Part 3
„O ja, hier findet man Menschen von jeder Sorte. Sie dürfen nicht vergessen, Rom ist eine moderne Großstadt. Es gibt viele Leute, die in Nachtschicht arbeiten. Und dieses Lokal ist eines der wenigen, die um diese Stunde noch geöffnet sind. Sind Sie nicht hungrig? Ich werde mir jetzt schwarzen Kaffee kommen lassen.“
„Halten Sie immer solange aus?“ Helge sah nach der Uhr. Es war um die vierte Stunde.
„Aber nein“, sie lachte. „Nur hin und wieder. Wir sehen uns den Sonnenaufgang an und essen dann zusammen unser Frühstück. Heute Abend ist es nun Fräulein Jahrmann, die nicht nach Hause will.“
Helge wußte selber kaum, weshalb er sitzen blieb. Man trank irgendeinen blaugrünen Likör, der ihn ganz taumelig machte, indes die anderen lachten und plauderten. Um ihn her schwirrten Namen von Menschen und Orten, die er nicht kannte.
„Nein, hört mal, Douglas mit seinen Moralpredigten, kommt mir nicht damit! Ihr müßt nämlich wissen -- eines Morgens waren wir allein oben im Aktsaal, er und der Finne. Ihr entsinnt euch doch, Lindberg und ich, und wir beide gingen hinunter, um etwas Kaffee zu trinken -- es war im Juni vergangenen Jahres. Als wir zurückkamen, saß Douglas da, das Mädel im Arm. Nun, wir taten, als sei nichts vorgefallen. Er lud mich aber seitdem nie mehr zum Tee ein.“
„Herrgott,“ meinte Jenny, „war es denn so gefährlich?“
„Mitten im Frühling -- in Paris,“ lachte Heggen. „Laß dir’s gesagt sein, Cesca: Norman Douglas +war+ ein feiner Kerl -- du darfst nicht das Gegenteil behaupten, und geschickt; er zeigte mir einige wunderhübsche Sachen von den Befestigungswerken draußen.“
„Ja -- und besinnst du dich auf das Bild vom Père Lachaise -- mit den violetten Perlenkränzen links unten?“ sagte Jenny.
„Ja gewiß, das war verflucht hübsch -- und das kleine Mädchen am Klavier.“
„Ach, aber stellt euch doch vor, das häßliche Modell,“ sagte Franziska wieder. „Es war obendrein die fette, ältliche, mit dem hellen Haar. Und dabei hat er sich doch so tugendhaft angestellt.“
„Er war es auch,“ sagte Heggen.
„Pah. Und ich war eben im Begriff, mich aus diesem Grunde in ihn zu verlieben.“
„Ah so, das ändert die Sache allerdings erheblich.“
„Ja, er hatte oftmals um mich angehalten,“ sagte Franziska gedankenvoll. „Und ich hatte mich eigentlich entschlossen, Ja zu sagen. Nun war es freilich ein Glück, daß ich es nicht tat.“
„Hättest du ihm dein Jawort gegeben,“ meinte Heggen, „so hättest du ihn niemals mit dem Modell im Arm zu sehen bekommen.“
Franziskas Antlitz veränderte sich mit einem Male vollständig. Ein blitzartiges Zucken lief über die weichen Züge. Dann lachte sie:
„Ach -- ihr seid alle miteinander gleich -- ich traue nicht einem von euch, basta. ~Per bacco.~“
„So dürfen Sie nicht denken, Francesca.“ Ahlin hob einen Augenblick den Kopf.
Sie lachte wieder.
„Ach, ich will mehr Likör haben, Herrschaften.“
* * * * *
Gegen Morgen ging Helge an Jennys Seite durch dunkle, ausgestorbene Straßen. Einmal machte die Gesellschaft vorn Halt. Auf einer Steintreppe hockten zwei halbwüchsige Burschen. Franziska und Jenny sprachen mit den Jungen und gaben ihnen Geld.
„Bettler?“ fragte Helge.
„Ich weiß es nicht -- der große sagte, er trüge Zeitungen aus.“
„Die Bettler hierunten sind wohl im Grunde nur Simulanten?“
„Ich weiß nicht -- einige vielleicht -- oder die meisten. Viele schlafen jedoch auf der Straße, sogar mitten im Winter. Mancher ist verkrüppelt.“
„Ich sah es in Florenz. Es ist ein Skandal, daß Leute mit so scheußlichen Wunden oder furchtbar verunstaltet umhergehen und betteln dürfen! Das Armenwesen müßte sich dieser Jammergestalten annehmen.“
„Ich weiß nicht recht. Es ist nun einmal so hier unten. Wir Fremden können ja nicht darüber urteilen. Es geht ihnen vielleicht besser so -- sie verdienen mehr auf diese Art.“
„Auf dem Piazzale Michelangelo beobachtete ich einen Bettler ohne Arme -- die Hände saßen ihm oben auf den Schultern. Ein deutscher Doktor, mit dem ich zusammen wohnte, sagte, er besäße eine Villa bei Fiesole.“
„Na also, ist das nicht sehr gut?“
„Daheim bei uns lernen die Krüppel arbeiten,“ wandte Helge ein, „so daß sie sich auf ehrliche Weise durchschlagen können.“
„Zu einer Villa reicht es aber kaum,“ sagte sie und lachte.
„Dennoch -- ist etwas Demoralisierenderes denkbar, als davon zu leben, daß man seine Verkrüppelungen zur Schau stellt?“
„So oder so, das Bewußtsein, daß man ein Krüppel ist, wirkt sicher immer demoralisierend.“
„Trotzdem, -- davon zu leben, daß man das Mitleid der Leute anruft --.“
„Wer ein Krüppel ist, weiß ja doch, daß er bemitleidet wird und Hilfe annehmen +muß+ -- von Menschen oder Gott.“
Jenny stieg ein paar Treppenstufen hinan und hob den Zipfel eines Türvorhanges in die Höhe, der einer schlottrigen Matratze ähnlich sah. Sie standen in einer winzig kleinen Kirche.
Auf dem Altar brannte Licht. Der Schein brach sich mannigfaltig in den Messingstrahlen des Glorienkranzes über dem Monstranzschrank, flimmerte unruhig auf Leuchtern und Metallgegenständen und ließ die Papierrosen in den Vasen auf dem Altar blutigrot und goldgelb erglühen. Ein Priester las, mit dem Rücken gegen das Publikum, lautlos in einem Buche; ein paar Chorknaben huschten hin und her, neigten und bekreuzten sich und machten Bewegungen, deren Sinn Helge nicht verstand.
Sonst war der kleine Kirchenraum dunkel -- in zwei Seitenschiffen flackerten winzige Nachtlämpchen, an dunkelleuchtenden Metallketten vor Bildern schwebend, die noch düsterer erschienen als die Dunkelheit.
Jenny Winge kniete auf einem Rohrschemel nieder. Sie legte ihre Hände gefaltet vor sich auf das Pult und beugte den Kopf leicht hintenüber, so daß ihr Profil sich scharf gegen den weichen Goldglanz der Lichter abhob, der in dem hochgestrichenen Haarschopf flimmerte und sanft über die schlanke nackte Wölbung des Halses hinfloß.
Heggen und Ahlin holten sich lautlos ein paar Rohrstühle herbei, die um eine der Säulen übereinandergestapelt waren.
Dieser stille Gottesdienst vor Tagesgrauen war eigentlich seltsam und stimmungsvoll. Gram folgte gespannt jeder Bewegung des Priesters am Altar. Einer der Chorknaben hängte ihm ein weißes Tuch mit einem goldenen Kreuz über die Schultern. Jetzt nahm der Priester die Monstranz vom Schrank über dem Altar, wandte sich um und hielt sie hoch ins Licht. Die Knaben schwenkten die Weihrauchkessel; kurz darauf drang scharfer, süßlicher Rauch zu ihnen hinüber. Helge wartete jedoch vergebens auf Musik oder Gesang.
Jenny kokettierte augenscheinlich ein wenig mit dem Katholizismus, indem sie niederkniete. Heggen starrte geradeaus auf den Altar, er hatte den einen Arm um Franziskas Schulter gelegt -- sie war eingeschlummert und hatte sich an ihn geschmiegt. Ahlin konnte er nicht sehen, er saß hinter einer Säule und schlief sicher ebenfalls.
Seltsam war es, hier mit diesen wildfremden Menschen zu sitzen. Helge fühlte sich einsam -- aber jetzt schmerzte dieser Gedanke nicht. Jene freie, glückliche Stimmung vom vergangenen Abend kehrte zurück --. Er betrachtete die anderen, die beiden jungen Mädchen. Jenny und Franziska -- er wußte nun ihre Namen, viel mehr aber auch nicht. Und keine von ihnen ahnte, was es für ihn bedeutete, hier zu sitzen, was er nun alles zurückgelassen hatte, all die schmerzlichen Kämpfe daheim, vor denen er geflohen. Niemand kannte die Hindernisse, an denen er sich müde gearbeitet, die Fesseln, die ihn eingeschnürt hatten. Eine wundersame, fast hochmütige Freude erfüllte ihn bei diesem Gedanken, und seine Augen ruhten mit nachsichtigem Mitleid auf den beiden Frauen. So junge Dinger wie Cesca und Jenny, unverbraucht und frisch, mit kleinen unumstößlichen Ansichten hinter den weißen, glatten Jungmädchenstirnen. Zwei frische hübsche Mädels, die ihren geraden Weg durchs Leben schritten, hier und da, wie zum Zeitvertreib, wohl ein kleines Steinchen beiseite räumen mußten, von Schicksalen wie dem seinen aber nichts wußten.
Er fuhr auf, als Heggen seine Schultern berührte, und errötete; er war eingenickt.
„Nun, Sie haben auch einen kleinen Schlummer getan, wie ich sehe“, sagte Heggen.
Draußen standen die hohen stillen Häuser in der grauen Dämmerung -- schliefen mit geschlossenen Läden in allen Stockwerken. In einer Seitenstraße ratterte eine klappernde Straßenbahn vorüber, eine Droschke holperte über das Steinpflaster, und hier und da schlich eine verfrorene, schläfrige Gestalt den Bürgersteig entlang.
Sie bogen in eine Straße ein, an deren Ausgang man den Obelisk vor der Trinitat dei-Monti-Kirche erblicken konnte -- er hob sich weiß gegen des Pincio schwarze Steineichen ab. Nicht eine Menschenseele war zu sehen und nicht ein Laut zu hören außer ihren eigenen Schritten auf den Steinen und dem Rieseln einer kleinen Fontäne in irgend einem Hofe. Und weit entfernt durch die Stille plätscherte der Springbrunnen auf dem Monte Pincio gegen das steinerne Becken. Helge erkannte den Ton wieder, und als sie dem Laut nachgingen, schoß in ihm ein feiner zarter Strahl von Glückseligkeit auf -- es war, als erwarte ihn seine eigene Freude vom verflossenen Abend da droben an dem springendem Quell unter den Steineichen.
Er wandte sich an Jenny, ohne zu ahnen, daß seine Augen und seine Stimme für seine kleine Freude baten:
„Hier oben stand ich gestern abend und sah die Sonne untergehen. Es war so wunderlich. Jahrelang habe ich dafür gearbeitet -- mein Wunsch war es, Archäologe zu werden. Aber nach meinem zweiten Examen mußte ich die Lehrtätigkeit ergreifen. Immer habe ich auf den Tag gewartet, an dem ich hierher kommen würde -- mich gleichsam darauf vorbereitet. Und doch -- als ich dann hier stand, so plötzlich -- war ich gänzlich unvorbereitet.“
„Ja,“ meinte Jenny, „ich verstehe das sehr gut.“
„Uebrigens, als ich gestern aus dem Zug gestiegen war, da sah ich es gleich alles vor mir liegen: die Ruinen der Termen, die schweren, gelben, von der Sonne überfluteten Mauerreste, und mitten unter ihnen die großartigen Neubauten mit Kaffees und Kinematographen, die Straßenbahnen auf dem Platz, die Anlagen und die herrlichen Springbrunnen mit ihren übervollen Wasserbecken ... Die alten Mauern inmitten der modernen Häuserblocks und das Getriebe der Stadt ringsumher -- gerade das fand ich so schön.“
„Ja,“ sagte sie mit fröhlicher Stimme und nickte. „Ich liebe es auch sehr.“
„Und dann ging ich hinab. Altertum und Neuzeit vereint! Ueberall Springbrunnen, rieselnd und rauschend und plätschernd. Ich ging geradenwegs zum St. Peter; es dunkelte, als ich dort ankam, und ich stand und betrachtete die beiden Fontänen auf dem Platz. Hier in der Stadt springen sie wohl die ganze Nacht hindurch.“
„Die ganze Nacht -- fast überall hört man Springbrunnen. Die Straßen hier sind ja so still des Nachts. Dort, wo wir wohnen, Franziska und ich, ist eine kleine Fontäne unten im Hof. Wir haben einen Balkon vor unseren Zimmern, und wenn es abends milde ist, sitzen wir draußen und lauschen dem Rinnen bis in die tiefe Nacht hinein.“
Sie hatte sich auf das Steingeländer gesetzt. Helge Gram stand am gleichen Ort wie am Abend vorher und sah wieder über die Stadt mit ihren Höhenzügen im Hintergrund, den grauweißen und verwitterten. Und der Himmel spannte sich darüber so hell und klar wie über dem Hochgebirge. Er sog die reine, eiskalte Luft in vollen Zügen ein.
„Nirgends auf der Welt,“ sagte Jenny, „ist der Morgen so wie hier in Rom. Ich habe das Gefühl, als schlafe die ganze Stadt -- einen Schlaf, der leichter und leichter wird -- und plötzlich ist sie erwacht, ausgeruht und frisch. Heggen meint, es käme von den Fensterläden; da sind keine Scheiben, die das Morgenlicht einfangen.“
Sie hatten den Rücken dem Morgengrauen und dem goldenen Himmel zugewandt, gegen den sich die Pinienkronen des Medicigartens und die beiden kleinen Türme der Kirche mit den Wimpeln auf der Spitze hart und scharf abzeichneten. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Die graue Häusermasse dort unten aber begann langsam Farben auszustrahlen -- es schien, als würde das Mauerwerk auf zauberhafte Weise von innen her mit Farben durchleuchtet; einige Häuser glühten in tiefem Rot auf, bis dies ganz langsam in einen rosenfarbenen Schein überging, andere schimmerten gelblich, andere wieder weiß. Die Villen draußen auf dem dunklen Höhenzug des Monte Mario erhoben sich leuchtend aus den braunen Grashängen und schwarzen Zypressen.
Bis plötzlich draußen von den Höhen hinter der Stadt ein Blinken kam wie von einem Stern; da war doch eine Fensterscheibe, die den ersten Sonnenstrahl eingefangen hatte. Das dunkle Laub dort drüben flammte auf wie das Gold von Oliven.
Eine kleine Glocke drunten in der Stadt begann zu läuten.
Cesca lehnte sich müde an ihre Freundin:
„~Il levar del sole.~“
Helge bog den Kopf weit zurück und starrte in das kühle Blau der Himmelskuppel. Jetzt schoß ein Sonnenstrahl hervor, die höchste Spitze der Wassersäule des Brunnens streifend. Die Tropfen da droben funkelten azurblau und golden.
„Ah -- Gott segne Euch alle miteinander, ich bin so schauderhaft müde,“ sagte Franziska und gähnte so laut sie konnte. „Uuh, so kalt. Jenny, erfrier dir deinen zarten Körperteil nicht auf den kalten Steinen -- nun will ich zu Bett -- ~subito~.“
„Ja, müde.“ Heggen gähnte. „Wir wollen heim, Herrschaften. Das heißt, ich trinke erst eine Tasse kochende Milch auf meiner Latteria. Gehen wir also?“
Sie schlenderten die Spanische Treppe hinab. Helge betrachtete all die kleinen grünen Blättchen, die zwischen den weißen Steinstufen hervorlugten.
„Seltsam, daß sie hier gedeihen, wo so viele Menschen gehen und alles niedertreten.“
„Oh ja, es sprießt hier überall, wo sich nur ein wenig Erde zwischen zwei Steinen findet. Sie hätten im letzten Frühjahr das Dach sehen sollen, unter dem wir wohnen. Dort wächst ein kleines Feigenbäumchen zwischen den Dachziegeln. Cesca macht sich solche Sorge, daß es den Winter nicht überdauert -- und wovon soll es leben, wenn es größer wird? Sie hat es gezeichnet.“
„Ihre Freundin malt auch, wie ich hörte?“
„Ja, Cesca ist sehr talentvoll.“
„Ich besinne mich jetzt, ich sah im vergangenen Herbst auf der staatlichen Kunstausstellung ein Bild von Ihnen,“ sagte Helge ein wenig zaghaft. „Rosen in einer Kupferschale.“
„Ja, das hab’ ich im Frühling hier unten gemalt. Jetzt bin ich nicht mehr damit zufrieden --. Ich war im Sommer zwei Monate in Paris und finde, daß ich in der Zeit sehr viel gelernt habe. Ich habe es aber verkaufen können, für dreihundert Kronen; das war der Preis, für den ich es ausgeschrieben hatte. Ja, einiges ist übrigens ganz gut daran.“
„Sie malen etwas modern -- aber das tun Sie gewiß alle?“
Jenny lächelte leise, antwortete aber nicht.
Die anderen standen am Fuß der Treppe und warteten. Jenny reichte allen die Hand und sagte Guten Morgen.
„Das sieht dir doch wieder ähnlich,“ sagte Heggen. „Ist es dein Ernst, jetzt hinaufzugehen und zu arbeiten?“
„Gewiß.“
„Du bist völlig irrsinnig.“
„Jenny, komm’ mit nach Haus,“ jammerte Franziska.
„Warum soll ich nicht arbeiten, wenn ich nicht müde bin? Ja, Kandidat Gram, jetzt sollten Sie wohl eine Droschke haben und heimfahren.“
„Ja. Uebrigens: ist das Postamt nicht um diese Zeit geöffnet? Ich weiß, es soll nicht so weit von der Piazza di Spagna entfernt sein.“
„Dort muß ich vorüber -- dann können Sie ja mit mir gehen.“
Sie nickte ein letztes Mal den anderen zu, die sich anschickten, heimzuziehen. Franziska hing an Ahlins Arm, taumelnd vor Müdigkeit.
III.
„Nun, Sie haben also Post bekommen,“ sagte Jenny. Sie hatte in der Vorhalle des Postamtes gewartet. „Jetzt werde ich Ihnen zeigen, mit welcher Straßenbahn Sie fahren müssen.“
Der Platz war vom Sonnenschein weiß überflutet, die Luft noch morgenfrisch und rein. Doch schon wimmelten Wagen und Menschen in geschäftiger Eile in den engen Straßen.
„Wissen Sie, Fräulein Winge -- ich fahre nicht nach Haus; ich bin jetzt so wach wie nur irgend möglich. Ich hätte die größte Lust, einen Spaziergang zu machen. Ist es aufdringlich, wenn ich frage, ob ich Sie ein kleines Stückchen Wegs begleiten darf --?“
„Aber gar nicht --. Doch wie werden Sie nachher zu Ihrem Hotel zurückfinden?“
„Pah, am hellichten Tage.“
„Freilich, eine Droschke treffen Sie überall an.“
Sie kamen auf den Corso hinaus. Sie nannte die Namen der Paläste, war ihm aber jeden Augenblick ein Stück voraus, da sie schnell ausschritt und sich geschmeidig durch die vielen Menschen wandte, die sich schon auf dem schmalen Bürgersteig drängten.
„Mögen Sie Wermut?“ fragte sie; „ich will eben hier hinein und einen zu mir nehmen.“
Sie leerte das Glas in einem Zuge, während sie am marmornen Schenktisch der Bar stand. Helge fand keinen Geschmack an dem bittersüßen Getränk, das zur Hälfte mit Chinin gemischt war. Es war aber etwas Neues für ihn und es gefiel ihm, so unvermittelt in eine Bar zu laufen.
Jenny bog in schmale Gassen ein, wo die Luft noch nächtlich kühl und dumpf war. Nur hoch oben streifte der Sonnenschein die Mauern der Häuser. Helge schaute mit überwachen Sinnen um sich, betrachtete die blaugestrichenen Karren mit Maultiergespannen, deren Sattelzeug mit Messingbeschlägen und roten Troddeln geschmückt war, sah barhäuptige Frauen und schwarze Kinder, kleine billige Läden und die Verkaufsstände für Obst und Gemüse in den Torwegen. In einer Häusernische stand ein alter Mann und briet Schmalzgebäck auf einem kleinen Herd. Jenny kaufte einige Kuchen und bot sie Helge. Er lehnte jedoch dankend ab. Ein Teufelsmädchen! Sie aß die Kuchen mit gesundem Appetit, ihm aber wurde übel bei der bloßen Vorstellung, eines dieser fettriefenden Stücke zwischen die Zähne zu bekommen, noch dazu mit dem Wermutgeschmack im Mund und nach dem Genuß der vielen Getränke in dieser Nacht. Und außerdem -- so schmierig wie der Alte war.
Seite an Seite mit verfallenen, armseligen Häusern, wo graufarbenes Leinenzeug zum Trocknen zwischen den brüchigen Fensterläden hing, lagen große, wuchtige Paläste mit vergitterten Fenstern und ausladenden Gesimsen. Einmal ergriff Jenny ihn am Arm -- ein brandrotes Automobil kam tutend aus einem Barockportal, wendete schwerfällig und sauste die schmale Straße hinauf, deren Rinnstein mit Müll und Kohlblättern angefüllt war.
Helge ging und genoß. Wie südlich fremd war hier alles .. Sein einziges inneres Erlebnis seit vielen Jahren war immer nur der Zusammenstoß seiner phantastischen Traumwelt mit der kleinlichen Wirklichkeit des Alltags gewesen, bis er schließlich gleichsam aus Notwehr gelernt hatte, seine Träumereien zu belächeln und seiner Phantasie eine Richtung ins Reale zu geben. So versuchte er auch jetzt, sich unwillkürlich klar zu machen, daß in diesem romantischen Quartier die gleiche Art von Menschen lebte wie in anderen großen Städten. Ladenmädchen und Fabrikarbeiter, Typographen und Telegraphisten -- Menschen, die tagtäglich in Geschäften, auf Kontoren und an Maschinen ihre Arbeit verrichteten und nicht anders waren wie überall auf der Welt. -- Er spann den Gedanken jedoch mit einer seltsamen Freude weiter aus, weil diese Straßen und Häuser, die seinen Traumgebilden glichen, doch helle Wirklichkeit waren.
Sie traten auf einen offenen Platz hinaus. Hier umfing sie die Sonne mit ihren weißen weichen Strahlen und befreite sie vom letzten Hauche klammer, dumpfer Luft aus den kleinen Gassen, die sie durchwandert hatten. Jenseits des Platzes war der Erdboden kreuz und quer zerwühlt, Berge von Schutt und Müll und Stapel alten Gerölls lagen einträchtig beieinander. Alte, verfallene Häuser, zum Teil halb niedergerissen mit gähnenden Höhlen, vervollständigten in Gemeinschaft mit antiken Ruinen das Bild der Verwüstung.
An einigen zerstreut liegenden Gebäuden vorbei, die verlassen standen, als habe man nur vergessen, sie niederzureißen, gelangten Jenny und Helge auf den Platz am Vestatempel. Hier lag die große neue Dampfmühle und dort das schöne alte Kirchlein mit seiner Säulenhalle und dem schlanken Glockenturm. Und im Hintergrunde stieg der Aventinerhügel klar zum sonnigen Himmel empor, mit den Klöstern auf dem Gipfel, staubiggrauen Bogen namenloser Ruinen in den Gärten auf den Hängen, überwuchert von schwarzem Efeu, grauem kahlen Dorngebüsch und gelbem, winterwelken Gras.
Immer wieder hatten diese Ruinen ihn enttäuscht, in Deutschland wie in Florenz. Er hatte von ihnen gelesen und sie im Geiste mit einem romantischen Rahmen aus grünem Laub umgeben. Blumen sah er in den Mauerspalten blühen, wie auf alten Kupferstichen oder Theaterkulissen. In Wirklichkeit waren sie schmutzig und verstaubt; vergilbtes Papier, zerbeulte Blechbüchsen, schmutziger Abfall hatte sich ringsum angesammelt, rauhe, winterliche Luft entströmte dem Gemäuer. Die einzige Vegetation des Südens bildeten grauschwarzes Immergrün, nacktes dorniges Gebüsch und das welke, farblose Gras.
An diesem sonnigen, durchsichtigen Morgen aber wurde es ihm plötzlich klar, daß sie, betrachtete man sie mit den rechten Augen, dennoch schön sein konnten. --
Hinter der Kirche schlug Jenny einen Weg ein, der zwischen Gärten hindurch führte. Pinien ragten dahinter auf und der Efeu fiel in losen Ranken über die Mauern. Sie machte Halt und entzündete eine Zigarette.
„Ja,“ erklärte sie, „ich bin dem Tabak verfallen, doch Cesca verträgt das Rauchen nicht, ihres Herzens wegen, darum muß ich mich mäßigen, wenn sie dabei ist; hier draußen dampfe ich wie eine Lokomotive -- da sind wir.“
Ein kleines gelbes Haus lag vor ihnen, von einem Reisiggitter eingezäunt. Im Garten standen ein Tisch und Bänke unter zwei großen, kahlen Ulmen, und eine Laube, aus Binsen geflochten. Jenny begrüßte vertraulich ein altes Weib, das in die Tür getreten war.
„Wie wär’s mit einem Frühstück, Kandidat Gram --?“
„Kein übler Gedanke. Vielleicht etwas starken Kaffee -- und Brot und Butter --.“
„Gott segne Sie -- Kaffee! und Butter! Eier und Brot und Wein -- Salat und Käse vielleicht --. Ja, sie hat Käse, sagt sie. Wieviele Eier möchten Sie haben?“
Während die Frau den Tisch deckte, brachte Jenny Staffelei und Malgerät heraus. Ihren langen blauen Abendmantel vertauschte sie gegen eine von Oelfarbenflecken bedeckte Wetterjacke.
„Darf ich mir Ihr Bild anschauen?“ fragte Helge.
„Ja, -- ich werde wohl das Grün abtönen müssen, es liegt so hart auf. Bis jetzt ist kein rechtes Licht über dem Ganzen. Der Hintergrund ist, glaube ich, gut.“
Helge betrachtete das kleine Bild, auf dem die Bäume wie große grüne Flecken standen. Er konnte nichts Besonderes daran finden.
„Ah, das Essen steht bereit! Sie kriegt sie an den Kopf, wenn sie hartgekocht sind. -- Nein, Gottseigelobt!“
Helge war nicht hungrig. Jedenfalls brannte ihm jetzt der Hals von dem sauren, weißen Wein, und das ungesalzene trockene Brot konnte er kaum herunterbringen. Jenny zermalmte große Stücke davon zwischen ihren weißen Zähnen, stopfte kleine Bissen Parmesankäse dazu in den Mund und trank Wein, denn drei Eiern hatte sie bereits den Garaus gemacht.
„Daß Sie das gräßliche Brot so trocken essen können,“ sagte Helge.
Sie lachte:
„Ich finde dieses Brot so gut. Butter habe ich kaum zu sehen bekommen, seit ich von Kristiania fort bin. Die pflegen Cesca und ich nur für Gesellschaften zu kaufen. Wir müssen nämlich sparen, sehen Sie.“
Er lachte auch:
„Was nennen Sie sparen -- Perlen und Korallen --.“
„Ach, -- das ist Luxus --. Ich finde beinahe, das ist das Notwendigste -- ein wenig jedenfalls. Nein, wir wohnen billig und essen billig, kaufen Seidenschärpen und trinken ein paar Wochen lang des Abends Tee und genießen trockenes Brot und Rettiche dazu.“
Sie hatte ihre Mahlzeit beendet und entzündete eine neue Zigarette. Das Kinn auf die Hand gestützt, saß sie und sah hinaus:
„Nein, Kandidat Gram. Sehen Sie -- hungern -- ja, ich habe das niemals erleben müssen, aber es kann ja noch einmal kommen. -- Heggen zum Beispiel hat es durchgemacht -- und doch gibt er mir Recht. Es ist besser, zu wenig vom Notwendigen zu haben, als niemals etwas von dem, was eigentlich überflüssig ist. Das Ueberflüssige, eben das ist es, wofür man arbeitet, wonach man sich sehnt --.