Part 15
Langsam beginnt der Schleier vom Antlitz des fremden Landes zu weichen. Schon sind zehn, zwanzig Wortgruppen erobert. Welcher Stolz, wenn es nun ab und zu gelingt, einen Eingeborenen, der im Vertrauen auf die völlige Sprachunkenntnis des Fremden mit heuchlerischer Unterwürfigkeit Verwünschungen murmelt, zu entlarven und mit einem ellenlangen, blumigen Fluche zu zerschmettern? Und welch ein Volk, diese Fellachen! Seit Menschengedenken waren sie keinen Tag unfrei, nie einem Herrscher ihres Stammes untertan. So liegt es ihnen im Blut, zu lügen, zu stehlen, flüsternd der Fremdherren zu spotten, und sie doch bäuchlings anzubeten. Erwachsene Männer weinen kindisch haltlos, um eine betrügerische Überforderung doch noch durchzudrücken. Ist der Versuch als aussichtslos erkannt, dann fügen sie sich lächelnd, fließen über von Beteuerungen ehrlicher Zuneigung und Dienstbereitschaft. Ein ander Mal! Kein Manneswort, kein Einzelwille gilt. Über allem und jedem liegt der göttliche Ratschluß, der jede Verpflichtung, jede Verantwortung im Geben und Nehmen aufhebt. Zu dreien Malen an jedem Tage hämmern es die ehernen Stimmen der Muezzins von unzähligen Minaretts herab in die Herzen der Gläubigen:
Kein Gott ist außer GOTT Und keine Macht außer bei IHM Und Mohammed ist SEIN Prophet.
Ist das noch die Lehre, die die ersten Moslim mit wildem Tatendrang, mit hemmungsloser Todesverachtung erfüllte und erobernd fast bis ins Herz des zitternden Abendlandes führte? Welche Verheerung hat sie in diesen Sklavenköpfen angerichtet! Kein Versprechen ohne den Zusatz: „~Insch’allah!~ So Gott will!“ Bleibt es unerfüllt, so hat Gott nicht gewollt. Keine Auflehnung gegen einen Schicksalsschlag, und möchte er auch durch Tat zu mildern, abzuwenden sein. Tote Ergebung: „Maktub Kedde“ -- so ist es geschrieben! --
Fritz erblickt in der Ehrlosigkeit, den Untugenden und Lastern der Eingeborenen ein Zerrbild seiner eigenen Knabenschwäche, und der Verachtung paart sich rasendes Mitleid.
Steht Euch kein Rächer auf, ihr Knechte, kein Führer, der Euch die krummen Rücken strafft?
64
Hinter dem weiten Ezbekiehgarten dehnt sich ein Netz von Straßen und Gäßchen, in denen Haus um Haus mit grellen Lampen prunkt und lockt. Aus aufreizend verhängten oder schamlos weit offenen Fenstern dringt schrilles Lachen, Musik, Gläserklang. Weiber lehnen an den Brüstungen der Fenster und Balkone, lassen pralle Dirnenbeine in durchbrochenen Seidenstrümpfen sehen, nackte Arme und Brüste, mehlweiß gepudert und von Schweißperlchen getigert. Da und dort wirft eine einen Lockruf in den Straßenlärm, ein derbes Scherzwort auch, halb Schimpf. Und im Strome der Müßiggänger, der träge durch die Straße treibt, bleibt mancher Fant stehen, schickt prüfenden Käuferblick empor, lüsterne Wechselrede oder rohe Abwehr; Fische, die nach eklem Köder schnappen. -- Beizend, würgend fast, springt der Geruch scharfen Räucherwerks aus Hausfluren, Wolken von Rosenöl, Sandelholz, Moschus dazwischen. Da und dort drängt sich billiges europäisches Riechwasser dünkelhaft vor. Ein Stadtteil, in dem hemmungslos der Trieb herrscht, die Brunst, die alles färbt und durchdringt, was in ihren Dunstkreis gerät. Da weiten sich gierige Nüstern über tierisch gebleckten Zähnen, aus rollenden Augen blitzt Fleischhunger, und die alltäglichen Rufe der Straßenhändler klingen wie Lustschreie in der überreizten Luft. Der röchelnde Schrei der Eselhengste aber weckt Vorstellungen maßloser Ausschweifung, weckt, ansteckend, das Tier in manchen der Männer, daß sie jäh die Gebärde des müßigen Bummlers abtun und sich atemlos, keuchend in eines der Haustore stürzen, um das erstbeste Weib ihrem Trieb zu unterjochen.
Weiter weg von der Stadtmitte werden die Gassen enger, die Häuser winkeliger, schmutziger, bis sie sich in das Elendsviertel des „Fischmarktes“ verlieren. Dort haben die Häuser keine Türen mehr. Derbe Holzgitter schließen die breiten Öffnungen der Erdgeschosse. In den schmutzigen Höhlen dahinter, von Messinglämpchen kaum erhellt, kauern Weiber auf dem nackten Lehmboden, eingeborene Weiber, in grelle Lumpen gekleidet, die unverhüllten Gesichter mit Henna und Kohle geschminkt, Messingzierat im verfilzten Haar, und ihre Lockrufe schneiden durch den stickigen Brodem wie Klageschrei gefangener Tiere: „Oh Moslim, bleibt stehen!“ So manche unter ihnen weist grausige Merkmale ihres Gewerbes auf, fressende Schwäre an Gesicht und Brust. Doch wer kennt die Männer und ihre Launen? Vielleicht läßt sich einer verlocken, oder er übersieht das Gebreste im spärlichen Lampenschein -- und der sieche Leib verlangt seine Nahrung. „Bleibt stehen, oh Moslim: um ein Stück Brot, um ein Gericht Bohnen, oh Moslim!“
Fritz stolpert über das höckerige Pflaster wie in bösem Traum, von bitterem Ekel geplagt. -- Die elendeste, räudigste Hündin folgte zur Paarung nur dem eigenen Trieb, biß sich die ungewollten Bewerber vom Leibe. Und jeder Hund, auch der stärkste, achtete ihr Wahlrecht, ließ sich beißen und biß nicht zurück. So konnte ein Menschenweib tiefer sinken als das elende Tier, unter die Grenzen der Natur hinab? Und herrische Verachtung will sich regen -- Weib! -- Der Mann aber, dem dies lustlose Anbieten und Gewähren gilt, der Mann, der es brünstig nutzt, feilschend entlohnt, entmenscht er sich nicht schamloser, schmutziger noch? War es Herrenlust, wenn man dem geilen Tier die Zügel ließ, gab nicht jeder, der einmal nur, irgendwann, blindem Trieb gefolgt, damit auch der letzten, aussätzigen Dirne recht? -- Und die prahlend genossenen Erfolge der frühen Jugendjahre schrumpfen ein zu häßlichen Flecken. Betty, Minna, und Yvonne selbst -- schmähliche Siege. Kam es darauf an, begehrt zu +werden+, in kaltem Jägerehrgeiz ein Wild zu hetzen, das gern erlegt sein wollte? Oh, Liebe fühlen können, frei und allmächtig durchflutend, wie die Wüstensonne draußen, ohne sinnepeitschendes Beiwerk, Liebe, die kein ekles +Nachher+ kannte, von Selbstverachtung durchgeifert, Liebe, Liebe ...
Doch wo die Frau finden, der diese Liebe gelten konnte, die Frau, deren reiner Leib die Lust noch zu adeln, zu heiligen vermochte, wo sie suchen, die Erlöserin? Qual der Erwartung!
Draußen, hinter den Lehmmauern voll Brunst und Unrat atmet lau die nächtige Wüste. Dort ist der Jungbrunn, dort die sühnende Quelle. Dort laß den Leib Genesung finden, Vergessen trüber Lüste, daß er geläutert der Königin harre!
Und jeder freie Tag und drei Nächte in jedem Monat -- Vollmond, die Nacht vor- und die nachher -- gehören der Wüste. Stundenlanges Reiten durch feinen Sand, durch scharfes Geröll, über felsige Hänge hinauf, hinunter. Die kleinen Esel klettern wie Ziegen, legen sich schwer in die Zügelhand, ungeachtet des scharfen Stangengebisses. Der heiße Wüstenwind wirbelt feine Kieskörnchen an die dürrgebrannte Haut, bläht das weitoffene Hemd, weckt stürmende Daseinsfreude. „Nun erst bin ich jung!“ denkt Fritz beseligt. -- Gibt es da oben im Norden irgendwo eine düstere Kleinstadt inmitten flacher Rübenfelder, die grau in endlosem Regen verschwimmen? Gab es je ein Leben, von Verboten eng umzirkt, einen Vater, dessen harte Strenge man haßte, mit Lüge umging -- und doch neidisch ersehnte? -- Armer, alter Mann, du hast dir, schwer genug, das bißchen Macht erkämpft -- die Sonne aber, die Freude sind dir fremd geblieben! Laß mich stark werden hier draußen, und frei -- dann will ich heimkehren, und ein Abglanz dieser farbensatten Tage soll Licht in deine müden Augen bringen!
65
Draußen bei den Pyramiden steht das Wasser meterhoch auf den Feldern, setzt guten, schwarzen Schlamm ab und spart den Fellachen das Düngen.
Durch die Stadt geht das Herbstfieber, Denga nennen sie es, packt ein paar sommerbleiche Europäer und schüttelt sie, bis sie krebsrot sind, wie vom Sonnenbrand. Morgens und abends ziehen Nebel durch die Straßen, herrisch und drohend, wie die feiernden Soldaten eines Invasionsheeres. Das ist die Zeit, wo die Schiiten zu Ehren ihres Heiligen ihren alljährlichen Umzug halten.
Von einer Moschee hoch oben in der Mouski kommt der Zug und geht durch die Mouski zum Hause eines persischen Notabeln. Es sind fast durchwegs Perser, die mittun.
Die kleinen Krämer zu beiden Seiten der engen Straße stellen Sessel auf den schmalen Bürgersteig vor ihren Läden und vermieten sie zu ein, zwei Piastern. In der Straße drängt sich das Volk. Der Ordnungsdienst ist einfach: Wenn die Schauîsche zu Fuß nicht mehr ausreichen, um die Bahn freizuhalten, dann werden oben irgendwo soviel Berittene nebeneinander gestellt, daß sie die Straße eben ausfüllen. Dann ein letztes, warnendes „~Ouaah hazîb~ -- oha, Achtung!“ des Polizeioffiziers, und los, vom Fleck weg im Galopp, die Straße hinunter. Überritten wird fast nie jemand; und wenn schon -- die Pferde sind nicht beschlagen. Nur hinter den Reitern ist die Straße dicht bestreut mit großen, gelben Lederpantoffeln, Tarbouschen und Nabbûts, den krummen Bauernstöcken.
So oft auch die Straße unter der Menschenmenge verschwindet, die Reiter fegen sie immer wieder rein, bis auch die Hartnäckigsten es müde werden und sich in die Seitengäßchen verziehen, oder sich in die Lücken der Sesselreihen auf dem Bürgersteig quetschen.
Auf den Sesseln sitzen die Europäer und warten.
Der aufwirbelnde Staub, der schwere Geruch von Hammelfett, von gebackenen, gebratenen, gesottenen Unmöglichkeiten, der Dunst der Menge liegt wie eine wuchtende Plache über der engen Straße, läßt den Schall nicht verflattern, wirft ihn wieder und wieder zurück -- Schreie, Flüche, klappernde Hufe, Stimmengesumm.
Endlich -- der Zug. Ein letztes Mal fegen die Reiter vorbei; hinter ihnen her schweres Blutlicht, überholt sie, hüllt sie ein. Näher -- jetzt -- der Zug.
Ein kleiner Eselwagen mit Holzscheiten, Fackelträger zu beiden Seiten. Die Fackeln: an langen Stangen Körbe, aus Eisenbändern geflochten. Darin brennen Holzscheite; will eine verlöschen, so wird aus dem Wagen neu nachgelegt.
Die offen brennenden Scheite geben Glut und Rauch; es ist, als würde aus den Eisenkörben dicker, dunkler Wein hochgeschleudert und flösse an Dingen und Menschen herunter.
Dann ein Pferd, reiterlos, altertümlich reich gezäumt.
Im Sattel stecken ein paar lange Pfeile; früher einmal staken sie im Pferdeleib -- jetzt nur im Sattel.
Das Pferd als lebendige Erinnerung an das Schlachtroß des toten Heiligen.
Dann der persische Konsul mit den Notabeln, alle im dunklen Kaftan, und dem dunklen persischen Tarbousch. Stumm, würdig und -- ein wenig unbeteiligt schreiten sie vor sich hin.
Ob sie der Glaube treibt, oder die Pflicht? Wir kennen diese Mienen -- zu europäisch -- weiter!
Die Gläubigen. Die erste Gruppe -- zehn, zwölf Leute. Sie haben den Kaftan offen, die linke Brust entblößt, rufen die Heiligen: Hussein! Hassan!
Bei jedem Ruf ein Faustschlag an die Brust.
Die dumpfen Schläge und Rufe durchschüttern das glutige Dämmer wie das Hämmern eines gigantischen Herzens, das Blut durch die Riesenader dieser Straße triebe.
Ein Abstand -- die zweite Gruppe. Leute mit nacktem Oberkörper -- wieder zehn, zwölf -- eine geschlossene, schwere Eisenkette in doppelter Windung um den Hals geschlungen. „Hussein! Hassan!“ bei jedem Ruf ein Riß an der Kette, einmal mit der linken, einmal mit der rechten Hand. Blut rieselt von den wundgerissenen Schultern.
Ein herrischer Geruch drängt sich vor, pocht hart an die Schläfen, macht die Augen glitzern --: Blut!
Kein Laut mehr aus den Reihen der Zuschauer; der Rhythmus hat sie bezwungen, ihre Herzen klopfen hart im Takt mit dem Anruf: „Hussein! Hassan!“
Noch ein Pferd; ein weißes Bündel darauf; eine Puppe -- nein -- ein Kind! Ein dreijähriger Bub in weißem Hemdchen, gestützt und gehalten von dem Mann, der das Pferd führt. Ein blankes Dolchmesser in der Kinderfaust. Auf dem kleinen, glattrasierten Kopf eine Schnittwunde. Das dünne Stimmchen kräht mit, fest im Rhythmus: „Hussein! Hassan!“ Und ein kurzes Schlürfen dazwischen, weil ihm das Blut in dünnem Faden übers Gesicht in den rechten Mundwinkel läuft.
Dringlicher wird der Blutdunst, drückender und aufreizender.
Nun die letzten -- die Schwertmänner. Zu beiden Seiten der Straße je ein Dutzend Leute, mit kahlen Köpfen und langen, weißen Gewändern, die vom geronnenen Blut mit schweren, inkrustierten Mustern überdeckt sind und starren, wie Brokat. In den Händen alte Schwerter, haarscharf geschliffen. Alle hundert Schritte bleiben sie stehen, der Straßenmitte zugewandt, fassen die Schwerter mit beiden Händen und -- Hussein! Hassan! -- bei jedem Ruf ein Schnitt über den Schädel. Im freien Raum zwischen ihnen springt ein Kerl herum, mit einem blutgetränkten Lappen; der wischt über die Gesichter, daß sie nicht geblendet werden vom rieselnden Blut. Und will einer nachlassen, dann springt er vor ihn hin und brüllt ihm ins Gesicht: „Hussein! Hassan!“ bis der wieder das Schwert fester packt und losschlägt. Der Heilige will keine Schwächlinge unter seinen Dienern.
Die Schwertmänner schreiten weiter; hundert Schritte. Hinter ihnen läßt ein kurzes Grauen noch einen freien Raum, dann schlägt die Menschenflut über der Straße zusammen und verebbt langsam in die Seitengassen.
Der Blutdunst bleibt liegen, wie ein sattes Tier ...
In einem der kleinen Kaufläden drängt sich eine erregte Gruppe. Vielsprachiges Durcheinander: „Wasser! ... Einen Arzt! ... Einen Wagen!“ -- Eine Europäerin ist ohnmächtig geworden. Bestrafter Touristenehrgeiz! -- Und Fritz will gleichmütig den vorangehenden Fremden folgen. Da sieht er, die Menge der kopflos diensteifrigen Syrianer und Fellachen überragend, ein Mädchen im Hintergrund des Ladens stehen, deren Augen ihn mit ruhiger Bitte rufen. Er steht zögernd, kämpft mit wütender Schüchternheit, mit Mißtrauen, will achselzuckend fort, doch die blauen Augen lassen ihn nicht los. Er drängt sich durch den schmalen Raum, da klingt ihm ein tiefer Alt entgegen: „Sie sind Deutscher -- bitte helfen Sie mir -- meine Mutter hat den entsetzlichen Dunst nicht vertragen. -- Es war so maßlos töricht vom Dragoman, uns herzuführen -- wir hatten keine Ahnung ...“ Der feiste Dragoman, in knisternde Rohseide gekleidet, will den Vorwurf wortreich abwehren, beginnt tönende Versicherungen, daß dieses, gerade dieses Schauspiel von den fremden Ladies sehr geliebt sei -- und seine breiten Lippen wollen Unrat schmatzen. Fritz sieht das fremde Mädchen peinvoll erröten und fällt dem Schwätzer scharf ins Wort: „Schweige, o Dragoman, und hole einen Wagen, sogleich und schnell!“ Und der Dragoman berührt bei dem arabischen Befehl demütig Brust und Stirne und eilt davon. Fritz wendet sich zu der Schar der schaulustigen Stutzer mit französischer Höflichkeit: „Die Herren haben zweifellos nur die Versicherung abgewartet, daß ihre Dienste von den Damen nicht gewünscht werden, um sich zurückzuziehen!“ Und die Syrianer stolpern mit verlegenem Grinsen hinaus. Nur der Ladeninhaber bleibt. „Durch deine Güte aber, o Hausherr,“ spricht Fritz ihn an, „wird sogleich ein wenig Essigwasser hierher gebracht werden!“ Und wieder klingt der tiefe Alt: „Vielen Dank ... es war nur eine kleine Schwäche ... die vielen zudringlichen Leute vor allem ... Vielen Dank!“ Fritz sieht die weißhaarige alte Dame an, die kraftlos hingesunken in der gepolsterten Eckbank lehnt: Gesicht und Hände wachsfarben, mühsames Atmen weitet zuckend die feinen Nasenflügel. Nun umfaßt ihn prüfend ein müder Blick aus großen, blauen Augen: „Gitta, wer ist der Herr?“ -- „Ein Landsmann, Mama, der uns die Gaffer vom Hals geschafft hat!“ Und Fritz verbeugt sich gehemmt, stottert seinen Namen. -- „Sie haben wenig Verkehr hier?“ fragt die weiche Stimme, und ein Unterton, wie von leisem Lachen, läßt ihn jäh aufschauen.
Das Mädchen steht frei vor ihm; knapp und klar fließt das weiße Tuchkleid von den kräftigen Schultern, der schmale Kopf sitzt stolz auf edlem Halse. Unter dem kleinen Lederhut quillt straffes, dunkles Haar, starke schwarze Brauen tragen die weiße Stirne, lange schwarze Wimpern säumen das Auge von tiefem Blau. Der Mutter Auge. Von der Mutter auch die feine Nase, den Lippen aber, blutvoll, fest, die sich über starken Zähnen öffnen, fehlt der Mutter kränkliche Weichheit. Darunter, fast zu wuchtig für das Mädchengesicht, ein kantiges Kinn, das keinen Kleinmut kennt. Da deutet nichts auf eine Kindheit voll Gewalt und Lüge -- Ruhe und Freiheit liegen auf dem schönen Gesicht, und das Bewußtsein reicher Kraft. In Fritz züngelt trotziger Neid auf, doch der klare Blick entwaffnet ihn schnell. Sie wiederholt ihre Frage, und schickt ihr ein Lächeln nach, das wohl der hartnäckigen Musterung gelten mag: „Sie haben wenig Verkehr hier?“ -- „Ich habe einige Kameraden,“ sagt Fritz. Aber es klingt leise und weich, und sollte doch scharfe Abwehr unerwünschten Spottes sein.
Da fährt der Wagen vor. Der Dragoman hüpft heraus, gibt, über die Schulter zurück, dem Kutscher laute und überflüssige Weisungen, füllt den Laden mit lärmender Geschäftigkeit. Die alte Dame erhebt sich, auf den Arm der Tochter gestützt. Fritz eilt an ihre andere Seite. Sie dankt mit leisem Kopfneigen und legt federleicht eine schmale Greisenhand auf seinen Arm, wie um seinen Diensteifer nicht zu verletzen. Nun sitzen die Damen im Wagen, der Dragoman schwingt sich auf den Bock, da beugt sich die Tochter vor: „Nochmals schönen Dank -- und bitte, besuchen Sie uns doch -- wir wohnen im Ghezireh-Palace -- Hostrup, Gitta Hostrup heiße ich. -- Ja?“ Die Mutter nickt bekräftigend, und Fritz verbeugt sich tief, unnötig tief, wie er wütend fühlt. Als er verwirrt aufschnellt, springen die Pferde, unter Peitschenknall, eben ins Geschirr, und eine Straßenbiegung schluckt den Wagen. Im letzten Augenblick noch trifft ihn ein Blick aus klaren Mädchenaugen.
Fritz beginnt, wo er steht, gegen sich selbst zu wüten -- stampft hart den Fuß aufs Pflaster, krallt sich die Finger der Linken um die Kehle, und die rechte Faust fällt dröhnend auf den Schenkel. „Esel, neunmal verfluchter Esel -- benimmt sich wie ein Wildschwein!“ zischt er giftig. Und wie er das Erlebnis überdenkt, wächst seine Wut. Das Zögern erst, bevor er sich zur Hilfe herbeiließ -- zur Hilfe! Hilfe!! -- Vielsprachige Mätzchen mit dem käuflichen Schwein, dem Dragoman, mit den schmierigen Syrianern! -- Dem Dragoman einen Tritt in den speckigen Steiß und den Syrianern jedem eins in die Fresse, das wäre das Richtige gewesen! -- Dafür wieder kein Wort zu der alten Dame, keine Frage nach ihrem Befinden, und dort, bei Gott, stand unbenützt die spitzbäuchige Messingkanne mit dem verlangten Essigwasser! Unbenützt! „Möge dein Haus den heutigen Abend nicht überleben, o Sohn zweier Juden!“ krächzt er dem bestürzten Krämer zu. „Warum hast du der kranken Frau das Essigwasser nicht angeboten?“ -- „Durfte ich ihr etwas anbieten, o Herr,“ verteidigt sich der Gekränkte, „in ihrer Tochter und deiner Gegenwart? Gott ist gütig!“ -- „Verflucht sei dein Vater!“ meint Fritz und wendet sich zum Gehen.
So also -- das war die Lebensreise des Weltreisenden! Für die alte Dame keinen Finger gerührt, und der Tochter unverschämt ins Gesicht gestarrt, daß sie ihn zweimal fragen muß, ob er wohl wenig Verkehr hat? Natürlich, mit solchem Benehmen! Tanzstundenbär -- Bauernlackel! Die ewige Schüchternheit, die ihn zwischen kopflosem Trotz und Lakaiendemut hin und her riß! Wie war es denn mit Komteß Christel -- war das gestern oder vor zehn Jahren? -- Und er ertappt sich dabei, wie er mit lautem Stöhnen Falko zum Galopp boxt. -- Die blauen Augen unter dunklen Brauen! Das schlanke, edle Ebenmaß! -- Schmerzgeschüttelt bleibt er stehen, beißt sich die Knöchel blutig, spuckt giftig aus: „Hab’ mich gern, Bestie!“ -- Wie ihn der Blick immer noch durchsengt! O Schöne, Schöne! Und würgende Tränen ...
Dann plötzlich knallt die Frage auf: „Wozu der Jammer? -- Ich gehe hin -- gehe ins Hotel -- mache meinen Besuch -- Fräulein Gitta Hostrup, Hostrup, jawohl! -- und wenn ich Zeit habe, mich vorzubereiten, nicht überrumpelt werde, wie heute, dann benehme ich mich sicher wie ein Herr!“
Ins Hotel -- Ghezireh-Palace? -- Das ist das ganz feine, unten auf der Nilinsel, wo Fürsten und Millionäre wohnen -- drei Portiers und siebentausend verdammte Lakaien -- dort Besuch?
Ach ja: Sich peinlich anziehen, im Wagen bis zum Portal fahren, dann die zwanzig Schritte bis zum Hauseingang -- dann aufstampfen, ausspucken, und zum Wagen zurück rennen und fluchend heimfahren und sich tagelang elend und verworfen fühlen! Ach ja!
„Nicht mir bist du bestimmt, du Licht aus blauen Augen, Nie werd’ ich, schlanke Hand, dich auf der Stirne fühlen, Euch, roten Lippen, bleibt mein Name ewig fremd!“
„Ein Waschlappen bin ich -- daran ändern die schlechtesten Verse nichts!“ Und verbissen in selbstgewollten Schmerz langt er zu Hause an.
66
Der zweite Kassier ist ein Deutscher, ein blonder, stiller Mensch. Eggert heißt er. An den seltenen Tagen, wo die leidige Expedition früh beendet ist, geht Fritz mit ihm langsam spazieren, um vor dem Abendessen Luft zu schöpfen.
Eines Abends sind sie bis Atabet-el-Khadr hinaufgeschlendert und plaudernd stehengeblieben. Kaum hundert Schritte weiter, am Eingang der Mouski, nur durch die Breite des belebten Platzes getrennt, liegt die Pension, in der Eggert wohnt. Ein flüchtiger Gruß: „Auf morgen!“, dann verschwindet der andere im Gewühl, und Fritz geht langsam nach Hause.
Am nächsten Morgen fehlt Eggert in der Bank. Der Kassier! Aufgeregte Prüfung: Die Kasse stimmt aufs Haar. Die Bücher in Ordnung. Der Kawaß wird in die Wohnung geschickt, bringt den Bescheid: „Herr Eggert ist seit gestern mittag nicht mehr zu Hause gewesen!“ Seit gestern mittag? Was soll das? Wer hat ihn zuletzt gesehen? -- Fritz meldet sich, gibt Auskunft, sagt, er habe sich gegen acht Uhr abends in nächster Nähe seiner Pension von Eggert getrennt und keinen Augenblick daran gezweifelt, daß der geradeswegs zum Essen gehe. Das Gespräch? Alltägliche Dinge -- ein Abendplausch. Eggert war weder aufgeregt, noch traurig -- hungrig und müde eben, wie man es abends ist.
Das Konsulat wird verständigt, die einheimische Polizei. Eine Durchsuchung des Zimmers gibt keinerlei Aufschluß. Die Pensionsinhaber, ein ältlicher Franzose mit seiner Frau, seit Jahren ansässig, können auf keine Weise verdächtigt werden. -- Keine Liebesbriefe, keine irgendwie verdächtigen Schriftstücke. Ein Tagebuch verzeichnet ordentlich und ein wenig trocken die alltäglichen Vorkommnisse; an einem Mittwoch ist Eggert verschwunden; unter dem Dienstag steht noch da: „... In der Bank nichts Besonderes; sieben Uhr nach Hause. Nach dem Abendessen Café Khédivial, Zeitungen gelesen. Zehn Uhr zu Bett.“ So schreibt kein Mensch, der sich etwa mit Selbstmordgedanken trägt.
Tage vergehen, und Eggert bleibt verschwunden. Das Konsulat verständigt die Eltern; der Vater ist Handwerker, Tischler, in einer deutschen Kleinstadt. Die Antwort kommt, nach Wochen, verzweifelt, ratlos, bringt die gewünschte Photographie, verspricht eine Belohnung von zweihundert Mark für Aufklärung des Falles. Zweihundert Mark! Das sind hier zehn Pfund -- soviel wirft ein reicher Syrianer in Weinlaune als Trinkgeld hin ... Und deswegen zwei Wochen kostbare Zeit verloren? Oh deutsche Gründlichkeit! Ein englischer oder französischer Konsul hätte doch wohl mehr Tatkraft entwickelt!
Immerhin: eines Abends leuchten von allen Straßenecken, allen Anschlagsäulen, an Zäunen und Haustüren grellrote Plakate; das Lichtbild des verschwundenen Hans Eggert in der Mitte, ringsum, in vier Sprachen, englisch, französisch, griechisch und arabisch, die Schilderung der Begleitumstände und das Versprechen einer Belohnung von zehn ägyptischen Pfund für nähere Angaben an Konsulat oder Polizei.
Am nächsten Morgen ist aus allen Plakaten das Lichtbild herausgerissen, oft das ganze Plakat zerfetzt.