacht einmal hat sich der kleine Riß geschlossen und bald ist die kleine weiße Narbe da, ganz wie Gitta sie gewünscht hat. Ein wenig wulstig noch, und er streicht gerne mit der Zunge darüber hin.

Die Lippe ist geheilt, und der Entschluß, den Gitta vorausgesehen hat, ist gefaßt, steht unerschütterlich fest: Weg von der Bank, an die Universität erst, und dann ... wenn es zum „Dichter“ nicht reichte, konnte man Kritiker werden oder Schriftsteller. -- Jedenfalls: nur ein freier Beruf, der Kunst gewidmet, konnte ihn ausfüllen.

Der Entschluß läßt ihn den Bankdienst mühelos ertragen, daß die kleinlichen Zwischenfälle spurlos an ihm herunterrinnen, wie Wasser am Fell des Seehunds. Wie lange denn noch ...

Schwer aber beginnt von neuem der Gedanke an den Vater zu drücken. Wie wird der den Plan aufnehmen, wie wird die Auseinandersetzung ausfallen? Keinen Augenblick zweifelt Fritz daran, daß sein junger Wille diesmal obsiegen muß. Doch möchte er dem Alten die Niederlage nicht im Bösen beibringen. Innerlich, das weiß er von Mailand her, innerlich wird der Vater wohl dasselbe wünschen -- Universitätsstudium. Aber er kennt auch den jähen Starrsinn des Kraftmenschen, der sich dem, was er für Auflehnung hält, eisern verschließt, auch wenn es sich mit seinen Wünschen deckt. Vorsicht also und jede unnütze Schärfe vermeiden -- aber wie soll das in Briefen möglich sein? Die Nachrichten von Hause kommen spärlich und wenig gehaltvoll. Auf dem starken Elfenbeinpapier stehen feingestochen die weichen Schriftzüge der Mutter, doch ein P. d. im oberen oder unteren Eck des Bogens zeigt an, daß „Papa diktiert“ hat. Ermahnungen, Vorschriften, Verbote ... Arbeiten, Sparen ... „Wir dulden natürlich nicht ...“ wie freudlos alles! Kein Wort von dem Leben da drüben, in dem alten Haus unter vielen häßlichen Häusern, mit den weiten Feldern im Hintergrund ... Selten einmal ein Brief von Gretl, gütig, zärtlich, doch sie auch seltsam gehemmt in allem, was das Leben zu Hause anging. Leidet sie unter der steten Nähe der lebensfremden alten Leute, oder hat sie die Kraft gefunden, der greisenhaften Trübsal den jungen Willen zur Freude entgegenzusetzen, wie Gitta? Gretl und Gitta! Der Schwester fehlte wohl Gittas harte Kraft. Die ließ sich ihr Schicksal aufbürden und trug es stumm und ohne Klage, mit dem gütigen, treuen Lächeln um die Lippen, das er so gut kannte. Gretl! -- Und Fritz merkt beschämt, daß er in den Auslandsjahren die Schwester innerlich vernachlässigt hat, in den letzten Monaten besonders. Wortreiche Schilderungen der Ritte und Jagden, der fremden Weiten -- mußte er sie damit nicht eher gequält haben, sie, die in trübster Kleinstadt einen leeren Alltag lebte? Und nie ein Wort der Klage, kein Schatten von Neid, immer nur freundliches Miterleben. -- Treue Schwester!

Die Brüder, mein Gott, die Brüder! Felix der Musterhafte, hoher Verwaltungsbeamter, und Max, nach wilden Reiterjahren, im Generalstab -- erhabene Würdenträger! Immerhin, es gab Erinnerungen -- die Löwenjagd, und Haschilipani Maschitzki Baribatzki -- man sollte die beiden wieder einmal sehen! -- Im Frühsommer stand ihm der erste Europaurlaub zu, das wußten die Eltern durch den Herrn Rat, und der Vater hatte ihm erlaubt, die vier Wochen zu Hause zu verbringen: „Wir haben nichts dagegen ...“ Er kam nicht los von dem majestätischen Herrscherstil, und dabei gedachte er sicherlich mit dem weitgereisten Jüngsten zu prunken, auf seine Art. Armer alter Mann --, der kaum sich selbst, geschweige denn dem Sohne eine Freude einzugestehen wagte! Der graue Himmel da oben, Nebel und Regen ...

Der Urlaub ließ sich im letzten Augenblick mit der Kündigung verbinden -- er konnte abreisen, um nicht wiederzukehren, und drüben, drüben, wenn er erst mit dem Vater Auge in Auge sprechen konnte, da fand sich wohl die Möglichkeit, alles zu erklären, ihn in Güte umzustimmen, wenn Umstimmung nötig war ...

Und so soll es sein: Bei Antritt des Urlaubs wird gekündigt. Die Bank kannte ohnedies keine Kündigungsfrist. Wer gehen mußte, der bekam seine drei Monate Gehalt in die Hand, wer gehen wollte, dem wurde die Türe weit aufgemacht und damit Gott befohlen! -- Wochen nur noch bis dahin, die es zu nützen gilt!

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Wolkenloser Frühling. Auf den Feldern wuchern meterhoch die jungen Halme. Gegen den Wüstenrand zu wird das dunkle Grün lichter, schütterer, verliert sich in kümmerlichen Hälmchen. Im Herbst aber wird das neue Stauwerk einsetzen, wird die zeugenden Wasser des Stromes weiter in das durstige Land hineinpressen, die Sakkîjen, Schaddûfs und die archimedischen Schnecken, da und dort wohl schon dampfgetriebene Drehpumpen, werden sie über Bodenschwellen heben, weiterdrücken, weiter ins Land. Und wieder wird ein neues Stück Wüste seine stolze Keuschheit verlieren, wird Frucht empfangen müssen und gebären. --

Die Wachteln, Bekassinen und Wildtauben sind aus dem Süden gekommen, sammeln letzte Kräfte zu dem Flug über das weite Meer. Wißt ihr nicht, ihr Wanderer, daß an den Inselküsten erbarmungslose Feinde euch erwarten? Daß viele Tausende in Stecknetzen, in Lockgarnen, in Fallen aller Art, oft unter rohen Knüppeln elenden Tod finden müssen, ehe die kühlen Ährenfelder des Nordens euch aufnehmen? Wißt ihr das nicht? Seht doch den Überfluß ringsum: Warum wollt ihr die reiche Tafel verlassen? Lockt es euch so übermächtig, das Rauschen der Bäche und der Wälder, die Glocken aus alten Zwiebeltürmen über abendliches Land klingen zu hören? Geht ihr Wanderer -- Glück auf euren Weg! Bald folge ich euch!

* * * * *

An einem Morgen liegt feiner weißer Dunst über dem Himmel. Die Sonne blickt glanzlos, als matte Scheibe, gibt keinen Schein. Unerträgliche Spannung in der Luft -- die Menschen kriechen müde, reizbar durch den schattenlosen Tag: Chamsîn!

Hier in der Stadt zeigt er nur noch das bleiche Grinsen, zu dem sein Antlitz nach tobender Wut erstarrt ist; nur ein letzter Hauch seines sengenden Atems weht jetzt durch die Straßen. Wieviel Leben aber magst du draußen in der Wüste vernichtet haben, die dir wehrlos untertan ist? Wieviel Grabhügel hast du über erstickten Menschen, über Tragtieren, über Nomadenzelten getürmt, verblasen und nochmals getürmt? Wieviel Mordlust hast du geweckt, wieviel lasterhafte Brunst entfacht, Vater des Bösen, Teufelsatem, Chamsîn? --

Nun kommt die heiße Zeit. Die Sandstürme folgen einander in kurzen Pausen, scheuchen Schlaf und Ruhe. Die letzten Touristen fliehen eilig. Die Stadt wird sommerlich still. Kutscher und Eseltreiber sind demütig auf bescheidenen Verdienst erpicht. Der halbflüssige Asphalt hemmt klebrig jeden Schritt. --

Draußen die Wüste, windstill in trockener Glut. Die Hitze legt sich eng um den Körper, wie ein Gewand. Ein langer Abschiedsritt durch die Hügel und Täler des Mokkhattam. Weit draußen im Wadi Dukla, im Windschutz eines Felsblockes, der Abdruck eines kleinen nackten Fußes im hartblätterigen Sand: Gitta! Da liegt er schon lang hingestreckt, das Gesicht in die schlanke Fährte gepreßt, tastet mit zuckenden Lippen die Umrisse nach: Gitta, Gitta! Und die kleine weiße Narbe glüht.

Vorbei auch das! -- Fritz steht wieder fest auf beiden Beinen und umfaßt mit einem langen Blick das tausendfarbige Sandmeer: Laß mich dich trinken, fremde Schönheit, erfülle mich mit deinem Licht, daß es mir graue Tage unter einem Himmel erhellen mag, der deine Farben nicht kennt. Von dorther kam ich, aus grauen Nebeln -- dorthin muß ich zurück! Auch dort liegt ein Geheimnis auf dem Grund der Dinge, in Wald und Bächen, und in den flachen Feldern noch, die sich endlos dehnen. Doch ist es süß und tief, birgt fruchtbaren Frieden, nicht Tod und Qualen, wie dein glühender Schoß, du prunkende Fremde!

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Fritz steht im Zimmer des Direktors: schwere, englische Ledermöbel, reiche Teppiche, ein großer Marmorkamin. Starker Duft von Mokka und feinem Tabak. -- In dem breitlehnigen Kippstuhl hinter dem Doppelschreibtisch ein Mann mit großen, festgeschnittenen Zügen, klaren Augen unter hoher Stirn ... Fritz steht wartend und grübelt: Wann hat er den Raum zum erstenmal betreten, war das gestern oder vor zehn Jahren? -- Und er sieht sich im Geiste wieder als den Neuling, frisch aus Mailand, ehrfürchtig schaudernd noch von den Eindrücken der Seereise und der neuen Würde des „Europäers“ -- und ungeliebt -- o Gitta!

Da ist auch die klingende Stimme -- der Direktor sieht von seinen Unterschriften auf: „Was haben Sie auf dem Herzen?“ -- Fritz stottert sein Begehren hervor: kein Urlaub -- Abschied, Entlassung ... Studien vollenden ... Und die Größe des Entschlusses läßt seine Stimme zittern. Auch merkt er plötzlich, daß er den gütigen, wortkargen Mann da auf eigene Art geliebt hat. -- Der Direktor hat ihn zu Ende gehört und sagt nach kurzem Schweigen: „Ich hab’s mir wohl gedacht, daß Sie im Bankfach nicht glücklich werden -- übelnehmen kann ich’s Ihnen nicht! Also -- viel Glück zu Ihrem Entschluß -- ich lege Ihnen gewiß nichts in den Weg!“

Fritz fühlt sich maßlos ergriffen von den paar einfachen Worten, meckert aus zugewürgter Kehle Dank und die Bitte, von der Kündigung nichts nach Europa zu berichten. „.. Mein Vater ist alt -- ich kann mich brieflich schwer mit ihm verständigen ..“ -- „Na, hoffentlich geht es mündlich um so leichter,“ kommt es gutmütig zurück. „Also nochmals -- viel Glück -- und machen Sie’s gut!“

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Die Eingeborenenviertel prangen im Schmuck von ungezählten bunten Wimpeln, edlen Teppichen und Stickereien, zu Ehren des Frühlingsfestes Cham-El-Nessîm. Fritz kehrt froh und farbensatt von einem weiten Gang durch die alte Stadt zurück und merkt mit leiser Überraschung, daß bei seinem Eintreten die laute Runde am Abendtisch in drückendes Schweigen verfällt. Vergebens sucht er ein Gespräch in Gang zu bringen; selbst die Stiftung einer Abschiedsbowle verfängt nicht. Nur stummes Kopfschütteln und seltsame Blicke sind die Antwort. Endlich erhebt sich Herr Lustig und fordert ihn mit einem Augenwink auf, ihm zu folgen. Fritz wittert einen der üblichen Scherze und wappnet sich zu schlauer Abwehr. Doch Herr Lustig schließt die Zimmertüre, beginnt stockend und verwirrt zu sprechen: „Es sind Nachrichten gekommen .. der Vater ...“ Dann starrt er Fritz ängstlich, fast flehend an, als sollte der ihm die Fortsetzung erlassen. Doch Fritz schweigt. Herr Lustig beginnt abermals, stößt nach kurzem Zögern hervor: „Der Vater ist tot!“ -- „Wessen Vater?“ fragt Fritz, immer noch völlig verständnislos. „Ihr Vater!“ murmelt Herr Lustig. -- „Mein Vater? Der war ja gar nicht krank .. das ist ja ...“ dumm gelogen, will er sagen. Doch er besinnt sich: +den+ Scherz erlaubt sich keiner! Ein Mißverständnis also, das rasch aufgeklärt werden muß! -- „Woher haben Sie die Nachricht?“ fragt er rauh. Und Herr Lustig beginnt sich erschreckt von dem Verdacht zu reinigen, er habe eine solche Mitteilung etwa leichtfertig gewagt. Mit der Abendpost ist ein Brief für Fritz gekommen und eine schwarzgeränderte Todesanzeige. Die wurde, da der Umschlag offen war, aus reiner Neugierde gelesen. Um nun die Wirkung des Versehens zu mildern -- zweifellos ein Versehen --, habe er sich auf Wunsch der Tafelrunde entschlossen ... einige vorbereitende Worte ... in der besten Absicht ...

„Wo sind die Briefe?“ flüstert Fritz. Und Herr Lustig zieht sie aus der Rocktasche, bleibt einen Augenblick unschlüssig stehen, geht dann auf Zehenspitzen hinaus. Die Tür klappt zu.

Fritz entfaltet das schwarzgerahmte Blatt mit fliegenden Händen. Da steht es -- Name -- Titel -- Orden -- nach kurzem, schwerem Leiden ...

Vor sieben Tagen gestorben! Und er hat diese sieben Tage ahnungslos gelebt, hat sein bißchen Dienst gemacht, Spaziergänge, Ritte, hat gelesen, geplaudert, gegessen, geschlafen -- gestern, heute, vor einer halben Stunde noch, als der Vater längst schon in der Erde lag?

Der Vater gestorben -- und hat wohl noch in den Tod das alte Bild des Jüngsten mitgenommen -- schlimmer noch: Die Kündigung, auf eigene Faust, doch in der festen Absicht unternommen, vor dem Vater dafür einzustehen -- nun wird sie zur Heimlichkeit, zur nie wieder gutzumachenden! -- Er hätte den Vater sehen, sprechen, ihm die Wandlung beweisen müssen ... zu spät!

Nach kurzem, schwerem Leiden ... Der Vater war krank, und man hat ihm, dem Sohn, nichts geschrieben; er ist gestorben, und man überläßt es dem Zufall, ob der Sohn nicht durch eine gedruckte Todesanzeige davon erfährt -- wer durfte ihm das tun? Und erstickende Wut steigt in die Kehle. -- Da fällt sein Blick auf den zweiten Brief, der die steile Mädchenschrift der Schwester zeigt. -- Am Todestage aufgegeben -- die Karte zwei Tage später ... Sie haben nicht daran gedacht, daß die Post in Genua gesammelt wird ... Ein Mißverständnis noch im Tode ...

Da kommen die Tränen.

* * * * *

Die Schwester schreibt kurz, sichtlich unter dem unmittelbaren Eindruck des Hingangs: Der Vater habe jede Nachricht von seiner Erkrankung ausdrücklich verboten ... keine unnütze Aufregung gewünscht ... dann das Ende so plötzlich ... Die arme Mama ... „In wenig Wochen bist Du ja hier -- ich hatte so viel von dem Wiedersehen gehofft -- nun findest Du ihn nicht mehr ...“

Wo ist nun die Herrengebärde, der Sieg des jungen Willens -- wozu nun alle Einkehr, alle Selbstbesinnung, da +er+ nicht mehr davon erfährt?