Part 5
„Ja, siehst du, er +brauchte+ Geld. Hundert Kronen. Ich versprach ihm, er sollte sie von mir erhalten. Ich ahnte nicht, woher sie nehmen. Papa wagte ich nicht um einen Oere zu bitten -- ich hatte schon allzuviel verbraucht. So ging ich denn hin und versetzte -- meine Uhr und ein goldenes Kettenarmband und dann den Diamantring; einen ganz alten, du weißt, mit vielen kleinen Diamanten auf einer größeren Platte. Borghild war rasend, weil sie ihn nicht bekommen hatte, denn sie war doch die älteste, aber Großmutter hatte ausdrücklich gesagt, ich sollte ihn haben, weil ich nach ihr genannt war. Ich ging also eines Morgens hin, gleich nachdem geöffnet worden war. Es war ein peinlicher Augenblick. Aber ich bekam doch das Geld und ging hinauf zu Hans. Er fragte, auf welche Weise ich es beschafft hätte, und ich sagte es ihm. Dafür küßte er mich. ‚Dann‘, sagte er, ‚gib mir den Leihschein und das Geld, Pussel‘ -- so nannte er mich immer. Ich gab ihm beides -- ich glaubte ja, er wolle die Sachen wieder einlösen, und ich sagte, das dürfe er nicht; ich war sehr gerührt, siehst du. Ich kann es auf andere Weise in Ordnung bringen, sagte Hans, und dann nahm er es und ging. Ich saß bei ihm oben und wartete -- oh, ich war so gerührt, denn ich wußte, er brauchte das Geld. Ich wollte am nächsten Tage hingehen und es wieder versetzen -- ich empfand es nicht mehr als unangenehm, überhaupt nichts würde mir peinlich sein; ich wollte ihm alles herbeischaffen, was er brauchte. Dann kam er zurück -- weißt du, was er getan hatte“ -- sie lachte unter Tränen -- „es in der Volksbank eingelöst und bei einem Privatbankier in Pfand gegeben, wie er sagte. Dort bekam er viel mehr.
Wir bummelten den ganzen darauffolgenden Tag zusammen, siehst du. Champagner und alles Mögliche! Dann blieb ich des Nachts auf, und er spielte -- spielte -- du großer Gott! Ich lag auf dem Fußboden und heulte. Mir war alles gleich, wenn er nur so spielte -- und für mich allein. Ach, du hast ihn nicht spielen hören, du -- dann würdest du alles verstehen. Aber danach! Das war eine Geschichte. Wir kämpften auf Leben und Tod. Aber ich entkam ihm doch. Borghild lag wach, als ich heim kam. Mein Kleid war ganz in Fetzen gerissen. -- Du siehst aus wie ein Straßenmädchen, sagte Borghild. So wirst du auch noch einmal enden, sagte sie. Ich lachte nur. Die Uhr war fünf.
Schließlich hätte ich mich ja auch ergeben, weißt du. Wäre da nicht ein Hindernis gewesen. Mitunter sagte er: ‚Du bist, weiß der Teufel, auch das einzige anständige Mädchen, das ich getroffen habe -- es gibt, weiß Gott, nicht einen einzigen Mann, der dich herumbringen kann.‘ War es nicht furchtbar? ‚Ich habe Achtung vor dir, Pussel!‘ Denk dir, er hatte Achtung vor mir, weil ich das nicht tun wollte, worum er immer gebettelt, weswegen er mir gedroht hatte. Ich, die ich immer wünschte, ich hätte die Kraft -- ich wollte ja so gern alles tun, um ihm eine Freude zu machen. Wenn ich nur über diesen Widerwillen hinweggekommen wäre; er war so brutal -- und ich wußte, er hatte andere. Ich wünschte, er sollte aufhören mich zu erschrecken -- dann hätte ich es gekonnt. Aber dann wäre ich in seinen Augen eine Gefallene gewesen ... Deshalb brach ich schließlich den Verkehr ab, weil er wollte, daß ich etwas tun sollte, um dessentwillen er mich dann verachtet hätte.“
Sie schmiegte sich an Jenny und ließ sich streicheln.
„Hast du mich lieb, Jenny?“
„Das weißt du ja -- Cesca, Liebes du!“
„Du bist so gut. Gib mir noch einen Kuß! Gunnar ist auch gut. Ahlin auch. Ich werde auf mich achten -- du kannst dir doch denken -- ich will ihm kein Leid zufügen. Uebrigens -- vielleicht heirate ich ihn. Wenn er mir so gut ist! Ahlin würde nie brutal sein, das weiß ich. Glaubst du, er würde mich quälen? Wohl kaum. Dann könnte ich Kinder bekommen. Du weißt ja, ich erbe einmal. Und er ist so arm. Wir könnten dann im Auslande leben. Ich würde immer arbeiten. Er auch. Du -- über allen seinen Arbeiten liegt etwas ungemein Feines. Das Relief mit den spielenden kleinen Knaben! Und der Entwurf zum Almquistmonument! Es ist ja nicht so original in der Komposition, aber Herrgott, wie schön, wie vornehm und ruhig und wie echt -- diese plastischen Figuren.“
Jenny lächelte fein und strich Franziska über das Haar -- es war an den Seiten feucht geworden von ihren Tränen.
„Wenn ich nur auch immer arbeiten könnte. Ach, aber Jenny. Diese ewigen Stiche im Herzen. Und im Kopf. Die Augen schmerzen auch, Jenny -- ich bin ja so totmüde.“
„Du weißt ja, was der Arzt sagt -- alles nur Nervosität. Wenn du nur vernünftig sein wolltest.“
„Ja -- das sagen sie. Aber ich habe solche Furcht. Du sagst -- ich hätte keinen Instinkt -- nicht so, wie du meinst. Aber auf andere Weise. Ich bin häßlich gewesen in dieser Woche. Das weiß ich sehr wohl. Aber ich ging umher und lauerte -- ich +fühlte+, daß etwas Fürchterliches kommen würde. Und nun siehst du ja!“
Jenny küßte sie wieder.
„Ich war unten in der St. Agostino-Kirche heut Abend. Du kennst das wunderwirkende Madonnenbild. Ich kniete nieder und versuchte zur Jungfrau Maria zu beten. Ich glaube, mir würde wohl sein, wenn ich katholisch würde. Eine Frau wie die Jungfrau Maria zum Beispiel würde das alles viel besser verstehen können. Ich dürfte mich im Grunde nicht verheiraten, so, wie ich veranlagt bin. Ich könnte ins Kloster gehen -- nach Siena zum Beispiel. Ich könnte dann in der Galerie kopieren; das Kloster würde auf diese Weise Geld verdienen. Als ich den Engel zum Melozzo da Forli in Florenz malte, stand dort jeden Tag eine Nonne und kopierte. Es wäre nicht das Schlimmste.“ Sie lachte. „Ja, das heißt, es wäre geradezu schauderhaft. Aber sie sagten ja alle, meine Kopien seien so gut gewesen. Und das stimmt. Ich glaube, ich würde dabei glücklich werden können. ... Ach, Jenny -- wenn ich mich gesund fühlte! Wenn ich da drinnen Frieden bekäme -- nicht so wirr und eingeschüchtert wäre innerlich! Dann würde ich frisch, und könnte arbeiten, ohne Aufhören. Ich würde so lieb und gut werden. Gott, wie lieb ich dann sein würde ... Ich bin nicht immer gut, das weiß ich wohl. Ich lasse mich von meinen Stimmungen hinreißen, wenn ich in einem Zustande bin wie eben jetzt. Aber das soll ein Ende haben -- wenn Ihr alle mich nur liebhaben wollt. Besonders du. -- Wir wollen diesen Gram zu uns einladen -- wenn ich ihn wiedertreffe, dann werde ich zu ihm gehen und so lieb und gut zu ihm sein, wie du dirs gar nicht vorstellen kannst. Wir wollen ihn zu uns einladen und ihn mitnehmen, wenn wir ausgehen; ich will gern Kopf stehen, um ihm eine Freude zu machen. Hörst du, Jenny -- bist du nun zufrieden mit mir?“
„Ja, Cesca.“
„Gunnar nimmt mich nicht ernst,“ sagte sie gedankenvoll.
„Gewiß tut er das. Er findet nur, es ist oft so viel Kindisches an dir. Du weißt, wie er über deine Arbeit denkt -- erinnerst du dich, was er in Paris sagte, über deine Energie -- dein Talent? Fein und persönlich, sagte er. Da nahm er dich wahrhaftig ernst genug.“
„Ja, gewiß. Gunnar ist übrigens ein prächtiger Kerl. -- Er war aber doch böse über die Sache mit Douglas.“
„Jeder Mann wäre das gewesen. Ich wars auch.“
Franziska seufzte. Sie schwieg eine Weile.
„Wie wurdest du diesen Gram gestern los? Ich glaubte, es würde dir nie gelingen -- dachte, er wäre mit dir heim gegangen und hätte sich hier aufs Sofa gelegt -- mindestens.“
Jenny lachte.
„Nein. Er begleitete mich hinaus auf den Aventinerhügel und frühstückte dort, und dann fuhr er nach Hause. Im übrigen -- ich mag ihn gut leiden.“
„~Dio mio!~ Jenny, du bist abnorm in deiner Güte. Es muß doch eine Grenze bei dir geben in deiner Rolle, Mutter für uns alle zu sein. Oder bist du vielleicht in ihn verliebt?“
Jenny lachte wieder:
„Kaum. Aber er wird sich auch in dich verlieben. Wenn du nicht ein wenig vorsichtig bist.“
„Das tun sie ja alle miteinander. Gott weiß, aus welchem Grunde. Aber es geht ja immer schnell wieder vorüber. Und hinterher werden sie dann böse auf mich.“ Sie seufzte.
Es kam jemand die Treppe herauf.
„Das ist Gunnar. Ich gehe ein wenig zu mir herüber, ich muß meine Augen kühlen.“
Sie schlüpfte hinaus und flüsterte Heggen, mit dem sie in der Tür zusammentraf, einen „Guten Tag“ zu. Er trat ein und zog die Tür hinter sich ins Schloß.
„Du bist ~allright~, wie ich sehe, Jenny. Das bist du übrigens immer, verteufeltes Menschenkind. Du hast natürlich den ganzen Vormittag gearbeitet. Aber sie?“ Er machte mit dem Kopf eine bezeichnende Bewegung gegen Cescas Zimmer.
„Schlecht. Armes kleines Wesen.“
„Ich sah es in der Zeitung. Ich war oben im Verein auf dem Wege hierher. Darf ich sehen -- bist du mit der Studie fertig? Aber hör mal, die ist fein, Jenny --.“
Heggen hielt das Bild gegen das Licht und betrachtete es lange.
„Fein, du. Dies hier -- das ist glänzend. Ich finde es sehr stark ... Liegt sie jetzt wieder und weint?“
„Ich weiß es nicht. Sie saß hier drinnen und weinte. Die Schwester schrieb es ihr.“
„Wenn ich dem Lump jemals begegne,“ sagte Heggen, „so werde ich wohl immer einen Vorwand finden, um ihm eine gehörige Tracht Prügel zu verabreichen.“
V.
Helge Gram saß eines Nachmittags im Verein und brütete über den norwegischen Zeitungen. Allein in dem dämmerigen Lesezimmer. Da kam Franziska.
Helge erhob sich und grüßte. Sie ging geradeswegs auf ihn zu und reichte ihm lächelnd die Hand:
„Nun, mein Lieber, was treiben Sie? Jenny und ich sprachen gerade von Ihnen -- wir begriffen nicht, daß man Sie nicht sieht. Wir wollten am Sonnabend hierher gehen und nach Ihnen schauen und Sie hinterher auf einen kleinen Bummel mitnehmen. Haben Sie schon ein Zimmer?“
„Leider nein. Ich wohne noch im Hotel. Die Zimmer sind alle so teuer --.“
„Im Hotel wird es auch nicht billiger! Sie geben doch mindestens drei Franken pro Tag? Ja, das konnte ich mir denken. Rom ist nicht billig, wissen Sie. Im Winter muß man ein sonniges Zimmer haben. Aber freilich, Sie sprechen ja nicht Italienisch. Wären Sie doch nur zu uns heraufgekommen -- Jenny und ich wären gern mit Ihnen gegangen, um etwas anzusehen.“
„Vielen Dank -- aber damit konnte ich Sie doch wirklich nicht behelligen!“
„Behelligen -- aber Gram. Doch wie geht es Ihnen -- haben Sie Bekannte getroffen?“
„Nein. Ich war vergangenen Sonnabend oben im Verein, sprach aber mit niemandem. Ich saß und guckte in die Zeitungen. Ja doch, mit Heggen wechselte ich vorgestern in einem Café auf dem Corso ein paar Worte. Dann habe ich zwei deutsche Doktoren wiedergetroffen, die ich von Florenz her ein wenig kannte. Wir waren an einem dieser Tage draußen auf der Via Appia.“
„Uh. Hören Sie, sind deutsche Doktoren amüsant?“
Helge lächelte etwas verlegen.
„Wir haben ziemlich viel gemeinsame Interessen. Und wenn man so umhergeht und sonst niemanden hat, mit dem man reden kann --.“
„Ja, aber Sie müssen sich daran gewöhnen, Italienisch zu sprechen. Sie haben es ja gelernt. Wollen wir einen Spaziergang zusammen machen? Wir sprechen dann die ganze Zeit nur Italienisch miteinander. Ich werde Ihre ~maestra~ sein. Furchtbar streng!“
„Sie werden mich aber nicht besonders amüsant finden, Fräulein Jahrmann -- höchstens unfreiwillig.“
„Still. -- Nein, wissen Sie was, vorgestern reisten zwei dänische alte Damen nach Capri, vielleicht ist ihr Zimmer noch frei -- ach sicherlich. Klein, billig und sehr nett. Ich habe den Namen der Straße nicht behalten, aber ich weiß, wo es ist. Soll ich Sie hinbegleiten, dann sehen wir es uns an? Kommen Sie also!“
Unten auf der Treppe zögerte sie einen Augenblick und blickte mit einem leisen, zaghaften Lächeln zu ihm auf:
„Ich war furchtbar ungezogen gegen Sie neulich Abend, als wir zusammen waren, Gram. Ich muß Sie wohl um Verzeihung bitten.“
„Aber liebes Fräulein Jahrmann!“
„Doch. Ich war aber krank. Oh, Sie können mir glauben, ich bekam Schelte von Jenny. Ich hatte es aber auch verdient.“
„Ich war es ja, der sich Ihnen aufdrängte. Aber es kam so von selbst -- ich sah Sie, und ich hörte Sie Norwegisch sprechen; der Versuch, Sie anzureden, lockte zu sehr.“
„Ja, natürlich. Es hätte so nett sein können -- so ein kleines Abenteuer. Wäre ich nur nicht so unartig gewesen. Aber ich war krank, wissen Sie. Ich bin tagsüber so nervös, dann kann ich nicht schlafen -- und dann kann ich wieder nicht arbeiten. Schließlich werde ich unleidlich.“
„Geht es Ihnen augenblicklich nicht gut, Fräulein Jahrmann?“
„Ach nein. Jenny und Gunnar arbeiten -- alle außer mir arbeiten. Wie geht es mit Ihrer Arbeit -- gut? -- Haben Sie nicht Freude daran? Ich sitze übrigens jetzt nachmittags für Jenny. Heute habe ich frei. Ich glaube, sie tut es nur, damit ich nicht so allein sein und grübeln soll. Mitunter fährt sie mit mir hinaus, jenseits der Mauern. Sie ist ganz wie eine Mutter zu mir. ~Mia cara mammina.~“
„Sie lieben Ihre Freundin sehr?“
„Sie ist so gut, so gut. Ich bin krankhaft und zerrissen. Keiner außer Jenny hält es auf die Dauer mit mir aus. Sie ist aber so klug und so begabt und energisch. Und schön -- finden Sie sie nicht entzückend? Sie sollten ihr Haar sehen, wenn es offen niederfällt! Wenn ich ein artiges Kind bin, darf ich es kämmen und aufstecken --. Wir sind schon da,“ sagte sie dann.
Sie klommen eine unheimlich düstere Steintreppe hinauf: „Daraus darf man sich aber nichts machen. Unser Aufgang ist noch schlimmer; Sie werden es ja sehen, wenn Sie kommen und uns besuchen. Kommen Sie doch einen Abend; wir sehen dann, daß wir die anderen erwischen und gehen auf einen gediegenen Romabummel. Den letzten habe ich ja doch völlig verdorben.“
Sie läutete im obersten Stockwerk. Eine nett und gemütlich aussehende Frau öffnete ihnen. Sie führte sie in ein kleines Zimmer mit zwei Betten. Das Fenster ging auf einen grauen Hinterhof hinaus, vor den Fensterläden hing Wäsche, aber überall auf den Balkons standen Blumen, und hoch oben auf den grauen Dächern lagen Loggien und Lauben zwischen grünen Büschen.
Franziska redete endlich mit der Wirtin, während sie gleichzeitig in den Ofen guckte, die Betten befühlte und ihm zwischendurch Aufklärungen gab:
„Sonne ist hier den ganzen Vormittag. Wenn das eine Bett herauskommt, so ist hier reichlich Platz. Der Ofen sieht ordentlich aus. Es kostet vierzig Lire ohne Licht und Heizung und zwei für ~servizio~. Das ist billig. Soll ich ihr sagen, daß Sie es annehmen? Sie können morgen einziehen, wenn Sie wollen!“ --
„Nichts zu danken. Sie können sich doch vorstellen, daß es mir Freude macht, Ihnen ein wenig zu helfen,“ sagte sie draußen auf der Treppe. „Wenn es Ihnen nur gefällt. Signora Papi ist sehr sauber, das weiß ich.“
„Gewiß eine seltene Tugend hierzulande?“
„Oh nein. Sie sind nicht anders als die Vermieterinnen daheim in Kristiania, glaube ich. Dort, wo meine Schwester und ich wohnten, in der Holbergstraße -- ich hatte ein paar neue Lackschuhe unter das Bett gestellt -- getraute mich aber nicht, sie wieder hervorzuholen. Manchmal guckte ich nach ihnen -- sie standen da und sahen aus wie zwei weiße zottige Lämmchen.“
„Ja,“ sagte Helge. „Ich habe ja immer zuhause gewohnt.“
Franziska lachte plötzlich laut auf:
„Denken Sie, die Signora glaubte, ich sei Ihre ~moglie~ -- daß wir beide dort wohnen sollten. Ich sagte, ich sei Ihre Kusine; sie kaute übrigens ein bißchen drauf herum. ~Cugina~ -- das gilt sicher gleich wenig überall auf der Welt!“
Sie lachten beide einen Augenblick darüber.
„Haben Sie Lust zu einem Spaziergang?“ fragte Franziska plötzlich. „Wollen wir auf die Ponte Molle hinausgehen? Sind Sie schon dort gewesen? Können Sie auch noch so weit laufen? Wir fahren mit der Straßenbahn nach Hause, wissen Sie.“
„Können Sie auch noch -- Sie sind doch nicht wohl?“
„Es tut mir gerade gut, zu laufen -- bitte geh’, sagt Gunnar immer -- ich meine Heggen.“
Sie plauderte ununterbrochen und lugte ab und an zu ihm hinauf, um sich zu überzeugen, daß sie ihn gut unterhalte. Sie gingen den neuen Weg längs des Tiber hinauf; der Strom wälzte sich gelblichgrau zwischen den grünen Hügeln dahin. Kleine perlmuttschimmernde Wölkchen lagen über des Monte Mario dunklem Gebüsch mit graugelben Villen zwischen den immergrünen Bäumen.
Franziska grüßte einen Konstabler und lachte zu Gram hinüber:
„Denken Sie sich, dieser Bursche hat mich heiraten wollen. Ich ging hier viel allein spazieren und dann pflegte ich mit ihm zu plaudern. Da fragte er mich. Der Sohn unseres Tabakhändlers hat übrigens auch um mich angehalten. Jenny schalt mich aus, sie sagte, es sei meine eigene Schuld, und das war es vielleicht auch.“
„Ich finde, Fräulein Winge schilt Sie recht oft. Sie scheint eine strenge Mama zu sein?“
„Nur, wenn ich es verdiene. Hätte es doch schon früher jemand getan,“ -- sie seufzte. „Aber daran hat leider niemand gedacht.“
Helge Gram fühlte sich frei und leicht, wie er mit ihr dahinschritt. Etwas unsagbar Weiches lag über ihr, über dem Gang, der Stimme, dem Antlitz unter dem großen rauhen Glockenhut. Es war fast, als könne er Jenny Winge nicht recht leiden, wenn er jetzt an sie dachte -- sie hatte so selbstsichere hellgraue Augen -- und solch fürchterlichen Appetit. Cesca erzählte eben, daß sie in diesen Tagen fast nichts essen könne.
Und er sagte:
„Fräulein Winge ist gewiß eine junge Dame, die ganz von ihrer Eigenart durchdrungen ist?“
„Ja, weiß Gott, sie hat Charakter. Denken Sie -- sie wollte immer schon malen. Mußte aber Lehrerin werden. Oh, wie hat sie gearbeitet! Ja, das sieht man ihr jetzt nicht an. Sie ist so stark, daß sie sich immer sofort wieder aufrichtet. Aber als ich sie zuerst auf der Malschule traf, da lag etwas Hartes und Verschlossenes -- etwas Gepanzertes, sagt Gunnar, -- über ihr. Sie war erschreckend zurückhaltend. Ich lernte sie gar nicht recht kennen, ehe sie hier herunter kam. Die Mutter ist zum zweiten Male Witwe -- sie heißt jetzt Berner -- drei kleine Stiefgeschwister sind auch da. Denken Sie nur, sie hatten zwei kleine Zimmer, und Jenny schlief in einer winzigen Mädchenkammer, arbeitete und studierte und bildete sich nebenher aus und half der Mutter mit Geld und auch im Hause; sie hatten kein Mädchen. Freunde oder Bekannte besaß sie nicht, wenn sie zu kämpfen hat, schließt sie sich gleichsam in sich ein, sie will nicht klagen; ist das Glück aber mit ihr, so ist es, als öffne sie die Arme allen, die eine Stütze an ihr suchen.“
Franziskas Wangen glühten. Sie schlug ihre großen Augen voll zu ihm auf:
„Ich, sehen Sie, ich habe keine Hindernisse gehabt außer denen, die ich mir selbst in den Weg legte. Ich bin etwas hysterisch, und dann lasse ich meine eigenen Stimmungen mit mir durchgehen. Aber Jenny spricht mit mir darüber; sie sagt, alles Leid, das uns begegnet, und nicht wieder gut zu machen ist, haben wir selbst verschuldet. Wenn man seinen Willen nicht genügend in der Gewalt hat, um seine Stimmungen und Handlungen zu beherrschen, wenn man nicht mehr Herr über sich selber ist, tut man am besten, sich zu erschießen, sagt Jenny.“
Helge blickte lächelnd auf sie nieder: „Sagt Jenny,“ und „Gunnar sagt,“ und „ich hatte einen Freund, der zu sagen pflegte“. Wie jung und vertrauensvoll sie doch war.
„Für Fräulein Winge gelten vielleicht andere Gesetze als für Sie,“ meinte er. „Können Sie sich das nicht denken, -- so verschieden wie Sie sind, -- selbst der Begriff ‚Leben‘ hat für zwei Menschen eine verschiedene Bedeutung.“
Sie waren auf die Brücke hinaussgelangt. Franziska lehnte sich über die Brüstung. Weiter oberhalb des Stromes am Fuße des bräunlichgrünen Hügels lag eine Fabrik, deren hoher schlanker Schornstein das geschäftige gelbe Wasser zitternd widerspiegelte. Weit hinter der welligen Ebene zeigten sich die Höhen der Sabinerberge, lehmgrau und kahl mit bläulichen Klüften und schneebedeckten Felsen im Hintergrund.
„Das hat Jenny gemalt, aber in glühroter Abendsonne Fabrik und Schornstein von rotem Lichte übergossen. Und die Stimmung, die nach einem so heißen Tage herrscht, an dem man die Felsen vor Dunst nicht sehen kann, höchstens einen leisen Schimmer des Schnees hoch oben in dem schweren, metallenen Blau. Und dazu Wolken, große Wolken über dem Schnee. Es ist schön, ich muß Jenny bitten, es Ihnen zu zeigen.“
„Kann man hier etwas Wein bekommen?“ fragte er.
„Es wird bald kühl, aber einen Augenblick können wir wohl draußen sitzen.“
Sie schlug den Weg über den runden Platz hinter der Brücke ein. Unter allen Osterien wählte sie einen kleinen Garten. Hinter einer Art Schuppen mit Tischen und Rohrstühlen stand eine Bank unter kahlen Ulmen. Vor dem Garten lag eine grüne Wiese, dahinter erhob sich der Hügel jenseits des Stroms dunkel gegen den fahlen bewölkten Himmel.
Franziska brach einen Zweig von den Holunderbüschen längs des Gitters. Er trug kleine, grüne, frische Knospen, deren Spitzen in der Kälte schwarz angelaufen waren.
„Sehen Sie her, so stehen sie und schlagen aus und frieren den ganzen Winter. Und wenn der Lenz kommt, hat der Winter ihnen doch nichts anhaben können.“
Als sie den Zweig beiseite legte, ergriff er ihn. Er behielt ihn die ganze Zeit in der Hand.
Sie hatten sich Weißwein bestellt. Franziska mischte den ihren mit Wasser und nippte nur. Dann lächelte sie flehend:
„Wollen Sie mir eine Zigarette geben?“
„Mit Vergnügen, -- wenn Sie es vertragen?“
„Ach, ich rauche ja jetzt fast gar nicht mehr. Meinetwegen unterläßt es auch Jenny fast ganz. Heute Abend übrigens vermute ich, daß sie sich wieder etwas zu Gemüte führt. Sie ist mit Gunnar zusammen.“
Das Licht des Zündhölzchens beleuchtete Franziskas lächelndes Antlitz.
„Sie dürfen es aber Jenny nicht erzählen, daß ich geraucht habe, hören Sie?“
„Nein, nein.“ Er lachte.
„Ja.“ Sie blies den Rauch gedankenvoll vor sich hin. „Ich wünschte so sehr, daß Jenny und Gunnar sich verheirateten. Ich fürchte aber, sie tun es nicht, -- sie sind immer so gute Freunde gewesen. Dann verliebt man sich nicht so leicht ineinander, nicht wahr? Nicht in jemanden, den man von früher her so gut kennt. Sie sind sich im Grunde auch so ähnlich. Es sind aber die Gegensätze, die sich anziehen, sagt man. Ich finde, es ist dumm eingerichtet auf diese Weise -- aber es stimmt sicher. Es wäre viel besser, man liebte jemanden, mit dem man geistesverwandt ist. Dann gäbe es die Not und das Leid nicht, die Liebe immer begleiten. Glauben Sie nicht auch? -- Denken Sie, Gunnar stammt aus einer armen Häuslerfamilie drunten in Smaalene. Er kam aber nach Kristiania -- eine Tante von ihm auf Grünerlökken nahm ihn zu sich, weil es bei ihm zu Hause sehr ärmlich zuging. Damals war er erst neun Jahre alt und mußte schon Wäsche austragen, die Tante hatte nämlich eine Plätterei, und später kam er in die Handwerkslehre. Was er kann und weiß, hat er sich selbst angeeignet. Er muß immer studieren, alles interessiert ihn dermaßen, daß er es bis auf den Grund kennen lernen muß. Jenny sagt, er vergißt ganz das Malen; jetzt hat er so gründlich Italienisch gelernt, daß er alle Bücher lesen kann, auch Verse. Jenny ist ebenso. Sie hat furchtbar viel gelernt, nur weil es sie interessierte. Ich kann aus Büchern niemals etwas lernen -- ich bekomme Kopfschmerzen vom Lesen. Aber Jenny und Gunnar erzählen mir. Das behalte ich dann. Sie wissen sicher auch sehr viel. -- Können Sie mir nicht ein wenig über ihr Studium erzählen? Das Schönste, das ich kenne, ist, wenn jemand mir erzählt. Das behalte ich gut.