Part 13
Eines Nachts, beim Heimweg von stundenlangem Schachspiel im Klub, sagt Guido: „Was bist du für ein komischer Kauz! Nun bist du schon vier Monate hier und warst noch nicht einmal an den Seen -- oder doch?“ -- „Nein, wirklich nicht!“ sagt Fritz überrascht. -- „Sagt dir denn die Natur gar nichts?“ -- „Natur -- im Winter?“ fragt Fritz zurück und bleibt stehen. Vor seinem Blick tauchen die weiten, öden Rübenfelder auf, speckig glänzend in endlosem Regen, oder in Schneedunst bläulich verschwimmend -- Natur? -- Weißschäumendes, lärmendes Wasser zwischen dunklen Tannenwänden, und Sonnenkringel auf Mooskissen; Sommer! -- Aber der Winter gehörte der Stadt! Wohl sind die Knabenträume von „Leben“ überwunden -- Alkohol, Weiber, Karten. Obzwar -- Yvonne? -- Doch war noch so viel, so vieles nachzuholen! Noch lockte der Klub mit ungeschwächtem Reiz. Wie das schon klang, in den Briefen an die Schwester: „... Die Abende verbringe ich regelmäßig in meinem Klub ...“ Schach und Bücher, endlos viele Bücher, und niemand, der sich in blöden Bemerkungen erging: „Das finde ich entschieden unpassend, dazu bist du wohl noch zu jung!“ Und nächstens kam das Theater dran, die Oper natürlich, sobald nur die verdammte Schüchternheit überwunden war, die ihn schon dreimal, angesichts der glänzenden Menge, aus dem Foyer hinausgetrieben hatte. Alle, alle Augen hatten sich an seiner Unscheinbarkeit spöttisch festgesaugt.
Da sagt Guido mit leisem Lachen: „Das kann ich nicht länger mit ansehen, das ewige Stadthocken. Nächsten Sonnabend nehme ich dich mit hinaus!“ Fritz will trotzig ablehnen, aber er besinnt sich schnell: „Gut, abgemacht! Aber nur, wenn du Donnerstag mit mir in die Scala gehst. Es ist volkstümliche Vorstellung!“ Und Guido sagt zu.
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Atemlos, mit klopfendem Herzen ist das strahlende Foyer durchquert, wo sich die große Welt wie in einem Brennpunkt drängt. Auf kahlen Seitentreppen ist die letzte Galerie erklettert. Sitze, so eng, daß sich die Knie schmerzhaft an die Brüstung drücken. Und ein Blick über das riesige Rund, der ehrfürchtigen Schwindel weckt. Fressende Großmannssucht angesichts des schimmernden Prunks der Logen. Unten im Parkett, in untadeligen Fräcken, fremde Riesenblumen im Knopfloch: die Habitués. Das Wort, von manchem Schmöker her mit lasterhaftem Glanz umwoben, weckt Augenblicke lang gierigen Ehrgeiz, einst zu werden wie jene -- ein Habitué. Doch gleich folgt trotziger Widerspruch: Ich weiß mir Besseres! -- Immerhin: +mein+ Klub ...!
Da schüttert dumpfer Erzton, die Lichter verlöschen, und vierzig Geigen weinen die schneidende Wehklage der Traviata.
Vergessen Ehrgeiz und Eitelkeiten. Nur die wilde Sehnsucht, qualvoll wachsend, Schmutz und Wirrsal des Alltags abstreifen, befreit eingehen zu können in das Reich dieses Wohlklangs. Der Vorhang rauscht auf. Die engelhafte Stimme der Storchio entzündet glühende Liebe. Wer der letzte, geringste ihrer Gäste sein dürfte! ...
Die Handlung geht ihren Gang; die Zwischenakte, von heißen Träumen erfüllt, fallen kaum ins Bewußtsein. Das Vorspiel des Schlußaktes schwingt zitternd ins Ohr, treibt Wasser in die starren Augen. Und als die Traviata, von törichtem Unverstand in den Tod getrieben, sterbend noch Liebe, Liebe kündet und Vergebung, da bricht Weinen haltlos aus ... „Brava, brava!“ dröhnt Beifall; und die schöne Tote steht da, verbeugt sich geschmeichelt. Es war nur Spiel -- da draußen wartet die neblige Stadt, morgen die Bank ... Leb’ wohl, klingende Insel!
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Der Abendzug der Gotthardtbahn stampft durch nächtige Felder. Guido und Fritz, der Bank mit Mühe entronnen, kauen atemlos an Weißbrot, Käse und kaltem Fleisch. „Verdammt,“ sagt Fritz, „ich hab’ schon geglaubt, wir kommen nicht mehr mit! Im letzten Augenblicke wollte mich der Chef noch einen ellenlangen Brief umschreiben lassen, wegen eines lächerlichen Fehlers. ‚Radiert wird nicht!’ sagt der Schöps. Aber ich hab’ natürlich doch radiert. So eine Schufterei, daß man auch am Sonnabend bis in die Nacht hinein felbern muß!“ -- „In der Buchhaltung ist’s noch ärger, da sitzen sie jetzt jede Nacht bis ein, zwei Uhr über der Bilanz!“ meint Guido gleichmütig.
Fritz würgt schweigend an einem übergroßen, trockenen Bissen, verschluckt sich, hustet krampfhaft und lauscht gespannt in sich hinein, von eiskaltem Schreck durchzuckt: „Ist das nicht wieder ...“
Aber es ist nichts. Die Knochenhand läßt sein Herz los, das wild lostobt und langsam wieder in Gleichtakt fällt. „Verfluchtes Gerippe, nun hättest du mir wohl gerne die Freude verdorben! Grad nicht! Hier fahre ich mitten durch die Weltgeschichte, lauter große Namen um mich her -- Mailand, Gotthardtbahn, Como -- und die Scala, und mein Klub ... das ist so meine tägliche Umgebung! Und es kommt noch besser, wart’ nur! In die verfluchten Rübenfelder kriegst du mich nicht mehr!“ Und beseligt sprudelt er Lästerungen vor sich hin, ersinnt fabelhafte Schimpfworte, singt endlich nach der Sterbearie der Traviata laut hinaus:
Verfluchter Knochenmann, du dummes Luder, Nein, nein, du kriegst mich nicht, ich bin zu jung für dich!
„Was hast du?“ fragt Guido erstaunt. „Mir ist was eingefallen,“ grinst er zurück.
* * * * *
„Como!“ brüllt es draußen. Sie verlassen den Zug, der eilig weitersaust, wandern durch den kleinen Bahnhof in den stillen Ort hinaus. Die Nacht ist klar geworden. Zackige Hügelkuppen zerreißen den mondlosen Sternenhimmel. Weithin dehnt sich, leicht gewölbt, die bleifarbene Wasserfläche, spiegelt glitzernd die Lichter der Strandhäuser wider. Leise und langsam pocht der See an die Kaimauern. Es klingt wie ruhiger Pulsschlag. Unendlicher Friede. --
Sie gehen ein Stück auf der breiten Straße nach Chiasso, biegen dann in einen engen Waldweg ein. „Das ist ein Schmugglerweg, der die großen Serpentinen abschneidet,“ erklärt Guido. Und Fritz fühlt kribbelnden Stolz. -- Da kriecht man nun auf Schleichwegen durch eine fremde, mitternächtige Landschaft, so ganz selbstverständlich -- Donnerwetter, ja: das war nun doch wohl schon +Leben+!
Spät nachts pochen sie an die Tür einer kleinen Schenke in Chiasso, durch deren morsche Fensterläden noch trübes Licht schimmert. Aufgeregtes Hin und Her drinnen, dann eine rauhe Stimme: „Wer ist draußen?“ -- „Keine Angst, ich bin’s, Colonna!“ sagt Guido und flüstert dem Freunde zu: „Sie haben uns für Gendarmen gehalten -- sie haben öfter Schmugglerbesuch!“ Fritz stampft vor Entzücken lautlos mit den Füßen.
In der rußigen Wohnküche, von einer eisernen, altmodischen Öllampe dürftig erhellt, sitzen ein paar dunkelhäutige Gesellen beieinander, verwitterte Filzhüte auf den struppigen Köpfen, die weiten Samthosen von roten und blauen Leibbinden gegürtet. -- Es mögen harmlose Dörfler sein, die eben erst jenseits der Grenze ihren Wochenbedarf an Reis und Öl gegen Tabak und Zündhölzer eingetauscht haben und nun bescheiden den Sonnabend feiern. Aber Fritzens aufgestachelte Phantasie denkt sie zu wüsten Grenzräubern um, deren jeder ungezählte Zöllner auf dem Gewissen hat. Und prüfend sucht er den Don José unter ihnen herauszufinden.
Die eine Schmalwand nimmt fast ganz ein riesiger offener Kamin ein, der mit einem Vorbau wie ein kleines Haus ins Zimmer ragt. In der rußigen Höhlung steht ein klobiger Dreifuß mit schwarzgebranntem Kessel. Auf den schmalen Steinbänken, hart neben der sterbenden Glut, sitzen die Freunde einander gegenüber, und Fritz vergeht fast in stolzem Wohlgefühl. Was war man doch für ein Kerl, der solche Nächte in Räuberschenken einfach so mit machte!
Ungern nur und auf Drängen des Freundes entschließt er sich zu kurzer Ruhe in der dürftigen Schlafkammer. Das bleiche Morgenlicht findet sie wieder in der rußigen Küche, vor riesigen, henkellosen Schalen mit heißer Milch und Traubenschnaps. Lustiges Frühstück! Wenn das der Vater wüßte!
Dann die mattgelben Wiesenhänge des Monte Generoso, gegen den Gipfel zu brüchige Schneefelder. Die Luft ist rein und mild. Überall springt die Fremde in den Sehkreis, mit weißen, seltsam nackten Häusern, flachen Ziegeldächern, mit Zypressen und Pinien, mahnend: welche Auszeichnung, das sehen zu dürfen! Unerhörtes Übergewicht über die Eltern -- die waren nicht weiter als Bozen. -- Die Eitelkeit wächst.
Oben, bei der verwehten Zahnradbahnstation, beginnt Guido prunkende Namen aufzuzählen: links der Como-See, mit den spitzen Buchten von Como und Lecco, rechts der Lugano-See, dort hinten taucht ein Stück vom Lago Maggiore auf, dort liegt die Isola Bella; weit im Norden flammen Schneeberge, die gehören schon zum Engadin ... und da ... und dort ...
Fritz hört selbstgefällig zu. Das ist wohl was anderes als das flache Rübenland mit halbslawischen Nestern ...! Pallanza Menaggio ... Bellaggio ...
Doch plötzlich fühlt er, wie das strahlende Antlitz der Landschaft sich verzerrt zum kalten, höhnischen Grinsen, voll Verachtung: „Du Überwinder, der den Vater morden wollte -- sieh, wie du auf Schritt und Tritt den Gedanken an ihn mit dir schleppst, wie ein entlaufener Sklave die gesprengte Fessel! Du siehst nicht, wie die Pinie da unten, fächerig, zart, in dunklem Grün gegen See und Himmel steht, siehst nicht die weißen Wolken über Wiesenhügel treiben, siehst das Farbenspiel der Seewellen nicht, und die Freude an der seligen Weite, an lichtem Leben ist dir fremd. -- Namen brauchst du und Zahlen, die dir ins Ohr klingeln, und deine zertretene Eitelkeit aufrichten und stärken sollen: ‚Das hab’ ich gesehen!’ -- Blind könntest du sein, und sähest darum nicht weniger! Armseliger Wicht!“
Wahr, tausendmal wahr! Der Gedanke an den Vater verläßt ihn nicht. Wird der Haß nie sterben? Oder -- ist es kein Haß? Ist es ...
Aber er tut die Schwäche mit wütendem Kopfruck ab: Haß ist es, gerechter Haß! Und wer ihm den antasten will, der ist sein Feind! -- Stumm und trotzig steigt er neben dem Freunde die steilen Hänge hinab, an die sonnigen Ufer. Und fragt verbissen immer aufs neue nach Namen, hört kaum die Antwort, fragt weiter -- und fühlt brennend, am ganzen Körper, den lachenden Hohn der Berge und Täler um ihn: „Komm wieder, wenn du frei bist!“
Unten am See trillern die Lerchen in den weiten Gärten. Da sagt Guido: „Wart’, gleich hier wohnt ein Bekannter -- vielleicht borgt er mir sein Gewehr, dann könnten wir ein wenig auf die Jagd gehen!“ -- „Jagd, gibt es das hier?“ fragt Fritz begeistert. -- „Natürlich, wart’ nur!“ ruft Guido zurück und eilt einem reichen Landhause zu, das aus alten Bäumen hervorleuchtet. Fritz hat sein ungetrübtes Selbstbewußtsein wieder. Das ist die rechte Antwort auf das Hohnlachen: „Komm wieder, wenn du frei bist!“ Ein Gewehr in die Hand, und Löcher in die grinsende Fratze gedonnert! Die Kreatur beschleichen, überwinden, töten ...
Da kommt Guido zurück, mit einer schweren Entenflinte von schöner englischer Arbeit, und mit einem seltsamen Messinggehäuse. Fritz erhebt sachverständige Bedenken: „Hast du keinen Hund mitgebracht?“ -- „Hund -- wozu denn?“ lacht der andere. „Wo fangen wir an?“ fragt Fritz. -- „Gleich hier, auf dem Stück Sturzacker,“ sagt Guido, gibt Fritz das Gewehr, der es mit Kennermiene prüft, öffnet und schließt, und kniet mit dem Messinggehäuse auf den Ackerboden. Auf einen Stift, der aus dem Deckel ragt, werden rechtwinklig zueinander zwei kleine Querbalken aufgesetzt, in die viele kleine Spiegelstückchen eingelassen sind. Dann das Knirschen einer aufgezogenen Uhrfeder, und die beiden Querbalken beginnen sich wirbelnd zu drehen, einer rechts, einer links herum. Die Spiegelstückchen schießen bunte Blitze im Sonnenschein, Guido kommt eilig zurück, nimmt das Gewehr, ladet und drückt den Freund hastig in die Knie: „Jetzt still, sie werden gleich da sein!“ -- „Was soll denn kommen -- Raubvögel?“ flüstert Fritz verständnislos. Aber Guido hält die Augen fest auf das wirbelnde Spiegelwerk geheftet und schüttelt ablehnend den Kopf. Er ist aufgeregt, und aus seinem starren Blick spricht richtiges Jagdfieber. Fritz beginnt ebenfalls die Umgebung des Uhrwerks scharf zu belauern -- vielleicht soll ein Fuchs kommen, oder ein seltener Nager, Hamster vielleicht? Da wirft ihn ein donnernder Schuß fast auf den Rücken vor Schreck. „Was war’s? Hast du getroffen?“ fragt er bebend. Aber Guido, weiß bis in die Lippen, springt wortlos die fünf Schritte bis zum Uhrwerk, bückt sich einmal, noch einmal und hebt zwei Körperchen auf. Fritz, auf Wild von mindestens Hühnergröße gefaßt, sieht erst gar nichts, dann, als Guido sieghaft die Beute schwenkt, erkennt er Lerchen. Lerchen, mein Gott! Sie sind so lächerlich klein und wehrlos -- man könnte sie fast in die Mündung der schweren Entenflinte stopfen ... das heißt Jagd? -- Aber Guido ist sehr stolz: „Zwei auf einen Schuß! Wart’ nur, wir müssen ein volles Dutzend zusammenbringen. Das gibt ein feines Nachtmahl! -- Willst du jetzt versuchen?“ Doch Fritz verneint stumm. Er sieht die weiten Nadelwälder von Weißwasser vor sich, denkt an den Vater, der wochenlang unverdrossen einem heimlichen Berghirsch nachspürt ... Wieder der Vater! -- Aber er ist +doch+ ein Weidmann! -- Dies hier, auf Singvögel donnern aus halben Kanonen ...
Und zum erstenmal stemmt er der prunkenden Fremde den Stolz auf die arme Heimat entgegen.
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Ein kurzer, warmer Frühling ist unversehens zu strahlendem Frühsommer geworden. Wie das wuchert und blüht! Nun werden die Werktage in der Stadt zur lastenden Bürde, die Sehnsucht nach Wald und Wasser singt im Blut. An jedem Wochenende geht es hinaus an die Seen; einmal auf die Berge bei Lecco, den Monte Pertüs und die kleine Grignetta. Da führen schmale Pfade durch wahre Dickichte von Alpenrosen, und eisige Bäche schäumen. Der kleine Lugano-See ist weicher, von hügeligem Laubwald umgeben und beherrscht von dem kahlen Almenkegel des Generoso. Am schwersten ist dem Lago Maggiore beizukommen, der kann recht hochmütig sein, mit der verwaschenen Pracht seiner Schlößchen und den altmodischen Terrassengärten. Doch wird die eitle Lust an Namen langsam überwunden, und langsam schwindet auch die kalte Distanz zu der fremden Landschaft. Keine drohende Frage mehr klingt aus der großartigen Weite, auch kein Hohn. Es gibt Raststunden voll seliger Entrückung, wo jeder Nebengedanke stumm zerrinnt in dem Meer von friedlicher Stille.
„Sag, Guido, glaubst du, daß jedes Volk sich das Land ausgesucht hat, das ihm am besten zusagte -- oder hat der Boden die Menschen geformt, die auf ihm gelandet sind?“ --
„Ich glaube sicher nicht, daß der Boden uns Menschen formen kann -- wir sind die Herren der Erde!“
„Ach Gott, arme Herren, Guido! Im Winter sterben wir vor Kälte, im Sommer vor Hitze -- und wenn der Boden nichts tragen wollte, müßten wir verhungern!“
„Er muß tragen, wir zwingen ihn!“
„Zwingst du Hagel, Blitz und Regen? -- Und wenn schon -- wie willst du auf Rübenboden Wein ernten, Reis und Oliven? -- Nein, nein, wir sind Kinder der Scholle, nicht ihre Herren. Und glücklich, wer die Seele des Himmelsstriches mit bekommt, unter dem er geboren ist. Der mag zufrieden sein mit noch so hartem Los, denn er kennt kein besseres und hat die Sehnsucht nicht, es kennen zu lernen. Aber wer im grauen Norden aufwächst mit einer südlichen Seele, der bleibt arm und heimatlos!“
„Sprichst du von dir?“
„Ja und nein. Hier ist alles Weite, Überfluß, Schönheit -- wie leicht ist es da, zufrieden und gütig zu sein. Aber du ahnst ja nicht, wie trostlos arm an Freude es dort oben bei uns ist! Häßliche Häuser, eng zusammengewinkelt, um den kostbaren Rübenboden zu schonen. Ringsum ebene Felder, weiß im Winter, braun im Frühling, grün im Sommer, gelb im Herbst -- in ewigem Wechsel. Wie sollen dort frohe Menschen erwachsen? Dort ist das Leben eine Schuld, die abgearbeitet werden muß. -- Ich denke an meinen Vater -- was wäre aus dem geworden, hätte ihn das Schicksal in diese Landschaft gestellt. Und aus mir ...!“
„Du stehst ja mitten drin in der gepriesenen Landschaft!“
„Ja -- aber die Kindheit dort oben läßt mich nicht los!“
„Wirklich, läßt sie dich nicht los, du Ärmster! -- Nun, ich glaube weit eher, du willst +sie+ nicht loslassen -- oder?“
„Nein, ich will nicht,“ sagt Fritz langsam.
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Es geht dem Herbst zu, und das erste Bankjahr nähert sich seinem Ende. Da kommt ein langer Brief vom Herrn Rat, der neben ernsthaften Ermahnungen auch viel unerwartetes Lob enthält und, nach langwierigen Betrachtungen darüber, daß es für Fritz, nun er einmal diesen Beruf gewählt, vorteilhaft sein müßte, möglichst viel von der Fremde zu sehen, in der überraschenden Frage gipfelt: wie er über eine Versetzung nach Kairo dächte? Er solle sich ernsthaft prüfen und vor allem auch bedenken, daß er die neue Stellung anschließend an seine jetzige antreten müßte, ohne vorher nach Hause kommen zu können. Bliebe er aber weiter in Mailand, so wäre ein Urlaub von zwei Wochen wohl zu erreichen. Dies und manches andere müßte er mit sich selbst ausmachen, jedenfalls aber sich bald entscheiden. Natürlich ohne Übereilung.
Vom Vater ein paar kurze Zeilen, die ihm den Entschluß freistellen. Er sollte rechtzeitig Bescheid geben. Natürlich dürften Sentimentalitäten, wie die weite Entfernung oder die lange Trennung, keine Rolle spielen. Die einzige Frage sei vielmehr, ob er nach diesem ersten Jahr an dem selbstgewählten Beruf festhalten wolle oder nicht. Die Rückkehr an die Universität, nach dem kostspieligen Umweg über Mailand, wäre ja natürlich ein haarsträubender Blödsinn, aber es würde sich in Gottes Namen darüber reden lassen. Hauptsache sei, daß er endlich einmal einen festen Willen zeige ...
Da ist das kaum errungene Gleichgewicht jäh gestört. Von einer Rückkehr an die Universität hat er nie ein Wort geschrieben. Wenn nun plötzlich der Vater davon anfängt, so heißt das, daß er sie erwartet, vielleicht sogar wünscht ...
Er geht mit beiden Briefen zu Guido. Der ist in letzter Zeit merkwürdig verändert, wie von heimlicher Freude getragen. Sobald ihm Fritz den Brief des Vaters übersetzt hat, schlägt er ihm übermütig auf die Schulter: „Das trifft sich gut -- da gehen wir beide auf die Universität!“ -- „Wie denn, du auch?“ fragt Fritz verblüfft. -- „Ja, ich auch!“ jubelt Guido. „Vor einem halben Jahre etwa habe ich endlich einen Anwalt gefunden, der sich bereit erklärte, den Konkurs meines Vaters und besonders die Forderungen jenes Maklers zu überprüfen. Nach meinen Angaben. Dabei ist endlich die Gaunerei an den Tag gekommen, der Bursche ist seit gestern verhaftet, sein Vermögen beschlagnahmt. Wieviel meine Mutter wiederbekommt, steht nicht genau fest, aber es ist bestimmt reichlich genug, daß dieses Elend mit Gärtnerhaus und Bank ein Ende hat. Bisher wollte ich nicht davon sprechen, um es nicht zu beschreien. Aber jetzt ist keine Gefahr mehr -- morgen kündige ich in der Bank! Und du doch auch, natürlich!“ -- „Ich weiß wirklich nicht, ich glaube beinahe ...“ sagt Fritz zögernd. -- „Was denn, das kann doch keine Frage sein, du gehst an die Universität?“ -- „Das weiß ich nun wirklich nicht,“ meint Fritz. Guido wird heftig: „Ja, willst du am Ende bei der Bank bleiben? Dazu taugst du doch wahrhaftig nicht! Du hast doch keine Spur von Geschäftssinn -- und lernen läßt sich der nicht!“ -- „Das weiß ich,“ unterbricht ihn Fritz. „Aber wer denkt denn an ‚bleiben’! Natürlich reizt es mich nicht, mein Leben etwa als kleiner Bankbeamter zu beschließen. Ich denke auch nicht daran. Sollte ich mich aber heute für ein Fakultätsstudium entscheiden, so stände ich genau so ratlos da, wie vor zwei Jahren. Theologie ist ja überhaupt zum Lachen. Medizin -- dazu müßte ich selbst fester sein. Jus -- mein Gott, was wartet da auf mich? Eine Kanzlei, und Paragraphen, und Kurszettel und ‚Geschäft’. Und Philosophie -- was wird man damit? Du sagst einfach: Ich studiere Kunstgeschichte und werde Maler! Dabei hast du jetzt aber wieder die Mittel, vielleicht jahrelang Privatdozent zu bleiben und schließlich Professor zu werden. Die habe ich nicht, und überdies weiß ich genau, daß ich zum Lehrberuf noch weniger tauge als zum ‚Geschäft’. -- Nein, nein, versteh’ das doch: Mein Leben lang durfte ich mir meine Krawatten, meine Anzüge und Schuhe nicht selbst wählen, mußte bei jedem Schmarren dreimal um Erlaubnis bitten, bin überdies in der trostlosesten aller Kleinstädte aufgewachsen -- wie könnte ich heute schon sagen, was ich ein für allemal +will+! -- Weißt du, schon von Kind auf habe ich immer wieder das Gefühl, daß die Umwelt eine Frage an mich stellt, auf die ich die Antwort finden muß. Und ich wußte nicht recht, soll ich die Dinge erlösen, befreien, oder soll ich werden wie sie und dadurch mich befreien. Ich könnte dir von Herbstabenden erzählen, auf den Rübenfeldern bei uns zu Hause -- eine Ebene, flach wie der Tisch, Dreck bis an die Knöchel, Nebel und Regen -- da bin ich als Junge halb verzweifelt. -- Das Jahr hier hat mir gut getan -- ich habe ein wenig Blick bekommen, und Ruhe, und Festigkeit -- aber fertig bin ich darum noch lange nicht!“
„Na schön,“ sagt Guido, „und was willst du also tun?“ „Ich will zur Besinnung kommen, mich noch ein wenig in der Welt umsehen! Natürlich ist die Bankarbeit ekelhaft -- aber zu bloßen Vergnügungsreisen habe ich doch nicht das Geld! Wie denn auch! Und Kairo -- Kairo -- sag’ einmal: Ist das nicht ein Traum?“
Da faßt ihn Guido lächelnd an: „Wozu die langen Reden! Sag’ du einmal ehrlich: du warst schon fest entschlossen, nach Kairo zu gehen, als du zu mir kamst, nicht?“
„Nein, wirklich nicht,“ wehrt Fritz ab. „Aber weißt du was -- ich kann nicht nachdenken. Wenn ich an jemanden hinrede, dann kommen mir Gedanken, auf die ich alleine nie verfallen wäre. Der andere braucht nicht einmal den Mund aufzumachen. Besser ist es freilich, wenn er ein wenig widerspricht; ein wenig nur, sonst wird er mir zuwider. Gerade soviel, daß ich ihn blendend widerlegen kann!“
„Eine schmeichelhafte Rolle, die du deinen Freunden zudenkst!“ lacht Guido gutmütig. Fritz drückt ihm dankbar die Hand: „Du tust mir einen großen Dienst damit! -- Weißt du, das kommt wohl daher, daß ich im steten Widerspruch mit meiner Umgebung aufgewachsen bin. Da war immer zuerst ein Wille, ein Verbot, das Gegenwillen erzeugte. Das hängt mir nun an!“
„Und wie lange willst du in Kairo bleiben?“
„Mein Gott -- das weiß ich nicht! Ein Jahr, zwei, drei, immer vielleicht -- ich weiß nicht!“
Und Guido schüttelt zweifelnd den Kopf: „Das reine Kind! Ich weiß nicht recht, soll ich dich auslachen oder beneiden?“ --
„Auslachen bestimmt nicht, und beneiden erst später!“ gibt Fritz stolz zurück.
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Was ist die Sprache, was das geschriebene Wort? Das Wesen der Dinge berühren sie nicht! Tanzende Irrlichter über verschwiegenem Moor!
Da ist das Meer! Wie kläglich sinkt in seiner Gegenwart in Nichts zusammen, was man je davon gehört, gelesen! Die trübe Pfütze, mit Unrat durchsetzt, die sich im Hafenbecken staute: das Meer! Das gelbe Brackwasser über seichtem Strand, an der Hafenausfahrt: das Meer! Der weite, blaue Seidenteppich, der willig die Last des weißen Schiffes trägt: das Meer! und die tosende Naturkraft, die mit jedem Hauch das stolze Menschenwerk zu läppischem Tand erniedrigt: das Meer!
Wie füllt dein Anblick die toten Buchstaben der Geschichte mit heißem Leben, wie klingt nun die Seele mit in dem jubelnden Ruf, mit dem die Zehntausend um Xenophon dich grüßten: Thalatta!
Was birgt dein weiter Schoß? Bietest du in dunklen Tiefen immer noch Wesen längst verklungener Art Zuflucht, Wesen, denen das neidige Menschenvolk hier oben längst Luft und Erde verleidet und die es ins Fabelreich verbannt hat, in +dein+ Reich, Urmutter? --
Das weiße Schiff pflügt sich mit messerscharfem Bug seine Bahn, selige Sonnentage, klare Sternennächte lang. Daß diese Fahrt doch nie ein Ende nähme! Hier endlich ist Ruhe und Freiheit, keine Frage, kein Hohn, kein quälendes Erinnern. Nun fällt der Druck der engen Kindheit ab, mit Heimlichkeit und Lüge. Kein Haß mehr, keine Bitterkeit, nur brennende Sehnsucht nach Wahrheit und Güte. Dank dir, du blaue Weite!
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