Jenny

Part 21

Chapter 213,807 wordsPublic domain

Wenn Jenny müde wurde, legte sie sich am Walle nieder, starrte in den Himmel und über den Fjord. Sie konnte nicht längere Zeit hintereinander stehen, doch das reizte sie nur, weiterzuarbeiten. Zwei kleinere Bilder vollendete sie oben auf dem Wall, und freute sich selbst an ihnen. Eines malte sie vom Dorfe unten, wo die weißgekalkten Häuser, umgeben von Kletterrosen und Georginen, um einen sammetgrünen Dorfteich lagen. Ihre Strohdächer hingen bis über die Fensterscheiben hinab, die rote Backsteinkirche erhob ihren treppengiebligen Turm über die Laubmassen des Pfarrhausgartens. Es machte sie aber nervös, daß die Leute zu ihr kamen und ihr zusahen; die weißhaarigen Jungen umstanden sie in Knäueln, während sie malte. Als das Bild dann fertig war, zog sie mit ihrer Staffelei wieder hinauf zum Wall, der See entgegen.

Dann kam aber im Oktober der Regen; es goß ein oder zwei Wochen lang. Ab und zu klärte es sich etwas auf und ein trüber, gelber Lichtstreifen glitt durch die Wolken, über dem Hügel mit den traurigen Weidenbüschen hin, und die Wasserpfützen lagen ein Weilchen blank da. Dann regnete es wieder.

Jenny lieh sich Frau Rasmussens Bücher und ließ sich die Muster der gestrickten Spitzen an ihren Gardinen zeigen. Aber es wurde nicht viel, weder mit dem Lesen noch mit dem Stricken. Sie saß den lieben langen Tag im Schaukelstuhl am Fenster und war nicht einmal imstande, sich ordentlich anzuziehen, sondern schlüpfte nur in ihren verwaschenen Kimono.

Sie litt furchtbar darunter, daß ihre Schwangerschaft nach und nach sichtbar wurde.

* * * * *

Da meldete Gert Gram seinen Besuch. Schon zwei Tage später kam er am frühen Morgen in strömendem Regen angefahren. Er blieb eine Woche, wohnte im Bahnhofshotel, eine halbe Meile entfernt, war aber den ganzen Tag bei ihr draußen. Als er abreiste, versprach er, bald wiederzukommen, vielleicht schon in sechs Wochen.

Jenny lag die Nächte hindurch bei brennender Lampe wach. Sie wußte nur, sie konnte das nicht mehr ertragen. Es war zu furchtbar gewesen.

Unerträglich war es -- alles -- von seinem ersten teilnehmenden, besorgten Blick an, als er sie in dem neuen dunkelblauen Hängerkleid erblickte, welches das Nähmädchen im Dorf für sie angefertigt hatte. „Wie schön du bist,“ hatte er gesagt und gemeint, sie gliche einer Madonna. Reizende Madonna! O ja. -- Sein vorsichtiger Arm um ihren Leib, seine langen behutsamen Küsse auf ihre Stirn -- ihr war, als sollte sie sterben vor Scham. Ja, wie er sie gepeinigt hatte mit seiner liebevollen Besorgnis um ihre Gesundheit, mit seinen Ermahnungen, für Bewegung zu sorgen. Als einmal eine Pause zwischen den Regenschauern eintrat, hatte er sie mit hinaus auf einen Spaziergang geschleppt, und sie mußte sich um jeden Preis bei ihm einhängen und sich auf seinen Arm stützen. Eines Abends besah er verstohlen ihre Handarbeit -- er hatte sicher erwartet, daß sie damit beschäftigt sei, Windeln zu säumen.

Es war ja keine böse Absicht von ihm. Aber darum war auch keine Hoffnung vorhanden, daß es besser sein würde, wenn er wiederkam, im Gegenteil. Aber sie konnte auch nicht mehr. --

Eines Tages bekam sie einen Brief von ihm, in dem er unter anderem schrieb, daß sie auf jeden Fall einen Arzt zu Rate ziehen müsse.

Am nämlichen Abend schrieb sie einen kurzen Brief an Gunnar Heggen: sie erwarte im Februar ein Kind; ob er ihr die Adresse eines stillen Ortes in Deutschland verschaffen könne, wo sie bleiben könne, bis es überstanden sei.

Er antwortet umgehend:

Liebe Jenny!

Ich habe in zwei hiesigen Zeitungen annonciert und schicke dir alle Briefe zu, wenn sie kommen; dann kannst du sie dir selbst ansehen. Falls du willst, daß ich irgendwo hinreise und mir für dich etwas ansehe, ehe du mietest, so weißt du, daß ich es mit Vergnügen tue, und überhaupt kannst du in jeder Weise über mich verfügen. Schreibe, wann du reisest und welchen Weg, ob du willst, daß ich dir entgegenkommen, oder ob ich dir mit irgend etwas anderem helfen kann. Was du mir erzählst, hat mich sehr betroffen, aber ich weiß ja, du bist verhältnismäßig stark genug, um einen Stoß zu vertragen. Willst du mir bitte schreiben, ob ich dir noch in anderen Sachen beistehen kann? Du weißt, ich würde mich freuen, dir einen Dienst zu erweisen. -- Ich höre, du hast ein gutes Bild auf der Staatsausstellung -- herzlichen Glückwunsch!

Viele Grüße von Deinem alten Freunde

G. H.

Einige Tage später kam ein ganzes Paket Briefe. Jenny buchstabierte sich durch einen Teil der Schreiben hindurch, die vielfach mit fürchterlichen Krähenfüßen bemalt waren. Dann schrieb sie an Frau Schlessinger in der Umgegend von Warnemünde und mietete dort vom fünfzehnten Oktober ab, teilte Gunnar ihren Entschluß mit und kündigte Frau Rasmussen.

Erst am letzten Abend schrieb sie an Gert Gram:

Lieber Freund!

Ich habe einen Entschluß gefaßt, der Dir, wie ich fürchte, wehe tun wird. Aber Du darfst mir nicht zürnen. Ich bin so müde und nervös, weiß selbst, daß ich ungerecht und häßlich gegen Dich war, als Du hier warst, und das möchte ich so ungern. Daher will ich Dich nicht eher sehen, als bis alles überstanden ist und ich wieder in normalem Zustande bin. Ich reise morgen früh ins Ausland -- meine Adresse gebe ich vorläufig nicht an, Briefe kannst Du mir aber durch Frau Franziska Ahlin, Varberg, Schweden, senden; ich schreibe vorläufig über sie an Dich. Du darfst Dich meinetwegen nicht ängstigen; ich bin frisch und es geht mir recht gut, aber, Lieber, versuche nicht, bis auf weiteres anders mit mir in Verbindung zu kommen, ich bitte Dich inständig. Und sei mir nicht allzu böse, aber ich glaube, dieser Ausweg ist für uns beide der beste. Versuche, um meinetwillen so wenig betrübt und besorgt zu sein, wie es Dir möglich ist.

Deine

Jenny Winge.

So zog sie denn zu einer neuen Witwe in ein neues Häuschen, diesmal ein rotes mit weißgekalkten Fenstersimsen. Es lag in einem kleinen Garten mit fliesenbedeckten Wegen und Muscheln am Rande der Beete, auf denen schwarze, verfaulte Astern und Georginen standen. Etwa zwanzig bis dreißig solcher Häuser lagen an einem Stückchen Straße entlang, die von einem Bahnhof bis zu einem Fischerhafen hinabführte, wo die See sich an langen Steinmolen brach. Eine Strecke entfernt, drüben auf dem weißen Strand, wo der Tang in Massen hereintrieb, lag ein kleines Badehotel mit verschlossenen Läden. Ins Land hinein erstreckten sich endlose Wege mit nackten, struppigen Pappeln, die sich im Winde neigten, vorbei an kleinen Steingehöften mit einem Stümpfchen Vorgarten und ein bis zwei großen schwarzen Heumieten, über unendliche schwarze Felder und Moore. Des Morgens war das Land mitunter von wässriggrauem frischem Schnee bedeckt, der im Laufe des Tages schwand.

Jenny wanderte die Straßen hinauf, so weit sie konnte, dann kam sie nach Haus und saß in ihrem Zimmerchen, das diesmal mit den prächtigsten Nippessachen überfüllt war, mit farbigen Gipsreliefs von Ritterburgen und munteren Wirtshausszenen in Messingrahmen. Sie war nicht einmal imstande, das nasse Schuhzeug zu wechseln, Frau Schlessinger zog ihr Stiefel und Strümpfe aus, ununterbrochen schwatzend und Jenny ermahnend, guten Mutes zu sein. Sie erzählte von all den Leidensgenossinnen Jennys, die sie im Hause gehabt hatte -- jetzt war die eine oder andere verheiratet und es ging ihnen gut, ja!

Sie hatte etwa einen Monat hier gewohnt, als Frau Schlessinger hereinkullerte, aufgeregt und strahlend -- es sei ein Herr gekommen, der das gnädige Fräulein begrüßen wollte.

Jenny saß gelähmt vor Angst. Dann konnte sie fragen, wie der Herr aussähe. Ganz jung, sagte Frau Schlessinger, und sie lächelte lauernd. Sollte es Gunnar sein? Sie erhob sich, -- aber dann warf sie das Reiseplaid über, hüllte sich ganz darin ein und kroch in den tiefsten Lehnstuhl.

Frau Schlessinger wackelte entzückt hinaus, um den Herrn hereinzuholen. Sie führte Gunnar zu Jenny hin und verweilte, glücklich lächelnd, einen Augenblick in der Tür, ehe sie verschwand.

Er preßte ihre Hände, daß es wehe tat. Aber er lachte strahlend:

„Ich muß doch einmal nach dir sehen, wie es dir geht. -- Ich finde allerdings, du hast dir ein trauriges Stück Erde ausgesucht, aber jedenfalls ist hier frische Luft.“ Er schüttelte ein wenig Wasser von seinem Filzhut, den er in der Hand gehalten hatte.

Jenny machte eine Bewegung, als ob sie sich erheben wollte, blieb jedoch sitzen und sagte errötend: „Vielleicht bist du so lieb und läutest für mich. Du sollst jetzt Tee -- und Essen bekommen!“

Heggen aß wie ein Wolf und plauderte unterdeß beständig. Er war begeistert von Berlin; er wohnte oben in Moabit, im Arbeiterviertel, und sprach mit gleichem Entzücken von deutschen Sozialdemokraten wie vom Militarismus -- „ja, an denen ist so was herrlich Maskulines, siehst du. Das eine folgt außerdem aus dem anderen.“ Er hatte ein paar großindustrielle Betriebe zu sehen bekommen, auch das Nachtleben hatte er ein wenig studieren müssen, da er auf einen norwegischen Ingenieur gestoßen war, der sich dort auf der Hochzeitsreise befand, und auf eine norwegische Familie mit zwei reizenden, anmutigen Töchtern -- die jungen Damen waren förmlich begeistert nachdem sie das Laster ein wenig aus der Nähe gesehen hatten.

„Uebrigens entzweite ich mich mit ihnen. Ich schlug nämlich Fräulein Paulsen eines späten Abends vor, mit zu mir nach Haus zu kommen --.“

„Nein, aber Gunnar --“.

„Ja, Teufel auch, ich war eben etwas betrunken, das kannst du dir wohl denken, und dann war es doch nur Scherz, weißt du. Das hätte ja bloß gefehlt, daß sie darauf eingegangen wäre -- dann hätte ich hübsch in der Tinte gesessen. Hätte mich vielleicht mit einem Mädel verheiraten müssen, das sich damit amüsiert, an solchen Dingen zu schnuppern -- nein, danke. Es machte mir nur Spaß, zu sehen, wie sie sich sittlich entrüstete. Nun, Gefahr war nicht vorhanden -- diese Art Mädchen gibt nicht ihr Kleinod hin, ohne sich die Valuta zu sichern --.“

Er wurde plötzlich rot. Es kam ihm in den Sinn, daß Jenny es taktlos finden könnte, wenn er so zu ihr sprach -- jetzt. Aber sie lachte nur:

„O, bist du verrückt, Junge!“

Die unnatürliche, quälende Scheu war nach und nach von ihr gewichen. Heggen fuhr fort zu plaudern. Einige Male, wenn sie es nicht sah, hingen seine Augen ängstlich an ihrem Gesicht. Herrgott, wie war sie mager und hohläugig geworden -- so gefurcht um den Mund. Die Sehnen am Halse traten hervor, und ein paar häßliche Streifen zogen sich über die Kehle.

Es war trockenes Wetter geworden, so daß sie einen Spaziergang mit ihm machen wollte.

Ueber die öde Landstraße mit den verwehten Pappeln hin gingen sie durch den Seenebel, Jenny schwerfällig und müde.

„Nimm doch meinen Arm,“ sagte Gunnar beiläufig, was sie auch tat.

„Ich finde es hier schrecklich trübselig, Jenny. Weißt du was, wäre es nicht besser, du reistest nach Berlin?“

Jenny schüttelte den Kopf.

„Dort hast du die Museen und so viel anderes. Jemand, mit dem du zusammen sein kannst. Oder mach’ wenigstens eine kleine Reise dort hinunter, um dich aufzumuntern. Ich finde, hier muß es langweilig sein.“

„Ach nein, Gunnar, du kannst dir doch denken -- nicht jetzt --.“

„In diesem Ulster siehst du so hübsch aus,“ sagte er kurz darauf vorsichtig.

Jenny senkte den Kopf.

„Ich bin ein Tolpatsch,“ erklärte er plötzlich heftig. „Verzeih! Du mußt mirs sagen, Jenny, wenn ich dich quäle.“

„Nein, das tust du nicht.“ Sie sah auf. „Ich bin froh, daß du kamst.“

„Ich verstehe ja, daß es schwer sein muß.“ Seine Stimme klang jetzt ganz anders. „Ja, Jenny, ich verstehe es. Aber es ist mein Ernst, ich glaube, du machst es dir noch schwerer, wenn du hier umherläufst -- in diesem Zustand. Ich finde, du solltest an einen anderen Ort reisen, der weniger -- trostlos ist!“ Er blickte hinaus über die dunklen Wiesenstrecken und die Pappelreihen, die sich im Nebel verloren.

„Frau Schlessinger ist aber so freundlich,“ sagte Jenny ausweichend.

„Ja, Armes, das stimmt schon.“ Er begann zu lachen. „Sie verdächtigt sicher mich, der Missetäter zu sein!“

„Ja,“ sagte Jenny, ebenfalls lachend.

„Nun ja, Teufel auch.“ Sie gingen schweigend weiter. „Du -- hast du dir schon überlegt, wie du dir dein Leben einrichten willst in Zukunft?“

„Ich weiß noch nicht recht. Du meinst wohl mit -- dem Kinde? Ich lasse es vielleicht -- bis auf weiteres -- bei Frau Schlessinger. Sie wird es sicher ordentlich pflegen. Oder es adoptieren.“ Sie lachte. „Man adoptiert ja mitunter solche Kinder. Du weißt, ich könnte mich +Frau+ Winge nennen und darauf pfeifen, was die Leute denken --.“

„Du bist also fest entschlossen, wie du schriebst, jegliche Verbindung mit -- dem betreffenden Vater des Kindes abzubrechen?“

„Ja,“ sagte sie hart. „Es ist nicht der, mit dem ich -- verlobt war,“ fügte sie nach einer Weile hinzu.

„Na, Gott sei Dank!“ Es klang so herzlich, daß sie unwillkürlich lächelte „Ja, weißt du was, Jenny, er war es wahrhaftig nicht wert, reproduziert zu werden, für dich jedenfalls. Er hat übrigens seinen Doktor gemacht, sah ich kürzlich. Nun ja, es hätte also schlimmer sein können -- ich fürchtete ja, siehst du --.“

„Es ist sein Vater,“ sagte sie plötzlich.

Heggen hielt inne.

Als sie in Tränen ausbrach, wild und herzzerreißend, umfing er sie. Er legte seine Hände um ihr Gesicht, während sie fortfuhr, an seiner Schulter zu schluchzen.

Sie begann zu erzählen, während sie so standen. Einmal blickte sie ihm ins Antlitz -- es war ganz bleich und verzerrt -- da weinte sie aufs neue.

Als es vorüber war, hob er einen Augenblick ihren Kopf:

„Herr Jesus, Jenny -- so ist es dir ergangen! Ich begreife es nicht.“ --

* * * * *

Sie gingen schweigend wieder zur Stadt zurück.

„Komm mit mir nach Berlin,“ sagte er plötzlich bestimmt. „Ich ertrage den Gedanken nicht. Es geht nicht, daß du hier allein bleibst und über all das nachgrübelst --.“

„Ich habe fast aufgehört zu grübeln,“ flüsterte sie matt.

„Das Ganze ist überhaupt sinnlos!“ Er wurde so heftig, daß sie stehen blieb. „Den Besten von euch geht es so! Und wir ahnen nicht, wie ihr es tragt! Das ist sinnlos!“

* * * * *

Heggen blieb drei Tage in Warnemünde. Jenny verstand es selber kaum, warum ihr nach seinem Besuch so viel besser zumute war. Aber dieses unleidliche Gefühl der Demütigung war geschwunden, sie sah ihr Geschick jetzt mit viel ruhigeren und natürlicheren Augen an.

Frau Schlessinger lief umher und lächelte froh und untertänig, obgleich Jenny ihr erklärt hatte, daß dieser Herr ihr Vetter war.

Er hatte ihr angeboten, ihr seine Bücher zu schicken, und bald kam eine ganze Kiste voll an, zum Weihnachtsfest sandte er Blumen und Konfekt. Jede Woche schrieb er lange Briefe von allen möglichen Dingen und schickte Ausschnitte aus norwegischen Zeitungen. Zu ihrem Geburtstag im Januar kam er selbst herauf und blieb zwei Tage, ihr einige neue norwegische Bücher vom Fest her zurücklassend.

Aber gleich nach seinem letzten Besuch erkrankte sie. Sie war elend, matt, zerquält und hatte in der letzten Zeit nicht schlafen können. Vorher hatte sie nur selten an die Geburt selbst gedacht und sich nicht davor gefürchtet. Jetzt, bei den ständigen Schmerzen ergriff sie eine fürchterliche Angst vor dem, was ihr bevorstand. Als sie sich dann schließlich legen mußte, war sie von Angst und Schlaflosigkeit völlig entkräftet.

Es war eine schwere Geburt. Jenny war dem Tode näher als dem Leben, als der Arzt, der von Warnemünde herbeigeholt worden war, endlich ihren Jungen in seinen blutigen Händen hielt.

VI.

Jennys Knabe lebte sechs Wochen -- genau vierundvierzig und einen halben Tag, sagte sie bitter zu sich selber, wenn sie wieder und wieder die kurze Zeit überdachte, während der sie gewußt hatte, was es heißt, glücklich zu sein.

Sie weinte die ersten Tage danach nicht, ging nur um das tote Kind herum und würgte tief in der Kehle. Sie nahm es hoch und liebkoste es:

„Bübchen -- Mutters kleiner, kleiner, süßer Junge -- du darfst nicht -- hörst du -- Bübchen darf nicht tot sein, verstehst du mich denn nicht --.“

Der Knabe war klein und schwächlich gewesen, als er zur Welt kam. Aber Jenny wie auch Frau Schlessinger meinten, daß er gedeihen und großartig wachsen würde. Dann wurde er eines Morgens krank und starb gegen Mittag.

Als er begraben war, begann sie zu weinen, und jetzt konnte sie nicht innehalten. Sie schluchzte fast andauernd, Tag und Nacht, wochenlang. Krank wurde sie auch, bekam eine Brustentzündung, so daß Frau Schlessinger den Arzt holen mußte, der sie dann schnitt. -- Die körperlichen Schmerzen und die Verzweiflung ihrer Seele flossen zu einem zusammen, den fürchterlichen Fiebernächten.

Frau Schlessinger schlief im Zimmer nebenan. Wenn sie die merkwürdig tierischen, erstickten Klagelaute aus dem Zimmer des jungen Mädchens vernahm, wackelte sie entsetzt herbei und setzte sich auf einen Stuhl vor dem Bett: „Um Gotteswillen, Fräulein --.“

Sie pflegte Jenny und streichelte ihre mageren, klammen Hände mit ihren dicken, warmen. Sie redete ihr gut zu. Es sei Gottes Wille, vielleicht das Beste für den Jungen wie für das gnädige Fräulein selber. Fräulein sei ja noch so jung --. Frau Schlessinger hatte selbst ihre beiden Kinder verloren, die kleine Bertha, als sie zwei Jahre alt war, und Wilhelm mit vierzehn Jahren, so einen kecken Burschen. Sie waren doch in gesetzlicher Ehe geboren und hatten ihre Stütze sein sollen, aber dieser Kleine hier, er wäre ja nur eine Fessel an Fräuleins Fuß gewesen -- und Fräulein sei doch so jung und nett. Ach Gott, gewiß war er lieb gewesen, der kleine Engel, ja, schwer genug sei es schon --.

Ihren Mann hatte Frau Schlessinger auch verloren -- ja. Und es gab viele Leidensgenossinnen von Jenny, die Frau Schlessinger im Hause gehabt hatte, deren Kinder gestorben waren -- ja, einige seien froh gewesen, einige hätten sie geradezu vernachlässigt, um sie loszuwerden -- ja, es war häßlich, aber was soll man dazu sagen? Einige hatten auch geweint und gejammert wie jetzt Jenny, aber sie kamen mit der Zeit darüber hinweg; die eine und die andere war jetzt verheiratet und hatte es glücklich getroffen. Aber eine solche Verzweiflung wie beim gnädigen Fräulein habe sie doch noch nie erlebt. Herrgott im Himmel!

Daß der Vetter nach dem Süden gereist war, erst nach Dresden und darauf nach Italien, gerade in jenen Tagen, als der Knabe starb, dem schrieb Frau Schlessinger in ihrem Herzen einen großen Teil von Jennys Verzweiflung zu. Ja, ja, so waren sie nun einmal, die Mannsleute.

Unauflöslich verbunden mit der Erinnerung an diese wahnwitzigen, qualerfüllten Nächte war seitdem für Jenny das Bild von Frau Schlessinger, wie sie dort auf dem Stühlchen vor dem Bette saß, während das Lampenlicht sich in den Tränen brach, die aus ihren freundlichen Aeuglein sickerten und über ihre runden roten Apfelwangen tropften. Ihr Mund, der nicht einen Augenblick still stand, ihr kleiner grauer abstehender Zopf und ihre weiße Nachtjacke mit dem Zackenbesatz, ihr Unterrock aus rosa und grau gestreiftem Flanell mit den gestickten Zacken rings herum. Und das kleine Zimmer mit den Gipsreliefs in Messingrahmen.

Sie hatte Heggen von ihrem großen Glück geschrieben. Er hatte auch geantwortet; er wäre gern gekommen, um sich den Buben anzuschauen, aber die Reise war lang und teuer, außerdem war er im Begriff, nach Italien aufzubrechen. Später sei sie mit dem Prinzen willkommen und er sende die besten Glückwünsche! --

Als das Kind starb, war Heggen in Dresden: sie bekam einen langen schönen Brief von ihm.

An Gert hatte sie einige Zeilen geschrieben, sobald sie konnte. Sie gab gleichzeitig ihre Adresse auf, bat ihn jedoch, nicht vor dem Frühling herunterzukommen, dann wäre der Kleine groß und hübsch geworden. Jetzt könnte wohl nur die Mutter sehen, wie prächtig er war. -- Als sie wieder aufgestanden war, sandte sie ihm ein längeres Schreiben.

Am Tage, als das Kind begraben wurde, schrieb sie wieder und teilte in wenigen Worten seinen Tod mit. Gleichzeitig erwähnte sie, daß sie am selben Abend nach dem Süden reise und daß er nicht erwarten dürfe, von ihr zu hören, bis sie ruhiger geworden: „Du brauchst dich nicht um mich zu ängstigen,“ schrieb sie, „ich bin jetzt soweit vollkommen ruhig und gefaßt, aber natürlich grenzenlos traurig.“

Dieser Brief kreuzte sich mit einem von Gert Gram. Dieser lautete:

Meine kleine Jenny!

Ich danke Dir für Deinen letzten Brief. Zu allererst muß ich Dir sagen, da Du Dir scheinbar Vorwürfe machst in bezug auf Dein Verhältnis zu mir; liebes kleines Mädchen, ich mache Dir ja keine, und darum darfst Du es auch nicht. Du bist ja immer nur gut und weich und liebevoll gegen Deinen Freund gewesen. Nie werde ich Deine Zärtlichkeit und Deine Wärme aus der kurzen Zeit, da Du mich liebtest, vergessen -- Deine süße Jungfräulichkeit und feine, sanfte Hingebung in den Tagen unseres kurzen Glücks.

Unser Glück konnte nur kurz sein; das hätten wir beide wissen müssen. Ich hätte es wissen +müssen+. Du hättest es wohl wissen +können+, wenn Du nachgedacht hättest; aber was denken zwei Menschen, die sich zu einander hingezogen fühlen? Daß Du eines Tages aufhörtest, mich zu lieben -- glaubst Du, ich werfe Dir das vor? Wenn es mir auch das bitterste Leid verursachte in meinem sonst nicht eben glücklichen Leben -- doppelt bitter für mich, da ich gleichzeitig erfuhr, daß Du für unser Verhältnis nun durch dein ganzes Leben büßen mußt.

Aber nun sehe ich aus Deinem Briefe, daß diese Folgen, über die ich sicher viel verzweifelter war als Du, was Du auch an Sorgen und körperlichen Leiden durchgemacht haben magst, Dir dennoch eine tiefere Freude, ein größeres Glück geschenkt haben, als es Dir sonst im Leben begegnet ist. Ich sah, daß die Mutterfreude Dich ganz mit Frieden, Lebensmut und Zufriedenheit erfüllte, so daß Du meinst, mit Deinem Kinde im Arm genug Kraft zu besitzen, um alle Schwierigkeiten, ökonomische wie soziale zu überwinden, die die Zukunft einer jungen Frau in Deiner Lage bringen kann. Daß Du dies schreibst, macht mich froher, als Du ahnen kannst. Für mich ist dies wiederum ein Beweis für das Walten jener ewigen Gerechtigkeit, an der ich ja nicht zweifle. Dir, die Du einen Irrtum begingst, weil Dein Herz warm und zärtlich war und nach Zärtlichkeit dürstete, wird gerade dieser Irrtum, der Dir so verzweifelte Stunden gebracht hat, schließlich all das bescheren, wonach Du so brennend verlangtest, besser, schöner und reiner, als Du es je erträumt. Schon jetzt, da dein Herz ganz von Liebe zu Deinem Kinde erfüllt ist und später in noch höherem Maße, wenn der kleine Bursche heranwächst, seine Mutter kennen lernt, sich an sie hängt und ihre Liebe erwidern kann, stärker, tiefer und bewußter mit jedem Jahre, das dahingeht.

Und mir, der ich Deine Liebe entgegennahm, obgleich ich hätte wissen müssen, daß ein Liebesverhältnis zwischen uns unmöglich und unnatürlich war -- mir haben diese Monate unerträgliches Leiden und Trauern gebracht -- und einen Verlust, Jenny, einen Verlust, wie Du ihn Dir nicht vorstellen kannst, den Verlust Deiner Person, Deiner Jugend, Deiner Schönheit, Deiner gesegneten Liebe. Jede kleinste Erinnerung an diese Dinge war durch die Reue verbittert -- diese ständig nagende Frage, wie konnte ich sie es tun lassen, wie konnte ich es annehmen, wie konnte ich an ein Glück für mich mit ihr glauben? Ja, Jenny, ich habe daran geglaubt, so wahnsinnig es auch klingt, weil ich mich bei Dir so jung fühlte. Vergiß nicht, daß ich meiner eigenen Jugend verlustig ging, und dies, als ich weit jünger war als Du jetzt bist; der Jugend arbeitsfrohes Leben und frohes Liebesglück durfte ich -- durch eigene Schuld -- nicht kennen lernen. Und dies war die Strafe. Gespenstisch kehrte meine tote Jugend zurück, als ich Dich gesehen -- mein Herz fühlte sich nicht älter als das Deine. Oh, Jenny, nichts auf der Welt ist fürchterlicher, als wenn ein Mann alt und sein Herz jung geblieben ist.