Part 17
Fritz fühlt neue Unsicherheit. Kann ein Mädchen, ein Mädchen der besten Stände, tatsächlich so unbefangen sein, oder ... Doch sie läßt ihn nicht zu Ende denken: „Mein Benehmen will Ihnen nicht in den Kopf, wie? Nun, -- dies ist nicht der Augenblick zu langen Erörterungen, -- aber glauben Sie mir, Sie werden noch alles begreifen lernen! -- Hören Sie jetzt: Man sagt mir, daß Sie Sonnabendnachmittag früher Schluß machen, schon gegen fünf Uhr. Nächsten Sonnabend also, das ist übermorgen, erwarte ich Sie spätestens um fünf Uhr in der kleinen deutschen Teestube, Hesselbach heißt der Mann, glaube ich, Sie kennen sie? -- Ja? -- Gut! -- Und merken Sie noch eins: Ich verstehe allerhand Hemmungen. Besonders Schüchternheit ist mir vertraut. Kämen Sie aber etwa übermorgen +nicht+, dann müßte ich annehmen, daß mehr als Schüchternheit am Werke ist, daß Sie nämlich durchaus nichts mit mir zu tun haben wollen. Und das täte mir leid, denn dann könnte ich auch keinen Finger mehr rühren, um Sie etwa wiederzusehen. -- Übermorgen um fünf also, ja?“ Und sie streckt ihm die Hand hin. Fritz fühlt, wie maßlose Beglückung ihm Tränen in die Augen treibt; er beißt die zuckenden Lippen wütend fest und zwingt sich zu gemessener Tanzstundenverbeugung, während glühende Andacht ihn drängt, ins Knie zu sinken. Das Mädchen merkt wohl, daß seine Beherrschung an der Grenze ist. Ein kurzer Gegendruck der weißen Hand, ein Abschiedswort -- und mit wenigen raschen Schritten hat Gitta die Halle durchquert und tritt in den Sonnentag hinaus.
Fritz blickt ihr nach -- da klingt vom nächsten Schalter die erste Spottfrage an; und im Augenblick hat er sich wieder fest in Händen, zeigt kühle Abweisung und geht in sein Bureau zurück.
Übermorgen um fünf -- das sind sechsundfünfzig Stunden! Und er stürzt sich in gleichgültige Arbeit, rechnet das Portobuch durch, sieht die Kopierregister nach, legt neue Adreßlisten an. -- Ach, jeder Hammer ist recht, den verdammten Klumpen Zeit zu zerbröckeln!
Verleidet die laute Tischrunde daheim. Endlose Nächte, von wirren Träumen zerrissen. Schleimig langsam vertropfen Sekunden und Minuten. -- -- --
Zur festgesetzten Stunde betritt Fritz die kleine Teestube. An einem kleinen Ecktisch, von einem Wandschirm halb verborgen, sitzt Gitta und nickt ihm freundlich zu. Noch während er die dargereichte Hand küßt, merkt Fritz mit Staunen, wie in des Mädchens Nähe die maßlose quälende Erwartung der letzten Stunden von ihm abläßt, einem guten, warmen Gefühl des Geborgenseins weicht. Dies ist keine Fremde! --
Der weißbefrackte Kellner hat das Teebrett auf den Tisch gestellt und ist mit starrer Verbeugung verschwunden. Fritz wagt es nicht, die Tasse zum Munde zu führen, denn er fürchtet das klägliche Zittern seiner Hand. Gittas Augen ruhen in wohlwollender Prüfung auf ihm. Und unvermittelt fängt sie zu sprechen an:
„Sie erinnern mich unglaublich stark an meinen verstorbenen Bruder!“
„An Ihren Bruder!“ stottert Fritz, und kann tiefe Enttäuschung nicht verbergen. In ihrer Antwort klingt wieder der leise lachende Unterton: „Ja, an meinen Bruder! Aber nur im Wesen, körperlich gar nicht.“ In Fritz zucken häßliche Zweifel auf: Was soll das heimliche Lachen ... und die merkwürdigen Reden ... das ist denn doch wohl mehr als bloße Unbefangenheit ...
Als hätte sie ihm die Gedanken von der Stirne abgelesen, sagt Gitta mit plötzlichem Ernst: „Ich muß Ihnen mehr erzählen, sonst könnten Sie mein Benehmen recht falsch verstehen. -- Wir kommen aus Kalifornien. Mein Vater hatte als Auswanderer ganz klein angefangen und es aus eigener Kraft bis zum großen Farmer gebracht. Es ging uns gut und wir hätten sehr glücklich sein können, meine Eltern, mein Bruder und ich. Aber mein Vater konnte zum Unglück nie seine eigene harte Jugend vergessen und konnte sich nie an die amerikanische Erziehungsart gewöhnen, die die Kinder aufwachsen läßt wie die Bäume im Wald, frei und ungehemmt. Meinem Bruder wieder lag der blinde deutsche Gehorsam nicht mehr im Blut, er war in die neue Freiheit hineingeboren und verlangte sie als sein Recht. So habe ich von klein auf mit ansehen müssen, wie die beiden Menschen, mir beide lieb, sich das Leben zur Hölle machten. Mein Bruder war nur drei Jahre älter als ich und ich war in allem seine Vertraute. Mein Vater aber brachte mir alle die zärtliche Liebe entgegen, die er meinem Bruder nicht zeigen zu dürfen glaubte und die doch auf dem Grunde seines Wesens lag. Ich wurde von allen Seiten verwöhnt, und war doch so unglücklich, daß ich mich oft in Schlaf geweint habe. Schließlich kam mein Bruder von Hause fort, an die Universität, und ich dachte, nun müsse alles gut werden, und er würde nach drei, vier Jahren ruhig und fest nach Hause kommen, mit dem Vater Frieden machen und die Farm übernehmen. Mein Vater selbst hatte keinen anderen Wunsch, denn er begann zu kränkeln und sehnte sich nach Ruhe. Aber es zeigte sich, daß mein Bruder der Großstadt nicht gewachsen war. Nach wenig Wochen schon verliebte er sich in eine Brettlsängerin und wollte sie heiraten. Mit Güte wäre er zweifellos leicht davon abzubringen gewesen, und ich bat meinen Vater flehentlich, mich hinfahren zu lassen oder mit mir hinzufahren. Aber er blieb fest, wie er es nannte, schrieb einen empörten Brief, worin er mit dem väterlichen Fluch, mit Verstoßung und Enterbung drohte, wenn mein Bruder nicht augenblicklich heimkäme. Keine Antwort. Nach drei Wochen endlich, als uns die Angst fast erwürgte, brachten wir den Vater dazu, doch in die Stadt zu fahren. Aber da war es zu spät. Mein Bruder hatte die Chansonette geheiratet und hatte sich ihrer Truppe zu einer Tournee nach Südamerika angeschlossen -- als Klavierspieler, glaube ich. Ohne Wissen und gegen den Willen meines Vaters setzte ich ein großes Detektivbureau in Bewegung, um seinen Aufenthalt ausfindig zu machen. Und bald bekam ich auch Nachricht: in einem elenden Städtchen an der mexikanischen Grenze war er zugleich mit seiner Frau und einem dritten Mitglied der Truppe am gelben Fieber gestorben.
Die Nachricht hat meinen Vater getötet. Er zermarterte sich mit Selbstvorwürfen, sein altes Herzleiden wurde zusehends schlimmer, und in knapp einem halben Jahre war er tot. Ich blieb allein mit meiner Mutter, doch auch sie, kaum vierzig Jahre alt, war zur Greisin geworden. Sie war immer eine rechte deutsche Gattin, keine schlechte Mutter, aber doch vor allem dem Manne untertan. Und nun quälte es sie, daß sie dem Sohne nicht kräftiger beigestanden, es quälte sie aber auch nicht minder, daß sie dem über alles geliebten Mann Unrecht geben sollte. Ihre Welt ist an einem Tage eingestürzt, und ein furchtbarer Wandertrieb jagt sie durch die Länder. Die Farm haben wir verkauft und führen seither das übliche Globetrotterdasein -- den Winter in Indien und Ägypten, den Frühling an der Riviera, dann im Sommer über Deutschland nach Schweden und Norwegen, und im Herbst zurück nach dem Süden, immer in Hotels, immer aus den Kofferbergen lebend, kaum jemals länger als drei Wochen an einem Ort, nur wenn sie, wie eben jetzt, wieder einmal gänzlich erschöpft ist von der Hetzjagd, dann bleiben wir wohl ein paar Monate still liegen. --
Ich wollte Ihnen nur begreiflich machen, woher mir die Gabe gekommen ist, Menschen und ihren Schicksalen so leicht auf den Grund zu sehen. Es ist wie eine Witterung, ein Instinkt, halb tierisch und mir selbst oft unheimlich. Manchmal fühle ich mich alt, so alt und weise, daß mir meine eigene Mutter wie ein unmündiges Kind erscheint, das ich trösten und mit Liebkosungen zur Ruhe bringen muß. Und, vor allem, ihre Jugend, ob glücklich oder unglücklich, lese ich den Leuten, die meinen Weg kreuzen, so schnell ab, als stände sie ihnen groß auf dem Gesicht geschrieben. Dann peinigt mich oft ein rasendes Mitleid, und die Sehnsucht, helfen, ausgleichen zu können. --
Nun zu Ihnen! Kaum hatte ich Sie an jenem Abend in der Mouski gesehen, da fiel mir die frühe Bitterkeit um Ihren Mund auf, das eigene Schwanken zwischen Trotz und Unterwerfung -- ich mußte an meinen Bruder denken, an dem mir das alles so vertraut gewesen war. Und ich wollte Sie kennen lernen -- vielleicht nur, um zu sehen, ob ich recht geraten hatte -- bitte, lassen Sie die Unterlippe nicht so hängen, ich wollte Sie gewiß nicht kränken! -- Ja -- Ihren europäischen Formensinn hatte ich allerdings unterschätzt. Ich dachte, Sie würden eines Abends einfach kommen und Hallo rufen, wie man bei uns eben Besuche macht. Aber das brachten Sie ja natürlich nicht fertig -- wie? Nun lachen Sie selbst! -- Bei den Pyramiden draußen gefielen Sie mir schon besser -- das war natürlich!“ --
„Es war Schreck -- oder Freude -- mir blieb das Herz stehen ...“ stottert Fritz beseligt. Und Gitta lächelt ihm strahlend zu:
„Das habe ich wohl gemerkt. Und als Sie sich wieder nicht blicken ließen, da dachte ich mir, nun will ich dem Burschen die Schüchternheit austreiben -- und ging in die Bank!“
„Aber wie wußten Sie ... Ich meine -- mich kennt doch hier niemand?“ wirft Fritz ein. Doch das Mädchen lacht ihm ins Gesicht: „Glauben Sie wirklich, daß man in Kairo als Europäer unbekannt bleibt? Unser Dragoman hatte Sie doch an jenem Abend in der Mouski gesehen -- am nächsten Morgen schon nannte er mir Ihren Namen, Ihre Pension und die Bank, in der Sie angestellt sind. Ich weiß sogar noch mehr -- daß Sie oft ausreiten und auf die Jagd gehen. Das war mir besonders lieb zu hören, denn ich habe mir oft einen Ritter gewünscht, der mich in die Wüste begleitet. Der Dragoman ist mir widerlich und die großen Hotelkavalkaden erst recht!“
„Aber Ihre Mutter ...?“ sagt Fritz und wird rot.
„Meine arme Mutter ist glücklich, daß ich mein Leben so ganz auf sie eingestellt habe, und gönnt mir die wenigen Vergnügungen, die ich mir leiste, von Herzen gern. Und Schicklichkeitseinwände verbieten sich von selbst -- ganz umsonst bin ich denn doch nicht in Amerika geboren und aufgewachsen. Auch bin ich ja großjährig. -- Aber wenn Sie vielleicht das beliebte europäische Ärgernis nehmen wollen?“
„Wo denken Sie hin -- Ärgernis ... Ich bin glücklich, wenn ich Sie begleiten darf und fürchtete nur ein Hindernis.“
„Nein -- fürchten Sie keines! Wenn Sie nichts andres vorhaben, können wir morgen gleich loslegen! -- Wissen Sie eine schöne Partie? -- Rücksichten auf weibliche Schwäche brauchen Sie nicht zu nehmen -- zehn, zwölf Stunden im Sattel machen mir nichts aus!“
Fritz bleibt erst stumm, erschüttert von ungeahnter Freude. Dann beginnt er mit hastigen Vorschlägen. Gitta entscheidet sich für das Wadi Dukla, ein Wüstental, weit drin im Mokattam-Gebirge.
Sie gehen durch die breiten, stillen Straßen des Europäerviertels. Die große Brücke liegt einsam und menschenleer; durch die uralten Sykomorenalleen der Nilinsel ziehen leise Nachtnebel. Fritz geht wortlos und hört zu, wie der kleine Mädchenfuß im flüchtigen Schreiten die harte Straße klopft. Das weiße Kleid, blaß leuchtend in der Dunkelheit, rauscht gedämpft im Gehen. So oft eine kurze Abendbrise vom Flusse herüberspringt, weht sie Fritz den Atem des jungen Mädchenleibes zu. -- Kein aufreizender Frauengeruch, nur der Duft der sauberen Wäsche, der guten Seife, mit einem Hauch von Lavendel -- gesund und rein. „Bist du froh? Bist du froh?“ klopfen die kleinen Absätze auf der Straße. Und Fritz tritt leise auf, damit der jubelnde Hall seiner Schritte nicht der nächtigen Weite sein Glück verrate. --
70
Am nächsten Morgen wartet Fritz mit zwei ausgesuchten Eseln auf dem Platze Atabet-El-Khadr. Mohammed Achmed, der Vermieter, abends vorher verständigt, hat sich angestrengt und richtige Ledersättel besorgt. Die Tiere sind gewaschen und zierlich geschoren, die klirrenden Messingketten um ihre stämmigen Nacken blank geputzt. Pünktlich um sieben Uhr fährt Gitta im Wagen vor. Das Mädchen sieht ganz jungenhaft und doch nicht verkleidet aus. Der kurze, geteilte Rock läßt die hohen Schaftstiefel frei und das schmale Knie, von der Reithose eng umschlossen. Das Haar ist mit glatter Schleife zu kurzem, dickem Barockzopf gebunden, der unter der flachen Krempe des Tropenhelms in den Nacken hängt. Die kleine Hand in festem Stulphandschuh hält eine Nilpferdpeitsche. Und wie sie mit Selbstverständlichkeit im Herrensitz in den Sattel springt und losreitet, grinst der würdige Mohammed Achmed selbstvergessen: „Gut, oh Wunder Gottes, überaus gut!“
Bald ist das Eingeborenenviertel durchquert, und über eine Schutthalde reiten sie dem Kuppelgewirr der Kalifengräber zu, das schillernd im Frühdunst verschwimmt. Fritz deutet auf das Grabmal des Emir-el-Gouri, das am Wüstenrand einsam steht: „Dort war ich einmal drin, allein, kroch in jeden Winkel, und sah mir alles genau an. Von der Mittelhalle geht ein merkwürdiger Mäandergang weg, der in einer winzigen Zelle endet -- es muß wohl ein Sanktuarium sein. Als ich mich umwende, um wieder herauszugehen, steht mir ein Fellache unmittelbar gegenüber, der mir auf nackten Füßen nachgeschlichen war. Ich glaubte schon den Mörderstahl zwischen den Rippen zu fühlen, und so riß ich den Revolver heraus und feuerte blindlings die fünf Schuß in die Luft. Der Fellache stürzte mit Wehgebrüll davon -- ich sehe noch, wie er den schwarzen Hemdkittel zwischen die Zähne klemmte und heillos mit den Armen ruderte. Ich stieg in die Kuppel hinauf und hielt Umschau -- da sah ich den Burschen, mit einem zweiten zusammen, zweihundert Schritte weit draußen auf den Fersen hocken. Nun glaubte ich, die Mörder wollten mich belagern und war etwas bedrückt. Meinen Revolver hatte ich ausgeschossen und sonst hatte ich keine Waffen bei mir als ein Federmesser und ein Feuerzeug. Darum beschloß ich zu unterhandeln, trat in die Fensternische der Kuppel und winkte. Sofort sprangen die Belagerer auf und rannten heulend hundert Schritte weiter. Dann hockten sie sich wieder hin und gafften. Das wiederholte sich einige Male, bis die Burschen einen halben Kilometer weit weg waren. Da nahm ich mir ein Herz, sauste die Stiegen hinunter und zum Portal hinaus, der Stadt zu. Jetzt rannten die Kerle auf mich zu und gewannen mühelos Boden. Mir ging die Luft aus, ich wollte mich auch nicht fliehend abschlachten lassen, darum lehnte ich mich keuchend an eine Mauer und erwartete die Angreifer mit geballten Fäusten. Auf etwa zwanzig Schritte vor mir machten sie halt, traten verlegen von einem Fuß auf den andern und beäugten mich aus zweifelnd schief gehaltenen Köpfen. Dann flehte der eine: ‚No guide, Sorr?’ Und der andere säuselte dazwischen: ‚Bakschisch, please!’ Das war mir ein lehrreiches Erlebnis! Meine Gegner und ich, wir hatten mindestens gleichviel Angst vor einander ausgestanden, hatten unser Leben in Gefahr geglaubt -- und schließlich doch nur Fangen gespielt, wie die jungen Hunde. Gott im Himmel mag seine Freude an uns gehabt haben! -- Wie dumm man sein kann!“
„Ja, das ist allerdings erstaunlich!“ sagte Gitta, und beide lachen los. Das laute Lachen schreckt die Esel aus ihrem kurzen Trab, und ohne weiteren Ansporn galoppieren sie über den schmalen Wüstenplan den nahen Hügeln zu. Am Fuße des Roten Berges rauchen plumpe Kalköfen, als häßliche Wahrzeichen der sieghaften Neuzeit. Doch bald bleibt ihr stickiger Dunstkreis zurück, und die Wüste, die zeitlose, nimmt die Reiter auf. -- --
Mittagsrast im Kessel des Wadi Dukla, des „Tales der Verirrungen“. Die steilen Wände ringsum sind noch bedeckt von tiefen Rissen und Schrunden, die die Wogen eines längst versiegten Meeres in sie gefressen haben. Zahllose Versteinerungen von Muscheln, Schnecken, Fischgerippen bedecken den weichen Sandboden. Hoch oben am Rande des Absturzes reitet ein Beduine an, läßt sein Kamel niederknien und steigt zu Fuß die felsigen Hänge herab, bis zu dem engen Wasserloch im Munde des Kessels. Dort beugt er sich durstig nieder, trinkt und steigt langsam wieder zu seinem wartenden Tiere hinauf. Gitta sieht ihm nach, bis er im Blau verschwindet, dann sagt sie leise: „Die Erdkunde ist eine trostlose Wissenschaft! Hier haben nun einmal Lebewesen mit dem Wassertode gekämpft, mit Meeresungeheuern -- nun ist von dem Meere der Tümpel da übrig geblieben und stillt Wüstenreitern den Durst. Was sind wir für elende Sandkörnchen! -- Die Weltgeschichte ist schon grausig genug -- aber wie lächerlich stehen ihre paar tausend Jahre neben den Jahrmillionen, mit denen die Erdkunde rechnet! Ich weiß noch, wie maßlos bestürzt unser alter Hauslehrer war, als ich ihm aus der ersten Stunde Entwicklungsgeschichte heulend fortrannte. -- Ich hatte solche Angst! -- Und heute noch packt sie mich manchmal, wie eben jetzt, als ich den Beduinen sah. -- Der zwingt die Zeit -- und wir sind ihre Sklaven!“
„Wir sind ihre Sklaven!“ wiederholt Fritz, und Gedanken, die ihn seit Monaten unklar verfolgen, springen ihm plötzlich ins Hirn. Er fährt in die Höhe, schreit fast: „Sklaven? Das ist kein Muß! Das liegt an uns! An uns!“ Und Gitta richtet sich erschreckt auf. Da wird er weich und zärtlich, kniet neben ihr und stammelt: „Was machen Sie aus mir ... ich bin verwandelt -- so viel Glück, so viel Kraft ...“ Und während er an Tränen tiefster Erschütterung würgt, legt sie die Hand auf seinen Arm und flüstert: „Großer Junge -- lieber großer Junge!“ --
Fritz fühlt sich friedlich geborgen und wunschlos wie nie zuvor, fühlt, wie lebenslange, haßvolle Verbitterung in jagenden Wellen aus ihm weicht. Klarheit breitet sich aus, um die er in den Jahren, seit er dem Vater entrückt ist, quälend gerungen hat. Das fressende Fragezeichen, das sich ihm ewig hinter alle Erlebnisse drängte, schmilzt hin in froher Wärme. --
Die Sonne beginnt sich zu senken, die Eselhengste, ermuntert durch das Nachlassen der stillen Mittagsglut, springen aus dem Schattenwinkel, wo sie, der Sättel ledig, reglos geruht haben, und beginnen im weiten Rund des Talkessels wilde Spiele, gehen drohend auf den Hinterbeinen, umklammern sich mit schlagenden Vorderhufen, beißen einander in Hals und Nacken und entfernen sich dabei immer weiter vom Rastplatz. Gitta und Fritz fahren aus wortlosem Glück auf und beginnen lachend die Verfolgung. Fritz klettert in halber Höhe des Hanges hin, bis er den Tieren voraus ist, springt dann ins Tal hinunter und treibt sie mit Steinwürfen vor sich her, zurück in den Kessel. Gitta lauert hinter einem Felsblock, fährt mit einem Pantersatz hervor und faßt den einen Esel beim Kopf. Der andere, schreckensstarr, läßt sich von Fritz greifen. Schnell sind die Sättel aufgelegt und mit Hallo beginnt der Heimweg. Nach kurzem Anfangsgalopp fallen die Tiere in ihren schnellen Trab. Die großen, langohrigen Köpfe nicken wichtig zum Takt der kleinen Hufe, die emsig durch den Sand mahlen. Gitta fragt unvermittelt: „Von sich haben Sie mir noch gar nichts erzählt -- von Ihrem Zuhause -- Ihrem Vater ...?“
Fritz hat die Frage längst erwartet. Nun überrascht sie ihn doch. Denn er merkt verblüfft und ratlos, daß eine neue Antwort in ihm ist. Die langen Wochen, in denen er ein Wiedersehen ersehnte, und doppelt stark, seit sie ihm in der Bank aufgesucht, ja gestern noch, hatte er den brennenden Wunsch gefühlt, ihr sein Leid zu klagen: den jähen Sturz aus des Vaters Gunst, die frühe Eifersucht, das Ducken und Lügen. Jetzt also könnte er loslegen, sich die Märtyrerkrone aufs Haupt setzen, namenloses Mitleiden einheimsen -- da hat die Märtyrerkrone ihren Schein verloren, dünkt ihm nichtig, schändlich fast, wie ein Strohkranz, den die Angeprangerten tragen.
Gitta sieht ihn forschend an, während er stumm vor sich hin grübelt. „Ist es so schlimm,“ fragt sie leise. -- Da richtet er sich stolz auf: „Nein, gar nicht schlimm! Ich habe nicht mehr erlebt als hunderttausend andere Jungen, nur stärker vielleicht, -- aber das ist eine Frage der Einbildungskraft und der eigenen Wehleidigkeit. -- Mir ist nicht mehr geschehen, als ich mir tun ließ!“ -- „Nicht mehr als Sie sich tun ließen?“ wiederholte Gitta fragend. -- „Nein, nicht mehr als das. -- Keinem geschieht mehr Unrecht, als er irgendwie verdient hat, sei es auch nur durch eigene Schwäche!“ -- Nach einem kurzen Schweigen sagt Gitta: „Verzeihen Sie mir -- ich möchte wirklich weder rechthaberisch noch aufdringlich sein -- aber so weise sind Sie noch nicht lange! So kann mich mein Gefühl nicht getäuscht haben!“ -- Und Fritz wird rot wie ein Schuljunge. Gitta fährt eifriger fort: „Ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, aber ich weiß natürlich so gut wie Sie, daß mein Benehmen während unserer Bekanntschaft, besser, die Art, wie ich diese Bekanntschaft erzwang, selbst nach amerikanischen Begriffen kaum noch mädchenhaft war. -- O, bitte, bestreiten Sie das nicht -- wir wissen es beide! -- Das muß doch einen +Zweck+ gehabt haben -- und nicht nur den, einen Begleiter zu Wüstenpartien zu gewinnen! Nein, wirklich nicht den! -- Ich wollte Ihnen helfen, wollte sehen, ob die frühe Bitterkeit um Ihren Mund sich nicht wegwischen ließ. -- Vergessen Sie auch nicht, was ich Ihnen gestern von meinem Bruder sagte -- der ist aus Trotz in Elend und Tod gerannt!“ -- „Sie haben mir schon geholfen!“ jubelt Fritz. „Ich leugne ja nicht, daß ich geprügelt, geduckt, getreten worden bin, daß ich mich als Opferlamm fühlte, zu Haß, Lüge und jeder Niedertracht berechtigt. -- Als Junge, und auch später -- und selbst gestern noch, damit Sie es wissen. Aber seit heute weiß ich, welche erbärmliche Sklavenmoral das ist! -- O Gitta, was ist in Ihnen, das Ihnen solche Macht gibt? Warum mußte ich mich vom ersten Augenblicke an so namenlos nach Ihnen sehnen? Und jetzt, wo ich Sie neben mir sehe, bin ich mit einem Schlag ein glücklicher und freier Mensch -- der alte Jammer liegt so lächerlich überwunden hinter mir!“ -- „Sie widersprechen sich,“ wirft Gitta lächelnd ein. „Wie könnte ich Ihnen eine Kraft geben über Ihre eigene hinaus?“ -- „Wenn nicht die Kraft, so doch Glück und Selbstvertrauen! -- Ahnen Sie denn, was das für mich bedeutet?“ -- Und in einer Erregung, die an Wahnsinn streift, beginnt er von seiner Kindheit zu erzählen, von dem wütenden Kampf mit dem Vater, von Gretl ... Gitta hört zu, stumm und bleich, und ihre Augen werden naß. „Entsetzlich!“ stöhnt sie. „Sagen Sie das nicht,“ sagt Fritz, „damit verdammen Sie +mich+! +Ich+, +ich+ war schuld. Warum habe ich mich nicht gewehrt, warum habe ich durch Lüge und Heimlichkeit meinen Vater in die Tyrannenpose hineingesteigert? -- Verfluchte schwarze Brille!“ schreit er plötzlich und wirft beide Arme in die Luft. Sein Esel springt hastig in Galopp und er hält ihn nicht, jagt ein weites Stück voraus, eine wellige Düne hinauf. Dort erwartet er das Mädchen.
Vor ihnen weitet sich das Tal. -- Zwischen sanft verlaufenden Vorbergen blitzt ein Ausschnitt des Stromes hervor, purpurn leuchtend, dahinter die Pyramiden von Ghizeh. Über den Spitzen der Dreiecke schwebt die Sonne, eine scharf umrissene, glühende Scheibe, senkt sich dem grell schwarzen Wüstensaum zu, taucht unter. Wilde Lichtgarben, gelb und grün, lohen auf. Aus den Niederungen springt in weiten Flächen das Violett und beherrscht die Landschaft.