Jenny

Part 4

Chapter 43,680 wordsPublic domain

Daheim bei meiner Mutter -- da hatten wir das dringend Notwendige ja immer -- freilich. Aber nichts darüber. Das mußte eben so sein -- die Kinder sollten ja Essen haben.“

Helge lächelte ein wenig unsicher:

„Ich kann mir Sie gar nicht als einen Menschen denken, der jemals die Bekanntschaft mit -- mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten gemacht hat!“

„Wieso?“

„Nein, Sie sind so unverzagt, so frei und sicher. Wenn man in engen Verhältnissen aufgewachsen ist, wo man nichts anderes hört als Sparen, da wagt man es bald nicht mehr, sich Anschauungen zuzulegen -- in weiterem Sinne. Es ist peinlich, zu wissen, daß der Mammon alles regiert und daß man Mittel besitzen muß, will man sich Pläne und eine eigene Meinung gestatten.“

Jenny nickte nachdenklich.

„Das braucht man nicht, wenn man gesund und frisch ist und etwas kann.“

„Nun zum Beispiel ich. Ich habe immer geglaubt, ich hätte die Fähigkeiten zu wissenschaftlicher Arbeit. Das ist das einzige Ziel, das ich mir gesetzt. Ich habe einige kleine Bücher geschrieben -- etwas ganz Populäres natürlich; jetzt arbeite ich jedoch an einer Abhandlung: das Bronzezeitalter in Südeuropa. Ich bin aber Lehrer und habe eine sehr gute Stellung. Bin Leiter einer Privatschule.“

„Jetzt sind Sie aber doch hierher gekommen, um zu arbeiten, wenn ich Sie heute Morgen recht verstand,“ sagte sie lächelnd.

Helge antwortete nicht darauf:

„So erging es meinem Vater auch. Er wollte Maler werden -- das Einzige, wozu er Lust hatte. Er hielt sich auch ein Jahr lang hier auf. Dann verheiratete er sich. Jetzt hat er nun eine lithographische Werkstätte -- hat sie sechsundzwanzig Jahre hindurch in Gang gehalten, zum Teil unter großen Schwierigkeiten -- Ich glaube nicht, daß er der Meinung ist, er habe viel vom Leben gehabt.“

Jenny sah gedankenvoll in den Sonnenschein hinaus. In der Senkung ihnen zu Füßen wuchsen Küchengemüse in Reihen mit kleinen bescheidenen Blätterbüscheln über der grauen Erde. Draußen über den grünen Wiesen leuchteten die Ruinen auf dem Palatin, gelbschimmernd in dem dunklen Laub. Der Tag versprach warm zu werden. Die Albanerberge drüben hinter den Pinien der fernen Villengärten lagen in dämmrigem Dunst unter dem tauigen Blau des Himmels.

„Aber -- Kandidat Gram.“ Sie nippte an ihrem Glase, den Blick noch immer in die Ferne gerichtet. Helge folgte mit den Augen dem lichtblauen Rauch ihrer Zigarette -- ein kleiner Lufthauch erfaßte diesen und wirbelte ihn hinaus in die Sonne. Jenny hatte das eine Bein über das andere geschlagen -- über den ausgeschnittenen perlenbestickten Schuhen erschienen die schmalen Knöchel in dünnen violetten Strümpfen. Die Wetterjacke stand offen über dem faltigen, silbergrauen Kleide mit dem weißen Kragen und über dem Perlenband, welches rosenrote Lichtflecken auf ihren milchweißen Hals warf. Die Pelzmütze auf dem blonden, welligen Haar war weit zurückgeglitten.

„So haben Sie jedenfalls eine Stütze an Ihrem Vater -- er versteht Sie und weiß, daß Sie nicht an die Schule gefesselt sein dürfen, da Ihnen eine andere Arbeit am Herzen liegt?“

„Das weiß ich nicht. Er freute sich zwar sehr, daß ich Gelegenheit hatte, ins Ausland zu kommen. Aber --“ Helge zögerte, „sehr vertraut miteinander sind mein Vater und ich nie gewesen. Meine Mutter dagegen quälte mich mit ihrer ständigen Sorge, daß ich mich überanstrengen könnte, daß meine Zukunft nicht genügend gesichert sei. Und meiner Mutter widerspricht mein Vater nicht. Sie sind grundverschieden, Vater und Mutter. Sie hat ihn wohl nie verstanden. So überschüttete sie dann uns Kinder mit ihrer heißen Liebe -- in meiner Kindheit war sie mir unendlich viel -- doch diese Liebe begleitete eine blinde Eifersucht. Mutter fürchtete sogar, daß Vater mehr Einfluß auf mich gewinnen könne als sie. Auch auf meine Arbeit war sie eifersüchtig, weil ich mich abends einschloß, um zu studieren und zu schreiben, wissen Sie. Sie sorgte sich, wie gesagt, um meine Gesundheit und fürchtete, daß ich den Einfall bekommen könne, meinen Posten aufzugeben --.“

Jenny nickte einige Male gedankenvoll.

„Der Brief, den ich eben holte, war von ihnen.“ Helge zog ihn hervor und betrachtete ihn, öffnete ihn jedoch nicht. -- „Heut ist nämlich mein Geburtstag,“ sagte er und versuchte ein Lächeln. „Ich werde heute sechsundzwanzig.“

„Ich gratuliere.“ Jenny reichte ihm die Hand.

Der Blick, den sie auf ihn richtete, war so, wie wenn sie Franziska zu betrachten pflegte, wenn diese sich an sie schmiegte.

Sie hatte bisher noch nicht auf Grams Aussehen geachtet, hatte nur den Eindruck, daß er groß und fein gebaut und dunkel war, und daß er einen kleinen Spitzbart trug. Eigentlich hatte er hübsche regelmäßige Züge und eine hohe, etwas schmale Stirn. Seine Augen waren hellbraun, mit einem eigenen durchsichtigen Bernsteinglanz, der kleine Mund unter dem Schnurrbart war weich und fein, er zeigte eine leise Wehmut.

„Ich verstehe Sie so gut,“ sagte sie plötzlich „Ich kenne das. Ich war selbst Lehrerin bis Weihnachten vorigen Jahres. Ich kam fort als Erzieherin und blieb dabei, bis ich alt genug war, um im Seminar anzufangen.“ Sie lachte etwas verlegen. „Ich reiste fort -- gab meine Stellung an der Volksschule auf -- da ich eine Kleinigkeit von einer Tante meines Vaters erbte. Ich habe ausgerechnet, es kann etwa drei Jahre reichen -- vielleicht auch länger -- und wenn ich etwas verkaufen kann --. Aber meine Mutter war natürlich nicht damit einverstanden, daß ich die ganze Summe aufbrauchen wollte. Und daß ich kündigte, nachdem ich endlich nach all den Jahren, in denen ich mich mit Vertretungen und Privatschülern abgeplagt hatte, fest angestellt worden war. Ein festes Einkommen, -- das halten die Mütter ja immer für das Wichtigste --.“

„Ich glaube fast, daß ich es in Ihrer Stelle nicht gewagt hätte, so alle Brücken hinter mir abzubrechen --. Ich weiß sehr wohl, es ist der Einfluß meines Vaterhauses. Ich wäre die Angst nicht losgeworden, wovon ich leben sollte, wenn das Geld verbraucht sein würde.“

„Kleinigkeit,“ sagte Jenny. „Ich bin ja frisch und stark und kann sehr viel. Nähen, kochen und plätten und waschen. Auch Sprachen. In Amerika oder England kann ich immer Arbeit bekommen. Als Malerin, glaube ich, wird man dort viel zu tun finden. Franziska“ -- sie lachte in die Sonne hinaus -- „sie meint, wir sollten nach Südafrika reisen und Milchmädchen werden. Und dann wollen wir Akte bei den Zulukaffern zeichnen -- es sollen ganz prachtvolle Modelle sein.“

„Der Gedanke ist durchaus nicht übel. Entfernungen rechnen Sie also nicht als wesentliches Hindernis --.“

„Nein, ganz und gar nicht --. Ach ja, ich rede. Natürlich, in all den Jahren daheim meinte ich, daß es ganz unmöglich sei, hinauszukommen -- allein nach Kopenhagen, dort sich eine kurze Zeit aufzuhalten und nichts anderes zu tun als zu lernen und zu malen. Ich hatte natürlich starkes Herzklopfen, als ich mich entschloß, alles aufzugeben und zu reisen. Alle meine Angehörigen fanden es wahnsinnig. Und das wirkte wohl auf mich. -- Aber dann wollte ich erst recht. Malen ist ja das Einzige, wozu ich immer Lust hatte, und ich begriff, daß ich zu Haus niemals so intensiv würde arbeiten können, wie es nötig wäre -- da lenkte mich so vieles ab. Aber Mama konnte es einfach nicht begreifen, daß ich sofort mit dem Studium beginnen müsse, wollte ich noch etwas lernen, da ich nicht mehr die Jüngste war. Meine Mutter ist nämlich nur neunzehn Jahre älter als ich. Als ich elf Jahre alt war, heiratete sie zum zweiten Male, und das brachte ihre Jugend zurück --.

Das ist ja eben das Wunderbare, wenn man in die Welt geht -- jede Beeinflussung durch Menschen, mit denen man zufällig daheim zusammenlebt, hört auf. Man muß mit seinen eigenen Augen sehen und selbständig denken. Wir lernen begreifen, daß es ganz von uns selbst abhängt, was diese Reise uns gibt -- was wir zu sehen und zu erfassen vermögen, in welche Lage wir uns bringen und unter wessen Einfluß wir uns freiwillig begeben. Man lernt verstehen, daß es von einem selbst abhängt, wieviel das Leben uns entgegenbringt. Ja, gewiß, ein wenig auch von den Umständen, wie Sie vorher einmal sagten. Aber man entdeckt bald, wie man die Hindernisse nach seiner Veranlagung am leichtesten überwindet oder sie umgeht -- sowohl auf Reisen wie auch im allgemeinen. Man sieht ja, daß man sich all das Schwere, das einem begegnet, immer selbst eingebrockt hat.

In seinem Heim ist man ja niemals allein, nicht wahr, Gram? Das eben ist das Beste am Reisen, finde ich -- allein mit sich sein, nicht immer jemand um sich haben, der einem helfen oder über einen bestimmen will. -- Das Gute, das man seinem Zuhause verdankt, kann man doch nicht sehen und schätzen, ehe man nicht fort gewesen ist. Man weiß, daß man nie wieder davon abhängig wird, wenn man erst einmal selbständig geworden ist. Man kann nicht eher Freude daran haben -- ja man kann überhaupt keine Freude an etwas haben, von dem man abhängt?“

„Ich weiß nicht. Man ist doch immer abhängig von dem, das man lieb hat? Sie sind doch abhängig von Ihrer Arbeit? -- Und wenn man einen anderen Menschen liebt,“ sagte er leise, „ist man dann nicht völlig abhängig?“

„Ja, ja.“ Sie überlegte. „Aber da hat man selbst gewählt,“ sagte sie schnell. „Ich meine, man ist dann kein Sklave, man dient dann freiwillig irgend jemandem oder irgendeiner Sache, die man höher bewertet als sich selbst. -- Freuen Sie sich nicht, daß Sie ihr neues Jahr allein beginnen werden, frei und frank -- nur arbeiten, was Sie selbst gern wollen?“

Helge dachte an den vergangenen Abend auf dem Petersplatz. Er sah hinaus über die fremde Stadt, sah die gedämpften, grauverschleierten Farben in der Sonne, und das fremde, blonde Mädchen.

„Ja,“ sagte er.

„Ja.“ Sie erhob sich, knöpfte ihre Jacke zu und öffnete den Malkasten. „Nun muß ich aber fleißig sein.“

„Sie wollen mich wohl nun los sein?“

Jenny lächelte: „Sie sind doch jetzt sicherlich müde?“

„Oh nein. Ich möchte aber zahlen --.“

Sie rief die Frau und stellte ihm seine Rechnung auf, während sie gleichzeitig Farben auf der Palette ausdrückte.

„Glauben Sie nun, daß Sie zur Stadt zurückfinden?“

„Ja. Ich merkte mir genau, welchen Weg wir gingen. Und später finde ich schon einen Wagen. -- Kommen Sie jemals in den Verein?“

„Oh ja, mitunter.“

„Ich möchte Sie sehr gern wiedersehen, Fräulein Winge.“

„Das werden Sie auch sicherlich.“ Sie überlegte einen Augenblick. „Wenn Sie Lust haben -- können Sie uns dann nicht besuchen -- zum Tee? Wir wohnen in der Via Vantaggio 111 -- Cesca und ich sind des Nachmittags immer daheim.“

„Ich danke Ihnen.“ Er zauderte ein wenig. „Nun, dann schönen Guten Morgen! Und vielen Dank für diese Nacht!“

Er reichte ihr die Hand. Sie gab ihm ihre schmale, magere: „Auch ich danke.“

Als er sich in der Gartentür umwandte, stand sie und schabte mit dem Palettmesser auf der Leinwand. Sie summte -- es war die Weise von heut Nacht, die ihm nun so vertraut schien. Er summt sie selbst, während er zur Stadt hinunter ging.

IV.

Jenny zog die Arme unter der Decke hervor und verschränkte sie im Nacken. Es war eiskalt im Zimmer und finster; nicht ein Streifen Tageslicht fiel durch die Läden. Sie entzündete ein Streichholz und sah nach der Uhr -- gleich sieben. Ein wenig konnte sie noch liegen und faulenzen; sie kroch wieder ganz unter die Decke und bohrte die Wange ins Kopfkissen.

„Jenny -- schläfst du?“ Franziska öffnete die Tür, ohne anzuklopfen. Sie kam an das Bett heran, tastete im Dunkeln nach der Freundin Gesicht und streichelte sie: „Müde?“

„Gar nicht. Jetzt werde ich aufstehen.“

„Wann kamst du nach Haus?“

„Gegen drei. Ich war draußen in Prati und badete vor dem Mittag, und dann aß ich dort bei der Ripetta, weißt Du? Als ich heimkam, legte ich mich hin. Ich bin jetzt völlig ausgeschlafen -- nun will ich aufstehen!“

„Wart noch ein wenig, hier ist es so kalt; ich werde etwas bei Dir einheizen.“ Franziska zündete die Lampe auf dem Tische an.

„Du brauchst doch nur nach der Signora zu rufen -- nein, aber Cesca, komm her, darf ich sehen?“ Jenny setzte sich im Bett aufrecht.

Franziska stellte die Lampe auf das Nachttischchen und drehte sich im Licht langsam um sich selbst.

Sie hatte eine weiße Spitzenbluse zu ihrem grünen Rock angezogen und eine bronzefarbene Seidenschärpe mit pfauenblauen Streifen um die Schultern geschlungen. Rund um den Hals lagen die großen tiefroten Korallen in doppelter Reihe und lange, geschliffene Ohrgehänge tropften auf ihre gelblichweiße Haut herab. Lächelnd schob Franziska das Haar zur Seite, um zu zeigen, daß sie mit einem Faden Stoffgarn an den Ohren festgebunden waren.

„Denk’ dir, ich bekam sie für sechsundachtzig Lire -- ist das nicht großartig -- nun, wie stehen sie mir?“

„Hervorragend. Das Kostüm ist fabelhaft. -- Du, ich hätte Lust, dich darin zu malen.“

„Ja. Ich könnte jetzt gut für dich sitzen. Ich habe nicht die Ruhe in mir, am Tage etwas zu tun. Ach du, Jenny --.“ Sie seufzte leise und setzte sich auf die Bettkante. „Nein, ich muß jetzt nach dem Ofen sehen.“

Sie kam zurück mit einem steinernen Krug voll Glut und hockte sich vor dem kleinen Ofen nieder.

„Bleib nur liegen, Jenny, bis es hier warm geworden ist. Ich werde schon das Bett machen, auch den Tisch decken und den Tee kochen. -- Ah, du hast deine Studie mit heimgebracht -- laß mich sehen!“

Sie stellte das Studienbrett gegen einen Stuhl und beleuchtete das Bild:

„Aber, nein!“

„Es ist nicht übel, findest du nicht? -- Ich will noch einige Skizzen dort draußen machen -- ich plane ein großes Bild; ist das Motiv nicht gut -- mit all den Arbeitsleuten und Maultierkarren dort unten im Ausgrabungsfeld?“

„Ja, weißt du, -- daraus müßtest du doch etwas machen können. Ich freue mich darauf, Gunnar und Ahlin dies hier zu zeigen: Aber du bist aufgestanden? Jenny, laß mich dein Haar kämmen! Gott, was hast du doch für Haar, Mädel. Darf ich nicht einmal versuchen, es auf moderne Art zu frisieren, so mit Locken? Bitte!“

Franziska ließ das lange blonde Haar durch ihre Finger gleiten. „Sitz’ ruhig. Ein Brief ist heut Morgen für dich gekommen -- ich nahm ihn mit herauf; fandest du ihn? Er war von deinem kleinen Bruder, nicht wahr?“

„Ja,“ sagte Jenny und lachte.

„War der Brief fröhlich -- hast du dich gefreut?“

„Du kannst glauben, der war vergnügt. Ach, Cesca, mitunter wünschte ich, daß ich nur so einen Sonntag Vormittag, weißt du -- einen kleinen Abstecher nach Hause machen könnte, um mit Kalfatrus über Nordmarken spazieren zu gehen. Er ist wirklich ein guter Kerl, weißt du.“

Franziska betrachtete Jennys lächelndes Gesicht im Spiegel. Darauf nahm sie das Haar wieder herunter und begann aufs neue, es zu bürsten.

„Nein, Cesca -- wir haben doch keine Zeit.“

„Natürlich. Kommen sie zu früh, dann können sie ja zu mir hineingehen. Da sieht es freilich aus wie in einer Rumpelkammer, aber meinetwegen. Uebrigens -- die kommen nicht so früh. Gunnar wenigstens nicht -- und vor ihm geniere ich mich wahrhaftig nicht. Vor Ahlin übrigens auch nicht. Ah richtig, er war heute Mittag bei mir -- ich lag im Bett, während er saß und plauderte. Als ich mich ankleiden wollte, schickte ich ihn auf den Balkon hinaus. Wir gingen dann fort und aßen vornehm auf ~Tre Re~. Den ganzen Nachmittag sind wir zusammen gewesen.“

Jenny schwieg.

„Wir sahen Gram drinnen auf Nazionale. Uh, Jenny, er war schauderhaft. Ist dir etwas Schlimmeres je begegnet?“

„Ich finde ihn durchaus nicht so schauderhaft. Er ist nur unbeholfen, der arme Kerl. Genau so wie ich im Anfang war. Einer von den Menschen, die gern fröhlich sein wollen und nicht können.“

„Ich kam heute Vormittag mit dem Zug aus Florenz,“ äffte Franziska nach und lachte. „Puh. Wäre er dann wenigstens im Flugzeug gekommen!“

„Du warst recht ungezogen gegen ihn, mein Kind. Das darfst du nicht. Eigentlich hätte ich Lust gehabt, ihn heute Abend zu uns einzuladen. Ich wagte es aber deinetwegen nicht -- ich wollte mich nicht der Gefahr aussetzen, daß du gegen meinen Gast unhöflich bist.“

„Der Gefahr hättest du dich durchaus nicht ausgesetzt. Das weißt du sehr gut.“ Franziska war gekränkt.

„Besinnst du dich auf den Abend, als ich Douglas mit zu mir genommen hatte zum Tee?“

„Nach der Geschichte mit dem Modell -- danke ergebenst!“

„Herrgott. Was ging das im übrigen dich an?“

„So, meinst du nicht? Nachdem er um mich angehalten hatte? Und ich sozusagen entschlossen war, ihn zu nehmen?“

„Das konnte er schwerlich ahnen,“ sagte Jenny.

„Ich hatte jedenfalls nicht bestimmt Nein gesagt. Am Tage vorher war ich mit ihm draußen in Versailles. Und da hatte er mich viele, viele Male küssen und unten im Park seinen Kopf in meine Arme legen dürfen. Und wenn ich ihm sagte, daß ich ihm nicht gut sei, dann glaube er es nicht, meinte er.“

„Cesca.“ Jenny fing ihre Augen im Spiegel ein. „All das hat ja keinen Sinn. Du bist das allerbeste kleine Ding auf der Welt, wenn du richtig überlegst. Manchmal ist es aber, als sähest du nicht, daß es +Menschen+ sind, die du vor dir hast. Menschen mit Gefühlen, auf die du Rücksicht nehmen +mußt+. Du +würdest+ auch Rücksicht nehmen, wenn du nur nachdächtest. Du +willst+ ja doch nur lieb und gut sein.“

„~Per bacco.~ Bist du dessen so sicher? Ach, nun sollst du aber einen Strauß Rosen sehen. Ahlin kaufte gestern Abend ein Bukett für mich an der Spanischen Treppe.“ Cesca lächelte trotzig.

„Ich finde, du solltest dergleichen zu verhindern suchen. Unter anderem schon, weil du weißt, Ahlin hat nicht die Mittel dazu.“

„Geht denn das mich etwas an? Wenn er verliebt in mich ist, so macht ihm das sicher Freude.“

„Ich will gar nicht von deinem Ruf sprechen. Der leidet durch diese ewigen Geschichten!“

„Reden wir nicht über meinen Ruf, das lohnt nicht. Aber du hast bitter wahr gesprochen. Meinen Ruf daheim in Kristiania -- den habe ich ein für allemal gründlich zunichtegemacht.“ Sie lachte hysterisch. „Was schert es mich aber! Ich lache darüber.“

„Cesca, Geliebte. Ich begreife nicht -- du machst dir ja aus keinem dieser Landsleute etwas. Warum also. Und das mit Ahlin. Kannst du denn nicht begreifen -- daß es ihm Ernst ist? Auch Norman Douglas war es Ernst. Du weißt nicht, was du tust. Ich glaube, Gott helfe mir, du hast keinen Instinkt, Kind.“

Franziska legte Kamm und Bürste beiseite und betrachtete Jennys frisierten Kopf im Spiegel. Sie suchte ihr herausforderndes kleines Lächeln festzuhalten. Es welkte jedoch dahin -- ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Auch ich bekam heute morgen einen Brief.“ Ihre Stimme zitterte. Jenny erhob sich. „Aus Berlin -- von Borghild. -- Willst du dich nicht erst fertigmachen, Jenny? Soll ich jetzt das Teewasser aufsetzen oder erst die Artischocken kochen? Sie kommen wohl bald?“

Sie huschte hin und her, und begann, das Bett in Ordnung zu bringen.

„Wir könnten ja auch Marietta rufen -- aber wir machen es lieber selbst, nicht wahr Jenny?“

„Also -- sie schreibt, Hans Hermann hat sich verheiratet. Vorige Woche. Es ist sicher schon sehr weit.“

Jenny legte die Streichholzschachtel beiseite, während sie ängstlich zu Franziskas weißem Gesicht hinübersah. Darauf schritt sie behutsam auf sie zu.

„Ja, es ist also die, mit der er verlobt war, weißt du. Diese Sängerin -- Berit Eck.“ Franziska sprach mit leiser erloschener Stimme. Einen Augenblick beugte sie sich zur Freundin hinüber. Dann begann sie wieder, mit ihren zitternden Händen das Laken wegzustopfen.

Jenny rührte sich nicht.

„Nun -- du wußtest ja, daß sie verlobt waren -- schon seit einem Jahre.“

„Ja.“

Jenny deckte still den Tisch für vier Personen. Franziska breitete die Decke über das Bett und holte die Rosen herbei. Sie stand und nestelte an ihrem Blusenausschnitt, zog einen Briefumschlag hervor und drehte ihn zwischen den Fingern.

„Sie hatte die beiden im Tiergarten getroffen, schreibt sie. Sie schreibt ... Oh, sie kann so brutal sein, die Borghild.“ Franziska sprang zum Ofen, riß die Tür auf -- und warf den Brief ins Feuer. Darauf sank sie in einem Lehnstuhl zusammen und brach in ein bitterliches Weinen aus.

Jenny legte ihren Arm um ihren Nacken:

„Cesca, meine liebe kleine Cesca!“

Franziska preßte ihr Gesicht gegen Jennys Arm.

„Uebrigens sah sie so elend aus, das arme Ding. Sie ging und hing in seinem Arm, und er schaute verärgert und böse drein. Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen. Ach Gott, das arme, arme Wesen -- sich in eine solche Lage zu bringen, daß sie auf diese Weise von ihm abhängig wird -- er hat sie sicherlich auf den Knien zu sich kriechen lassen. -- Daß sie so wahnsinnig sein konnte, wo sie ihn doch kannte. Aber zu denken, Jenny, daß er ein Kind von einer anderen haben soll -- ach Gott, ach Gott, ach Gott.“

Jenny hatte sich auf die Stuhllehne gesetzt. Cesca schmiegte sich an sie:

„Nein, ich besitze scheinbar keinen Instinkt, wie du sagtest. Vielleicht habe ich ihn nicht einmal wirklich geliebt. Und doch hätte ich so gern ein Kind von ihm gehabt. Doch dann vermochte ich nicht, mich dazu zu entschließen. -- Mitunter wollte er, daß wir heiraten sollten -- ohne weiteres zum Standesamt gehen. Nein, ich wollte nicht. Zu Hause wären sie böse geworden. Die Leute hätten sicher gedacht, daß wir uns heiraten +müßten+! Und das wollte ich auch nicht. Sie glaubten ja trotzdem schon das Schlimmste. Aber das war mir gleichgültig. Ich wußte sehr wohl, ich machte meinen Ruf zuschanden um seinetwillen. Doch daraus machte ich mir nichts. Begreifst du das -- ich war gleichgültig. Aber Hans dachte, ich weigerte mich aus Angst, er würde mich hinterher nicht heiraten. Dann laß uns erst zum Standesamt gehen, verdammtes Mädel, sagte er. Aber ich wollte nicht. Er glaubte, das Ganze sei nur Berechnung gewesen. Du Eiszapfen, sagte er. Aber, bei Gott, du verstellst dich nur. Mitunter glaubte ich auch, daß ich keiner sei. Vielleicht war ich nur deshalb so ängstlich, weil er so brutal war. Er schlug mich oft -- riß mir beinahe die Kleider vom Körper; ich mußte kratzen und beißen, um loszukommen -- heulen und weinen.“

„Und doch gingst du immer wieder zu ihm?“ fragte Jenny leise.

„Ja. Die Portierfrau wollte nicht mehr bei ihm aufräumen. So ging ich hinauf und tat es. Ich hatte die Schlüssel zu seinen Zimmern. Ich wischte auf und machte das Bett -- Gott weiß, wer dort mit ihm gelegen hatte.“

Jenny schüttelte den Kopf.

„Borghild war rasend darüber. Sie war es, die mir bewies, daß er eine Geliebte hatte. Ich wußte wohl etwas -- aber ich wollte gar keine Gewißheit haben! Borghild behauptete, er hätte mir nur die Schlüssel gegeben, damit ich kommen und sie überraschen sollte. Aus Eifersucht sollte ich mich ihm geben, da ich ja doch schon kompromittiert sei. Aber darin irrte sie. +Mich+ liebte er -- auf seine Weise. Er +hatte+ mich lieb, Jenny, so wie er es vermochte. Aber Borghild war so erzürnt, weil ich den Diamantring von der Urgroßmutter Rustung versetzte. Ach, das habe ich dir niemals erzählt.“

Sie richtete sich auf und lachte leise.