Junge Triebe: Roman

Part 14

Chapter 143,416 wordsPublic domain

Weit im Süden, Meer und Himmel trennend, ein dünner, gelber Strich: Afrika. Rasch wechselt die Farbe des Meeres von tiefem Blau zu immer lichterem Grün. Der dünne Strich wächst, sandfarbene, würfelige Häuser tauchen auf, Palmen wachsen langsam aus dem Meer. Der Dampfer verlangsamt seine Fahrt, nimmt aus jäh aufkreuzendem Boot den Lotsen an Bord. Ein letzter Blick noch auf die untadelige Reinheit der offenen See -- dann schließen sich die Molen wie weitgestreckte Arme, ziehen das Schiff an die Brust der fremden Stadt.

Noch sind die weißgekleideten Beamten der Quarantäne-Kommission mit kühler Oberflächlichkeit am Werk, da wird das Deck heulend überschwemmt von einer Unzahl dunkelhäutiger Burschen in langwallenden blauen oder schwarzen Hemden, riesige, gelblederne Pantoffel an den nackten Füßen, lächerliche Häkelhäubchen auf den kahlen Köpfen. Sehnige, nackte Hälse blähen sich in maßlosem Geschrei, furchtbare Gebisse blitzen zwischen breiten Lippen auf, dunkle Hände mit schweren Silberringen eifern, werden beschwörend gespreizt, flehend gefaltet, drohend gegen den Nebenbuhler geschwungen: ein lächerlicher Willkommsgruß des schwarzen Erdteils.

Fritz ergibt sich einem ebenholzfarbigen Nubier, der sich das Gepäck seines Opfers auf die Schultern türmt, an Riemen vor die Brust hängt, unter die Arme klemmt und, unaufhörlich schnatternd, mit Riesengewalt durch das Gedränge bricht: „Yes, Sorr, ollrreit, Sorr, Cairo-Expreß, Station, zuerst Dogana, Sorr, Zoll, hier!“

Eine kurze Untersuchung, -- dunkle Finger stöbern aufreizend in weißer Wäsche, -- dann wird das Gepäck schwunghaft auf einem gebrechlichen Wagen verstaut, der Nubier schwingt sich auf den Bock und auf seinen stimmgewaltigen Zuruf knallt der Kutscher mit beißender Bogenpeitsche auf die schlanken Pferdchen ein, daß sie vom Fleck in hemmungslosem Wüstengalopp losrasen. Der Nubier fühlt sich verpflichtet, Konversation zu machen und überbellt heiser das Toben der Hufe: „Schiff sehr verspätet, Sorr, wenig Zeit für Expreß, noch ten Minüts, ten!“ -- Und die rechte Hand, fächerig gespreizt, senkt sich zweimal mit furchtbarem Nachdruck. -- Noch ein kreischender Zuruf an den Kutscher, der entrüstet erwidert wird. Die Bogenpeitsche klatscht fieberhaft. Endlich der Bahnhof. Vor dem Säulenportal werden die Pferdchen jäh zusammengerissen, daß sie sich, die Mäuler weit gesperrt, fast auf die Hosen setzen. Fahrkarte, Gepäckaufgabe, alles in fieberiger Hast, von des keuchenden Nubiers Raserei mitgerissen. Endlich der Bahnsteig -- fremdartige Riesenwagen, in die man ebenen Fußes, ohne Stufen, einsteigt. Die Handtaschen fliegen schnaubend ins Gepäcknetz, und der Nubier streckt mit einem Grinsen übermenschlicher Genugtuung die dürre Hand bis zum Ellenbogen aus dem weiten Ärmel: „Schweres Gepäck, Sorr, grroße Eile, sehrr gearbeitet, Sorr, kleines Bakschisch, please!“ Fritz hält ihm eine Handvoll der fremden Silbermünzen entgegen, die ihm der Steward zu Wucherkurs eingewechselt hat. Der Nubier wählt mit spitzen Fingern etwa das Zwanzigfache seiner Taxe, deutet dann stolz auf seine Brust: „+Ich Ali+, Sorr, +Ali+! Nächstes Mal wieder!“ verbeugt sich mit süßem Lächeln und geht. Fritz weiß genau, daß er übervorteilt wurde, aber er ist verwirrt und wehrlos.

Der Zug rollt ab, unmerklich fast, steigert sich rasch in wütende Schnelligkeit hinein. Durch die großen, festgeschlossenen Spiegelfenster beginnt feiner Staub zu sickern, der sich wolkig über die glatten Lederkissen legt, Nase und Augen brennend füllt und zwischen den Zähnen leise knirscht. Draußen fliegt flaches Land vorbei, strotzend in blauem Grün; Palmenhaine und Lehmhütten, Sandflächen dazwischen. Die Hitze in dem geräumigen Abteil wird drückend. Und Fritz sinkt in bleiernen Schlaf.

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Auf dem Bahnhof in Kairo wieder ein Haufe tobender Eingeborener, die brüllend auf die breiten Armschilder aus Messing schlagen, das Abzeichen der amtlich zugelassenen Träger, und untereinander wilde Kämpfe um das Handgepäck ausfechten. Fritz schwankt noch, welchem der Feinde er sich ausliefern soll, da tritt ein Montenegriner in pomphafter Volkstracht, klobige Revolver im Gürtel, höflich grüßend auf ihn zu, nennt ihn fragend bei Namen ... Es ist der Kawaß der Bank, der ihn ins Hotel bringen soll, wie er in hartem Italienisch erklärt. Alle +europäischen+ Beamten der Bank würden so empfangen, setzt er mit Nachdruck hinzu, und trennt gleichzeitig mit einem nebensächlichen Fauststoß zwei kämpfende Träger, die eine Handtasche zwischen sich hin und her zerren, wie Hunde einen Knochen.

Fritz fühlt staunendes Hochgefühl: so kann die weiße Haut allein auszeichnende Bedeutung haben, ohne Rücksicht auf den Kerl, der drin steckt! -- Und das reiche Jahr in Mailand verblaßt zu gleichgültiger Vorstufe: „Hier bin ich Europäer!“

Vor dem Riesenbau des Continental-Hotels hält der Wagen. Fritz erschrickt bis ins Innerste: allein würden ihn keine zehn Pferde in den Prunkpalast hineinbringen. Aber er strafft sich wütend -- Europäer! -- unterdrückt mannhaft jedes Entzücken über den prachtvoll schlanken Berberiner im langen weißen Gewand, mit bunter Leibbinde und hohem Tarbousch, der mit Verbeugungen herbeieilt, und folgt mit ungemessener Würde dem Voranschreitenden. „Wenn der Herr sich umgezogen hat, wird ihn ein Boy zur Bank führen -- ich sage dem Portier Bescheid,“ spricht hinter seinem Rücken ehrerbietig der Kawaß. Fritz nickt kurz zurück. Sprechen kann er nicht. --

Die Bank nimmt in einer breiten Gartenstraße des Europäerviertels eines der neugebauten Einzelhäuser europäisch-arabischen Stils ein. Am Gartentor ein grauhaariger Sudanese, der grüßend die Hand an Brust, Mund und Stirne führt; im Vorraum drei, vier wartende Diener, die ihn mit gleichem Gruße weitergeleiten. Dann das Zimmer des Direktors: schwere englische Ledermöbel, reiche Teppiche, ein großer Marmorkamin. Starker Duft von Mokka und feinem Tabak. -- In dem breitlehnigen Kippstuhl hinter dem Doppelschreibtisch ein Mann mit großen, festgeschnittenen Zügen, klaren Augen unter hoher Stirn. Fritz fühlt unvermittelt Vertrauen und Zuneigung. Eine klingende Stimme sagt ein paar gutmütig aufmunternde Worte auf seine schüchterne Vorstellung: „Sie sind gut empfohlen ... hoffentlich gewöhnen Sie sich bald ein!“ Ein kurzes Klingelzeichen, dem hereintretenden Diener knapp hingeworfen: „Monsieur de Bergasse!“ und wieder zu Fritz: „Sie bleiben im Hotel, bis Sie eine Wohnung gefunden haben ... es eilt nicht ... Dann geben Sie mir Ihre Reiserechnung, die wird von der Bank bezahlt ... Und, bitte: Sie dürfen hierzulande nie vergessen, daß Sie Europäer sind, Angehöriger der weißen Rasse!“

Da schiebt sich, verbindlich lächelnd, ein kleiner, rundlicher Mann herein, mit grimmem Schnauzbart in dem listigen Gesicht ... Fritz denkt krampfhaft nach, er kennt den Menschen, -- mein Gott, das Titelbild zu Tartarin von Tarascon, im Klub, in Mailand ...

Der Direktor stellt vor: „Monsieur de Bergasse -- Ihr neuer Beamter ... Wollen Sie ihn, bitte, oben einführen, er tritt morgen ein!“

Ein mittelgroßer Raum, unverhältnismäßig hoch, mit Nutzmöbeln aus weichem Holz, Regalen und riesigen Tischen, vollgepfropft. Die geschlossenen Fensterläden geben grünliches Dämmerlicht. In gegenüberliegenden Ecken, durch die ganze Breite des Zimmers getrennt, wie feindliche Tiere, kauern zwei übertrieben schmierige Bürschchen. -- So hätte in Mailand kein Diener aussehen dürfen! -- Der Chef stellt sie säuselnd vor: „Herr Popovich, Herr Karamanian, Ihre neuen Kollegen!“ Fritz entgeht die boshafte Gleichstellung nicht -- er lächelt Ablehnung. Ein tückisches Grinsen antwortet ihm. Dann holt Monsieur de Bergasse zu längerer Rede in peinlich gesetztem Schriftfranzösisch aus: „Falls Sie sich darüber im unklaren sein sollten -- dies hier ist die ganze Korrespondenz-Abteilung, deren Chef ich bin. Sie sind ja allerdings wohl großartigere Verhältnisse gewöhnt und werden Mühe haben, sich hier hineinzufinden -- aber ich bitte überzeugt zu sein, daß auch hier gearbeitet wird, recht ausgiebig gearbeitet!“ Das Grinsen in den Zimmerecken wird hörbar, Monsieur de Bergasse selbst läßt sich herab, seine Feinheit zu belächeln und fährt fort: „Wir sind in einem barbarischen Land, mein Herr, und Arbeiten, die man drüben selbstverständlich den Dienern überläßt, müssen hier von Beamten besorgt werden. Die hiesigen Diener sind Schwarze, können weder schreiben noch lesen, und überhaupt ... Sie verstehen! Zu diesen Arbeiten gehört die Postabfertigung, das Kuvertieren der Briefe und der meist recht kostbaren Einlagen, Wechsel, Schecks, und so fort. Diese Arbeit ist in höchstem Maße verantwortungsvoll -- und ich habe sie Ihnen zugedacht. Von morgen an übernehmen Sie also die Expedition und werden gleichzeitig Herrn Karamanian bei Kopierpresse und Registratur zur Seite stehen, während Herr Popovich die Portokasse und Schreibmaschine zu versehen hat!“ Das Grinsen verstärkt sich, und auch Monsieur de Bergasse zeigt über die glückliche Diensteinteilung eine Genugtuung, die kaum noch höflich ist.

Fritz bleibt ungerührt von der versteckten Drohung, die in diesem Empfange liegt. Der kniffige Franzose macht ihm keinen sonderlichen Eindruck, und dem feixenden Gesindel in den Ecken wird man den Herrn zeigen! Der Direktor ist unbedingt ein feiner Mann, zahlt die Reise, das Hotel; draußen liegt ein Märchenland ... da wird dies hier wohl zu ertragen sein! --

Ein Abend noch in Freiheit, als rechter Herr! Das Essen im Hotel wird etwas beeinträchtigt durch die Anstrengung, die das unentwegte Hochstemmen der neuentdeckten Europäerwürde mit sich bringt. Dann ein einsamer Weg durch die Stadt, der jedoch über die nächstgelegenen Plätze und Hauptstraßen nicht hinausführt. Von einer Ecke aus wirft er einen Blick in das abendliche Gewimmel eines weiten Platzes, der wohl schon zum Eingeborenenviertel gehört: Straßenlampen und Kaufläden fremdartig bunt und klein; Menschen in nie gesehenen Trachten hasten durcheinander, die gedehnten Rufe der Straßenverkäufer werden zerrissen durch fremde Schreie, durch das scharfe Knallen der Kutscherpeitschen. Scharfe Gerüche treiben herüber; schwarzverhüllte Frauen, die wie dunkle Rätsel vorbeihuschen, wecken beizende Lust zu Gefahr und Abenteuer, von Moschus, Rosenöl, Sandelholz umweht. -- Jetzt schon dort hineintauchen? -- Doch die Scheu siegt. Später -- später! --

Große Cafés schicken ihre Tische wie Aufklärer weit über den breiten Bürgersteig hinaus. Ein kalter Trunk könnte gut tun! Aber die vielen französisch geschniegelten Burschen, die da mit grellbemalten Frauenzimmern herumsitzen, den hohen Fez auf graugelben, verlebten Köpfen ... ob man da als Europäer ...?

Ach ja, in Mailand gab’s das nicht -- da konnte man in jeder kleinsten Winkelkneipe seinen Durst löschen, ohne sich was zu vergeben. -- Die weiße Rasse hat der Teufel erfunden! -- Aber er schluckt die Lästerung schnell hinunter, und geht in verdoppeltem Stolz weiter, ins Hotel, und zu Bett.

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Die Verhältnisse in der Bank sind doch schwieriger, als es anfangs schien. Der Tag vergeht mit dem Einreihen der alten Briefe und Kopien, mit dem Ausfüllen einiger Drucksachen und dem Adressenschreiben auf ungezählten Umschlägen. Nachmittags zwischen vier und sieben, während die Post in der Direktion unterschrieben wird, ist in der Korrespondenz tote Zeit, die mit unzähligen Täßchen dicken schwarzen Kaffees, wie ihn die Diener im Keller kochen, mit Zigaretten und Zeitungen mühsam hingebracht wird. Gegen sieben Uhr aber, wenn alle anderen Kontore längst geschlossen sind, setzt für die Korrespondenz nochmals großer Betrieb ein. Die schwarzen Diener drehen die Briefe durch die Kopiermaschinen; dann sind die dazugehörigen Einlagen genau zu kontrollieren, ob jeder Scheck und Wechsel richtig ausgestellt und unterschrieben ist. Schließlich kommen Briefe und Einlagen in die bereitliegenden Umschläge, deren Gummirand die schwarzen Diener mit breiten Zungen gierig ablecken. Für die Burschen scheint das ein Abendessen? -- Endlich werden die Briefe gesiegelt und mit Marken versehen. Auch die Marken werden von den Dienern abgeleckt und aufgepickt. Dann nimmt ein Diener den schweren Postsack und wandert damit zum Amt, von dem malerisch bewaffneten Kawassen begleitet. Das ist das Tagewerk. Es kann neun Uhr abends werden, bis es getan ist, vor den Abgangstagen der großen Dampfer auch später. Die eintönige Arbeit hinterläßt fade, unfrohe Abspannung. Dazu den Tag lang Monsieur de Bergasses spitze Sticheleien, und die stumpfe Heimtücke der beiden anderen, die sich in falschen Auskünften, hämischem Festnageln kleinster Fehler, Angeberei und Verleumdung äußert.

Popovich stammt aus einem Elendsviertel in Triest, ist als Kohlentrimmer nach Ägypten gekommen, um sein Glück zu suchen. Der Direktor hat ihn eines Nachts halb verhungert auf einer Bank im Ezbekiehgarten aufgelesen, hat ihn aus Mitleid aufgenommen und ihm im Keller der Bank ein kleines Zimmer eingeräumt. Dort säuft er nachts mit dem Kawassen und den Schwarzen. Auch das ein Europäer? -- Aber er arbeitet wie ein Pferd, weiß sich und seine Leistungen gut ins Licht zu setzen und wacht eifersüchtig darüber, daß kein Brief von irgendwelcher Bedeutung etwa „dem Neuen“ zur Beantwortung überlassen wird. Der mag sich mit Drucksachen und der Expedition unterhalten; Dienerarbeit. Monsieur de Bergasse tut nichts dagegen. Der Triestiner nimmt ihm alle Arbeit ab, so daß ihm kaum mehr zu tun bleibt, als die Abteilung der Direktion gegenüber mit Würde zu vertreten. Auch kränkt es seine Eitelkeit empfindlich, daß der junge Deutsche den gleichen Gehalt bezieht, wie er selbst, der Sproß aus altem, königstreuem Adel.

Karamanian, der Armenier, ist ein Findelkind, von den Jesuiten erzogen. Er klebt vor Schmutz, hat ewig Schweißperlen auf der Stirn, und riecht frühmorgens schon nach Knoblauch. Ein Insekt.

In den anderen Abteilungen sieht es ähnlich aus. Wenige gutbezahlte Europäer, Deutsche, Österreicher, Franzosen, die öffentlich treues Zusammenhalten heucheln und sich insgeheim nach Kräften zu schädigen trachten, sich gegenseitig belauern und verleumden. Die Unterbeamten Levantiner, Griechen, Armenier. Dann noch ein Eingeborenen-Dienst, durchwegs mit Fellachen besetzt.

In den ersten Tagen denkt Fritz stündlich mit Wehmut an Mailand zurück. Ein begeisterter Brief der Schwester erfüllt ihn mit Bitterkeit: Was wissen die ...! Das Leben ist teuer, mit dem angeblich so großen Gehalt läßt sich hier weniger anfangen, als mit dem Drittel davon in Mailand. Und das Land ist so unerbittlich fremd. Nicht nur die Mohammedanerinnen tragen Schleier vor dem Gesicht; vor dem ganzen Leben des Eingeborenenviertels steht das gleiche dunkle Fragezeichen. Und was sich im Europäerviertel, in Bars und Hotels breitmacht, das sind oft fragwürdige Gesichter, die wohl wissen mögen, warum sie der heimischen Ordnung den Rücken gekehrt haben. So unerbittlich fremd alles und gefahrdrohend. Und die langen, öden Tage in dem stinkenden Affenkäfig ...

Das Hotel ist mit einer Pension vertauscht, die er sich auf gut Glück selbst gesucht hat. Nur keine Landsleute fragen! -- Der Stil ist steif englisch, vornehm, das Essen schlecht. „Wenn ich nun heikel wäre, müßte ich verhungern,“ denkt Fritz. Und die Stimme des Vaters klingt ihm ins Ohr: „Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!“ War das so unvernünftig hart? -- Na ja, der arme Alte -- an Kairo hat der sicher nicht gedacht! --

In der Buchhaltung sitzt ein Herr Fleischmann, ein Wiener, der sich mit schwärmerischer Liebenswürdigkeit an Fritz heranschlängelt. Er trägt sich streng englisch, läßt sich den Mund von wuchtiger Stummelpfeife schief ziehen und scheint nicht zu ahnen, wie lächerlich seine jüdische Beweglichkeit immer wieder die steife Maske durchbricht. Fritz bleibt kühl und mißtrauisch. Marinetti der zweite! Als ihn aber der freundliche Fremde für den ersten Sonntag zu einem Ritt vor die Stadt auffordert, bringt er es nicht über sich, abzuschlagen. Es konnten ja Wochen, Monate vergehen, bis er allein dazu kam, den Schritt in die Fellachenviertel oder gar darüber hinaus zu wagen! --

Herr Fleischmann holt Fritz zu dem Ausflug ab. Er trägt Tropenhelm, enge Reithosen mit Ledergamaschen, hat einen Revolver umgeschnallt und schwingt eine wüste Sklavenhändlerpeitsche aus Nilpferdhaut. Fritz kommt sich neben soviel kriegerischer Pracht dürftig und wehrlos vor. „Ich kann nicht reiten,“ sagt er schüchtern. -- „Das lernen Sie schon, ich zeig’ es Ihnen,“ meint Herr Fleischmann großartig.

Da ist der Platz, der an jenem ersten Abend dumpfe Ehrfurcht weckte: Atabet-el-Khadr steht weiß auf blauer Tafel, arabische Schnörkel darunter. Und da der Haufe der Mietesel. Künstliche Muster ins graue, weiße, braune Fell eingeschoren, mit Messingzieraten und Glasperlen behängt, unter roten, dickgepolsterten Tuchsätteln stehen sie da, nicken mit den übergroßen Köpfen, schwenken die Langohren und sehen stumpf und harmlos aus. Ab und zu schürzt ein Hengst die Oberlippe, daß die langen gelben Zähne sichtbar werden, streckt den Kopf sehnsüchtig vor und bricht in schallendes Geschrei aus, das in heiserem Röcheln verklingt. Zwei, drei andere antworten, suchen ihn an Künstlichkeit und Ausdauer zu übertreffen. Wie gut fügt sich dieser Schrei wilder Brunst, aufreizend und klagend, in das bunte Gesamtbild der Stadt, die von stürmischem Lebensdrang überquillt! --

Kaum haben die Eseltreiber, die in müßigen Gruppen herumhocken, die beiden Fremden erblickt, als der übliche wütende Wettstreit unter ihnen ausbricht. In fanatischen Riesensätzen springen sie heran, die jäh aufgeschreckten Tiere wild hinter sich herzerrend. Mit höchster Lungenkraft werden unverdaute Brocken fremder Sprachen hervorgegellt: „~Wontju donky reid -- dat’s wery gud donky, Sorr!~“ Herr Fleischmann mimt marmorne Überlegenheit. Doch mit einem Blick beseligten Stolzes flüstert er dem Begleiter zu: „Ich wurde allgemein für einen Engländer gehalten!“ Dann trifft er umständlich seine Wahl, schwingt sich in den Sattel; die Treiber nehmen die langen Hemdenkleider hoch, daß die nackten, dürren Beine in kurzen Pluderhosen sichtbar werden, keuchen tiefe Kehllaute: „Chcha Chcha!“ knallen die breiten Pantoffel bedrohlich aufs Pflaster und lassen die langen Rohrstäbe in blitzraschen Doppelhieben auf dem Hinterviertel der Esel tanzen, daß die in vollem Galopp davonspritzen. Fritz ist atemlos verwirrt von dem jähen Aufbruch, schwankt im Sattel. Doch sieht er zu seiner Beruhigung, daß auch Herr Fleischmann sein steinernes Gleichgewicht vermissen läßt und sich mit einer Hand an den dicken Sattelknauf klammert, während die andere nach rückwärts den Treibern abwinkt. Kaum sind die hetzenden Kehllaute, das Pantoffelknallen verstummt, so fallen die Tiere in kurzen, fördernden Zuckeltrab, der den leise geschüttelten Reitern ein wenig Blick für die Umgebung läßt.

Da trägt einer eine Holzplatte von reichlich einem Meter Durchmesser auf dem Kopf, mit zahllosen Schüsselchen beladen; ein abgerissener Sudanese winkt ihm -- sofort wird ein kleiner Dreifuß aus Holz aufgeklappt, die Platte vorsichtig daraufgesetzt, und der Gast kann unter zwanzigerlei Gerichten wählen: Brotfladen, Gemüse, gekocht oder als Salat, oder in Fett gebraten. Das bißchen Staub und Straßenschmutz, das überall haftet, wird von nachsichtigen Fingern weggewischt. Dort ein Wasserverkäufer, den prallgefüllten Schlauch aus Ziegenhaut über der Schulter; dunkelgebräunte Bauern neben kleinen Eseln, die unter Riesenlasten von Melonen oder Kürbissen verschwinden. Reiche Kaufleute, die weibisch zierlich die feinen Tuchgewänder raffen, während sie über Unrathaufen steigen. Engbrüstige Häuser zu beiden Seiten, künstlich gedrechselte Holzgitter vor den Fenstern, wie Schutzbrillen. Und enge Seitengäßchen, von rissiger Leinwand überdacht. Da mag heute noch das Märchen wohnen, Sindbad, oder Ali Baba ...

„Furchtbare Schweine sind die Eingeborenen,“ näselt Herr Fleischmann. Und Fritz haßt ihn plötzlich, ihn und den dummen Europäer-Hochmut, der mit Schnellzügen, Maschinengewehren, mit läppischem Warenhauskram in diese farbige Welt eingebrochen ist, sie tausendmal im Tage schändet und im maßlosen Dünkel des Kulturbringers noch Dank ernten will, wo er Verachtung und Unverstand gesät hat.

Die Straße weitet sich, das schlüpfrige Pflaster hört auf, harter Sandboden beginnt. Ein sanfter Hügel wird erklommen -- dann füllt den Sehkreis ein wildes Meer glühender Farben: die Wüste!

Den weiten Talboden deckt feiner Pulversand, vom grellsten Weißgelb bis zum sattesten Orange abgetönt. Am jenseitigen Rande springen jähe Felshügel auf, die in tausend Schattierungen von Rot, Lila, Violett, bis zum Schwarz hinab, dunkel glühen. Über ihrem zackigen Kamm tanzen flimmernde Luftbänder wie über Feueressen. Kleine Inseln grünen Buchwerks da und dort eingestreut. Ginster grüßt mit gelben Blüten. Und ein Himmel darüber, von dröhnendem Blau, und goldene Sonne. Dies sind keine Farben mehr, mit denen das Auge allein fertig werden könnte. Wie schwingender Glockenton teilen sie sich dem Ohr mit, jagen wollüstige Schauer über die Haut, füllen alle Poren mit bebenden Wellen, wie ein laues Bad. Fritz erliegt seufzend dem stürmischen Eindruck, läßt sich hingegeben überfluten. Das Meer? Wie kalt und fremd! Hier, hier pulst glühendes Leben!

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Eine Zufallsbekanntschaft im Café führt zur Entdeckung einer neuen Pension. Dort geht es wild her. Die Wirtin, eine deutsch-russische Witwe in den besten Jahren, ist vor irgendwelchen Wirren im weiten Zarenreich hierher geflohen, um neuen Wohlstand zu erwerben. Sie hat ihre schmerzliche Freude an dem Toben der Gäste. Mit Fritz sind es acht junge Leute, keiner älter als zweiundzwanzig Jahre, die tagsüber in Kontoren schwer arbeiten, in den Freistunden aber die enge Wohnung mit lärmenden Spielen beleben. Die Küche versieht ein schieläugiger, blatternarbiger Fellache mit verfilztem Stirnschopf auf dem Verbrecherschädel. Auch wird weniger auf die Güte geachtet, als auf die Menge. Doch auch die ist immer knapp berechnet. Jeder trachtet sich seinen Anteil zu sichern -- dazu ist jedes Mittel recht. Beliebt sind sachliche Randbemerkungen über Herkunft und Zubereitung der Speisen. Vielleicht vergeht einem oder gar zweien der Appetit, und ihre Portionen würden frei? -- Saures Mischbrot gibt es zur Genüge, doch nur acht dünne Scheiben Kornbrot zu jeder Mahlzeit. Um die toben Kämpfe; die eroberten Stücke werden abgeleckt, unter den Arm geklemmt -- was hilfst’s? In einem unbewachten Augenblick reißt sie der Nachbar doch an sich und schlingt sie hinunter. -- Da ist der Herr Lustig aus Prag, der ekelt sich so leicht. Ein Beutetierchen. -- Der Filter liefert nur eine bestimmte Menge Trinkwasser im Tage, und auch das läßt im Glase leichten Bodensatz. Herr Lustig trinkt Syphon. Er hat Zuschuß von daheim und kann sich’s leisten. Als eben wieder eine neue Kiste für ihn geliefert worden ist, wird in der Runde der anderen mit schöner Offenheit die Frage erörtert, ob wohl die Syphonfabriken beim Reinigen der Spritzhähne genügende Rücksicht auf die Tatsache nähmen, daß die Araber sich mit Vorliebe mit Syphons purgierten? -- Und Herr Lustig stiftet wehmütig die neue Kiste für die Allgemeinheit. Zum Dank werden neue grausige Gesprächsstoffe ersonnen.

Fritz empfindet zunächst abwehrendes Staunen vor solchen Tischmanieren. Bald aber fährt auch ihm der ungeschriebene Grundsatz ins Blut, der, stärker als sonstwo, in diesem Lande neuen Reichtums und alten Elends regiert: „Friß oder laß dich fressen!“ Und er wehrt sich seiner Haut, gilt rasch als achtbarer Gegner und denkt in bitterer Beschämung der langen Jahre, in denen er sich geduckt, immer wieder geduckt hat. Gibt es eine andere Antwort auf stummes Dulden, als neue Verachtung, neue Gewalt? --

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