Part 2
„Sie haben vielleicht Lust, sich uns anzuschließen; wir hatten die Absicht, heute Abend ein wenig zu bummeln, Wein zu trinken und Musik zu hören.“
„Ja, danke.“ Helge war unsicher und verlegen und schaute auf die anderen. „Recht gern, aber --“ er wandte sich vertrauensvoll an Fräulein Winge mit dem hellen Antlitz und der freundlichen Stimme: „Sie kennen sich ja untereinander und -- nun, ist es nicht am gemütlichsten für Sie alle, ohne fremde Gesellschaft zu sein?“ Er lachte verlegen.
„Aber nein, mein Lieber.“ Sie lächelte. „Im Gegenteil -- sehen Sie, dort fährt Ihre Bahn schon -- und Heggen kennen Sie ja doch von früher und jetzt uns. Wir werden schon darauf achtgeben, daß Sie richtig nach Hause gelangen -- wenn Sie also nicht zu müde sind.“
„Müde! Nein. -- Ich möchte sehr gern mit Ihnen zusammen sein“, versicherte Helge eifrig und erleichtert.
Die drei anderen begannen, Trattorien vorzuschlagen. Helge kannte keinen der Namen, die fielen; es war keiner von denen darunter, die sein Vater erwähnt hatte. Fräulein Jahrmann aber verwarf jeden Vorschlag.
„Nun gut, dann gehen wir eben nach St. Agostino. Du weißt, wo es den roten Wein gibt, Gunnar.“ Jenny Winge schlug ohne weiteres diese Richtung ein; Helge folgte.
„Da ist keine Musik“, hatte Fräulein Jahrmann einzuwenden.
„Aber natürlich -- der Scheeläugige und der andere sind dort fast jeden Abend. Laßt uns doch nur nicht hier stehen und Zeit verlieren.“
Helge folgte mit Fräulein Jahrmann und dem schwedischen Bildhauer.
„Sind Sie schon längere Zeit in Rom, Herr Gram?“
„Nein, ich kam heute Vormittag aus Florenz.“
Fräulein Jahrmann lachte leise, Helge wurde verlegen. Er überlegte im Gehen -- sollte er nicht doch lieber sagen, daß er müde sei und dann umkehren? Während sie durch finstere enge Straßen ihren Weg fortsetzten, plauderte Fräulein Jahrmann ununterbrochen mit dem Bildhauer und antwortete kaum, wenn er den Versuch machte, mit ihr zu sprechen. Ehe er sich jedoch entschlossen hatte, sah er das andere Paar vorn durch eine schmale Tür verschwinden.
II.
„Was zum Teufel ist nun wieder in Cesca gefahren -- ihre Launen kennen ja nachgerade keine Grenzen mehr; leg Deinen Mantel ab, Jenny, sonst erkältest Du Dich, wenn Du wieder hinauskommst.“ Heggen hängte Hut und Frühjahrsmantel an den Ständer und ließ sich in einen Korbsessel fallen.
„Das arme Ding, ihr geht es augenblicklich nicht gut -- und außerdem lief uns dieser Gram ein Stück nach, ehe er es wagte, uns anzusprechen und nach dem Wege zu fragen; dergleichen bringt sie immer in Erregung, und dann, Du weißt ja, -- ihr Herz.“
„Die Aermste. -- Frecher Bursche übrigens.“
„O, nicht doch, er lief ja umher und wußte weder aus noch ein, glaube ich. Er macht nicht gerade den Eindruck, als habe er Erfahrung im Reisen. Du kennst ihn?“
„Keine Ahnung. Aber deshalb kann ich ihn sehr gut mal getroffen haben. Ah, da sind sie.“
Ahlin nahm Fräulein Jahrmann den Mantel von der Schulter.
„Teufel auch,“ meinte Heggen, „wie fein du heut Abend bist, Cesca.“
Sie lächelte erfreut und strich mit der Hand den Rock über den Hüften glatt, dann faßte sie Heggen bei den Schultern:
„Rück’ ein wenig zur Seite -- ich will neben Jenny sitzen.“
„Herr des Himmels, wie ist sie schön,“ dachte Helge. Cescas Kleid war leuchtend grün, der üppige Busen hob sich aus dem hoch gearbeiteten Rock wie aus einem Blumenkelch. Die Sammetbluse leuchtete in den Falten wie gleißendes Gold; aus dem tiefen Ausschnitt wuchs der runde, mattbraune Hals empor. Sie war sehr brünett; unter der braunen Glocke des Plüschhutes umschmeichelten kleine kohlschwarze Locken die reinen, pfirsichroten Wangen. Das Antlitz war ganz jungmädchenhaft, schwere Lider bedeckten die tiefen, grauschwarzen Augen, und lächelnde Grübchen verschönten den kleinen, dunkelroten Mund.
Jenny Winge, so hübsch sie auch war, fiel gegen die Freundin ganz ab. Sie war ebenso blond wie die andere dunkel: das Haar, von der hohen weißen Stirn zurückgestrichen, lugte goldig schimmernd unter dem kleinen grauen Pelzbarett hervor; die Haut war schneeig weiß und lichtrot. Selbst Augenbrauen und die Wimpern über den stahlgrauen Augen waren hell -- goldbraun. Der etwas bleiche Mund aber schien zu groß für das schmale Gesicht mit der kurzen geraden Nase und den blaugeäderten gewölbten Schläfen; wenn sie lachte, zeigte sie eine dichte Reihe blanker Zähne. Alles übrige an ihr war schmächtig, der lange schlanke Hals, die Arme, von hellen feinen Härchen bedeckt, und die langen, mageren Hände. Lang und aufgeschossen, wie sie war, erschien ihr Körper knabenhaft -- sie mußte noch erstaunlich jung sein. Sie trug kleine weiße Aufschläge an den Ellenbogen und am Halsausschnitt des hellgrauen, seidenen Kleides, das, leicht und wallend, über der Brust und an den Hüften gekräuselt war -- wohl um ihre Magerkeit etwas zu verbergen. Den Hals schmückte eine Kette von kleinen mattrosa Perlen, die sich in rosenroten Lichtpünktchen auf der Haut widerspiegelten.
Helge Gram hatte sich bescheiden am Ende des Tisches niedergelassen und folgte der Unterhaltung. Die fremde Gesellschaft sprach von einer Frau Söderblom, die krank gewesen war. Ein alter Italiener mit einer schmutzigweißen Schürze über dem dicken Leib kam herbei und fragte nach ihren Wünschen.
„Rot, weiß, sauer, süß -- was wollen Sie trinken, Gram?“ wandte Heggen sich an ihn.
„Kandidat Gram soll sich einen halben Liter von meinem Rotwein bestellen“, meinte Jenny Winge. „Es ist einer der besten in Rom, und das will etwas heißen, wissen Sie!“
Der Bildhauer schob den Damen eine Zigarettendose hin. Cesca griff zu.
„O, nicht doch, Cesca“, bat Jenny.
„Nun erst recht“, sagte Cesca „Mir wird nicht besser, auch wenn ich es lasse. Und ich bin böse heute Abend.“
„Aber weshalb denn, liebes gnädiges Fräulein?“
„Ach. -- Zum Beispiel weil ich die Korallen nicht bekam.“
„Brauchtest du sie denn heute Abend?“ fragte Heggen.
„Nein, aber ich hatte mich doch endlich entschlossen, sie zu kaufen.“
„Und morgen hast du dich für die Malachitkette entschieden?“ lachte Heggen.
„Nein, da irrst du dich, mein Lieber. Aber es ist auch abscheulich. Jenny und ich stürzten nur der Korallen wegen dort hinüber.“
„Auf diese Weise trafst du uns aber. Sonst hättet ihr zu Frascati gehen müssen, worauf du plötzlich auch ärgerlich geworden bist.“
„Ich wäre sicher nicht zu Frascati gegangen -- das schwör’ ich dir, Gunnar. Und das wäre mir viel besser gewesen. Denn nun will ich rauchen und trinken und die ganze Nacht durchbummeln, da ihr mich nun einmal mitgelockt habt.“
„Ich glaubte, du hättest es vorgeschlagen.“
„Die Malachitkette war außerordentlich schön, finde ich,“ lenkte Ahlin ab, „und sehr billig.“
„Ja, aber Malachit ist in Florenz viel billiger. Diese kostet siebenundvierzig. Und in Florenz, dort wo Jenny ihre ~cristallo rosso~ kauft, hätte ich sie für fünfunddreißig Lire haben können. Jenny hat für ihre Kette nur achtzehn gegeben. Er muß mir die Korallen aber für neunzig Lire lassen.“
„Ich begreife nicht recht, wie du mit deinem Gelde auskommst“, sagte Heggen und lachte.
„Ich mag nicht noch länger darüber sprechen,“ sagte Cesca. „Ich habe dieses Hin- und Hergerede satt -- morgen gehe ich und kaufe die Korallen.“
„Sind aber neunzig Lire nicht furchtbar teuer für Korallen?“ wagte Helge zu fragen.
„Sie können sich denken, daß es nicht so ganz gewöhnliche sind“, antwortete Cesca herablassend. „Es sind diese Contadinakorallen -- eine dicke Kette mit Goldverschluß und langen schweren Ohrhängern.“
„Contadina -- ist das eine besondere Art Korallen?“
„Nein, das sind die, mit denen die Contadine gehen.“
„Ich weiß nicht, was eine Contadine ist.“ Helge lächelte schüchtern.
„Ein Bauernmädchen. Haben Sie niemals diese Ketten gesehen, die sie tragen, diese schweren dunkelroten geschliffenen Korallen?“
„Meine Perlen haben dieselbe Farbe wie Rindfleisch und die mittelste ist so groß --“ sie bildete mit Daumen und Zeigefinger eine eigroße Rundung.
„Das muß wunderhübsch aussehen --“. Helge griff gierig den Gesprächsfaden auf. „Ich kenne Malachit oder ~cristalla rossa~ nicht -- aber meiner Ansicht nach müßten solche Korallen Ihnen am allerbesten stehen.“
„Da können Sie hören, Ahlin -- Sie wollten mich ja immer dazu verleiten, die Malachitkette zu kaufen. Heggens Schlipsnadel ist aus Malachit -- bitte gib sie mir einen Augenblick, Gunnar. Und Jennys Perlenhalsband besteht aus ~cristallo rosso~ -- nicht ~rossa~ -- rotem Bergkristall, wissen Sie?“
Sie reichte ihm die Nadel und die Halskette. Die Kette war warm von ihrem Hals. Helge betrachtete sie einen Augenblick. In jeder Perle waren gleichsam kleine Spalten, die das Licht aufsogen.
„Sie müßten Korallen tragen, Fräulein Jahrmann. Wissen Sie, ich glaube, Sie sehen dann selbst aus wie eine römische Contadina.“
„Da könnt ihr’s hören.“ Sie lächelte leicht zu Helge hinüber und summte vergnügt vor sich hin. „Da könnt ihr’s selbst hören.“
„Sie haben ja auch einen italienischen Namen,“ fuhr Helge eifrig fort.
„Ach, der stammt noch von der italienischen Familie, bei der ich im vorigen Jahre wohnte, sie veränderten den häßlichen Namen, den ich von meiner Großmutter geerbt habe, und so behielt ich den italienischen bei.“
„Francesca,“ sagte Ahlin leise.
„Ich kann mir Sie nur als Francesca denken -- Signorina Francesca.“
„Warum denn nicht Fräulein Jahrmann. Wir können leider nicht italienisch miteinander sprechen. Sie können ja die Sprache nicht.“ Sie wandte sich an die anderen. „Jenny und Gunnar, morgen kaufe ich also die Korallen.“
„Ja, das haben wir schon gehört,“ meinte Heggen.
„Aber ich will sie für neunzig haben.“
„Ja, man muß aber handeln,“ sagte Helge erfahren. „Ich war heute Nachmittag irgendwo in der Nähe der Peterskirche in einem Laden und erstand dies hier für meine Mutter. Er verlangte sieben Lire, ich bekam es aber für vier. Finden Sie es nicht billig?“ Er stellte den Gegenstand auf den Tisch.
Franziska betrachtete ihn verächtlich.
„Die kosten anderthalb auf dem Fischmarkt. Ich habe im vorigen Jahre zwei von der gleichen Art für jedes unserer Mädchen zu Hause mitgebracht.“
„Der Mann behauptete, es sei antik,“ wandte Helge unsicher ein.
„Das sagen sie immer, wenn sie merken, daß die Leute kein Verständnis dafür haben. Und nicht Italienisch können.“
„Es gefällt Ihnen also nicht?“ fragte Helge niedergeschlagen und hüllte es wieder in das rosa Papier. „Finden Sie nicht, daß ich es meiner Mutter schenken kann?“
„Ich finde es greulich,“ sagte Franziska. „Aber ich kenne ja den Geschmack Ihrer Mutter nicht.“
„Was soll ich denn nun aber mit diesem Ding anfangen?“ seufzte Helge.
„Schenken Sie es getrost Ihrer Mutter,“ meinte Jenny Winge. „Sie freut sich gewiß, daß Sie ihrer gedacht haben. Und außerdem -- zu Hause haben die Leute Gefallen an solchen Dingen. Wir hier unten, wir sehen zuviel.“
Franziska griff nach Ahlins Zigarettendose, aber er weigerte sich, sie ihr zu geben. Einen Augenblick flüsterten sie heftig miteinander. Dann schleuderte sie das Etui von sich:
„Guiseppe.“
Helge begriff, daß sie beim Wirt Zigaretten bestellen wollte. Ahlin fuhr auf:
„Liebes Fräulein Jahrmann -- ich meinte ja nur -- Sie wissen doch, daß Sie das viele Rauchen nicht vertragen.“
Franziska erhob sich, Tränen in den Augen.
„Das ist gleichgültig, ich gehe nach Haus.“
„Fräulein Jahrmann -- Francesca.“ Ahlin hielt ihr den Mantel, während er leise bettelte. Sie trocknete ihre Augen mit dem Taschentuch.
„Doch -- ich will heim. Kinder -- ihr seht doch, daß ich heute Abend unmöglich bin. Nein, ich will nach Haus -- allein -- nein Jenny, du darfst nicht mit mir gehen.“
Heggen erhob sich ebenfalls. Helge saß verlassen am Tisch.
„Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß wir dich zu nächtlicher Stunde allein gehen lassen,“ meinte Heggen.
„Ahso, du verbietest mir’s vielleicht?“
„Ja, allerdings.“
„Still doch, Gunnar,“ sagte Jenny Winge. Sie schob beide Herren zur Seite -- sie setzten sich schweigend nieder -- während Jenny, den Arm um Franziskas Hüfte gelegt, diese mit sich zog und leise mit ihr sprach. Kurz darauf kamen beide wieder an den Tisch zurück.
Die Gesellschaft war jedoch verstimmt. Franziska lag halb in Jennys Arm -- sie hatte ihre Zigaretten bekommen, rauchte und schüttelte den Kopf zu Ahlins Versicherungen, daß die seinen besser wären. Jenny hatte eine Schale mit Früchten bestellt; sie verzehrte eine Mandarine und schob hin und wieder eine Scheibe in Franziskas Mund. Oh -- wie hübsch Franziska doch war, wie sie dalag, mit einem kleinen betrübten Kindergesicht und sich von der Freundin füttern ließ. Ahlin starrte sie ununterbrochen an, und Heggen zerbrach abgebrannte Zündhölzer in kleine Stümpfchen und steckte sie in die Mandarinenschalen.
„Sind Sie schon länger in Rom, Kandidat Gram?“ fragte er.
Helge versuchte humorvoll zu sein:
„Ich pflege zu sagen, daß ich heute Vormittag mit dem Zuge aus Florenz kam.“
Jenny lachte höflich -- Franziska jedoch lächelte ersterbend.
Im gleichen Augenblick trat ein barhäuptiges, dunkelhaariges Mädchen mit einem frechen, fetten bleichen Gesicht zur Türe herein. In der Hand trug sie eine Mandoline. Hinter ihr her trippelte ein kleiner, verwitterter Bursche von schäbiger Eleganz mit einer Guitarre.
Jenny plauderte -- wie zu einem Kinde.
„Sieh nur, Cesca, das ist Emilia -- jetzt bekommen wir Musik.“
„Das bringt Leben herein,“ sagte Helge. „Ziehen diese Volkssänger hier in Rom wirklich immer noch von Osteria zu Osteria?“
Die Volkssänger begannen mit einem modernen Gassenhauer. Das Mädchen hatte eine seltsam hohe, klare, metallische Stimme.
„O pfui, nicht doch!“ Franziska erwachte: „Das wollen wir doch nicht hören -- wir wollen natürlich etwas Italienisches haben -- ‚~la luna con palido canto~‘ -- nicht wahr?“
Sie schlüpfte zu den Musikanten hinüber und begrüßte sie wie alte Freunde -- lachte und gestikulierte, ergriff die Guitarre und schlug ein paar Töne an, während sie die eine oder andere Melodie dazu summte.
Die Italienerin sang. Süß und schmeichelnd flatterte die Melodie, begleitet vom Klingen der Metallsaiten, durch den Raum, und Helges Freunde sangen den Kehrreim mit. Das Lied handelte von ~amore~ und ~bacciare~.
„Es ist ein Liebeslied, nicht wahr?“
„Ein feines Liebeslied,“ lachte Franziska. „Uebersetzt darf es nicht werden, aber auf italienisch klingt es wunderhübsch.“
„Ach, so häßlich ist es doch nicht,“ sagte Jenny Winge. Sie wandte sich mit ihrem zuvorkommenden Lächeln an Helge: „Nun, Kandidat Gram, finden Sie es nicht gemütlich hier? Ist der Wein nicht gut?“
„Ja, ausgezeichnet. Und das Lokal ist gewiß sehr charakteristisch.“
Er hatte jedoch den Mut vollständig verloren. Jenny Winge und Heggen wandten sich hin und wieder an ihn, er vermochte aber nicht, ein Gespräch in Fluß zu halten. Schließlich begannen die anderen, sich miteinander zu unterhalten -- über Gemälde. Der schwedische Bildhauer saß nur da und betrachtete Franziska. Die fremdartigen Melodien schwirrten von den klingenden Metallsaiten auf -- an ihm, Helge, vorüber -- als ein Gruß an die anderen. Der Raum, in dem er sich befand, war, wie er sein mußte: der Fußboden aus gelbem Backstein, die Wände und die Deckenwölbung, weißgekalkt, ruhten auf einer dicken Mittelsäule, die Tische waren vorschriftsmäßig ungestrichen, und die Stuhlsitze aus grünen Weiden geflochten. Die Luft war säuerlich durchzogen von gegorenem Brodem, der aus den Weinfässern hinter dem marmorenen Schenktisch aufstieg.
Künstlerleben in Rom! Es war ungefähr, als betrachte er ein Bild oder lese eine Beschreibung darüber in einem Buch. Nur mit dem Unterschied, daß er sich hier überflüssig fühlte -- so hoffnungslos einsam. Solange man es in den Büchern oder auf den Bildern erlebte, konnte man im Traume mit dabei sein. Er war jedoch davon überzeugt, daß er sich unter diesen Leuten nie einleben würde.
Zum Teufel, das war auch das Beste! Im Grunde taugte er ja gar nicht dazu, unter Leuten zu sein -- erst recht nicht unter Menschen dieser Art. Wie gedankenlos Jenny Winge nun nach dem dicken, undurchsichtigen Glas mit dem dunkelroten Weine griff! -- Für ihn war es eine Sehenswürdigkeit -- sein Vater hatte davon erzählt -- ihn auf das Glas aufmerksam gemacht, das jenes Mädchen auf Marstrands Römischem Bilde, im Kopenhagener Museum, in der Hand hielt. Nach Jenny Winges Ansicht taugte das Bild sicher nichts. -- Diese jungen Damen hatten sicher niemals vom Hofraum des Bramante in der Cancelleria gelesen -- „dieser Perle der Renaissancearchitektur“. Sie hatten ihn vielleicht zufällig eines Tages entdeckt, als sie auf dem Flohmarkt waren, um sich Perlen und anderen Staat zu kaufen -- hatten wohl begeistert ihre Freunde herbeigeholt, um ihnen diese neue Herrlichkeit zu zeigen, die sie sich nicht hätten träumen lassen. -- +Die+ hatten wohl kaum in den Büchern nachgelesen über jeden Stein und jeden Ort, bis die Augen davon schmerzten, und all der Schönheit ringsum sich verschlossen, die sie nicht schon in den Träumen daheim erschaut. Sie konnten sich vielleicht an irgendeiner weißen Säule erfreuen, die zum blauen Südhimmel emporragte, ohne pedantische Neugier, welcher Tempel und welchen vergessenen Gottes Heiligtum einst dort gestanden hatte.
Geträumt hatte er -- und gelesen. Und er machte die Erfahrung -- nichts sah in Wirklichkeit dem gleich, was er erwartet hatte. Alles wurde so grau und hart in des klaren Tages Licht -- der Traum hatte sein Phantasiegebilde in ein weiches Halbdunkel gehüllt, es harmonisch abgerundet zu einem Ganzen vereint und über die Ruinen Sommergrün gebreitet. Er war nun gekommen, um nachzuschauen, ob all das, worüber er gelesen, auch auf seinem rechten Platze stand. Später könnte er es auf der Höheren Töchterschule aus den Büchern aufzählen und sagen, daß er es gesehen -- und doch würde er nichts berichten können über Dinge, die er selbst entdeckt. Nichts würde er kennenlernen außer dem, wovon er gelesen. Wenn er auf lebendiges Material stieß, versuchte er, unter ihnen eine der toten, erdichteten Gestalten zu finden, wie er sie kannte -- ob einer wie sie dabei war. Wie sollte er auch etwas von lebendigen Menschen wissen, er, der niemals gelebt ....
Heggen dort, mit dem dicken roten Mund, träumte jedenfalls kaum von romantischen Abenteuern ~à la~ Romanbibliothek aus dem Familienjournal, wenn er Abends auf Roms Straßen mit einem kleinen Mädchen anbändelte.
Helge begann zu verspüren, daß er Wein getrunken hatte.
„Wenn Sie jetzt gehen und sich zu Bett legen, so haben Sie morgen Kopfweh,“ sagte Jenny Winge zu ihm, als sie wieder draußen auf der finsteren Gasse standen. Die drei anderen gingen voraus; Helge folgte mit ihr in geringem Abstand.
„Ehrlich gesagt, Fräulein Winge, finden Sie nicht, daß Sie da einen schrecklich langweiligen Burschen mitbekommen haben?“
„Nein, mein Lieber. Es liegt ja nur daran, daß Sie uns nicht kennen und wir Sie nicht -- noch nicht jedenfalls.“
„Mir wird es so schwer, mich anzuschließen -- es gelingt mir eigentlich niemals. Ich hätte nicht mitgehen sollen, als Sie so liebenswürdig waren, mich heute Abend einzuladen. Zum Amüsieren scheint man auch Uebung haben zu müssen.“ Er versuchte zu lachen.
„Ja gewiß.“ Helge konnte an ihrer Stimme hören, daß Jenny lächelte. „Ich war fünfundzwanzig, ehe ich begann, mich zu üben, und weiß Gott, der Anfang war auch für mich nicht leicht.“
„Sie? Ich glaubte, daß Sie Künstlerleute immer ... Uebrigens dachte ich, Sie hätten es noch weit bis fünfundzwanzig.“
„Oh, Gott sei Dank, ich bin schon weit darüber.“
„Und da sagen Sie Gott sei Dank? -- Und ich dagegen als Mann. -- Ich weiß nicht -- jedes Jahr, das gleichsam von mir abbröckelt, hinabsinkt in die Ewigkeit, ohne etwas gebracht zu haben -- außer der demütigen Erkenntnis, daß die Mitmenschen mich nicht brauchen, mich nicht zu den ihren rechnen --“ Helge hielt plötzlich erschrocken inne. Er fühlte wie seine Stimme zitterte, hatte auch die Empfindung, als sei er ein wenig angetrunken, da er so zu einer Dame sprach, die er nicht einmal kannte. Er fuhr jedoch, gegen seine eigene Scheu ankämpfend, fort: „Ich finde, es ist völlig hoffnungslos. Wenn mein Vater von der Jugend seiner Zeit erzählte -- sie führten große Worte im Munde von goldenen Illusionen und dergleichen. Zum Teufel, ich habe in all den Jahren nicht eine einzige Illusion gehabt, von der ich hätte Wesens machen können. Und die Jahre sind verflossen -- verloren -- nicht wiederzuerlangen.“
„Das dürfen Sie nicht sagen, Kandidat Gram. Nicht ein Jahr unseres Lebens ist verloren, solange man es nicht so weit getrieben hat, daß Selbstmord der einzige ist. Ich glaube nicht, daß die Alten aus der Zeit der goldenen Illusionen besser daran waren -- ihre Jugendillusionen verschlossen ihnen das Leben. Wir -- die meisten jungen, die ich kenne, begannen ohne Illusionen -- wir wurden hinausgeschleudert in den Kampf um die Existenz, fast alle, ehe wir recht erwachsen waren. Wir waren von Anfang an auf das Schlimmste gefaßt. Doch eines Tages lernten wir erkennen, daß wir uns dennoch mancherlei Gutes herausholen könnten. Dies und jenes geschah, wobei wir dachten, erträgst du das, so hältst du auch das Messer aus. Bekommt man auf die Weise erst ein wenig Selbstvertrauen, dann gibt es keine Illusionen, deren uns zufällige Verhältnisse und Mitmenschen berauben können.“
„Ach -- Verhältnisse -- oder Zufall! Wenn sie stärker sind als wir selbst, so hilft uns auch das Selbstvertrauen nicht!“
„Ja,“ sie lachte. „Natürlich -- wenn ein Schiff in See geht -- so kann der Zufall wollen, daß es havariert. Ein Gußfehler im Rade und alles zerspringt. Ein Zusammenstoß ... Aber die ziehen wir nicht in Betracht. Und was die Verhältnisse betrifft, so müssen wir sie zu bekämpfen suchen. Meist findet man am Schluß doch einen Ausweg.“
„Sie sind also durchaus optimistisch, Fräulein Winge?“
„Ja.“ Sie schwieg. „Ich bin es geworden, als ich so nach und nach die Erfahrung machte, wieviel die Menschen wirklich ertragen können, ohne den Mut zum Weiterkämpfen zu verlieren -- und ohne schlecht zu werden.“
„Das ist es ja eben -- ich finde, sie werden schlecht. Verdorben -- oder jedenfalls verkleinert.“
„Nicht alle. Und der Umstand, daß +einige+ sich vom Leben nicht verderben oder -- verkleinern lassen, finde ich, genügt, um uns optimistisch zu machen. -- Wir wollen hier einkehren,“ sagte sie.
„Dies gleicht eher einer Montmartrekneipe oder ähnlichem, finde ich -- nicht wahr?“ Helge sah sich um.
An den Wänden des winzigkleinen Lokales entlang liefen schmale plüschüberzogene Bänke. Kleine Marmortische standen umher, und auf dem Schenktisch brannte eine Flamme unter zwei großen Nickelkochern.
„Oh. Derartige Lokale sind wohl überall gleich,“ sagte Jenny. „Kennen Sie Paris?“
„Nein -- ich dachte nur --“
Er wurde plötzlich ohne jeden Anlaß verwirrt. So ein kleines Kunstmädel, das sich natürlich nach eigenem Gutdünken in der Welt umhertummelt -- Gott übrigens mochte wissen, woher ihresgleichen das Geld nahm. Es schien ebenso natürlich, daß man in Paris gewesen war wie eines Abends im Café Dronningen in Kristiania. -- Für diese Art von Menschen war es weiß Gott ein Leichtes, von Selbstvertrauen zu sprechen. Ein kleiner Liebeskummer in Paris, den sie in Rom vergaß, das war vielleicht das Schwerste, das sie durchgemacht. Und nun fühlte sie sich so verteufelt keck und übermütig und erfahren, daß sie meinte, das ganze Leben ertragen zu können.
Ihre Figur war eigentlich unschön, obgleich sie ein frisches Antlitz hatte mit wunderbaren Farben.
Am meisten reizte es ihn aber, mit Franziska Jahrmann zu plaudern. Sie sprühte jetzt vor Lebendigkeit, war jedoch von Ahlin und Heggen völlig in Anspruch genommen. Unterdes verzehrte Jenny Winge Spiegeleier mit trockenem Brot und trank kochend heiße Milch dazu.
„Hier scheint mir verdächtiges Publikum zu verkehren,“ wandte Helge sich an sie. „Die reinen Verbrechertypen alle miteinander, finde ich.“