Part 16
Fritz geht zum Polizeikommandanten, einem Schweizer. Der sitzt, dicknackig, vollblütig, von Sonne und Whisky rot gebrannt, in seinem weiten Amtszimmer. Als er hört, um was es sich handelt, poltert er aufgeregt los: „Was wollen Sie -- ich kann gar nichts tun! Gar nichts! Ohne zwingenden Verdachtsgrund kann ich in kein mohammedanisches Privathaus! Die Harîms sind unverletzlich, auch für die Polizei. -- Und wären sie das auch nicht -- soll ich vielleicht die ganze Stadt umkehren? Fast jedes Haus hat seine eigene Senkgrube, seinen Brunnen, Oublietten, Schlupflöcher -- was weiß ich -- wie sollte man da zurechtkommen? Hier sind schon mehr Leute abhanden gekommen, und gewichtigere als dieser Herr Eggert, glauben Sie mir! Beim Bau der neuen Brücke hat man gemauerte Kammern voll Gerippen aufgedeckt, jedes einzelne ein Mordfall, meinen Kopf darauf! Aber gehen Sie den Burschen was beweisen! -- Ja, früher!“ und er läßt träumerisch die schwarze Nilpferdpeitsche mit Silberknauf durch die fleischigen Finger gleiten, „früher war es leichter. Da durften wir noch Prügelstrafen verhängen. Und wenn man da einen Verdächtigen fest hatte, da war er manchmal doch zum Sprechen zu bringen. Manchmal, nicht immer. Die Burschen haben ein hartes Fell! -- Aber jetzt? Wo nur das Verhör nach europäischer Methode zulässig ist? Die verdammten Burschen werden nicht rot, nicht blaß, kennen keine Scham und lügen, lügen grenzenlos! Man könnte in die Luft gehen -- aber man kann nichts machen.“
Fritz merkt erstaunt, daß dieses Eingeständnis völliger Ohnmacht unbestimmte Freude in ihm weckt. Er gönnt dem feisten Polizeimenschen den Abbruch an seinem hohlen Europäerdünkel, gönnt dem Sklavenvolk da draußen das schützende Geheimnis. Doch rasch hat wieder der Gedanke an den Kameraden die Oberhand: „Haben Sie keinerlei Vermutung, Herr Major, was überhaupt geschehen sein könnte, und wie?“ Das dicke Gesicht legt sich in kriminalistische Falten: „Vermutungen? Ha, -- ich kann es Ihnen fast mit Bestimmtheit sagen, als hätte ich’s selbst mit angesehen! Der junge Mensch geht über den Platz. Er war blond, groß, hübscher Bursch, wie? Nun gut: neben ihm fährt sich im Gedränge plötzlich eine Haremskutsche fest, der Schlag geht wie zufällig auf, eine Dame winkt ihm, einzusteigen, ein Eunuch hilft von draußen nach -- das geht eins, zwei und bevor er noch recht zur Besinnung gekommen ist, sitzt er neben einer begehrlichen Schönen im Wagen, der im Galopp davon fährt, freut sich vielleicht des Abenteuers, zu dem er so mühelos gekommen ist ... ja -- und dann? Dann kriegt es entweder die Dame mit der Angst, und läßt ihn lautlos und gründlich beseitigen -- denn er könnte ja plaudern, und sie selbst um den Kopf bringen --, oder er wird erwischt. Das ist dann weniger erfreulich. Die Ehemänner hierzulande rächen sich etwas umständlich. Mir sind da Fälle bekannt ... aber das führt zu weit! Ja, wie gesagt, so etwa denke ich mir den Vorgang. Aber in der Stadt und der nächsten Umgebung gibt es Tausende von Haremskutschen -- nun sagen Sie selbst: was kann ich da tun? Gar nichts, gar nichts! -- Tut mir ja leid um den armen jungen Menschen, tatsächlich leid ... aber, wie gesagt ...“ Ein bedauerndes Achselzucken, und die fleischige Hand schiebt sich lässig vor, zu gleichgültigem Abschied.
67
Nun sind die Schnepfen da, die Wildenten und Kiebitze. Nun gibt es reiche Jagd für jedermann. Mit einem Hochgefühl sondergleichen ersteht Fritz von den Resten des reichlichen Reisegelds ein Gewehr. In finsterer Mitternacht geht es mit ein, zwei Genossen aus der Pension zu Fuß hinaus zu den Pyramiden -- die Wagen sind zu teuer, die erste Tram geht viel zu spät -- und das erste Dämmern des Sonntagmorgens findet sie weit draußen im Röhricht, das die überschwemmten Felder umsäumt; im offenen Wasser, zehn, zwanzig Meter weit weg, schaukeln die Lockenten. Fremde Vogelstimmen füllen das dämmrige Himmelsgewölbe. Kraniche ziehen, Wildgänse, Störche. Der sausende Flügelschlag klingt gedämpft herab, weckt Sehnsucht nach Höhe. „Schieß, Herr, schieße!“ flüstert der hitzige Fellache. Er weiß natürlich, daß nicht einmal die Kugel die scheuen Flieger erreichen könnte. Aber er liebt wohl den Knall, die gefahrlose und doch mörderische Geste. --
Nun kommt Opalschimmer in die leichten Nebel, die ringsum lagern, zarte Farben fließen leise ineinander, vertiefen sich, geben den Dingen langsam feste Gestalt. Da -- ein Quaken in der Luft, ein Flattern -- die ersten Enten kreisen spähend über den lockend bemalten Puppen, fallen klatschend ein; die letzte stürzt getroffen, die ersten stieben plätschernd wieder hoch, da fällt eine zweite und dritte. Der Fellache heult Jubelrufe, wird mühsam zur Ruhe gezwungen. Andere Enten kommen, lassen sich täuschen, oder streichen ungerührt vorbei. Dann ist es heller Tag und weiteres Warten nutzlos. Die Kleider liegen klamm und dunstig vom Nachtnebel an, in den Schuhen, die zäher Schlamm einhüllt, steckt nasse Kälte. Von der Pyramidenstraße her kommt springend, watend, die blaue Galabieh bis zu den Achseln hochgeschlagen, der Sohn des Trägers, um dem Vater beim Einsammeln des Wildes und beim Rudern zu helfen.
Weit draußen im Überschwemmungsgebiet stehen reglos rosenrote Flamingos; Reiher, Pelikane, in Gruppen streng gesondert, treiben ihr Wesen. Sie scheinen sorglos und leicht zu überlisten, lassen den Schützen auch schleichend, kriechend, bäuchlings in wässerigem Schlamm, bis auf zweihundert Schritte heran; dann aber ein greller Schrei ihrer Wächter, die Schwärme donnern rauschend auf, wirbeln durcheinander, formen sich zu langgezogenen Figuren, Spitzkeilen, Halbkreisen; drei, vier wilde Schwenkungen noch -- und die Weite schluckt ihren sausenden Flug.
Die Fellachen rudern das plumpe Boot der Straße zu und singen einander abwechselnd den Takt zu den Schlägen der schweren Einzelruder:
„Oh Gott! -- Oh Mohammed!“ Oh Schiffer -- oh Meister, Vorwärts! -- so ist es! Mit Kraft! -- ja Kraft! Noch einmal! -- und immer! Mit Kraft! -- Vorwärts! Oh Schiffer! -- Oh Meister! Oh Gott! -- oh Mohammed!
Auf den Feldern ist das Leben erwacht. Die Schöpfwerke knarren; Büffel wühlen sich in den Schlamm, fahren beim Nahen des Bootes knallend hoch. Fern klagt ein Esel, auf der hohen Dammstraße antwortet ein anderer, unter schwere Bürde geduckt. Ein nackter Bauer watet hüftenhoch durch den weichen Schlamm eines Feldes, das gestern wohl noch unter Wasser stand, streut mit weitem Arm Samen aus und singt mit näselnder Stimme ein hallendes Lied. Der junge Fellache im Boot läßt sein Ruder fahren, wirft den Kopf verzückt in den Nacken und schmettert tremolierend in den breiten Tag:
„Ich bin der Dampfer, der durchaus schwarze ...“ Sein Vater unterbricht ihn böse: „Willst du nicht arbeiten, oh Hundesohn, oh Kuppler, verflucht sei der Glaube deiner Mutter!“ Dann wendet er sich mit Vaterstolz zu den Gästen: „Er ist noch jung, aber seine Stimme ist sehr schön!“
Und sie rudern ...
Fritz bringt von diesen Ausflügen eine schwere Müdigkeit heim, und das Essen will nicht schmecken. Der Tischälteste, seit Jahren im Land, sagt ihm einmal gutmütig warnend: „Passen Sie auf, mein Lieber, Sie holen sich da draußen in der Sumpfluft ein Fieber, das sich gewaschen hat! Lassen Sie die Jägerei lieber sein -- das ist was für Europa!“ -- „Oh, es wird schon nicht so schlimm sein!“ sagt Fritz leichthin und fühlt gehässigen Trotz. -- Jagen -- in Europa! Als ob es ihm dort nicht verboten gewesen wäre! Nein -- die neue Freiheit hier soll ihm kein Warner verkümmern!
Eine Woche drauf packt ihn das Fieber wirklich. Eines Morgens beim Aufstehen fühlt er quälenden Kopfschmerz, ziehende Mattigkeit in allen Gliedern. In der Bank überfällt ihn jäher Schüttelfrost, er taumelt frierend durch die breite Mittagsonne nach Hause, wirft sich ins Bett. Ihm ist, als wäre sein Hirn zur Bleikugel eingeschrumpft, die nun bei der leisesten Regung schmerzhaft an die Schädelwände schlägt. Ruhig liegen, ruhig. -- Da kommt ihm ein leises Klingen ins Ohr, das schmutzige, oft geflickte Mückennetz wird zum prunkenden Betthimmel, der dumpfe Straßenlärm fügt sich zu rauschendem Rhythmus und jetzt, hinter geschlossenen Lidern, das Bild, das er so lange nicht mehr gesehen hat: ein weiter, glattgepflasterter Platz, auf den in langen, dichtgedrängten, glasharten Schnüren und Strähnen vielfarbiger Regen niederfällt, in allen Farben, blau, rot, gelb, grün. Regen, Regen ...
Den Poporutscher haben sie wohl ins Nebenzimmer gesteckt -- aber warum zünden sie die große Lampe nicht an? Felix und Max müssen doch lernen ... Und die Mutter läßt sich nicht blicken ... aha, da kommt sie, bringt Licht ... und der Vater ... Ja, Vater, das hab’ ich mir nun auf der Jagd geholt, ein wenig Fieber, nicht schlimm ... das verfluchte Gerippe hat wieder einmal recht ... wart’, Hund, ich werf’ dich ab ... Ja, Vater, ich reite jetzt auch viel, fahre oft im Wagen, rauche Zigaretten ... Gott, ja ... man lebt eben ...
Da klingt eine laute, fremde Stimme: „Aspirin -- alle Stunden ein Gramm, dreimal! --“ Ein bitterer Geschmack im Munde, Wasser drauf ... Das ist nicht der Vater! Ein fremder Mensch, und die Pensionswirtin ... Dann wieder Halbschlaf und Feuerregen, der langsam blasser wird, farblos -- erlischt. --
Und ein Auffahren: „Wer steht dort neben der Türe, hoch und schlank, im weißen Kleid? -- Gitta -- Fräulein Gitta Hostrup -- gewiß, ich hatte das Vergnügen, neulich in der Mouski -- oh, bitte, nur ich habe zu danken, nur ich ... Mädel, sag, wo kommst du her? Weißt du denn, wie ich mich nach dir gesehnt habe -- nach deinen großen Augen und deiner festen, langen Hand -- willst du mir gut sein? Oder kannst du es nicht verzeihen, daß ich durch Sumpf gegangen bin? Sieh doch, ich war blind, ich kannte den Weg nicht ... Steh nicht so steinern dort an der Tür! -- komm näher, komm, -- verflucht, es ist der Bademantel ... oh, Gitta! -- --“
Die starke Aspirindosis hat das Fieber gebrochen. Der nächste Morgen schon findet Fritz fieberfrei, aber lächerlich schwach und zerschlagen. Der Puls ist kaum zu spüren, im Schädel rollt immer noch die verwünschte Bleikugel. -- Milch als einzige Nahrung -- sie ist lauwarm, schmeckt nach Büffel. -- Draußen hat sich eben die Sonne durch die Morgennebel gekämpft, pocht herrisch an die Fensterläden; ein heißer Wind fegt Staub herein -- zwei Kakerlaken rennen erschreckt über den Steinfußboden. -- Da ist so eine verdammte Mücke im Netz, schwirrt singend herum -- bis man die Bestie erwischt, hat sie einen zehnmal gestochen ...
In Weißwasser werden jetzt die Brombeeren reif, die Tage sind still und klar, und die Nächte kalt, mit ersten Frösten ...
Draußen verzittert der Gebetsruf des Muezzin ...
68
Nach zwei kurzen Rückfällen ist das Fieber überwunden, doch die Genesung geht langsam vor sich. An weite Ritte oder Jagd ist nicht zu denken. Die Pensionsfreunde nehmen keine Rücksicht auf Fritzens geminderte Bewegungsfreiheit. Sie leben ihr Leben weiter. -- Werktags harte Arbeit, abends lärmende Spiele und an den Feiertagen hinaus in die Sümpfe oder in die Wüste. So ist Fritz viel allein, doch die Einsamkeit drückt ihn nicht, denn in ihrer Hut blüht täglich stärker ein Gefühl empor, zu dem er sich in der spottlustigen Runde nie zu bekennen gewagt hätte. Der Gedanke an das fremde Mädchen verläßt ihn keinen Augenblick. Wütend wehrt sich sein Stolz: „Das ist so eine hochnäsige Gans, ein paar Millionen schwer, will bestenfalls Schindluder mit mir treiben -- wahrscheinlich hat sie mich aber längst vergessen. -- Nicht dran denken -- laufen lassen, laufen lassen!“ Doch sein Gedächtnis läßt sich nicht betrügen. Unverlöschlich haftet das Bild des schlanken jungen Leibes, das ruhige Gesicht mit großen Augen. Und die Stimme -- weich, lockend, wie eine Abendglocke hinter Hügeln! Wieviel gütiges Verstehen lag noch in dem leisen Spott der Frage: „Sie haben wenig Verkehr hier?“ Oh, dieses Mädchen lieben dürfen, sie nur lieben dürfen -- das allein könnte wohl den Fluch löschen, der von früher Jugend an auf seinem Leben lag. Noch wagt sein Ehrgeiz sich nicht bis zu der Hoffnung, vielleicht, vielleicht auch geliebt zu +werden+. Auch ist ein Wiedersehen so wenig wahrscheinlich -- Wochen sind seit dem Abend in der Mouski vergangen. Die dumme Schüchternheit erst, dann die Krankheit -- nun, nach so langer Zeit, verbietet sich ein Besuch im Hotel von selbst. Sie ist wohl längst abgereist -- sicher längst abgereist -- hat ihn vergessen ...
„Oh Gitta, Schöne, Schöne, Schutzengel -- ich vergess’ dich nicht!“
* * * * *
Ein stiller Sonntag in der Pension. Sechs von den lauten Genossen sind in die Wüste geritten, kommen wohl abends erst zurück. Nur Herr Lustig ist daheim, weil ihn sein ewiges Magenübel plagt. Und Fritz.
Zum Nachmittagstee findet sich ein deutscher Bekannter ein, Herr Heinze. Der ist, von dem scheinbar hohen Gehalt gelockt, nach Ägypten gekommen, um Ersparnisse machen und eine arme Jugendliebe heiraten zu können. Nun arbeitet er zwei Drittel des Tages in einem Kommissionskontor in einem der verwinkelten, stickigen Seitengäßchen der Mouski, wohnt in einem elenden Mietszimmer und ißt im Gasthause, weil sich dabei leichter sparen läßt als in einer Pension. Kein noch so harmloses Vergnügen gönnt er sich, knickert am Essen und Trinken, an Wäsche und Kleidung, lebt nur für sein kleines Bankguthaben, das langsam, langsam wächst.
Das Bild seiner Braut trägt er ständig bei sich. Fritz hat es einmal zu sehen bekommen: ein leeres, blondes Gesicht, nicht jung, nicht alt, mit kleinlichen Sorgen Vertraut. Wie groß muß die Liebe sein, die solches Leben um solches Ziel erträgt? Fritz fühlt, bei aller Ablehnung der fremden Art, mitleidige Zuneigung zu dem Arbeitstier, das sich eigenwillig die Jugend verkümmert. Und leisen Neid: der blonde Rundschädel mit dicker Brille und schlechten Zähnen -- der durfte glücklich lieben, durfte sich geliebt wissen und Besitzerfreuden kosten -- und Gitta? --
Herr Heinze empfindet das Mitleid nicht -- er fühlt sich ja reich und beneidenswert --, setzt vielmehr den Neid als selbstverständlich voraus und nimmt die Zuneigung dankbar an.
Um die Dämmerstunde fahren sie zu den Pyramiden hinaus. Hinter der großen Brücke fügt sich der Wagen in die breite Doppelkette von Gefährten ein, die auf der breiten Straße hingleitet. Was spreizt sich da alles im rotgoldenen Licht des Winternachmittags! Hakennasige Spaniolen mit ihren Weibern, schnaubend im Fett, hilflos in Pariser Moden geklemmt, ewigen, gierigen Haß in den unsteten Jettangen. Syrianische Winkelagenten und Schieber in kostbaren Sportwagen. -- Arabische Würdenträger lassen im Gedränge die reich gekleideten Vorläufer neben den silbergezäumten Hengsten traben. Große Kokotten stellen sich zur Schau, wecken Besitzgier. Da und dort Engländer im Dogcart oder Tilbury, aufdringlich fast in der schmucklosen Gediegenheit von Gespann, Wagen, Insassen.
Die edlen Vollblutpferde vor den kostbaren Gefährten aber geben sich schäumend der Lust an der Weite hin, unbekümmert um die Fracht von Haß, Neid, Gier und Wollust, die sich an ihren stürmenden Lauf geheftet hat.
Die Pyramiden sehen den glitzernden Zug kommen, wenden und eilig zurückfluten nach der gärenden Stadt. Sie ragen unberührt aus dem Sandmeer, das ihre Grundfesten benagt. Verachtung strahlt von ihnen aus, und breiter Hohn:
„Uns haben Menschen erbaut, Menschen mit weiten Götterseelen, die noch für ihre sterblichen Leiber Unvergänglichkeit und unzerstörbare Ruhestätten erzwangen. Wo habt Ihr ihresgleichen? Sie gehorchten niemand, aber sie wußten die Peitsche zu führen. Und zahlloses Sklavengezücht Eures Blutes und Euerer Art mußte fronend verrecken, bis wir standen. Doch künden wir von Schweiß und Tod auch der namenlos Unterlegenen, die Peitsche nur und Stachelstock zu solchem Werke trieb.
Ihr alle, Ihr alle liegt hart unter goldener Geißel! -- Wo aber sind Eure Werke, die Jahrtausende überdauern sollen?“
* * * * *
Die Sonne ist versunken, die schlammigen Felder hauchen kühle Dünste aus. Die gleitende Ordnung beginnt sich rasch zu lösen. -- Wie der Mietwagen der Freunde stadteinwärts wendet, kommt ihm jäh ein reiches Gespann entgegen, wendet unmittelbar in engstem Zirkel und fegt sausend wieder vor, daß die Langschwänze der Vollblüter fahnengleich wehen. Fritz fährt auf wie gestochen, sinnlos, unbeherrscht --: Das klare Gesicht, das da aus matten Seidenkissen aufgeleuchtet hat, -- die wachsblasse alte Dame daneben -- und jäh aussetzender Pulsschlag zwingt ihm einen heiseren Jungenschrei ab. Er sieht noch, wie das Mädchen im Wagen aufspringt, eindringlich zurückwinkt -- dann verschwimmt das Bild im Straßenstaub und Abenddunst.
Lustig und Heinze bestürmen ihn mit aufgeregten Fragen: „Was ist ... was soll das ... kannten Sie die Dame?“ -- Er findet keine Antwort, nickt gedankenlos, halb unbewußt. -- Sie hat ihn erkannt! Hat ihm zugewinkt -- +wie+ zugewinkt! -- Schon wollen sich Zweifel melden: War der Gruß nicht allzu formlos, galt er überhaupt ihm? Warum hatte sie den Wagen nicht halten lassen? -- Sein Herz aber, bebend noch vor Glück, bringt sie zum Schweigen: „Gitta hat mir zugewinkt, mir ganz auffallend zugewinkt -- und also ist es recht so! -- Und den Wagen halten lassen -- mitten im Gewühl -- angefahren werden vielleicht, und wenn nicht das, so vor Lustig und Heinze Bekanntschaft erneuern? -- Ach was! Sie ist noch hier, hat mich erkannt -- hat mich vielleicht erwartet, die Wochen her? Oh Gitta! --“
Die Freunde machen den Umweg über die Mouski, um Herrn Heinze nach Hause zu bringen. Der Wagen windet sich umständlich durch das dichte Gewimmel der engen Straße, unter endlosem Peitschenknallen und heiserem Gebrüll des Kutschers, der die Fußgänger im Wege nach Geschlecht und Stand warnend anruft: „Ouaah, oh Töchterchen ... ouaah, oh alter Mann ... ouaah, oh Vater, ouaah ... fünfzigmal habe ich’s gesagt, oh Kuppler, ouaah, gib acht zu deiner Rechten, hörst du mich nicht, du Sohn von sechzig Hunden? Ouaah!“ ... Immer wieder werden die Pferdchen hart angehalten, von neuem angetrieben. Erschreckte Flüche klingen auf: „Warum rufst du nicht, oh Vater des Straßenkotes? Willst du mich töten? Dreck auf dein Gesicht!“ Und der Kutscher, empört über die ungerechte Beschuldigung, dreht sich auf dem Bocke um, bellt heiser zurück: „Ich habe gerufen -- ich rufe immer -- du aber hörst nicht! Bist du ein Mensch oder ein Tier, oh Kuppler mit der gespaltenen Zunge?“ -- Unterdessen stoßen die Pferdchen, führerlos, mit nickenden Köpfen eine Gruppe eifriger Plauderer auseinander. Neues Gezeter, neue Flüche. -- Welch ein Volk! Wieviel Kraft wird da nutzlos, sinnlos vergeudet an den leeren Augenblick! Und Fritz, immer noch in strahlend hingegebener Stimmung, dem Leben zugewandt, das ihm mit einmal neu und neuer Zusammenhänge voll sich zu offenbaren scheint, Fritz denkt mit jäher Zärtlichkeit an die Waldbauern in Weißwasser, die auf steile Berglehnen, ungangbar für jedes Zugtier, in Traglasten den mageren Dünger hinaufschleppen, sich mit Frau und Kindern vor Pflug und Egge spannen, hart und schweigsam werden im ewigen Kampf mit dem harten Boden. --
Fritz empfindet es erstaunt, wie glühend nahe ihm plötzlich die Heimat ist. -- Gitta, Gitta hat ihm den Weg dahin gewiesen! „Ich darf nicht so bettelarm vor sie treten, so unverwurzelt, als irgendwer. -- Noch habe ich kein zweites Mal mit ihr gesprochen, und sie beschenkt mich schon!“ --
Der Montagmorgen bringt trübseliges Erwachen, beißende Sehnsucht nach dem Gestern, dem einen Augenblick am Fuße der Pyramiden, um Sonnenuntergang. Eine graue Arbeitswoche dehnt sich öde, ohne Freizeit, ohne Möglichkeit, eine Zufallsbegegnung zu suchen ... und ein Besuch? -- Giftige Selbstverspottung hebt an: „Gestern so verdammt siegessicher, Indianergeheul als Gruß -- und heute wieder Angst vor dem betreßten Affen am Hotelportal? Oh Held aus Heldensamen und Vater vieler Helden!“
Und doch -- da war so vieles ungeklärt! Hatte der Gruß wirklich und wahrhaftig ihm gegolten, ihm, dem sonntäglichen Bankbeamten in dürftiger Mietskutsche? -- Recht unwahrscheinlich, im Grunde! Und wenn schon wirklich, dann war es eben ein Jux, den er herausgefordert hatte durch sein vollständig unmögliches Benehmen! In Gegenwart der beiden traurigen Flibustier heulend aufspringen und eine kaum, eigentlich gar nicht bekannte Dame grüßen! Eine andere hätte vielleicht mit stummer Verachtung geantwortet -- ein lustiges und selbstsicheres Mädel winkte ebenso ekstatisch zurück -- das war eine wohlverdiente Lehre, nichts weiter!
Nein, kein Besuch! Weiter gerackert in der Tretmühle -- und kein Gedanke mehr an junge Mädchen, die in seidenen Polstern spazieren fuhren und in fürstlichen Hotels wohnten. Kein Gedanke weiter! -- Oh Gitta!
Dienstag kommt Herr Lustig im dunkelblauen Anzug mit schwarzer Krawatte zum Abendtisch. Erstaunte Fragen wegen der feierlichen Tracht: „Waren Sie bei einem Begräbnis?“ -- „Ja! -- Der arme Heinze ist doch gestorben!“ -- Fritz fährt entsetzt auf: „Heinze, sagen Sie? Ja, aber ...“ -- „Ja, ja!,“ nickt Herr Lustig, wehmütiger noch als sonst, „es ist schnell gegangen! Gestern mittag mit Dysenterie ins Spital, heute früh gestorben -- nachmittag begraben! -- Mein Gott!“
Die andern, länger im Land und an das jähe Tempo gewöhnt, gehen mit raschen Scherzen über das Unabänderliche hinweg. Fritz aber fühlt eine kalte Knochenhand an der Kehle: Welch ein Land! Es leidet keine Vertiefung -- zu kostbar ist der Augenblick, die dünne, schillernde Oberfläche.
Ewige Fremde!
69
Und ein Tag unter vielen Tagen, gleichgültig begonnen mit brummigem Erwachen, kalter Dusche, Frühstück und der nüchternen Morgenarbeit in der Bank. Ein Tag unter vielen. Da ruft ein Diener Fritz in den Parteienraum hinunter -- eine Dame wünsche ihn zu sprechen. Eine Dame? -- ein Irrtum zweifellos ... Doch immerhin ... Und er folgt entgeistert. --
Unten in der weiten Halle, leicht an die Marmorbrüstung eines schwer vergitterten Fensters gelehnt, steht eine Dame in weißem Tuchkleid, das knapp und klar von kräftigen Schultern fließt. Ein kleiner Lederhut auf dunklem Haar ... Es ist Gitta. Sie tritt ihm rasch entgegen, streckt froh die Hand aus, grüßt: „Guten Morgen!“ Der Klang der dunklen Stimme weckt in Fritz ein Echo, daß er meint, das hohe Gewölbe müßte davon bersten, und die Hand, die sich ihm da entgegenstreckt, sie hat er in tausend Träumen ersehnt und gesegnet ...
Dennoch sind Widerstände in ihm: die Augen der Herren Kollegen ringsum hinter den Schaltergittern, und überhaupt ... Die Idee, ihn während der Dienststunden rufen zu lassen ...
Aber die großen Augen ruhen voll Freude und Zuversicht auf ihm, und er wird frei und hemmungslos unter ihrem Blick, umspannt die langen, festen Finger, drückt seine Lippen auf die mattweiße Haut. -- Dann steht er tief atmend vor dem Mädchen: „Sie sind hierher gekommen ...!“ -- In ihrer Antwort zittert wieder der leise lachende Unterton: „Ich mußte wohl -- denn Sie haben sich ja nicht sehen lassen! Und ich hatte doch das bestimmte Gefühl, daß wir uns mancherlei zu sagen haben!“